Unser Zwangsarbeiter

Vor kurzem weilte ich mal wieder bei meinem Vater in Bayern, wo es sehr formlos zugeht und man die Füße auf den Tisch legen und in der Wohnung rauchen darf. Wir waren beide in die Lektüre vertieft, mein Vater in die der Süddeutschen Zeitung, ich in die eines Buches über das Ende der Sowjetunion, als ich mir eine Zigarre aus der auf dem Wohnzimmertisch stehenden Schatulle angelte.

Es ist ein Holzkästchen, filigran verarbeitet, mit Intarsien aus Bernstein, wie ich immer annahm, das sich aber beim näheren Hinsehen als Stroh herausstellte. Die Schatzkiste ist schon ein bisschen abgegriffen, aber man erkennt, dass sich hier liebevolle Handarbeit mit auf generationenübergreifende Qualität angelegter Handwerkskunst gepaart haben.

Schatulle1Schatulle2Schatulle3Schatulle4

„Schöne Kiste“, sagte ich anerkennend, zum einen weil sie mir wirklich gefällt, zum anderen weil Eltern gerne hören, dass einige der Gebrauchsgegenstände, für deren Erwerb sie einst am Fließband standen oder in den Kohlenschacht einfuhren, von den nachfolgenden Generationen geschätzt werden anstatt unmittelbar nach dem Ableben des Ersterwerbers dem Wertstoffhof oder der Tante, die Nachlässe auf dem Flohmarkt verkauft, zugeführt werden.

„Die Kiste stammt von Dimitri“, sagte mein Vater kryptisch. Wir haben zwar Schreiner und andere Holzkünstler, aber keinen Dimitri in der Verwandt- oder Bekanntschaft. Meine Verwunderung bemerkt habend, fuhr er fort: „Das war ein sowjetischer Kriegsgefangener, der auf dem Bauernhof meiner Großeltern im Bayerischen Wald lebte.“

Das klingt so nach Urlaub auf dem Bauernhof, aber mich täuscht das nicht: „Also ein Zwangsarbeiter?“

„Ja, gewissermaßen“, gibt mein Vater zu, der, und das muss man bei Angehörigen dieser Generation ja mittlerweile lobend erwähnen, durchaus kein Geschichtsrevisionist ist.

Wir reden uns beide ein, dass die Familie nichts dafür konnte, weil die Kriegsgefangenen vielleicht als Zwangsarbeiter zugewiesen wurden, und dass es Dimitri, von dem sonst gar nichts bekannt ist, auf dem Bauernhof bei Kötzting sicher besser ging als in einem Bergwerk, einem Rüstungsbetrieb oder einem Konzentrationslager. Aber schockierend finde ich es schon. Wenn sogar eine kleine Bauernfamilie mit ein paar Kühen einen Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkriegs hatte, wieviele andere Familien und Betriebe im Deutschen Reich hatten dann welche? Ich glaube, die Keksprinzessin ist nicht allein mit ihrer Unwissenheit.

Und wie immer beim Thema Nationalsozialismus: Je mehr man darüber liest, umso schlimmer wird es. Erstens wurden nicht nur Kriegsgefangene zur Arbeit verpflichtet, sondern auch Millionen von osteuropäischen Zivilisten ins Deutsche Reich verschleppt.

Zweitens führte Deutschland den rassistisch motivierten Vernichtungskrieg gegen sowjetische Kriegsgefangene weiter. Diese wurden systematisch unterernährt und schlechter behandelt als westeuropäische oder nordamerikanische Gefangene. Etwa die Hälfte von ihnen kam in deutscher Gefangenschaft ums Leben.

Drittens wurden die überlebenden sowjetischen Kriegsgefangen nach ihrer Befreiung im Mai 1945 in der Sowjetunion stigmatisiert, als Verräter und Kollaborateure betrachtet und kamen oft erneut in Arbeitslager. Die Gefangenschaft war ein lebenslanger Makel und wurde sowohl öffentlich als auch in den Familien tabuisiert.

Und viertens verweigerten die Nachfolgestaaten des Deutschen Reichs bis in die 1990er Jahre jede Entschädigung für zivile Zwangsarbeiter. Erst im Jahr 2000 wurde die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ für diese Aufgabe gegründet. Da waren die meisten schon verstorben. Die Kriegsgefangenen wurden überhaupt nie entschädigt.

Was wohl aus Dimitri geworden ist?

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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14 Antworten zu Unser Zwangsarbeiter

  1. nomadenseele schreibt:

    Danke für den Text, ich habe ihn auf meinem Twitteraccount verlinkt.

    • Andreas Moser schreibt:

      Vielen Dank!
      Die Zwangsarbeiter waren wohl das NS-Unrecht, mit dem die meisten Menschen in der Bevölkerung im Alltag in Berührung kamen, sei es im Betrieb, in der Landwirtschaft oder auf den Bahnhöfen während der Transporte.
      Es müsste deshalb eigentlich in vielen Familien solche Geschichten geben, auch wenn sicher nicht immer ein Präsent übriggeblieben ist.

  2. benwaylab.com schreibt:

    Guter Text. Und die Zigarrenkiste ist tatsächlich schön.

  3. Pingback: Our Prisoner of War | The Happy Hermit

  4. Anne Sirk schreibt:

    Das ist ein sehr schönes Kästchen und ein interessanter Text! Er hat mich auch daran erinnert, dass ich unbedingt demnächst mal meinen Vater befragen muss. Auch bei seinen Eltern war eine Zwangsarbeiterin, mein Vater war damals ein kleiner Junge und kann sich noch an sie erinnern. Das verrückteste an der Geschichte: Irgendwann in den 90ern (als ich wiederum noch ziemlich klein war) wurde ein Briefkontakt mit der ehemaligen Zwangsarbeiterin (oder ihren Nachkommen, aber ich glaube, sie lebte damals noch) aufgenommen, und bald darauf arbeitete ihr Neffe eine Weile bei meinem Vater auf dem Hof als Landwirtschaftsgehilfe … Übrigens in der nördlichen Oberpfalz. Vermutlich könnte fast jeder alte Bauer oder alte Bäuerin eine Geschichte zu dem Thema beitragen.

    • Andreas Moser schreibt:

      Hallo Anne,
      das ist ja eine fantastische Geschichte generationsübergreifender Aussöhnung/Aufarbeitung/Verständigung, noch dazu aus meiner Heimat (ich bin aus Ammerthal bei Amberg).
      Wenn du mehr dazu herausfindest, würde mich das sehr interessieren.
      Eigentlich wäre das auch mal ein interessantes Thema für ein hiesiges Museum.

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