Zwei Nachtzüge nach Osten

Ich schreibe bewusst Nachtzüge, nicht Schlafwagen, denn ob ein Bett dabei ist, ob es gar eine Dusche gibt, mit wievielen Leuten ich den rollenden Schlafsaal teile, das alles habe ich beim Buchen nicht herausgefunden. Ja, ich kann nicht einmal den Fahrschein lesen.

ticket cyrillic

Flüge von Nürnberg nach Kiew gäbe es für unter 50 €, aber dann muss man für den Rucksack extra zahlen, die Cola am Flughafen kostet 3 €, und außerdem ist Fliegen stressig und Gift für die Umwelt.

„Da muss doch auch ein Zug gehen“, denke ich mir, denn überall in Europa geht ein Zug hin. Etwa 200 € sagt die Deutsche Bahn, und ich merke, dass ökologisch richtiges Verhalten manchmal ganz schön teuer sein kann. Aber ich habe Osteuropa-Erfahrung und weiß, dass die Zugtickets dort so günstig sind, wie in einem von grünen Gretas regierten Land.

Ich kaufe also in Amberg nur das Ticket bis nach Prag. Den Zug von Prag nach Krakau habe ich bei der tschechischen, die Fahrt von Krakau nach Przemyśl bei der polnischen, und die Fahrt von der Grenze bis nach Kiew bei der ukrainischen Eisenbahn gebucht. Das ist ein bisschen kompliziert, spart aber so viel Geld, dass man den Urlaub locker um eine Woche verlängern kann. Außerdem konnte ich so mehrstündige Zeitpuffer einbauen, falls mal ein Zug aus- oder umfällt. Und ich habe die Schlafwagen so terminiert, dass ich jeweils am Morgen in Krakau bzw. in Kiew ankomme, genau meinem Biorhythmus entsprechend.

Aber los geht es in Amberg. Die Hoffnung auf interessante Gespräche, ohne die dieser Artikel nicht funktionieren wird, erfüllt sich hier nicht. Die 20 Minuten im Regionalexpress nach Schwandorf sind so still wie im Sonderzug einer Taubstummenklinik. Na gut, wer hier zwischen Berufsschule und Amtsgericht pendelt, ist verständlicherweise deprimiert. Vor allem jetzt im grauen Dezember, wo alle Angst vor Weihnachten haben.

Im Zug von Schwandorf nach Prag sitze ich mit einem älteren Paar im Abteil, das nur bis Furth im Wald fährt, aber immer wieder nervös in den Fahrplan blickt. „Also, allein würde ich mir das gar nicht zutrauen“, klagt die Frau ihrem Ehemann. Als ich sage, dass ich noch zwei Tage auf der Schiene vor mir habe, kollabiert sie fast vor Angst.

Ich lebe mich ein im Abteil, ziehe die schweren Winterstiefel aus und die Pantoffeln an. Ahh, das ist gleich ein ganz anderes Reisegefühl, wie in der Stube neben dem Kachelofen. Und die anderen Passagiere und der Schaffner erkennen in mir den Profireisenden. Anstatt zu salutieren, kontrolliert er jedoch meinen Fahrschein besonders intensiv.

Am Bahnhof in Furth in Wald wird gerade eine Videokamera installiert. Die wird vor Langeweile sterben. Mir droht das gleiche Schicksal, denn ich bin jetzt allein im Sechserabteil, einem jener alten Abteile mit tiefen Sesseln, die an die Fahrt zur Universität in Regensburg erinnern und in denen man früher im Zigarettenqualm erstickte.

Andreas Moser im Zug nach Prag

Unbemerkt huscht der Zug über die Grenze nach Tschechien. „Pass auf, im Osten ist es gefährlich“, war mir von Westdeutschen gesagt worden, die noch nie im Osten waren, keine Ahnung davon haben, auch nicht hinwollen, denn das könnte die Vorurteile in der Traditionslinie des deutschen Über- und slawischen Untermenschen gefährden. Ich hingegen freue mich auf den Osten. Vier verschiedene Länder, vier verschiedene Sprachen, alles auf einer kurzen Zugfahrt.

