Ostdeutschland, das unbekannte Deutschland

Die Überschrift ist natürlich keine allgemeingültige Aussage, sondern bezieht sich auf meinen begrenzten Horizont. Aber lasst mich erzählen, wie ich darauf komme.

Letzten Winter, als ich in Montenegro lebte, traf ich eine Frau, die entweder alt genug oder gebildet genug war, um zu wissen, dass es bis vor kurzem zwei Deutschlands gegeben hat. Während wir durch den Hafen von Budva schlenderten, fragte sie mich, wie das denn jetzt mit der Wiedervereinigung so liefe und ob es noch Unterschiede zwischen Osten und Westen gäbe.

Ich war erfreut über die Frage, weil es endlich mal eine neue war, und setzte zu einem Monolog mit angelesenem Wissen über Bevölkerungsentwicklung, Wirtschaftskraft, Infrastruktur u.s.w. an. Es ist ziemlich gefährlich, mir offene Fragen zu stellen, sollte ich an dieser Stelle all diejenigen warnen, die mich mal persönlich treffen werden. Aber an jenem Abend an der Adria unterbrach ich mich nach nur wenigen Sekunden selbst, blieb stehen, und sagte nachdenklich:

Wenn ich ehrlich bin, weiß ich weniger über Ostdeutschland als über Montenegro.“

Das zu realisieren, war für mich wie ein kleiner Schock. Nicht nur war ich – 1975 in Westdeutschland geboren und somit in der BRD sozialisiert – kein einziges Mal in der DDR gewesen, die frecherweise zu existieren aufhörte, bevor ich zu reisen begann, sondern ich war auch seither nicht wirklich in Ostdeutschland gewesen.

Klar, in Berlin war ich schon einige Male. Aber unsere schmucke und top-organisierte Hauptstadt steht doch irgendwie über der Ost-West-Dichotomie und eher in einer Reihe mit New York und London. Ansonsten war ich, wenn ich mich recht erinnere, nur zweimal in Ostdeutschland, in Hohenstein-Ernstthal und in Rostock, jeweils zu einem Gerichtstermin.

Aber damals war mein Leben noch von Arbeit, Terminen und Stress dominiert, so dass ich mit der Reichsbahn schnell hin und zurück düste und döste. Nur in Rostock musste ich wegen der Entfernung zwei Nächte verbringen und habe mich bei einem abendlichen Spaziergang in einem Plattenbauviertel ziemlich verlaufen. In beiden Städten dachte ich mir: „Ganz hübsch, aber wo sind die Leute hin?“ Vielleicht waren aber auch einfach nur alle bei Bruce Springsteen oder auf einem anderen FDJ-Konzert.

Meine fehlenden Kenntnisse über Ostdeutschland ergeben sich übrigens gar nicht aus einer Abneigung gegenüber dem Osten, wie ich sie leider bei vielen Westdeutschen und Westeuropäern feststelle. Ganz im Gegentum, ich finde Osteuropa viel faszinierender als Westeuropa. Auch in einige westliche Bundesländern hab ich bisher noch keinen Fuß gesetzt, weil ich zu beschäftigt damit war, andere Kontinente zu erkunden.

Aber für einen politisch und historisch interessierten Menschen erscheint es mir 28 Jahre nach der Wiedervereinigung doch als sträfliche Nachlässigkeit, eine Hälfte des eigenen Landes, die eine doch sehr andere Geschichte aufweist, noch nicht eingehend bereist und erforscht zu haben. Irgendwie ist es schon komisch, dass ich Staaten wie Transnistrien und Abchasien oder entfernte Eilande wie die Osterinsel besser kenne als Ostdeutschland. Ja, selbst im Evin-Gefängnis in Teheran habe ich bisher mehr Nächte verbracht als in den fünf neuen Bundesländern.

Das zu ändern ist mein Vorsatz. Und ich meine damit nicht nur ein paar Tage in Görlitz oder Eisenhüttenstadt, sondern eine ausgedehnte und intensive Erkundung des (mir) unbekannteren Deutschlands. Genauso wie ich sonst ferne Länder erkunde.

