Als Übersetzer zum Millionär

Tivat ist anders als der Rest von Montenegro: glitzernder, glänzender, teurer, angeberischer. Lauter Eigenschaften, an denen mir nichts liegt. Ich fahre eigentlich nur regelmäßig nach Tivat, um das Marinemuseum zu besuchen, das leider jedes Mal geschlossen ist.

Das letzte Mal, als ich vor der Busfahrt zurück nach Kotor ein paar Stunden totschlagen musste (an schönen Tagen bietet sich für diese Strecke übrigens die Wanderung über den Vrmac an), schlenderte ich den Hafen entlang und betrachtete die Schiffe. In Tivat gibt es keine richtigen Schiffe mit Kränen und Containern und Matrosen und Geschütztürmen. Es sind eigentlich nur Spielzeugboote. Teure Spielzeuge zwar, aber sie könnten es nicht einmal mit der Marine von Österreich oder Bolivien aufnehmen.

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“Wer kauft sich so ein Spielzeug?” fragte ich mich, und die Antwort ist die gleiche wie bei anderem Spielzeug wie teuren Autos, Häusern, Telefonen und einer zweiten Handtasche: Leute, die zu viel Geld und einen langweiligen Job haben. Drogenhändler, Geldwäscher, Anwälte wahrscheinlich. Dann fiel mir ein, dass ich auch mal Anwalt gewesen war und dass es vielleicht ganz interessant wäre, sich mit den Bootsbesitzern zu unterhalten.

Also spazierte ich in eine der Hafenbars (wiederum nicht zu vergleichen mit denen in echten Häfen wie Monrovia oder Dar-es-Salaam) und blickte mich nach Leuten um, die wie Eigentümer von Jachten aussahen: Männer, ihre Schuhe und Kleidung zu weiß, wie wenn sie ihre kulturelle Weißheit noch betonen müssten, Pullover in Burgunderrot oder Marineblau über die Schultern geworfen, scheinbar gefesselt von den kleinen Bildschirmen in ihren Händen, aber in Wirklichkeit total gelangweilt, denn sobald ich durch die Tür trat, drehten sie sich alle gleichzeitig um, in der Hoffnung, eine attraktive Frau zu erspähen. Es entging mir nicht, dass mein Aussehen enttäuschte, aber ich war zu schnell. Die Millisekunde des Blickkontakts nützend, grüßte ich sie vergnügt: „Guten Tag, die Herren!“

Zwei von ihnen blickten sofort wieder auf ihre Telefone, aber die anderen beiden waren höflich (vielleicht waren sie noch nicht so lange Millionäre) und erwiderten mit „hallo“ und sogar einem Lächeln. Ich hatte mir keine ausgeklügeltere Herangehensweise ausgedacht und fiel deshalb mit der Tür ins Haus: „Gehören Euch die Boote da draußen?“, obwohl mir klar war, dass vier Jungs kaum die etwa 60 Schiffe im Hafen ihr Eigen nennen würden.

“Ja, die gehören uns”, antworteten sie, nicht ohne Stolz. Menschen sind zum Glück recht einfach gestrickt. Wenn sie etwas besitzen, sprechen sie gerne über ihren Besitz. Ich musste also nur ein paar Fragen stellen, “welches gehört Dir?”, “wohin fährst Du damit?”, “wie lange hast Du das schon?”, “wieviele Leute können da drauf übernachten?”, und sie sprühten allesamt so vor Begeisterung, dass sie mir alles in exakten Knoten, Fäden und Meilen erzählten.

Weil ich neugierig war, wie sie sich ihre Boote leisten konnten, fragte ich: “Was arbeitet Ihr denn, so dass Ihr ständig um die Welt segeln könnt?”, obwol sich später herausstellen sollte, dass sie überwiegend nach Bar oder Herceg Novi segelten, wohin man auch mit dem Bus kommt.

“Wir sind Übersetzer”, antwortete Marko, was mich überraschte, denn auch ich bin Übersetzer, und ich kann mir nicht einmal ein Fahrrad leisten, geschweige denn eine Jacht. Ich erklärte mein Erstaunen, und Mirko, Markos Kollege, fragte mich, welche Sprachen ich übersetze.

“Nur Englisch und Deutsch”, musste ich beschämt zugeben.

