Geschichtsunterricht in Bolivien

Wenn man nach einem Tag Fußmarsch durch den Dschungel und einigen Flußüberquerungen endlich auf ein Dorf trifft, ist man erleichtert. Wenn man dann in dem 300-Einwohnerdorf eine aktive Schule erblickt, schlägt das Bildungsbürgerherz höher.

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Zuerst einmal gab es anstatt Bildung ein bißchen Patriotismus.

In Reih und Glied aufgestellt trällerten die Schüler vom Stamme der Mojeños die Hymne der Plurinationalen Republik Bolivien, bevor sie dann in ebenso militärischer Ordnung in ihre Klassenzimmer abmarschierten. Wie alle Gebäude in Buen Pastor war auch das Schulhaus eher schlicht gehalten.

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Zu meiner Überraschung gab es auch einen Computerraum, der allerdings seit 5 Monaten eingemottet war weil die Stromversorgung durch die Solarzellen hinter dem Schulgebäude nicht mehr funktionierte.

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In unserer Gruppe war ein Ingenieursstudent, der feststellte, dass sowohl die Solarzellen als auch die Batterien in Ordnung waren und dass lediglich ein zwischengeschaltetes Teil ausgewechselt werden mußte. Das hatte er allerdings nicht dabei, und er würde erst wieder in einigen Monaten vorbeischauen. Also ein weiteres Semester ohne Strom.

Wenigstens müssen sich die Lehrer keine Sorgen machen, dass die Kinder mit ihren Handys abgelenkt sind.

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Apropros Lehrer: Die müssen 6-8 Stunden durch den Dschungel laufen bzw. in der Regenzeit durch den Matsch waten, bis sie zur Schule kommen. Die vier Lehrer, die dort arbeiten, sind aus anderen Teilen des Landes, müssen aber zwischen den großen Ferien einige Monate in einem Dorf ohne Duschen, ohne WCs, ohne sauberes Wasser (man trinkt aus dem Fluss oder in der Regenzeit das Regenwasser) und schon seit fünf Monaten ohne Strom leben. Man bekommt keine Zeitungen, und besuchen tut einen auch niemand, weil jeder Angst vor Schlangen und Piranhas hat. Die Heimfahrt fürs Wochenende lohnt sich wegen des langen Fußmarsches nicht. Privatsphäre gibt es keine, weil alle in offenen Hütten rund um eine aus dem Dschungel gehauene Lichtung leben. Der Arzt kommt einmal im Monat vorbei. Fisch und Reis hängen einem nach ein paar Wochen zum Hals raus. Nach dem Gehalt wollte ich da gar nicht mehr fragen.

In der Pause, die natürlich zum Fußballspielen genutzt wurde, schlich ich mich in eines der Klassenzimmer, um mich über die Geschichts- und Sozialkundebücher herzumachen. Und was sieht man da, mitten im Urwald Südamerikas?

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Von den zehn abgebildeten Personen enstammen 30% der deutschen Geschichte. Plus Vichy-Pétain. Überhaupt führt das bolivianische Geschichtsbuch keinen einzigen Bolivianer oder Südamerikaner auf dem Titel. Wo ist Bolívar?? Nein, Hindenburg war wichtiger. Naja, immerhin hat Garibaldi in Südamerika gekämpft, und Napoleon hat durch seinen Krieg gegen Spanien indirekt den südamerikanischen Freiheitskämpfern den Freiraum für ihre Revolutionen bereitet.

Andererseits erfüllt es mich als geschichtsbewußten Deutschen durchaus mit Freude, dass schon die kleinen Kinder in elektrizitäts- und straßenlosen Urwaldsiedlungen über die Weimarer Republik Bescheid wissen. Gespannt vertiefe ich mich in die Lektüre über Federico Ebert, Adolfo Hitler und Pablo von Hindenburg.

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Von einem Schulbuch für die dritte Sekundarstufe, noch dazu auf einem fernen Kontinent, erwarte ich mir natürlich keine Erklärungen auf dem Niveau der tausendseitigen Wälzer, die ich sonst verschlinge. Aber

  • war die Weimarer Republik wirklich eine „república socialista“?
  • wenn man schreibt, dass Adolfo Hitler durch ein Plebiszit zum Führer ernannt wurde, sollte man dann nicht erwähnen, dass das Deutsche Reich am 19. August 1934 schon eine gleichgeschaltete Diktatur war?
  • den Volksgerichtshof ohne Erklärung als „tribunales del pueblo“ zu bezeichnen, erscheint verharmlosend.
  • dass die Nazis die Sozialversicherung eingeführt hätten, ist auch nicht ganz richtig.
  • dass Gestapo und SS nicht das gleiche waren, fällt demgegenüber wirklich nicht ins Gewicht.

