Österreich in der Zwischenkriegszeit

Dass man in jedem Land am meisten über die Geschichte des betreffenden Landes lernt, ist verständlich. Aber dass wir uns in Deutschland bei der Betrachtung der Zeit vom Ersten Weltkrieg bis zum Nationalsozialismus fast ausschließlich auf die Weimarer Republik konzentrieren, ohne zumindest ein bisschen europaweit oder gar weltweit zu vergleichen, greift dann doch zu kurz.

So lese ich mich gerade in die österreichische Geschichte der Zwischenkriegszeit ein. Vorsicht, ich bin erst ganz am Anfang der Lektüre, so dass der folgende Schnelldurchlauf vor Vereinfachungen, Auslassungen und wahrscheinlich auch Fehlern nur so strotzt. Aber auf jeden Fall wird deutlich, dass die Probleme der Weimarer Republik nicht so singulär waren. Ja, im Vergleich zu Österreich in jener Zeit erscheint die Weimarer Republik fast langweilig. Hier in aller Kürze nur die wichtigsten Punkte:

  • Österreich will nach 1918 Teil Deutschlands werden, aber die Allierten erlauben das nicht („Anschlussverbot“ im Friedensvertrag von Saint Germain).
  • Kaiser Karl will nicht abdanken, wird daraufhin rausgeworfen bzw. von den Briten in die Schweiz eskortiert.
  • Heimlich kommt er 1921 wieder zurück, fährt nach Ungarn und will dort König werden. Horthy, der ihm eigentlich nur den Platz warmhalten sollte, ist nicht so begeistert.
  • Der Kaiser zieht ab, aber seine ehrgeizige Frau Zita drängt auf den Job. Also fliegen die beiden erneut nach Ungarn, es kommt zu ein paar Scharmützeln und Kämpfen, aber der Kaiser bleibt thronlos.
  • Dafür bindet das ganze die ungarischen Truppen, so dass sich Österreich das Burgenland schnappen kann (das ihm nach dem Ersten Weltkrieg zugesprochen wurde, aber unter der faktischen Kontrolle ungarischer Guerillas stand).
  • Ach ja, in Kärnten dauert der Krieg übrigens auch noch ein weiteres Jahr an, gegen Jugoslawien.
  • Der Kaiser wird schließlich nach Madeira verschifft.
  • In Österreich ab 1923 Straßenschlachten und Kämpfe zwischen Nationalsozialisten und Sozialdemokraten, die im „Roten Wien“ ein Modell des Dritten Wegs („Austromarxismus“) aufbauen. Beide Seiten verfügen über bewaffnete Einheiten (Heimwehr bzw. Schutzbund).
  • 1927 brennt der Justizpalast und die Polizei erschießt 90 Demonstranten.
  • Natürlich auch große Wirtschaftskrise und allenthalben Antisemitismus, wie in der Zeit so üblich.
  • 1931 ein Putschversuch von Rechts, gescheitert.
  • Ab 1933 Entmachtung des Parlaments (durch formellen Fehler des Parlamentspräsidiums?) und Errichtung von „Anhaltelagern“ (KZs light).
  • 1934 dann ein kurzer Bürgerkrieg.
  • Nazi-Putschversuch mit Festnahme der Regierung, scheitert aber letztendlich. Der Bundeskanzler wird beim Fluchtversuch erschossen.
  • Hitler distanziert sich vom Putsch und beteuert die Selbständigkeit Österreichs, aber die Nazis unterwandern weiter den österreichischen Staat.
  • Österreich orientiert sich immer mehr am faschistischen Italien („Austrofaschismus“), auch in Abgrenzung zu Deutschland.
  • Aber 1936 Abkommen mit dem Deutschen Reich und Aufnahme von einzelnen Nationalsozialisten in die Regierung, darunter Innenminister Seyß-Inquart.
  • Im Februar 1938 fährt Bundeskanzler Schuschnigg, auch er Diktator, zu Hitler, der mit einer militärischen Intervention droht.
  • Die beiden Seiten des österreichischen Bürgerkriegs von 1934 überlegen kurz, ob man zur Abwehr der hitlerischen Gefahr zusammenarbeiten könne.
  • Schuschnigg setzt eine Volksbefragung über Unabhängigkeit oder Anschluss an. Beide Lager mobilisieren sich, denn jetzt geht es um alles.
  • In der Krise sieht das Kaiserhaus seine Chance, und Otto Habsburg fordert den Bundeskanzler auf, ihm die Führung des Landes anzuvertrauen. Davon hält Schuschnigg nichts.
  • Hitler hingegen hält nichts von der Volksabstimmung. Der österreichische Innenminister setzt dem österreichischen Bundeskanzler im Auftrag Hitlers ein Ultimatum, die Volksbefragung abzusetzen. Schuschnigg knickt ein.
  • Hitler legt jetzt noch eine Forderung drauf: Schuschnigg soll zurücktreten, und Seyß-Inquart soll Bundeskanzler werden. Schuschnigg knickt wieder ein. Die Nazis fühlen sich bestärkt, Hakenkreuzfahnen werden aufgezogen, der Bürgermeister von Wien wird verhaftet.
  • Bundespräsident Niklas weigert sich zuerst, den neuen Kanzler zu ernennen, gibt aber dann nach. Er hofft, dass damit die Unabhängigkeit Österreichs gesichert ist, weil jetzt alle Forderungen Hitlers erfüllt wurden.
  • Aber so funktioniert das nicht. Die deutsche Wehrmacht marschiert am 12. März 1938 in Österreich ein und, schwupp, gibt es kein Österreich mehr.

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Vielleicht ist es kein Zufall, dass gerade österreichische Schriftsteller in dieser Zeit erstaunlich prophetische Bücher schrieben, z.B. Hugo Bettauer (Die Stadt ohne Juden, 1922) und Joseph Roth (Das Spinnennetz, 1923).

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Morgenstund hat Gold im Mund

Oder, wie die Kinder am Friedensreich-Hundertwasser-Platz in Wien in goldenen Lettern und mit einem sicheren Gespür für Poesie gepinselt haben:

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Das war die Wehrpflicht

Es ist wieder Sommerloch. Man erkennt das an der Debatte um die Reaktivierung der Wehrpflicht. Nur Krokodile in Badeseen sind noch sommerlochiger. Aber gegen Krokodile könnte man dann ja die neu aufgestockte Wehrpflichtarmee einsetzen.

