Eisenhüttenstadt, die vielleicht schönste Stadt Deutschlands

Es gibt Orte, an die will man schon allein wegen ihres klangvollen Namens: Samarkand. Timbuktu. Isfahan. Konstantinopel. Cochabamba. Und Eisenhüttenstadt.

Die Zeit, als diese Perle der Lausitz einen weniger klangvollen Namen hatte und Stalinstadt hieß, währte nur kurz, von 1953 bis 1961. Dann wurde dieser Fehlgriff bei der Namenswahl prompt korrigiert und die Stadt erhielt ihren jetzigen Namen. (Die Sowjetunion bestrafte die DDR daraufhin mit dem Bau der Mauer.)

Aber auch wenn der ursprüngliche Name nicht zu überzeugen vermochte, das Konzept konnte es sehr wohl: Eine komplett neue Stadt. Geplant und gebaut für das namensgebende Hüttenwerk, das Eisenhüttenkombinat Ost.

Für 30.000 Menschen wurde die Stadt gebaut. 10.000 davon Arbeiter und Arbeiterinnen im Hüttenwerk, aber dazu kamen ja noch Kinder, Omas, vielleicht sogar Katzen.

Am Morgen nehme ich den Zug von Guben nach Eisenhüttenstadt, immer der Oder entlang, auf wahrscheinlich in Eisenhüttenstadt hergestellten Schienensträngen. Aber als ich aus dem Fenster etwas erblicke, was ich vielleicht in Bayern, vielleicht auf der anderen Seite der Oder, aber niemals in Brandenburg erwartet hätte, drücke ich instinktiv den Halteknopf und steige schon am nächsten kleinen Bahnhof aus. Diese Spontanität ist schließlich der große Vorteil des Alleinreisens.

Der Ort heißt Neuzelle und wird dominiert von einem wunderbaren Barockkloster mit einem herrlichen Park, wo man den ganzen sonnigen Tag lang entspannen könnten. Wenn nicht in der Ferne die Schlote, Kamine, Industrietürme und mit ihnen das Zeitalter der Moderne lockten.

Ich werde später, zu gegebener oder überraschender Zeit, auf Neuzelle zurückkommen, aber jetzt wollt Ihr das eingangs versprochene Eisenhüttenstadt kennenlernen. Ich auch. Schließlich bin ich hier, um den Osten zu verstehen, so als Wessi. Da nutzen mir die Zisterzienser gar nichts.

Also spaziere ich zurück zum Bahnhof, wo zwar in 15 Minuten der nächste Zug kommt, ich aber nicht weiß, ob ich mit dem gleichen Fahrschein die einmal unterbrochene Fahrt fortsetzen darf. (Diese Geschichte spielt in der dunklen, alten Zeit vor dem 9-Euro-Ticket.)

Kein Problem, dann versuche ich es eben per Anhalter.

Ein paar Autos ignorieren mich, aber nach wenigen Minuten hält eine freundliche Frau: „Wollen Sie nach Hütte?“ fragt sie, und schon habe ich gelernt, wie man Eisenhüttenstadt auf Cool sagt.

„Ja“, sage ich und steige ein.

„Wo müssen Sie denn hin?“ fragt sie.

„Ach, einfach so in die Innenstadt. Ich will nur ein bisschen herumspazieren und mir die Stadt ansehen.“ (Es war einer dieser Tage, an denen der reisende Reporter vergessen hatte, einen genauen Plan zu machen.)

Die Fahrerin blickt mich misstrauisch an. Autofahrer finden es grundsätzlich verdächtig, wenn der Tramper kein genaues Ziel hat. Dann glauben sie, man wolle sie ausrauben oder so.

Also präzisiere ich: „Außerdem würde ich mir gerne das Museum zur Alltagskultur der DDR ansehen.“ (Der reisende Reporter ist so belesen, dass er, selbst wenn er sich nicht vorbereiten möchte, unterbewusst doch immer vorbereitet ist.)

