Warntag 2022

„Es geht los!“, freute sich Prinz Heinrich XIII., als am Morgen nach seiner Verhaftung ein kühler Ostwind – wie damals in Stalingrad, dachte der Prinz – laute, stolze und unverkennbar deutsche Sirenenklänge durch die Gitterstäbe wehte.


Aus aktuellem Anlass. – Natürlich gibt es auf diesem fundierten Blog auch eine juristische und historische Auseinandersetzung mit den Argumenten der Reichsbürger.

Ich selbst konnte am bundesweiten Sirenen-, Alarm-, Weckruf- und Warntag übrigens nicht partizipieren. Ich wohne nämlich derzeit in einem Dorf, das daran nicht teilgenommen hat, „weil das die Kühe erschrecken würde“.

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Gespräch unter Kollegen

Treffen sich ein KSK-Mann und ein GSG-9-Mann:

„Oh, hallo. Bist du wegen der Waffen hier oder wegen des Staatsstreichs?“

„Staatsstreich.“

„Zur Teilnahme oder Festnahme?“

„Heute Festnahme, sorry.“

„Tja. Kann man nichts machen, Kumpel.“


Aus aktuellem Anlass. – Natürlich gibt es auf diesem fundierten Blog auch eine juristische und historische Auseinandersetzung mit den Argumenten der Reichsbürger.

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Reizüberflutung am Bahnhof

„Entschuldigen Sie“, spricht mich eine ältere Frau an, „wo geht es denn hier zu den Bahnsteigen?“

Eine auf den ersten Blick absurde Frage. Denn wir stehen im Hauptbahnhof zu Nürnberg. Mitten in der großen Halle.

Aber dann blicke ich um mich und erkenne, dass es für Nichteingeweihte tatsächlich schwierig ist, die dem Bahnhof seine Existenz- und Daseinsberechtigung gebenden Schienenstränge und die darauf hoffentlich noch wartenden Züge zu finden, weil der Bahnhof vor lauter Kommerz und Geschäften und Business und Offerten und Angeboten und Discount nur so glitzert und ablenkt und die unschuldigen Passagiere mit hunderterlei Reizen überflutet, die vom eigentlichen Zweck des Bahnhofsbesuchs ablenken sollen.

Treppe hoch: Da gibt es Mc Donald’s, Kentucky Fried Chicken, eine Spielhalle, den Burger King, eine Sport-Bar (die eher eine Sport-im-Fernseh-anschau-Bar ist), ein Café, eine noch dubiosere Bar, wo man nicht hinter die Vorhänge blicken kann (und eigentlich gar nicht will), die Drogerie Müller, ein Nagelstudio, aber keine Bahnsteige, keine Gleise, keine Züge.

Treppe runter: Da gibt es Bäckereien, Brauereien, Brezelbuden bis zum Abwinken, eine Textilreinigung, eine Bank, einen Autoverleih (für die Reisenden, die die Suche nach dem Zug aufgegeben haben), einen Blumenladen, Döner-, Asia-, Mittelmeer-, Fisch- und sonstige Imbisse, einen Zeitschriftenladen, eine Buchhandlung, ein Zigarrengeschäft, eine Pizzeria, ein paar Bars, ein Kosmetikstudio, eine Metzgerei, den REWE, den Lidl, den Tschibo, aber keine Bahnsteige, keine Gleise, keine Züge.

Es ist fast so, wie wenn die Deutsche Bahn AG ihre Großbahnhöfe nur mehr zur Immobilienspekulation betreibt und die angeblichen Züge, die genauso potemkisch zu sein scheinen wie anderswo die Panzerkreuzer, nur dazu dienen, zahlungskräftige Menschen in ein Labyrinth zu locken, aus dem sie nie mehr herausfinden und am Ende all ihr Geld, mit dem sie eigentlich eine Weltreise mit der Eisenbahn finanzieren wollten, beim Döner-Imbiss lassen. Dabei wäre es, wenn man denn einen Zug fände, angesichts der dramatisch gestiegenen Dönerpreise (6-10 Euro!) wahrscheinlich günstiger, zum Mittagessen gleich nach Saint-Tropez zu fahren.

Und selbst wenn man (ebenerdig, Westtunnel) die Schließfächer findet und sich vor diesem Marktwirtschaftswahnsinn wegsperren will, so kostet das 2 Euro die Stunde.

In diesem Konsum- und Kommerztempel mit 20.000 Quadratmetern und über 150.000 durchgeschleusten Fahrgästen täglich gibt es übrigens (im Obergeschoss, zwischen Kentucky Fried Chicken und den – kostenpflichtigen – Toiletten) acht kostenlose Sitzgelegenheiten. Acht! In einem der größten und wichtigsten Bahnhöfe Deutschlands. Noch dazu ekelhaft unbequeme Metallbänke. – Denn sitzen soll hier anscheinend nur, wer kauft und konsumiert. Wer kein Geld hat, ist kein Mensch. (Und dann wundert sich die Bahn, wenn ich lieber zum Güterbahnhof gehe und auf einen Frachtzug klettere.)

Außerdem sind die Bahnhöfe in Deutschland immer arschkalt.

Dabei geht es auch anders, wie jeder Bahnweltreisende weiß. Von großzügigen Wartehallen in Kanada, wo es auch im Winter wohlig warm ist und einem die Eisenbahnangestellten Bonbons schenken,

bis zu majestätischen Wartehallen wie in Kiew, wo es warme Suppe und einen Ofen in der Ecke gibt, der signalisiert: „Hier bist du willkommen, Reisender, lass dich nieder, ruh dich aus, fühl dich wie zuhause.“

Oder man nehme als positives Gegenbeispiel den Bahnhof von Baia Mare in Rumänien, wo einen keinerlei Kommerz bedrängt und wo es für die durch- und abreisenden Studenten sogar Schreibtische gibt, an denen sie während der Wartezeit promovieren können.

Das einzig frivole Angebot ist der Bahnhofsfriseur, bei dem man sich im Falle von Verspätungen die Zeit vertreiben kann. Das ist praktisch, denn in Rumänien sind die Züge oft so verspätet, dass man sonst mit vollkommen anderer Frisur und Vollbart nach Hause käme. Außerdem kann man so, wenn man auf der Flucht vor dem Geheimdienst ist, rechtzeitig sein Äußeres verändern.

Am Bahnhof von Breslau in Polen gibt es nicht nur einen Warteraum mit warmen Getränken und Spielzeug für Kinder, sondern sogar eine öffentliche Bibliothek!

Wenn die Deutsche Bahn sich so etwas erlauben würde, dann stünden ihre Ladenmieter erbost vor der Tür und würden sich darüber beschweren, dass man Menschen kostenlos Lesestoff, einen Sitzplatz, Wärme, Strom und eventuell sogar noch die Luft zum Atmen lässt, obwohl sich doch mit alledem Geld verdienen ließe. Wo soll das hinführen?!

Aber, liebe Deutsche Bahn AG, es gibt Wichtigeres im Leben als Geld.

Ich habe die alte Frau am Bahnhof in Nürnberg dann persönlich zum Gleis geführt. Hoffentlich wird sie im Zug nicht von Supermärkten, Ferienwohnungsverkäufern, Lottoannahmestellen und Versicherungsvertretern belästigt.

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Nichtsesshafte Randgruppen – am Beispiel von Vagabunden und Roma

Meine Artikel zur Geschichte wurden bereits als schnoddrig, „dümmster Blog aller Zeiten“, „absolut widernatürlich und beispiellos“, ignorant, „völlig unangemessen“, nestbeschmutzend, mühsam, vor Halbwahrheiten strotzend, Schlamassel, Clickbait und sogar als „Aufruf zum Mord“ kritisiert.

Zu einer gewissen Schnoddrig- und Flapsigkeit, fein dosiert auch bei ernsten Themen eingesetzt, stehe ich. Die anderen Vorwürfe weise ich aufs Entschiedenste zurück und fordere die Beleidiger zum Blog-Duell auf. Diesen Samstag im Morgengrauen, in den Donauauen.

Aber ich kann auch anders als flapsig. Notgedrungen. Denn im Geschichtsstudium an der Fernuniversität in Hagen geht es sehr ernst zu. Das ist wie bei den Marines in Full Metal Jacket: „Hier wird nicht gelacht!“

Apropos Marines, Fremdenlegion und Studium:

Dieses Sommersemester nahm ich an einem Seminar mit dem Titel “Randgruppen und Außenseiter in den Gesellschaften des Mittelalters und der Frühen Neuzeit” teil. Da ging es um Henker und Hexen, Aussätzige und Adelige, und so weiter.

Weil die beiden Dozentinnen anscheinend um meinen unsteten Lebenswandel wussten, wiesen sie mir als Referatsthema den Themenkomplex „fahrendes Volk“ zu.

Landstreicher bei der Rast, Mitteleuropa, Anfang des 21. Jahrhunderts

Von diesem Referat gibt es eine schriftliche Fassung, die ich, damit sie nicht sinnlos auf dem Semesterserver schlummert, Euch hiermit zum – zur Abwechslung – ernsten Lesen darbiete. Gerade die Aspekte der Kriminalisierung von Armut sind ja durchaus zeitgemäß. Überhaupt fällt einem beim Studium der Geschichte oft auf, welch lange Vorläufe und Kontinuitäten es bei angeblich ganz neuen Entwicklungen gibt.