Sie sahen mich so mitleidsvoll an, wie wenn sie die Berliner Philharmoniker von 1966 wären und ich ein kleines Mädchen mit einer Flöte, das an die Tür klopft und sagt “Ich möchte auch Musik machen.”

“Und welche Sprachen übersetzt Ihr?” fragte ich, innerlich vorbereitet darauf, dass jeder eine beeindruckende Liste von fünf Sprachen abspulen würde, von Isländisch bis Kasachisch. Aber wie in einem Theaterstück, das sie schon viele Male zuvor aufgeführt hatten, nannte jeder von ihnen nur eine Sprache, abgefeuert wie vier perfekt aufeinanderfolgende Schüsse.

“Kroatisch.”

“Serbisch.”

“Bosnisch.”

“Montenegrinisch.”

“Und natürlich Englisch“, fügte ich hinzu, denn das war die Sprache, in der wir uns unterhielten.

“Oh, wir sprechen auch Deutsch, Französisch und Italienisch”, ergänzte Duško nüchtern, “aber für unsere Arbeit als Übersetzer ist das nicht von Bedeutung. Wir übersetzen nur zwischen Kroatisch, Serbisch, Bosnisch und Montenegrinisch.”

“Aber”, warf ich ein, denn ich hatte mich und meine Leser vor dem Umzug nach Montenegro vorbereitet, “das ist doch alles Serbokroatisch. Jeder, der eine dieser Sprachen spricht, versteht alle anderen. Warum …”

“Halt, halt, halt!” Es war Ivo, der Kroate, der mich unterbrach. “Jede dieser Sprachen ist eine eigenständige Sprache. Jede Nation hat ihr Staatsgebiet, ihr Staatsvolk, eine eigene Geschichte und eine eigene Kultur und Sprache. Bis vor nicht allzu langer Zeit“, fügte er dramatisch hinzu, „starben Menschen im Kampf für das Recht, ihre eigene Sprache zu sprechen.” Sogar zwei seiner Freunde schienen ein bisschen beklommen. Ich dachte mir, dass Menschen oft für ziemlich dumme Dinge sterben, wollte aber niemanden verärgern, der einen Onkel, einen Vater oder ein Bein in einem der vielen jugoslawischen Kriege verloren hatte. Allerdings blickte ich wohl selbst ziemlich verloren drein.

Wummm!

Ivo schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und brach in Gelächter aus: “Hahaha, ist nur ein Scherz, Mann! Setz Dich, und wir erklären es Dir.”

Puhh! Ich war so erleichtert, wie wenn wir gerade das Friedensabkommen von Dayton unterschrieben hätten.

“Rauchst Du?” fragte Mirko und schob eine Zigarettenschachtel über den Tisch. In Montenegro darf man in Restaurants und Bars noch rauchen. “Und lies den Warnhinweis”, wies er mich an, wie wenn ich vor dem Anzünden ernsthaft das Risiko von Lungenkrebs abwägen sollte.

Pušenje ubija” stand da, “Rauchen tötet”. Aber in drei Sprachen. Oder dreimal in der gleichen Sprache?

Das erste ist Bosnisch, das zweite Kroatisch, oder vielleicht andersherum. Das weiß niemand. Könnt Ihr den Unterschied zwischen den beiden erkennen? Nein, ich auch nicht.

Das letzte ist Serbisch in kyrillischer Schrift, sagt aber genau das gleiche: “Pušenje ubija.”

“Du bist alt genug, um Dich an die Kriege in Jugslawien zu erinnern?” fragte Duško, wobei er gnädig meine grauen Haare übersah.

“Ja.”

“Nun, dann weisst Du, dass viele Menschen gestorben sind. Viele haben ihr Zuhause verloren, viele ihre Familien, manche haben sich sogar von ihren Frauen oder Männern getrennt, weil die Serben oder Kroaten waren und sie sich plötzlich nicht mehr verstanden. Bis zu einem Jahr zuvor waren sie noch alle glückliche Jugoslawen, bis sich auf einen Schlag alles änderte und sie ein wunderschönes Land zerstörten. Aber am Ende“, fuhr er fort, während die anderen betroffen ihre Blicke senkten, „blieben all die Grenzen genauso wie zur Zeit Jugoslawiens. Niemand hatte irgend etwas gewonnen.“

“Außer die Unabhängigkeit.”

