Vor hundert Jahren hielt jemand zwar seine Neujahrsvorsätze ein, kümmerte sich aber einen Dreck um das Leben Anderer – Februar 1921: Winston Churchill

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Es ist Ende Februar. Wenn es Euch wie mir geht, haben sich die meisten Neujahrsvorsätze bereits in Luft aufgelöst, wurden vergessen oder auf März oder April verschoben. Die Klügeren unter Euch werden erst gar keine Vorsätze gefasst haben.

Aber wenn Ihr Euch wirklich schlecht fühlen wollt, bedenkt die Neujahrsvorsätze des jungen Winston Churchill, wie er sie in seiner Autobiographie Meine frühen Jahre erzählt:

Ich plante daher den Ablauf des Jahres 1899 wie folgt: Nach Indien zurückzukehren und das Poloturnier zu gewinnen; meine Papiere einzuschicken und die Armee zu verlassen; meine Mutter von der Zahlung meines Unterhalts zu befreien; mein neues Buch und die Briefe an den Pioneer zu schreiben; und nach einer Möglichkeit Ausschau zu halten, ins Parlament einzuziehen.

Diese Pläne wurden, wie wir sehen werden, im Wesentlichen ausgeführt.

Schließlich hat ein Jahr 365 Tage. Warum also sollte man sich auf regelmäßigen Sport, eine Diät oder das Erlernen einer neuen Sprache beschränken?

Wie wir alle wissen, ging Churchills Karriere tatsächlich steil nach oben, sowohl in der Literatur (er gewann einen Nobelpreis) als auch in der Politik (er gewann einen Weltkrieg). Offenbar war er so vielseitig begabt, dass er nicht nur Abgeordneter und schließlich Premierminister wurde, sondern auch als Handelsminister, Innenminister, Erster Lord der Admiralität, Munitionsminister, Luftfahrtminister, Verteidigungsminister, Schatzkanzler und Kolonialminister fungierte.

Auf das letztgenannte Amt wollen wir uns konzentrieren, weil Winston Churchill es im Februar 1921, also vor genau 100 Jahren, übernahm. Ich möchte mich auch deshalb darauf konzentrieren, weil es ein etwas anderes Licht auf den „Retter der freien Welt“ wirft. Wie immer in dieser Reihe dient das hundertjährige Jubiläum lediglich als Ausgangspunkt, und wir werden Churchills Sicht auf den Kolonialismus davor und danach erkunden.

Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi, das Ergebnis von Churchills oben genanntem Vorsatz, war, ziemlich schockierend für einen 24-Jährigen, bereits sein drittes Buch. Und es war, was noch schockierender ist, voll von rassistischen und anti-islamischen Passagen. Das war keine Jugendsünde, die er mit fortschreitendem Alter und zunehmender Verantwortung zu korrigieren gedachte. Ganz im Gegenteil.

Im Jahr 1937 zum Beispiel, als er die Welt bereits vor den Nazis warnte, sagte Churchill:

Ich gebe zum Beispiel nicht zu, dass den Indianern in Amerika oder den Schwarzen in Australien großes Unrecht angetan wurde. Ich gebe nicht zu, dass diesen Menschen dadurch Unrecht getan wurde, dass eine stärkere Rasse, eine höherwertige Rasse, eine weltklügere Rasse, um es so auszudrücken, gekommen ist und ihren Platz eingenommen hat.

Immer wieder offenbart sein Denken den Glauben an eine Hierarchie der Rassen, wobei weiße Protestanten den weißen Katholiken (d.h. den Iren), Juden den Muslimen und Angelsachsen allen anderen überlegen sind.

Apologeten werden sagen, dass dies halt nunmal das Denken der Zeit war. Aber das war es nicht. Viele Menschen dachten ganz anders. Sogar in Großbritannien, sogar zu jener Zeit und sogar innerhalb seiner eigenen Konservativen Partei galt Churchill als ein extremer Rassist.

Und noch 1954 sagte er über die Chinesen:

Ich hasse Menschen mit Schlitzaugen und Zöpfen. Ich mag nicht, wie sie aussehen oder wie sie riechen.

Sicherlich kein Ausrutscher bei jemandem, der für seine begnadete Redekunst bekannt war.

Unter all den Menschen, die beleidigt, gedemütigt und grausam behandelt wurden, möchte ich den Fokus auf Indien richten, das bis 1947 eine britische Kolonie war.

Churchill sagte seinem Staatssekretär für Indien ausdrücklich, dass er „die Inder hasse“ und sie für „ein bestialisches Volk mit einer bestialischen Religion“ halte. (Ich bin mir nicht sicher, ob er nicht wusste, dass es Inder mit verschiedenen Religionen gibt, oder ob es ihm egal war.) Besonders hasserfüllt war er gegen Mahatma Gandhi und schlug vor, dass dieser „an Händen und Füßen gefesselt vor den Toren Delhis liegen und dann von einem riesigen Elefanten zertrampelt werden sollte, auf dessen Rücken der neue [britische] Vizekönig sitzt.“

Als die von Churchill und US-Präsident Roosevelt 1941 proklamierte Atlantik-Charta das Selbstbestimmungsrecht der Völker als eines der Leitprinzipien für die Nachkriegswelt benannte, erklärte Churchill ausdrücklich, dass dies nicht für Indien gelten würde. Und das, obwohl die Inder zu den Kriegsanstrengungen der Alliierten mit über 2,5 Millionen Mann beitrugen, damals die größte Freiwilligentruppe der Welt.

Der Tiefpunkt in einem Leben voller Tiefpunkte war wohl die bengalische Hungersnot von 1943. Mehr als 3 Millionen Menschen verhungerten, während Churchill anordnete, Getreide von hungernden Indern an britische Soldaten umzuleiten und Reserven in Griechenland und Jugoslawien anzulegen.

„Das Verhungern von ohnehin unterernährten Bengalis ist weniger schlimm als das von stämmigen Griechen“, wandte Churchill seine Rassentheorie an. Und, so sagte er, die Inder seien selbst schuld, weil sie sich „wie die Kaninchen vermehrten“. (Churchill hatte selbst fünf Kinder.)