Sesshaftigkeit als Norm

Obwohl es ohne Wanderungsbewegungen keine Menschen in Europa gäbe, war Sesshaftigkeit im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit schon zur Norm geworden. Ja, die Sesshaftwerdung des Menschen ab der Jungsteinzeit, also vor ca. 12.000 Jahren, wurde und wird gleichgesetzt mit dem Beginn der Zivilisation.

Die meisten Menschen hatten die meiste Zeit einen festen Wohnsitz, und die Abwesenheit für Geschäftsreisen, zur Teilnahme an Kriegen, an saisonaler Arbeit, an Pilgerfahrten oder Gesellenwanderungen war vorübergehend und führte im Regelfall an den Wohnsitz zurück.2

Auch die dauerhafte Abwanderung führte nicht zur Nichtsesshaftigkeit, sondern verlagerte den Wohnsitz an einen neuen Ort, sei es durch Auswanderung aus ökonomischen, politischen oder religiösen Gründen, durch die Arbeit in einem Handelskontor der Hanse oder dem im Seminar bereits erwähnten Fondaco dei Tedeschi in Venedig oder für eine der ostindischen Kompanien oder in anderen Kolonialisierungszusammenhängen.3

Aber es gab auch Gruppen, bei denen die Nichtsesshaftigkeit unfreiwillige Begleiterscheinung von Armut war und mit dieser in einem sich gegenseitig bedingenden Kausalverhältnis stand. Zwei dieser Gruppen sollen hier einführend vorgestellt werden, wobei es mir auch darum geht, die beiden Gruppen nicht zu vermengen, obwohl dies zeitgenössisch unter dem weit gefassten Begriff “fahrendes Volk” häufig getan wurde.4

Zum einen soll es gehen um Landstreicher, Vagabunden oder Vaganten, wobei die Begriffe austauschbar sind.

Zum anderen möchte ich einen Überblick geben über die Volksgruppe(n) der Roma und Sinti, auch bekannt unter der Fremdbezeichnung “Zigeuner”.

Dabei sei darauf hingewiesen, dass beiden Gruppen das Problem zu eigen ist, dass die Quellen nicht von ihnen selbst stammen. Oft sind es staatliche, polizeiliche oder politische Quellen, die zu einem verzerrten Bild beitragen.5 Andererseits literarische Erzählungen, deren (negative wie positive) Stereotype dann in vermeintlich objektive Lexika Eingang fanden. Und in der Neuzeit kommen – ebenfalls von außen – (pseudo-)wissenschaftliche, hygiene- und erbbiologische6 sowie rassenanthropologische Diskurse dazu.

Landstreicher / Vagabunden

Vagabunden, Landstreicher oder Vaganten waren Menschen ohne festen Wohnsitz, die sich aus den armen und landlosen Unterschichten rekrutierten und umherstreiften. Ihre Zahl nahm mit dem Bevölkerungswachstum, aufgrund von Missernten7, Kriegsvertreibungen oder Brand- und Naturkatastrophen8 sowie durch “die fortbestehenden Ausgrenzungsmechanismen der feudalen Institutionen (Zünfte, Bruderschaften, kommunale und landesherrliche Vorschriften)” zu.9

Frauen wie Männern waren von der unfreiwilligen Wanderschaft gleichermaßen betroffen.10 Für die Kinder gab es in der Regel kein Entrinnen aus diesem Milieu; sie waren mit dem “Stigma der Nichtsesshaftigkeit” behaftet.11

Zwar handelte es sich dabei um eine unfreiwillige, aus der Not geborene Randgruppe, jedoch war die Zahl der von Subsistenzmigration12 Betroffenen gar nicht so gering. Für das 18. Jahrhundert wird sie auf 4% an der Gesamtbevölkerung13, für Bayern sogar auf bis zu 10% der Bevölkerung geschätzt14.15 Damit dürfte die Schwelle dessen überschritten gewesen sein, was an Not durch gelegentliche Almosen aufgefangen werden konnte, so dass die Vaganten zum Regelungsgegenstand der Obrigkeit wurden. Dies wiederum führte zu einem Teufelskreis aus Armut und Repression.

Kriminalisierung der Vaganten durch die Obrigkeit

Mit dem 15. und 16. Jahrhundert begann ein Prozess der Verrechtlichung, in dem die Obrigkeit bzw. der Staat eine wesentliche Rolle in der Definition von Norm und Normabweichung übernahmen.16 Die bis dahin erfolgte gesellschaftliche Ausgrenzung oder eventuelle religiöse Missbilligung wurde zur Kriminalisierung und Verfolgung. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurden in immer größerer Zahl Policey-Ordnungen und andere “policeyliche Mandate und Regelungen” gegen Vagabunden und Bettler erlassen.17 Und zwar nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern in ganz Europa.18

Im 16. Jahrhundert bedeutete der Begriff “Policey”19, so die zeitgenössische Schreibweise, die “gute Ordnung und Verwaltung des Staatswesens”.20 Die heutige Aufteilung in Zivil-, Straf- und öffentliches Recht wurde zu dem Zeitpunkt nicht eingehalten, und die Policey-Ordnungen regelten verschiedenste Aspekte des Alltagslebens, sozusagen das Recht des kleinen Mannes.21

Das Vorgehen gegen nichtsesshafte Arme spiegelte “eine seit dem Spätmittelalter einsetzende Neubewertung von Armut wider, die grundlegend von einer Polarisierung zwischen Armut und Arbeit ausging”.22 Armut wurde nicht mehr als Schicksalsschlag, sondern “als Folge von Nicht-Arbeit bewertet”.23 Damit wandelte sich die Reaktion von Gesellschaft und Obrigkeit von Mitleid zu einer vorwurfsvollen, repressiven Vorgehensweise. “Die Entstehung der Unbarmherzigkeit” nennt es Schindler.24

Neben die Unterscheidung zwischen “würdigen” Armen (z.B. Blinden) auf der einen und arbeitsfähigen “starken” Armen auf der anderen Seite25, wurde auch eine Unterscheidung zwischen einheimischen und fremden Armen getroffen.26 Nur wer der jeweils ersteren Gruppe angehörte, verdiente Fürsorge.27 “Starke” Bettler wurden aus der Gemeinde oder dem Land verwiesen28, womit sie erstmals oder erneut zu Vagabunden wurden.

Wer einmal in das Milieu der Vaganten abgerutscht war, “konnte als Recht- und Ehrloser kaum mehr sesshaft werden”.29 Denn “ein ehrbares Leben war unter den dauernden Anstrengungen und Gefahren des Wanderns gar nicht möglich. Es ging allein um das Überleben.”30

Der Vorwurf des Müßiggangs und der mangelnden Arbeitsmoral wurde mit dem Hang zur Wanderlust kombiniert31, so dass das Wandern selbst strafbar war32, auch wenn ansonsten keinerlei Straftaten begangen wurden. Strafen waren Körperstrafen (auch Brandmarkung), Ausweisung/Deportation (sogenannte Bettelfuhren oder Bettlerschübe33) und Zwangsarbeit.34

Dabei ist das Landstreichen ein klassischer Fall der “opferlosen Straftat”, also eines Delikts, bei deren Begehung niemand an Leib, Leben, Eigentum, Besitz, Ehre oder sonstigen Rechtsgütern verletzt wird.35

Die Kriminalisierung des Umherziehens ging zeitlich einher mit einer beginnenden (National-)Staatlichkeit, im Rahmen derer auch andere Politiken zur Kontrolle der Bevölkerung eingeführt wurden, wie z.B. Volkszählungen, die Wehrpflicht oder die Sesshaftmachung von Nomaden (im Osmanischen Reich).

Auch für die langsam einsetzende Ausbildung des Kapitalismus war die Verinnerlichung von Sekundärtugenden wie Fleiß, Zuverlässigkeit, Disziplin erforderlich36, wofür die Policeygesetzgebung die langfristige mentale Prägung herstellte37 und wogegen die Vagabunden (ob vorsätzlich oder aus Not) verstießen.

Roma / Sinti / ”Zigeuner”

Nicht zuletzt, weil manche Leute darauf beharren, ihre Meinungsfreiheit hinge davon ab, das Paprikaschnitzel als Zigeunerschnitzel zu bezeichnen, verdient die Bezeichnung dieser ethnischen Gruppe einen kleinen Exkurs.

In Deutschland herrscht diesbezüglich etwas mehr Problembewusstsein als in vielen anderen Ländern, wahrscheinlich weil der “Zentralrat deutscher Sinti und Roma” zu einer festen Größe im politischen Diskurs geworden ist. Dennoch wird im Alltag, aber auch in der Fachliteratur bis in die jüngste Zeit immer wieder gedankenlos der Begriff “Zigeuner” verwendet.

