27 Stunden im Zug und keine Minute Langeweile

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In Neonlettern scheint der Name „Pacific Central“ auf dem monumentalen Gebäude durch die recht spät und langsam ausklingende Nacht. Durch den Park vor dem Bahnhofsgebäude schleppe ich meine viel zu schweren Taschen, wie immer auf langen Reisen randvoll mit Büchern und Notizblocks, wie wenn ich im Kampf mit dem freiwilligen Übergewicht gleichzeitig gegen Modernisierung und Digitalisierung ankämpfen will. Gesellschaftlich und politisch hoffentlich auf der Höhe der Zeit, fühle ich mich technologisch im 19. Jahrhundert wohl. Deshalb fiel die Wahl des Verkehrsmittels für die Durchquerung Kanadas natürlich auf die Eisenbahn.

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Ich trete in einen großen, geräumigen, schönen Bahnhof mit hohen Decken und gepolsterten Holzbänken und einer Menge an hilfsbereiten Mitarbeitern. Das ist der Hauptbahnhof von Vancouver, dem End- oder Anfangspunkt der Trans-Kanada-Strecke sowie der Zugverbindung in die USA, aber niemand eilt, niemand hetzt, niemand hat Stress. Der Zug, der von hier zweimal in der Woche nach Toronto fährt, ist vier Tage unterwegs. Solche Fahrzeiten führen zu mehr Gelassenheit als der morgendliche Pendlerandrang am Münchener Hauptbahnhof.

Ich stückele die Kanadadurchquerung und werde deshalb erst einmal nur 27 Stunden unterwegs sein und in Edmonton, der nächsten größeren Stadt, schon wieder aussteigen.

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Viel wichtiger als das Ziel ist aber die Strecke, denn die führt einmal geradewegs über die Rocky Mountains. Nun sind 27 Stunden im Zug besser als 27 Stunden im Flugzeug oder in einem LKW oder auf einer schaukelnden Fähre im südchinesischen Meer. Aber es sind halt doch 27 Stunden. Zwar gibt es auch Liegewagen, aber die heißen wohl so, weil sie außerhalb meines Budgets liegen. Ein Sitzplatz ist Luxus genug. Jack London wäre auf den Güterzug gesprungen.

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Während ich mir unsicher bin, ob ich für die 27-stündige Zugfahrt wirklich bereit bin, setzt sich ein Bettler neben mich und fragt höflich, ob ich etwas Kleingeld habe. Ehrlich bedauernd verneine ich, denn in Kanada rennt mir das Geld wie Wasser aus den Fingern. Eine attraktive Frau eilt herbei und spricht den armen Mann an: „Entschuldigen Sie bitte, mein Herr. Ich arbeite hier und ich möchte Sie darauf hinweisen, dass Sie sich in Schwierigkeiten bringen, wenn Sie im Bahnhofsgebäude um Geld bitten.“ Sogleich fügt sie freundlich und respektvoll an: „Sie dürfen aber natürlich gerne hier bleiben und sich aufwärmen.“

Eine andere Bahnangestellte geht mit einem Körbchen durch die Wartehalle und verteilt Bonbons.

Ich gebe mein Gepäck auf, um nur das Nötigste mit an Bord zu nehmen (Bücher, Essen, Hausschuhe) und überlege mir, ob ich die schwere Winterjacke mitnehmen oder aufgeben soll. Von den anderen Passagieren in der Wartehalle ist niemand arktisch-polar ausgestattet, ein Herr ist sogar in Shorts erschienen. (Es ist Mitte Dezember.) Die Leute hier wissen sicher besser Bescheid, wie gut der Zug beheizt ist, also kommt die Jacke in den Frachtraum.

Zu spät fällt mir ein, dass die anderen Passagiere vielleicht einen Schlafwagen mit beheizter Decke gebucht haben und ich als Einziger 27 Stunden lang frieren werde. Mist. Durch das Hochgebirge im Winter und durch die Nacht, das wird kalt.