“Ja, aber Jugoslawien war doch sowieso am Ende, wie die Sowjetunion oder die DDR. Es war eine wirtschaftliche Frage, dafür hätte niemand einen Krieg gebraucht. Aber Menschen kämpfen nicht gegen Inflation oder für Produktivität, sie kümmern sich nicht um Handelsbilanzen oder das Bruttosozialprodukt. Menschen kämpfen nur für Konzepte wie Vaterland oder Muttersprache, obwohl ihre Väter und Mütter zusammen mit den anderen Vätern und Müttern eine gemeinsame Nation aufgebaut hatten.”

“Es begann alles mit Kroatien“, sagte Ivo, fast stolz. “Wir waren die ersten, die das Serbokroatische beziehungsweise das Kroatoserbische, wie wir es immer genannt hatten, ablegten. Natürlich sprachen wir noch genauso wie vorher, aber wir nannten es jetzt Kroatisch und taten so, wie wenn es etwas vollkommen anderes als Serbisch wäre.”

“Und ein paar Unterschied gibt es tatsächlich“, gab Mirko zu, “regionale Variationen, wie man sie auch zwischen britischem und amerikanischem Englisch oder zwischen österreichischem Deutsch und deutschem Deutsch kennt. Man versteht sich trotzdem gegenseitig, aber wärend des Auseinanderbrechens versteiften sich die Nationalisten auf die paar Wörter, die anders waren. Das wäre so wie wenn jemand behauptet, Österreichisch und Deutsch wären zwei vollkommen verschiedene Sprachen, nur weil die Österreicher ‘Paradeiser’ sagen, während Ihr ‘Tomate’ sagt.”

Mir war neu, dass Österreicher ein anderes Wort für ‚Tomate‘ haben, aber ich wusste, dass das betreffende Gemüse auf Serbokroatisch ‘paradajz‘ hieß, womit der lange gehegte Verdacht, dass Österreich schon zum Balkan gehört, bestätigt war.

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“Aber wenn sich die Leute noch untereinander verstanden, wieso sollte jemand Übersetzer benötigen?” fragte ich.

“Weil Nationalisten so dämlich sind, dass sie ihren eigenen Unsinn glauben. Also konnte die kroatische Regierung plötzlich keine Dokumente oder Zeitungen aus Serbien mehr lesen. Kurz danach wollte Bosnien-Herzegowina auch unabhängig werden, nannte seine Sprache Bonisch und konnte von einem Tag auf den anderen nicht mehr Serbisch oder Kroatisch lesen und schreiben.”

“Und da waren wir zur Stelle”, fuhr Marko fort. “Wir kamen aus verschiedenen Teilen Jugoslawiens und studierten in den 1990ern Sprachwissenschaften in Nikšić. Wir waren froh, dass wir in Montenegro waren, denn es war der ruhigste und entspannteste Teil Jugoslawiens. Hier schoss kein Serbe auf einen Kroaten, kein Kroate auf einen Bosniaken, die Leute schossen nicht einmal auf Albaner. Vielleicht lag es an dem guten Bier aus Nikšić, ich weiß nicht. Aber wir standen kurz vor dem Abschluss, und wir wollten auf keinen Fall in Vukovar oder Sarajevo fallen. Rein aus Spaß, vielleicht auch aus Verzweiflung, gründeten wir unsere eigene Übersetzeragentur und boten Übersetzungen für Kroatisch, Serbisch und später Bosnisch an. Eigentlich war es eine Art Protest, um zu zeigen, wie dämlich dieser Sprachennationalismus war.”

“Und Ihr habt Aufträge bekommen?” fragte ich, aber ahnte die Antwort schon, als ich einen Blick auf die im Hafen vertäuten Boote warf.

“Ja!! Wie verrückt! Wir konnten es nicht glauben! Wir schickten unser Angebot an Behörden, Kommunen, Verlage u.s.w. und bekamen fast sofort mehr Arbeit als wir erledigen konnten. Niemand in Kroatien wollte mehr etwas auf Serbisch lesen, also übersetzen wir Gesetze, Ankündigungen, Presseerklärungen, Zeitungen. Dafür mussten wir nur die kyrillische Schrift in lateinische Schrift transkribieren. Natürlich gaben wir diese Arbeit an jüngere Studenten an der Fakultät weiter, denen wir dafür ein bisschen was bezahlten.”