Zigeuner” ist eine Fremdbezeichnung, die negativ konnotiert ist, deren Etymologie aber unklar ist.38 In spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Quellen werden sie auch als “Heiden”, ”Tartaren” oder “Ägypter” bezeichnet.39 Von letzterem leitet sich das englische “gypsy” ab.

Die Eigenbezeichnung lautet je nach Gruppe Roma (jeweils Plural des Maskulinums), Sinti, Jenische, (Irish) Travellers, Manouches u.s.w. Als Sammelbegriff kann man auch Rom-Völker verwenden.

“Sinti” kam als Selbstbezeichnung der deutschsprachigen Roma erst ab dem Ende des 18. Jahrhunderts auf40. Im Folgenden verwende ich meist den Oberbegriff Roma, weil ich auch auf die Entwicklung außerhalb der deutschsprachigen Territorien eingehe.

Ankunft der Roma in Europa

Woher kamen nun die Roma?

Die Verwandtschaft des Romanes, der Sprache der Roma, mit dem Sanskrit41 deutet auf eine Herkunft vom indischen Subkontinent. Persische, türkische und griechische Anteile im Wortschatz zeigen die vermutliche Wanderungsbewegung auf, die sich über Jahrhunderte abgespielt haben muss.42

Über Südosteuropa43 und den Balkan kamen die ersten Roma im 14./15. Jahrhundert nach Mitteleuropa. Die Ankunft der Roma wurde z.B. dokumentiert für folgende Orte und Jahre: Belgrad 1323, Basel 1414, Kronstadt/Brașov (Siebenbürgen) 1416, Konstanz 1417, Hildesheim 1417, Lübeck 1417, München 1418, Frankfurt am Main 1418, Straßburg 1418, Antwerpen 1419, Bologna 1422, Paris 1427, Barcelona 1447, Stockholm 1512, woraus sich wiederum der Zug der Wanderungsbewegung ableiten lässt.44

Rezeption der Roma durch die Mehrheitsgesellschaft

Das plötzliche Auftauchen von auch phänotypisch andersartigen Menschen war offenbar wichtig genug, um seit dem 15. Jahrhundert in den Chroniken Erwähnung zu finden.45 Die Chroniken deuten auf organisierte Gruppen unter Führung jeweils eines “Herzogs” oder “Grafen”46 und erwähnen, dass Schutzbriefe präsentiert wurden47, in denen den Roma freies Geleit zugesichert wurde.

Zuerst wurden die Roma als Pilger bestaunt.48 Man vermutete eine Verdammung zur Bußfahrt wegen unchristlicher Lebensführung49 oder eine Flucht der christlichen Roma vor den Osmanen.50

Bald jedoch wurden sie als Bettler, Heiden, Spione (für das Osmanische Reich) und Diebe diffamiert51 oder für Seuchen verantwortlich gemacht52. Ihre Mobilität wurde nicht als Folge von Vertreibung oder Armut anerkannt, sondern “als eine Strategie der Arbeitsverweigerung” angesehen.53

Womöglich hatten die Roma einfach Pech, dass sie zu einer Zeit nach Mitteleuropa kamen, als diese Region unter Hungersnöten, Kriegen und dem Wiederaufflackern der Pest litt54, als das bestehende lokale und klösterliche Wohlfahrtssystem kollabierte55, und als staatliche und religiöse Gewissheiten ins Wanken gerieten.56 Als Beispiele seien genannt die Niederlage des Deutschen Ordens in Tannenberg 1410, die Hinrichtung des Reformators Jan Hus 1415, die Hussitenkriege 1419-1436, die Eroberung Konstantinopels durch das Osmanische Reich 1453.

In dieser Übergangsphase vom Mittelalter zur Neuzeit wurden die fremden Neuankömmlinge als “Strandgut aus einer vergangenen Zeit am Ufer der Moderne”57 gesehen.

Auch in der Literatur tauchten die “Zigeuner” bald auf und standen negativ für das Wilde, das Unzivilisierte, das Fremde, aber in positiver Weise für ein angeblich freies, sorgenloses und naturverbundenes Leben (“Zigeuner-Romantik”).58 In fast allen europäischen Sprachen gibt es hierzu einen reichhaltigen Fundus aus allen Text- und Kunstgattungen.59

Sowohl positive wie negative Stereotype “verweisen […] auf einen Verstoß gegen das vorherrschende Arbeitsethos”.60

Kriminalisierung und Verfolgung der Roma durch die Obrigkeit

Zum einen gilt für die Roma eigentlich alles, was ich oben zu den Vaganten dargestellt habe. Denn bis zur Frühen Neuzeit unterschied die Obrigkeit nicht immer zwischen Landstreichern, den Roma und anderen Angehörigen des “fahrenden Volkes”.61 Wenn in den historischen Quellen der Begriff “Zigeuner” verwendet wird, ist also nicht immer klar, ob es sich dabei um die ethnische Minderheit oder um alle wohnsitzlosen sozialen Randgruppen handelt.62

Allerdings wurden die Roma als ethnische Gruppe mit einer Härte und Vehemenz verfolgt, die über die normale Policeygesetzgebung hinausging.63 So erklärte sie der Reichstag von 1498 für “vogelfrei”, falls sie das Reichsgebiet nicht sofort verließen.64 In Frankreich befahl Ludwig XII. 1504 die Landesverweisung. 1514 begann die Vertreibung aus den Schweizer Städten, 1525 aus Flandern, 1530 aus England, 1541 aus Schottland, 1549 aus Böhmen, 1557 aus Polen.65 Portugal deportierte die Roma ab 1583 zur Zwangsarbeit auf Galeeren und in die Kolonien.66

Mit dem Vordringen des territorialen Denkens, mit der Entwicklung hin zu (Proto-)Nationalstaaten wurde Identität zunehmend aus der geographischen Herkunft abgeleitet.67 Die Roma konnten solch eine territoriale Herkunft nicht vorweisen. Es gab kein Gebiet, in dem sie die Bevölkerungsmehrheit stellten. Sie waren nicht nur wohnsitz-, sondern auch herkunftslos. So gab es niemanden, der ihnen Schutz gewähren, niemanden, der für sie eintreten konnte.

Die Sinti und Roma waren überproportional von Strafen und insbesondere von der Todesstrafe, aber auch von örtlichen Pogromen, sogenannten “Zigeunerjagden” oder “Heidenjagden” betroffen.68

Bogdal argumentiert, dass das Ziel der Maßnahmen gegen die Roma die Tötung und die Ausrottung war und sieht hier den Beginn einer grausamen Tradition: “Die Zigeuneredikte der Frühen Neuzeit bringen die Idee in eine Rechts- und Verwaltungssprache, dass als unnütz und schädlich angesehene Glieder aus dem Gesellschaftskörper ausgestoßen werden müssen.”69

Andererseits gab es teilweise Versuche, die Roma “umzuerziehen” und zu einer sesshaften Lebensweise zu bewegen. Insbesondere in der Habsburgermonarchie unter Kaiserin Maria Theresia (Verordnungen erlassen zwischen 1758 und 1774) wurde die bis dahin praktizierte Verfolgung zugunsten einer Zwangsassimilation aufgegeben.70 Diese umfasste nicht nur die erzwungene Sesshaftmachung (und damit Zurverfügungstellung als Arbeitskräfte für die Landwirtschaft), die Unterrichtung im katholischen Glauben, das Verbot der Muttersprache, sondern auch die Wegnahme der Kinder.71 Die Ähnlichkeit zum Vorgehen europäischer Kolonialstaaten in Übersee sticht ins Auge.

Ein Sonderfall bestand in den Fürstentümern Moldau und Walachei (jeweils heutiges Rumänien), wo die Roma bis 1856 rechtlich den Status von Sklaven hatten.72 Nach der Aufhebung der Sklaverei wurden – wie bei Sklavenbefreiungen üblich – nicht die einstigen Sklaven, sondern ihre früheren Eigentümer entschädigt.

Kontinuität der Verfolgung bis in die Moderne

Die Geschichte der Ausgrenzung und Verfolgung sowohl von Landstreichern, aber insbesondere der Sinti und Roma, endete nicht in der Frühen Neuzeit. Ganz im Gegenteil, sie gipfelte während des Nationalsozialismus in Deutschland und im von Deutschland besetzten Europa im Völkermord gegen die Sinti und Roma.73 Auf Romanes wird dieser als “Porajmos” bezeichnet.

Vagabunden, Landstreicher, Bettler und Arbeitslose wurden im Nationalsozialismus als “Asoziale” oder “Arbeitsscheue” verfolgt, interniert und ermordet.

Dass diese beiden Gruppen nach 1945 noch über Jahrzehnte nicht als Opfer des Faschismus anerkannt wurden, zeigt, wie tief die Vorurteile und Stereotype saßen und sitzen. Die BRD erkannte den Völkermord an den Sinti und Roma erst 1982 an.74

Trotz der von der EU 2005 ausgerufenen Roma-Dekade sind die Roma noch immer die sozioökonomisch am meisten benachteiligte Minderheit in Europa. Auch die staatliche Dikriminierung (Ghettoisierung, segregierte Schulen, Zwangssterilisation75) hielt bis ins 21. Jahrhundert an.