Ich verstehe durchaus die Idee, in jungen Leuten einen Sinn für Gemeinschaft und Verantwortung zu entfachen, indem sie ein Jahr etwas für die Gesellschaft tun, sei es mit Panzern durch die Heide zu fahren, alten Damen über die Straße zu helfen oder Tunnels für Kröten zu buddeln (wenn man die Tunnels größer bauen würde, könnten die Senioren alleine durchspazieren). Auch ist es eine schöne Vorstellung, dass sich junge Menschen näher kommen und Verständnis füreinander entwickeln, wenn der adelige Professorensohn mit dem Arbeiterkind, der Ostdeutsche mit dem Syrer und der Katholik mit dem Atheisten ein Jahr lang die Stube teilt.

Nur, so funktionierte die Wehrpflicht in den letzten Jahren vor der Aussetzung nicht mehr, vielleicht hat sie nie so funktioniert. Ganz abgesehen vom Ausschluss von Frauen war die Wehrgerechtigkeit nicht mehr gewährleistet, weil durch Ausmusterung und Ausnahmetatbestände mehr als die Hälfte eines männlichen Jahrgangs weder Wehr- noch Zivildienst leisten mussten.

Vollkommen unempirisch vorgehend, möchte ich dies an meiner eigenen Geschichte darstellen, die ab dem Jahr 1995 spielt:

  1. Die Verweigerung aus Gewissensgründen nach Art. 4 III 1 GG wollte ich nie in Anspruch nehmen, weil (a) ich keine wirklichen Gewissensgründe gegen das Töten in bestimmten Situationen habe und dies nicht vortäuschen wollte, und weil (b) der Zivildienst auch nicht unbedingt mehr Spaß gemacht hätte. Mein Hauptanliegen war es, kein Jahr zu verlieren, sondern unmittelbar nach dem Abitur mit dem Studium beginnen zu können.
  2. Um zu versuchen, in der Musterung als körperlich untauglich eingestuft zu werden, war ich zu stolz. Und obwohl nach Auskunft einiger meiner Altersgenossen weit weniger Schauspielkunst als einstmals bei Felix Krull gefordert war um überzeugend zu hypochondrieren, traute ich mir dieses Talent nicht zu.
  3. Als angehender Jura-Student wälzte ich stattdessen das Wehrpflichtgesetz (WPflG) und stieß auf § 13a I 1 WPflG, der die Zurückstellung vom Wehrdienst vorsah, wenn man sich zur Mitwirkung im Katastrophenschutz (z.B. THW oder Rotes Kreuz) verpflichtete und dieser Verpflichtung (damals) sieben Jahre nachging. Der Vorteil bestand darin, dass diese Mitarbeit im Katastrophenschutz – außerhalb von tatsächlichen Katastrophen natürlich – nur am Wochenende stattfand und somit dem sofortigen Studienbeginn nicht im Wege stand. Da Erdbeben und Tornados in Deutschland selten sind, hielt ich dies für eine im Vergleich zur täglichen Anwesenheitspflicht in der Kaserne zeitsparende Variante.
  4. So bewarb ich mich also beim Roten Kreuz und wurde auch tatsächlich in den Katastrophenschutzdienst aufgenommen. Mein Studium konnte ich ohne Verzug beginnen. Jedes zweite Wochenende musste ich für ein paar Stunden zu einem Kurs oder einer Fortbildung. Die Katastrophen blieben wie gewünscht aus.
  5. So ging dies das erste Jahr; das erste von vorgesehenen sieben. Zwei Semester meines Jura-Studiums hatte ich schon absolviert, während ich als normaler Wehrdienstleistender zu diesem fortgeschrittenen Zeitpunkt erst mit dem ersehnten Studium beginnen hätte können.
  6. Nach Ende dieses ersten Jahres wartete ich geduldig auf Zusendung des Zeitplans für Kurse und Fortbildungen des zweiten Jahres. Diese Zusendung erfolgte nicht. Sie erfolgte nie. So ging ich das Risiko ein, passiv gegenüber meiner staatlich auferlegten Dienstpflicht zu bleiben, wobei ich nicht versäumte, dies mir gegenüber selbst durch gesteigerte Aktivität im Studium zu rechtfertigen.
  7. Trotz meines Fernbleibens erging weiterhin keine Einladung, weder durch Brief, noch durch einen Anruf, oder gar einen Besuch. Langsam aber sicher geriet diese Art des Ersatzdienstes in Vergessenheit, wie anscheinend auch ich in Vergessenheit beim Roten Kreuz geraten war. So ging das zweite Jahr ins Lande, und ich wurde kein einziges Wochenende aus meinem Studentenleben gerissen.
  8. Mit zunehmender freudiger Überraschung konnte ich die folgenden Jahre feststellen, daß sich dies auch in den Jahren 3, 4, 5, 6 und 7 fortsetzte. So hatte ich also tatsächlich nur an ca. 25 Wochenenden einen Art Erste-Hilfe-Kurs besucht und war damit einem Jahr in der Kaserne entkommen.
  9. Bis ich eines Tages, im siebten Jahr, ich hatte nicht nur schon lange mein Studium sowie mein anschließendes Refendariat (ironischerweise zu einem erheblichen Teil beim Juristenkorps der US-Armee) vollendet, sondern war mittlerweile als Rechtsanwalt selbständig, einen Brief der Wehrbehörde erhielt. Schlagartig wurde mir mein negativer Saldo der dem Staat gegenüber erbrachten Dienstzeit bewusst, und ich sah mich schon im fortgeschrittenen Alter von 27 Jahren in die Kaserne einrücken.
  10. Ich öffnete diesen Brief mit dem fatalistischen Gefühl desjenigen, den die gerechte Strafe einholt, und las: “Mit Vollendung Ihrer siebenjährigen Dienstzeit beim Katastrophenschutzdienst des Deutschen Roten Kreuzes ist Ihre Verpflichtung zum Wehrdienst erloschen. Wir bedanken uns für den von Ihnen geleisteten Dienst.”

Das war also meine Wehrpflicht. Nur ein Einzelfall, klar, aber Ihr könnt das gerne mit Euren eigenen Erfahrungen bereichern.

All diejenigen, die jetzt die Rückkehr zur Wehrpflicht oder gar die Schaffung einer allgemeinen Dienstpflicht fordern, sollten erklären müssen, wie sie diese Gerechtigkeitslücke schließen wollen. Denn wenn am Ende wieder nur die einrücken, die das gerne machen, kann man es sich sparen. Einen Bundesfreiwilligendienst gibt es schon. Außerdem ist eine allgemeine Dienstpflicht nach Art. 12 II GG nur zulässig, wenn sie „für alle gleich“ ist.