Aus dem benachbarten Abteil dringt der Lärm derjenigen, die das Problem bei Fahrten nach Tschechien sind: das Publikum aus Bayern, das sich zwar bewusst ist, dass Prag eine besuchenswerte Weltstadt ist, sich aber nicht dementsprechend zu benehmen weiß. Vier Jungs besaufen und begrölen sich, schlagen gegen die Wand, schreien unflätig und oberpfälzerisch. Ob das die gleichen sind, die in Deutschland jeden Fehltritt eines Ausländers generalisieren und der ganzen Bevölkerung des jeweiligen Landes zuschreiben?

In Domažlice öffnet eine Dame die Abteiltür und fragt auf Tschechisch, ob sie Platz nehmen kann. Ich grüße und bejahe auf Tschechisch, aber sie bemerkt sogleich: „Oh, hier muss ich Deutsch sprechen“, was sie fließend kann. Sie reicht mir die Hand, stellt sich als Branka vor und erklärt ihr förmliches Vorgehen: „Ich bin so aufgeregt, denn ich fahre zum ersten Mal seit 30 Jahren mit der Eisenbahn! Früher, als kleines Mädchen, bin ich diese Strecke oft von Prag zu unserem Wochenendhaus bei Domažlice gefahren. Ich kenne noch jede Station.“ Nur dass der Zug jetzt nicht mehr an jeder Milchkanne hält. Alles ist schneller geworden in den letzten 30 Jahren.

Sie versucht es jetzt mal mit dem Zug, weil ihr Autofahren zu stressig geworden ist. „Wenn ich im Auto sitze, drücke ich immer auf die Tube. Ich kann leider nicht anders, wahrscheinlich weil ich Rennen gefahren bin, als ich jung war. Mit einem Mini Cooper.“ Später wird sich herausstellen, dass sie auch tschechoslowakische Studentenmeisterin im Slalom und Langstreckenradfahrerin war.

„Als ich jung war“, wird sie an diesem Abend noch oft sagen, dabei sprüht sie vor Energie, Interesse und Tatendrang, wie sie schon bei vielen 40jährigen verflogen – oder nie erwacht – sind.

Sie teilt Äpfel aus ihrem Garten und Mandarinen, Geschichten und Literaturtipps (Karel Čapek soll ich mir unbedingt anschauen), Reiseerzählungen und Lebensweisheiten mit mir, und die Zeit im Zug vergeht wie im Flug.

„Wann haben Sie Geburtstag?“ fragt sie.

„Am 6. Juli, dem Todestag von Jan Hus“, sage ich, froh, dieses Stück Allgemeinbildung endlich einmal anbringen zu können.

„Oh, das war echt gemein, wie der zum Konzil gelockt und dann umgebracht wurde“, echauffiert sie sich, wie wenn es kürzlich, nicht vor 600 Jahren geschehen wäre. Und davon kommen wir schnell auf das heutige Verhältnis von Deutschen und Tschechen.

„Ich finde es schade, wie wenig die Menschen auf unserer Seite der Grenze über Ihr Land wissen“, fange ich vorsichtig an. Jan Hus sei nur ein Beispiel, der im deutschen Lutherwahn vollkommen untergehe.

„Nicht nur das. Sie behandeln uns von oben herab, sie fühlen sich als etwas besseres“, spricht Branka das aus, was auch mir immer aufstößt. So ist das nämlich, liebe deutsche Leser: Egal, wie nett Ihr zu sein glaubt, die Menschen merken durchaus, wenn sie nur als günstige Dachdecker oder Altenpflegerinnen ausgenutzt werden, man sich für ihr Land, ihre Kultur, ihre Sprache überhaupt nicht interessiert.

