Tag der offenen Landstraße

Sonntag, 8. September. Tag des offenen Denkmals. Heute sind sie geöffnet, die Burgen und Bunker, Klöster und Kathedralen, die dem Volk sonst verschlossen sind. Das muss man nutzen, denke ich. Im Veranstaltungsprogramm streiche ich einige Punkte an.

„Das kannst du streichen“, sagt die Freundin.

Ist doch nur einmal im Jahr, denke ich. Aber ich will keinen Disput. Vor allem, weil sie einen besseren Vorschlag macht: „Fahren wir per Anhalter nach Liège!“

Wir befinden uns in Aachen, das sollte ich erwähnen. Keine üble Stadt, aber das beste daran ist die Lage. Kaum ist man draußen aus der Stadt, schon ist man drüben in Belgien.

Wir haben nur einen Tag Zeit. Ich fahre nicht gerne für einen Tag in große Städte. Ist ja kein uninteressantes Kaff, dieses Liège, da kann man schon ein bisschen was sehen. Dann lieber gar nicht. Oder eben erst, wenn ich mal vier oder fünf Tage Zeit habe.

Wir einigen uns, ganz ohne Disput. Bis zur Grenze fahren wir mit dem Auto. Die Freundin hat nämlich eins. Sie will nur wissen, wie mein Vagabundenleben aussieht. Wir beide wollen wissen, ob es funktioniert, wer uns mitnimmt, wie lange wir warten müssen. Ein wissenschaftliches Experiment gewissermaßen.

In Belgien beginnen wir mit dem Autostopp. Wir haben dort nämlich mal eine blaue Bank gesehen, eine Mitfahrbank. Da stellt man sich hin – oder sitzt, wenn man müde ist -, hält den Daumen raus oder nicht, und schwupp, hält ein Auto. In der Theorie. Heute machen wir den Praxistest.

Andreas Mitfahrbank sitzend

Wer’s wissen will: Die Bank steht vor einem Café. Das Café steht direkt an der Grenze. Kubus oder Kukurusa heißt es. Jedenfalls an der Eupener Straße. Wenn Eupen-Malmedy nicht zu Deutschland will, dann kommen wir eben nach Eupen.

Wir gucken freundlich. Wir lächeln, obwohl wir hinter den Windschutzscheiben nichts erkennen können. Manche Fahrer winken. Anhalten wäre besser. Na gut, manche Autos sind schon voll. Ist viel los für Sonntagmorgen. Gut, dass die Grenze offen ist. Danke, Merkel!

Etwa zehn Minuten, bis das erste Auto hält. Deutsches Kennzeichen, niederländischer Fahrer, der nach Belgien zum Einkaufen fährt. Und zum Autowaschen. „Hier bekommen Sie eine Autowäsche für 10 €. Handwäsche! Das ist in Deutschland gar nicht mehr erlaubt.“

„Gute Musik“, sagt die Freundin, um das Thema zu wechseln.

„Aber bald kommt Gesang“, warnt der Fahrer.

„Hoffentlich nicht so heftig wie bei Wagner“, werfe ich ein. Das ist riskant. Wenn es Wagner wäre, dann wäre die Stimmung im Wagen kaputt. Wer Anhalter mitnimmt, will nicht, dass die ihm das Radioprogramm diktieren.

„Oh nein, das wäre zu viel am frühen Morgen“, entwarnt der fliegende Holländer. „Aber Sie kommen von dort unten, oder?“ Er meint Bayreuth.

„Ja, aus Bayern“, gebe ich zu. Ein Niederländer, eine Georgierin und ein Deutscher sprechen Deutsch, aber der Deutsche hat den stärksten Akzent. Deprimierend.

Rechts fliegt ein Golfplatz vorbei. Der Fahrer und die Freundin unterhalten sich darüber, wen sie im Golfclub kennen. Das ist nicht meine Welt. Ich fühle mich ausgeschlossen.

Eigentlich könnte ich ein Nickerchen machen. Aber wir sind schon da. Nicht in Eupen, aber Eynatten, auf halbem Weg. „Die Familie wartet auf das Frühstück, tut mir leid. Sonst hätte ich sie gerne nach Eupen gefahren.“ Auch in Eynatten fährt der nette Herr noch weiter als er muss. Er will uns auf die richtige Straße nach Eupen setzen.