Ich selbst habe meine damalige Entscheidung übrigens bereut, denn im Nachhinein ist ein Jahr wirklich nicht viel Zeit, und ob ich mit 24 oder 25 Jahren das Studium abschloss, würde mein Leben nicht verändert haben. Dafür fehlen mir jetzt praktische Fertigkeiten wie Bombenentschärfen, aus Fugzeugen springen, U-Boote steuern und Kampfjets fliegen, die ich schon oft praktisch einsetzen und als Söldner sogar monetarisieren hätte können. Jetzt, wo ich als Vagabund durch die Welt ziehe, sind die juristischen Staatsexamina im Vergleich dazu so nutzlos wie eine Kevlarweste gegen eine Panzerfaust. Aber auch ein Jahr bei einem sinnvollen Verein wie der Aktion Sühnezeichen hätte durchaus interessant und lehrreich sein können.

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Geburtstagswanderung von Wien nach Bratislava

Die ganze Nacht hatte es gestürmt und gewittert. Das war gut, denn so war die Luft am Morgen frisch, und es hatte gegenüber dem drückenden Julidurchschnitt um wohltuende zehn Grad abgekühlt. Perfekt zum Wandern.

Andererseits hingen noch immer dunkle Wolken über Wien, die sich jederzeit wieder aquatisch und elektrisch entladen konnten. Es gab eine Sturm- und Gewitterwarnung. Weniger gut zum Wandern.

Aber das war alles egal, denn die Entscheidung zum Aufbruch fiel nicht nach Wetterlage, sondern nach dem Kalender. Der 6. Juli ist mein Geburtstag, und es ist Tradition, dass ich an jenem Tag ein neues Land bereise, bevorzugt alleine. Da ich den Sommer über in Wien weile, ist die Slowakei das einzig nahe Land, das ich bisher noch nicht kannte. Nach Bratislava gehen Züge, Busse, Schiffe, aber diese Optionen würde ich mir für die Rückfahrt aufheben. Angespornt durch eine kürzlich absolvierte 24-Stunden-Wanderung blickte ich kurz auf die Karte (Bratislava schließt sich rechts an die untenstehende Kate an) und dachte mir: „Das kann man zu Fuß gehen.“ Nebenbei könnte ich so den Nationalpark Donau-Auen kennenlernen.

karte-donauauen

Dieser Entscheidungsprozess lief am Abend des 5. Juli an, denn irgendwie kommt dieser Geburtstag doch jedes Jahr überraschend. Um am nächsten Morgen keinen Rückzieher machen zu können und den Feiertag im Schaukelstuhl und mit Sachertorte zu verbringen, veröffentlichte ich das Vorhaben flugs auf Facebook. Die Vorbereitung beschränkte sich auf das Einpacken von Brot, Wurst, Käse, Mohrrüben und Zigarren.

Um 6:07 Uhr schaffe ich es am 6.7. aus dem Haus, verschlafen, aber stolz, so früh schon unterwegs zu sein. In der Straßen- und U-Bahn (ich musst ja erst einmal auf die richtige, also nordöstliche Seite Wiens gelangen) merke ich, dass Millionen Menschen ebenfalls schon auf den Beinen sind. Zur Arbeit, zum Flughafen, zur Uni und zur UNO. Dabei läge der Nationalpark so nah vor den Toren Wiens. Ist das keine tägliche Verlockung, den Schraubstock oder Schreibtisch hinter sich zu lassen, das Telefon auszuschalten und stattdessen den ganzen Tag im Wald herumzuspazieren? Anscheinend nicht.

Der Nationalpark hat sich hauptsächlich am Nordufer der Donau ausgebreitet, also wähle auch diese Seite. Ich will in der Natur und nicht neben der Straße laufen, wo schlimmstenfalls noch ein Auto anhält, mich mitnimmt und den sportlichen Plan zerstört. Der Weg verläuft anfangs auf einem Damm, der zum Hochwasserschutz dient. Hier bin ich also sicher, selbst wenn es den ganzen Tag regnen sollte. Auf so einem Damm entlang zu laufen, ist angenehm, weil man sich über die Orientierung keine Gedanken machen muss, weil keine Autos kreuzen und weil wegen der leicht erhöhten Lage ein Lüftchen weht, dass die Mücken vertreibt.

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Außerdem haben für mich als Bayern so Dämme durchaus etwas Exotisches an sich. Bei uns, wo wir von allen Europäern am weitesten entfernt vom Meer wohnen, gibt es nur Kartoffeläcker, keine Dämme und Deiche mit Ausblick auf Überseedampfer.

Auch der Donauradweg verläuft auf diesem Damm. Nur heute nicht, denn heute wird repariert und gebaut, ausgebessert und aufgeschüttet. Die Hochwasser werden immer höher (z.B. 2013), was auch daran liegt, dass all die Menschen, die ich morgens in der U-Bahn sah, lieber noch mehr Häuser und Parkplätze als Nationalparks bauen. Danke, Ihr Immobilienspießer! Dafür müssen die Bauarbeiter jetzt schuften wie die Biber.

Nach Schönau baut sich die erste Hürde auf meinem Weg auf. Vielleicht ein Zeichen, dass ich umkehren oder aufgeben sollte, aber das kommt jetzt nicht mehr in Frage. Außerdem wird sich die Dammsanierung vielleicht noch Jahre hinziehen, und ich bin nur diesen Sommer in Wien.

„Ja, wo möchten Sie denn hin?“

„Nach Bratislava.“

Die beiden k.u.k. Vermessungsingenieure sind gar nicht einmal so erstaunt, wie ich erwartet hätte. Es sind ja auch nur maximal zwei Tagesmärsche. Und mein Rucksack legitimiert mich als Wanderer, nicht als Hochwasserschutzsaboteur.

„Eigentlich müssten Sie da jetzt außenrum gehen, auf der Straße. Der Radweg ist auf 30 km gesperrt. Aber auf der Straße ist es ehrlich gesagt nicht so schön zum Wandern.“

Umleitung

„Ich wäre schon gerne durch den Nationalpark gewandert“, versuche ich zu flehen, auch weil ich merke, dass der Herr Zivilingenieur ganz verständnisvoll und nett ist.

“ Na gut. Dann geh weiter! Aber lauf in keinen Bagger rein und brich Dir kein Haxn.“

Ich bedanke mich, aufrichtig und hocherfreut, aber nach ein paar Kilometern finde ich dann doch einen Weg runter vom Fahrradweg und in den Wald. So praktisch ist dieser Nationalpark gar nicht, denn es gibt kaum sinnvolle Wanderwege. Die meisten sind nur Stichwege, die den Fernwanderer in die Irre und den Tod führen.