Die Wartezeit bis zur Abfahrt um Punkt 12 Uhr vergeht schneller, wenn ich mir noch ein ausgiebiges Frühstück gönne und Euch dabei erkläre, wie wichtig die Eisenbahn für Vancouver ist. Wie alles in Nordamerika wanderte auch die Bahnlinie durch Kanada von Ost nach West. British Columbia, das Bundesland an der Pazifikküste, stimmte dem Beitritt zur kanadischen Konföderation erst zu, nachdem die Bundesregierung den Bau der transkontinentalen Eisenbahn versprochen hatte. Und als die Entscheidung anstand, in welchem der Holzfäller- und Walfängerstädtchen die westliche Endstation errichtet werden sollte, fiel die Wahl im Jahr 1884 auf Granville, das zwei Jahre später in Vancouver umbebannt wurde. Seit der Ankunft des ersten Zuges 1887 ging es mit der Stadt zügig bergauf. Wäre damals eine andere Endhaltestelle auserkoren worden, so wäre Vancouver heute ein kleines Nest.

Aber genug geschwafelt, es ist Zeit zum Einsteigen. An 15 langen Waggons laufe ich minutenlang vorbei, denn die Economy-Klasse ist natürlich am weitesten vom Bahnhof entfernt.

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Aber schon unmittelbar nach dem Einsteigen gibt es den ersten Oho-Effekt: Die Sitze sind riesig und bequem, mit ausreichender Beinfreiheit. Im Flugzeug müsste man dafür den Erste-Klasse-Preis zahlen.

Zudem sind die Sitze alle in Fahrtrichtung angebracht, und jeder Passagier bekommt einen Fensterplatz, außer natürlich den Paaren, die nebeneinander sitzen (müssen). Wie Zooey Glass bei J. D. Salinger auf die Frage, warum er nicht heirate, antwortete: „Ich fahre viel zu gerne Zug. Wenn du erst verheiratet bist, kannst du nie mehr am Fenster sitzen.“

Ein Schaffner geht durch den Waggon und fragt jeden Passagier, wie weit er fahre. Die meisten wollen wie ich nur bis Edmonton. Ein Herr fährt nach Winnipeg, und ein Junge die ganze Strecke bis nach Toronto. Man kommt schnell ins Gespräch. Die meisten fahren zum ersten Mal, ein lange gehegter Traum, der jetzt im Winter günstiger ist als zur Hauptreisezeit. Manche besuchen Verwandte, und mir scheint, sie wollen die Ankunft noch hinauszögern, deshalb die Wahl des langamsten Verkehrsmittels. Eine Dame will sich vom Zug aus die Strecke ansehen, die sie vor Jahrzehnten mal mit dem Fahrrad abgefahren ist. Ein Mädchen aus China hat gerade Zeit, weil sie nach Edmonton gezogen ist und noch keinen neuen Job gefunden hat. „Vor Weihnachten tut sich da sowieso nichts,“ sagt sie, „also kann ich mir auch endlich mal Kanada ansehen. Ich wohne schon seit drei Jahren in Kanada, aber das Land ist so groß.“ Wenn selbst eine Chinesin sagt, Kanada sei riesig, dann muss es wohl stimmen.

Ein Ehepaar bringt die Oma in den Zug und behandelt sie wie ein Kind. „Wo willst du sitzen? Ist es hier in Ordnung? Aber da sitzen andere Leute. Auf der rechten Seite siehst du die Berge besser.“ Ich fahre hier zwar zum ersten Mal mit, aber ich bin mir sicher, dass auf beiden Seiten Berge sind. Wahrscheinlich ist die Oma selbst ganz gelassen, sobald ihre nervigen (Schwieger-)Kinder weg sind.

Der Waggon wird von zwei Stewards bedient, Don und Gabriel. Sie weisen auf die Notausgänge hin, auf das Essen und auf den Aussichtswaggon. Und während sie noch im Erklären sind, rollte der Zug los. Ganz leise und sanft, und die Jetzt-gibt-es-kein-zurück-mehr-Freude stellt sich ein. Wie so oft in Bahnhofsnähe rollen wir zuerst durch unschöne Viertel voller Autofriedhöfe, Lagerhallen und Sägewerke. Ein obdachloses Paar steht Hand in Hand da und blickt dem Zug sehnsüchtig nach, von den Flitterwochen träumend, die das Leben ihnen versagt hat.

