Wann war noch mal der Zweite Weltkrieg?

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Eine komische Frage, insbesondere von jemandem, der Geschichte studiert. Aber wenn man öfter im postsowjetischen Raum, also den Nachfolgestaaten der UdSSR unterwegs ist, kann man ins Zweifeln kommen.

Bevor Ihr weiterlest, haltet doch mal kurz inne und versucht, den Beginn und das Ende des Zweiten Weltkriegs zu benennen. Und dann seht Euch die Jahreszahlen auf diesen Mahn-, Gedenk- und Ehrenmalen an:

1941-19451941-1945 groß1941-1945 Cenotaph1941-1945 (1)

Die Fotos stammen aus Uman, aus Kiew und aus Odessa in der Ukraine sowie aus Sochumi in Abchasien. Aber Ihr findet solche Denkmale in fast allen postsowjetischen Staaten.

Wenn Ihr in der Schule ungefähr das Gleiche gelernt habt wie ich, dann habt Ihr den zweiten Weltkrieg höchstwahrscheinlich 1939 beginnen und 1945 enden lassen. Warum fehlen die ersten beiden Jahre auf den Kriegerdenkmalen aus der Sowjetzeit? War die Sowjetunion anfangs noch nicht am Krieg beteiligt?

Oh doch. Und wie! Kurz vor dem deutschen Überfall auf Polen hatten das Deutsche Reich und die Sowjetunion im August 1939 zwar einen gegenseitigen Nichtangriffspakt geschlossen, der aber im geheimen Zusatzprotokoll eine ganze Menge Angriff auf die unglücklich zwischen den beiden Großmächten gelegenen osteuropäischen Staaten vorsah.

Schon im September 1939 überfiel die Sowjetunion Polen und besetzte den Osten des Landes. Zwei Monate später griff die Sowjetunion Finnland an, 1940 schnappte sie sich Estland, Lettland, Litauen und Teile Rumäniens.

Molotov-Ribbentrop

Aber diese Jahre, in denen die Sowjetunion mit Deutschland gemeinsame Sache machte und Osteuropa untereinander aufteilte, traten hinter die zweite Hälfte des Zweiten Weltkriegs so sehr zurück, dass sie komplett aus dem öffentlichen Gedächtnis getilgt wurden. Wenn in der Sowjetunion sozialisierte Menschen vom Zweiten Weltkrieg sprechen, dann meinen sie damit den Deutsch-Russischen Krieg, der im Juni 1941 mit dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion begann und im Mai 1945 endete.

Klar, jeder sieht sich lieber als Opfer denn als Aggressor, lieber als heldenhafter Verteidiger des Vaterlandes denn als ruchloser Nazi-Paktierer. Wenn man erst mit dem 22. Juni 1941 zu geschichtsschreiben beginnt, kann man das Narrativ vom „Großen Vaterländischen Krieg“ leichter aufrecht erhalten. Es wird bis heute tradiert. Die Familien der 1939 und 1940 gefallenen sowjetischen Soldaten haben kein Mahnmal, wo sie einen Kranz niederlegen können. Die Veteranen aus dem Finnlandfeldzug bleiben während der Parade am 9. Mai traurig zuhause, falls sie nicht das „Glück“ hatten, auch in Stalingrad oder in Kursk dabei gewesen zu sein.

Aus Sicht der Sowjetunion war das klar. Was aber bewegt die Nachfolgestaaten dazu, an dieser Erinnerungstradition festzuhalten? Denn die obigen Fotos zeigen nicht irgendwelche historischen Monumente, sondern diese Denkmale werden aktuell gepflegt, vor ihnen lodern ewige Flammen, und Blumenkränze werden niedergelegt.

Russland sieht sich nicht nur geopolitisch als Nachfolger der Sowjetunion, der Präsident verteidigte jüngst sogar den Hitler-Stalin-Pakt. Von Distanzierung, Aufarbeitung, Selbstkritik keine Spur. Geschichte wird für aktuelle Interessen instrumentalisiert, sie ist Teil der hybriden Kriegsführung.

Auch in den anderen Staaten wäre es nur theoretisch einfach, ein 1941 in ein 1939 zu ändern. Praktisch kompliziert ist aber die Folge, wenn man an einem Denkmal plötzlich nicht mehr nur der Helden, sondern auch der Angriffskrieger zu gedenken hat. Was würden die alten Veteranen sagen? Wenn die junge Bevölkerung auswandert, sind die Wählerstimmen der Alten wichtig. Also lässt man ihnen die Traditionen.