“Und als sich der Krieg auf Bosnien ausweitete, wurde es noch besser. Plötzlich gab es eine dritte Sprache, die im Wesentlichen mit Kroatisch identisch ist. Manchmal veränderten wir absichtlich ein paar Wörter, nur um unsere Rechnungen zu rechtfertigen.”

“Wenn die Sprachen mittlerweile tatsächlich ein paar Unterschiede aufweisen, ist das also Eure Schuld?” scherzte ich.

“Das könnte man sagen.“ Mirko lächelte. „Aber wir haben die gleiche Ausrede wie diejenigen, die Waffen und Munition lieferten: Wenn wir es nicht gemacht hätten, hätte es jemand anders gemacht.“

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“Noch lustiger wurde es nach 1995, als IFOR und SFOR nach Bosnien-Herzegowina kamen. Wir boten unsere Dienste als Dolmetscher an, und sie mussten immer mindestens zwei von uns bezahlen, weil wir zum Beispiel behaupteten, dass einer von uns nur Bosnisch und der andere nur Serbisch verstand. Wir wurden in diesen Humvee-Jeeps rumgefahren und flogen sogar manchmal kurze Strecken mit dem Helikopter. Es war ein Riesenspaß.“

“Bis wir das erste Mal Leichen sahen“, bemerkte Ivo, und der ganze Tisch fiel ins Schweigen.

In einem Versuch, die Stimmung wieder aufzuheitern, erzählte Duško: “Erinnert Ihr Euch an den spanischen NATO-Soldaten, dessen Eltern aus Jugoslawien waren? Er hat uns unsere Geschichte natürlich nicht abgenommen. Am schlimmsten war aber, dass er glaubte, wie selbst wären Nationalisten, die sich weigerten, die anderen ‚Sprachen‘ zu verstehen. Wir mussten ihm gestehen, dass wir das nur wegen des Geldes taten.”

“Zum Glück war er cool. ‚Naja, je mehr Geld diese neuen Länder hier für Übersetzer ausgeben, umso weniger bleibt ihnen für Landminen‘, sagte er. Aber wir mussten ihm etwas abgeben.”

“Ihr müsst die einzigen Leute in Ex-Jugoslawien gewesen sein, die nicht froh waren, als der Krieg vorbei war?“, versuchte ich zu scherzen.

“Glaub mir, da gab es noch etliche, die nicht froh waren, und die haben alle viel mehr als wir verdient.“ Wie naiv meine Frage gewesen war, wie wenig ich wusste und wie verschieden unsere Leben gewesen waren, nur weil ich 1000 km weiter nördlich geboren wurde. Sie hatten Millionen verdient, aber sie hatten ihr Land, ihre Unschuld und den Glauben an die Menschheit verloren.

“Und die Arbeit war ja nicht vorbei. All die neuen Staaten mussten internationale Abkommen neu verhandeln und wollten Übersetzungen der alten, von Jugoslawien abgeschlossenen Abkommen. Dann kam der EU-Beitritt von Kroatien. Und dann kam das Internet, und jede Kleinstadt wollte eine Website. Das beste Geschäft läuft in Bosnien, weil die ihre Internetseiten auf Bosnisch, Kroatisch, Serbisch und manchmal noch auf Englisch haben wollen. Wir können drei Übersetzungen berechnen.“

“Wir haben da richtige Stammkunden”, fügte Duško an. “Wir haben zum Beispiel einen Vertrag mit der Stadt Mostar. Die haben eine dieser viersprachigen Websites. Die bemerken nicht einmal, dass die Sprachen die gleichen sind, weil der bosnische Bürgermeister nur die bosnische Fassung liest, sein serbischer Kollege nur die serbische Version und der kroatische nur die kroatische Seite. Aber Bosnien-Herzegowina ist sowieso ein verrückter Staat. Wenn die im Park Bäume pflanzen wollen, müssen sie drei Gärtner aus den drei Volksgruppen dafür beauftragen.”

