Ich ziehe an den Pazifik

Jeder macht mal Fehler.

Es war ein Fehler, zu glauben dass Arequipa wie Cochabamba wäre nur weil es ein ähnlich perfektes Klima und spekatuläre Berge aufweist und ähnlich groß ist. Vielleicht ist unfair, einen anderen Ort mit Cochabamba in Bolivien zu vergleichen, denn das war die freundlichste Stadt und die Stadt mit der höchsten Lebensqualität, in der ich je gewohnt habe. Arequipa in Peru hingegen ist eine der lautesten, verstopftesten und nervigsten Städte, die ich bisher ertragen mußte. Die Hauptverkehrszeit hier ist so stressig, dass ich froh bin, keine Schusswaffe dabeizuhaben, denn sonst würde ich Amok laufen wie Michael Douglas in Falling Down. Und die ständig kläffenden Hunde müssten als erste dran glauben. Eines abends wollte ich den Verkehr in der Avenida Ejército filmen, aber mein Telefon zeigte nur die Warnung: „Der Lärmpegel in Ihrer Umgebung läßt vermuten, dass Sie in einem aktiven Kriegsgebiet sind. Verlassen Sie die Gegend unverzüglich!“ Aber dieser Filmausschnitt gibt die Fahrt von der Innenstadt zu meiner Wohnung in Arequipa ziemlich realistisch wieder:

Und wie wenn das noch nicht schlimm genug wäre, schickt die Stadt zusätzliche Fahrzeuge mit Lautsprechern auf die Straßen. Ein weiteres Problem liegt darin, dass sich die peruanische Verkehrspolizei ausschließlich aus attraktiven Frauen rekrutiert, so dass viele männliche Autofahrer absichtlich wie die Henker fahren, um angehalten zu werden.

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Es war ein Fehler, denjenigen zu glauben, die Arequipa als ruhige und gemütliche Stadt anpriesen. Mittlerweile weiß ich, dass alle Peruaner für die nationale Tourismusbehörde arbeiten und zu jeder Zeit nur Positives über ihr Land sagen. Von jedem hört man die gleiche Liste der Plätze, „die Du unbedingt sehen musst“, und alles in Peru ist „das Beste“ und „das Schönste“. Wie in Nordkorea. Auch wenn ich darauf hinweise, dass ich eigentlich mehr an Politik oder Soziologie interessiert bin, erhalte ich als Antwort: „Du musst Machu Picchu besuchen.“ Für ein Land, das jährlich Milliarden an Touristen empfängt, scheint es undenkbar zu sein, dass ein Ausländer andere Interessen haben kann, als sich selbst vor Inka-Ruinen zu fotografieren, die bereits auf 22% aller Facebook-Profile weltweit abgebildet sind. Komischerweise geben die gleichen Leute, die Arequipa als „die Stadt mit der besten Lebensquaität“ angepriesen hatten, jetzt unumwunden zu, dass es chaotisch, hektisch und laut ist und dass es natürlich keinerlei Parks oder Natur zum Laufen gibt.

Es war ein Fehler, all den freundlichen Nachrichten in der Art von „Mach Dir keine Sorgen. Wenn Du erst einmal in Arequipa bist, werde ich Dir helfen, eine Wohnung zu finden“ zu glauben. Auf wundersame Weise verschwanden oder starben 90% dieser Leute, oder waren plötzlich sehr beschäftigt oder zogen genau in dem Moment weg als ich in Arequipa ankam. Der Rest wollte weniger mir als vielmehr sich selbst helfen, indem er Apartments anbot, die teurer als in Tokio waren. Nun ja, immerhin haben wir hier ebenfalls regelmäßig Erdbeben. Eine meiner Leserinnen bot mir ein „gemütliches Haus im Grünen“ an. Mehrmals mußte ich auf Fotos bestehen, und das Objekt stellte sich als Garage in einem Dorf heraus. Sie wollte 350 US-Dollar pro Monat dafür. Die meisten Vermieter in Peru haben die schreckliche und ansonsten nur in Deutschland verbreitete Unsitte, dass sie versuchen, einem Wohnungen ohne Möbel anzudrehen. „Du hast kein eigenes Bett, Tisch, Bücherregal, Kühlschrank, Ofen u.s.w.?“ „Ähm, nein. Ich erwähnte doch, dass ich um die Welt ziehe und nur für ein paar Monate hier bin.“ „Oh.“