Besonders interessant fand ich diese Beobachtungen in der Ukraine:

Einerseits sieht sich das Land als Gegenpart zu Russland, befindet sich sogar ein bisschen im Krieg mit dem ewig nervenden Nachbarn. Mit der Sowjetunion will man hier eigentlich nichts am Hut haben, ganz im Gegenteil: Der Holodomor, die von der Sowjetunion verursachte Hungersnot, ist ein zentraler Baustein in der ukrainischen Geschichtsschreibung. Wenn es um Sprachpolitik geht, wird immer erwähnt, dass russische Zaren und sowjetische Kommunisten die ukrainische Kultur und Sprache unterdrückt hätten. Im Zweiten Weltkrieg versuchten ukrainische Aufständische, die Unabhängigkeit zu erkämpfen und verbündeten sich dafür zeitweise sogar mit den Nationalsozialisten.

Aber dann stehen überall Sowjetdenkmäler herum. Rote Fahnen, Hammer und Sichel, Leninorden, alles frisch getüncht, nicht seit 1991 verfallend. Und eben die Weltkriegsdenkmale mit den verfälschenden Jahreszahlen 1941-1945.

Zuerst ist man überrascht. Aber dann liest man und bemerkt, dass die Ukraine während der Zeit der Sowjetunion geographisch ziemlich anwuchs. 1939 profitierte die Ukraine vom Hitler-Stalin-Pakt und bekam Ostpolen zugeschlagen, später noch ein paar hübsche Landstriche von Rumänien und der Tschechoslowakei, ohne die die Ukraine gar kein richtiges Gebirge hätte. Und zuletzt ging 1954 die Krim von Russland an die Ukraine.

ukraine-growth

Soweit geht dann selbst bei den antisowjetischsten Ukrainern die Verteufelung der Sowjetunion nicht, dass man von den Eroberungen Stalins und den Grenzänderungen Chruschtschows nicht profitieren möchte. Und so tun möchte, wie wenn jene Gebiete schon seit Menschengedenken ukrainisch waren. Da passt eine Diskussion über die Rolle der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg vor Juni 1941 natürlich nichts ins Konzept.

Die Ukraine ist übrigens auch ein gutes Beispiel, um das so fix geglaubte Enddatum des Zweiten Weltkriegs in Frage zu stellen. 1945 war zwar weitestgehend Schluss mit Bomben, aber die UPA, die Ukrainische Aufständische Armee, kämpfte noch bis 1954 weiter gegen die Sowjetmacht. Sie hofften auf den Kalten Krieg (den bekamen sie) und auf militärische Unterstützung aus dem Westen (die bekamen sie nicht, wahrscheinlich weil sie dem US-Präsidenten nicht mit schmutzigen Tricks im Wahlkampf halfen).

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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13 Antworten zu Wann war noch mal der Zweite Weltkrieg?

  1. Michael Müller schreibt:

    Tssss……. „Aggressor“! Bekommst du eigentlich noch Visa für diese Staaten wenn du hier so Geschichtsfälschung betreibst?
    Pass bloß auf was du schreibst wenn du noch mal da hin willst. Nicht dass diese Staaten von Sultan Egowahn lernen und dich bei der Einreise verhaften!
    👺
    😉

    Das muss man differenziert sehen. Natürlich, 41-45 war ein heroischer Verteidigungskrieg. Davor und danach wurden Gebiete befreit. Von den bös n, unterdrückenden Kapitalisten! Und die dortigen Arbeiter waren froh und dankbar dafür. Da gab es keinen Widerstand! …..

    Beispiel: Natürlich wurde im Winterkrieg nicht Finnland überfallen, sondern die dortigen Werktätigen würden gegen die Weißfinnen verteidigt! ob sie nun wollten oder nicht. Nur die unfehlbare KPdSU kann wirklich wissen was gut ist ein ideologisch nicht gefestigter Lohnsklave nicht

    Genau so nach dem Vaterländischen Krieg. Alle befreiten waren froh und glücklich. Also die, die nicht nach Sibirien deportiert wurden(in Litauen 1/3 der Bevölkerung!) Wer weiter gekämpft hat, war natürlich ein Faschist!(der letzte ist 1978(!) beim Verhaftungsversuch gestorben)

  2. Andreas schreibt:

    Das sind doch keine Weltkriegsdenkmäler, sondern Denkmäler für den „Großen Vaterländischen Krieg“. Ts…, das lernt man doch in der Schule 😉 (bei mir um die Ecke steht auch eins).