„Sie sollten ein Buch schreiben“, sagt Branka zum Abschied und fragt, ob sie ein Foto von mir machen darf. Das von mir vorgeschlagene gemeinsame Foto lehnt sie ab, mit dem Hinweis auf ihr Alter: „Ich bin doch schon 73.“ Wenn es auf jeder Zugfahrt so interessante Begegnungen gibt, dann könnte das Buch über die Weltreise mit dem Zug tatsächlich spannend werden.

Beim Aussteigen in Prag werfe ich einen Blick in das jetzt verlassene Abteil der vier bayerischen Jungs: ein Kasten Bier, alle Flaschen leer, einige zerbrochen, der Boden verklebt. Das sollten sich die Deutschen mit ihrem antislawischen Superioritätsempfinden ansehen müssen. Noch durch den ganzen Bahnhof hört man sie grölen und pöbeln, dass man sich wünscht, ein von 1968 übrig gebliebener sowjetischer Scharfschütze würde sie abknallen. Lieber Blutflecken statt Bierlachen.

Aber auch zwei Mädchen im Bahnhof kreischen und hüpfen wie verrückt. Sie sind gerade aus der Buchhandlung gekommen und schlagen „Quo Vadis?“ von Henryk Sienkiewicz auf.

In der großen Wartehalle steht ein Piano zur freien Verfügung. Ein junger Mann in Jeansjacke und -hose, Typ Balkan, die Hände bis auf die Knöchel tätowiert, spielt lebhaft eine fröhliche Melodie. Nicht gerade Firkušný, aber viel besser als der „Last Christmas“-Scheiß, der einem diesen Monat sonst überall vorgesetzt wird. Auf den Tasten rechts außen, etwa von d4 bis c5, liegt seine Mütze für anerkennende Münzen.

Piano Prag

Danach setzt sich ein asiatischer Junge ans Klavier und spielt so virtuos, wie wenn er vier Hände hätte. Vielleicht ist er aus Nagasaki oder Fukushima. Die sonst durch den Bahnhof eilenden Reisenden bleiben stehen, ihre Mienen hellen sich erfreut auf. Doch da klingelt das Handy des Japaners. Er muss schon wieder weg. Schade.

Aber das schönste am Prager Bahnhof ist der historische Wartesaal, Zeichen einer Zeit, in der Bahnhöfe noch Aushängeschilder und Willkommenstempel ihrer jeweiligen Städte waren, in der die Bahn der Bevölkerung und dem Zusammenwachsen des Landes diente. Jetzt, wo alles wirtschaftlich sein muss, gibt es kaum mehr Wartesäle. Sie werden ersetzt durch Läden, Bistros, Imbisse, Sushi-Bars, Geschäfte. Wer wartet, soll konsumieren und kaufen, sonst ist er nutzlos im Kapitalismus. Einfach rumsitzen, lesen, sich unterhalten, nachdenken, ein Nickerchen machen, das ist unerwünschte Rebellion.

Wartesaal Prag.JPG

Dann steht schon der Zug nach Krakau bereit. Meine Pritsche ist in einem 6-Bett-Zimmer, so eng, dass ich mir nicht vorstellen kann, wie hier sechs Leute mit Gepäck rumwuseln sollen. Aber noch bin ich allein, beziehe das Bett und verstaue den Rucksack. Lange genug ist das Bett immerhin (ich bin 1,83 m groß).

Sechserabteil

Eine Mitpassagierin bekomme ich noch zugeteilt, auch Juristin und Weltreisende, wie sich herausstellt. Die Reise ist also weiterhin mit interessanten Unterhaltungen gesegnet.

Zu den restlichen vier Schlafplätzen verkündet der Schaffner, dass deren Okkupanten erst später zusteigen, er uns aber nicht wecken will und diese deshalb in ein leeres Abteil verfrachten wird. Außerdem wird uns 15 Minuten vor Krakau, um 6 Uhr, wecken, denn der Zug fährt noch weiter in die Slowakei.