Nochmals, dies ist keine rückwirkende Anwendung moderner Moralvorstellungen. Die Menschen zu der Zeit erkannten die Unmenschlichkeit. Britische Beamte flehten Churchill an, aber ohne Erfolg. Kanada und die USA boten an, Hilfe zu schicken, aber Churchill lehnte das Angebot ab. Die indische Kolonie durfte ihre eigenen Geldmittel nicht ausgeben und keine eigenen Schiffe benutzen, um Lebensmittel zu importieren. Schiffe, die Weizen aus Australien brachten, durften nicht in indischen Häfen entladen und wurden stattdessen nach Europa weitergeleitet.

Wenn man bedenkt, dass die britische Herrschaft mit der Begründung gerechtfertigt wurde, dass sie „die Menschen davon abhält, sich gegenseitig umzubringen“, war das ziemlich zynisch. Und deswegen macht es mich stutzig, wenn Menschen, Schulbücher, Romane und Filme den Kolonialismus noch immer romantisieren, was im Übrigen kein auf das Vereinigte Königreich beschränktes Problem ist. Oder vielleicht macht es mich doch nicht stutzig, weil es einfach noch das gleiche alte europäische Gefühl der rassischen Überlegenheit ist. („Aber wir haben dort Straßen und Schulen gebaut.“) Deshalb begrüße ich jede Debatte, und wenn dafür ein paar Statuen umgestürzt oder mit Graffiti besprüht werden müssen, dann soll es so sein.


Selbstverständlich ist eine Hungersnot kein monokausales Ereignis. Aber wenn ich versucht hätte, tiefer in deren Verlauf und die Ursachen einzusteigen, wäre meine völlige Unkenntnis über Indien noch deutlicher zu Tage getreten.

In diesem Artikel habe ich mich auf Inglorious Empire: What the British did to India von Shashi Tharoor verlassen. Danke an Dieter, der mir das Buch geschickt hat! Weitere Bücher sind immer willkommen, ebenso wie ein Experte für mongolische Geschichte, für die Geschichte des Schachspiels und für österreichische Geschichte – vor allem solche, die bereit sind, für eine Folge dieser Serie einzuspringen.

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Frühling ist doof

Es ist noch zu kalt zum Schwimmen, aber schon zu warm, um übers Eis zu laufen.

eiskalt

Das Foto habe ich letzten Januar im Sofia-Park von Uman in der Ukraine gemacht, womit ich geschickt auf den damaligen Artikel hinweisen möchte.

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Ein kurzer Hinweis, in dessen Kürze, so hofft der Autor, ohne hierfür die Haftung oder gar eine Garantie übernehmen zu wollen, die sprichwörtlich versprochene Würze zu finden ist

Ich erlaube mir, daran zu erinnern, dass am 25. Februar und damit, soweit ich mich in dem ständigen Umherreisen zwischen Julianischem und Gregorianischem Kalender nicht hoffnungslos verheddert, verzettelt und verirrt habe, genau heute der Tag des Schachtelsatzes stattfindet und mit Freude im Herzen und in der Feder, die, soviel soll der sogenannten, sich aber zumindest selbst als solche begreifenden Moderne zugestanden sein, nur als ein Beispiel für jegliches in Frage kommende Schreibwerkzeug genannt sein will, begangen werden sollte, insbesondere in einem Jahr, in dem dieser Höhepunkt des syntaktischen Jahreszyklus sich nicht, wie sonst, der Konkurrenz durch andere angeblich des Zelebrierens würdige Nichtanlässe, die auf niederträchtige Art und Weise durch Alkohol und allerhand karnevaleske Verlockungen das Volk von diesem Höhepunkt, den nur die deutsche Sprache in solcher Eleganz hervorzubringen vermag, womit bewiesen ist, dass diese, egal was die Freunde des Französischen, die Anhänger des Angelsächsischen oder die Claqueure des Chinesischen sagen, den Gipfel der babylonischen Sprachentwicklung darstellt, abzulenken versuchen, erwehren muss.

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Mauthausen

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Meine Gastgeber in Linz sind äußerst herzliche Gastgeber. Am Morgen des Abschieds kochen, backen, pürieren, flambieren und präparieren sie, wie wenn ich kein bescheidenes Männlein, sondern eine Horde von hundert Hungrigen wäre.

Leider habe ich nicht viel Appetit. Denn heute geht die Reise nach Mauthausen.

Die überaus zuvorkommenden Gastgeber lassen es sich nicht nehmen, die 20 Kilometer zu fahren. Vielleicht trauen sie dem Trampen nicht, obwohl es mich sicher nach Linz gebracht hat. Trotz Coronavirus. Wir fahren vorbei an Hochöfen, Stahlwerken, rauchenden Schloten, funkensprühenden Feuern. Eisenbahnen rauschen von einem Teil des Werks zum anderen. Es wird gehämmert, geschmolzen, produziert und geschwitzt. So muss das Ruhrgebiet früher ausgesehen haben. Oder der Donbass.

Es sind die Hermann-Göring-Werke. Erbaut ab 1938, ein paar Monate nach dem Ende Österreichs als unabhängiger Staat. Erbaut, erweitert und betrieben auch mit Zwangsarbeitern, mit Kriegsgefangenen und mit Häftlingen der nahen Konzentrationslager Gusen und Mauthausen. Die Deutschen und Österreicher konnten damals nicht selbst arbeiten, weil sie mit dem Überfallen anderer Länder beschäftigt waren, um die dortige Bevölkerung zugunsten eines deutschen Wirtschaftswunders zu versklaven. Kapitalismus braucht Wachstum, notfalls mit Gewalt.

Aber man muss der Voestalpine AG, wie das Unternehmen mittlerweile firmiert, zugute halten, dass sie auf dem Werksgelände ein Museum zur Zeitgeschichte unterhält. Tausende andere Unternehmen halten mucksmäuschenstill, obwohl im Deutschen Reich fast jeder Zwangsarbeiter hatte, bis in den Mittelstand und sogar in die Landwirtschaft.

Aus dem Städtchen Mauthausen, und Städtchen ist schon fast zu viel gesagt, führt eine sich durch den Wald und durch Maisfelder schlängelnde Straße. Immer bergauf. Bis zu der Festung, die noch immer bedrohlich und düster wirkt.

Dicke Mauern. Stacheldraht. Wachtürme.

Keine Bäume, stattdessen freies Schussfeld.