Er hat gar nicht gefragt, warum wir an der Straße stehen. Wer Autowäsche und Golfplätze empfiehlt, glaubt wohl eher nicht, dass wir ein armes autoloses Anhalterpaar sind.

Jetzt stehen wir also in Eynatten. Ohne blaue Bank. Oder wir finden sie nicht. Wieder Lächeln, Daumen, Winken. „Versuch du mal“, ermuntere ich die Freundin, „vielleicht hält dann jemand.“ Sie ist ziemlich attraktiv.

Achtmal, zehnmal, zwölfmal hält sie den hübschen Daumen raus. Aber niemand hält. „Ach Scheiße, ich kann das nicht“, gibt sie entnervt auf. „Mach du mal!“

Wir wechseln die Position. Ich stecke den Daumen raus. Gleich das erste Auto hält.

Der Fahrer ist noch am Telefon. Er winkt, dass wir einsteigen sollen.

Über das Fahrtziel sprechen wir gar nicht. „Wohin sonst als nach Eupen wollen sie wohl wollen?“ denkt er sich. „Er wird schon nach Eupen fahren“, denke ich mir. „Andreas wird schon wissen, was er tut“, denkt sich die Freundin. Sie kennt mich noch nicht lange.

Der Chauffeur ist ein gemütlicher Typ. Seine rechte Hand ruht in der Hosentasche. Auch während der Fahrt. Ganz locker. Am Spiegel baumelt ein orthodoxes Holzkreuz. Sein T-Shirt ist voller Farbspritzer.

„Sind Sie Maler?“, frage ich.

„Wir sind gerade umgezogen. Neues Haus mit sechs Zimmern. Das muss ich alles streichen.“ Er klingt stolz, aber erschöpft. Jetzt habe er genug Platz für Besuche von Verwandten, „aber meine Frau mag das nicht so gerne.“ Vielleicht will sie die zusätzlichen Zimmer mit neuen Babies füllen.

Das Gespräch kommt darauf, wo wir herkommen. Die Freundin ist aus Georgien, das habe ich schon erwähnt, glaube ich. Der Fahrer ist aus Armenien. So ein kaukasischer Zufall auf der belgischen Landstraße. Die beiden sprechen ein bisschen Russisch. Nur um zu testen, wie verrostet es ist.

Armenier und Aserbaidschanerin im gleichen Auto wäre schlimmer. Oder Abchase und Georgierin. Aber auch hier bemerke ich eine gewisse Spannung. Georgier haben einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber Armeniern. Denn Armenier haben den besseren Cognac. Außerdem schlauere Schachspieler. Und jetzt sogar eine friedliche Revolution.

„Andreas war schon einmal in Armenien“, sagt die Freundin. Anscheinend liest sie meinen Blog. Das machen nicht alle Freunde. Leider.

„Aber nur in Jerewan und in Dilijan“, schränke ich ein. Vielleicht kommt er von dort. Nein. Er ist aus Karabach. Da war ich noch nicht.

Wohin wir in Eupen wollen, fragt uns der Karabacher. Wir wissen es nicht genau. Er empfiehlt einen Spaziergang an der Wesertalsperre. Er würde uns gerne dorthin fahren, aber er muss seine Frau vom Trödelmarkt abholen.

Trödelmarkt? Da kommen wir gerne mit. Schließlich soll es ein spontaner Tag werden, so der unspontane Plan.

Allein hätten wir den Markt nie erkannt. In einem Parkhaus versteckt er sich. Und was es da alles gibt! Schallplatten, Videokameras, Bücher, Geschirr natürlich. Und Kriegsklimbim. Eiserne Kreuze, Hakenkreuze, vielleicht noch etwas von den Kreuzrittern. Daneben ein T-Shirt, auf dem sich Micky Maus und Minnie Maus küssen.

Der Armenier findet seine Frau, trottet ihr hinterher. Er will endlich Mittagessen, dann mit dem Hund zur Talsperre. Aber die Frau muss sechs Zimmer einrichten. Er stellt uns vor. Die Armenierin ist nicht so begeistert, dass ihr Mann eine junge Georgierin aufgegabelt hat. Nur missionieren will sie: „Kennen Sie schon die orthodoxe Kirche in Eupen?“ Die Freundin ist aber Atheistin. Alte sowjetische Schule. Am liebsten würde sie alle Kirchen sprengen.