„Der ist sehr nett“, denke ich über den Schaffner, bis er bittet, die Tür von innen zu verriegeln, weil es im Zug viele „Zigeuner“ gäbe, die stehlen würden. Dieser rassistische Kommentar ist besonders unangebracht, weil die Roma und Sinti einst auf genau dieser Bahnstrecke in den Tod geschickt wurden. Wer nach Krakau fährt, fährt nämlich auch Richtung Auschwitz. Bei manchen Opfergruppen des Nationalsozialismus hat es sich herumgesprochen, dass man Lehren aus dem Massenmord ziehen kann, die schon bei vorstufiger Stigmatisierung, Diskriminierung und Ausgrenzung ansetzen. Den Roma und Sinti ist dies bisher weitgehend versagt geblieben, nicht nur in Tschechien.

Richtig schlafen kann ich nicht, weil der Zug ruckelt und springt. Im Sitzen fällt einem das nicht so auf, aber Züge neigen sich derart nach rechts und links, dass mein Kopf zeitweise so nach unten zeigt wie bei einer schlafenden Fledermaus. Manchmal wache ich auf, muss also eingedöst sein, aber viel Schlaf ist hier nicht zu holen, guter schon gar nicht.

Die junge tschechische Anwältin hingegen schläft ohne Probleme, wahrscheinlich weil sie total überarbeitet ist. Gut für mich ist, dass sie auch ohne Atemprobleme schläft. Die größte Furcht vor dieser Zugfahrt, die vor schnarchenden Mitfahrern, wird sich die ganzen 2000 km als haltlos erweisen.

Am Bahnhof in Krakau gäbe es sogar Duschen, aber ich – anscheinend doch nicht so ein Profi, wie ich in meinen Pantoffeln gedacht habe – habe kein Handtuch dabei. Eine ausgiebige Rasur muss zur Erfrischung reichen. Krakau kenne ich schon einigermaßen, und ein früher Morgen im Dezember ist sowieso der falsche Zeitpunkt für einen Stadtbummel. Also erwerbe ich unmittelbar ein Billet für den nächsten Zug nach Przemyśl, den letzten Ort auf polnischer Seite. Vielleicht kann ich in den drei Stunden etwas Schlaf nachholen.

Die anderen Passagiere sind alle ausgeruht von einer Nacht im richtigen Bett, gestärkt vom ans Bett gebrachten Kaffee, und freuen sich, dass Freitag ist, auch wenn er mal wieder auf den Dreizehnten fällt. Sie teilen ihre Wochenendpläne oder lesen Bücher von Elena Ferrante (junge Frauen), Heftchen mit Heiligengeschichten (ältere Frauen) oder spielen mit ihren Handys (Männer).

Die Sonne geht gerade auf und taucht alles in kräftiges Gold. Sogar die Masten der Stromleitung, die Windkrafträder und die rot-weiß-beringten Schornsteine in der Ferne sehen gut aus in diesem Glanz. Endlich schlafe ich ein, ganz entspannt, denn Przemyśl ist Endstation.

goldener Morgen (1)goldener Morgen (2)

So Orte wie Przemyśl tun mir eigentlich leid. Jeder fährt durch, steigt um, tauscht Geld (denn vier Länder bedeutet auf dieser Reise leider auch vier Währungen: Euro, Kronen, Złoty und Hrywnja), und ist wieder weg. Ein Ort, der für die meisten nur ein Name und ein Hindernis beim schnellen Reisen ist, solange der Schengenraum sich nicht auf die Ukraine erstreckt. Sollte das mal geschehen, wird Przemyśl sterben.

Dabei legt der große und schöne Bahnhof eine einstmalige Bedeutung dieser Stadt nahe, die hoffentlich über die Belagerung von 1914-15, die Schlacht von Gorlice-Tarnów und das Ghetto Garbarze hinausreicht.