Wie um ihnen die Chance zum Aufspringen zu geben, hält der Zug an. Ein Güterzug kreuzt. Das wird noch öfter passieren auf dieser Reise, denn die langen (und vielen) Güterzüge haben in Kanada Vorfahrt vor den kürzeren und damit leichter auf ein Nebengleis zu bugsierenden Personenzügen. So ein Güterzug kann schon mal fünf Minuten lang vorbeirattern mit seinen Hunderten an Waggons. Das haben wir jetzt vom boomenden Welthandel. Aber viele Frachtzüge bedeuten auch viele Mitfahrgelegenheiten, wenn mir das Geld für den Personenzug ausgeht. Vielleicht fahre ich im Frühjahr landstreichermäßig nach Toronto weiter.

Die Profis unter den Reisenden packen schon die mitgebrachten Kissen und Decken aus. Es ist bitterkalt, obwohl es noch mittags ist, aber Don hat versprochen, dass die Heizung bald anspringen wird.

Die Geschwindigkeit, ich schätze 60-70 km/h, zeigt, dass es um Gemütlichkeit geht, nicht wie beim gefährlich schnell durchs Land flitzenden ICE. Der Zug durch Kanada ist eher ein rollendes Wohnzimmer. Umso mehr jetzt, wo die Heizung zu spüren ist. Anscheinend wurde der Kohleofen befeuert.

Nach schätzungsweise einer Stunde (ich habe gar keine Uhr mit an Bord genommen) sind wir über Vancouver und die Vororte mit charakterlosen Hochhäusern hinaus. Neben uns liegt ein breiter Fluss, gegenüber ragen schneebedeckte Berge empor, im Wasser treiben Flöße aus zusammengebunden Baumstämmen. So habe ich mir Kanada vorgestellt!

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Der Zug nimmt Fahrt auf, jetzt geht’s richtig los. Der Lokomotivführer hupt vergnügt an jedem Bahnübergang, ja sogar an kreuzenden Feldwegen. Die Bahnschranken bimmeln. So erfährt das ganze Land von der segensreichen Errungenschaft des ihn vollständig durchziehenden Schienenstrangs.

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So etwas wie eine Stadt taucht zum ersten Mal mit Mission City auf, ein trostloser Ort an einem fischreichen Fluss, wie ich aus dem Vorbeifahren urteile. Mehr Datengrundlage als den flüchtigen Eindruck von im wörtlichen Sinn oben herab bekomme ich nicht, denn der Zug befindet die Stadt keines Haltes wert.

Ich springe ständig vom linken zum rechten Fenster und wieder zurück, weil auf beiden Seiten Flüsse, Seen und Berge auftauchen. Ein Blick schöner als der vorherige. Diese Zugfahrt ist wie der Besuch einer Galerie mit Landschaftsmalereien der großen Meister.

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Einige Berge sind so spitz wie das Matterhorn, wobei das schon wieder so ein unangebrachter europäischer Vergleich ist. Europa ist zwar kulturell diverser und interessanter als Nordamerika, aber was beeindruckende Landschaften angeht, die Roadtripfähigkeit sozusagen, da würde ich Nordamerika vorziehen. Hier stößt man nicht alle 50 km auf die nächste Stadt, sondern sieht allenfalls alle 150 km ein Holzhaus, wie den Laden in Kilby.

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Via Rail, der Zugbetreiber, lädt Künstler zu Freifahrten ein, wenn diese dafür die Gäste unterhalten. Auf dieser Fahrt ist es Audrey, die singt und Gitarre spielt. Allerdings so Lieder, wie sie zur Zeit auch ständig im Radio laufen, also nicht mein Geschmack. Ich würde lieber etwas Passendes wie „Hey hey Train“ von Johnny Cash hören. Ladet den doch mal ein!