Das mit dem Tod ist nicht übertrieben. Nah am Wasser und sich der Mittagszeit nähernd, sind Flora, Fauna und Klima wie am Amazonas, mit all den Gefahren, die der Amazonas mit sich bringt: Sumpf,

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Treibsand, Schlangen, Löcher aus denen noch mehr Schlangen kommen,

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fleischfressende Pflanzen,

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Ratten,

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Kakerlaken, Giftkäfer

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und Taranteln.

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Immer wieder endet der Weg im Dschungel oder vor der reissenden Donau, in die sich zu werfen angesichts der Moskitoschwärme ein verlockender Gedanke ist. Aber ich kann nicht schwimmen.

Endlich erspähe ich einen Wegweiser. Hoffnung auf Zivilisation! Aber als ich näher komme, erkenne ich gerade noch rechtzeitig die Falle: Alle drei Pfeile weisen zum gleichen Ort. Das ist die Art von Indianerfalle, vor der Karl May gewarnt hat! Der unvorsichtige Wanderer soll damit in einen Hinterhalt gelockt werden, wo er dann aufgespießt und verspeißt wird.

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Aber ich bin schlauer und schlage mich in die vierte Richtung durchs Gebüsch. Nach einer verfluchten und fluchenden weiteren Stunde erreiche ich wieder das Ufer der Donau und sogar Reste einer einstigen Siedlung. Ich fühle mich, wie wenn ich nach etlichen Tagesmärschen Fordlandia erreicht hätte.

Fordlandia1Fordlandia2

Die Einwohner sind schon alle tot oder weitergezogen, aber das Höchstmaß an Luxus, das ich mir für den Geburtstag wünsche, haben sie zurückgelassen: eine Hängematte.

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Zeit für die erste Pause. Nach Bratislava sind es etwa 60 km. Das dürfte eigentlich in 24 Stunden zu schaffen sein. Aber wenn ich durch die Nacht laufen will, muss ich tagsüber ein bisschen schlafen. Überhaupt liegt mir dieser Rhythmus bei Mehrtageswanderungen mehr. So benötige ich weder Zelt noch Schlafsack. Wenn es kalt ist, bleibe ich in Bewegung, um nicht zu erfrieren. Tagsüber schlafe ich ein paar Stunden in einer warmen Wiese, im Park oder eben in einer Hängematte. So tanke ich Energie und Wärme – und übrigens auch Glück und Zufriedenheit. Probiert es einfach mal aus!

Auf der Höhe von Orth lockt eine Fähre, die mich nach Haslau am Südufer übersetzen würde. Ein Blick auf die Karte offenbart, dass dies die einzige Möglichkeit vor der Brücke ganz im noch weiten Osten des Nationalparks, ist. Sollte ich die nächsten 15-20 km am Nord- oder am Südufer gehen? So weit hatte ich nicht geplant. (Planung verdirbt das Abenteuer.) Aber wegen des gesperrten Radwegs und der Amazonasschwüle hatte ich den Norden schon satt. Es war Zeit für etwas Neues.

„Sind Sie der Fährmann?“ frage ich also den Hemingway an seinem Boot.

Er bejaht, wirft zuerst einen Tschick und dann den Motor an. Mit 115 PS zieht er gelassen an der Fluppe und vor dem unter litauischer Flagge fahrenden Dampfer „Korsika“ vorbei. Allein der Spaß ist die Überfahrt wert. „Das ist noch gar nichts“, erwidert der Kapitän. „In der Bucht dort drüben habe ich noch ein 500-PS-Boot.“ Ende Juli wird mich ein motorenfanatischer Freund in Wien besuchen, dafür merke ich mir das mal vor.

Die Fähre fährt übrigens jeden Tag bis 18 Uhr, kostet 4 € und ist unter 0664-421-0058 zu erreichen, falls Ihr am Südufer gestrandet seid und Richtung Orth übersetzen möchtet. Für mich sollte es die letzte motorisierte Hilfe auf dieser Wanderung bleiben.

Der Schiffsverkehr auf der Donau ist rege und international. Die „Зеленодольск“ aus der Ukraine fährt Stahl. Die „Rossini“ fährt Passagiere. Belgische, rumänische, estnische Flaggen rauschen vorbei, wie beim Eurovision Song Contest. Flußabwärts geht es schneller, logisch, aber in beide Richtungen sind die Schiffe zügiger als ich dachte. Meine atlantiküberquerenden Kreuzfahrten waren lahme Enten dagegen.

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Der Süden ist dann tatsächlich etwas zivilisierter als der Norden. Teilweise gehe ich auf einem Weg, der fast wie eine Römerstraße aussieht. Sollte hier einst tatsächlich die Grenze des Römischen Reichs verlaufen sein, mit der Donau als Naturlimes?

Römerstraße

Immer wieder laufe ich an kleinen Häusern vorbei, die auf Hochwasserschutzstelzen stehen. Eindeutig auch hier der römische Einfluss, von Venedig abgeguckt.

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Diese Häuschen sind unbewohnt und werden anscheinend allenfalls an Wochenenden von Anglern und Grillern frequentiert. Als Haus-, Wohnungs- und heute sogar Obdachloser finde ich solche Wochenendhäuser eine schreiende Ungerechtigkeit und Vergeudung von Wohnraum. Das gleiche Gefühl beschleicht mich immer, wenn mich der Weg durch Kleingartenkolonien führt. Da stehen Häuser, die mir von Umfang, Ausstattung und Lage absolut adäquat, ja oft richtig schön, für den Lebensmittelpunkt erscheinen. Aber während ich und meine Vagabundenkollegen unter Brücken oder auf Güterwaggons erfrieren, hält sich die Bourgeoisie Zweitpaläste für ihre Orgien warm. Diese Revolution, deren hundertjähriges Jubiläum wir heuer feiern, ging wohl nicht weit genug. Aber auch ich bin heute nicht revolutionär aufgelegt und spaziere an den Hütten vorbei, ohne den Hausfrieden zu brechen. Außerdem regnet es nicht, so dass ich gerade keinen Unterstand benötige.

Außerdem macht eine Rast ohne Haus oder sonstigen Besitz- oder gar Eigentumsballast viel mehr Spaß. Wo es mir gefällt, lasse ich mich nieder. Wenn es mir nicht mehr gefällt, ziehe ich weiter. Manchmal fragen mich Leute, ob ich angesichts meines Lebensentwurfs kein „Zuhause“ vermisse, und ich verstehe die Frage kaum, denn ich habe hunderte, tausende, ja fast ungebrenzt Zuhauses in allen Wäldern und auf allen Wiesen und Bergen dieser Welt, vom Titicaca-See bis zu den Karpaten. Und das alles ohne Immobilienmakler, Hypotheken und Mietverträge.

