Vor hundert Jahren hielt jemand zwar seine Neujahrsvorsätze ein, kümmerte sich aber einen Dreck um das Leben Anderer – Februar 1921: Winston Churchill

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Es ist Ende Februar. Wenn es Euch wie mir geht, haben sich die meisten Neujahrsvorsätze bereits in Luft aufgelöst, wurden vergessen oder auf März oder April verschoben. Die Klügeren unter Euch werden erst gar keine Vorsätze gefasst haben.

Aber wenn Ihr Euch wirklich schlecht fühlen wollt, bedenkt die Neujahrsvorsätze des jungen Winston Churchill, wie er sie in seiner Autobiographie Meine frühen Jahre erzählt:

Ich plante daher den Ablauf des Jahres 1899 wie folgt: Nach Indien zurückzukehren und das Poloturnier zu gewinnen; meine Papiere einzuschicken und die Armee zu verlassen; meine Mutter von der Zahlung meines Unterhalts zu befreien; mein neues Buch und die Briefe an den Pioneer zu schreiben; und nach einer Möglichkeit Ausschau zu halten, ins Parlament einzuziehen.

Diese Pläne wurden, wie wir sehen werden, im Wesentlichen ausgeführt.

Schließlich hat ein Jahr 365 Tage. Warum also sollte man sich auf regelmäßigen Sport, eine Diät oder das Erlernen einer neuen Sprache beschränken?

Wie wir alle wissen, ging Churchills Karriere tatsächlich steil nach oben, sowohl in der Literatur (er gewann einen Nobelpreis) als auch in der Politik (er gewann einen Weltkrieg). Offenbar war er so vielseitig begabt, dass er nicht nur Abgeordneter und schließlich Premierminister wurde, sondern auch als Handelsminister, Innenminister, Erster Lord der Admiralität, Munitionsminister, Luftfahrtminister, Verteidigungsminister, Schatzkanzler und Kolonialminister fungierte.

Auf das letztgenannte Amt wollen wir uns konzentrieren, weil Winston Churchill es im Februar 1921, also vor genau 100 Jahren, übernahm. Ich möchte mich auch deshalb darauf konzentrieren, weil es ein etwas anderes Licht auf den „Retter der freien Welt“ wirft. Wie immer in dieser Reihe dient das hundertjährige Jubiläum lediglich als Ausgangspunkt, und wir werden Churchills Sicht auf den Kolonialismus davor und danach erkunden.

Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi, das Ergebnis von Churchills oben genanntem Vorsatz, war, ziemlich schockierend für einen 24-Jährigen, bereits sein drittes Buch. Und es war, was noch schockierender ist, voll von rassistischen und anti-islamischen Passagen. Das war keine Jugendsünde, die er mit fortschreitendem Alter und zunehmender Verantwortung zu korrigieren gedachte. Ganz im Gegenteil.

Im Jahr 1937 zum Beispiel, als er die Welt bereits vor den Nazis warnte, sagte Churchill:

Ich gebe zum Beispiel nicht zu, dass den Indianern in Amerika oder den Schwarzen in Australien großes Unrecht angetan wurde. Ich gebe nicht zu, dass diesen Menschen dadurch Unrecht getan wurde, dass eine stärkere Rasse, eine höherwertige Rasse, eine weltklügere Rasse, um es so auszudrücken, gekommen ist und ihren Platz eingenommen hat.

Immer wieder offenbart sein Denken den Glauben an eine Hierarchie der Rassen, wobei weiße Protestanten den weißen Katholiken (d.h. den Iren), Juden den Muslimen und Angelsachsen allen anderen überlegen sind.

Apologeten werden sagen, dass dies halt nunmal das Denken der Zeit war. Aber das war es nicht. Viele Menschen dachten ganz anders. Sogar in Großbritannien, sogar zu jener Zeit und sogar innerhalb seiner eigenen Konservativen Partei galt Churchill als ein extremer Rassist.

Und noch 1954 sagte er über die Chinesen:

Ich hasse Menschen mit Schlitzaugen und Zöpfen. Ich mag nicht, wie sie aussehen oder wie sie riechen.