Es ist Sommer 2020, weniger Besucher als sonst, wegen des Coronavirus. Die Dame an der Rezeption nimmt sich viel Zeit, alles zu erklären.

Mauthausen war eines der letzten Konzentrationslager, das befreit wurde, am 5. Mai 1945. Dass die ersten Konzentrationslager schon zehn Monate vorher befreit wurde, führte hier nicht zum Innehalten. Dass Hitler sich eine Woche vorher selbst entleibt hatte, führte nicht zum Innehalten. Dass die Wehrmacht schon Anfang Mai an allen Fronten kapitulierte, führte nicht zum Innehalten. Aber danach faselten die Mörder ihr weitgehend unverfolgtes Leben lang vom angeblichen Befehlsnotstand.

Weil in Mauthausen bis fast zum letzten Atemzug gemordet wurde, war das Lager Ziel etlicher Verlegungen und Todesmärsche aus anderen Konzentrationslagern. Die Zahl der Häftlinge schwoll ab 1944 dramatisch an, und in den letzten vier Monaten vor der Befreiung starben genauso viele Menschen wie in den vier Jahren zuvor. Insgesamt mindestens 90.000 Menschen.

Befreit wurde Mauthausen von der US-Armee. Wenn man das Banner sieht, mit dem die spanischen Häftlinge die Befreier begrüßten, dann wird klar, dass der Begriff „Antifa“ keinerlei negative Konnotation verdient. Ganz im Gegentum.

Aber dass Mauthausen zu einer Gedenkstätte wurde, ist der Sowjetunion zu verdanken, klärt mich die Dame von der Gedenkstätte auf. Wie Deutschland war Österreich in vier Besatzungszonen geteilt, und nördlich der Donau war die sowjetische Zone. Die sowjetische Besatzungsmacht retournierte das Gelände nur unter der Auflage, dass eine Gedenkstätte entstehen müsse.

„Wie denken denn eigentlich die Leute in Mauthausen darüber, dass ihr Ort immer mit dem Konzentrationslager assoziiert wird?“ will ich wissen.

Sie wendet sich an einen jungen Mann, der gerade ein Praktikum absolviert: „Du bist von hier, Du kannst wahrscheinlich mehr dazu sagen.“

„Gestern habe ich Flyer für unsere Filmretrospektive verteilt“, berichtet er. „Da gab es schon Interesse. Aber als ich in einer Eisdiele sagte, dass ich von der Gedenkstätte bin, hat sich die Verkäuferin umgedreht und nicht mehr mit mir gesprochen.“

Er erzählt das so, wie wenn es nicht zum ersten Mal passiert ist.

Und: „Wenn wir ins Ausland fahren, sagen wir lieber, wir sind aus Linz.“ Das kennt man aus Dachau, wo sich die Leute lieber als Münchner ausgeben.

Mit einem Übersichtsplan und weiteren hilfreichen Hinweisen ausgestattet, beginne ich die Erkundung des Geländes. Außerhalb der festungsartigen Mauern lag der Fußballplatz. Die SS spielte hier gegen örtliche Fußballvereine. Die Bevölkerung konnte zusehen, wahrscheinlich hat auch jemand Würstchen oder Limonade verkauft. Auch sonst gab es gemeinsame Feste und regelmäßigen Kontakt, bis zu Eheschließungen zwischen SS-Männern und örtlichen Frauen. Die Bevölkerungszahl von Mauthausen wuchs, die Vermieter freuten sich, die Gastwirte freuten sich.

Neben dem Sportplatz waren Baracken für die Häftlinge, die so krank waren, dass sie keine Fluchtgefahr mehr darstellten. Zum Sterben konnte man sie auch außerhalb der Mauern stapeln. Jetzt führt eine Frau ihren Hund auf diesem Feld aus und pflückt Blumen. Für den Mittagstisch.

Wo einst die Baracken der SS standen, ist jetzt ein Denkmalpark. Ein Spiegel der Nachkriegssituation, des Kalten Krieges und der seither eingetretenen Veränderungen. Die ersten Denkmale waren groß, heroisch, männlich. Vieler Opfergruppen wie Frauen, Homosexuellen oder Kindern wurde nicht gedacht.

Erst in den 1970er Jahren wurde ein Denkmal für die jüdischen Opfer errichtet. Roma und Sinti warteten bis 1989.

Und das Gedenken war national. Jeder Staat wollte sein eigenes Denkmal. Deutschland ist gleich zweimal vertreten, nicht als Täter und Opfer, sondern als Ost und West. Hier gedenken Staaten, die gar nicht mehr existieren, UdSSR, DDR, Jugoslawien. Und neue Staaten wie die Ukraine oder Slowenien.

Diese Nationalisierung des Gedenkens ist, was die Skeptiker des geplanten Polen-Denkmals in Berlin befürchten.

Besucher aus aller Welt bringen Plaketten an. Dank an die US-amerikanischen Befreier neben Erinnerung an die sowjetischen Opfer. Letztere bekamen, zumindest wenn sie Generalleutnant waren, den ausführlicheren Nachruf. („… Foltern und Hohn brachen nicht den Mut des feurigen Kämpfers für die Befreiung der Völker vom faschistischen Joch. …“)

Gedenktafeln für Kinder. Gedenktafeln für jüdische Fallschirmspringer*innen aus Palästina, die sich freiwillig meldeten, um hinter feindlichen Linien gegen die Nazis zu kämpfen. Gedenktafeln für Homosexuelle. Für Pfadfinder. Für Roma und Sinti. Für Zeugen Jehovas. Für türkische Opfer. Für chinesische Opfer. Für georgische Opfer. Für Louis Häfliger. Für Deserteure und Kriegsdienstverweigerer der Wehrmacht. Für Kommunisten und Sozialisten. Für aserbaidschanische Opfer. Für kosovarische Opfer. Für portugiesische Opfer. Für montenegrinische Opfer. Für kubanische Opfer. Und für Leopold Figl, der nach seiner Haft im KZ Mauthausen zum Bundeskanzler der Republik Österreich gewählt wurde.

Hundertneunzigtausend Häftlinge. Hundertneunzigtausend Geschichten.

Die Dame von der Gedenkstätte hatte mir erzählt, dass in pandemiefreien Jahren Angehörige aus aller Welt kommen. Die Historiker holen dann die jeweiligen Akten aus dem Archiv. Und alle Angehörigen bekommen eine persönliche Führung.