Przemysl

Hier lässt sich angenehm warten, bevor ich die EU verlassen werde. (Man hätte mal das Vereinigte Königreich darauf hinweisen sollen, wie einfach das geht.) Es ist auch schon ostiger hier. In der Unterführung zu den Bahnsteigen spielt ein Mann Schifferklavier. Eine Familie mit Baby läßt selbiges in einen mitgebrachten Plastiknachttopf pinkeln und leert diesen dann irgendwo draußen aus. Die Häuser gegenüber des Bahnhofs verlieren ihren Putz und ihre Farbe wie Bäume im ewigen Herbst. Ein Student schreibt auf seinem Laptop ein Theaterstück. Ein Mädchen steckt ihr Handy an die Steckdose und geht unbesorgt aus dem Wartesaal. Die Anzeigetafel vermeldet für den Zug aus Kiew eine Verspätung von einer Minute. Die Taxifahrer, die vor dem Bahnhof warten, teilen sich eine Pizza.

Wahrscheinlich hätte Przemyśl einen längeren Aufenthalt verdient, wonach ich Euch mit ellenlangen Details zur Geschichte langweilen könnte. Aber nach zwei Stunden im sonnendurchfluteten Wartesaal steige auch ich um, von der polnischen in die ukrainische Staatsbahn. Die Grenze ist nur 10 km entfernt.

Der ukrainische Zug hat für jeden Waggon einen Schaffner, der schon beim Einsteigen die Tickets kontrolliert. Ich wäre mehr besorgt über das Ladegewicht, denn die meisten Passagiere schleppen mehrere große Koffer, schwere Plastikbeutel mit Einkäufen und Flachbildschirme, die so enorm sind, dass man sie eigentlich auch in Polen aufstellen und den Film oder das Fußballspiel trotzdem aus der Ukraine mitverfolgen könnte. Kaffeemaschinen scheinen auch beliebt zu sein, wahrscheinlich wegen des nahenden Weihnachtsfests. Da wird jemand arg enttäuscht sein, die sich eigentlich die 50 ersten Bände aus der Bibliothek der Weltliteratur gewünscht hat. Viellicht ist in den Riesenkisten aber auch Kriegsgerät für den Donbass.

Weil ich nicht am Fenster sitze und der Zug rappelvoll ist, gibt es keine Fotos von dieser Fahrt. Ihr würdet graue Felder mit kleinen Dörfern aus kleinen, grauen Häusern sehen. Nur die goldbekuppelte orthodoxe Kirche setzt einen Farbtupfer. In ein paar Tagen wird Schnee fallen und die Schlaglöcher auf der Dorfstraße zudecken.

Aber so viel sehe ich noch gar nicht von der ländlichen Ukraine, denn die Zugfahrt ist eine einzige Pass- und Zollkontrolle. Zuerst die polnischen Grenzbeamtinnen, die mich ausreisen lassen. Eine halbe Stunde später wecken mich die ukrainischen Grenzbeamtinnen, die mich einreisen lassen. Dann kommt die Drogenkontrolle mit einem süßen schwarz-weißen Dackel, der tatsächlich auf meine Tasche anspringt und die Nase ganz tief reinsteckt. Nicht wegen Marihuana, sondern wegen einer leckeren Käsestange.

Schließlich kommt noch ein ukrainischer Zollinspektor, der seine freundliche Art unter dem Zaren oder in der Sowjetunion gelernt hat. Mit einem Metallstock stupst er Koffer und Taschen an, so etwa jede fünfte, blafft die Eigentümer an, dass sie alles in den Gang schleppen und auspacken sollen, und würde ihnen am liebsten noch mit dem Metallstock auf den Kopf hauen.

Und schon ist die zweistündige Fahrt vorbei. In Lemberg / Lviv merke ich, wie verloren ich mich in einem kyrillischen Land fühlen werde. Wie in China, nur kälter. Aber ein zielloser Spaziergang weckt auch schöne Erinnerungen an Vilnius. Die Elektromobilität, die jetzt auch im Westen modern wird. Die alten Frauen, die auf der Straße Ernteprodukte oder aus kleinen Häuschen Cola, Sandwiches, Bustickets und alles mögliche verkaufen. Die kratergroßen Löcher im Gehweg.