Die Frau fährt mich direkt zum Museum, sperrt die Tür auf und sagt: „Ich arbeite hier.“

Das Museum ist in einem ehemaligen Kindergarten untergebracht. Ach, was sage ich, einem wahren Kinderpalast! Im Obergeschoss verfügen alle Klassenzimmer über einen der Sonnenseite des Lebens zugewandten Balkon. Jede Tür verfügt über ein Fenster, damit die Pädagoginnen ihre Klienten beaufsichtigen können, ohne die Kinderkollektive in ihrer freien und selbstverantwortlichen Entwicklung und Entfaltung stören zu müssen. Den Treppenaufgang schmücken Glasmosaike eines der größten Künstler des Landes. Die Kinder blicken auf einen wunderbaren Park mit einer Weltkugel, die sie auf ihr zukünftiges Leben in Paris, Buenos Aires und Havanna vorbereitet.

Das ist schon besser als diese Hinterhofkaschemme, in der ich in der BRD in den Kindergarten musste. (Ich habe mir damals mit 5 Jahren selbst das Lesen beigebracht, um vorzeitig aufs Gymnasium befördert zu werden. Aber es hat niemanden interessiert. Im Westen gab es keine Begabtenförderung, weil man sowieso nur Kanonenfutter für Vietnam produzieren wollte.)

In Eisenhüttenstadt sind alle Schulen und Kindergärten großzügig angelegt, mit viel Grünfläche, jede Bildungseinrichtung mit ihrem eigenen Park. Der Pestalozzi-Kindergarten sieht aus wie ein Golfhotel. Um den Springbrunnen unter schattenspendenden Bäumen tanzen die Kinder ein Loblied auf die 16 Grundsätze des sozialistischen Städtebaus. Die Schüler des Wilhelm-Pieck-Gymnasiums können vor ihrer Schule im Heinrich-Heine-Park lustwandeln und Gedichte aufsagen.

Gerne wurde und wird die sozialistische Architektur als Massenware verspottet, meist ohne sie selbst begutachtet oder gar bewohnt zu haben. Böse und bürgerliche Zungen behaupten, es sei eine Architektur der Gleichmacherei. Dabei sind die Plattenbauten, die ich von Vilnius bis Wladiwostok, von Bukarest bis Baikonur bewohnt habe, wesentlich individueller (und gemütlicher!) aus- und umgestaltet als die Zigmillionen von sterilen weißen Würfeln, die der Kapitalismus in der gleichen Zeit auf die Wiese gesetzt hat.

Aber seht für Euch selbst. Ich nehme Euch mit auf einen Spaziergang. Denn es ist ein sonniger Tag, wie ihn nur der späte Oktober hervorbringt. Ins Museum können wir auch später noch.

Erkennt Ihr die Großzügigkeit der Stadtplanung? Die Weite der Grünflächen? Den Raum für Kunst? Den Platz für Begegnungen im Grünen, ohne trennende Gartenzäune, die zwischenmenschliche Beziehungen mit dem Unterschied zwischen mein und dein überfrachten, ja oft genug zerstören? Wie die Wohngebiete vom Durchgangsverkehr freigehalten werden, aber durch Hofdurchgänge geschickt miteinander vernetzt und verbunden werden?

Und vergesst nicht, für wen diese palastartigen Straßenzüge gebaut wurden. Hier wohnen Schlosser in Schlössern, Putzfrauen in Palästen, jeder Busfahrer hat einen Balkon, jeder Werktätige einen weiten Blick und jeder Arbeiter eine Arkade vor dem Haus.

Die Hauptflanierstraße, die Champs-Élysées von Eisenhüttenstadt, mit Eiscafés, Blumenläden und Fotostudios für glückliche Kleinfamilien, ist auf den Motor, den Ernährer, ja die Existenzberechtigung dieser Stadt ausgerichtet: auf das Stahlwerk.

Als ich im Park vor dem Krankenhaus sitze, erklärt mir ein Patient, dass man auch vom Krankenhausbett aus das Stahlwerk sehen kann, so dass man weiß, wofür man schnell gesunden muss. „Oder warum man lieber länger krank bleibt“, wirft ein zweiter Patient ein und zündet sich eine Zigarette an.