Wir verabschieden uns.

„Hast Du gesehen, dass er keine rechte Hand hatte?“ fragt die Freundin, als wir weg sind. Sie hat Anatomie studiert, kennt sich also aus. Mir wäre es gar nicht aufgefallen. Ich blicke eher auf die inneren Werte. Die Hand, die ich in der Hosentasche vermutete, liegt in Wirklichkeit wohl auf einem Schlachtfeld in Berg-Karabach. Armer armloser Armenier.

Eupen könnte schon interessant sein. Aber heute ist es kühl und grau. Grau ist auch das Museum für Zeitgenössische Kunst, zumindest von außen. Ein Betonklotz wie Gymnasien und Studentenwohnheime aus den 1970er Jahren. Zwischen Solarstudio und Supermarkt.

Ein streunender Hund führt uns zum schönsten Haus in Eupen. Unklar, ob noch jemand drin wohnt.

altes Haus Treppealtes Haus

Irgendein Festival campiert in der Stadt. Der Park ist voller Zelte. Ein Mädchen putzt sich am Fluss die Zähne. Viele Leute mit Rucksäcken und Isomatten. Ein belgisches Woodstock. Aber niemanden von ihnen trampt. So cool sind nur wir.

„Fahren wir nach Limburg, dort ist es schön“, schlägt die Freundin vor. Ich dachte, Limburg sei in den Niederlanden. Oder in Deutschland. Aber die Freundin weiß es besser.

Wieder auf der Landstraße. Ein kleines Auto hält. Der Fahrer raucht. Eigentlich raucht das ganze Auto. Wir sind keine Tabakgegner, eher im Gegentum, also steigen wir ein. Der Fahrer bietet mir eine Zigarette an. Ich biete ihm eine Zigarre an. Wir lehnen beide ab. So geht das Ritual.

Der Fahrer sieht osmanisch-babylonisch aus, spricht aber Französisch. Wir haben also die germanisch-romanische Sprachgrenze überschritten. Auch er erzählt stolz vom Hauskauf. Die Wirtschaft boomt anscheinend.

Ohne zu fragen, wohin wir wollen, bringt er uns bis zum Marktplatz. Denn genau da ist sein neues Haus. Ob wir eine Wohnung mieten wollen? Nein, danke. Oder den Laden im Erdgeschoss? Eher nicht. Er ist enttäuscht.

Ich würde lieber einen der Jeeps mieten, die seit dem Zweiten Weltkrieg herumstehen.

Andreas Moser Jeep.jpg

Aber die Jeeps fahren an die Front. Zur Ardennendefensive. Falsche Richtung. Wir wollen auf die Burg. Also müssen wir als Infanterie weiter. Vorher noch Energie tanken an der Frittenbude. Gutes Essen kann so einfach sein.

Dieses Limburg ist wirklich beeindruckend, da hatte die Freundin schon Recht. Auf einem Berg gelegen, ganz von einer Stadtmauer umgeben. Mittelalterlich. Unebene Pflastersteine. Pflanzenumrankte Häuser. Die Kirche thront über einem Abhang. Keine neuen, hässlichen Bauten. Wie geschaffen für Ritterfilme.

Aus einem der Häuser ertönt ein Chor. Etwas schief, so wie die Häuserfront. Aber er lockt uns ins Hexenhaus. Einmal über der Schwelle, und ich merke, es ist mehr Herrenhaus als Hexenhaus. Spiegel und Gemälde an den Wänden. Weicher Teppich. Kronleuchter an den Decken. Ein Piano. Und gedeckte Tafeln mit Limburger Käse.

Ambassade

Ambassade mit Käse

Vom Käse bekommen wir nichts. Nur zwei Gläser Wein. Und einen Vortrag. Von einer niederländischen Frau, die die Geschichte Limburgs, des Hauses, ihre Funktion und vieles weitere erklärt. So schnell, dass ich nicht alles verstehe. Aber die drei Limburgs sind anscheinend verknüpft, waren alle mal Teil des Herzogtums Limburgs. Auf dieser Burg war der Hauptsitz. Auch der Bischof von Lüttich wohnte hier. Jetzt ist es ein Kulturhaus für belgisch-niederländisch-deutsche Begegnung. Im Geiste des Herzogtums Limburg, aber hoffentlich ohne Erbfolgekrieg.

