Guben 2021

Read this in English.


Dunkle, nebelverhangene Straßen. Jede Minute fährt ein Polizeiauto vorbei. Das Herbstlaub schimmert im Schein der Laternen. Nur wenige Autos schleichen durch die Straßen und stellen Motor und Licht ab, sobald die Polizei um die Ecke biegt. Der Fluss trennt die Stadt in Ost und West. Jede Nacht versuchen verzweifelte Menschen, ihn zu durchqueren. Manche schaffen es, manche nicht. Im Volkshauspark zwischen Bahnhof und Leichenschauhaus sitzt ein dubioser Mann und raucht Zigarre.

Guben 2021 ist wie Berlin 1948.

Ein Leser fragte, ob Guben überhaupt für einen Artikel reiche. So viel gäbe es da nicht. Doch schon nach dem ersten, kurzen abendlichen Spaziergang, weiß ich, dass keine Einschätzung falscher sein könnte. Deshalb bleibe ich erst einmal eine Woche hier, um diese Stadt im Zentrum der Weltgeschichte, aber natürlich auch das nahe Eisenhüttenstadt, Neuzelle, Forst und andere zu erkunden.

Wie immer: Falls jemand von Euch hier in der Gegend wohnt und Lust auf einen Plausch oder einen Spaziergang hat, meldet Euch!

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
Dieser Beitrag wurde unter Deutschland, Fotografie, Polen abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Antworten zu Guben 2021

  1. Pingback: Guben 2021 | The Happy Hermit

  2. Xeniana schreibt:

    Guben hat einiges zu erzählen, angefangen bei der Textilfabrik in der jetzt Gunther von Hagen sein Werk vollbringt.
    Eine Arbeiterstadt die geprägt war von Gastarbeiter n aus Vietnam, Mocambique, Cuba, Polen und die nichtdestso trotz nicht gerade für Vielfalt steht.

    • Andreas Moser schreibt:

      Ich übernachte im Hostel im Volkshaus und hatte gestern Abend nur Zeit für einen kurzen ersten Spaziergang in dieser Ecke. Allein was ich an den Informationstafeln zur Geschichte von Volkshaus, Textilfabrik, Meyer-Haus und dem Kindergarten mit dem Helikopter gelesen habe, das öffnet schon Dutzende von Türchen, durch die ich gerne neugierig hineinspazieren würde. Nicht hineinspazieren werde ich wahrscheinlich ins Plastinarium, denn ich treffe Menschen lieber lebendig und bekleidet.

    • Xeniana schreibt:

      Das kann ich gut verstehen!

  3. Xeniana schreibt:

    Guben, das bedeutet für mich das Hantieren mit hauchdünnen Chemiefaserfäden die in Windeseile zu verbrannten Plastikkolossen heranwachsen, das Lesen im Putzwollcontainer, erste Begegnungen mit der Kirche, Nichteintritt in die SED , Desillusionierung, ein Leben zwischen 16 und 18 mit ersten Schritten in ein eigenes leben

    • Andreas Moser schreibt:

      Hast du damals schon diese Leichen plastiniert? :O
      Wie war das eigentlich damals mit Guben und Gubin? Gab es da Austausch? Hatte man Interesse an der anderen Seite des Flusses? Oder war das gefühlt weiter weg als geographisch?

    • Xeniana schreibt:

      Nein das war nach meiner Zeit, aber ein Part meiner Familie befindet sich mutmaßlich dort. Brrrr.

    • Andreas Moser schreibt:

      Oje!
      Da habe ich noch gar nicht darüber nachgedacht: Woher bekommen die eigentlich die Toten?

    • Xeniana schreibt:

      Also in diesem Fall war es so, dass mein Vater seinen Körper der Uni Heidelberg vermacht hat. Ich habe Mal gelesen , platt formuliert, wenn genügend Körperspender da sind, wird der Tote an Günther von Hagen weiter gereicht. Fūr mich eine Zumutung, weil sich das Plastinarium bin immer in meine Erinnerungen mischt

Hier ist Platz für Kommentare, Fragen, Kritik:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s