„Manchmal“, fährt sie fort, „übergibt uns jemand ein Bündel mit Papieren, das sie nach dem Tod des Vaters oder Großvaters gefunden haben. Alte Ausweise, Schriftstücke, ein Tagebuch oder handschriftliche Memoiren. Unsere Arbeit wird noch lange nicht vorbei sein.“

Wenn man ein ehemaliges Konzentrationslager besucht, erwartet man, dass einen die Gaskammer am meisten schockiert. Oder die Öfen, in denen die Leichen verbrannt wurden. Oder die Fotos von Leichenbergen. Aber hier hat die Gedenkstätte ein anderes Konzept: Im Keller, wo die Krematorien stehen, dürfen Angehörige Plaketten, Erinnerungen und Fotos der Opfer anbringen.

Die Räume sind voller Gesichter, voller Namen, voller Lebensgeschichten.

Hundertneunzigtausend Häftlinge. Hundertneunzigtausend Geschichten.

Eine Geschichte davon will ich erzählen. Die Geschichte von Francisco Boix.

Vielleicht habt Ihr Euch bei dem obigen Bild von der Befreiung schon gewundert, warum das Plakat auf Spanisch verfasst war. Nun, in Mauthausen saßen etwa 7.000 spanische (viele davon katalanische) Häftlinge.

Wie kam das? Spanien wurde doch nie von den Nazis erobert, oder?

Es war eine Folge des spanischen Bürgerkriegs. Nachdem Franco 1939 obsiegt hatte, flohen viele spanische Linke und Republikaner über die Pyrenäen nach Frankreich. Ein Teil von ihnen geriet in deutsche Gefangenschaft, als Deutschland Frankreich überfiel. Andere kämpften mit der französischen Fremdenlegion gegen Deutschland und kamen so in deutsche Gefangenschaft. Das Deutsche Reich wollte sie anfangs nicht ins Konzentrationslager stecken, sondern behandelte sie als Kriegsgefangene. Deutschland bot Franco sogar an, sie nach Spanien zu schicken, das sich schließlich nicht mit Deutschland im Krieg befand. Aber der spanische Diktator antwortete: „Nein danke. Diese Leute haben sich gegen mich verschworen, das sind keine Spanier mehr. Macht mit ihnen, was Ihr wollt.“

Das war ihr Todesurteil.

Francisco Boix war einer dieser Spanier, die zuerst gegen Franco und dann gegen Hitler kämpfte. Er wurde gefasst und kam 1941 nach Mauthausen. Außerdem war er Fotograf.

Das rettete ihm das Leben.

Er musste als Fotolaborant für den SS-Erkennungsdienst im Lager arbeiten. Durch seine Hände gingen Propagandafotos, Fotos aller neuen Gefangenen, Fotos von Todesfällen im Steinbruch, Fotos von Hinrichtungen, Fotos der grausamen Lebensumstände im Lager. Einfach alles.

Von etlichen dieser Fotos fertigte Boix heimlich einen weiteren Abzug an. Andere spanische Häftlinge, die in den Steinbrüchen außerhalb des Lagers arbeiten, schmuggelten die Fotos nach draußen. Auf dem Fußweg durch den Ort Mauthausen fiel ihnen immer wieder eine Frau auf, die menschlicher als die anderen Einwohner zu sein schien, die ihnen zunickte, sie grüßte. Dieser Frau steckten die Häftlinge die Fotos zu. Immer wieder. Jedes Mal unter Lebensgefahr für alle Beteiligten. Diese Frau, Anna Pointner, versteckte die Fotos bis 1945.

Es war fast unglaublich, aber Francisco Boix überlebte die vier Jahre im KZ. Ohne dass er oder seine Helfer je aufflogen. Seine Fotos und seine Zeugenaussagen beim ersten Nürnberger Prozess sowie im Mauthausen-Prozess belegten nicht nur die grausamen Haftbedingungen, sondern auch die persönliche Kenntnis darüber von Albert Speer, der während seines Besuches im KZ Mauthausen fotografiert wurde.

Boix und die anderen spanischen KZ-Häftlinge konnten übrigens nach der Befreiung nicht in ihre Heimat zurückkehren. Denn Spanien machte keine Anstalten, ihnen die einmal entzogene Staatsbürgerschaft wieder zu gewähren. Sie blieben staatenlos.

In der Ausstellung lerne ich so viel, das ich hier gar nicht wiedergeben kann, ohne den Rahmen zu sprengen.

Über Martin Roth, der im KZ Mauthausen für den Betrieb der Gaskammer und des Krematoriums verantwortlich war. Seit 1945 wurde er wegen Mordes gesucht. Aber anscheinend nicht richtig, denn bis 1968 konnte er in Deutschland und Österreich unbehelligt leben. Er wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt. Von 1977 bis zu seinem Tod im Jahr 2003 fuhr er jedes Jahr in den Sommerurlaub nach Mauthausen. Er saß dort gerne in einem Wirtshaus mit Blick auf das ehemalige Konzentrationslager.

Über die SS, die ganz im Sinne der Marktwirtschaft eine eigene GmbH zur Ausbeutung der Steinbrüche in Mauthausen gründete. Mit Prospekten, die den Granit aus Mauthausen, Groß-Rosen und Flossenbürg anpriesen. Gartenverunstalter greifen bei letzterem Steinbruch auch heute noch gerne zu.

Über das Lagerbordell, in das Frauen aus dem KZ Ravensbrück gebracht wurden. Der Besuch des Bordells wurde nur wenigen privilegierten Häftlingen gestattet. Juden waren ausgeschlossen. Die den Frauen versprochene Entlassung erfolgte natürlich nie.

Über die Anstrengungen der SS, in den letzten Monaten alle Beweise zu vernichten. Die meisten Dokumente wurden verbrannt. Die Tötungsanlagen wurden demontiert. Gut, dass Francisco Boix die Fotos versteckt hatte. Und gut, dass Jack Taylor, ein US-amerikanischer Geheimagent, seine Haft im KZ Mauthausen überlebte und bei den akribischen Ermittlungen der US-Armee helfen konnte.

Wie so oft bei der Konfrontation mit dem Nationalsozialismus erschrecken vor allem die Bürokratie, die Regelungswut, die Ordentlichkeit der Buchführung, die deutschen Tugenden eben.