Viele Vermieter diskriminieren auch offen. „Ich vermiete am liebsten an Ausländer.“ „Oh, tut mir leid, ich miete ungern von Rassisten.“ Eine andere Taktik ist Einschüchterung: „Dies ist das sicherste Viertel der Stadt. Zieh auf keinen Fall irgendwo anders hin! Der Rest der Stadt ist viel zu gefährlich“, wie wenn Arequipa auf der Liste der kriminellsten Städte der Welt zwischen Bagdad und Caracas läge. Wobei es hinsichtlich des Lärmpegels tatsächlich wie Bagdad am Abend des 21. März 2003 wirkt.

Es war ein Fehler, nichtschreibenden Menschen zu glauben, die versprochen hatten, dass Arequipa ein „ruhiger Ort zum Schreiben“ sei. Ich hätte stattdessen auf Mario Vargas Llosa hören sollen, der in Arequipa geboren wurde und wegzog sobald er konnte. Ratet mal wohin? Nach Cochabamba. Jetzt verstehe ich, woher der magische Realismus kommt. Er war nie eine beabsichtigte Kunstform, sondern das Ergebnis verzweifelter Schriftsteller, die inmitten all der schlagenden Türen, hupenden Autos, Feuerwerke, schreienden Nachbarn und kläffenden Hunde ihre Gedanken einfach nicht mehr sortieren konnten. Deshalb ergibt Die Stadt und die Hunde keinen Sinn und die Reihenfolge der Kapitel in Rayuela ist ein komplettes Kuddelmuddel. Kein Wunder, dass in Russland mehr und bessere Literatur entsteht. Auch ich vermisse meine gemütliche sowjetische Plattenbauwohnung, vor allem mit einem kalten Winter, während dessen man nicht viel mehr machen kann, als zuhause zu sitzen und zu schreiben. Selbst das eine Mal als ich auf einer Insel im Pazifik gestrandet war, auf der Atombombentests durchgeführt wurden, war ruhiger als in Arequipa.

Beim Träumen über den Pazifik kam mir eine Idee. Glücklicherweise bin ich nicht nur gut darin, Fehler zu machen, sondern auch darin, sie zu analysieren und zügig zu korrigieren. Arequipa liegt nur 100 km vom Pazifischen Ozean. Auf der Südhalbkugel ist gerade Winter, so dass derzeit neben dem leeren Strand genügend Häuser leerstehen sollten. Dank meines genialen Verhandlunsgeschicks bekam ich tatsächlich eine große Wohnung in Mollendo zu einem guten Preis. Sie ist großzügig, hell, gemütlich, mit Bücherregalen und Schreibtischen ausgestattet, und bietet einen Blick über das Meer.

Mollendo Haus am Strand

Perfekt zum Schreiben. Und zum Joggen am Strand sowie zum Beobachten von Sonnenuntergängen. Mit etwas Glück werde ich sogar einen Tsunami erleben.

Abr von alledem werdet Ihr nichts erfahren, denn natürlich gibt es kein Internet in alten Piratenvillen auf steilen Felsen direkt am Ozean. Wenn Ihr in Kontakt bleiben wollt, müsst Ihr also einen altmodischen Brief schreiben oder ein gern gesehenes Buchpaket schicken. Vielen Dank!

Arequipa ist übrigens dennoch einen Besuch wert. Die Altstadt verfügt über schöne Architektur, ein enormes Kloster und viele Museen. Aber immer mehr entdecke ich, dass es Städte gibt, die gut zum Besuchen sind, und solche, die gut zum Leben sind. Die zwei Gruppen überschneiden sich nur selten.

(Read this article in English.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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3 Antworten zu Ich ziehe an den Pazifik

  1. Pingback: Moving to the Pacific Ocean | The Happy Hermit

  2. Schoener authentischer Artikel. Nfg

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