Sicherlich kein Ausrutscher bei jemandem, der für seine begnadete Redekunst bekannt war.

Unter all den Menschen, die beleidigt, gedemütigt und grausam behandelt wurden, möchte ich den Fokus auf Indien richten, das bis 1947 eine britische Kolonie war.

Churchill sagte seinem Staatssekretär für Indien ausdrücklich, dass er „die Inder hasse“ und sie für „ein bestialisches Volk mit einer bestialischen Religion“ halte. (Ich bin mir nicht sicher, ob er nicht wusste, dass es Inder mit verschiedenen Religionen gibt, oder ob es ihm egal war.) Besonders hasserfüllt war er gegen Mahatma Gandhi und schlug vor, dass dieser „an Händen und Füßen gefesselt vor den Toren Delhis liegen und dann von einem riesigen Elefanten zertrampelt werden sollte, auf dessen Rücken der neue [britische] Vizekönig sitzt.“

Als die von Churchill und US-Präsident Roosevelt 1941 proklamierte Atlantik-Charta das Selbstbestimmungsrecht der Völker als eines der Leitprinzipien für die Nachkriegswelt benannte, erklärte Churchill ausdrücklich, dass dies nicht für Indien gelten würde. Und das, obwohl die Inder zu den Kriegsanstrengungen der Alliierten mit über 2,5 Millionen Mann beitrugen, damals die größte Freiwilligentruppe der Welt.

Der Tiefpunkt in einem Leben voller Tiefpunkte war wohl die bengalische Hungersnot von 1943. Mehr als 3 Millionen Menschen verhungerten, während Churchill anordnete, Getreide von hungernden Indern an britische Soldaten umzuleiten und Reserven in Griechenland und Jugoslawien anzulegen.

„Das Verhungern von ohnehin unterernährten Bengalis ist weniger schlimm als das von stämmigen Griechen“, wandte Churchill seine Rassentheorie an. Und, so sagte er, die Inder seien selbst schuld, weil sie sich „wie die Kaninchen vermehrten“. (Churchill hatte selbst fünf Kinder.)

Nochmals, dies ist keine rückwirkende Anwendung moderner Moralvorstellungen. Die Menschen zu der Zeit erkannten die Unmenschlichkeit. Britische Beamte flehten Churchill an, aber ohne Erfolg. Kanada und die USA boten an, Hilfe zu schicken, aber Churchill lehnte das Angebot ab. Die indische Kolonie durfte ihre eigenen Geldmittel nicht ausgeben und keine eigenen Schiffe benutzen, um Lebensmittel zu importieren. Schiffe, die Weizen aus Australien brachten, durften nicht in indischen Häfen entladen und wurden stattdessen nach Europa weitergeleitet.

Wenn man bedenkt, dass die britische Herrschaft mit der Begründung gerechtfertigt wurde, dass sie „die Menschen davon abhält, sich gegenseitig umzubringen“, war das ziemlich zynisch. Und deswegen macht es mich stutzig, wenn Menschen, Schulbücher, Romane und Filme den Kolonialismus noch immer romantisieren, was im Übrigen kein auf das Vereinigte Königreich beschränktes Problem ist. Oder vielleicht macht es mich doch nicht stutzig, weil es einfach noch das gleiche alte europäische Gefühl der rassischen Überlegenheit ist. („Aber wir haben dort Straßen und Schulen gebaut.“) Deshalb begrüße ich jede Debatte, und wenn dafür ein paar Statuen umgestürzt oder mit Graffiti besprüht werden müssen, dann soll es so sein.


Selbstverständlich ist eine Hungersnot kein monokausales Ereignis. Aber wenn ich versucht hätte, tiefer in deren Verlauf und die Ursachen einzusteigen, wäre meine völlige Unkenntnis über Indien noch deutlicher zu Tage getreten.

In diesem Artikel habe ich mich auf Inglorious Empire: What the British did to India von Shashi Tharoor verlassen. Danke an Dieter, der mir das Buch geschickt hat! Weitere Bücher sind immer willkommen, ebenso wie ein Experte für mongolische Geschichte, für die Geschichte des Schachspiels und für österreichische Geschichte – vor allem solche, die bereit sind, für eine Folge dieser Serie einzuspringen.