Ich muss Luft schnappen, gehe raus, wandere durch das Gras, das jetzt so grün ist, wie es zu Zeiten des Konzentrationslagers nie war. Aber überall, wo ich hintrete, liegen Tote.

Erst am Zaun, einst elektrisch geladen und ebenfalls ein Ort des Todes, endet mein gedankenverlorener Spaziergang.

Nur einmal gelang es Häftlingen, diesen Zaun zu durchbrechen. Im Februar 1945 griffen sowjetische Kriegsgefangene die Wachtürme an und schlossen den elektrischen Zaun mit feuchten Decken kurz. 419 von ihnen konnten das Lager verlassen.

Allerdings nur kurz. Viele brachen vor Erschöpfung zusammen oder starben im Kugelhagel der Maschinengewehre. Auf den Rest veranstaltete die SS eine regelrechte Hetzjagd. Drei Wochen lang wurden alle umliegenden Wälder und Dörfer durchkämmt, um jeden entkommenen Sowjetsoldaten aufzufinden und zu töten. Unter dem zynischen Namen „Mühlviertler Hasenjagd“ beteiligten sich die Polizei, die Feuerwehr, die Wehrmacht, die Hitlerjugend, der Volkssturm sowie die Zivilbevölkerung an der Menschenjagd. Massenmord als Volksfest. Das waren die, die nach 1945 behaupteten, „von nichts gewusst“ zu haben.

Lediglich elf der geflohenen sowjetischen Soldaten überlebten, weil sie von Bauern oder Zwangsarbeitern versteckt wurden. Das waren die, denen die Mehrheit nach 1945 gram war, weil sie gezeigt hatten, dass Widerstand möglich war.

Ich gehe zu Fuß runter zur Donau, durch die Ortschaft. Vier Kilometer sind es zum Bahnhof, die die Häftlinge von dort auf den Hügel mit dem Konzentrationslager laufen mussten. Vorbei an hübschen Villen, spießigen Häuschen, gepflegten Gärten.

Ich rechne. Wer damals 20 Jahre alt war, wäre jetzt 95. Davon wird es nicht mehr viele geben. Die 60- oder 70-Jährigen, die jetzt im Garten sitzen, sind die, die nie gefragt haben. Aus Angst davor, was ans Licht kommt. Auch über die eigenen Eltern.

Es dauert wohl zwei oder drei Generationen, bis sich das historische Interesse den Weg bahnt. Und manchmal noch länger. Auf der Internetseite der Gemeinde Mauthausen ist die KZ-Gedenkstätte nicht unter den örtlichen Sehenswürdigkeiten aufgeführt. Ebensowenig das Denkmal für Anna Pointner. Aber es gibt einen stolzen Hinweis auf das Kriegerdenkmal für die Nazi-Soldaten, die die Opfer für Mauthausen in aller Welt zusammengetrieben haben.

Praktische Tipps:

  • Sowohl vom Bahnhof in Mauthausen als auch vom Bahnhof in Linz fährt ein Bus bis zur Gedenkstätte.
  • Im Winter ist die Gedenkstätte montags geschlossen, ansonsten ist sie jeden Tag geöffnet. Ich empfehle, für den Besuch mindestens 3-4 Stunden einzuplanen.
  • Der Eintritt ist kostenlos. Die App, die einen über das Gelände führt und Hintergrundinformationen bietet, ist ebenfalls kostenlos. Wer, wie ich, kein Smartphone hat, kann sich für 3 € einen Audioguide mieten.

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Eine Postkarte aus Las Vegas

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Wenn Leute behaupten, das Jura-Studium sei trocken, muss ich immer lachen.

Nach dem fünften Semester stand mein zweites Praktikum an, das ich bei der Staatsanwaltschaft absolvierte. In Las Vegas. Schon am ersten Tag fuhren wir in ein Indianerreservat. Danach ein paar Mordprozesse. Eine Führung durchs Gefängnis. Den Jackson-Clan vor Gericht gesehen. Die Einladung, an einer Hinrichtung teilzunehmen, quittierte ich mit „hell, no!“ Aber als mein Ausbilder vorschlug, ich könne mit der Polizei auf Streife fahren, sagte ich „hell, yes!“

Ich wählte die Nachtschicht, vorgeblich um keinen Tag vor Gericht zu verpassen. In Wirklichkeit, weil ich hoffte, dass da mehr passiert.

Um 17:30 Uhr fand ich mich bei einem Revier im Nordwesten der kriminellsten Stadt der USA ein. Die Polizisten saßen in einem Raum, der wie ein Klassenzimmer aussah. Die Tische und Stühle waren viel zu klein für die allesamt ziemlich großen und kräftigen Männer. Sie alberten herum, bis der Lieutenant herein kam und auf einem Stadtplan an der Tafel markierte, wo gerade eine Bank ausgeraubt wurde, wo ein Mann abgestochen wurde, wo eine Frau sexuell belästigt wurde und wo man eine Drogenhöhle auszuheben gedenke.

Dann stellte er mich und meine Geheimmission vor. Mike, sehr groß, sehr kräftig, mit schwarzem Schnurrbart, ein Polizist wie aus dem Bilderbuch, sagte: „Er kann bei mir mitfahren.“ In Las Vegas fahren die Polizisten gewöhnlich allein Streife, weil so gleichzeitig mehr Streifenwagen auf der Straße sind. „Die Bürger wollen etwas sehen für ihre Steuern“, hatte mir der Staatsanwalt erklärt.

Wir gingen alle in den Umkleideraum, wo ich zwar keine Uniform, aber eine kugelsichere Weste erhielt. Ich zog sie unter dem Pullover an und fühlte mich schon viel größer und kräftiger.

Auf dem Parkplatz hinter dem Revier wurden die Autos für die Nachtschicht überprüft. Reifendruck. Lichter. Sirene. Und Funkgerät. Alles klar, denn aus dem Funkgerät quiekte es schon. „Zwei Jugendliche in gestohlenem Wagen nördlich auf 95er.“

Ich dachte, es wäre ein Test, aber Mike rief mir zu: „Steig ein und schnall dich an!“

Vor uns brausten zwei Polizeiwagen davon, wir waren der dritte. Mit Sirene. Mit Blaulicht. Mit quietschenden Reifen. Mit über 100 km/h. Mitten in der Stadt. Im dichten Feierabendverkehr. In den USA lassen die Fahrer keine Gasse für Fahrzeuge mit Blaulicht, sondern man muss sich irgendwie durchschlängeln.

