Nachtbus

Letzte Woche machte ich mich von meinem gegenwärtigen Wohnort in Vilnius (für die geographisch bisher Uninteressierten: das ist in Litauen, genau genommen ist es sogar dessen Hauptstadt) auf die Reise nach Tallinn (dort gilt das Gleiche für Estland). Vor der Reise stand die Wahl des Reisemittels und dadurch bedingt der Reiseroute.

Die Reise mit dem Zug wäre vermutlich romantisch, aber wie häufig bei romantischen Unterfangen nicht sehr zielführend gewesen. Mit dem Zug hätte ich von Vilnius nach Daugavpils (in Lettland), von Daugavpils nach Riga (Lettland), von Riga nach Valka (Lettland) fahren und in den jeweils genannten Orten umsteigen müssen, dort über die Grenze nach Valga (der estnischen Hälfte des letztgenannten Stops) gehen müssen und dort schließlich den Zug nach Tallinn besteigen können. Selbst dem überzeugtesten Eisenbahnromantiker verflöge bei solch einer Routengestaltung die Lust am Zugfahren wie die Rauchwolken einer Dampflok bei voller Fahrt.

Ein Sitzplatz im Flugzeug war zu teuer und bedarf daher keiner so eingehenden und für den Leser ermüdenden Erläuterung wie die schienengestützte Option. Ein Auto habe ich nicht. Für das Fahrrad waren mir 530 km zu weit.

Somit verblieb der Bus, genauer gesagt der Langstreckenbus, dieses in Deutschland eher unbekannte und überwiegend von bulgarischen Gastarbeitern bei der Heimreise verwendete und mit der von allen anderen Reisenden mit entsprechendem Naserümpfen betrachtete Verkehrsmittel, das jedoch im übrigen Europa täglich und zuverlässig Studenten, Rucksackreisende und andere Reisende, für die manch ältere Menschen den Sammelbegriff „Zigeuner“ verwenden würden, von A nach B beziehungsweise von Š nach Č befördert.

Die einfache Fahrt von Vilnius nach Tallinn dauert vertretbare 9 Stunden. Täglich gibt es zwei Verbindungen, eine fährt von 10 Uhr bis 19 Uhr und eine von 22:30 Uhr bis 7 Uhr am darauffolgenden Morgen. Einen schönen, sonnigen Tag im Bus zu verbummeln erschien mir eine Vergeudung von Lebenszeit. Die Terminierung des Nachtbusses war aufgrund der vollständigen Kongruenz von Reise- und Schlafenszeit ideal, um keinen Tag zu verlieren, und die Ankunft in Tallinn um 7 Uhr morgens hörte sich nach dem perfekten Einstieg in einen erkundungsreichen Tag an. In der Hoffnung auf fast 9 Stunden geruhsamen Schlafes entschied ich mich also für den Nachtbus.

Und tatsächlich schliefen bald fast alle Mitfahrer. Der von mir vor Fahrtantritt angesichts des Anblicks der Mitreisenden befürchtete Lärm blieb aus; die überwiegend jugendlichen Passagiere schienen sich in Vilnius bereits vollkommen verausgabt zu haben und mussten ihre Energiereserven aufladen. Das anfängliche Piepen und Fiepen der Handys verstummte bald. Vielleicht bedurften sie ebenso des Aufladens ihrer Energie wie die jeweiligen Besitzer und Besitzerinnen. Die wenigen aktivierten Leselampen, die die guten Vorsätze der Lektüre eines schon auf der ganzen Reise mitgeschleppten Romans (vermutlich von Jonathan Franzen) verrieten, erloschen nach geschätzten eineinhalb Kapiteln.

