„Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ von Jonas Jonasson

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In den öffentlichen Bücherschränken laden Leute zu 96,5 % Schund ab. Ist ja auch logisch, denn die richtig guten Bücher behält man oder verschenkt sie mit den besten Empfehlungen an Freunde.

Aber es gibt Ausnahmen.

Vor ein paar Tagen kam ich beim abendlichen Spaziergang in Solln an so einem Glaskasten vorbei. Auch wenn mir die obige Statistik gut bekannt ist, nicht zuletzt weil ich sie selbst erstellt habe, kann ich meine Neugier doch nur selten zügeln.

Ohne viel Hoffnung stöberte ich durch die üblichen Schmonzetten, veraltete Ausgaben des Grundgesetzes und Bände mit Abituraufgaben von 1995, die heute als unlösbar gälten. Wahrscheinlich weil eine Reise nach Schweden unmittelbar bevorsteht, griff ich zu dem eigentlich abschreckend dicken und langatmig titulierten Buch „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ des schwedisch klingenden Jonas Jonasson.

Um das Buch nicht rein verdachtsmäßig nach Hause zu tragen, setzte ich mich auf eine nahe Parkbank und begann die Lektüre.

Zuerst schmunzelte ich. Dann grinste ich. Dann hielt ich mir den Bauch vor Lachen. Und das alles auf den ersten Seiten.

Und die nächsten beiden Abende verbrachte ich bis spätnachts mit Allan Karlsson, einem hundertjährigen Sprengstoffexperten, der sich durch Schweden und die Geschichte des 20. Jahrhunderts sprengt. Eigentlich will er nur seiner eigenen Geburtstagsfeier entkommen (ein verständlicher Wunsch), aber eine Stunde später wird er schon von der örtlichen Mafia gejagt, versteckt sich bei einem ebenfalls sehr alten und nicht ganz gesetzestreuen Mitbürger, und so beginnt die gemeinsame Flucht.

Die Verwirrungen und Verstrickungen sind genial konstruiert, aber der Ton so locker (hervorragend übersetzt von Wibke Kuhn) und humorvoll, selbst wenn hier und da mal gestorben wird. Die Revolutionen, Weltkriege und andere Ärgerlichkeiten, die Allan Karlsson in seinem langen Leben überlebt hat, werden abwechselnd zur aktuellen Flucht erzählt, wobei nur die Erfahrung der Zwangssterilisation wirklich bedrückend ist. Durch alle anderen Situationen windet er sich mit Humor, freundlicher Zurückhaltung und steter Aufgeschlossenheit zu Neuem.

Spannend wie ein Schwedenkrimi, aber lustig wie ein schwedischer Schwejk. Und ein Buch, das mit seinen mittel- bis sehr alten Protagonisten Lust auf das Leben macht.

Deshalb gibt es hier ausnahmsweise mal eine Leseempfehlung für eher leichte Literatur. Falls jemand die anderen Bücher von Jonas Jonasson gelesen hat, würde mich Eure Meinung interessieren. – Und hat jemand von Euch in einem dieser öffentlichen Bücherkästen schon einmal etwas Gutes gefunden?

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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14 Antworten zu „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ von Jonas Jonasson

  1. Der Hundertjährige ist ein echter Kracher und wirklich sehr amüsant. Leider hat er eine Flut von Buchtiteln mit Relativsatz ausgelöst, die meistens weniger als halb so lustig waren. Vor weiteren Büchern des Autors muss ich leider ebenfalls warnen. Was beim ersten Hundertjährigen noch so federleicht und zufällig schicksalhaft daherkommt, ist in nachfolgenden Werken sehr konstruiert und mühselig. Lieber dieses Buch ein zweites Mal lesen und sich an den Feinheiten erfreuen 😊

    • Andreas Moser schreibt:

      Vielen Dank für die Warnung, die genau meinen Befürchtungen entspricht! So einen „Kracher“ zu wiederholen ist halt kaum möglich, insbesondere nicht, wenn man es krampfhaft versucht.

      Irgendwie habe ich gerade „Vom Schweden, der den Zug nahm und die Welt mit anderen Augen sah“ von Per Andersson in die Hand bekommen, was ebenfalls auf dieser Welle zu reiten scheint. Mal sehen, ob das Buch oder meine eigene lange Zugfahrt nach Stockholm interessanter sein wird.

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich mache hiermit Titelschutz geltend für „Vom Autor, der ein Buch schrieb, dessen Titel aus einem, wenn nicht aus mehreren Relativsätzen und anderen Syntaxkonvoluten besteht, die nur der Verkaufsförderung wegen gewählt wurden, wobei unklar ist bzw. beim Erscheinen des Buches unklar gewesen sein wird, ob diese Strategie auch aufgeht oder aufgehen wird, wenn der Name des Autors nicht über die mit lustigen Querstrichen und anderweitig verzierten Umlaute, ein Wort, das paradoxerweise keinen solchen enthält, verfügt, die auch von linguistischen Laien als skandinavisch und damit wohl irgendwie als hipp und cool – oder wie immer der aktuelle Begriff für hipp und cool lautet – interpretiert werden“.