Dafür wird die Natur spektakulärer, je düsterer es wird. Die Sonne ist schon verschwunden, aber es bleibt noch lange dämmrig, wie das im Norden so ist. Nebel liegt in den Tälern, und der Wald ist nicht mehr grün, sondern braun, grau und schwarz. Das ist diese Tageszeit, wo man beim Wandern Angst hat, das Ziel nicht mehr zu erreichen, wo jeder knackende Ast wie eine Gefahr klingt. In dieser Größe, Weite und Abgeschiedenheit kann der Wald tatsächlich bedrohlich wirken. Beim Gedanken daran fühle ich mich im Zug noch wohliger und sicherer.

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Manche der Passagiere haben ihre Stühle schon zu Betten ausgefahren. Man kann also auch in der billigsten Klasse bequem reisen, vor allem wenn man kürzer als 170 cm ist.

Und dann wird es doch stockdunkle Nacht – etwas, das die meisten Menschen in den Städten nie erleben. Ich wechsle in Jogginghose und Puschen. Nur wenn der Zug in eine Kurve fährt, sehe ich, wie die Lichter der Lokomotive von den Fichten, Tannen und Schneeflocken reflektiert werden.

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Schon seit Stunden hat der Zug nicht mehr gehupt, wir sind also wohl schon im Gebirge und in der Wildnis. Hoffentlich lauern uns keine Banditen auf.

Gabriel geht durch den Zug und teilt jedem Passagier, der in Kamloops aussteigen will, mit, dass wir derzeit 45 Minuten Verspätung haben. Die Ankunft ist erwartet für 21:30 Uhr, der erste Halt nach neun Stunden Fahrt. Ein Passagier, der nach Winnipeg will und damit noch etwa zwei Tage unterwegs ist, bittet darum, in Kamloops ebenfalls geweckt zu werden, weil er zum Rauchen raus will. Für einen abhängigen Raucher sind drei oder vier Tage Zugfahrt wirklich hart. Mich berührt das nicht mehr, denn ich habe der schlechten Angewohnheit für die Zeit in Kanada aus Kostengründen eine Auszeit gegönnt.

In Wirklichkeit kommen wir um 22:47 Uhr in Kamloops an, mit eineinhalb Stunden Verspätung. Die Leute, die in Kamloops einsteigen, haben somit das Abendessen verpasst. Bis Toronto wird sich das leicht auf einen ganzen Tag Verspätung aufbauen. Ich werde vor dem Rückflug aus Toronto also besser ein paar Puffertage einplanen. Zwei Eskimokinder, die mit ihrer Mutter eingestiegen sind, stecken schon im Ganzkörperschlafanzug, sind aber noch putzmunter und laufen auf und ab. Ich kann es ihnen nicht verübeln, denn ich kann auch nicht richtig schlafen. Für die Weltumrundung mit dem Zug muss ich kürzere Teilstrecken und Pausen mit Bett und Dusche einplanen.

Die Nacht wird ein bisschen kalt. Es ist nicht objektiv ungemütlich in den Sitzen der günstigsten Klasse, ich bin jedoch etwa 10 cm zu lang, um mich voll ausstrecken zu können. Aber schließlich verstummen die Kinder und ich muss irgendwie eingeschlafen sein, denn um kurz vor 6 Uhr (schon in der nächsten Zeitzone) wache ich auf. Ich sehe, dass draussen Schnee liegt, sonst nichts. Es wird wohl noch ein paar Stunden dunkel sein, aber wie in der Jugendherberge bin ich gerne der erste, der zum Zähneputzen und kursorischen Waschen geht.

Die Tatsache, dass ich noch mindestens weitere 10 Stunden Fahrt vor mir habe, ist eigentlich unvorstellbar nach dieser langen Nacht. Wir sind schon seit 18 Stunden unterwegs. In dieser Zeit wäre ich von München bis nach Minsk gekommen. In Kanada habe ich gerade mal die Grenze zum nächsten Bundesland überschritten, deshalb auch die Zeitumstellung.