Uns schwirrt der Kopf, von den Erläuterungen und vom Wein. Im Garten finden wir eine ruhige Ecke unter Rosen und Efeu. Die Freundin kippt den Inhalt ihres Glases in die Hecke. „Einen besseren Wein hätten sie schon anbieten können.“ Georgier sind etwas snobistisch beim Wein, von dem sie glauben, ihn erfunden zu haben.

Die Frau im Herzogshaus hatte von einem Wanderweg erzählt, dem „Chemin des Ducs de Limbourg“. 140 km durch die hübsche Herbstlandschaft. Ich finde das verlockend. Die Freundin hält es für eine Scheißidee.

Dafür überzeuge ich sie zu einem Abstecher in die Kirche. Ein Riesenteil, wie in Paris oder so! Aber leer, wie wenn die Wikinger gerade durchgezogen wären. Die Farbe blättert ab, im Boden sind Löcher, der Schimmel sitzt an den Wänden. Da hilft kein Gebet mehr.

Kirche 1Kirche 2Kirche 3

Dieser Tag des offenen Denkmals kann ganz interessant sein, da hatte ich schon Recht.

Aber irgendwann müssen wir aus dem Mittelalter wieder in die Moderne. Vom Marktplatz mit Hufschmieden auf die Landstraße mit Truckern. Jetzt kommt das Dumme am Trampen: Man muss eigentlich immer an den Ortsausgang gehen. Denn im Stadtzentrum nimmt einen niemand mit. Es sind nur ein oder zwei Kilometer, ein Klacks. Aber für die Freundin gleicht es dem Kreuzzug nach Canossa. „Ich muss aufs Klo.“ „Mir ist kalt.“ „Ich bin kaputt.“ „Ich vermisse mein knuffiges Kraftfahrzeug.“

Am Ortsausgang von Limburg ist eine Bushaltestelle. Das eröffnet die Möglichkeit zum Kompromiss. Vielleicht ist die Freundschaft noch zu retten. Wir warten auf den Bus – er kommt in einer Stunde – und versuchen gleichzeitig, ein Auto zu stoppen. Jetzt lächle und grinse nur noch ich. Niemand bleibt stehen.

Ich bin auf alles vorbereitet. Wie ein Schweizermesser. Im Rucksack steckt ein Karton und ein dicker Filzstift. Die Freundin ist künstlerischer als ich. Also muss Sie malen: „EUPEN – AACHEN“, in fetten Lettern. Jeder, der Limburg nach Osten verlässt, muss in diese Richtung. Es gibt also keinen Grund, nicht für uns anzuhalten.

In Diskussionen repräsentiert die Freundin sonst eher eine milde Form des Kapitalismus und ich den Sozialismus. Aber in der Kälte wird sie radikal: „Diese bourgeoisen Bünzlibürger in ihren Bonzenkarren würden uns erfrieren lassen. Leute, Ihr habt doch alle Platz! Bricht Euch denn ein Zacken aus der Spießerkrone, wenn Ihr eine Minute Eure Sonntagsfahrt unterbrecht?“ Das Sein bestimmt eben doch das Bewusstsein. So weit hatte Marx Recht.

Auf der Gegenfahrbahn hält ein kleines rotes Auto. Ein junges Paar kurbelt die Fenster herunter. Das Mädchen ruft herüber: „Hey, wir haben Euch gesehen und sind umgekehrt. Ihr könnt mit uns nach Eupen fahren.“ Wow. Ein fremdes Paar, auf einem romantischen Ausflug, kehrt extra um, fährt zurück, nur um uns zu helfen. Es gibt doch gute Menschen. Aber zuerst müssen sie die Rückbank leeren. Dutzende von Bier-, Wein-, Schnaps- und Whiskeyflaschen wandern in den Kofferraum. Ebenso Picknickdecken, Kissen und Rucksäcke. „Wir haben keinen Platz“, hätten andere Fahrer gesagt. Nicht diese beiden.

„Das ist doch selbstverständlich“, sagt das Mädchen. Sie war gerade in Australien. Per Anhalter hat sie die Ostküste erkundet. Freundlich und hilfsbereit waren die Menschen dort. Immer wurde sie mitgenommen.