Nur ich konnte nicht schlafen. Dabei war ich müde und hatte seit Mittag nichts Koffeinhaltiges mehr zu mir genommen. Ich hatte sogar den Vorteil, und das sollte bis zum Zwischenstopp in Riga so bleiben, dass der Sitz neben mir freibeglieben war, so dass mein Körper sich auf der Suche nach der optimalen Schlafposition ausbreiten konnte wie flüchtiges Gas unter optimalen Bedingungen. Es nützte nichts. Ich drehte und wendete mich. Ich reckte und streckte mich. Trotz allen Biegens und Schmiegens wollte die Nachtruhe nicht erlösend über mich kommen. Vor 20 Jahren hätte ich diese Unfähigkeit zum Einschlafen auf meine damals schon erreichte Körpergröße von 1,83 Metern geschoben und mich beklagt, dass Busse und Flugzeuge für solch ein Gardemaß eben nicht gemacht sind. Aber haben Sie schon einmal den eigenen Nachwuchs oder dessen Generationsgenossen der Länge nach betrachtet? Jeder Dreizehnjährige weist heutzutage eine Körperlänge auf, mit der man es vor zwei Generationen allein deshalb in das von der irischen Brauerei gesponsorte Rekordbuch geschafft hätte.

Trotz gemächlichen Dahinrumpelns über das, was eine Autobahn sein will, wurde ich nicht ausreichend müde, um mit dem Denken aufzuhören und mit dem Schlummern zu beginnen. Wut auf meine Einschlafunfähigkeit und Neid auf die im Schlaf Seligen stiegen in mir hoch, beides keine Gefühle von der friedvollen Sorte, wie ich sie in jener Situation gebraucht hätte. Zufällig blickte ich gerade aus dem Fenster als das Schild „Republik Lettland“ vorbeihuschte, das seit 2007 ganz nackt ohne dazugehöriges Grenzhäuschen, Schlagbaum, Nagelbrett (nicht das aus Indien, sondern das gegen die RAF, das auf der rechten Seite keine Nägel hatte) und den diese Utensilien bedienenden Grenzpolizisten versorgenden Kaffeeautomaten auskommen muss. Ja, ich weiß natürlich, dass das Schild überhaupt nicht, sondern nur der Bus und mit ihm irgendwie ich selbst huschte, aber warten Sie mal, bis Sie wieder das streng genommen vollkommen falsche „heute scheint keine Sonne“ äußern, dann werden Sie Ihre Haarspalterei doppelt und dreifach zurückbekommen. Die während jener Fahrt sehr nervende fette, rote Digitaluhr an der vorderen Innenseite des Busses zeigte 00:45 an. Es waren also erst zweieinviertel Stunden vergangen. Aber immerhin war ich ab da zum ersten Mal in meinem Leben in Lettland. Der erste Unterschied zu Litauen, der mir in jedem von uns durchfahrenen Ort durch meilenweit sichtbare Leuchtreklame eingehämmrt wurde, ist dass eine Apotheke jetzt nicht mehr „Vaistiné“ sondern „Aptieka“ heisst. Sprachenlernen nicht im, sondern ohne Schlaf.

Riga, Hauptstadt Lettlands. Zwischenstopp. Noch immer kein Schlaf. Der Busbahnhof von Riga wirkte überdimensioniert, aber vielleicht brummt er ja tagsüber tatsächlich mit ein-, aus- und umherfahrenden Massentransportmitteln. Selbst unter Vorstellung eines geschäftigen Betriebs konnte ich allerdings nicht verstehen, wieso ein Fluss mitten durch einen Busbahnhof gehen muss.  Vermutlich löst sich diese Frage, wenn ich mal Zeit haben werde, der zeitlichen Reihenfolge der jeweiligen Ansiedlung von Fluss und Busbahnhof nachzugehen. Um 3 Uhr 25 war Riga menschenleer und sah aus wie eine Hollywoodkulisse während eines Komparsenstreiks; um 3 Uhr 25 an einem Freitagmorgen im Oktober bei Regen, wie ich zur Vermeidung des Ihrerseitigen Beibringens von Gegenbeispielen konkretisieren sollte.