Im Bad stelle ich fest, dass der Abstand zwischen Wasserhahn und Waschbecken ausreicht, um sich die Haare zu waschen. Und wenn ich schon dabei bin, gönne ich mir noch eine ausführliche Rasur. Jetzt bin ich wach! Frisch hygienisiert strahle ich zufrieden in den Spiegel des rollenden Waschsalons. So viel Komfort hat man im Flugzeug, Bus oder Auto nicht. Das ist eigentlich wie eine Kreuzfahrt hier, nur umweltfreundlicher.

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Unter der Glaskuppel warte ich auf den Sonnenaufgang, der es nicht eilig hat. Das chinesisches Mädchen ist gleichzeitig mit mir aufgestanden. Ich erzähle ihr von meinem Plan, im April bis nach Toronto weiterzufahren. Allerdings erschüttert sie meine Hoffnungen, dass es dann schon Frühjahr sein wird. „Vielleicht ab Juni“, sagt sie. Immer mehr Gäste trudeln im Ausguck ein und bewundern die schwere Lokomotive, wie sie sich durch die Nacht und den Schnee pflügt. Es gibt dann keinen richtigen Sonnenaufgang, sondern es wird ganz undramatisch heller, wie wenn die pechschwarze Dunkelheit langsam einpackt, weil sie sich von der Nachtschicht ausruhen muss.

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Erst beim Halt in Jasper (hier steigen all die Wintersportler aus, um sich die Knochen zu brechen) kommt die Sonne hervor und bringt das Bilderbuchwinterkanada mit sich. Sogar eine Herde von Elchen grast neben der Eisenbahn und lässt sich nicht verscheuchen.

Nach Jasper wird die Landschaft noch dramatischer. Vielleicht liegt es aber auch an dem sonnigen Tag, der die Blicke weiter schweifen lässt. Jedenfalls bin ich jetzt froh, wenn der Zug mal wieder langsamer fahren oder anhalten muss.

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Wenn ich so viel Naturschönheit sehe, frage ich mich immer, wieso die Leute so weit nach Westen gezogen sind. Gut, laut Kolumbus war dort China zu finden, aber wenn man schon aus Europa gekommen ist, einen halben Kontinent durchwandert hat, wieso bleibt man dann nicht einfach an Orten wie diesen, dem Paradies so nah?

Traurig ist nur, wie stolz auch in Kanada ältere, geschiedene Frauen darauf sind, dass ihre Kinder sich verloben, verheiraten oder fortpflanzen. Sie müssten doch selbst wissen, dass dies der Weg ins Unglück ist. Tom, ein 25-jähriger Rucksackreisender aus Deutschland entzückt die anwesenden Damen als er von seiner geplanten Verlobung, häuslichen Niederlassung und Aufzucht von zwei geplanten Kindern erzählt, und ich denke mir nur: „Junge, sei doch nicht doof! Schau aus dem Fenster: Die Welt ist groß und schön und abwechslungsreich. Willst du tatsächlich auf all das verzichten, um plärrende Babypopos zu putzen?“ Aber ich bin heute mehr in der Entspannt-die-Natur-genießen- als in der Ungefragt-fremde-Leben-vor-dem-Gang-ins-Verderben-retten-Stimmung.

Als Sparfuchs habe ich mir natürlich genügend Kalorien für die ganze Reise eingepackt, aber nach 24 Stunden kann ich keine Müsli- und Proteinriegel mehr sehen. Also gehe ich in den Speisewagen und ordere einen Cheeseburger. Sogar die Tageszeitung Globe & Mail liegt hier aus.

Außer mir sitzen nur einige Bahnmitarbeiter im gemütlichen und sonnigen Speisewagen. Als ich auf der rechten Seite erblicke, wie wir einen breiten Fluss überqueren, entfährt mit ein Ausruf des Staunens. „Der Blick auf die andere Seite ist auch gut. Da ist eine einsame Hütte am Ende des Flusses“, rät mir einer der Techniker, kaum von seinem Essen aufblickend. Die Leute, die im Zug arbeiten, kennen die 4.466 km anscheinend auswendig. Wahrscheinlich fällt ihnen sogar auf, wenn jemand für Weihnachten einen Baum gefällt hat.