Auch während der Fahrt trinken die beiden ein Bier. „Merde, Polizei“, ruft der Junge polyglott aus, als in Eupen ein Polizeiauto vor uns auf die Straße fährt. Das wäre echt ärgerlich, wenn sie jetzt angehalten werden. Denn extra für uns fahren sie weiter als sie müssen, um uns an der Straße nach Aachen abzusetzen.

Es ist wieder warm und sonnig geworden. Die Leute sind wieder glücklich und hilfsbereit. Bald hält eine freundliche Frau. „Wohin in Aachen müsst Ihr?“ fragt sie. „Zum Kukuk„, sagt die Freundin, die sich Ortsnamen besser merken kann als ich. „Dann steht Ihr aber an der falschen Straße“, erklärt die Frau, die nicht nur Fremden eine Fahrt offeriert, sondern auch ihre Navigationsanfängerfehler korrigiert. Vielleicht ist sie Lehrerin. „Hier geht es zur Autobahn nach Aachen, Ihr braucht die Landstraße.“

So gehen wir zurück in die Innenstadt von Eupen. Das australische Alkoholikerpaar hätte sich den Umweg sparen können. Merke: Immer genau sagen, wo man hin will. Die meisten Fahrer kennen sich aus und setzen einen an einem günstigen Punkt ab. Für Autofahrer ist oft nur ein kleiner Umweg, was dem Tramper mühevolle Stunden in sengender Sonne erspart.

Dank des „AACHEN“-Schildes können wir jetzt auch in der Mitte des Ortes stehen bleiben, denn lesen kann jeder Autofahrer. Und tatsächlich, nach wenigen Minuten hält eine junge Frau. Statt Alkoholflaschen muss sie Aktenordner vom Rücksitz räumen. „Ich bin schon einmal an Euch vorbeigefahren, aber dann umgekehrt und zurückgekommen“, erklärt auch sie.

Sie erläutert den Plan: „Ich fahre nur bis zur Grenze, zum Kukuk. Aber dort treffe ich Freunde, die fahren später nach Aachen zurück. Die können Euch den Rest des Weges mitnehmen.“ Wahnsinn, wie nett die Leute sind! Aber beim Kukuk wartet das Auto der Freundin, so dass unser Abenteuertag dort ein jähes Ende finden muss. „Schade“, denke ich mir. „Endlich“, denkt sich die Freundin.

Wenn man als Anhalter Nichtanhaltern vom Trampen erzählt, hört man komische Fragen. Nach Gefahren. Nach Massenmördern. (Wer massenmorden will, schießt doch viel lieber ein Flugzeug nach Mallorca ab.) Und manchmal kommt der Vorwurf, man sei parasitär. Aber so ist es nicht. Es ist nicht nur Nehmen, es ist Geben und Nehmen. Die Passagiere erzählen Geschichten, unterhalten, geben Reisetipps, lösen Rechtsfragen oder hören einfach nur zu. Der Fahrer bleibt wach, und zuhause hat er etwas zu erzählen. Die Zeit vergeht wie im Flug. Tramper geben dem Fahrer das Gefühl, etwas Gutes, vielleicht sogar etwas Abenteuerliches getan zu haben. Die junge Frau erzählt ganz offen: „Ich wollte schon immer mal Anhalter mitnehmen, habe aber noch nie jemanden gesehen. Ihr seid die ersten.“ Eine lupenreine Win-Win-Situation.

Was uns an diesem Tag auffällt: Mit Ausnahme der Frage, wohin wir wollen, hat uns niemand ausgefragt. Kein Fahrer hat gefragt, wieso wir nicht den Bus oder den Zug nehmen. Kein Fahrer hat gefragt, ob wir etwa arm wären. Kein Fahrer hat gefragt, was wir arbeiten, ob die Promotion schon fertig ist, ob wir Kinder haben, woher wir uns kennen, all das Zeug, das man sonst ständig gefragt wird. So eine Fahrt mit Fremden ist viel angenehmer als die meisten Familienfeiern.