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Über Andreas Moser

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8 Antworten zu Vor hundert Jahren hielt jemand zwar seine Neujahrsvorsätze ein, kümmerte sich aber einen Dreck um das Leben Anderer – Februar 1921: Winston Churchill

  1. Pingback: Vor hundert Jahren … | Der reisende Reporter

  2. Anonymous schreibt:

    Ich glaube das historische Umfeld erlaubt irgendwelchem ueberdurchschnittlich-cleveren Weirdly(kein besseres dt Wort gefunden)sich in die Geschichte ein-zu-schleichen und sein Ding zu treiben…habe vor einiger Zeit gelesen ,dass er Deutschland gegen Ende des 2.Weltkrieges von der Karte loeschen wollte ,…auch so ein „Uebermenscheinfall“…eine Nichte Churchills war in Hitler verknallt und hat dessen Aufmerksamkeit im Kaffeelokal nach monatelanger Muehe „erreicht“; es passte ihm zu zeigen,dass er sogar englische Anhaenger hatte;sie begang Selbstmord ,nachdemH.sie nach England zurueckschickte.. Interessant und sehr informativ dein Bericht..

    • Andreas Moser schreibt:

      Naja, das Vorgehen der Alliierten gegen Deutschland im Zweiten Weltkrieg kann man nun nicht mit Imperialismus oder Kolonialismus gleichsetzen.
      Schließlich war es Deutschland, das die Welt erobern wollte und alle Regeln des menschlichen Zusammenlebens gebrochen hatte.

  3. tinderness schreibt:

    Ein sehr interessanter Artikel, Andreas, danke für den Buchhinweis.

    • Andreas Moser schreibt:

      Vielen Dank!

      Das Buch gibt es leider noch nicht auf Deutsch, aber als jemand, der eigentlich noch gar nichts von Indien wusste, fand ich sehr instruktiv. Shhashi Tharoor geht die Kolonialgeschichte durch und setzt sich ausdrücklich mit allen Argumenten der Kolonialbefürworter auseinander („Wir haben Frieden un Wohlstand gebracht“, „Wir haben Indien geeint“, „Wir haben die Eisenbahn gebracht“ u.s.w.).
      Er hat zwar das klare Ziel, diese Argumente alle zu entkräften, aber er tut das sehr fundiert und vor allem eloquent.

      Seine Eloquenz war es auch, die mich zuerst auf den Autor aufmerksam hat werden lassen, als ich diesen Podcast gehört habe:

      Sehr empfohlen, wenn man keine Zeit für das Buch hat.

  4. G schreibt:

    Keine Sternstunde, ich habe von Ihnen/Dir schon viel Spannenderes und Kügeres gelesen. Churchill war ein Mann seiner Zeit. Und Rassismus prägte seine lange Regierungszeit weniger, darüber sind sich Historiker doch recht einig. Das alles an einem Buch aufzuhängen, ist schon amtlich. Empfehle Amartya Sen zum Thema Hunger in Indien (auch er ist im übrigen der Meinung, dass der Mangel nicht so groß war, um die Hungersnot nicht abzuwenden). Gallipoli ist ein anderes großes Drama in Churchills Karriere.

    • Andreas Moser schreibt:

      Nächsten Monat in „Vor hundert Jahren …“ wird es wieder richtig spannend – und sogar lustig. Versprochen!

      Aber das mit dem „Mann seiner Zeit“ lasse ich nicht gelten. Deshalb habe ich ja Zitate bis in die 1950er Jahre aufgenommen und darauf hingewiesen, als wie extrem Churchills Rassismus auch in seiner Zeit und seiner Umgebung wahrgenommen wurde.
      Außerdem ist dieses „das war damals halt so“-Argument auch wieder sehr eurozentristisch. Denn die Inder und andere Völker fanden den europäischen Kolonialismus natürlich schon immer etwas ungerecht.

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