Mike bediente mit der linken Hand das Lenkrad, die Lichter, die Sirene und die Hupe. Mit der rechten Hand bediente er das Funkgerät und einen Computer, der vor mir auf der Beifahrerseite angebracht war. Dort gab es Informationen zu dem gestohlenen Fahrzeug. „Scheiße, all dieser Aufwand für einen Corolla!“

Mike konnte zwölf Dinge gleichzeitig bedienen, nur nicht die Bremse. Wir fuhren auf eine große Kreuzung zu, die Ampel zeigte rot. Weder die beiden Polizeiautos vor uns, noch wir wurden langsamer. Mike erkärte, dass die Polizeiautos mit einem Gerät ausgestattet waren, das die Ampelschaltung manipulieren und auf grün stellen konnte. Im letzten Moment wurde es tatsächlich grün. Zu spät für einen von rechts kommenden Zivilisten, der das zweite Polizeiauto rammte, das deshalb in einen Laternenpfahl fuhr, der umkippte und eine Reihe weiterer Autos erschlug.

Mike düste weiter mit 100 km/h, blickte nur kurz in den Rückspiegel und beruhigte mich, dass dem Kollegen nichts passiert sei. Sicherheitshalber gab er den Unfall über Funk durch. „Falls mir übrigens etwas passiert“, sagte er, „geh auf Frequenz 33 und gib durch ‚officer down, officer down‘. Und dann mach dich aus dem Staub.“ Zwischen den beiden Sitzen war eine Repetierflinte angebracht, aber die sollte ich anscheinend nicht benutzen.

Amerikanische Polizeiautos haben vorne einen Rammbock aus Metall. Der kam zum Einsatz, als wir zu dem geklauten Toyota aufschlossen. Die beiden verbliebenen Polizeiautos rammten abwechselnd den Corolla, dessen Eigentümer darüber sicherlich hocherfreut war. Ringsherum war noch immer Feierabendverkehr. (Das war 1997, da hatten die Leute noch keine Mobiltelefone zum Filmen. Mittlerweile filmen die Polizisten selbst.)

Die Polizisten versuchten, das gestohlene Fahrzeug von der Straße zu drängen, aber die Diebe fuhren stattdessen auf den Parkplatz eines Supermarktes. Unsere Autos kamen mit quietschenden Reifen zum Stehen, die beiden Polizisten sprangen mit gezogenen Waffen raus, rannten unter lautem Schreien auf das den Einsatz verursacht habende Auto zu, rissen die Türen auf und zogen zwei zitternde junge Männer raus. Ich weiß nicht, ob sie von selbst umfielen oder auf den Boden gestoßen wurden, aber sofort hatten sie Handschellen an.

Ringsherum schoben Leute Cornflakes, Cola-Flaschen und Grillfleisch in Einkaufswagen, die größer waren als der Corolla.

Die Sonne ging gerade unter. Ich genoss die letzten Strahlen warmen Lichts, grinste von einem Ohr zum anderen und dachte, weder zum ersten, noch zum letzten Mal an jenem Abend: „Das ist wie in einem Film!“

Natürlich ging die Nacht noch weiter, mit Helikoptereinsatz, einer Jagd in der Wüste, einem Selbstmörder auf dem Vulkan und vielen Donuts, aber für diese Reihe habe ich versprochen, mich kurz zu halten. Das habt Ihr jetzt von Euren Klagen über meine angeblich ausufernden Artikel.

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Eine Postkarte aus Paris

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Tja, so stand ich also am Flughafen in New York und hatte den Flug nach Frankfurt verpasst. (Siehe letzte Folge.)

Es war Freitagnachmittag, und spätestens am Sonntag sollte ich zuhause sein, um die kommende Arbeitswoche vorzubereiten. Damals werkelte ich noch als Rechtsanwalt, was meine Spontanität bei Fernreisen doch erheblich einschränkte. (Ein Jahr und einen weiteren verpassten Rückflug später würde ich deshalb diese Selbstausbeutung beenden, aber das ist eine andere Geschichte.)

Die Mitarbeiterin von United Airlines, die meine Pläne vereitelt hatte, offerierte sogleich einen Ausweg: „Der nächste Flug nach Frankfurt geht erst morgen. Würde Ihnen ein anderer Flug nach Europa helfen, wenn wir für heute noch einen freien Platz finden?“

„Ja klar!“, antwortete ich erfreut. Einmal in Europa, käme ich von jedem Ort mit der insoweit viel flexibleren, weil normalerweise jede Stunde abfahrenden Eisenbahn nach Hause bzw. ins Büro.

Sie tippte ein bisschen in ihren Computer (die gab es damals schon) und verlas das Ergebnis der Recherche.

„Also, wir haben heute Abend noch freie Plätze nach Barcelona, London und Paris.“

Barcelona kannte ich schon.

London kannte ich richtig gut.

In Paris war ich noch nie gewesen.

„Dann fliege ich nach Paris“, entschied ich, meine Freude über diese unerwartete Wendung kaum verhüllen könnend.

Ich musste eine Umbuchungsgebühr von 100 $ begleichen, und am nächsten Morgen war ich in Paris. Ohne Reiseführer, ohne Stadtplan, ohne Hotel, ohne viel Französisch. (Ein Versuch, selbiges aufzufrischen, war einst kläglich gescheitert.)

Wenn ich schon mal in Paris bin, dann bleibe ich auch einen Tag, dachte ich mir. Also fuhr ich vom Flughafen nach irgendwo, das auf dem Metroplan nach Zentrum aussah, stieg aus, blickte mich um, und befand es für gut. Ich ging in das erste Hotel, fragte ob sie ein Zimmer für eine Nacht frei hätten. „Oui, monsieur.“ Einen Stadtplan hatten sie auch.

So reiste man früher, ohne Internet oder GPS. Es war irgendwie lustiger.

Ich ging ziellos spazieren, bis ich auf einen Fluss stieß. Es war die Seine. Das war ein gutes Zeichen. Ich spazierte am rechten Ufer, bis eine Brücke kam. Dann ging ich über die Brücke und weiter am linken Ufer. Bis zur nächsten Brücke. Und so weiter.