Landstreicherei blieb in der BRD bis 197476 und in der DDR bis 199077 strafbar.78


2 Melville/Staub, Band I, S. 162; Vogler, S. 311.

3 Ein Teil der Beispiele nach Vogler S. 311.

4 Fings, S. 43.

5 Fings, S. 21, die jedoch auch auf Ulrich Opfermanns Auswertung neuer, einen anderen Blickwinkel eröffnender Quellen hinweist: “Seye kein Zigeuner, sondern kayserlicher Cornet” – Sinti im 17. und 18. Jahrhundert – Eine Untersuchung anhand archivalischer Quellen, 2007.

6 Härter/Sälter/Wiebel, S. 19.

7 Wadauer, Vagabund, 4. Absatz.

8 Fata, S. 156 f.

9 Boehncke, S. 70.

10 Fata, S. 158.

11 Fata, S. 158.

12 Den Begriff verwendet Fata, S. 153, unter Verweis auf Peter Clark (Fußnote 164).

13 Boehncke, S. 70 mit Verweis auf Sachße/Tennstedt: Bettler, Gauner und Proleten. Armut und Armenfürsorge in der deutschen Geschichte (Fußnote 2 auf S. 362).

14 Boehncke, S. 362 in Fußnote 2, unter Verweis auf Küther: Menschen auf der Straße. Vagierende Unterschichten in Bayern, Franken und Schwaben in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

15 Fata, S. 153, ist skeptisch gegenüber Versuchen, einen statistischen Anteil zu ermitteln.

16 Härter/Sälter/Wiebel, S. 10; Schulze, S. 80.

17 Fata, S. 153; Härter, Landstreicherei, 1. Absatz.

18 Sehr ausführlich zu England, mit Kapiteln zu Schottland, Irland, Wales, der Isle of Man, den Kanalinseln, Schweden, Dänemark, Belgien, den Niederlanden, Frankreich, dem Deutschen Reich, Österreich, Italien, Russland, Portugal und der Türkei: C. J. Ribton-Turner, A History of Vagrants and Vagrancy and Beggars and Begging, Chapman & Hall, 1887, Nachdruck bei Patterson Smith, 1972.

19 Zurückgehend auf Platons “politeia”.

20 Schröder, S. 58.

21 Schröder, S. 58.

22 Fata, S. 153; ebenso Bogdal, S. 49; Korge, S. 308.

23 Fata, S. 153.

24 Norbert Schindler: Die Entstehung der Unbarmherzigkeit. Zur Kultur und Lebensweise der Salzburger Bettler am Ende des 17. Jahrhunderts, in: Norbert Schindler: Widerspenstige Leute. Studien zur Volkskultur in der frühen Neuzeit, 1992, S. 258-313.

25 Althammer, S. 415; Korge, S. 308.

26 Fata, S. 162.

27 Fata, S. 162.

28 Fata, S. 162; Härter, Landstreicherei, 1. Absatz.

29 Boehncke, S. 70.

30 Melville/Staub, Band I, S. 162.

31 Fata, S. 154.

32 Boehncke, S. 70.

33 Boehncke, S. 71; Fata, S. 163.

34 Boehncke, S. 70; Fata, S. 163; Wadauer, Vagabund, 5. Absatz.

35 Althammer, S. 438 f.

36 Behrisch, Sozialdisziplinierung, 1. Absatz.

37 Behrisch, Sozialdisziplinierung, 3. Absatz.

38 Einige mögliche etymologische Erklärungen bei Fings, S. 14.

39 Fings, S. 14.

40 Fings, S. 11.

41 Bogdal, S. 13, 154 ff.; Fings, S. 15 f.

42 Fings, S. 34.

43 Bogdal, S. 30.

44 Fings, S. 36 sowie Karte auf der hinteren inneren Umschlagseite.

45 Fings, S. 18.

46 Bogdal, S. 35; Fings, S. 37.

47 Fata, S. 166; Fings, S. 37.

48 Bogdal, S. 36; Fings, S. 18, 38.

49 Fings, S. 39.

50 Fings, S. 39.

51 Bogdal, S. 54 f.; Fings, S. 18.

52 Bogdal, S. 55.

53 Fings, S. 31.

54 Bogdal, S. 49; Fings, S. 38.

55 Bogdal, S. 49.

56 Bogdal, S. 44, 47.

57 Bogdal, S. 13.

58 Fings, S. 19.

59 Beispiele bei Fings, S. 19, aber vor allem bei Bogdal S. 87 ff., 177 ff.

60 Fings, S. 26.

61 Fings, S. 43.

62 Bogdal, S. 48; Fata, S. 163 f.

63 Bogdal, S. 56; Fata, S. 166.

64 Fata, S. 166; Fings, S. 41.

65 Bogdal, S. 44.

66 Bogdal, S. 44.

67 Bogdal, S. 44 f., 47.

68 Fings, S. 45.

69 Bogdal, S. 56.

70 Bogdal, S. 122; Fata, S. 169, Fings, S. 49 ff.

71 Fata, S. 169; Fings, S. 50.

72 Bogdal, S. 30; Fings, S. 40 f.

73 Fings, S. 62 ff.

74 Fings, S. 107.

75 Letzteres in der Tschechischen Republik bis 2012 praktiziert.

76 § 361 I Nr. 3 StGB-BRD in der bis 1974 geltenden Fassung: “Mit Geldstrafe bis zu fünfhundert Deutsche Mark oder mit Freiheitsstrafe bis zu sechs Wochen wird bestraft, wer als Landstreicher umherzieht.”

77 § 249 I StGB-DDR in der bis zum Ende der DDR geltenden Fassung: “Wer das gesellschaftliche Zusammenleben der Bürger oder die öffentliche Ordnung und Sicherheit beeinträchtigt, indem er sich aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit entzieht, obwohl er arbeitsfähig ist, wird mit Verurteilung auf Bewährung, Haftstrafe oder mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren bestraft.”

78 Zur praktischen Relevanz der “Asozialen”-Verfolgung in der DDR siehe Markovits, S. 155-163.


Literatur

Beate ALTHAMMER: Der Vagabund. Zur diskursiven Konstruktion eines Gefahrenpotentials im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, in Härter/Sälter/Wiebel, S. 415-453.

Lars BEHRISCH: Sozialdisziplinierung, in: Enzyklopädie der Neuzeit Online, Stand vom 1. Juni 2022.

Heiner BOEHNCKE: Bettler, Gaukler, Fahrende. Vagantenreisen, S. 69-74 und Fußnoten auf S. 362, in: Reisekultur. Von der Pilgerfahrt zum modernen Tourismus, herausgegeben von Hermann Bausinger, Klaus Beyrer, Gottfried Korff, C. H. Beck, 1991.

Klaus-Michael BOGDAL: Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung, Suhrkamp, 2014.

Márta FATA: Mobilität und Migration in der Frühen Neuzeit, UTB [Vandenhoeck & Ruprecht], 2020.

Karola FINGS: Sinti und Roma. Geschichte einer Minderheit, C. H. Beck Wissen, 2019 (2. Auflage).

Karl HÄRTER: Landstreicherei, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte (HRG) online, Stand vom 23. November 2017.

Karl HÄRTER, Gerhard SÄLTER, Eva WIEBEL: Repräsentation von Kriminalität und öffentlicher Sicherheit, Vittorio Klostermann, 2010.

Marcel KORBE: Unterstützung, Abweisung, Sanktionierung. Vom genossenschaftlichen Umgang mit arbeitslosen Gesellen in vorindustrieller Zeit, Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 4/2022, S. 301-314.

Inga MARKOVITS: Gerechtigkeit in Lüritz. Eine ostdeutsche Rechtsgeschichte, C. H. Beck, 2014.

Gert MELVILLE, Martial STAUB: Enzyklopädie des Mittelalters, Band I, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2008.

Rainer SCHRÖDER, Rechtsgeschichte, Alpmann & Schmidt, 1992 (4. Auflage).

Winfried SCHULZE: Einführung in die Neuere Geschichte, UTB [Ulmer], 2010 (5. Auflage).

Günter VOGLER: Europas Aufbruch in die Neuzeit 1500-1650, UTB [Ulmer], 2003.

Sigrid WADAUER, Vagabund, in: Enzyklopädie der Neuzeit Online, Stand vom 31. Dezember 2020.


Und jetzt seht Ihr hoffentlich ein, dass schnoddrig schon besser ist.

Standes- und studentengemäß bin ich zu und von dem Landstreicherseminar übrigens per Anhalter gefahren. – Ich weiß nicht, ob ich je zum zweiten und dritten Teil dieser Anhaltersaga komme. Leider habe ich mir damals keine Notizen gemacht, und so langsam verblassen die Erinnerungen. Schade eigentlich, es waren wirklich tolle Begegnungen dabei!

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Osteuropäische Dorfidylle

Ein sowjetisches Ehrenmal, ein Storchennest und ein paar offene Kabel, Leitungen und Drähte; was braucht man mehr?

Fotografiert in Tác in Ungarn.

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„Wo wir waren“ von Norbert Zähringer

Wie jeder Blogger leide ich darunter, noch kein Buch geschrieben zu haben, und mich deshalb auf die Frage, was ich beruflich mache, nicht prätentiös als „Schriftsteller“ oder „Autor“ bezeichnen zu können.