“Und Gott sei Dank für Montenegro!” Marko erklärte es: “2006 war Montenegro der letzte Staat, der unabhängig wurde, und 2009 ergänzten sie das Alphabet um zwei Buchstaben und nannten es ‚Montenegrinisch‘. Natürlich waren wir die ersten, die sich um die Aufträge für die ‚Übersetzungen‘ bewarben, und weil wir in Montenegro studiert hatten, bekamen wir den Zuschlag. Alles was wir machen müssen, ist dem S und dem Z Diakritika hinzuzufügen, und die Republik Montenegro ist glücklich.”

“Gott sei ebenfalls Dank für Kroatien”, fügte Ivo hinzu. “Jetzt wo Serbien, Montenegro und Bosnien-Herzegowina den EU-Beitritt verhandeln, könnt Ihr dreimal raten, wer darauf bestehen wird, dass alle ihre Unterlagen ins Kroatische übersetzt werden. Wir werden noch jahrelang Arbeit haben.“

“Aber es ziehen dunkle Wolken auf!” Mirko klang beunruhigt. “Eine Gruppe von Linguisten hat gerade ein Manifest veröffentlicht, in dem sie erklären, dass unsere vier Sprachen eigentlich nur regionale Variationen einer einzigen Sprache sind. Sie wiesen sogar ausdrücklich auf die Kosten durch Übersetzungen hin und griffen damit direkt unsere Geschäftsidee an.“

“Und um ehrlich zu sein”, sponn Marko den Gedanken weiter, “sie haben Recht. Aber zum Glück für uns werden solche Entscheidungen nicht von Professoren oder Wissenschaftlern getroffen, sindern von Politikern.”

Živjeli!” Darauf erhoben sie alle ihre Gläser, und ich war froh, dass ich viel gelernt hatte und dass zumindest manche der Profiteure der ex-jugoslawischen Kriege ganz nette Jungs waren. Ich verstand allerdings noch immer nicht, wieso man sich ein Boot kaufte und dann niemals nach Fiji oder auf die Osterinsel fuhr. Aber wenn man in einem Land lebt, das sich ständig zerteilt, hat man vielleicht Angst davor, zu lange weg zu sein.

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(Click here to read this story in English.)

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Die Kleine wäre gerne eine Harley-Davidson

Harley Davidson

Fotografiert in Funchal auf Madeira.

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Auch Piraten mögen es bunt

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Fotografiert in Marsaxlokk, einem Piratennest auf Malta.

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Dieser Tag verdient nur einen Satz

