Eine Postkarte aus Arequipa

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Wenn man sagt, dass man aus Deutschland ist, wird man immer auf Fußball, Autos oder Nazis angesprochen. Manchmal würde ich am liebsten sagen, ich sei aus Litauen oder einem anderen wenig bekannten Land.

Aber in Peru hatte ich ein neues „Ah, du bist aus Deutschland“-Erlebnis.

In einem vegetarischen Restaurant, das den Tierschutz so konsequent nimmt wie peruanische Politiker die Korruptionsbekämpfung, bestelle ich einen mit Hackfleisch gefüllten Rocoto.

Während ich warte, setzt sich Ivan zu mir an den stabilen Holztisch. Er hat einen Bart wie Lenin, Haare wie Bob Ross, und seine dünnen Beine stecken in kurzen Hosen und Trekkingschuhen. Er scheint im Restaurant zu arbeiten oder mitzuhelfen oder einfach nur immer da zu sein.

Als er erfährt, woher ich bin, entfährt es ihm sofort:

„Ah, wie Gunter Hampel!“

Oje, keine Ahnung wo der spielt.

„Und Reinhard Giebel!“

Hm, noch nie gehört.

Ivan zählt mit zunehmender Begeisterung weitere Namen auf: Toto Blanke, Hans Koch, Werner Lüdi.

Alles typische Fußballernamen, aber mir sagt keiner etwas. Vielleicht sollte ich doch einmal im Jahr eine Ausgabe des „Kicker“ kaufen, um ein bisschen mitreden zu können.

Ich will mich gerade für meine sportliche Unkenntnis entschuldigen, als der stürmische Ivan fortfährt: „Deutschland ist die führende Jazz-Nation! Nicht Frankreich. Nicht die USA. Was da bei Euch abgeht, das ist der Wahnsinn!“

Der gefüllte Rocoto ist scharf wie ein brennender Vulkan. Ivan bemerkt meinen Schmerz und bringt dem ungebildeten Deutschen einen großen Krug Limonade.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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5 Antworten zu Eine Postkarte aus Arequipa

  1. Pingback: A Postcard from Arequipa | The Happy Hermit

  2. Mano schreibt:

    Schön geschrieben, besonders der Schluss. 🙂

  3. Helmut schreibt:

    In Arequipa sind wir auch in kleines Restaurant gegangen wo augenscheinlich nur locals waren. Genau da hat uns Montezums Rache ereilt. Möglicherweise hat man als Tourist dann doch nur einen Magen für Touristenrestaurants.

    • Andreas Moser schreibt:

      Bei mir hat das in Brasilien und Bolivien die ersten drei Monate angehalten. 😦 Jeden Tag. Nach jedem Essen.
      Und zweimal war ich so richtig krank, offensichtlich auch von falschem Essen. Nie mehr gehe ich zu der chinesischen Reisbude in La Paz! In Mollendo in Peru hat es mich das zweite Mal erwischt, obwohl ich da meist selbst gekocht habe.

      Ich hoffe, ich bin damit für das nächste Mal immun.

      Keine Ahnung, ob es hilft, aber ich fühlte mich bei vegetarischen Speisen immer ein bisschen sicherer.

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