Es gab viele Brücken. Und von jeder war die Aussicht toll.

Die Touristen waren damals noch nicht so nervig wie heute. Man fotografierte weniger, weil es noch kein Instagraph und so gab. Man genoss einfach. Ich tat das gleiche.

In den Gärten von Trocadéro konnte ich anhand des Stadtplans endlich wieder bestimmen, wo ich war. Gegenüber lag nämlich der Eiffelturm.

Ich spazierte noch ein bisschen zum Triumphbogen, eigentlich auf der Suche nach einem Baguette, und dann zurück zum Eiffelturm. Die Schlange für den Aufstieg auf das wackelige Stahlgerüst war lang, also verzichtete ich auf die Höhenangst. Stattdessen legte ich mich auf dem Marsfeld in die warme Sommerwiese, genoss ein Baguette und ein Buch.

Aus dem Französischunterricht, der immer auch ein Frankreichunterricht gewesen war, kamen die Erinnerungen an Sehenswürdigkeiten, die ich noch aufsuchen könnte: Montmartre, Louvre, Notre-Dame, DGSE, Invalidendom, Centre Pompidou.

Aber ich behandle Orte mit Respekt, ebenso wie Personen. Und der Respekt verlangt, dass man die gebührende Zeit für einen Besuch mitbringt. Die hatte ich nicht. Paris ist so eine Stadt, wo man zwei, drei Wochen braucht. Für einen ersten Überblick. Also fing ich gar nicht erst an, an der Oberfläche zu kratzen, sondern blieb den ganzen Tag auf dem Marsfeld liegen, blickte in die Sonne, auf den Turm und in die Luft.

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Amtliche Gastfreundschaft

Um während des unfreiwilligen Zuhausesitzens vom unbeschwerten Wandern zu träumen, lese ich mal wieder „Die Zeit der Gaben“, den ersten Teil einer Trilogie, die ich jenen ans Herz lege, die ohne TripAdvisor und einfach so darauf los reisen wollen. 1933 hatte der damals 18-jährige Patrick Leigh Fermor genug von der Schule und beschloss, zu Fuß von Holland bis nach Istanbul zu gehen. Ein gutes Beispiel dafür, dass man sich wegen ein oder zwei Jahren ausgefallenen Schulunterrichts keine allzu großen Sorgen machen muss. Schickt Eure Kinder einfach zum Pilgern!

Nach der Ankunft in Hohenaschau in Bayern beschreibt er Folgendes:

Ich hatte mich an einen Ratschlag gehalten, den der Bürgermeister von Bruchsal mir gegeben hatte, und mich gleich nach meiner Ankunft in dem kleinen Dorf bei seinem Amtskollegen gemeldet. Ich fand ihn im Gemeindeamt, und er füllte ein Formular für mich aus. Dies gab ich im Gasthaus ab und erhielt dafür ein Abendessen und einen Krug Bier, ein Bett für die Nacht sowie Brot und eine Schale Kaffee am folgenden Morgen, alles auf Kosten der Gemeinde.

Heute kommt mir das unglaublich vor, aber es ist die Wahrheit, und ich wurde nie wie ein Bettler behandelt; wo immer ich dieses Recht in Anspruch nahm, hieß man mich freundlich willkommen. Wie oft mag ich von diesem wunderbaren und offenbar uralten Brauch meinen Nutzen gehabt haben? In ganz Deutschland und Österreich war es so Sitte, wohl ein Überbleibsel alter Freundlichkeit gegenüber wandernden Mönchen und Scholaren, in deren Genuss nun alle armen Reisenden kamen.

Das ist aber praktisch! Und nett.

Weiß jemand von Euch Wanderfreunden, ob das noch immer so gehandhabt wird? Um den alten Brauch nicht einschlafen zu lassen, sollten wir es ausprobieren – und notfalls reaktivieren.

Gleichzeitig wäre es eine Möglichkeit zur Belebung des Gastgewerbes, das in nicht wenigen Orten dringend einer Belebung bedarf. (Siehe Kapitel 68 und 69 in diesem Wanderbericht.)

PS: Ich habe schon mal ein bisschen recherchiert (alte Juristenkrankheit), und bisher bin ich nur im Obdachlosenrecht fündig geworden. In Bayern ordnen die Empfehlungen für das Obdachlosenwesen in Ziffer 5.2.1 tatsächlich an, dass die Gemeinde obdachlose Wanderer auch in Gasthöfen oder Pensionen unterbringen kann. Da nach Ziffer 5.3 der Obdachlose dann aber zur Kostentragung herangezogen wird, hat das wohl nicht viel mit der von Patrick Leigh Fermor erlebten Gastfreundschaft zu tun.

In § 4 der Durchführungsverordnung zu § 72 Bundessozialhilfegesetz (mittlerweile außer Kraft getreten) habe ich übrigens eine poetische Beschreibung dessen gefunden, was ich manchmal mache. Der gute alte Landstreicher ist dort eine „Person, die ohne gesicherte wirtschaftliche Lebensgrundlage umherzieht“. Aber Sicherheit wird eh überbewertet.

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Eine Postkarte aus New York

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Im August 2008 besuchte ich Freunde in New York. Es war ein sehr heißer Sommer. Ich kann mich genau daran erinnern, denn wegen der Hitze konnte ich nicht vor Mitternacht zum Laufen gehen. Meine Freunde wohnten in Harlem, und mit Ausnahme von mir hielten es alle für eine dumme Idee, mitten in der Nacht herum zu joggen, die ganze Strecke runter zum Central Park, einmal um den Park, und auf dem Malcolm X Boulevard zurück nach Norden. Ich weiß nicht, weshalb die Leute besorgt waren, denn nachts ist viel weniger Verkehr als tagsüber.

Am letzten Tag vereinbarte ich mit einer anderen Freundin, dass wir uns treffen würden. Beim Metropolitan Museum of Art.

Ich war früh dran, weil ich aufgeregt war, sie wieder zu sehen.

Sie war spät dran, und ich weiß nicht, ob das etwas bedeutete.