  3. Andreas schreibt:

    So haben wir das in der DDR in der Schule gelernt. Was die schamlose Paktiererei mit den Nazis anbelangt, sollte man wohl das Münchener Abkommen und den darauf folgenden Einmarsch der Nazis in die Tschechoslowakei als Beginn des zweiten Weltkriegs setzen. Was denn sonst? Was ich bisher nicht wusste, auch das damals alles andere als fortschrittliche Polen nutzte die Gelegenheit und raubte sich einen Teil Mährisch Schlesiens, der damals (und heute wieder) zur Tschechoslowakei gehörte.
    Zumindest bei den in der Zwischenkriegszeit zu Polen gehörenden Gebieten, die heute zu Weißrussland und der Ukraine gehören handelt es sich keineswegs um damals vorwiegend von Polen besiedelte Landstriche. Aus der Sicht Stalins und der Sowjetunion waren es wohl durch die Niederlage im polnisch sowjetischen Krieg verlustig gegangene Gebiete, die man sich keine zwanzig Jahre später zurückholte (so eine Art Vorwärtsverteidigung). Wie die offizielle russische Sicht auf den Hitler Stalin Pakt aussieht, da würde ich jetzt nicht die FR als Quelle zu Rate ziehen (wir sind im Krieg, da wird gelogen). Hier etwas von 2005 (das waren noch Zeiten, heute erzählt man den Leuten, dass die Amerikaner Auschwitz befreit haben), wo die russische Sicht dargelegt wird:
    https://monde-diplomatique.de/artikel/!624331
    Wir Linke hier im Osten würden niemals den amerikanischen Spin abkaufen. Lesen sie mal was von Daniela Dahn.

    • Andreas Moser schreibt:

      „Vorwärtsverteidigung“ ist schon ein arger Euphemismus für den sowjetischen Überfall auf Polen. Denn im September 1939 stand Polen nun wirklich nicht gerade davor, die Sowjetunion anzugreifen, es hatte wahrlich andere Sorgen.

  4. Andreas schreibt:

    https://www.infosperber.ch/Politik/Polen-Russland-Munchner-Abkommen-Tschechoslowakei-Tin
    Ein recht informativer Artikel über die verdrängten polnischen Taten im Vorlauf des zweiten Weltkrieges.

  5. Andreas schreibt:

    Also die „Vorwärtsverteidigung“ war sicher nicht gegen Polen (das existierte schon nicht mehr als Staat), sondern natürlich gegen Deutschland gerichtet ;-). Hier hat sich mal einer auf Falin besonnen, der war mal ein angesehener und respektierter Politikwissenschaftler, auch in Deutschland: https://www.heise.de/forum/Telepolis/Kommentare/Putin-versus-Polen/UdSSR-drohte-im-Fruehjahr-1939-Zweifrontenkrieg-von-Japan-und-von-Europa/posting-35848332/show/

  6. 2009 erhaelt Rumaenien durch den InternationalenGerichtshof 79 %der Schlangeninsel (rot) und die Ukraine bleibt mit 21%🧐

    • Andreas Moser schreibt:

      Was du alles weißt!

      Um eine Insel voller Schlangen würde ich mich gar nicht streiten, sondern würde sie freiwillig hergeben. Oder für Waffentests zur Verfügung stellen.

  7. Andreas schreibt:

    Jetzt bin ich schon wieder reingefallen. Dachte, ihr Verweis auf die „Weltkriegsdenkmäler“ wäre ernst gemeint, weshalb ich dann so schnell reagiert habe, ohne zu Ende zu lesen. Dabei wussten sie schon über den „Großen vaterländischen Krieg“ bescheid. Sag mal so: für nen Wessi ganz gut ;-). An meinen sonstigen Aussagen ändert das aber alles nichts.

    • Andreas Moser schreibt:

      Immerhin studiere ich Geschichte und bin schon ein bisschen Osteuropa-erfahren! 🙂

      Aber meine Frage nach dem Gedenken für die von 1939 bis Juni 1941 gefallenen Sowjetsoldaten bleibt doch auch berechtigt. Für die habe ich noch nirgendwo ein Denkmal gesehen. Oder waren diese Feldzüge alle vollkommen verlustfrei? Das kann ich mir nicht vorstellen.

  8. Pingback: Wait, when was World War II again? | The Happy Hermit

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