In Eisenhüttenstadt wird die Industrie nicht verschämt versteckt, sondern die Kinder können stolz den ganzen Tag auf die Fabrik blicken, um zu sehen, wo Mama und Papa am Fortschritt arbeiten und Stahl für Panzer, Wohnmobile und Raumstationen schmieden. Am zweiten Sonntag im April wird der Tag des Metallarbeiters und am dritten Sonntag im November der Tag des Metallurgen gefeiert. Wer, wie ich, den Unterschied zwischen den beiden Berufsbildern nicht kennt, feiert sicherheitshalber zweimal.

Zu Hochzeiten der Produktion verlief in Eisenhüttenstadt das Leben im Rhythmus des Schichtbetriebs. Die Läden und Bibliotheken waren so geöffnet, dass man vor oder nach der Schicht noch eine Bulette und ein Buch holen konnte. Die Busse waren natürlich auf die Arbeitsschichten abgestimmt. Die Abendvorstellung im Theater begann so, dass nach der Schicht im Stahlwerk noch eine Stunde Zeit zum Umziehen und Duschen blieb. Und sogar die Kindergärten und Schulen richteten ihren Stundenplan nach den Arbeitsschichten der Eltern. (Aber gut, das ist im Kapitalismus nicht anders. Oder warum, glaubt Ihr, müssen Kinder um Punkt 8 Uhr in der Schule stramm stehen?)

Die bourgeois-hochnäsigen Leser mögen sich über die Erwähnung von Theater und Literatur im Zusammenhang mit Stahlarbeitern wundern. Aber wenn man ihnen, wie im Sozialismus, die Möglichkeit bietet, dann gehen auch der Baggerfahrer und die Verfahrensmechanikerin gerne ins Friedrich-Wolf-Theater, holen sich für romantische Leseabende ganz unironisch „Helle Nächte“ oder „Roheisen“ aus der Betriebsbücherei oder stehen stundenlang für ein gutes Buch an.

Wo bitteschön baut der Kapitalismus Theater und Bibliotheken für seine Arbeiter?

Das ist auch so eine Sache, die den DDR-Betrieben nach 1990 zum Vorwurf gemacht wurde: „Ihr benötigt 10.000 Arbeiter, um 17 Millionen Tonnen Stahl zu produzieren. Im Westen schaffen wir das mit einem Drittel der Belegschaft.“ Dabei wurde bei der wirtschaftlichen Bewertung der ostdeutschen Industrie vollkommen übersehen, dass die Kombinate auch die Wohnungen, Kindergärten, Kulturhäuser, Theater, Ferienheime, Restaurants, Kegelheime, Bibliotheken und Polikliniken für ihre Arbeiter und deren Familien – und sogar einen professionellen Fußballverein – betrieben.

Von den Gaststätten sind nur mehr der „Balkan“ und der „Aktivist“ geblieben. Letzteren nennt Ihr aber, wenn Ihr cool klingen wollt, nur den „Akki“.

Die Wohnblöcke sind übrigens gar nicht alle gleich. Da gibt es Erker, Durchbrüche, individuelle Torgestaltungen, verschiedenste Verzierungen, Mosaike, Gemälde, und natürlich unterschiedlich große Wohnungen, je nach Kinderzahl.

Das mit den Kindern ist allerdings so eine Sache. Daran, dass der ehemals schönste Kindergarten jetzt ein Museum beherbergt, könnt Ihr schon erkennen, dass es an Kindern ein bisschen mangelt. Überhaupt sehe ich nur wenige Kinder, Jugendliche oder sogar Menschen in meinem Alter (46 zum Zeitpunkt der Reise). Eisenhüttenstadt sieht ein bisschen aus wie ein Sanatorium im Grünen, mit verdächtig vielen Geschäften für orthopädische Schuhe und für Bestattungen, Einäscherungen und Särge. Ein ehemaliges Reisebüro bietet Seebestattungen an. „Einmal sterben und das Meer sehen“ statt „einmal das Meer sehen und sterben“.

Seit 1990 hat sich die Bevölkerungszahl der Stadt mehr als halbiert. Von 53.000 auf 24.000. Solche Bevölkerungsrückgänge gab es nicht einmal im Zweiten Weltkrieg. Die Frau aus dem Museum schildert mir später ihre Erinnerungen an diese Zeit, an die dramatischen Umwälzungen, an die Unsicherheit: „Die Einschläge kamen links und rechts. Plötzlich kannte jeder jemanden, der arbeitslos war. Das war etwas vollkommen Neues für uns.“ Und jede Woche verlor man Freunde, Bekannte, Verwandte, Kinder, weil alle wegzogen.