    • Gute Idee. Ich werde mich bei meinem Roman etwas kürzer fassen : Die Frau, die endlich einen Bestseller schrieb, obwohl sie Relativsätze im Titel nicht ausstehen konnte

    • Andreas Moser schreibt:

      Das ist auch gut!

      Mir fällt auf, dass wir uns kaum als „Der Deutscher, der …“ oder „Die Deutsche, die …“ bezeichnen würden, wohingegen die Schweden, Schwedinnen, Finnen, Finninnen und anderen Wikinger und Wikingerinnen damit sogar kokettieren. Es ist schon dumm, wenn man aus einem Land kommt, das nicht von vornherein einen weltweiten Sympathiebonus hat.

  2. Pingback: “The Hundred-Year-Old Man who Climbed out of the Window and Disappeared” by Jonas Jonasson | The Happy Hermit

  3. Fritz schreibt:

    In der Tat ein wunderbares und in mannigfacher Weise äußerst lesenswertes Buch!
    Ohne jetzt auf die Details einzugehen hier noch eine weitere Buchempfehlung, was skandinavischen Humor und Feinsinnigkeit betrifft:
    Arto Paasilinna: Der wunderbare Massenselbstmord

  4. sinnlosreisen schreibt:

    Ich hab mich ebenfalls schief gelacht beim Hundertjährigen. Ich fand auch „die Analphabetin, die rechnen konnte“ ziemlich gut. Der Stil ist natürlich ähnlich, aber es ist ja auch vom gleichen Autor.

  5. tinderness schreibt:

    Ich habe in meiner näheren Umgebung drei öffentliche Bücherkästen: eine ist in einem ehemaligen „Abstellkammerl“ der Strassenwacht untergebracht, ein anderer in einer ehemaligen Telefonzelle – Orte, die im öffentlichen Raum signalisieren: dieser Ort wurde (wird?) nicht mehr gebraucht. In beiden ein Schild, in dem darum ersucht wird, nicht mehr Bücher abzulagern, als die Regale halten können. Den originellsten Bücherkasten fand ich integriert in ein „Bänkli“ mit Aussicht auf die Hügellandschaft Mostindiens, gut gefüllt mit Literatur zu Flora und Fauna. Sehr brauchbar! Im übrigen glaube ich, dass Bücherkästen oft nur die Funktion haben, die alten (und nicht mehr interessanten) Schmöker ohne schlechtes Gewissen „abstossen“ zu können. Sarkophag also und keine Tauschzentrale. Ach ja, die öffentliche Bibliothek meines derzeitigen Aufenthaltsortes besitzt eine Bücherkiste, aus der man gegen einen Franken pro Stück Bücher mitnehmen darf. Eigenartig, findet ihr nicht?

    • Andreas Moser schreibt:

      Oh, die Bänkli-Flora-Fauna-Kombination klingt gut durchdacht!

      Bei den meisten habe ich auch den Eindruck, dass einfach aller alte Schrott abgeladen wird. Man merkt deutlich, ob so eine Institution kuratiert wird.
      Den mit Abstand besten Bücherkasten fand ich an der deutsch-belgischen Grenze bei Aachen, bei einem Kulturzentrum namens Kubus. Sehr zu empfehlen! Da habe ich wirklich jedes Mal einige Bücher mitnehmen können.

      Dass Stadtbibliotheken überzählige oder ausrangierte Büchererkaufen, kenne ich auch. Die haben anscheinend auch nicht genügend Platz.
      Da kann man manchmal gute Schnäppchen machen. (Wiederum ist der wöchentliche Büchermarkt der Stadtbibliothek in Aachen der mit Abstand beste. Die verkaufen die Bücher, die ihnen gespendet werden, von denen sie jedoch schon ein Exemplar haben. Da sind also besonders viele Klassiker und auch neueste Literatur günstig zu haben. 50 cent pro Zentimeter Buchrücken, glaube ich.)

    • tinderness schreibt:

      Interessant: man sollte ein Rezensionsblog für öffentliche Bücherkästen aufmachen: da gäb es sicherlich viel zu erzählen …..

    • Andreas Moser schreibt:

      Oh ja, das ist eine gute Idee!

      In Brüssel hatte ich mal einen vor der Tür, in dem ständig Bücher deponiert wurden, die von Mäusen nicht nur angeknabbert, sondern schon halb aufgegessen waren.

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