Der Bahnhof ist aus einer anderen Zeit. Im Wartesaal sind alle Holzbänke voll besetzt, die meisten davon mit alten Mütterchen, alten Herren mit Fellmützen und vom Leben und der Lepra zerfurchten Gesichtern. Einige Alte nutzen dicke Leselupe. Ein Mann hat sein rechtes Bein in ein orangefarbenes Handtuch eingewickelt und humpelt mit Hilfe eines Holzstückes, das er aus einer Palette herausgerissen hat, als Krückenersatz. Wer hier einen Rollstuhl hat, ist schon Elite. Genauso ist es mit den Goldzähnen und den Zahnlücken. Aber es lächelt sowieso niemand. Viele schlafen schon, manche werden nicht mehr aufwachen.

Lviv Bahnhof (2)Lviv Bahnhof (1)Lviv Bahnhof (4)

Die Räume sind hoch wie in einem Schloss. Die schweren Holztüren lassen bei jedem Öffnen einen eiskalten Wind herein. Wie um an die jüdische Geschichte Lembergs zu erinnern, beginnt jede Durchsage mit etwas, das nach „schalomni passaschiri“ klingt. Buffet Nr. 8 und Buffet Nr. 18 verkaufen Frikadellen, Krautsalat aus einer großen Schüssel und Gurken, die man sich einzeln aus dem Glas mit Dill schnappt.

Weil kein Sitzplatz frei ist, wandele ich weiter durch die nur schummrig beleuchteten Hallen des Bahnhofs. Hier gab es einst Wartesäle erster und zweiter Klasse. Der erstklassige ist unterbelegt, was wahrscheinlich daran liegt, dass er pro Stunde Warten 30 Hrywnja kostet. Ich weiß nicht, wieviel das ist, aber eine Flasche Bier kostet ebenfalls 30 Hrywnja, eine Flasche Cola 25, also kann es nicht zu viel sein. Den Luxus gönne ich mir. Die Bänke sind genauso hart, das Licht genauso diesig, die Lautsprecheranlage genauso laut. Da sich in diesem Luxuswartesaal die Reichen versammeln, haben sie leider auch alle so kleine Bildschirme, auf denen sie Filme gucken und die Umwelt lärmverpesten. Bei den Armen war es angenehmer. Und interessanter.

Lviv Bahnhof (3)

Wie um die Gebühr zu rechtfertigen, hat die Bahnhofsverwaltung an den Steckdosen Verlängerungskabel mit Mehrfachstecker angebracht, damit alle Wartenden ihre Taschencomputer aufladen können. Immer wieder steht jemand auf, bittet den unbekannten Nachbarn, auf sein Handy und das Gepäck aufzupassen, und verschwindet für 15 Minuten. Apropos Toilette: Da habe ich anscheinend nur die zweiter Klasse gefunden, ohne Sitz, ohne Papier, einfach nur ein Loch im Boden.

Ich bin nervös gespannt, was der Nachtzug nach Kiew bringen wird.

Es ist ein 4-Bett-Abteil. Eine ältere Frau mit strenger Frisur, strenger weißer Bluse, strengem Blick und strenger Brille würdigt mich fast keines Wortes. Sie sieht nach KPdSU-Sekretärin aus und findet es anscheinend gar nicht gut, dass jetzt auch Ausländer die volkseigenen Züge nutzen. Wir haben jeweils die untere Pritsche, sie sitzt steif und mit unbeweglicher Miene auf der ihrigen, wie ein Denkmal.

„Das wird zwar langweilig, aber wenigstens eine ruhige Nacht“, denke ich mir, als ein junges Paar das Abteil betritt. Der Mann spricht Englisch und tut dies sehr gerne. Seine Frau sieht ihn bewundernd an, wie weltmännisch er ist. Sie betreiben eine Ladenkette und waren in Lemberg, um dort das Personal weiterzubilden.