Auch sie hatte im Stahlwerk gearbeitet, „als Maurer“. (Ostdeutsche Frauen verwenden, wenn sie über diese Zeit sprechen, nie die weibliche Berufsbezeichnung, ist mir aufgefallen.) Als sie gekündigt wurde und zum Arbeitsamt ging, fragte man sie vorwurfsvoll: „Warum sind Sie überhaupt noch hier?“ Für den Wegzug gab es eine Prämie von 500 Euro. Egal wohin man zog, egal was man dort machte, Hauptsache raus aus der örtlichen Statistik.

Und so wirkt Eisenhüttenstadt ausgestorben wie eine süditalienische Stadt zur vierstündigen Mittagspause. Oder wie eine Filmkulisse, nachdem der Film bereits abgedreht wurde. Oder das ganze Filmprojekt wegen fehlender Fördermittel abgesagt wurde. Die paar Ampeln, die es gibt, kann man getrost ignorieren. Man kann sich hier auch mitten auf der Hauptstraße die Schuhe binden. Das eine Auto, das jede Viertelstunde mal vorbeifährt, wartet gerne, um die Abwechslung zu bestaunen.

Das Stahlwerk gehört jetzt zu ArcelorMittal und beschäftigt nur noch 2500 Arbeiter. Architekturtourismus scheint (noch) kein großes Zugpferd zu sein und könnte den wirtschaftlichen Rückgang sowieso nicht auffangen. Im größten Hotel am Ort, dem Lunik, ist tote Hose.

Das sind Fotos, von denen mir jeder abnehmen würde, sie in Sarajewo oder Mogadischu gemacht zu haben. Aber das ist mitten in einer deutschen Kreisstadt. Zentral gelegen, direkt gegenüber dem Rathaus, das größer ist als das Weiße Haus in Washington.

Im Rathaus zeigt eine Mutter ihrer Tochter das Mosaik im Treppenaufgang: „Das war der Sozialismus: Überall Menschen, die arbeiten.“ Ihrer Tonlage kann ich nicht entnehmen, ob sie das gut oder schlecht fand. Und eigentlich sieht sie gar nicht alt genug aus, um eigene Erinnerungen an die DDR zu haben.

Aber dafür kommt man jetzt auch nicht mehr wegen Nichtarbeitens als „Asozialer“ ins Gefängnis wie in der DDR nach § 249 StGB oder zuvor im Deutschen Reich nach § 361 StGB. Und neben der Karl-Marx-Straße, der Friedrich-Engels-Straße, der Karl-Liebknecht-Straße und der Rosa-Luxemburg-Straße gibt es eine Eichendorffstraße. Das überrascht mich dann schon. Der Autor des „Taugenichts“ in einer der Arbeit, dem Fleiß, dem Fortschritt verschriebenen Stadt?

Die Skepsis gegenüber dem nichtsnutzigen Herumlungern haben die Eisenhüttenstädter anscheinend verinnerlicht, denn wenn ich hier auf einer Parkbank sitze, fotografiere, schreibe und vor mich hin murmele, wie wahnsinnig schön diese Stadt sei, werde ich immer wieder verdächtig beäugt. Ein paar junge Männer mit Bierflaschen, kurzen Hosen und Tätowierungen bis über die hasserfüllten Augen hetzen ihre Kampfmöpse auf mich. Aber dann ziehen sie weiter, „das christliche Abendland verteidigen“.

In Eisenhüttenstadt ist die Erstaufnahme für Asylsuchende in Brandenburg.

Zur Zeit (Oktober 2021) kommen hier jeden Tag um die hundert Menschen an. Das wären gerade genug, um den Bevölkerungsschwund auszugleichen. Aber die Menschen, die den langen Fußweg von Afghanistan hinter sich haben, werden hier durch ein Wechselbad der Gefühle geschleudert: Zuerst die Ankunft in dieser schönen, grünen, perfekt arrangierten Stadt, wie das Klischee des organisierten Deutschlands, um dann in absolut chaotische Städte wie Berlin, Nürnberg oder gar Frankfurt verteilt zu werden.

