Spannender als ein Krimi

To the English version.

Im Kino kommt schon seit Monaten kein Film mehr, der mich vom Hocker gehauen hat. Im Fernsehen läuft jeden Tag die Wiederholung von „Outbreak“, „Pandemie“ oder sonstigen Katastrophenfilmen. Und die Bundesliga wird von Staffel zu Staffel langweiliger. Am Ende gewinnt ja doch wieder der von den Steuerhinterziehern geführte Verein aus München.

Aber, apropos Korruption, zum Glück gibt es da diesen russischen Rechtsanwalt und Korruptionsaufdecker, Alexei Nawalny. Der produziert unter Lebensgefahr einen Film nach dem anderen. Und die meisten davon sind spannender, besser recherchiert und besser produziert als das, was uns sonst auf der Leinwand vorgesetzt wird.

Ich weiß, Nawalny ist umstritten, und ich bin der letzte, der seine nationalistischen und fremdenfeindlichen Aussagen goutiert. (Wenn er sich seither weiterentwickelt hat, dann soll er sich endlich distanzieren.) Aber seine Filme sind echt gut.

Der mittlerweile bekannteste Film ist „Ein Palast für Putin“. In Spielfilmlänge geht es allerdings um viel mehr als um den 100 Milliarden Rubel teuren (und potthässlichen) Palast von Putin, dessen Grundstück 39-mal so groß ist wie das Fürstentum Monaco. Es geht um das System der Korruption auf höchster Ebene, wer wo was wie abzweigt, über die Mittelsmänner und Strohmänner (bzw. Strohgroßmütter, deren Enkelinnen zufällig Affären mit Putin haben). Und es geht um die Anfänge dieses größten Raubzugs der modernen Geschichte – in Dresden.

Falls Euer Russisch seit der Perestroika etwas Rost angesetzt hat, keine Sorge. Die Filme haben englische (und der nächste sogar deutsche) Untertitel.

Ebenso akribisch recherchiert ist der Film, in dem der genaue Ablauf, die langjährige Planung und die Täter des Nowitschok-Anschlags (und vorheriger Anschlagsversuche) auf Nawalny enthüllt werden:

Das ist wirklich wie ein Krimi. Noch unfassbarer wird es dann, als Nawalny die Telefonnummern der Killer herausbekommt und sie der Reihe nach anruft. Alle legen auf. Nur einer ist unvorsichtig genug, mit Nawalny, der sich als Vorgesetzter aus dem Staatsapparat ausgibt, zu besprechen, was bei dem Giftanschlag falsch lief und wie er Beweismittel verschwinden ließ.

All diese Beweise führen in Russland nicht einmal zur Einleitung eines Ermittlungsverfahrens. Stattdessen sitzt Nawalny jetzt im Gulag. Nach Prozessen, die der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte als rechtswidrig und willkürlich eingestuft hat.

Ob man mit so einem Regime unbedingt eine Gaspipeline bauen muss? Ich weiß nicht. Aber so wie ich Deutschland kenne, werden sich die Sanktionen auf irgendeinen von Gazprom finanzierten Turn- oder Fußballverein beschränken. Wundert Euch also nicht, wenn Schalke 04 am Ende dieser Saison so schnell aus der Bundesliga fliegt, wie in Russland kritische Journalisten aus dem Fenster fallen.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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9 Antworten zu Spannender als ein Krimi

  1. Pingback: More Exciting than a Thriller | The Happy Hermit

  2. Kay schreibt:

    Hm. Tagesaktuelle Politik, YouTube-Links, flapsige Bemerkungen zu einer Erdgasleitung? Bin ich hier noch beim das Leben historisch und tiefgründig betrachtenden Wanderer, oder schon im Twitter-Trash? What’s next: gendersensible Sprache? Impfung ja, nein, weißnicht?
    Bitte nicht!

    • Andreas Moser schreibt:

      Impfung ja bitte!
      Aber als vollkommen systemirrelevanter 45-Jähriger bin ich so ziemlich als letztes an der Reihe.

      Richtig tagesaktuell wird es hier auch weiterhin selten werden, schon deshalb, weil ich die Tageszeitung meist mit tagelanger Verspätung lese.
      Aber die Korruption in Russland ist leider nicht auf einen Tag beschränkt, wie ich mit dem Hinweis auf die Anfänge in Dresden, als Putin dort KGB-Mann war, angedeutet habe.
      Und für juristische Themen, für Menschenrechte bzw. die Verletzung derselben sowie für unrechtmäßig Inhaftierte habe ich als Jurist und ehemaliger Gefängnisinsasse in einem Unrechtsstaat eben ein offenes Ohr.