Die beiden haben die oberen Plätze, zu denen man über ein aus der Wand klappbares Leiterchen gelangt. Ich bemerke, dass die beiden sich darüber unterhalten, wie sie nach oben gelangen, und biete an, dass ich oben schlafen kann, damit die ziemlich rundliche Frau das Bett im Erdgeschoss beziehen kann und sich die Kletterei erspart. Der Mann bedankt sich formvollendet, aber lehnt dankend und dichtend ab: „Easy wife, easy life.“

Die strenge Frau spricht auch mit dem ukrainischen Paar kein Wort, so dass ich ihre Behandlung nicht mehr persönlich nehmen muss. Alle im Abteil wollen schlafen, schließlich ist es schon Mitternacht. Aber der junge Mann will noch über Fußball reden, über Deutschland und England, darüber dass er gerne angelt, was es für fette Fische im Dnepr gibt, dass ich ein Glück habe, über Neujahr in Kiew zu sein, u.s.w. Wenn mir nachts irgendwelche Fragen komme, solle ich ihn jederzeit wecken, bietet er an – wahrscheinlich nachdem er gesehen hat, wie ich mit dem Bettüberzug gekämpft habe.

Bis zu dieser Reise hatte ich noch nie einen Schlafwagen genommen, weil ich dachte, dass man mit schnarchenden Betrunkenen auf einer Zelle liegt. Stattdessen habe ich interessante und freundliche Menschen kennengelernt. Ein praktisches Problem ist nur der begrenzte Platz. Wenn einer sich umziehen will, müssen alle anderen auf den Flur. Weil ich mit höflichen Menschen reise, merke ich, dass es Usus ist, von Zeit zu Zeit von selbst das Abteil zu verlassen und vorgeblich zum Rauchen, Essen oder Landschaftbewundern zu gehen. Ein weiteres praktisches Problem ist, dass es für die etwa 40 Reisenden im Waggon zwei Toiletten gibt, von denen zumindest eine kein Wasser führt. Gut dass ich, als die Schaffnerin am Abend herumging und Bestellungen für Tee, Kaffee und Kekse aufnahm, nur eine Flasche Wasser wollte. Die hilft jetzt beim Zähneputzen. Aber richtig sauber werde ich erst wieder am nächsten Bahnhof werden.

Obwohl niemand schnarcht, kann ich auch auf dieser Strecke nicht richtig schlafen. Auch in der Ukraine rumpelt und ruckelt der Zug, wie wenn er jeden Moment aus der Kurve kippen würde.

Pünktlich um 6:46 Uhr hat die Tortur ein Ende. Kiew Passagierbahnhof. Es ist ein kalter Samstagmorgen, aber der Bahnhof ist voll und aktiv wie ein Bienenstock. Die kostenlosen Wartesäle sind auch hier bis auf den letzten Platz besetzt, sogar die für Kinder, für Behinderte und für schwangere Frauen (das sind drei verschiedene, weil man die Schwangeren nicht mit dem Anblick von schon geschlüpften Kindern erschrecken will). Viele Einrichtungen am Bahnhof zeigen gar keine Öffnungszeiten an, sondern nur die eine Stunde, in der sie geschlossen sind (meist von 3 bis 4 Uhr morgens). Der Komfortwartesaal ist hier noch luxuriöser, aber den benötige ich jetzt nicht mehr.

Kiew Wartesaal erster Klasse

Leute kommen und fahren zu Tausenden, kaufen Zeitungen, süßes Gebäck, Rosensträuße. Hier ist der Bahnhof kein Ort für Urlauber, die mit der Wahl ihres Transportmittels den Klimawandel abwenden wollen. Hier fahren Freunde zu ihren Freundinnen, Großmütter zu ihren Enkelkindern, Studenten nach Hause und Soldaten in den Krieg, Renter zum Jahrestreffen der ehemaligen Stahlarbeiter von Kryworischstal, Witwen zur Beerdigung. Kriegsflüchtlinge sehen nach, ob ihr Haus in Schachtjorsk noch steht. Verurteile fahren zum Haftantritt ins Lonzki-Gefängnis.