Aber dieses Buch erwähnt wenigstens den Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus und die Judenverfolgung. Ein anderes Lehrbuch, das im Bücherschrank liegt, behandelt die Geschichte des Dritten Reichs, ohne den Holocaust nur einmal zu erwähnen, obwohl Bolivien eines der Länder war, das relativ viele jüdische Flüchtlinge aufnahm.

Mal sehen, wie es weiterging in diesem fernen Deutschland.

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Deutschland wird also „Weltmacht“, zahlt seine Auslandsschulden nicht und steckt die Arbeitslosen ins Militär. Hitler und Mussolini verbünden sich gegen die Kommunisten und helfen Freund Franco.

Und dann – schwuppdiwupp – ist 1949 plötzlich „Alemania Democrática“ da. Grotewohl und Pieck etablieren die „Volksdemokratie“, erleben 1953 und 1961-62 „einige Schwierigkeiten“, aber „es ging voran“. 1955 erkennen die Westmächte die Bundesrepublik Deutschland an, die Regierungschefs heißen Heuss, Lübke, Erhard, Kiesinger, Brandt. Wer hier bei der Abiturprüfung Kanzler und Präsidenten verwechselt, bekommt wahrscheinlich keinen Punktabzug. Am 9. November 1989 wird die Mauer abgerissen (welche Mauer? von wem? warum?).

Schön ist, dass sich durch den Fall des Kommunismus die Deutsche Demokratische Republik und die Bundesrepublik Deutschland vereinigen können und „eine Ära der Freiheit eintritt“. Wie wenn vorher beide Staaten unfrei gewesen wären. Zwar wird Gorbatschow und Helmut Kohl der Dank ausgesprochen, doch bleibt unklar, von welchem Deutschland Kohl Kanzler war.

Kein Wunder, dass das Deutschlandbild in bolivianischen Schulen manchmal etwas diffus bleibt.

Aber im Ernst: Es gibt Schüler und Erwachsene in Deutschland, die das alles nicht besser wissen oder verstehen oder wissen/verstehen wollen. Und von Bolivien habe ich in meinen 13 Schuljahren in Deutschland kein einziges Mal etwas gehört. Durch einen Fluss mit Anacondas wären meine Lehrer auch nicht geschwommen, um mich unterrichten zu können.

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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10 Antworten zu Geschichtsunterricht in Bolivien

  1. Pingback: Die Dschungelkinder | Der reisende Reporter

  2. Lovis schreibt:

    Deine berichte zu lesen ist schön, es trägt mich ein bisschen von allem fort, auch wenn ich die laderampen mitten in berlin klappern höhre…

    • Andreas Moser schreibt:

      Vielen Dank! Genau dafür schreibe ich, dass andere an meinen Erlebnissen teilhaben und so in Gedanken ein bißchen reisen können.
      Und in Arequipa, wo ich derzeit wohne, höre ich mehr als Laderampen klappern. Jeden Tag feiert hier jemand etwas mit einem Feuerwerk, oft ab 7 Uhr morgens.

  3. AMC schreibt:

    Dieser „nebensächliche“ Bericht ist hoch interessant, weil viel in ihm steckt: Die Geschichte selbst, die Darstellung von Geschichte, Abenteuerlust gepaart mit Neugierde für Wesentliches, das Erkennen und Erzählen dessen und ganz viel Humor.

    • Andreas Moser schreibt:

      Ganz vielen herzlichen Dank!
      Genau das ist der Anspruch für meine Berichte, weswegen sie sich hoffentlich von all den anderen Sonne-Strand-superschön-Artikeln unterscheiden, die andere Blogger von ihren Reisen absetzen.

      • Bärbel Lenz schreibt:

        Hallo Andreas,
        ich bin die Oma Deines Bruders.
        Netterweise bekam ich von ihm die Möglichkeit vermittelt, Deine Berichte lesen zu können. Ich finde sie total spannend und hoffe, dass Du sie irgendwann als Buch herausgibst. Ich bewundere Dich und Deinen Mut. Sei behütet!
        Gruß Bärbel

      • Andreas Moser schreibt:

        Hallo Bärbel,
        vielen Dank! Ich werde die nächsten paar Monate in Peru eine Reisepause einlegen und stattdessen die Erinnerungen an meine Reisen der letzten Jahre niederschreiben. Es folgen also bald mehr Artikel über Bolivien, Brasilien, Italien, Israel und Osteuropa.

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