Luftbrücke für den Spargel

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In Rumänien wurde zur Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie eine fast umfassende Ausgangssperre verhängt, die von Polizei und Militär kontrolliert wird. Jetzt ist glücklich, wer auf dem Land lebt oder wer zumindest einen Balkon hat, von dem er in den derzeit abgasfreien Himmel blicken kann.

Doch heute blicken die Menschen in Rumänien verwundert nach oben: Was sollen all diese Flugzeuge? Wohin? Woher? Warum? Was ist mit den Ausgangs- und Reisebeschränkungen?

Selbst auf einem kleinen Flughafen wie Cluj (Klausenburg) sieht der Abflugplan für heute wieder ganz voll aus, wenn auch mit verdächtig einseitigen Zielen. Und so geht es die nächsten Tage weiter.

Spargelflüge

Hier, liebe deutsche Leserinnen und Leser, kommen die Menschen, die Euch den diesjährigen Spargel retten. Denn Spargel ist anscheinend sehr wichtig. Oder vielleicht ist nur der Profit der Spargelbauern wichtig, weshalb sie auf die Angebote deutscher Erntehelfer verzichtet haben und lieber Flugzeuge chartern, um Arbeiter aus Rumänien und Bulgarien auf ihre Plantagen zu fliegen.

Die sind nämlich schon daran gewöhnt, hart zu arbeiten, viel zu arbeiten, mies untergebracht zu werden und mies bezahlt zu werden. Die Spargelbauern sagen dazu, dass die Rumänen schon „erfahren“ sind. Das übrige Obst und Gemüse, das wir so billig im Supermarkt kaufen, ist ebenfalls nur deshalb so billig, weil es unter Bedingungen geerntet wird, die sich seit „Die Früchte des Zorns“ nicht viel verbessert haben.

Das einzig Gute daran? Wenn Ihr Gemüse noch nie mochtet, habt Ihr jetzt einen moralischen Grund, um es zu verweigern. Hoffen wir, dass die Bedingungen auf den Schokoladen- und Tabakplantagen besser sind.

So sieht es heute auf dem Flughafen in Cluj aus.

Spargelpassagiere

Wenn es um Spargel geht, sind die Abstands- und Sicherheitsregeln anscheinend egal. Aber wenn die Rumänen in Deutschland ins Krankenhaus kommen, dann können sie sich dort wenigstens auf Rumänisch gut verständigen, weil ohne rumänische Ärzte und Krankenschwestern auch unser Gesundheitssystem schon lange zusammengebrochen wäre.

Mit welcher Selbstverständlichkeit ganze Völker oder Staaten als Arbeitskraftreserve für Deutschland (und als sonst nichts) betrachtet werden, lässt ihn mir den Verdacht erstärken, dass das Bild der „Ostarbeiter“ noch in vielen Köpfen steckt.

Gruppe von Ostarbeitern vor Fahrt nach Deutschland

Irgendwie hinterlässt das alles einen schlechten Nachgeschmack. Wie der Spargel selbst.

Links:

Jetzt wo Ihr den Spargel boykottieren werdet, könnt Ihr vielleicht ein paar der so gesparten Euros zur Unterstützung dieses Blogs aufwenden? Denn meine Artikel sind garantiert nahrhafter als das meist zu weich gekochte Gemüse.

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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20 Antworten zu Luftbrücke für den Spargel

  1. Andreas Kuck schreibt:

    Gab es denn Angebote deutscher Erntehelfer?

    • Andreas Moser schreibt:

      Oh ja, Zigtausende haben sich gemeldet nachdem das Landwirtschaftsministerium und der Maschinenring dafür eine Website eingerichtet hatten. Aber die Farmer sagten, sie bräuchten erfahrene Kräfte.
      Ob es daneben auch um Arbeitszeit, Löhne und Unterkunftsbedingungen ging, das ist meine Vermutung.

    • Andreas Kuck schreibt:

      Selbst bei einer Besserstellung deutscher Erntehelfer würde mich wundern, wenn sich neben dem Melden auch genug beim Feld einfinden.

    • Andreas Moser schreibt:

      Also ich wollte ernsthaft hingehen (um darüber zu schreiben).

  2. Dierk Hilger schreibt:

    Ein Aspekt ist, dass die Bauern und Bäuerinnen die Helfer*innen bis in den Herbst brauchen, und die Hilfswilligen sicherlich mal für wenige Wochen miternten können, aber nur ein geringer Teil für die gesamte Saison. Deswegen ist das mit den deutschen HiWis sicherlich gut für Bedarfsspitzen, aber keine Lösung für den grundsätzlichen Bedarf.