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Auch die Römerstraße, temporäre Hoffnung auf ein schnelles Vorankommen, endet früher oder später wieder in der grünen Hölle. Zwischen Regelsbrunn und Wildungsmauer verliert sich der Weg endgültig im Dickicht. Das kommt von diesen Naturschutz- und Nationalparkideen. Wenn doch nur die Römer noch das Sagen hätten!

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Nach Wildungsmauer gebe ich auf und gehe an der Straße entlang, bis die Landschaft dem Namen der Ortschaft entspricht. Etwa einen Kilometer schleppe ich mich auf der Straße ich an einer Mauer entlang, die mich an Wanderungen in Großbritannien erinnert. Sollte hier tatsächlich auch Kaiser Hadrian gebaut haben?

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Warum steht mitten im Kornfeld ein Theater?

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Und was sollen die toskanischen Pappeln hier?

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Tatsächlich bin ich in einer römischen Stadt gelandet, in Carnuntum. Mittlerweile hat die Stadt allerdings geheiratet und trägt einen dieser nervigen Doppelnamen, sie heißt jetzt Petronell-Carnuntum.

Das Amphitheater ist schon mal sehr verlockend als Schlafstelle. Wunderbar weiches Gras, wie Samt fühlt es sich unter den nackten Füßen an. Schöne Blumen statt Dschungelungetier. Ein höher gelegener Punkt mit kühlendem Wind, aber mit schützenden Kuhlen für die Nacht. Und das Rauschen der Pappeln.

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Innerhalb des Amphitheaters steht ein riesiges Zelt, falls es regnen sollte. Es ist so groß, dass sogar noch andere Tippelbrüder Unterschlupf fänden. Da fällt mir erst auf, dass ich den ganzen Tag keinen Kollegen gesehen habe. Arbeitet denn gar niemand mehr als Landstreicher? Dabei würde das Amphitheater je nach Informationstafel 12.000, 13.000 oder 15.000 Menschen fassen.

Es ist zwar erst nach 18 Uhr, aber dunkle Wolken schieben sich vor die Sonne, wie wenn just in diesem Moment das Klimaoptimum der Römerzeit in das Pessimum der Völkerwanderungszeit umschlagen würde.

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Hier könnte ich jetzt eigentlich glücklich einschlafen, aber dann wäre ich um Mitternacht wieder wach. Naja, ich bleibe erst einmal zum Abendessen an diesem schönen Ort. (Eine Schachtel Karotten ist übrigens billig und gesund, aber wirklich langweilig.)

Während ich so meine weiteren Schritte überlege, donnert es. Noch fern, aber jetzt weiß ich, weshalb der Wind so stark kühlt: Ein Sturm zieht herauf. Mit dem Sturm kommt der Drang, in diesem Fall der Drang zum Weiterziehen.

Und das, meine sehr verehrten Damen und Herren, war ein Fehler.

Durch Erfahrung klug geworden kann ich jetzt den Ratschlag geben: Wenn Ihr einen trockenen und geschützten Platz gefunden habt, legt Euch dort zur Ruhe, auch wenn die Schlafenszeit noch nicht gekommen ist. Es wird nicht besser!

Aber ich hatte auf der Karte bei Bad Deutsch-Altenburg, dem nächsten Ort, nur etwa 3 km entfernt, ein paar Höhlen entdeckt, in die ich mich retten wollte. So lief ich viel zu schnell und oberflächlich durch Petronell-Carnuntum, vorbei an Römermuseen, romanischen Kirchen und leider geschlossenen Burgen.

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Patrick Leigh Fermor war auf seiner Wanderung in solche Paläste eingeladen worden, und ich werde nicht ruhen, bis mir auch eines Tages solch ein Glück zuteil wird.

Der Regen wird stärker, ich werde schneller, um noch den Wald am Donauufer zu erreichen. Dort werde ich immer am Fluss entlang nach Osten laufen, hoffentlich ohne aufzuweichen, ohne in die Donau zu fallen, und ohne von Wildschweinen angegriffen zu werden.

Und dann passiert etwas, was mich vollkommen schockiert!

Ihr erinnert Euch an den Plan, tagsüber zu ruhen und nachts durchzulaufen, um der Kälte ein Schnippchen zu schlagen? Ein schlauer Plan, zugegeben. Nur einen Punkt hatte ich nicht bedacht: Nachts wird es dunkel.

„Ja klar“, sagt Ihr jetzt, aber so klar ist das nicht. Wenn man länger in der Großstadt wohnt, kann man das schon mal vergessen, weil auch nachts alles leuchtet. In Wien kann man nachts sogar noch im Park sitzen und ein Buch lesen, so hell wird man angestrahlt. Aber jetzt bin ich weit weg von Wien, weit weg von Parks, und weit weg von Lampen. Der große, runde Scheinwerfer da oben leidet gerade unter Mondfinsternis, und so wird es zuerst grau, dann dunkelgrün, dunkelbraun und schließlich schwarz. Pechschwarz. Und es schüttet. Ihr erinnert Euch an die Gewitterwarnung? Die Meteorologen haben Recht behalten. Nur mit ein ganz wenig Restlicht kann ich verhindern, dass ich in die Donau links neben mir falle. Ein falscher Schritt, und der Geburts- würde zum Todestag werden. Ein Wolkenbruch, durchzuckt von Blitzen, in deren kurzen Schein sich immer wieder zeigt, wie gefährlich nah am Wasser ich bin. Ein Wildschwein, ein Fuchs, ja selbst ein Hase, der mich erschreckt, alles könnte das Ende bedeuten. Wenn Donner und Blitz simultan zu- und einschlagen, weiß ich, dass die Himmelsmonster direkt über mir sind, wie wenn sie die einzige Seele aufgesucht haben, die sich diese Nacht in den dunklen Wald getraut hat. Und immer wieder tritt die Gefahr der Überschwemmung in den Hinterkopf.

Irgendein Schlaumeier in seinem Sessel wird jetzt fragen, „wieso nimmt der Depp denn keine Lampe mit?“ Nun, ich hatte schon eine Lampe dabei, aber wenn man allein im Wald ist, macht man sich dadurch erst recht zum Ziel für Scharfschützen. (Ich näherte mich immerhin der NATO-Außengrenze.) Ich zückte die Lampe nur einmal, um dieses Video aufzunehmen. Man beachte den Blitz, bevor ich das Licht anknipse.

Als ich total erschöpft Bad Deutsch-Altenburg erreiche, fängt es erst so richtig zu schütten an. Und hört nicht mehr auf. Eine halbe Stunde verstecke ich mich unter dem dicksten und schützendsten Baum im Park, aber dann dringen die Tropfen auch da durch. Ohne meinen Zauberhut macht der Regen einfach keinen Spaß.

