Das entlaufene Mädchen im Fürst-Pückler-Park

„Haben Sie die kleine Douglasie gesehen?“ fragt ein Mann und steigt außer Atem vom Fahrrad. Die Sonnenbrille nimmt er ab, Helm und gelbe Warnweste behält er an. Wer so durch einen Park radelt, hat wahrscheinlich auch einen Alarmknopf am Fahrrad, um den Rettungshubschrauber zu rufen, der auf dem Dach des nahen Carl-Thiem-Klinikums schon die Rotoren wetzt.

Mit Bedauern verneine ich, aber biete ihm an, bei der Suche behilflich zu sein.

„Wo haben Sie sie denn zuletzt gesehen?“ frage ich. Ein guter Profiler beginnt immer am Tatort.

„Man hat mir gesagt, sie wäre hier irgendwo“, blickt er verzweifelt auf den künstlichen Teich, die geschwungenen Hügel, die herbstlichen Farben des Fürst-Pückler-Parks in Cottbus-Branitz.

„Weit kann sie nicht sein,“ fährt er fort, „sie ist ja gerade erst aus der Baumschule gekommen.“

Erst da verstehe ich, dass er kein Mädchen, sondern ein Bäumchen sucht. Gut, jeder soll suchen, wonach ihm der Sinn steht, aber damit behellige man bitte keinen Poirot, keinen Maigret und auch nicht mich.

Ich wünsche ihm viel Erfolg und widme mich wieder der Lektüre eines Buches, das wahrscheinlich dafür verantwortlich ist, dass ich sogleich an ein entlaufenes Mädchen dachte. Denn von einem solchen handelt „Die Reise nach Jarosław“ von Rolf Schneider.

Dieses Jugendbuch aus der DDR war eine Zufallsentdeckung. In Neuendorf, wo ich gerade auf eine Katze aufpasse, befindet sich eine zum öffentlichen Bücheraustauschschrank umfunktionierte Telefonzelle. „Stellen Sie Bücher in die Schmökerlaube, geben Sie Ihre Eigentumsrechte nach § 959 BGB auf“, steht an der Tür, und dem historisch interessierten Juristen wird bewusst, dass in diesen Breiten das BGB schon zum zweiten Mal eine vorherige Kodifikation des Zivilrechts verdrängt hat. (Obwohl das Zivilgesetzbuch der DDR mit § 32 Absatz 1 die gleiche Regelung enthielt.)

Meine Skepsis gegenüber diesen Fundgruben ist bekannt, aber die Neugier siegt. Außerdem bekommt man durch ihre entsorgten Bücher einen ersten Einblick über die geistige Struktur des Dorfes, das für eine Woche mein Zuhause sein wird. „Lockendes Gold“ von Jack London, wahrscheinlich wird deshalb hier überall so tief gebuddelt. „Zelte in Afrika“ von Hans Schomburgk, einem Afrika-Forscher, der die Wiedervereinigung vorwegnahm und seine Expeditionen von beiden deutschen Staaten finanzieren ließ. Max Burghardts „Briefe, die nie geschrieben wurden“ und wahrscheinlich nie mehr gelesen werden. „Das stille Haus“, das Ingeburg Siebenstädt unter dem Pseudonym Tom Wittgen veröffentlichte, weil das mehr nach Kriminalautor klang. „Eine undurchsichtige Affaire“ von Rainer Kerndl steht gleich zweimal im Regal.

Nur ein Buch erweckt mein Interesse, eben „Die Reise nach Jarosław“. Reisen ist mein Metier. Durch Jarosław bin ich immerhin mal durchgefahren. Und im Klappentext steht, es ginge um eine Sommerreise per Anhalter.

Und so sitze ich im fürstlichen Park in Cottbus, genieße die Sonne, lese ein Jugendbuch von 1974 und muss immer wieder lachen oder verständnisvoll nicken. Gitte, die Protagonistin, packt zum 18. Geburtstag ihre Tasche, um über den Sommer nach Polen zu trampen. Von Ost-Berlin nach Jarosław, die Stadt, aus der ihre Oma kam.

Daraus entwickelt sich ein schönes Road-Movie, und der amerikanische Begriff passt ganz gut. Von einem in der DDR erschienenen Buch hätte ich das nicht erwartet, aber Gitte orientiert sich kulturell ziemlich am Westen. Ernest Hemingway, Jimi Hendrix, Marlon Brando. Nur mit Esoterik hat sie wenig am Hut, wie man an dieser Begegnung mit einem schwedischen Reisenden erkennt:

Anschließend erzählte er, seine Mama in Malmö habe drei Brotfabriken, aber er pisse, sagte der Kerl, auf die Mama und ihren Reichtum, und für ihn sei Buddha das Höchste. Ich konnte keine Logik in dieser Feststellung erkennen, aber ich unterbrach ihn nicht. Er fing an, sich über die elementaren Gegensätze von Yin und Yang auszulassen.

Ich hatte keine Ahnung, was das war. Ich sagte es, und der Kerl lachte erst mal höhnisch, dann legte er mir dar, dass Yin und Yang zwei enorm wichtige Dinge seien, mit deren Hilfe sich die gesamte Welt im Gleichgewicht halte und zwischen denen sich das gesamte Leben ausbalanciere. Oder so. Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Der Kerl teilte mir mit, dass er makrobiotisch lebe, was mit Yin und Yang zu tun hatte, und dass ungeschälter Reis, außer Buddha, für ihn das Höchste sei.