In Riga erhielt ich eine Sitznachbarin, die nicht nur mich nicht grüßte, sondern nicht mal dem Mann zu(rück)winkte, der sie zum Bus gebracht hatte, obwohl dieser viel freundlicher aussah als dass er eine solche Behandlung verdient hätte. Da fiel es schon gar nicht mehr ins Gewicht, dass ich nur mehr die Hälfte der bisherigen zwei Sitze okkupieren konnte. Zu allem Überfluss (was übrigens – wie auch hier – meist eine überflüssige Floskel ist) begann mit dem Erscheinen meiner neuen Nachbarin das Piepen und Fiepen des von ihr mitgebrachten Mobiltelefons. Ich fragte mich, wer um 4 Uhr morgens wach ist, um sich SMS zu schicken, denn die Prognose, dass ihr telekommunikatives Gegenüber nicht in Japan lebt, wo es jetzt Zeit für den Gang ins Büro oder in irgendeinen vergangenheitsglorifizierenden Schrein wäre, traute ich mir zu. Der Sinn von SMS war doch eigentlich, dass man auch später antworten und deshalb durchschlafen kann.

Apropos Schlafen: Das klappte natürlich weiterhin nicht. Ich bereute schon, für die Rückreise in der kommenden Woche effizienterweise identische Gedanken wie für die Hinreise angestellt und ebenfalls den Nachtbus gebucht zu haben. Die romantische Bahnreise gewann wieder an Anziehungskraft, insbesondere in Verbindung mit der Aussicht auf Zeit und Muße zur Lektüre eines langen Romans. „Joseph und seine Brüder“ von Thomas Mann steht noch ungelesen im Regal und böte sich dafür an, insbesondere da Thomas Mann an dieser Tetralogie auch während seines Aufenthalts an der litauischen Küste schrieb und somit ein geographischer Zusammenhang konstruiert werden kann.

In der letzten Stunde vor der Ankunft in Tallinn kam dann jedoch die Entschädigung für die Strapazen des Nichtstuns und Stillsitzens, und zwar wie so vieles Gute, von oben. Die an sich schon schöne Landschaft aus Kiefernwäldern und Holzhäusern wurde durch starken Schneefall bedeckt und verschönert. Ein romantischer Auftakt für meine Reise innerhalb Estlands, die mich – aber das sei einem späteren Bericht vorbehalten – auf die Insel Hiiumaa, an schöne Strände, auf im Wald versteckte verlassene Friedhöfe, zu verfallenen Kirchen und in sowjetische Bunkeranlagen führte.

Dass am gleichen Morgen auf gleicher Strecke ein anderer Bus wegen des von mir mit Kinderaugen und -lächeln bewunderten Schnees verunglückte und dabei ein Todesopfer forderte, ist erstens wahr und tragisch, erfuhr ich aber zweitens erst am Abend jenes Tages und kam deshalb drittens als Information zu spät, als dass sie diesen Bericht noch in irgendeiner Weise hätte beeinflussen können.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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4 Antworten zu Nachtbus

  1. Andreas Moser schreibt:

    Erst nach dem vollständigen Verfassen und Veröffentlichen des obenstehenden Textes habe ich – und das ist nun wirklich ein enormer Zufall – bei der Suche nach einem das heutige Abendessen begleiten sollenden Video bei YouTube bemerkt, daß Max Goldt ebenfalls schon Busreisen im Baltikum hinter sich hat: http://www.youtube.com/watch?v=frjMOewBk8o

  2. Hobbybähnler schreibt:

    Lieber Andreas,

    zum Thema Bahnreisen: http://de.wikipedia.org/wiki/Zugv%C3%B6gel_%E2%80%A6_Einmal_nach_Inari – Film ansehen und Pointe/den tieferen Sinn verstehen.

    Freundlichst grüßt
    Der Hobbybähnler

  3. Christoph schreibt:

    @Hobbybähnler: Das ist in der Tat ein sehr lustiger Film mit einem noch jungen Joachim Krol in der Hauptrolle.

    Herr Moser, sehen Sie sich diesen Film an, der Hobbybähnler hat Recht.

  4. HobbybähnlerReloaded schreibt:

    @Christoph oh, ein Cleese-Fan, wenn ich das Avatarbild richtig deute *Lupe hol*.
    Danke für die Zustimmung, aber wenn sie nur die Lustigkeit des Filmes schätzen, sollten Sie ihn sich noch mal ansehen – er hat mehr als nur diese Ebene.

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