Wobei ich die Frage nach dem Beruf ziemlich übergriffig finde. Ich meine, was geht es vollkommen Fremde an, womit ich kein oder kaum Geld verdiene? Und das Traurige ist: Je nachdem, was ich antworte, behandeln mich die Menschen vollkommen unterschiedlich. Obwohl ich genauso (un)freundlich, (un)lustig, (un)sympathisch und (un)zuverlässig bin, egal ob ich mich als Jurist, als Student oder als Landstreicher vorstelle.

Das ist echt eine verdammt oberflächliche Gesellschaft, wo dich Menschen danach beurteilen, was auf deiner Visitenkarte steht. Naja, wenigstens habe ich überhaupt Visitenkarten. Dieses Mindestmaß an Höflichkeit bei der gegenseitigen Vorstellung kennen ja viele Menschen gar nicht mehr.

Ich sollte mir öfter einen Spaß daraus zu machen, einfach zu lügen und mich als Fußballspieler, Scharfschütze oder Astronaut vorzustellen.

Ach ja, Astronauten, da könnte ich jetzt den Bogen – und zwar einen wunderschön geformten Bogen, so wie die elliptische Flugbahn des Halleyschen Kometen – zu dem in der Überschrift angekündigten Roman „Wo wir waren“ von Norbert Zähringer schlagen. Der beginnt nämlich am 21. Juli 1969, als bekanntlich ein paar kleine Männer auf dem großen Mond landeten.

Aber ich wollte anders zu diesem Thema ein- und hinleiten, und ich lasse mir diese anfängliche Idee nicht durch eine spätere, einfachere Idee zunichte machen. Also: Falls es jemals von mir ein Buch geben wird, dann auf keinen Fall einen Roman. Vielleicht Reiseerzählungen, vielleicht etwas Historisches, vielleicht ein pamphletisches Manifest, vielleicht sogar Witz und Humor, schlimmstenfalls etwas über Verfassungsrecht, aber niemals einen Roman.

Ich kann nämlich keine komplexen Handlungsstränge erfinden.

Meine Erzählungen verlaufen deshalb entweder linear, weshalb sich insbesondere Wanderungen oder Zugreisen als Zeitstrahl eignen, an dem sich meine Beobachtungen entlang hangeln. Oder es sind, was niemanden überraschen wird, der bis hierhin mitgelesen hat, vollkommen unzusammenhängende Bewusstseinsströme, oder vielmehr Bewusstseinssprünge, was mir sogar dann gelingt, wenn ich, wie bei einer Eisenbahnfahrt nach Stockholm, eigentlich über einen linearen Zeit- und Handlungsstrang verfüge. Ein Leser hatte dazu bemerkt, dass er in der Mitte des Artikels nicht mehr wusste, von wo nach wo die Reise eigentlich ging. Ein typisches Beispiel für Kritik, die als Lob missverstanden wurde. Naja, besser so als umgekehrt.

Da fällt mir ein, dass ich endlich „Ulysses“ lesen wollte. Der hatte ja diesen Februar hundertjähriges Jubiläum und hätte sich somit eigentlich für meine kleine Geschichtsreihe „Vor hundert Jahren …“ geeignet. Aber wie soll ich über ein Buch schreiben, das ich noch nicht gelesen habe? Andererseits, bei „Nosferatu“ habe ich es auch so gemacht. Dafür gab es im Februar einen anderen literarischen Leckerbissen.

Wo war ich? Ach ja, bei „Wo wir waren“.

Denn in diesem Roman sind so viele Handlungsstränge auf so elegante und meisterhafte Weise mit- und ineinander verwoben, dass ich aus der Bewunderung gar nicht mehr rausgekommen bin. Es beginnt mit der Mondlandung, geht dann zurück zum Ersten Weltkrieg, dann zur Flucht aus dem Memelland nach dem Zweiten Weltkrieg, immer wieder vor und zurück, nach Italien, in den Vietnam-Krieg, zu den Frankfurter Auschwitz-Prozessen, nach Nepal und nach Kasachstan. Ein bisschen wie beim „Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und so weiter“, nur nicht linear. Und ernster.

Jede Geschichte hat ihre eigenen Protagonisten, wobei insbesondere die Kinderfiguren echt stark sind. Manchmal ein bisschen zu aufgeweckt für ihr Alter, aber das ist ja immer so bei Kinderfiguren in der Literatur. Eigentlich schon seit Jesus, oder spätestens seit dem „Fänger im Roggen“, wobei ich letzteren irgendwie lockerer fand als ersteren.

Natürlich muss es auch Erwachsene geben, wobei die vorher ebenfalls Kinder waren. Zumindest manche. Manchmal sind sie auch die Eltern der Kinder. Oder die Adoptiveltern. Oder diejenigen, die die Kinder umbringen wollten. Das wissen die dann aber nicht. Oder zumindest nicht gleich.

Wie hier alles mit allem zusammenhängt, aber sich das große Welten-, Familien- und Geschichtspuzzle erst langsam ineinander fügt, das ist brillant.

Und Norbert Zähringer macht das nicht plump oder forciert. Er ordnet das Buch auch nicht diesem Wahnsinnsplan unter. Nein, jede Geschichte für sich allein wäre schon der Hammer. (Wenn Ihr ein bisschen schwach auf der Brust seid, lasst die Vietnam-Geschichte vielleicht aus.) Nur die Silicon-Valley-Story hat mich kalt gelassen. So Tech-Fuzzies und Multimillionäre sind halt einfach langweilig. Das hätte es nicht gebraucht.

Jedenfalls war das endlich mal wieder ein Roman, für den ich ein paar Abende hintereinander sehr lange und sehr gerne wachgeblieben bin. Absolute Empfehlung!

Links:

  • „Wo wir waren“ bei Amazon bestellen.
  • Mehr Buchempfehlungen (und dazwischen ein paar Nichtempfehlungen) sowie meine Wunschliste für weiteren Lesestoff. Ich finde es übrigens unhöflich, wenn Menschen keine Wunschliste haben. Dann vergeudet man als Schenkender wahnsinnig viel Zeit, um sich ein Weihnachtsgeschenk zu überlegen, und dann passt es überhaupt nicht.
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Vor hundert Jahren betrat ein politischer Rabauke die Bühne – November 1922: Adolf Hitler

Immer wieder hört man, dass Leute ominös von den „dunklen Jahren zwischen 1933 und 1945“ sprechen, wie wenn bis 1932 alles super gelaufen wäre und ab dem 8. Mai 1945, pünktlich mit dem Abendbrot, alle Deutschen zu Demokraten wurden. Auch die Schlussstrich-Fraktion weist gerne darauf hin, dass „diese 12 unseligen Jahre“ keinesfalls die deutsche Geschichte bestimmen dürfen.

Nun, zum einen kann im Leben eines Landes, genauso wie im Leben eines Menschen, eine bestimmte Dekade wichtiger, bedeutender, bestimmender sein als die zuvor und danach. Zum anderen finden historische Zäsuren bei weitem nicht so trennscharf statt, wie man im Nachhinein feststellt. Große Ereignisse haben Vorgeschichten und Nachwirkungen.

Um zu zeigen, wieviel Vorwarnzeit vor den Nationalsozialisten es gegeben hätte – sowohl in Deutschland als auch international -, sehen wir uns heute die ersten Presseberichte über einen gewissen Adolf Hitler an, die im November 1922, mithin vor genau 100 Jahren erschienen.

Während heute bei einer Quizfrage nach Diktatoren des 20. Jahrhunderts der Name Hitler der meistgenannte sein dürfte, so wurde er 1922 noch hauptsächlich als eine billige, ja lächerliche Kopie ausländischer Staatsführer gesehen. So z.B. in einem Bericht des 8-Uhr-Abendblattes vom 11. November 1922, dessen Autor das „Hauptquartier des bayerischen Mussolini“ besuchte.

Lächerlich sind auch die Versuche, den Nationalsozialismus aufgrund des Namens in die sozialistische Ecke zu stellen, wie es die Vorsitzende einer Stiftung für politische Bildung tut. Da hat wirklich jemand den Bock(mist) zur Gärtnerin gemacht.

Schon 1922 durchschaute der Reporter diesen Versuch, den eigentlich niemand mehr unternehmen sollte, der weiß, dass Sozialisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Kommunisten unter den ersten Opfer der Nazis waren. Übrigens ebenfalls lange vor 1933.

… Partei, die sich nationalistische Arbeiterpartei nennt, aber mit Sozialismus und Arbeiterschaft sehr wenig zu tun hat und eher hypernational als national ist.

Ebenso durchschaute er den wahren Zweck der angeblichen politischen Abendschulung, wo die jungen Männer vielmehr „die Handhabung von Schusswaffen und Handgranaten sowie Gummiknütteln“ erlernten. Ob das bei der oben genannten Stiftung der AfD ebenso ist? Man kann nur hoffen, dass sich die heutigen jungen Menschen nicht aus Versehen für das falsche Erasmus-Stipendium bewerben und anstatt in Wien oder Warschau bei der Wehrsportgruppe landen. Obwohl, früher oder später wollen die ja auch nach Wien und Warschau.