Schlau wie immer, und darauf bedacht, schlau zu wirken, hatte ich ein Buch mitgenommen. “Twelve Angry Men” von Reginald Rose, die Vorlage für den Film „Die zwölf Geschworenen“. Ich weiß nicht, wie lange ich auf den Stufen vor dem Museum saß und wartete, aber das Buch war ausgelesen, bevor sie auftauchte. Ich hätte selbst angry wie zwölf Männer sein sollen, aber sobald ich sie sah, war aller Ärger verflogen, wie wenn ein reinigender Herbststurm die 5th Avenue hinabgefegt wäre.

Wir genossen das Museum.

Die Benin-Masken, von denen man damals noch nicht als Raubkunst dachte. Gemälde. Kalligraphie. Waffen und Rüstungen. Ein Nilpferd. Der Innenhof aus der Burg von Vélez-Blanco, ohne zu wissen, dass mich zehn Jahre später meine Wege in genau jene Burg in Andalusien führen und Kontinente, Geschichten und Erinnerungen verknüpfen würden.

Wir genossen das Museum – und unsere Gesellschaft – so sehr, dass ich keinerlei Eile verspürte, zum Flughafen zu kommen. Mein Flug nach Deutschlang ging am Nachmittag.

Irgendwann, Stunden später, schaffte ich es dann doch, mich von dem reizenden Fräulein loszureissen, in die falsche U-Bahn zu steigen, noch eine halbe Stunde zu verlieren, und 45 Minuten vor dem Abflug am John-F.-Kennedy-Flughafen anzukommen.

Das sollte reichen, dachte ich mir, aus der Erfahrung mit kleinen Flughäfen wie Memmingen oder Malta.

“Das reicht auf keinen Fall“, sagte die Frau am Check-In-Schalter, die für einen Moment den typisch amerikanischen Optimismus vergaß.

“Ich kann ziemlich schnell laufen“, sagte ich, dankbar für die nächtlichen Trainingsrunden.

“Selbst wenn – das Gepäck ist das Problem. Wir bekommen das in dieser Zeit niemals zum Gate“, erklärte sie das komplizierte Innenleben eines Flughafens.

Und so verpasste ich meinen Flug nach Europa.

Wenn das kein Wink des Schicksals war! Ich schrieb der Freundin eine SMS, um ihr mitzuteilen, dass wir noch mehr Zeit miteinander verbringen könnten. Sie hat nie geantwortet.

(Fortsetzung folgt nächste Woche.)

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Video: Ich lüfte das Geheimnis der Osterinsel

To the English version.


Die Osterinsel ist umwoben von Geheimnissen. Woher kamen die ersten Bewohner? Wie konnten sie den Pazifik überqueren? Wie kamen sie überhaupt auf die Idee? Was steckt hinter den Steinstatuen auf der Insel? Wie konnten diese enormen Brocken (bis zu 15 m hoch) ohne moderne Technik befördert und errichtet werden? Warum wurden all die Moai schließlich umgeworfen?

Nein, letzteres waren ausnahmsweise mal nicht die europäischen „Entdecker“. Alle Steinkolosse auf der Insel wurden von den Bewohnern selbst umgeworfen.

Jeder kennt Fotos der Osterinsel wie dieses.

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Aber in Wirklichkeit wurden nur wenige der Statuen wieder aufgerichtet, und zwar erst in jüngerer Zeit. Beim Wandern auf der Osterinsel stößt man viel öfter auf Orte des Vandalismus wie diesen.

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Dennoch bleibt die Frage, wie diese enormen Steinbrocken bewegt und aufgerichtet werden konnten. Nach meiner Forschungsreise kann ich dieses Geheimnis lüften. Es liegt am Material. Der Stein ist aus relativ leichtem, mit Luftblasen durchsetztem Stein, wahrscheinlich Tuff. Das macht den Transport der Statuen nicht gerade zum Kinderspiel, aber das Gewicht ist wesentlich leichter als bei einer ähnlich großen Statue aus Basalt. Die Moai darf man nicht anfassen und bewegen, so dass ich Euch das nur anhand eines kleinen Brockens demonstrieren kann.

Links:

  • Mehr Geschichten von der Osterinsel. Der umfassende Bericht von meiner Woche dort steht allerdings noch aus. Es ist nämlich wirklich eine Riesenarbeit, all die verschiedenen Theorien unter die Lupe zu nehmen.
  • Weitere wissenschaftliche Videos.
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Eine Postkarte vom Berg der Seligpreisungen

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Drei Tage war ich gewandert, von Nazaret über Sepphoris, Kana, den Kibbuz Lavi, die Hörner von Hattin und den Berg Arbel bis nach Tiberias. Dort hatte ich umgesattelt auf ein Fahrrad, um so den See Genezareth zu umrunden.

Die Sonne brennt unerbittlich, obwohl es erst März ist. Ich bin noch vollkommen erschöpft von dem Halbmarathon, den ich vor der Wanderung in Jerusalem gelaufen war. Und es gibt fast nirgendwo Wasser. Außer im See natürlich. Aber ich meine Wasser, in das nicht schon irgendein Prophet seine Füße reingehalten hat.

Da erblicke ich eine Kirche auf einem Hügel. Die schöne Aussicht ist schon von unten zu erahnen, die Plackerei nicht. Ich muss absteigen und schieben. Der Hügel entpuppt sich als Berg. Ist ja auch logisch, denn hier hielt Jesus die Bergpredigt. Der wichtigste Ort des Christentums ist nicht in Rom, nicht in Bethlehem, nicht in Jerusalem. Nein, auf diesem Berg wurde eines Freitagabends das Christentum begründet. Mit dieser Rede wurde Jesus vom jüdischen Rebell zum Begründer einer neuen Religion. (Viele christliche Leser werden jetzt erschrecken: “Wie, Jesus war Jude?”)

Auch meine Hoffnungen ruhen auf Jesus. Insbesondere auf Sure 7 Satz 37 aus dem Johannes-Evangelium:

Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!

Und tatsächlich, in dem Garten vor der enormen Kirche, deren Innenraum wie der Wartesaal eines während des italienischen Faschismus erbauten Bahnhofs wirkt, sprudelt ein Brunnen, wie vom Meister versprochen. Palmen wachsen um das Wasserloch. Das Geräusch des Wassers wirkt wie eine Oase in der Wüste.

Vor dem Teich steht der oben zitierte Bibelspruch. Und daneben ein profanes Schild: “water not for drink” – kein Trinkwasser. 

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Links:

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