  3. Lawrence Davies schreibt:

    Ich stimme total zu. Hier zwischen Nürnberg, Fürth u Erlangen gibt’s sehr viele. Die Arbeitsbedingungen sind offensichtlich schlimm, für 9,39 je Stunde. ‚Es ist mehr als sie zu Hause verdienen können‘ mag wohl korrekt sein, ist aber sowieso moralisch irgendwie verwerflich.

  4. C schreibt:

    Der Vergleich ist insofern bedenklich als er die Geschichte verharmlost. Die Spargelarbeiter kommen und gehen freiwillig. Als EU Bürger sollten sie doch eigentlich bleiben dürfen, falls sie es denn wollten, oder?

    • Andreas Moser schreibt:

      Es soll auch kein Vergleich sein. Sondern nur der Hinweis, dass da vielleicht eine gewisse Kontinuität im Blick auf Osteuropäer vorhanden ist.

    • Michael Müller schreibt:

      Jetzt sogar noch mehr….. Die Ausgangsbeschränkungen und „Quarantäne beim arbeiten“ haben mich fatal daran erinnert……

  5. Peter schreibt:

    Die armen Rentner können bei uns ruhig verhungern. Die armen Spargelbauer muessen wir Dank der Lobbyisten – Politiker helfen.
    Hier werden von den Lobbyisten – Politiker alle Bestimmungen ignoriert.
    So reagieren POLITIKER wenn es um.ihren Vorteil geht.
    Pfui Teufel

  6. Pingback: The Asparagus Airlift | The Happy Hermit

  7. J. D. Bennick schreibt:

    Sehr guter Beitrag, Herr reisender Reporter.

    Ich verschlinge ihren Blog seit Jahren geradezu. Kein Thema, auch wenn es sich um so etwas profanen wie sagen wir Spargel (!) handelt, liest sich langweilig. Ihre absolut stichhaltigen Recherchearbeiten, gepaart mit Ihrem scharfen Verstand und dem vortrefflichen Schreibstil, geben dem Leser einen geistigen Hochgenuss der Extra-Klasse. Abgerundet wird das Ganze durch Ihre charmante Persönlichkeit, was ihrem Produkt eine nie dagewesene Perfektion verleiht.

    Und dieses Lob spreche ich als Spargel-Liebhaber aus ;))

    • Andreas Moser schreibt:

      Ohhh, bei so viel Lob fühle ich mich besser als am Geburtstag, und das ganz ohne (Spargel-)Torte.

      Jetzt muss ich mich wirklich an ein Buch machen, nur um obiges Zitat verkaufs- oder zumindest interessefördernd auf dem Klappentext anzubringen.

    • Andreas Moser schreibt:

      Und guten Appetit!
      Ich wollte wirklich nicht allen Spargelliebhabern den Genuss verderben.

  8. Pingback: Wandern trotz Ausgangssperre – dieser Trick macht es möglich! | Der reisende Reporter

  9. American Viewer schreibt:

    Ich finde den Tenor des ganzen Artikels ganz schlimm, muss ich sagen. Hätte ich von Dir nicht unbedingt erwartet. Aber so ähnliche Artikel konnte man auch bei Spiegel und ZEIT lesen, von denen ist das vielleicht schon eher erwartbar?

    Was soll denn die Grundaussage des Artikel sein? Keine Osteuropäer an teutsches Obst und Gemüse??? Deutsche Arbeit auf deutschem Boden nur noch für deutsche Arbeiter? Die Hufeisentheorie scheint doch zu stimmen.

    Es stimmen ja schon etliche Grundannahmen nicht.

    Nummer eins, es geht ja nicht „nur“ um Spargel, etliches Obst und Gemüse ist auf Helfer angewiesen, im Grunde alle Sorten, die nicht rein maschinell geerntet werden können, also die meisten. Und selbst bei den maschinellen, braucht man trotzdem noch Leute in der Kontrolle, zum Verpacken usw. Aber selbst wenn es „nur“ um Spargel ginge, so what, woher kommt dieser Hass auf Spargel?

    Nummer zwei, den ganzen Osteuropäern ist mit dieser Arbeit geholfen. Sie haben einen Job und verdienen aus ihrer Sicht offenbar gutes Geld. Wenn sie die Bedingungen nicht gut finden würden, und dutzende bessere Jobs in Aussicht hätten, dann würden sie niemals kommen.