„Für ein Europa der offenen Grenzen!“

Aber was erfuhr nun der Reporter von dem „Plakatmaler und Bohème dritter Garnitur“?

Aus seinen Worten spricht ein ideenloser, leerer Schlagwortmensch, der sich auf dem Wege politischer Demagogie […] eine Position verschaffen will.

Aber eines wurde schon bei der ersten Begegnung deutlich:

Sein Programm ist der krasseste Antisemitismus. Judenhass als Weltanschauung. Judenhass als Weltpolitik. Judenhass, und nichts weiter.

„Der Jude ist die Pest“, fuhrt Hitler fort. […] „Ich kämpfe für die Rassereinheit des deutschen Volkes und der ganzen Welt.“

Also, wenn Euch die Großeltern sagen, sie hätten von nichts gewusst und Herrn Hitler nur gewählt, weil er gegen die Vermögenssteuer war, dann würde ich das nicht glauben. Ganz abgesehen davon, dass es dämlich ist, wenn sich Reihenhausbesitzer von BlackRock, Carsten Maschmeyer oder in deren Diensten stehenden Politikern einreden lassen, die Millionärssteuer würde genau auf sie abzielen.

Hitler kündigt sodann gegen die Sozialisten „einen Terror [an], wie ihn die Welt noch nie gesehen hat“, beschwichtigt aber: „Wir wollen die Juden nicht ausrotten,“ sondern ihnen „nur“ alle staatsbürgerlichen Rechte entziehen. Außerdem sollten alle „Fremden“ Deutschland verlassen müssen. (Hitler hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht die deutsche Staatsbürgerschaft!)

Wie zerfressen von Hass und Antisemitismus Hitler bereits 1922 war, wird auch deutlich, als er die christliche Kirche als „verjudet“ bezeichnet, weil diese das Alte Testament – „ein verbrecherisches Werkzeug jüdischen Geistes“ – lehre. Ebenso seien Papst Alexander VI., Kaiser Wilhelm II. und König Edward VII. Juden (gewesen). Jesus hingegen war laut Hitler Germane.

Das ausdrückliche Verdikt des Reporters:

Die Nationalsozialisten sind lächerlich.

Er bedauert, dass man diese 4000 bis 5000 „Desperados“ überhaupt ernst nehme.

Ein Besuch bei Herrn Hitler musste mich davon überzeugen, dass er von beiden Seiten mächtig überschätzt wird,

schließt der Autor des Abendblattes und sollte sich damit mächtig irren. Nur ein Jahr später, im November 1923, unternahm Hitler seinen ersten gewaltsamen Putschversuch. Aber dazu gibt es in einem Jahr wahrscheinlich einen eigenen Beitrag in dieser kleinen Geschichtsreihe.

Auch die internationale Presse nahm bereits elf Jahre vor der Machtübernahme von Herrn Hitler Notiz. So brachte die New York Times am 21. November 1922 folgende Geschichte:

Dieser Artikel fokussiert sich auf die Disziplin seiner kampfbereiten Anhänger. Auch der offene Antisemitismus wird angesprochen, allerdings dramatisch unterschätzt.

But several reliable, well-informed sources confirmed the idea that Hitler’s anti-Semitism was not so genuine or violent as it sounded, and that he was merely using anti-Semitic propaganda as a bait to catch masses of followers and keep them aroused [and] enthusiastic.

Demnach bestätigten mehrere zuverlässige und gut informierte Quellen, dass Hitlers Antisemitismus nicht so aufrichtig oder gewaltsam war, wie er geäußert wurde, und dass er die antisemitische Propaganda lediglich als Köder nutze, um die Scharen seiner Anhänger bei der Stange und in Stimmung zu halten.

Dabei schreibt der Reporter der New York Times auch, dass sich Juden bereits Unterschlüpfe in den bayerischen Bergen gesucht hätten, wohin sie ihre Familien in Sicherheit bringen könnten, wenn es zu einer „antisemitischen Bartholomäusnacht“ käme. Die Bartholomäusnacht von 1572 war ein Pogrom gegen französische Protestanten, die Hugenotten, gewesen.

Wie man die Furcht vor einem Pogrom äußern, aber gleichzeitig den aggressiven Antisemitismus der Nazis herunterspielen kann, das geht mir nicht ganz ein. Wie wir wissen, kam es im November 1938 tatsächlich zu gesteuerten Pogromen in ganz Deutschland und Österreich.

Aber vom Parteinamen ließ sich auch der amerikanische Korrespondent nicht täuschen:

There is nothing socialistic about National Socialism.

Der Artikel in der New York Times hat jedoch einen anderen Fokus, weniger einen programmatischen, fast einen folkloristischen: Hitler und die Nationalsozialisten werden als eine bayerische Regionalpartei präsentiert. Ich finde es zwar grundsätzlich nicht falsch, vor der Gefahr bayerischer Provinzparteien zu warnen, insbesondere vor denen, die sich wie die NSDAP oder die Hisbollah einen bewaffneten Arm leisten. Aber die Wahlen würden bald zeigen, dass der Nationalsozialismus keine bayerische Besonderheit war.

Anders als in anderen Teilen Deutschlands wurde die NSDAP in Bayern vor der (schon nicht mehr freien) Reichstagswahl 1933 niemals stärkste Partei.

Aber für den Mann von der New York Times sind die Nazis ein rein bayerisches Phänomen. Und ein rein städtisches:

Hitler’s movement is essentially urban in character. It has not yet caught a foothold among the hardy Bavarian peasantry and highlanders, which would make it really dangerous.

Die Bewegung Hitlers habe demnach einen städtischen Charakter. Unter den zähen bayerischen Bauern und Bergbewohnern habe sie noch nicht Fuß fassen können. Aber wenn dieser Zeitpunkt je käme, ja, dann würden die Nazis richtig gefährlich.

Da triefen die Bratwurstfettklischees auf die Lederhose. Und die Warnung vor den „Bavarian highlanders“ ließ bei Lesern in aller Welt wahrscheinlich solche Vorstellungen aufkommen:

Blau-weiß wegen der bayerischen Flagge.

Ich frage mich, was mein Urgroßonkel, der einige Monate zuvor aus den „Bavarian highlands“ in die USA ausgewandert war, sich dachte, als er am 21. November 1922 die New York Times las. Aber wahrscheinlich las er auch in den USA nur deutschsprachige Tageszeitungen, davon gab es nämlich hunderte.

Den Hitler-Putsch vom November 1923 habe ich oben schon angesprochen. Der Putschversuch scheiterte jämmerlich. Hitler wurde zu 5 Jahren Haft verurteilt, aber im Dezember 1924 nach nur neun Monaten Haft entlassen.

Auch dazu gibt es einen kurzen Beitrag in der New York Times vom 21. Dezember 1924 mit der Überschrift „Hitler durch Gefängnis gezähmt.“

Laut dem Bericht verließ Hitler das Gefängnis in geknickter, aber geläuterter Stimmung. Es habe sich gezeigt, dass weder er, noch seine Bewegung eine ernsthafte Gefahr darstellen. Und dann der letzte Satz, so einfach, knapp und kurz, dass man ihn immer wieder lesen und sich einen Alternativverlauf für das 20. Jahrhundert ausmalen will:

It is believed he will retire to private life and return to Austria, the country of his birth.

Also:

Es wird davon ausgegangen, dass sich Hitler ins Privatleben zurückziehen und in sein Geburtsland Österreich zurückkehren wird.

Tja. So kann man sich täuschen.

Als Ausländer hätte Hitler nach § 9 II 1 Hs. 2 Republikschutzgesetz (und erst recht entsprechend seinen eigenen politischen Forderungen) nach Verbüßung der Strafe ausgewiesen werden müssen.

Aber derjenige, der stets lautstark getönt hatte, dass man alle „Fremden“ aus dem Reich entfernen müsse, weil diese Deutschland wie ein Krebsgeschwür unterwanderten u.s.w., wehrte sich mit Händen und Füßen gegen die Abschiebung. Mit Erfolg. Zehn Jahre später, im Februar 1932, erhielt er sogar die deutsche Staatsbürgerschaft. Das war kurz vor knapp, denn da war Hitler schon Kandidat für die Wahl zum Reichspräsidenten im darauffolgenden Monat. (Das ist die Wahl, bei der die Hohenzollern eine sehr unrühmliche Rolle spielten.)

Hitler hatte die Zeit in der Haft genutzt, um das Buch „Mein Kampf“ zu schreiben. Er wollte das mit der Weltherrschaft, dem Antisemitismus und der Unterjochung Osteuropas klar und deutlich publizieren, damit die Deutschen nach 1945 nicht alle behaupten könnten, sie hätten „von nichts gewusst“. Haben sie dann aber trotzdem gemacht.

Ich bin immer noch schockiert, wenn ich auf meinen Reisen in aller Welt, von Albanien bis Bolivien, von Isfahan bis Istanbul, dieses Buch in unkommentierter Ausgabe auf Flohmärkten oder in Buchhandlungen entdecke.