Wenn die Menschen hier Frankfurt sagen, meinen sie übrigens ein anderes Frankfurt als der Rest der welt. Schade eigentlich, dass Frankfurt/Oder keinen Flughafen hat, sonst würden sich mehr Menschen verfliegen. Wusstet Ihr, dass viele Ausländer glauben, das „Main“ in Frankfurt/Main sei Englisch und bedeute Haupt-Frankfurt oder Frankfurt Hauptbahnhof?

Aber ich schweife ab. Ein sicheres Zeichen dafür, dass es Zeit für die Mittagspause ist. In Osteuropa gehe ich dazu und zum anschließenden Zigarrenrauchen am liebsten zum sowjetischen Ehrenmal.

Hier spricht sogar die Cola-Cola-Dose Russisch.

Manche Deutsche wird stören, dass ich einen Teil unseres Landes als Osteuropa bezeichne. Aber wenn Marienbad, Pilsen oder Laibach für Euch Osteuropa sind, dann sind es Rostock, Bautzen und Görlitz ebenso.

Der Platz vor dem sowjetischen Ehrenmal hat eine hervorragende Akustik. Das angetrunkene Stiefvater-Stieftochter-Paar, das sich auf einer Bank am anderen Ende des fußballfeldgroßen Platzes lallend unterhält, schallt bis zu mir. Schade, dass die sowjetische Ehrenwache nicht mehr da ist. Die hätte die beiden abgeknallt. Oder zumindest abgeführt.

Zum Mittagessen gehört natürlich eine Zeitung. Die Märkische Oderzeitung schreibt, dass das einstige Backwarenkombinat verfällt. (Das kommt davon, wenn es mehr Bhagwan- als Backwarenanhänger gibt.) Außerdem verfallen die Bettenhäuser am Kanal und in der Cottbuser Straße. Ebenso die Konsumgenossenschaft in der Beeskower Straße. Bei der Kegelbahn in der Waldstraße ist das Dach eingestürzt.

Und das sind nur die Meldungen von einem Tag.

Wenn Ihr also noch etwas von Eisenhüttenstadt sehen wollt, kommt schnell! Sonst wird das nur mehr etwas für Lost-Places-Fotografen sein.

Gestärkt mit Currywurst und Pommes, Cola und Zigarre ist es endlich Zeit für das Museum, wo ich die freundliche Frau wieder treffe, die mich heute Morgen mit nach Hütte genommen hat. Sie erzählt mir sehr persönlich von ihrer Geschichte, ich hatte ja oben schon auszugsweise berichtet.

Auch 30 Jahre später ist sie noch immer erbost darüber, wie das Eisenhüttenkombinat Ost (EKO Stahl) arm gerechnet wurde. Klar hatten die Unternehmen in Ostdeutschland Verbindlichkeiten, aber das waren doch keine richtigen Schulden, klärt sie mich auf. Es waren nur Verrechnungseinheiten, die der Allokation von Produktionsfaktoren dienten. Insbesondere Verbindlichkeiten gegenüber dem Staat waren ja eigentlich irrelevant, weil die Unternehmen dem Volk und damit dem Staat und irgendwie alles allen gehörte.

Die Firmen waren nicht überschuldet oder unproduktiv, wie die nicht über ihren bürgerlichen Eigentumshorizont denkenden Westmanager gerne behaupteten, bevor sie die gleichen Firmen für ’n Appel und ’n Ei kauften.

Nur die Appel- und Ei- und sonstigen Lebensmittelproduzenten, die gingen tatsächlich pleite: „Von einem Tag auf den anderen war das Westsortiment in unseren Läden, und niemand kaufte mehr die alten Produkte.“ Dabei war das Westbrot auch nicht besser, sogar teurer. Aber es war halt neu.

Wen hingegen die Ostalgie nach den alten Plastesachen packt, der ist in diesem Museum richtig. Es geht hier, wie der Name sagt, um die Alltagskultur. Nicht um die schweren Themen wie Stasi, Mauer, Schießbefehl. Dafür gibt es andere Museen. (Ein Artikel über das Stasi-Gefängnis in Bautzen wird folgen. Erinnert mich notfalls in ein paar Wochen daran!)