    Laut Berichten kommen diese Leute teils seit Jahren und Jahrzenten, immer die gleichen Leute in immer die gleichen Betriebe. Wenn die Arbeit wirklich so schlecht wäre, würde sich das wie ein Lauffeuer rumsprechen, dann würde ganz schnell gar niemand mehr kommen.

    Und nur mal so als Frage: Wie viele Osteuropäer beschäftigst du denn so? Und bezahlst ihnen ein Gehalt, dass sie jedes Jahr wiederkommen? Ich tippe mal auf null komma null, für immer und ewig, liege ich damit ungefähr richtig?

    Wenn sich diese entsetzlichen Meinungen hier durchsetzen würden, gründen die ganzen Großmäuler hier dann alle eigene Betriebe und beschäftigten die gleichen Osteuropäer, natürlich zum doppelten Gehalt und zu viel besseren Dingen, bezahlt von wem???
    Solche krassen Artikel würde ich in Naziblättern erwarten, aber dass man so etwas bei Spiegel, ZEIT, und leider nun auch bei Dir lesen muss, finde ich ehrlich gesagt total schockierend.

    Ich versuche die Gegenseite ja immer zu verstehen, aber wenn in einem Artikel kein einziger vernünftiger Gedanke gefasst wird, von so einem intelligenten Menschen wie Dir, dann lässt mich das auch in diesen verrückten Zeiten immer noch fassungslos zurück.

    • Andreas Moser schreibt:

      1. Dass es mir nicht um Nationalismus oder gar um Blut und Boden geht, haben alle anderen Leserinnen und Leser des Artikels bemerkt, und dürfte einem langjährigen geschätzten Leser wie dir bekannt sein.

      2. Bei der Beurteilung der Qualität und Bezahlung der Arbeit erwähnst du selbst eine Bedingung, die nicht gegeben ist: „wenn sie Dutzende bessere Jobs in Aussicht hätten.“ Die hat natürlich niemand, insbesondere nicht, wenn er in Rumänien lebt, während das ganze Land einer der strengsten Ausgangsbeschränkungen auf der Welt unterliegt.

      3. Letzteres ist eine Sondersituation in diesem Jahr, aber auch ansonsten haben die Leute nicht Dutzende bessere Jobs in Aussicht.
      Arme Menschen haben nicht die absolute Wahlfreiheit, die du erwähnst.

      4. Den Vorschlag, eine eigene Farm zu gründen um diese dann genossenschafts- oder kibbuzmäßig zu bewirtschaften, habe ich kurz erörtert, habe dann aber gemerkt, dass ich kein Großgrundbesitzer bin und keine Ländereien geerbt habe. Außerdem hätte ich wahrscheinlich kein Talent.

      5. Die Abneigung gegen Spargel ist kulinarisch, aber teilweise vermutlich auch eine gegenreaktion auf die jährlich saisonale Überhöhung dieses Gemüses. Das Spargelfeld hat hier fast die Bedeutung wie das Amselfeld in Serbien.

    • American Viewer schreibt:

      Andreas,

      meine Argumentation war eine ganze andere. Von absoluter Wahlfreiheit war nie die Rede. Das ist keine Bedingung für irgendetwas und hat mit meiner Argumentation nichts zu tun.

      Diese Leute kommen nach Deutschland, weil es offenbar seit Jahren der Job für sie ist, wo sie am meisten Geld verdienen können in Relation zum Arbeitsaufwand. Und du willst nicht, dass diese Leute kommen. Offenbar wäre dir dieses Jahr sogar ein Verbot recht gewesen, was ja nochmal eine Eskalationsstufe mehr wäre, die Maximalstufe, wenn man so will.

      Eine plausible Begründung für deine Meinung, kann ich deinen Texten nicht entnehmen. Aber du kannst mich gerne noch einmal auf die Textstelle verweisen, wo das stehen soll und gerne auch welche besseren Alternativen du für diese Menschen hast. Vielleicht habe ich diese beiden mir wichtigen Punkte ja überlesen, das kann schon sein.

  10. Melina Borčak schreibt:

    Ja, stimmt leider. Und nicht „nur“ in Deutschland sondern in einem Großteil der EU. Und Osteuropäer*innen sind sich der vielen Vorurteile und Erniedrigungen bewusst, egal wie oft diese von manchen „Westlern“ abgestritten werden.

  11. Pingback: „Secondhand-Zeit“ von Swetlana Alexijewitsch | Der reisende Reporter

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