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Ich laufe durch die Hauptstraße. Ein Restaurant+Gasthof ist gerade am Schließen und Staubsaugen. Ob noch ein Zimmer frei sei, frage ich. „Leider nein.“ Der Herr und die Dame sehen, wie patschnass ich bin, sehen, dass es stürmt und gewittert, aber eine Einladung, in der Gaststube zu nächtigen, erfolgt nicht. In Montenegro oder dem Iran wäre das nicht passiert, und ein Rakija oder ein Tee wäre auch noch drin gewesen.

Weiter ziehe ich durch das altdeutsche Dorf, denn der Weg zu den Höhlen ist mir jetzt zu dunkel, nass und gefährlich, aber um 22 Uhr sind schon alle Gaststätten geschlossen und die Fenster dunkel. Bei einer der „rund um die Uhr für Sie da“-Nummern an einem Hotel rufe ich an, aber niemand meldet sich. Dieses Dorf ist echt das sinnloseste Kaff Österreichs. Ich plädiere dafür, es zu Bombentestzwecken freizugeben.

Dann sehe ich die Rettung: eine Telefonzelle. Dass es so etwas überhaupt noch gibt! Als ich einsteige, merke ich sogleich, dass sie jedoch nicht mehr zur Telekommunikation, sondern als Aufzuchtstation für Giftspinnen (die ganz großen mit dem Kreuz) dient. Auch nicht ideal für eine lange Nacht. Lieber nass und kalt als gelähmt oder tot.

Die allerletzte Rettung ist der Bahnhof. Dort gibt es tatsächlich ein Glashäuschen auf dem Bahnsteig, sogar mit Tür, also windgeschützt und trocken. Ein letzter Zug kommt heute Abend noch vorbei, die S7 nach Wolfsthal um 23:22 Uhr. Das läge sogar auf meinem Weg und verlockend nah an Bratislava. Aber erstens wäre das gegen die Regeln, zweitens weiß ich nicht, ob es dort einen Unterstand gibt, drittens würde ich so den schönsten Teil der Strecke verpassen (soweit ich die Landkarte richtig interpretiert habe). Weniger regnen wird es in Wolfsthal auch nicht, eher gibt es dort noch mehr Wölfe. Wenn es morgen früh noch regnet wie bei Noah, muss ich den kleinen Ausflug sowieso abbrechen.

Nachdem die S7 weg ist, bleibt das Wartehäuschen geöffnet und beleuchtet. Danke, ÖBB! So verbringe ich also meinen Geburtstag. Nass und kalt habe ich nicht einmal Lust auf eine der mitgebrachten Zigarren. Zu trinken gibt es in diesem Kaff übrigens auch nichts.

Gegen Mitternacht wird der Regen noch stärker (er ist jetzt auf tropischem Regenzeitniveau). Wenn ich noch unterwegs gewesen wäre, hätte ich vielleicht sogar eine Überschwemmung erlebt. Fehlt nur noch ein Erdbeben zum perfekten Geburtstag.

Oh, die Anzeigetafel kündigt schon den nächsten Zug an: Die S7 nach Wien um 6:11 Uhr. Wieso fahren eigentlich nachts keine Züge, obwohl die Gleise rund um die Uhr zur Verfügung stehen? (Für solche Verbesserungsvorschläge sollte ich mit einer Österreichcard belohnt werden.)

Was mache ich jetzt die ganze Nacht? Die Bänke/Sitze sind nicht zum Hinlegen geeignet, und es wird stündlich kälter werden. Eine ganze Nacht ohne Schlaf war als Student und Rechtsanwalt normal, aber jetzt ist es fast unschaffbar. Zum Glück habe ich einen dicken Wälzer dabei. Sechs Stunden Habsburgergeschichte, das wird hart.

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Bald gewinnt die Müdigkeit. Ich lege mich einfach auf den Steinfußboden, mit dem Ruckack als Kopfkissen. Sofort schlafe ich ein. Erst um 2:30 Uhr wache ich das erste Mal auf, so unbequem kann es also nicht sein. Und das Beste: Es hat zu regnen aufgehört! Aber ich fühle mich auf dem blanken Beton und ohne Decke so wohl wie in einem Bett und will oder muss noch weiterschlafen. Hoffentlich wird der kommende Tag sonnig, so dass bald eine trockene Wiese zu finden sein wird. Denn ohne eine solche Rast wäre es auf keinen Fall drin, die noch fehlenden etwa 20 km nach Bratislava zu gehen.

Um 3:50 Uhr fühle ich mich schon fitter. Oder ich will einfach weg von diesem Ort. Die Vögel zwitschern schon, also packe ich den Rucksack und ziehe los, noch ins Dunkle hinaus.

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Dieses Dunkle ist auch weiterhin tückisch, denn neben dieser Kirche wollte ich übers Feld laufen. Es sieht nach einer Abkürzung aus, findet Ihr nicht auch?

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Zum Glück stand da ein Zaun, der mich zum Außenherumlaufen zwang. Denn als ich auf der anderen Seite angekommen war, erkannte ich, dass hinter der Kirche eine steile Klippe abfiel (vielleicht auch von den Römern erbaut, so wie die in Dover). Mit diesem perfiden Trick füllt dieses Kirchlein wahrscheinlich seinen Friedhof.

Klippe Kirche.JPG

An wie vielen gefährlichen Stellen ich wohl letzte Nacht im Dunkeln knapp vorbeigestolpert bin? Mit meinem Glück sollte ich die nächste Wanderung durch ein Minenfeld machen.

Jetzt kann ich Euch mitteilen, dass es in Mitteleuropa im Sommer um 4:30 Uhr hell wird und dass Ihr mit jeder darüber hinausgehenden Stunde Schlaf beste Lebenszeit vergeudet. Und es sieht nach einem wunderschönen Tag aus!

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Um 6 Uhr bin ich schon in Hainburg. Bis auf die schönen Ausblicke auf Donau und Burgen nützt mir das aber nichts, weil noch kein Laden offen hat. Dies ist der letzte Ort vor Bratislava. Ohne einige Liter Wasser kann ich das letzte Teilstück nicht angehen. Auf der Suche nach einer Tankstelle, einem Supermarkt oder einem hochmotivierten 24-Stunden-Dönerladen ziehe ich durch die Stadt. Fehlanzeige. Lidl und Hofer öffnen um 7:40, Penny um 7:30, also bleiben mir noch eineinhalb Stunden.

Dann sehe ich mir eben Hainburg an. Zwischen den drei Supermärkten steht das Pestkreuz, zum Gedenken an Pest von 1679. Wahrscheinlich hat sich die Pest nur ausgebreitet, weil die Märkte geschlossen waren und niemand Medizin, Impfstoffe oder Seife kaufen konnte.