Hier gibt es alte Telefone. Alte Schallplatten. Altes Spielzeug. Alte Küchenutensilien. Alte Plakate („Freiheit für unsere Angela Davis!“). Alte Schulbücher (das Kapitel 4.1.3 des Lehrbuches für den Geschichtsunterricht in der 10. Klasse ist mit „Errichtung der materiell-technischen Grundlagen des Sozialismus und der Kampf um den Sieg der sozialistischen Produktionsverhältnisse“ überschrieben, und man sieht die Schüler förmlich mit dem Schlaf ringen). Der Vorläufer des Thermomix-Küchengeräts.

Die Besucher aus dem Osten schwelgen in Kindheitserinnerungen.

Interessant sind auch die Kontaktanzeigen aus der Wochenpost (Heft 17/1987).

Bibelkundiger Handw., 41/1,67, gesch., NR, NTR, sucht treue Frau aus der gr. Volksmenge. Zuschr. an 1439 dlb-Anz.-Ann., PSF 734, Bautzen, 8600

„Bibelkundiger Handwerker“, das könnte eigentlich Jesus sein.

Apropos Handwerker: Die Frau aus dem Museum erzählt, dass für sie der größte Freiheitsgewinn nach der Wende das Auftauchen von Baumärkten war. Ich verstehe nicht, aber sie erklärt es: „Bei uns konnte man privat keine Baumaterialien kaufen. Deshalb genossen Handwerker gesellschaftlich eine ganz hohe Stellung.“ Ich verstehe immer noch nicht. „Das haben sie sich anmerken lassen. Es war nicht angenehm, von denen abhängig zu sein,“ ergänzt sie, „vor allem als alleinerziehende Mutter.“ Ah, ich glaube, jetzt verstehe ich.

Er, 30/1,80, dkl.-bld., gesch., marx-len. WA, handwerkl. begabt, nicht ortsgeb., vielseit. Int., sucht gutauss., natürl. Mädchen od. Frau, v. 25-35 J. m. Kd. angen. Zuschr. an 5652 dlb-Anz.-Ann., Breite Str. 7, Hettstedt, 4270

Dieser junge Mann weiß, worauf es ankommt. Ohne „marxistisch-leninistische Weltanschauung“ kann eine Beziehung gar nicht langfristig funktionieren. Glaubt einem erfahrenen Scheidungsanwalt, der miterleben musste, wieviele Ehen der Kapitalismus zerstört hat!

Christl. jg. Mann, 25/1,86, möchte ein charm. begeisterungsfähiges, schlk. Mädchen m. fundiertem christl. Glauben kennenlernen. Jede Bildzuschr. wird beantw. (Foto zur.). FO 2689 „Freiheit“-Anz-Ann., PSF 67, Halle, 4010

Diese ganzen Christen haben wohl doch nicht so richtig an Gott geglaubt. Sonst hätten sie ja einfach dafür gebetet, ihren Traumpartner kennenzulernen.

In Eisenhüttenstadt war das mit dem Beten allerdings besonders schwierig. Denn nicht nur hat die sozialistische Planstadt alles, was man braucht. Sie hat auch genau das nicht, was niemand braucht, was aber in den meisten anderen deutschen Städten frech den besten Platz wegnimmt: Hier gibt es keine Kirche.

Deshalb hat die DDR-Opposition etwa 10 Kilometer außerhalb heimlich das Kloster Neuzelle gebaut, das ich Euch eingangs gezeigt habe. Aber weil das hier schon wieder ziemlich lang geworden ist, schreibe ich darüber ein anderes Mal.

Ein Raum im Museum widmet sich den unabhängigeren, oppositionellen und an den Rand gedrängten Milieus und Subkulturen. Neben dem „Beatles- und Gammlerunwesen“, der Umweltbewegung und der Friedensbewegung, Punks und Homosexuellen finden sich hier auch die Tramper, wie ich zu meiner persönlichen Betroffenheit feststellen muss. Das wundert mich, gab es in der DDR doch andererseits Tramperliteratur, Tramperfilme und eine richtige Tramperkultur.

