„Sowjetistan“ und „Die Grenze“ von Erika Fatland

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Liegen bei Euch auch so viele Reiseführer von Ländern herum, in die Ihr es dann doch nicht geschafft habt? Ich habe hier einen Lonely-Planet-Reiseführer für Zentralasien. Von 2007. Anscheinend kam in den vergangenen 13 Jahren einiges dazwischen, denn noch immer war ich nicht in Kasachstan, Turkmenistan, Tadschikistan, Kirgistan oder Usbekistan.

Weil ich noch ein bisschen sparen muss, bis ich mir das Zugticket nach Samarkand leisten kann, habe ich die Wartezeit mit einem Buch über diese fünf faszinierenden Länder verkürzt. Dankenswerterweise hat die norwegische Autorin Erika Fatland die Strapazen auf sich genommen und ist für ihr Buch „Sowjetistan“ in Diktaturen, Autokratien, karge Steppen und zugige Jurten gereist.

Auch wenn ich am Ende die ganzen -stans noch immer nicht hundertprozentig auseinander halten kann (dafür ist dann doch die intensive persönliche Inaugenscheinnahme erforderlich) und wenn zwischenzeitlich die eine oder andere Revolution die Verhältnisse ein wenig verändert hat, so habe ich doch einen ganz guten Eindruck gewonnen, der das Reisefieber nur verstärkt hat. Fatland verwebt ihre eigenen Erfahrungen mit historischen Einschüben, die, wenn es seitenlang um Dschingis Khan geht, manchmal ein wenig ausufern.

Fatlands neues Buch „Die Grenze: Eine Reise rund um Russland“ setzt die Methode leicht verändert fort, leider mit weniger von dem, was an „Sowjetistan“ stark war, und mehr von dem, was weniger gut war. Hier nimmt das Dozieren überhand, wieder seitenlang über russische Sibirien-Expeditionen oder über Grenzkonflikte, und dafür reichlich wenig Gespräche mit Einheimischen.

Man bekommt bei diesem zweiten Buch den Eindruck, dass Fatland auf eine lange Reise geschickt wurde, um den Erfolg von „Sowjetistan“ auf Teufel komm raus zu wiederholen. Die Autorin gibt selbst zu, dass sie sich aus freien Stücken keine Durchquerung der Nordostpassage für 20.000 $ geleistet hätte. Am interessantesten sind die Berichte von dort, wo man selbst kaum hinkommt, z.B. aus der Donezk-Republik oder aus Südossetien.

Immer wieder scheinen ihre Ungeduld und ihr Missmut durch, wenn ein vereinbarter Interviewtermin sich verzögert, wenn der Taxifahrer nicht auftaucht oder wenn das Internet schlecht ist. In Urumtschi bleibt sie vier Tage nur im Hotel und guckt Serien. Da ist jemand wenig begeistert von der eigenen Reise, die laut Untertitel „durch Nordkorea, China, die Mongolei, Kasachstan, Aserbaidschan, Georgien, die Ukraine, Weißrussland, Litauen, Polen, Lettland, Estland, Finnland, Norwegen sowie die Nordostpassage“ führen muss.

Das ist einfach zu lang und zu viel für ein Buch.

Für Autoren gilt mein Rat für Reisende noch mehr: Weniger ist mehr. Lieber ein oder zwei Orte, aber dafür richtig eintauchen. Und nie mehr als 50% der Reisezeit verplanen. Der Rest muss offen bleiben für spontane Begegnungen, für Überraschungen, für das, was zu wirklich guten Geschichten führt.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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3 Antworten zu „Sowjetistan“ und „Die Grenze“ von Erika Fatland

  1. Pingback: “Sovietistan” and “The Border” by Erika Fatland | The Happy Hermit

  2. Oli schreibt:

    Deiner Einschätzung kann ich mich vollständig anschliessen. Als ich „Sowjetistan“ gelesen habe, war ich rundum begeistert, und befand es als eines der besten Reisebücher, das ich in den letzten Jahren gelesen habe.

    Fatland ist darin es mit grosser Eleganz gelungen, ihre geschichtlichen Exkursionen (die ich übrigens ebenfalls durchaus spanennd fand) mit Gesprächen und Reiseabenteuern auszubalancieren.

    Die Grenze überzeugt vor allem auf dem Buchumschlag. Die Idee das Wesen Russlands an Hand dem Verhältnis zu seinen Nachbar zu bestimmen, klingt super. Aber 16 Länder sind einfach zu viel, um in die Tiefe zu gehen.

    Das Büch wäre vermutlich besser geworden, wenn sich Fatland auf eine Regionen beschränkt hätte. Aber das scheint sie auch selber so zu sehen, denn ihr nächstes Buch beschränkt sich wieder nur auf eine Region: Den Himalaja. Das lese ich dann gerne wieder.

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