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Eine Frau und ein Mann, beide Kanadier, beide mittleren Alters, kommen in den Speiswagen. Zuerst halte ich sie für ein Paar, aber aus der Unterhaltung entnehme ich, dass sich das erst im Laufe der Zugfahrt angebahnt hat. Andererseits scheint es nichts Ernstes zu sein, denn sie laden mich an ihren Tisch ein und nehmen mich in ihre Unterhaltung auf. Für meinen Geschmack geht es dabei zu viel um Autos, Häuser und Einkaufszentren. Da fehlt nur noch Eishockey, dann hätte man das kanadische Durchschnittsleben abgehakt.

Aber die Frau weiß auch viel über Züge und kennt alle Angestellten mit Namen, so dass ich sie frage, ob sie für die Eisenbahn arbeitet. „Oh nein“, lacht sie, „mein Ex-Mann war bei der Eisenbahn. Bei der Scheidung habe ich mehr um den lebenslangen Freifahrtschein gekämpft als um die Kinder. Hat mich 100.000 $ an Anwaltsgebühren gekostet.“ Als ehemaligem Fachanwalt für Familienrecht ist mir sofort klar, für welchen der Beteiligten sich das am meisten ausgezahlt hat. „Aber erst seit das Schwein tot ist, kann ich die Fahrten richtig genießen.“ Diesmal wirkt ihr Lachen noch deplatzierter. Meinen Blick bemerkend, fügt sie an: „Ehrlich, es ist besser, dass er tot ist. Sogar meine Kinder stimmen da zu. Er war ein Krimineller.“ Ich hätte Tom doch vor dem Familienleben warnen sollen.

Anstatt den Gitarristen und Sängerinnen könnte Via Rail eigentlich mal einen Historiker engagieren, denn die Geschichte des Eisenbahnbaus steht exemplarisch für viele Veränderungen in der kanadischen Gesellschaft. Man könnte sagen, dass erst das Eisenbahnnetz, das den ganzen Kontinent überspannte, Kanada zu einem modernen staatlichen Gebilde mit einem konsolidierten Staatsgebiet und der Möglichkeit der Staatsgewalt, diese in allen Landesteilen durchzusetzen, machte. So konnte die Zentralregierung zum Beispiel 1885 schnell Truppen schicken, um die Nordwest-Rebellion niederzuschlagen. Entlang der Eisenbahnstrecke wurde eine Telegrafenleitung verlegt, die das Land ebenfalls enger zusammenführte.

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Auch die Besiedlung des Westens wurde durch die Eisenbahn enorm beschleunigt. Für den Bau der Strecke wurden gezielt ausländische Arbeiter angeworben, im Osten aus Europa und im Westen aus China. Sobald die Eisenbahn gebaut war, wollte man die Chinesen aber nicht mehr haben. 1885 wurde die Einwanderung aus China durch hohe Kopfsteuern erschwert und 1923 vollständig verboten. (An weißen Europäern stören sich kanadische „Einwanderungskritiker“, die natürlich alle selbst von Migranten abstammen, bis heute nicht.)

Special drop-off“ tönt es aus Gabriels Funkgerät. Hinter ihm läuft ein Passagier mit umgeschnallten Rucksack und Wanderausrüstung. Der Zug hält auf freier Strecke, ein Pick-Up-Wagen wartet schon an einem Bahnübergang, und der Trans-Kanada-Zug kommt genau so zu stehen, dass der wartende Freund vor der richtigen Tür des richtigen Waggons steht.

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Ich frage den Zugbegleiter halb im Scherz, ob man überall aussteigen kann, wo man will.

„Wenn Sie uns 48 Stunden vorher Bescheid geben, dann planen wir das ein. Sie können auch auf freier Strecke einsteigen, dazu müssen Sie nur die genaue Meilenangabe des Ortes wissen.