Den vor erst vier Tagen abgehaltenen oder, soweit ich das überblicken kann, zumindest anberaumten, aber weitgehend nicht aktiv und tatkräftig gefeierten, oder wenn, dann vom Großteil der Bevölkerung nur unwissend, aus Gewohnheit und mangels Alternative oder, gleich dem Ass im Ärmel eines Spielers, der nie oder nicht mehr zum Kartenspiel eingeladen wird, mangels Möglichkeit zur Utilisierung der vorhandenen Alternative(n) begangenen Tag der Muttersprache kann ich mich nicht erinnern, besonders gefeiert zu haben, vielleicht weil ich derzeit, wie fast immer, im Ausland weile, und zwar in einem Ausland, in dem man darüber streitet, ob die Muttersprache Serbokroatisch, Serbisch oder schon Montenegrinisch ist, was neben kuriosen Diskussionen zu angenehmen, ständig sprudelnden und durch Nationalismen angeheizten Einkommensquellen für Übersetzer führt, worüber ich, allerdings weder in meiner Muttersprache noch in einer der an diesem Konflikt als Parteien beteiligten Sprachen, sondern in der Welt- und Allerweltssprache Englisch, jüngst eine Kurzgeschichte verfasst habe, und weil man, womit ich mich selbst oder die Gruppe ähnlich geschichtsbewusster und kultursensibler Deutscher meine, in den einstmals beziehungsweise genau genommen vor erst zwei Generationen und damit durchaus noch im Erinnerungshorizont einiger lebender Zeitgenossen von deutschen Truppen angegriffenen, eroberten, besetzten, ausgeplünderten und misshandelten Ländern, Landesteilen und Landstrichen die diese Phase überlebt habende Bevölkerung nicht einen ganzen Tag mit Deutsch malträtieren möchte, aber als mich heute, am 25. Februar, der Deutschlandfunk oder das Deutschlandradio Kultur, die ich wie die ganzen angeblichen Superhelden aus den Marvel-Comics nie auseinanderhalten kann, aber, ganz anders als die Cartoonfiguren, beide gleichermaßen schätze und die in den fernen und leider weitgehend von deutschsprachigen oder überhaupt internationalen Presseerzeugnissen freien Gefilden die fortgesetzte Verbindung zur deutschen Kultur, die ich damit keinesfalls zur Leitkultur, nicht einmal zu meiner persönlichen, überhöhen möchte, gewährleisten, darüber informierte, dass dieser windige und eiskalte und daher, aber auch wegen einer gefährlich und bedrohlich nahenden Prüfung, dem Studium der Geschichte gewidmete Tag der Tag des Schachtelsatzes sei, machte mein sprachverliebtes Herz aus Freude einen ebensolchen, und der von diesem Herz bis jetzt zuverlässig wie von gewerkschaftlich nicht organisierten römischen Galeerensklaven angetriebene Verfasser ließ den wahrscheinlich sowieso nicht ganz wahrheitsgetreuen Bericht Hans Stadens über den Kannibalismus in Brasilien, einen frühen Vorläufer der Reiseblogs, der jedoch wirtschaftlich ungleich erfolgreicher war als zumindest meiner, ohne viel Widerstand liegen, packte Füller und Schreibblock ein, begab sich zum nächsten Café in Kotor, das sowieso wärmer als die eigene Wohnung war, bestellte eine Sachertorte und eine große Flasche Sprudelwasser und setzte sich mit sportlichem Ehrgeiz das Ziel, in der Zeit, die der Konsum vorgenannten Speis und Tranks benötigen würde, eine den Schachtelsatz, eine der Krönungen und, um im monarchischen Bild zu bleiben, Königsdisziplinen der deutschen Sprache feierne Eloge zu schreiben, wobei dem Autor oder mir, um die bisher nicht gerade handlungsreiche Geschichte durch erneuten Perspektivwechsel aufzulockern, auffiel, dass ich kein über die Grundidee hinausgehendes Konzept eingepackt hatte und deshalb, von der gerüchteweise gehörten Angst vor dem weißen Blatt Papier oder gar der Schreibblockade gänzlich unbehelligt, zwar einfallslos aber unverzüglich auf die Idee verfiel, die Gäste an den anderen Tischen des bei Beginn dieses Kurzprojekts voll besetzten, am Ende aber bis auf den Kellner und den Schreibttäter selbst leeren Cafés zu beobachten, wobei mir auffiel, dass Menschen heutzutage nur als Paar ausgehen, um immer jemanden parat zu haben, der sie fotografiert, die grässlich gestellten Spontanschnappschüsse sogleich online stellt, liked und shared, oder wie man das in unserer Muttersprache auch nennt oder schreibt, und zu diesem Zweck den geduldigen Kellner noch vor einem Blick auf die Speisekarte oder in die Kuchenvitrine mit Fragen nach Passwörtern zu sogenannten Netzwerken nerven, dass Menschen in vom Tourismus heimgesuchten Gebieten eine verzerrte Vorstellung von Mitteleuropäern und Nordamerikanern haben müssen, von denen auffallend viele allergisch gegen Eier, Laktose, Gluten und Glukose sind, aber trotzdem ein natürlich extra für sie von diesen Zutaten befreites Stück Torte wünschen, das wiederum fotografiert und auf Instagraph und SnapApp veröffentlicht wird, um anschließend alle paar Minuten die Reaktionen darauf zu verkünden, die live aus Seattle, Edinburgh oder Heilbronn eintrudeln und die ebenso erwartet wie unkreativ ausfallen („it looks amazing“), dass der dies zwangsweise mithörende Autor, der sich in solchen Momenten der Schaffenskraft trotz Unveröffentlichtheit und Brotlosigkeit seiner Passion als Schriftsteller oder zumindest als Sprachkünstler sieht und dem Vokabular und Syntax so schnell aus der Hand fließen, dass der Füller diese zu Papier zu bringen kaum hinterherkommt, nur müde lächeln kann angesichts der sprachlichen Einfältigkeit, die, wenn man länger zuhört, oft mit intellektueller Einfalt einhergeht, und ich mich nicht zum ersten Mal frage, wieso manche Leute eigentlich reisen (vielleicht für die Fotos fürs Facebook-Profil?), wie man so unvorbereitet und unbelesen sein kann (wer von weit her kommt, müsste doch im Flugzeug erst recht Zeit haben, ein Buch über den Balkan zu lesen) und wieso man sich, nachdem man Tausende von Dollars und Kilometer zurückgelegt hat, lieber über die Kinder der Nachbarn, die neue Tiefgarage beim Krankenhaus oder englischen Fussball unterhalten muss, anstatt das derzeit bereiste Land mit einem über Klischees hinausgehenden Gespräch zu bedenken, werde dann aber versöhnt, als mich zwei Nordamerikanerinnen beim Verlassen der wohlig warmen Kaffeestube mustern und eine der anderen deutlich hörbar anerkennend zuraunt „you don’t see this anymore“, wobei sie vermutlich nicht einen attraktiven Mann, sondern einen Mann, der mit nachdenklicher und angestrengter, von Zeit zu Zeit jedoch von einem für die Außenwelt unverständlichen Lächeln durchzogenen Miene mit einem antik anmutenden Instrument die aus Walblut und Baumrinde gewonnene Tinte auf mittlerweile schon acht Seiten zu einer kommadurchsetzten Symphonie werden lässt und dabei so tut, wie wenn er sie nicht gehört hätte oder kein Englisch verstünde, um den beiden Damen die Illusion eines montenegrinischen Sonderlings zu erhalten, und um sich und damit den Lesern die für diese Erzählung überflüssige Aufklärung darüber zu verweigern, wie die beiden Damen ausgesehen haben, womit ich mich ganz bewusst der Möglichkeit beraubt habe, eine der Damen auf den ersten Blick sympathisch zu finden und ihre Faszination für den Schreiberling schamlos auszunützen, um, nein, nicht was der hollywoodklischeeübersättigte Leser jetzt erwartet, sondern um ein zweites Stück Schachtelsatzsachertorte zu schnorren, womit sich die anfangs selbst gesetzte Zeitgrenze hinausschieben hätte lassen, in Ermangelung der Wahrnehmung dieser Möglichkeit die gleich einer Sanduhr unerbittlich abgelaufene 0,75-Liter-Sprudelflasche jedoch das Ende dieses kleinen Ausflugs ins Satzbaulabyrinth signalisiert, zu dem mir nur mehr bleibt, ein Hoch auf den deutschen Schachtelsatz auszurufen, auf dass er lange wird und lange währt.