Wirklich haargenau die gleichen Geschichten muss man sich auch heutzutage von Möchtegern-Hippies anhören. Und auch das Trampen verläuft heute wie 1974. Schnellstraßen sind schlecht, weil die Leute mit ihren PS angeben wollen. Der Standort ist das wichtigste, wozu man meist ewig aus der Stadt laufen muss. Frauen werden eher mitgenommen als Männer.

Was mich an dem in der DDR publizierten Buch zudem überraschte, war das Ausmaß der Kritik an Staat und Wirtschaft. Der Grund für Gittes Ausreißen ist, dass sie mangels familiärer Kontakte nicht auf die Erweiterte Oberschule darf. Sie kritisiert Umweltverschmutzung, Mangelwirtschaft und macht sich im Geschäft darüber lustig, dass man wohl selbst auf einen Schlafsack vier Jahre warten müsse.

Ziemlich frech. Aber immer sympathisch frech, mit jugendlicher Unbekümmertheit. Zum Beispiel als Gitte eine Nacht im Park verbringt und frühmorgens von einem Polizisten aufgelesen wird:

Er sagte mir noch, es sei mehr als riskant, wenn ein junges Mädchen völlig allein in dieser Gegend und nachts auf einer Bank säße.

Ich sagte ihm, nach meiner persönlichen Erfahrung in den letzten Stunden könnte ich ihm da überhaupt nicht zustimmen.

An der Grenze trifft Gitte auf Jan, einen polnischen Studenten. Die beiden reisen fortan gemeinsam zuerst durch Deutschland und dann durch Polen. Jarosław ist das Ziel, aber es ist weit, und dazwischen kann man allerhand Umwege einlegen. Es ist genau die Art von Reisen, die ich liebe. Man übernachtet mal im Strandkorb, mal im Wald. Manchmal laden einen die Autofahrer zu sich nach Hause ein. Und wenn das Geld ausgeht, muss man eben ein bisschen arbeiten. (Das scheitert bei mir immer an vermarktbaren Talenten.)

„Die Reise nach Jarosław“ hat mich an den „Fänger im Roggen“ erinnert. Nur halt aus Mädchenperspektive. Und eher lustig als melancholisch. Und mit mehr Trampen. – Ein sehr sympathisches Buch! Also, fahrt in den Osten und durchstöbert die Antiquariate. Oder die alten Telefonzellen. Oder, im äußersten Notfall, dieses neumodische Interweb.

Warum der Typ auf dem Fahrrad in einem Park voller Bäume einen ganz bestimmten sucht, habe ich aber immer noch nicht kapiert. Vielleicht fährt der auch einfach nur den ganzen Tag herum, um Touristen zu veräppeln. Ist auch ein Hobby. Besser als nur vor dem Computer zu sitzen.

Ach ja, Ihr wolltet noch mehr Fotos vom Fürst-Pückler-Park. Hier sind sie:

Wer mehr über den Park und über Fürst Pückler erfahren will, kann, und das ist nun wirklich ein Zufall, zu einem anderen Buch des äußerst produktiven Rolf Schneider greifen: „Fürst Pückler in Branitz“. Aber ich glaube, das Buch über die junge Ausreißerin ist amüsanter.

Links:

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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8 Antworten zu Das entlaufene Mädchen im Fürst-Pückler-Park

  1. sinnlosreisen schreibt:

    Ist Fürst Pückler nicht auch Erfinder einer Eissorte? 😏

  2. Habe gerne im Buch mitgelesen und die Park – Fotos gesehen 😊 Aber die kleine Douglasie, mit Nachnamen Konifere, macht mir jetzt doch Sorgen.

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich bin noch immer hin- und hergerissen, ob ich mir mehr Sorgen um das kleine Gemüse oder um den suchenden Radfahrer machen soll.
      Schade, dass ich die Geschichte nicht auflösen konnte. Vielleicht kann ja jetzt über den Winter jemand anders im Park ausharren und den Radfahrer abpassen?

  3. Siewurdengelesen schreibt:

    Ist der Wasserschaden behoben? Sonst gibt es bestimmt auch eine Digitalschere;-)

    Und das Buch über Gitte kannte ich noch nicht einmal und das als „Ossi“.

    • Andreas Moser schreibt:

      Vielleicht war es damals auch nicht so bekannt? Ich kann das ja schwer einschätzen aus der Ferne von jenseits des Eisernen Vorhangs.

      Die verschiedenen Lektüreerfahrungen sind schon interessant. Zum Beispiel habe ich auf meiner kleinen Ostrundreise in drei verschiedenen Haushalten die prächtig bebilderten Reiseerzählungen der beiden Tschechoslowaken Jirzi Hazelka und Miroslav Zikmund vorgefunden, von denen ich noch nie gehört hatte.

  4. danysobeida schreibt:

    Bonito relato de la historia, creo que me gusta mucho leer: entre el traductor de alemán, el ir y venir de tus descripciones de los lugares que visitas y los escapes a tu propia mente. A veces no se que es real.

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