Leute nützen das beispielsweise, wenn sie mit dem Kanu unterwegs sind. Wir setzen sie in der Wildnis ab und vereinbaren, wo wir sie nach einer Woche wieder aufnehmen. An dieser Stelle fahren wir ganz langsam, um sie nicht zu übersehen. Manchmal haben die Leute dann Eimer voller Fische oder einen geschossenen Elch dabei.“ Ob das in der Küche gleich verarbeitet wird?

Ich kann meine Bewunderung über diesen freundlichen, hilfsbereiten und kostenlosen Service nicht verbergen. (Nur in Mazedonien habe ich etwas Ähnliches erlebt.)

„Aber die Leute verschätzen sich oft“, fährt Gabriel fort. „Deshalb sind sie nicht immer zur vereinbarten Zeit da. Dann geben wir den nachfolgenden Zügen Bescheid, dass sie an dieser Stelle langsam fahren und Ausschau halten sollen. Erst nach drei Tagen melden wir sie als vermisst.“

Kurz vor Edmonton kündigt ein leuchtender Sonnenuntergang eine weitere lange Nacht an, zumindest für die, die an Bord bleiben und sich der künstlich beleuchteten und belärmten Zivilisation noch ein wenig entziehen können.

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Eigentlich will ich gar nicht mehr aussteigen. Ich genieße die Fahrt so sehr, dass ich gerne noch ein paar Tage sitzenbleiben oder einfach immerzu hin und her durch Kanada fahren würde.

Praktische Hinweise:

  • Alle Informationen, Fahrpläne und Buchungsmöglichkeiten gibt es bei Via Rail.
  • Im Sommer fährt der Zug dreimal, im Winter zweimal pro Woche.
  • Wenn Ihr flexibel seid, versucht verschiedene Daten, denn die Preisunterschiede sind enorm. Im Sommer ist der Zug angeblich ziemlich ausgebucht. Für die Fahrt von Vancouver nach Edmonton habe ich 184 $ (= 120 €) bezahlt. Günstiger geht es kaum, außer mit Rabatt für Jugendliche oder Senioren.
  • Ich konnte den Fahrschein nicht mit meiner europäischen Kreditkarte buchen und musste deshalb einen kanadischen Freund um Hilfe bitten. (Danke, Edward!) Aber von anderen Reisenden habe ich keine derartigen Probleme gehört.
  • Unbedingt mitnehmen: Ein Buch, eine Decke für die Nacht, Hausschuhe. (Zu spät habe ich gesehen, dass ich für 5 $ eine Decke hätte erwerben können.)
  • Internet gibt es nur an den Bahnhöfen. (Ich fand die Internetfreiheit übrigens super. Dadurch waren die leute viel kommunikativer.) Steckdosen gibt es an jedem Platz.
  • Ein Tipp für absolute Sparfüchse: Der Wasserhahn im Bad ist hoch genug, um mitgebrachte Wasserflaschen aufzufüllen. So müsst Ihr an Bord nichts für Getränke ausgeben. Und wer noch mehr sparen will, findet sicher eine leere Plastikflasche im Mülleimer des Abfahrtsbahnhofes. – Wie ich immer sage, Reisen muss nicht teuer sein.
  • Das Essen im Zug ist relativ preiswert (hier die Speisekarte), aber wer wirklich sparen will, bringt natürlich alles mit. Kochendes Wasser gibt es kostenlos, so dass man sich Tee und Suppen zubereiten kann.
  • Plant ein paar Stunden Verspätung ein. Auf keinen Fall einen knappen Anschlussflug buchen.
  • Von Vancouver geht noch ein anderer Zug, der Rocky Mountaineer nach Calgary. Der fährt aber nur im Sommer und kostet etliche Tausend Dollar (nur für eine Fahrt, nicht um den ganzen Zug zu kaufen).

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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17 Antworten zu 27 Stunden im Zug und keine Minute Langeweile

  1. Anonymous schreibt:

    Sehr interessanter Bericht, wie immer gefärbt mit persönlichen Sichtweisen, sehr gut!