Wirklich, Leute, abonniert lieber diesen Blog, wenn Ihr Euch für Geschichte interessiert! Da gibt es im Rahmen der Reihe „Vor hundert Jahren …“ jeden Monat mindestens einen Beitrag, der meist den ganz großen Bogen vom Damals zum Heute zu spannen versucht.

Oder Ihr lest Romane aus jener Zeit. Die sind nämlich oft erstaunlich weitsichtig und prophetisch, zum Beispiel „Die Stadt ohne Juden“, in der Hugo Bettauer bereits 1922 die Rassengesetze, die Ausweisung der Juden, die Begeisterung darüber bei den Christen und die Weltwirtschaftskrise vorwegnimmt. Oder „Das Spinnennetz“, in dem Joseph Roth schon 1923 über die Brutalisierung der politischen Auseinandersetzung, den Aufstieg Hitlers und der NSDAP und deren Verbindungen zu Adel und Reichswehr schreibt.

Links:

  • Alle Folgen aus der Reihe „Vor hundert Jahren …“. Wenn Ihr Vorschläge zu Themen habt, die 1923 passiert sind und nächstes Jahr ihr Hundertjähriges feiern, nur her damit!
  • Mehr Geschichte.
  • Und mehr Berichte aus Deutschland, aus Österreich, aus Bayern und speziell über die Nazis.
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Das Schloss im Nebel

Read this in English.

Nachdem ich während der letzten Nebelwanderung in Ungarn eine römische Ruinenstadt entdeckt hatte, mache ich mich am nächsten nebligen Novembertag wiederum auf den Weg, ganz gespannt, was ich diesmal entdecken würde. In Székesfehérvár (deutscher Name der Stadt: Stuhlweißenburg) nehme ich den Bus Nr. 32 bis zum letzten Halt an der Stadtgrenze und gehe dann einfach nach Osten, wo ja angeblich die Sonne aufgeht.

Ich entdecke: Nichts.

Zumindest anfänglich. Der Nebel ist so dicht, wenn ich nicht grundsätzlich ein Frühaufsteher wäre und die Uhrzeit ungefähr an meinem Hungergefühl ablesen könnte, ich hätte keine Ahnung, ob es Vormittag oder Nachmittag wäre oder ob die Sonne schon endgültig ihren Geist aufgegeben hat und wir nur noch ihre letzten Strahlenzuckungen mitbekommen.

Die einzigen Vögel, die ich höre, sind Krähen. Krähen, die höhnisch krächzen, als sie sehen, dass da jemand in sein Verderben marschiert. Tote Bäume ragen aus dem Moor wie die Arme von versunkenen Moorleichen. Schreien sie um Hilfe, oder wollen sie mich warnen?

Den grünen Wagen habe ich wohl bemerkt, aber nachsehen will ich lieber nicht. Wer hier wohnt und schon seit Jahren keinen anderen Menschen mehr gesehen hat, überreagiert vielleicht, wenn es plötzlich an der Tür klopft.

Einen Kilometer weiter glimmt ein Feuer, und ich sehe ein paar Männer im Nebel verschwinden. Wahrscheinlich Torfstecher, die sich für den kommenden Winter eindecken. Es wird ein harter Winter, sagen die Leute.

Auch hier tue ich so, wie wenn ich nichts gesehen habe. Nicht, dass sie mich für den Gutsverwalter oder den Komitatspolizisten halten und auf mich schießen.

Schafe stehen am Wegrand, aber nicht fröhlich kauend und mäh-mähend wie sonst. Nein, ganz apathisch starren sie mich an. Wie wenn sie verhext sind. Oder mich davor warnen wollen, selbst verhext zu werden.

Vielleicht wohnt in dem Holzwagen der Schäfer? Oder die Torfstecher waren Wilderer? Warum dann das Feuer? Warum ist hier alles so unheimlich? Wo bleibt die Sonne?

Ich mag die Natur gerne, wirklich. Aber wenn man lange genug in der Natur war, dann freut man sich auch wieder über ein Stück Zivilisation. In diesem Fall sind es die Eisenbahnschienen, denen ich erleichtert zu folgen beschließe.

Die müssen ja zurück nach Székesfehérvár führen. Oder in eine andere Stadt. Und wenn ich Glück habe, was normalerweise der Fall ist, kommt ein Zug, sieht mich rechtzeitig und lässt mich einsteigen, anstatt mich zu überfahren.

Aber anscheinend ist heute Eisenbahnerstreik, denn es kommt kein Zug.

Als ich schließlich den nächsten Bahnhof zu Fuß erreiche, merke ich, dass dieser auch bestreikt wird. Und zwar schon seit dem Zweiten Weltkrieg, wie es aussieht.

Aber was ist das?!

Nein, ich meine nicht die zwei Reiter der Apokalypse, die grußlos an mir vorüber galoppieren, ihre Köpfe in Kapuzen gehüllt, der eine mit einem Gewehr über der Schulter, der andere mit einem toten Schaf über dem Sattel.

Ich meine das hier:

Zwischen den Bäumen, mitten auf einer großen Lichtung, lugt aus dem noch immer dichten Nebel ganz zaghaft ein Gebäude hervor, das zwei Hörner zu tragen scheint. Und kein normales Gebäude, sondern ein Schloss! Was auch immer das hier zu suchen hat.

Ich bin heilfroh, dass ich alleine unterwegs bin. Denn jede Begleitung würde spätestens jetzt sagen: „Andreas, lass uns abhauen!“ Und ich gebe ja zu, die Rufe der Krähen, die Toten im Moor, der dichte Nebel, die Torfstecher, das Feuer, die Reiter, die mehr wie Gespenster als wie Menschen aussahen, das alles ist ein bisschen unheimlich.

Aber auch verlockend. Oder nicht?

Für mich jedenfalls gilt: Wenn irgendwo eine Burg oder ein Schloss (oder ein geheimes militärisches Objekt) herumsteht, dann sehe ich mir das aus der Nähe an. Schöner Landsitz, mit einem großen Park. Sogar ein Brunnen ist noch zu sehen.

An der Tür steht eine Warnung vor Stromschlägen für ungebetene Eindringlinge. Nicht sehr gastfreundlich. Aber beim Umrunden des Schlosses ist mir ein offenes Kellerfenster aufgefallen.

Noch während ich mich so geschickt durch das offene Fenster fallen lasse, dass es wie ein Unfall aussieht, denke ich: „Hoppla, wie soll ich da je wieder rauskommen?“ Manchmal wäre es eben doch besser, zu zweit unterwegs zu sein.

Vor allem, weil das Innere des Schlosses nicht mehr ganz stabil ist. Und weil ich ein paar Mal fast durch die Decke krache.

Ups, das war knapp.

Tja, was man nicht so alles auf sich nimmt, um den Innenarchitekturfans unter Euch exklusive Aufnahmen mit aus dem Urlaub zu bringen.

Und der Rückweg ist auch gesichert, wie Ihr seht. Mit den Balken, die da herumliegen, lässt sich mit handwerklichem Geschick, das ich mir noch irgendwie aneignen muss, eine Leiter bauen. Denn ohne Leiter, das habe ich schon gemerkt, komme ich aus dem Keller nicht wieder ins Freie. Ich hoffe nur, dass diese Holzpfeiler nicht wichtig sind, um den Bau zu stützen. Also fange ich an, zu ziehen und zu schleppen, während das Schloss ächzt und wackelt. Hoffentlich hört und sieht das von draußen niemand.

Apropos draußen: Die Sonne setzt sich langsam durch. Es wird wärmer, fröhlicher, und mit dem dadurch gewonnenen Mut ändere ich meinen Plan und springe beherzt vom Balkon, um die mich sowieso schon langweilende Heimwerkerei abzukürzen.

Und siehe da: In der Zeit, die ich in den Katakomben verbracht, mich im Schloss verlaufen und an meinen Ausbruchplänen getüftelt habe, ist es tatsächlich schön geworden.

Im Vergleich zu den schaurigen Nebelbildern von nur wenigen Stunden zuvor ist das jetzt richtig kitschig, oder?

Noch kitschiger wird es beim nächsten Schloss, nur wenige Stunden später. Aber dazu mehr in einem anderen Artikel.

Erst später habe ich von Gräfin Báthory gehört, die Hunderte von jungen Frauen ermordet hat, um in deren Blut zu baden. Aber damit will ich Euch jetzt nicht behelligen, schließlich wollt und sollt Ihr das Schloss unvoreingenommen besuchen.

Praktische Tipps:

  • Ihr könnt auch mit dem Bus Nr. 718, 8010 oder 8013 ganz in die Nähe des Schlosses fahren. Haltestelle ist Csala Alsó. Die Fahrt von Székesfehérvár kostet 400 Forint (= 1 Euro). Der Bus fährt etwa jede Stunde, auch am Wochenende.
  • Wenn Ihr meinem Weg folgen wollt, nehmt Ihr vom Bahnhof in Székesfehérvár den Bus Nr. 32 bis zur letzten Haltestelle, Kassai utca / Nagyszombati utca, und geht von da immer nach Osten, einfach dem Feldweg entlang. Einmal müsst Ihr einen Fluss durchqueren, aber der ist nicht tief, keine Sorge. Am Ende von Bild Nr. 5 biegt Ihr nach Norden/links ab, und dann seht Ihr bald das Schloss. Der Spaziergang dauert maximal eine Stunde.
  • Wenn Ihr wesentlich länger unterwegs seid und kein Schloss seht, dann habt Ihr Euch verlaufen. Tut mir leid!