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Meine Reise ist hier leider zu Ende. Es war die letzte Zugreise in diesem Jahr. Ob ich bei längeren Reisen wieder einen Schlafwagen buche oder die Fahrt doch lieber unterbreche und in einem richtigen Bett schlafe, das muss ich mir noch überlegen. Diesmal war es graues und tristes Wetter, so dass ich vielleicht nicht viel verpasst habe. Aber im Frühjahr oder Herbst wäre es eigentlich schade, die Beskiden oder die Bukowina schlafend zu passieren.

Ich lehne an einem Fensterbrett und schreibe all dies auf, als ein älterer Mann auf mich zukommt und etwas fragt. Nachdem ich bedauert habe, dass ich weder Ukrainisch noch Russisch spreche, zeigt er auf meinen Arm, wo er die Uhr vermutet. Jetzt kapiere ich, und die Auskunft kann ich ihm gerne erteilen. Anscheinend hat er noch genug Zeit vor der Abfahrt, denn er deutet zuerst auf seine Taschen, dann auf mich und blickt fragend-bittend. Ich nicke und bejahe, und schon schlurft er zur Toilette, die übrigens auch in der Haupstadt keine Sitze hat.

Das ist also mein erster Eindruck von Kiew: Eine Millionenstadt, in der man am Hauptbahnhof einem Fremden, den man zum ersten und letzten Mal sieht, noch dazu einem sprachunkundigen Ausländer, ohne zu zögern sein gesamtes Gepäck anvertraut. Ich glaube, es wird mir hier gefallen.

Praktische Tipps für die Buchung:

  • Bucht jede Strecke so weit wie möglich im Osten. Die Websites der tschechischen und der polnischen Bahn sind sogar auf Deutsch verfügbar, die der ukrainischen Bahn auf Englisch.
  • Je früher man bucht, umso günstiger ist es. Spontanisten müssen sich aber auch keine Sorgen machen: Es waren in jedem Zug noch Plätze frei, man hätte also auch kurzfristig am Bahnhof ein Ticket bekommen.
  • Ich habe für die ganze Fahrt etwa 120 € bezahlt, aber es ginge noch günstiger, wenn man früher bucht. Die Bahn hat auch günstige Busse nach Prag oder Krakau, aber das ist dann halt keine Bahnfahrt mehr.
  • Wer nur ein Zweibettzimmer haben möchte, muss wohl erste Klasse buchen.
  • Wenn Ihr die Rückfahrt nach Deutschland erst in Osteuropa kauft, spart Ihr oft eine ganze Menge gegenüber der Vorabbuchung bei der Deutschen Bahn.

Praktische Tipps für die Fahrt:

  • Ihr seid nicht auf der Modeschau! Pantoffeln und Jogginghose sind einfach am bequemsten.
  • Packt eine kleine Tasche mit allen Sachen, die Ihr während der Nacht und am Morgen braucht. Denn der große Rucksack wird oft unter dem unteren Bett verstaut, so dass Ihr nicht mehr ran könnt, solange dort jemand schläft.
  • Ich persönlich würde längere Fahrten stückeln, so dass man zwischendurch frische Luft, ein echtes Bett und eine Dusche bekommt. Als ich am Morgen in Kiew an den geöffneten Abteiltüren vorbeiging, wehte aus einigen ein heftiger Geruch. Fünf Tage non-stop nach Wladiwostok sind olfaktorisch vielleicht doch ein bisschen hart.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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Eine Antwort zu Zwei Nachtzüge nach Osten

  1. Angelika Laußer schreibt:

    Das macht wirklich Lust auf eine Bahnfahrt nach Osteuropa, allein die Bahnhöfe!

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