Ein Aspekt, den ich bei all meiner Schwärmerei für Eisenhüttenstadt nicht übersehen darf: Diese beruht hauptsächlich auf dem vielen Grün und den Bäumen. Als die Stadt neu gebaut wurde, waren die Bäume noch klein, und es sah wesentlich kahler aus.

Andererseits fanden die Leute das damals modern. Und wenn im Westen nicht alle paar Jahre etwas pleite gehen, eingerissen und neu gebaut würde, wäre der Unterschied zwischen Ost- und Weststädten gar nicht so groß. In Eisenhüttenstadt kommt die Besonderheit hinzu, dass die ganze Stadt als Denkmal geschützt ist. Das größte Denkmal Deutschlands!

Und so kann man hier wunderbar in die 1950er und 1960er Jahre zurückversetzt werden und in die gleichen Postämter und Konsumläden gehen wie einst die Großeltern.

Im Supermarkt steht noch die Losung „Für ein fortschrittliches Verhältnis von Angebot und Nachfrage“, was immer das bedeuten soll. Hoffentlich nicht das aktuelle Überangebot an Flitter und Tand, den niemand braucht.

Da ich eh kein Geld habe, schaue ich mir lieber noch etwas von der öffentlichen Kunst an.

Eine Sache fehlt dann doch in Eisenhüttenstadt. Und das wundert mich bei einer sonst so perfekt geplanten Stadt: Es gibt keinen Eisenbahnanschluss.

Der Bahnhof, der sich frech Eisenhüttenstadt nennt, ist in Wirklichkeit in Fürstenberg . Und weil in dieser tollen Marktwirtschaft nach 18 Uhr kein Bus mehr fährt, muss ich die paar Kilometer dorthin zu Fuß gehen.

Nicht sehr einladend, dieser Empfang am Bahnhof. Aber wie Ihr gesehen habt, der erste Eindruck täuscht, und Euch erwartet die vielleicht schönste Stadt Deutschlands.

Oder fand ich Eisenhüttenstadt nur so wunderbar, weil ich es an einem farbenfrohen Herbsttag besuchte?

Da ist es ja überall schön. Vielleicht sogar im Ruhrgebiet. (Zum Ruhrgebiet erscheint übrigens im Januar 2023 ein Artikel in meiner Geschichtsreihe „Vor hundert Jahren…“, in der es bereits einmal um eine andere Planstadt ging.)

Andererseits muss ich schon gestehen, dass ich ein Faible für sozialistische Planstädte habe. Das bisher beeindruckendste Beispiel fand ich in Nowa Huta in Polen. (Der Artikel darüber kommt irgendwann, mit jahrelanger Verspätung, wie das so ist bei mir.) Weitere Traumziele wären Dunaújváros in Ungarn und Magnitogorsk in Russland.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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16 Antworten zu Eisenhüttenstadt, die vielleicht schönste Stadt Deutschlands

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  6. Georg schreibt:

    In diesem Zusammenhang noch eine Hör- bzw. Leseempfehlung:

    https://www.ardaudiothek.de/sendung/grit-lemke-kinder-von-hoy/10523405/

    Zwar nicht Hütte, aber ähnlicher Hintergrund.

  7. Mita schreibt:

    Lieber Andreas,hattest du meine I-Mail bekommen? Bin immer etwas ungeschickt darin. Gleich bei mir gibt es auch ein tolles DDR-Museum. Vielleicht dann bis März. Liebe Grüße( aus Granada bis morgen)
    Mita

    • Andreas Moser schreibt:

      Hallo Mita,
      ich kann mich aktuell an keine E-Mail erinnern, aber das kann auch daran liegen, dass es noch vor 6 Uhr am Morgen ist. 🙂

      Im Februar und März bin ich allerdings schon ausgebucht für ein Haus- und Katzensitting in Berlin-Müggelheim.

      Und Granada, wow! Da war ich auch mal, und noch immer bin ich nicht dazu gekommen, darüber zu schreiben. 😦 Es ist wirklich Zeit, dass ich für ein paar Jahre in so einen Wohnkomplex ziehe, um endlich in Ruhe schreiben zu können. (Wenn es nur in Deutschland nicht diese komische Unsitte gäbe, die meisten Wohnungen ohne Möbel zu vermieten. Ich meine, glauben die Leute, ich schleppe eine Couch und einen Schreibtisch oder gar eine Küche in meinem Rucksack herum?)