Links:

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Die Deutsche Bahn will nicht, dass Ihr von diesen Spartipps erfahrt: ICE-Reisen bis zu 80% billiger

Nun gut, wenn tatsächlich das 49-Euro-Ticket kommt, dann braucht man eigentlich gar keine Spartipps mehr. Aber es gibt ja noch die Leute, für die der Regionalverkehr nicht gut genug ist und die lieber schnell und exklusiv mit dem ICE reisen.

Ich persönlich frage mich zwar immer, was man mit den ersparten zwei Stunden macht, vor allem weil ich im Bummelzug ebenfalls lesen kann und deshalb die Zeit keine verlorene ist. Aber vielleicht sind das so superproduktive Erfolgstypen, die in zwei Stunden mal schnell eine Dissertation in Ägyptologie schreiben. Oder ganz traurige Seelen, für die Zeit Geld ist.

Trotzdem: Für die ICE-Freunde unter Euch habe ich einen Wahnsinns-Spartipp! Eigentlich sogar zwei oder drei.

Ich hatte schon öfter darauf hingewiesen, dass man gegenüber den von der Deutschen Bahn berechneten Preisen ganz gewaltig sparen kann, wenn man die Fahrscheine bei einer günstigeren Bahngesellschaft im Ausland kauft. Das sind, ganz dem Klischee und den Erwartungen entsprechend, oft die osteuropäischen Eisenbahnen.

Lasst mich das an einem aktuellen Beispiel demonstrieren: Am kommenden Wochenende will ich von Budapest (Ungarn) nach Amberg (Deutschland) fahren.

Also gucke ich auf der Seite der Deutschen Bahn nach, weil ich da ein Kundenkonto habe und leicht und schnell buchen kann. Nur leider, die Preise, so angemessen sie für eine zügige Fahrt über 700 km objektiv sein mögen, übersteigen mein stets knappes Budget.

Also sehe ich, weil ich schon in Ungarn bin, für die gleichen Züge am gleichen Tag bei der ungarischen Bahngesellschaft MAV nach. Die haben sogar eine deutschsprachige Internet-Seite.

Und siehe da: Genau der gleiche Zug, am gleichen Tag, zur gleichen Uhrzeit, genauso schnell, genauso gemütlich, genauso sicher, kostet bis zu 80% weniger!

Da ist ja klar, bei wem ich gebucht habe. Ehrlich, bei 32 Euro für 700 km im blitzschnellen Railjet und ICE, da fahre nicht einmal ich per Anhalter. Vor allem bei dem kalten Novemberwetter und dem frühen Sonnenuntergang. Es gibt nämlich nichts Blöderes, als bei Sonnenuntergang an irgendeiner Kreuzung zu stehen und nicht mehr wegzukommen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Internet-Buchung bei MAV – oder aus früheren Erfahrungen bei der tschechischen, polnischen oder ukrainischen Staatsbahn – ist auch nicht komplizierter als bei der Deutschen Bahn. Ich bin aber lieber zum Schalter gegangen, weil es in Ungarn so schöne Bahnhöfe gibt. Und weil ich ein bisschen altmodisch bin.

Bei der Fahrt ins Ausland könnt Ihr natürlich auch das Ticket im Zielstaat buchen. Niemand kann Euch zwingen, dass Ihr, nur weil Ihr in Deutschland lebt, bei grenzüberschreitenden Verbindungen bei der Deutschen Bahn bucht. Das ist dieser famose europäische Binnenmarkt.

Nun fragt Ihr Euch: „Was bringt mir das, wenn ich nicht nach Osteuropa will?“

Und jetzt kommt mein Superspartipp: Ihr könnt dieses innereuropäische Preisgefälle auch nutzen, wenn Ihr nur innerhalb Deutschlands unterwegs seid.

Nehmen wir beispielsweise an, Ihr wollt an diesem Wochenende einmal quer durch Deutschland, von Passau nach Kiel.

Bei der Deutschen Bahn kostet das für die angefragten Uhrzeiten um die 150 Euro. Ziemlich happig.

Da fällt uns ein, dass durch Passau ja auch der Zug aus Wien nach München fährt.

Also schauen wir bei den österreichischen Nachbarn, wie viel diese Verbindung kostet, wenn sie schon in Wien startet. Wie gesagt, das sind immer genau die gleichen Züge. Aber die ÖBB ist nur unwesentlich günstiger als die Deutsche Bahn, so dass man sich kaum etwas spart. – Wobei es eigentlich frappierend ist, dass die gleiche Strecke plus einmal quer durch Österreich nicht mehr kostet als allein die Fahrt durch Deutschland, oder?

Aber wir wollen richtig sparen. Mindestens die Hälfte. Also sehen wir interessehalber bei der ungarischen Bahn nach.

Und siehe da – potzblitz- die Fahrt von Budapest durch halb Ungarn, durch ganz Österreich und durch ganz Deutschland bis nach Kiel kostet weniger als die (gleiche!) innerdeutsche Fahrt bei der Deutschen Bahn. Und zwar nur ein Drittel!

Diejenigen, die nicht mit besonderer Kreativität gesegnet sind, fragen jetzt: „Was bringt mir das, wenn ich nicht in Budapest bin?“

Aber das ist ja das Tolle: Ihr könnt das Ticket bei der ungarischen Eisenbahn kaufen, ausdrucken und damit in Passau in den Zug steigen. „Easy peasy, lemon squeezy“, wie erfahrene Interrailer sagen.

Weil ich ziemlich im Osten Bayerns wohne, kaufe ich meine Tickets für Deutschlanddurchquerungen z.B. oft bei der tschechischen Bahn und tue so, wie wenn ich meine Fahrt in Pilsen begonnen hätte, steige in Cham, Schwandorf oder Amberg ein und fahre zum ganz persönlichen Sparpreis nach Aachen oder Flensburg oder Peenemünde.

Wer eher im Westen wohnt und z.B. in den Osten muss, für den lohnt sich womöglich ein Blick auf die Seite der tschechischen oder der polnischen Bahn. Dann kauft Ihr eben keinen Fahrschein von Stuttgart nach Berlin, sondern von Stuttgart nach Danzig. Und in Berlin steigt Ihr einfach aus. – Das Schöne an der Eisenbahn gegenüber dem Flugverkehr ist ja gerade diese Flexibilität und Freiheit. Niemand hat Euer Gepäck in Geiselhaft, um Euch zu zwingen, sich an eine einmal getätigte Buchung zu halten.

Für Fahrten nach Wien lohnt sich eigentlich immer der Blick auf die ungarische bzw. die rumänische Staatsbahn. Einfach das Ticket für ein paar Stationen weiter kaufen, riesig sparen, und in Wien aussteigen.

Aber auch mit der Deutschen Bahn selbst kann man sparen! Und zwar wenn Ihr in Ländern unterwegs seid, die noch teurer sind als Deutschland, also vor allem Skandinavien. Ich musste z.B. mal von Schweden nach Dänemark. Die Eisenbahn in Schweden ist so etwas von sündhaft teuer, das ist praktisch ein Luxusobjekt. Also habe ich einen Fahrschein von Stockholm nach Flensburg gekauft. Die Route führt durch Kopenhagen, wo ich ausgestiegen bin. – Glaubt mir, da hält einen niemand fest oder so. Die Bahnen sind ja selbst froh, wenn ein Sitz früher frei wird.

Und wenn Euch das alles zu kompliziert ist, dann habe ich eine gute Nachricht: Wenn Ihr auf solche Spartipps nicht angewiesen seid, dann geht es Euch finanziell gut. 😉 Und dann könnt Ihr diesen nützlichen Blog gerne mit einer kleinen Spende bedenken. – Dafür gibt es regelmäßig Eisenbahngeschichten aus aller Welt, von Kanada bis Bolivien, von Schweden bis in die Ukraine und irgendwann hoffentlich von der längsten Zugreise der Welt.

Sogar mit Videos:

Noch günstiger wird es nämlich, wenn Ihr auf einen Güterzug klettert. Aber das ist ein anderes Thema, für einen anderen Artikel. Denn die Zielgruppe dürfte sich kaum mit den Reisenden überschneiden, die im ICE möglichst schnell durchs Land rasen müssen. Beim Train-Hopping weiß man ja vorher nicht, wohin der Zug fährt. Und so kann es passieren, dass man ans Mittelmeer will, aber in Murmansk landet. Und erfriert.

So oder so, ob Vollpreis oder Sparpreis, ob Personenzug oder Güterzug, ich wünsche allzeit gute Fahrt!

Links:

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Mit der Eisenbahn in den Sonnenuntergang

Fotografiert am Bahnhof von SzékesfehérvárUngarn.

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