Die Abendsonne taucht die ostbelgischen Hügel, Kühe und Farmhäuser in wohlig-warmes Licht. Das Grün ist saftig, das Himmelsblau kräftig, die Schafe fett und glücklich. Bei Hauset weist die Fahrerin auf das Schlemmerstübchen, „die beste Frittenbude in der DG“, der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, hin. Wieso dann keine der beiden Damen anhalten will, bleibt mir unverständlich. Aber das Ziel für die nächste Anhalterfahrt ist schon gesteckt. Recherche mit praktischem Nutzen für meine Leser ist das oberste Gebot für diesen Blog!

Und schwupps sind wir am Kukuk, an der belgisch-deutschen Grenze. Ende eines erfüllten Tages. Meine Bilanz: „Das hat ja super geklappt! Ich werde es öfter versuchen, auch mal für längere Fahrten.“ Die Bilanz der Freundin: „Nie wieder! Aber“, so gesteht sie immerhin zu, „ich werde ab jetzt immer anhalten, wenn ich jemanden am Straßenrand sehe.“

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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16 Antworten zu Tag der offenen Landstraße

  1. Ein sehr unterhaltsamer Reisebericht! Besonders hat mir gefallen, dass gleiches Sein bei Männern und Frauen zu einem unterschiedlichen Bewusstsein führen kann;)

    • Andreas Moser schreibt:

      Dankeschön!
      Wobei es auch Frauen gibt, die per Anhalter um die Welt reisen.
      Auch bei der Freundin habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass die Abenteuerlust mal wieder zuschnappt. In ein paar Wochen wird sie hoffentlich das Negative vergessen haben, das Positive erinnern, oder merken, dass sie im eigenen Auto auch nicht alle 500 m eine Toilette vorfindet. 😉

  2. Heiko schreibt:

    Haben wir hier unten in einzelnen Dörfern auch, benutzt aber niemand wirklich.

    • Christina schreibt:

      Bei uns bisher das selbe, stehen aber auch noch nicht so lange.

    • Andreas Moser schreibt:

      Wo ist das?
      Ich komme gerne mal vorbei.
      👍

    • Heiko schreibt:

      Im Landkreis Karlsruhe. Das Problem bei der Sache ist vermutlich dass die Bänke so aufgebaut sind, dass man sich damit hauptsächlich Innerorts bewegen kann. Also steht eine am Bahnhof, eine am EInkaufszentrum, etc. und man kann auf sonem Klappschild auswählen wo man hinwill.

    • Andreas Moser schreibt:

      Ach so. Ich finde das eher etwas für den ländlichen Raum, wo selten der Bus kommt. Ausserdem weiß man ja an den meisten Ortsausfahrten, wo der Wartende hin will, weil es nur eine Richtung gibt.

    • Heiko schreibt:

      Naja, es sind die gleichen blauen Bänke. Ich denke irgendjemand im Gemeinderat hat das halt gesehen und gedacht das machen wir auch. Weil viel Sinn macht es in der Form halt wirklich nicht.

  3. ab nach Hause schreibt:

    Tolle Bilder.
    Das Haus, dass Dir „der Hund gezeigt hat“, ist total schön, auch wenn nicht mehr ganz in Schuss.

    • Andreas Moser schreibt:

      Und davor war ein verwucherter Garten.
      Nebenan war ein weiteres Gebäude, das nicht mehr in Schuss und definitiv nicht mehr bewohnt war, das mal ein Klub oder eine Kneipe war.

  4. dany sobeida schreibt:

    Te ves muy feliz, la novia es hermosa y divertida a valorar por tu relato, dos cosas lamentables, como pueden dejar abandonada una casa como esa y no poder lavar autos es un pecado.

    • Andreas Moser schreibt:

      Despues de la publicacion del articulo, no estoy seguro si la novia todavia es la novia.

    • danysobeida schreibt:

      Intenta solucionarlo, tengo la impresión que ella es muy especial.

    • Andreas Moser schreibt:

      Si, ella es, pero que puedo hacer? Soy vagabundo-trotamundo sin carrito y tengo que hacer el dedo que no gusta a la senorita de mis suenos. Es tragico!

    • danysobeida schreibt:

      Como lo siento, en Canadá esa banca vacía y en Bélgica? La banca del autostop…creo que debes pensar en otro tipo de asiento. Es un broma por supuesto, si no se entiende lo siento … el humor no es lo mío. Espero todo se arregle con esa señorita.

  5. Pingback: Day of the Open Road | The Happy Hermit

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