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(Dieser Satz erschien auch im Freitag.)

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Kotor, auch grau eine Schönheit

Wenn die Sonne scheint, wenn alles grün ist, wenn Ferien sind und jeder glücklich ist, wenn die Blumen im Park und auf den Kleidern der Frauen blühen, die sich zudem mit saisontypischen Hüten schmücken, dann ist jede Stadt schön. Das ist keine Kunst. Wahrscheinlich hat sogar Eisenhüttenstadt zwei solcher Wochen im Jahr.

Aber wirkliche Schönheit zeigt sich, wie bei Menschen, in den unausgeschlafenen, unaufgeräumten Morgenstunden, an verregneten Tagen, an Abenden, an denen man nicht weiß, ob das noch Wolken sind oder schon die Nacht ist. Wenn ich an solchen Tagen durch die dann touristenfreie Stadt streife, fällt mir die Schönheit Kotors erst recht auf.

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Wenn ich an solchen düsteren Tagen zur Festung emporklettere und über die Bucht blicke, würde es mich nicht wundern, wenn aus dem Nebel plötzlich ein Wikingerschiff auftauchte.

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Und wenn sich dann, kurz vor Schichtende, die Sonne doch noch durch die Wolken kämpft und sich der Nebeldampf so zügig verzieht, wie wenn er weiß, dass er uns schon viel zu viel zugemutet hat, dann wird man für die Mühe des tropfnassen Aufstiegs belohnt.

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Vielleicht kommt der ganze Nebel aber auch von meinen Zigarren. Man wird ja sehen, ob es ab März, wenn ich abreise, besser wird.

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Heiliger Che

In lateinamerikanischen Herrgottswinkeln wird das Bild von Jesus Christus manchmal  durch eine Ikone von Che Guevara ersetzt. Katholizismus und Sozialismus sind anscheinend doch vereinbar.

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Fotografiert in einem Hostel in Villa Tunari in Bolivien.