    • Andreas Moser schreibt:

      Dankeschön!
      In ein paar Monaten kommt dann der weitere Teil der Zugfahrt. Das wird landschaftlich nicht mehr so spannend, weil es ein paar Tage durch die Prärie geht, aber so werde ich hoffentlich mehr Zeit für Gespräche mit den anderen Passagieren haben.

  2. Martin schreibt:

    Sehr spannend, jetzt hab ich doch glatt Lust auf eine Zugfahrt bekommen! Freu mich auf den nächsten Teil der Fahrt.

  3. Guntron schreibt:

    Ich las deinen Bericht, als ich im ICE zwischen Hannover und Bremen fuhr. Im Winter nach 15 Uhr haben die Niedersachsen 150 verschiedene Wörte für Grau und keins für Elche. Ich fuhr mit meinem Sohn Zug. Das geht auch. Aber dann ist man halt eher in Niedersachsen.

    • Andreas Moser schreibt:

      Die schnellen Züge scheinen die Elche zu vertreiben.
      Kommt man da nicht an der Lüneburger Heide vorbei? Das wäre ein guter Ort, um die Flexibilität der Deutschen Bahn zu testen und zu fragen, ob man nicht an einem Feldweg rausgelassen werden könne.

  4. Klasse Zugfahrt, das mache ich mal mit meinem Mann! Die Welt entdecken geht übrigens auch mit Nachwuchs… Aber der richtige Partner will natürlich erst gefunden werden.

    • Andreas Moser schreibt:

      Stimmt, das geht schon. Ich treffe auch manchmal Paare oder Familien, die das hinbekommen. Der organisatorische Aufwand ist halt größer (und es ist wahrscheinlich teurer).

      Aber ich treffe auch eine Menge Leute, die zu früh, ungewollt oder zu viele Kinder bekommen haben und deshalb ihre Träume aufgegeben haben. Andererseits brauchen viele dazu nicht einmal Kinder, sondern es reichen schon ein Job und eine Hypothek oder gar ein Mietvertrag.

  5. Edwina Engelmann schreibt:

    Wunderschön! Im Sommer kann man die Strecke bestimmt vollständig am Tag bewältigen, wenn man einen Zwischenstopp macht.

    • Andreas Moser schreibt:

      Ganz bei Tageslicht bekommt man es vielleicht nicht hin, weil der Zug an manchen Orten nur nachts vorbeikommt, aber klar würde man im Sommer mehr sehen.

  6. Edwina Engelmann schreibt:

    Hast du rausgefunden warum die Kreditkarte nicht funktionierte? VisaCard oder MasterCard? Debit oder Kredit? Manchmal funktioniert das nicht. Deswegen habe ich Master und Visa und Debit- und Kreditkarte. Manchmal geht es aber überhaupt nicht. Gab es weitere Zahlungsmethoden?

    • Andreas Moser schreibt:

      Es gab keine Möglichkeit für PayPal oder sowas.

    • Edwina Engelmann schreibt:

      Aber woran es gelegen hat, weißt du nicht?

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich weiß gar nicht, wie ich das herausfinden könnte.
      Oder wozu, denn ändern kann ich ja doch nichts.
      Das nächste Mal gehe ich einfach ins Reisebüro und lege Bargeld auf den Tisch.

    • Edwina Engelmann schreibt:

      Da habe ich heute auch eine feine Erfahrung machen müssen. Wollte bei Sta Travel meine ISIC Karte verlängern – mit Bargeld natürlich. Nein nur Kreditkarte. 😂

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich finde das nervig, dass man manches gar nicht mehr mit Bargeld erledigen kann. Es schließt einen gewissen Teil der Bevölkerung von diesen Geschäften aus, insbesondere Arme und Alte.
      Aber die ISIC-Karte rentiert sich, vor allem bei Museumsbesuchen.

  7. Pingback: 27 Hours on the Train and not a Minute of Boredom | The Happy Hermit

  8. Andreas Moser schreibt:

    Wenn Via Rail noch einen Mord organisieren könnte, wäre es so spannend wie im Orient Express.

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