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Ostdeutschland ist natürlich nicht auf die DDR-Geschichte zu reduzieren, insbesondere nicht eine ganze Generation später. Aber als Geschichtsstudent liegt mein Interesse eben eher in der Vergangenheit als in der Zukunft.

Bei einem Seminar über den „kurzen Sommer der DDR 1965“ an der Fernuniversität in Hagen wurde mir bewusst, wie wenig wir West- und jetzt Gesamtdeutsche über die DDR-Geschichte wissen. Abgesehen von Volksaufstand 1953, Mauerbau 1961 und Mauerfall 1989 eigentlich gar nichts. Neben mir saß eine Studentin, die in der DDR aufgewachsen war, und erklärte mir, wie surreal sie das empfinde: „Der Professor referiert über die DDR wie über ein fernes Land oder das alte Ägypten. Aber hier sind Leute im Raum, die da aufgewachsen sind. Wieso fragt uns niemand?“

Für den heutigen Nationalfeiertag wäre das keine schlechte Idee für uns Westdeutsche. Einfach mal ostdeutsche Bekannte, Freunde oder Kollegen zum Erzählen auffordern.

(Dieser Artikel erschien auch im Freitag. – Click here for the English translation.)

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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6 Antworten zu Ostdeutschland, das unbekannte Deutschland

  1. Pingback: Eastern Germany, the unknown Germany | The Happy Hermit

  2. Steph Ros schreibt:

    Au ja! Bitte viel ueber den Osten schreiben…Ich bin aus Helmstedt,Niedersachsen („Letztes Kaff vor Grenze“) Habe an unserem Rathaus „Begruessungsgeld“ ausgeteilt…Ein Jahr spaeter in die USA ausgewandert.

    • Andreas Moser schreibt:

      Ein weiteres Beispiel für unsere Westorientierung, politisch aber vor allem kulturell. (Ich nehme mich da gar nicht aus, ich hatte mich auch jahrzehntelang mehr für die USA, Großbritannien oder auch Frankreich interessiert als für unsere unmittelbaren Nachbarn in der Tschechischen Republik.) – 1989/1990 war ich leider noch zu jung, um die Gelegenheiten zu nützen, eine historische Wende bewusst zu erleben. Ich war 14 und kann mich nicht einmal mehr daran erinnern, wie ich die Nachricht von der Maueröffnung mitbekam.

    • Steph Ros schreibt:

      Bei uns konnte man nicht drum herum. Unser oededs Kaff wurde von stinkenden, laermendedn trabbies und einer Menschenmasse ueberflutet.. Alles wurde aufgekauft. Mit 19 versuchte ich eine Dose Suppe aus dem oertlichen Penny zu kaufen und wurde samt einer grossen Masse Menschen die 3 breit Schlange stand, eingeschlossen. Am neachsten Morgen waren dann solche „Rummelbuden“ da die den Leuten hochteuer Schund verkauften,

    • Steph Ros schreibt:

      Ich war am Rathaus eigestellt, bekam einige Stapel Hundert D-mark Scheine in die Hand gedrueckt und musste aussteilen,die „Empfaenger“ registrieren und den Pass stempeln. Jeder Mensch der persoenlich aus dem Osten auftauchte, kriegte 100 D-mark in die Hand gedrueckt.. Am 2. Tag war das Geld alle und wurde per Hubschrauber eingeflogen.Es war ein unbeschreibliches Chaos und nach einer Woche munkelten einige dass mann die Mauer wieder aufbauen soll, was mich teif enttaeuschte. Als ich nach 7 Jahren auf Besuch heimkam,waren die Deutschen in Ossies und Wessies unterteilt. Viele sind in den Osten um sich in landschaftlich wunderschoenen Gegenden Hauser zu bauen.Von der grenze keine Spur mehr, ausser einem Grenzmuseum.

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