      Aber bald kommen wieder Reiseberichte und Erzählungen aus der Zeit vor hundert Jahren, garantiert nicht tagesaktuell, sondern über Staaten, die so nicht mehr existieren.

      Zur Impfung könnte ich noch ein YouTube-Video von Dr. Mai Thi Nguyen-Kim verlinken, aber ich will dich nicht provozieren. 😉

    • Andreas Moser schreibt:

      Aber ich bedanke mich aufrichtig für das Feebdack!

      Bald wird wieder gewandert.
      Und am Wochenende mache ich mich mal wieder an einen Reisebericht. Aus Andalusien.

  3. Kay schreibt:

    Nun ja, ‚flapsig‘ traf auf meinen Kommentar sicher auch zu. Vielen Dank dafür, dass du darauf geantwortet hast!
    Sorgen, dass dies Blog irgendwie abgleitet in Belanglosigkeit habe ich nicht. Du hast natürlich Recht: ein differenzierter Blick auf ein Land muss nicht nur die Vergangenheit beinhalten, sondern sollte auch im Kontext von aktuellen nennenswerten Begebenheiten stehen. Die Beziehungen von DE und RU kann ich nur als ‚interessant‘ bezeichnen. Sehr viele Menschen (vor allem Politiker) versuchen dies in ein simples Freund-Feind-Schema zu bringen – das kann (auch) mit Bewusstsein der Geschichte natürlich nie gelingen.
    PS: Impfung? Natürlich: ja, so schnell wie möglich!

  4. thom schreibt:

    Nur mal des Ausgleichs wegens, bzw. als Hilfe zu den Perspektiven:
    Ob man mit so einem Regime unbedingt eine Gaspipeline bauen muss?
    – Nun, es ging schon immer um Interessen oder ?

    Nach der Argumentation müsste Deutschland sofort ein umfangreiches Embargo gegen die USA veranlassen, weil jene bisher weit über 100 Konflikte losgetreten hat, welche gegen das Völkerrecht verstießen. Nicht zu vergessen auch ein ultimatives Handelsembargo gegen China, die ja diese Uiguren da in KZ’s sperren. Was war jetzt gleich Spanien und Chile ? Nix, die hatten nur nette ältere Herren als Präsidenten, die muß man ja mögen und unterstützen.

    Und bei der Korruption würd ich auch mal auf Herrn Schäuble zum Beispiel zeigen, Her Koch aus Hessen hat ja grad keine Zeit, der sucht ja noch seine eigenen Koffer. Andere versprechen blühende Landschaften und geben Ehrenworte, wieder andere Leiten oder beraten ja Gaskonzerne in der Ukraine, an denen Sie Anteile haben, die ihnen de jure nicht gehören, wieder andere wählen sich einen neue Präsidentin um Lithium schürfen zu können. Alfred Sauter hingegen scheint sich da zumindest besser auszukennen.

    Weiterhin möchte ich auch anmerken, das Herr N. aus R. hier auch Teil des geopolitischen Pokers ist, dafür hat er ja auch ordentliche Hilfe aus NY / Hollywood bekommen.

    Herr Bar hat das sehr schön formuliert:
    In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt.

    Und das gilt ebenso in anderen Bereichen.

    Das sollte kein Rant werden, keine Beleidigung und ich bin auch nicht im Besserwissermodus ;-).

    • Andreas Moser schreibt:

      Die Kritik an Spanien und Chile scheint mir etwas aus der Zeit gefallen 😉 , aber ansonsten sehe ich das Problem natürlich.

      Aber das führt dann zu den nächsten Fragen: Soll man, nur weil man es in der Vergangenheit so gemacht hat, immer so weiter treiben? Und soll man, nur weil man nicht alle Länder sanktioniert, die Menschenrechte verletzen, deshalb gar keines sanktionieren?

      Bei Nordstream 2 kommt dazu, dass diese Pipeline eigentlich niemand braucht. Es war ja selbst im vergangenen, durchaus kälteren Winter genug Gas zum Heizen da.
      Das war von Anfang an ein Projekt, um mittel-ost-europäische Staaten von der Gaslieferung abzuschneiden und gleichzeitig den westeuropäischen Markt zu behalten. Deutsch-russische Zusammenarbeit zu Lasten der zwischen den beiden Staaten gelegenen Länder ist, da wird der Geschichtsunterricht dann doch wieder hilfreich, eine heikle Sache.

  5. Pingback: Vor hundert Jahren nahm ein armenischer Student das Recht in die eigene Hand – März 1921: Operation Nemesis | Der reisende Reporter

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