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Unsortierte Gedanken (21)

  1. Heimat“ – ist das nicht das, wofür man sich von Leuten mit anderer „Heimat“ im Krieg abknallen lässt?
  2. Wenn es tatsächlich ein danach benanntes Bundesministerium geben wird, dann werde ich mich zu dem Konzept „Heimat“ doch mal ausführlich und, wie nicht anders zu erwarten, kritisch äußern müssen.
  3. Das erste Buch von Egon Erwin Kisch erschien in einem Selbstkostenverlag. Seine Mutter hatte die 200 Mark bezahlt. Schön, wenn die Familie hinter dem literarischen Schaffen steht anstatt den Nachwuchs zum kleinbürgerlichen Schaffen in einem Büro zu drängen (wie bei Franz Kafka).
  4. Während Bayern um einen dritten Nationalpark streitet, schafft die US-Armee in Grafenwöhr FaktenGW Adler
  5. Ihr erinnert Euch an SDI, das Weltraumwaffensystem? Es stellt sich heraus, dass der Warschauer Pakt so vehement dagegen war, weil der Ostblock zuvor schon versucht hatte, selbst ein solches System zu entwickeln. Dies scheiterte technisch, aber die Sowjetunion und ihre Verbündeten befürchteten, dass der Westen mehr Erfolg haben könnte.
  6. Danke an den Knaus-Verlag für ein Rezensionsexemplas von Petra Morsbachs Justizpalast, dessen Lektüre ich als Jurist besonders entgegen fiebere. buch-justizpalast-100_v-img__16__9__m_-4423061158a17f4152aef84861ed0243214ae6e7
  7. Müllmänner bauen in Ankara und Bogotá Bibliotheken auf.
  8. Ein weiterer Erfolg für die Impfgegner: Guatemala, das seit 20 Jahren masernfrei war, hat endlich wieder die Masern. Aus Deutschland eingeschleppt.
  9. Wenn die SPD ein Staat wäre, würde man langsam einen Putsch, eine Revolution oder eine internationale Beobachtermission erwägen.
  10. 280
  11. Als herpetophober Wanderer finde ich, dass die Schlangenfreiheit eines Landes Voraussetzung für den EU-Beitritt sein sollte.
  12. Die Relativitätstheorie ist relativ irrelevant.
  13. Als ich mit 42 ein Geschichtsstudium begann, haben manche die Nase gerümpft und sich gefragt, wozu das im Alter noch notwendig sei. Miguel Castillo ist 80 Jahre alt und studiert in Spanien Geschichte. Die Entscheidung dazu traf er nach einem überlebten Herzinfarkt, weil er die verbleibende Lebenszeit nutzen und nicht wie andere Rentner das Leben auf dem Sofa verplempern wollte.Miguel Castillo.jpg
  14. Demnächst wird Herr Castillo ein Erasmus-Auslandssemester in Verona einlegen. Zum Glück für ihn – und für mich – gibt es bei Erasmus, anders als beim BAföG, keine Altersgrenze.
  15. Mein größtes Problem dabei ist die Qual der Wahl zwischen all den Ländern und Universitäten des Kontinents.
  16. Wer hätte gedacht, dass Kamele auch im Schnee funktionieren? Kamel Schnee.jpg
  17. Auf meinem englischsprachigen Blog habe ich eine Kurzgeschichte über Übersetzer nach dem Zerfall Jugoslawiens veröffentlicht, die in Montenegro ganz gut aufgenommen wurde. Angesichts der Länge (2350 Wörter) und des doch recht speziellen Themas hat mich das ziemlich überrascht. Ich werde sie demnächst mal ins Deutsche übersetzen, wobei das Übersetzen eines eigenen Werks in die eigene Muttersprache irgendwie auch ein komisches Konzept ist.
  18. Das brachte mich auf die Idee, weniger kurze Beiträge zu veröffentlichen (bzw. sie in diesen Unsortierten Gedanken abzuladen), um mich auf längere und hoffentlich bessere Artikel zu konzentrieren.
  19. Das ist die perfekte Woche zum Lernen: wetter kotor
  20. Wenn ich mal wieder einen Halbmarathon laufe, hätte ich gerne, dass sich alle Leser dieses Blogs am Start und Ziel einfinden und mich so anfeuern wie nordkoreanische Athleten bei den Olympischen Winterspielen angefeuert wurden:

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