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„Altes Kloster“ steht an einem Gebäude, das eher wie eine Kaserne für eine gesamte Infanteriedivision aussieht. Überhaupt ist es eine imposante Stadt, die ausweislich ihrer Gebäude mal militärisch bedeutsam war.

Wegen des Hochwassers fährt die Eisenbahn hier auf der Stadtmauer.

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Vor der Kirche finde ich endlich einen Trinkwasserbrunnen, aler leider habe ich meine leeren Flaschen schon weggeworfen. Ein schwerer Fehler, der mich einige Stunden kostet. Wie ein Anfänger, peinlich.

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Vor dem Penny-Supermarkt, dessen um 10 Minuten frühere Öffnungszeit sich auszuzahlen scheint, versammeln sich schon die Hungrigen. Eine Frau, die ständig mit ihrem Minihund und auf den Regen von letzter Nacht schimpft (da stimme ich zu), will gar nicht glauben, dass man allein Wandern geht. „Ist das nicht gefährlich?“ Nein, nur nass.

Ich müsse sehr aufpassen, wenn ich nach Bratislava käme, warnt sie mich: „Die Leute dort stehlen alles. Nachts können Sie da nicht auf die Straße gehen, sonst werden Sie erschlagen.“ Bei solch dramatischen Prophezeiungen kann ich meinen amüsierten Unglauben nicht verhehlen. „Doch, doch, glauben Sie mir,“ insistiert die Apokalyptikerin, „meine Schwiegertochter ist Slowakin.“

Dann öffnet der Supermarkt, und die Österreicherin, die Angst vor den nahen Nachbarn hat, steckt ihren Hund in den Einkaufsbeutel. „Sonst kann ich ihn nicht mit reinnehmen, weil Hunde im Supermarkt nicht gestattet sind.“

Drei Liter Wasser und eine Tafel Schokolade müssen reichen, auch weil sonst das Geburtstagsbudget gesprengt würde.

Am Ausgang von Hainburg, schon wieder an der Donau, wartet ein älterer Mann mit Hund auf mich. Er schimpft weder mit seinem Hund, noch über sonst etwas, sondern begrüßt mich freundlich: „Wir haben Sie schon von Weitem gesehen, und waren neugierig.“ Ich erzähle ihm, wohin ich gehe, und er freut sich für mich: „Da haben Sie eine schöne Strecke vor sich, im doppelten Sinn“, grinst er aufmunternd. „Aber in Bratislava können Sie sich dann erholen.“

Dieses Phänomen habe ich immer wieder erlebt: Menschen, die grundsätzlich eher ängstlich, pessimistisch oder negativ sind, haben auch Angst vor Fremden und der Fremde. Menschen, die eher positiv, optimistisch und fröhlich veranlagt sind, freuen sich eher über das Fremde und Neue. Manchmal habe ich den Eindruck, dass diese Grundeinstellung mehr mit der Meinung gegenüber Fremden, Ausländern oder Flüchtlingen korreliert als alle politischen Einstellungen.

Wie erwartet hat der fröhliche Mann Recht und die missmutige Frau Unrecht. Gefährlich ist das Alleinwandern nicht, aber der Weg ist tatsächlich der schönste Abschnitt des ganzen Wochenendes. Weit weg von der Straße, von Dörfern, von Verkehr geht es auf kleinen Pfaden durch Laubwälder, durch in den Fels gehauene Durchgänge und durch ein Meer aus dutzenden Schattierungen von Grün.

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Und dann ein Ausblick, der für alle Strapazen entschädigt, der die harte Nacht, das Stapfen durch den Regen, den Durst und die Verzweiflung vergessen macht.

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Hier lasse ich mich nieder!

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Gegenüber ist schon die Slowakei, genauer die Burg Devín (auf Deutsch: Theben) am Zusammenfluss der beiden Grenzflüsse March und Donau. Hier liegen – Achtung, geschichtsverfälschender Nationalismuskitsch – die Wurzeln der slowakischen Nation, die sich hier aus dem Großmährischen Reich entwickelt hat. Devín war über Jahrhunderte Pilgerstätte und Projektionsort slowakischer Rebellen und Dichter, die hier an der Identität des zu schaffenden Staates bastelten.

Jedenfalls sollte eigentlich hier die Hauptstadt sein, nicht in Bratislava. Ist sie aber nicht. So habe ich noch ein paar Stunden vor mir, weniger wegen der Entfernung (7 oder 8 km), als wegen Müdigkeit und Mittagshitze.

Die Grenze wird die Grenzschutzfanatiker, deren Zahl in Österreich zu- dann aber bei eigenen Urlaubsreisen wieder abnimmt, übrigens enttäuschen. Man läuft da einfach durch den Wald, ohne Zaun, ohne Stacheldraht, ohne Hunde, ohne Grenzposten, ohne Pass, ohne Stempel, ohne Schlagbaum, ohne Schießbefehl. Es hängt noch ein slowakisches Schild am Baum, das österreichische ist schon abmontiert.

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„So eine Sauerei! Da kommen die ganzen Horden zu uns“, würde die wütende Frau vor dem Supermarkt wahrscheinlich sagen. Und der freundliche Herr am Fluss würde antworten, dass es doch schön sei, dass wir jetzt alle Europäer sind und niemand mehr erschossen wird oder in der Donau ertrinken muss. Nicht einmal die Hasen haben noch Angst vor dem Tod im Kugelhagel.

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Auf der slowakischen Seite entdecke ich dann tatsächlich noch richtige Grenzschutzanlagen, die 1938 jedoch den deutschen Einmarsch nicht verhindert haben.

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Gegen das Münchner Abkommen hatte selbst der dickste Betonbunker keine Chance. (Wer mehr davon sehen will, für den gibt es das Museum der Tschechoslowakischen Befestigungsanlagen.) Tja, wenn die Deutschen damals doch mehr Geduld gehabt und noch zwei Generationen gewartet hätten. Jetzt kann jeder, der will, in die Slowakei wandern, dorthin umziehen, sich niederlassen, und das alles ohne Krieg und Völkermord. Und dazwischen war hier zwei Generationen lang das Ende Westeuropas bzw. Osteuropas, eine fast undurchdringliche Grenze. Solchen ernsten Gedanken hänge ich nach, als Bratislava zum ersten Mal Sichtkontakt herstellt.

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So eine Wanderung ist wie ein Marathon. Die letzten Kilometer hauen ganz schön rein. Ich hätte den ganzen Tag gegenüber der Burg Devín bleiben sollen, unter den Bäumen, und den Schiffen zusehen, etwas schlummern, dazwischen lesen und rauchen, und erst am Abend weiter wandern, wenn es nicht mehr so heiß wäre. Aber so nah am Ziel wirkt die slowakische Hauptstadt wie ein Magnet.