    • mita schamal schreibt:

      so Andreas, jetzt hab ichs wohl endlich geschafft.sorry bin nicht netzerfahren & zudem leicht erkältet . gerne geb ich dir schon mal meine händynr. in der hoffnung,dass du sowas hast & vielleicht auch bei whats up bist . sonst auch egal melde dich einfach wenn du in köpenick bist nächstes jahr. ich wohne im prenzlberg & habe im märz geburtstag. vielleicht willst du dann zu quische oder was immer zu mir kommen. das wäre mir ein großes geschänk & wyski (kater) auch ,ganz sicher.
      also:0159 06789 468.
      hab ne gute zeit auf deinem dorf & wo es dich noch so hin treibt.
      mita

      Gesendet: Sonntag, 11. Dezember 2022 um 15:38 Uhr
      Von: „Der reisende Reporter“
      An: mitaundluna@gmx.de
      Betreff: [Der reisende Reporter] Andreas Moser hat Warntag 2022 kommentiert
      Site logo image Der reisende Reporter
      Neuer Kommentar!

      Andreas Moser hat gerade Warntag 2022 kommentiert.

      Als Antwort auf mita:

      lieber Andreas, danke,dass du mich immer wieder zum lachen bringst,bin gerade auch mit dem zug unterwegs gewesen ,was schon verrückt genug war (dabei hatte ich es mir so schön vorgestellt) als ich mir wie eine erschreckte kuh vorkam bei dem gebimmel um mich rumm. wenn du im nächsten jahr meine katze hüten willst, gib bescheid […]

      Hallo Mita,
      oh ja, das mache ich gerne, wenn es sich zeitlich ausgeht!
      Ich werde voraussichtlich im Februar und März 2023 auf zwei Katzen in Köpenick aufpassen.
      Dann können wir uns ja gerne mal treffen, um zu sehen, ob deine Katze und ich zurechtkommen.
      das ist mal eine konversation zwischen uns gewesen,darauf schrieb ich dir ne i-mail die ich jetzt nicht geschickt bekomme da ich nicht geschickt bin 🙂
      aber auch weil das renfe netz stendig abkackert.
      ich versuchs später nochmal, jedenfalls hab ich dich zu mir eingeladen & dir meine nr. geschickt ,was ich hier nicht machen will…. aber es scheint,dass du meine mail nicht bekommen hast. wenn wir uns erst mal im märz oder so träfen,dann natürlich nur um zu kucken wannm was geht. jedenfalls hab ich da auch geburtstag & würde mich freuen ,dich ins museum einzuladen oder sonstewas.
      bis hoffentlich bald,mita

    • Andreas Moser schreibt:

      Ah, jetzt erinnere ich mich.
      Vielen Dank schon mal für die Einladung!

  8. danysobeida schreibt:

    Hermosa ciudad, la ultima fotografía (nieve) también es de Eisenhuettenstadt? O es Nowa Huta en Polonia(que menciona en el texto). Muy pocas personas en las calles,parques y plazas pensaba mientas veía las fotografías, luego llegue al sector de tu relato en el que hablas sobre el comportamiento de las personas y el de-crecimiento de la población en la ciudad.

    • Andreas Moser schreibt:

      La ultima fotografía es de Magnitogorsk en Rusia.

      Es una ciudad muy bien planeada, pero si, faltan las personas. Por el decrecimiento de la población ya han destruido muchos edificos, pero solo en los sectores más lejos del centro. (Para concentrar la población en el centro, y porque las casitas en los sectores más lejos del centro erán los más nuevos y – honestamente – más feos.)

    • Andreas Moser schreibt:

      Nowa Huta en Polonia es aún más lindo, pienso. (Todavía tengo que escribir este articulo.)

      Y Nowa Huta tiene gran suerte, porque, aunque originalmente también erá construido por los trabajadores de la indústria de metal, solo está pocos kilómetros de Cracovia y tiene buena conexión con una tranvía. Por eso, hay mucha gente viviendo en Nowa Huta que trabaja o estudie en Cracovia (la segunda ciudad en Polonia).

      Eisenhüttenstadt, por el contrario, está en la pampa aleman.

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