Dabei weiß ich gar nicht, was mich dort erwartet. Zuerst einmal eine Parkbank an der Donau und die Kombination aus Erschöpfung und Erleichterung, gewürzt mit einer Prise Stolz. So kaputt sitze ich endlich im Schatten, dass sich die vorbeisausenden Jogger, Skater, Rollschuh- und Radfahrer wundern, was mich so fertig gemacht hat. Die können ja nicht ahnen, dass ich erst einen Tag zuvor in der Hauptstadt des benachbarten Landes losgegangen bin. Wer geht schon in zwei Tagen von Hauptstadt zu Hauptstadt? Ich fordere meine Leser aus Berlin, Paris und Moskau auf, das erst einmal nachzumachen!

Ich merke, dass ich zu kaputt bin, um Bratislava zu genießen. Da ich mit dem Bus oder Zug jederzeit in einer Stunde hier sein kann, entscheide ich mich, die Erkundung der Stadt auf später zu verschieben, und jetzt erst einmal in mein Bett zu reisen. Mit bis zu 70 km/h brause ich mit dem Twin City Liner in 90 Minuten stromaufwärts. Ein teures Vergnügen (35 €), und nach der Wanderung fast zu schnell, aber durch den Fahrtwind bleibe ich wenigstens noch wach. Und wenn ich jetzt die Ufer und Buchten, die Burgen und Wälder von der Donaumitte in umgekehrter Reihenfolge aus sehe, spult sich der ganze Film der Wanderung rückwärts ab.

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Übrigens: In Bratislava war ich zwar nur ein paar Stunden, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass man dort Raub und Totschlag fürchten muss. Der ängstlichen Dame würde etwas Reisen gut tun. Sie muss ja nicht alles zu Fuß gehen.

(Read this article in English.)

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Österreichisch für Deutsche

Dass der erste Monat im Jahr Jänner heißt, wusste ich schon. Den Begriff heuer für das gegenwärtige Jahr verwende ich als Süddeutscher ebenfalls. Und weil ich manchmal für eine österreichische Kanzlei Schriftsätze ins Englische übersetze, habe ich über die Zeit österreichische Fachbegriffe aufgeschnappt, wie Exekution für Zwangsvollstreckung, Firmenbuch für Handelsregister oder Verlassenschaftskurator für Nachlassverwalter.

Aber bevor ich nach Wien zog, war mir nicht bewusst, wie viele neue Vokabeln und Redewedungen ich lernen muss, um nicht als Piefke aufzufallen.

Es beginnt im Detailverkauf (Einzelhandel), wo man Paradeiser (Tomaten), Erdäpfel (Kartoffeln), Marillen (Aprikosen) und Faschiertes (Hackfleisch) kauft und an der Kassa gefragt wird, ob man ein Sackerl wünscht, während man im Geldbörsel kramt. Übrigens geht hier kein Einkauf und keine Essensbestellung vonstatten, ohne dass man sich mehrfach guten Appetit und einen schönen Tag wünscht und sich gegenseitig immer wieder für die Wünsche bedankt.

Bei Halbmarathons oder ähnlichen Bewerben gibt es die Jause an der Labestation.

Im Heurigen oder im Schanigarten hilft mir oft auch die Speisekarte nicht viel weiter. Was zum Henker ist ein Blunzengröstl? Da bleibe ich sicherheitshalber bei den Mehlspeisen. Die Topfenmäuse werden schon keine echten Mäuse sein.

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Manchmal denkt man, der Österreicher will lustig sein, aber Mistkübel ist wirklich das gängige Wort für Mülleimer. Die Männer, die diese berufsmäßig leeren, heißen Mistkübler. Die Textilreinigung heißt Putzerei. Im Flieger nutzt man zum Entsorgen notfalls das Speibsackerl.

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Die politische Berichterstattung wartet auch mit etlichen Austriazismen auf. Manche, wie Asylwerber, erschließen sich sofort. Andere, wie Klubobmann, erst aus dem Zusammenhang. Klubs sind keine Vereine zum Singen, Trinken oder Kicken, sondern die Fraktionen im Nationalrat. Und die Klubobmänner und Klubobfrauen sind die jeweiligen Franktionsvorsitzenden. Die Ministerpräsidenten der Bundesländer heißen Landeshauptmänner, Landeshauptfrauen bzw. Landeshauptleute. Politiker werden nicht vereidigt, sondern angelobt. Der Tarifvertrag heißt Kollektivvertrag.

Bis jetzt war es relativ einfach. Es ging ja nur um neues Vokabular. Aber auch Verben werden in Österreich anders verwendet. Sich ausgehen ist darunter wohl das wichtigste. Es beudetet so viel wie „passen“, vor allem in zeitlicher, aber auch in räumlicher und organisatorischer Hinsicht. Beispiele: „Der Zug fährt erst um viertel drei, das geht sich locker aus.“ „Ich hätte 15 Seiten für Sie zum Übersetzen. Bis wann geht sich das bei Ihnen aus?“ Verwirrenderweise bedeutet das, dass sich das Geld für den Monat nicht ausgeht, wenn es voraussichtlich ausgehen wird.

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Ausfassen hat auch eine andere Bedeutung, wie ich der Berichterstattung über das Urteil im NSU-Prozess entnommen habe: „Ein hartes Urteil fasste auch der Mitangeklagte Ralf Wohlleben aus, er muss als Waffenbeschaffer zehn Jahre hinter Gitter.“

Sogar Präpositionen werden anders verwendet. So heißt es in einer Einschaltung (Annonce), dass man 10 Ausgaben einer Zeitung um nur 10 Euro abonnieren könne.

Ich habe diesen Artikel bewusst schon nach meinen ersten zwei Wochen in Wien geschrieben, so dass Ihr allfällige Ergänzungen beisteuern könnt. Das wäre leiwand (super, dufte). Bisher bin ich beeindruckt von der Menge und dem Ausmaß der Unterschiede zwischen Deutsch und Österreichisch. Wir bräuchten ja fast Übersetzer, wie zwischen den verschiedenen serbokroatischen Sprachen. Aber ich werde das schon schupfen! Insbesondere, wenn ich weiterhin jeden Tag mit offenen Augen und Ohren durchs Grätzl gehe.

Bis dahin, baba!

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Erste Eindrücke

Am Bahnsteig in Regensburg wartet neben mir ein junger Mann ebenfalls auf den Zug nach Wien. Er ist ganz in schwarz gekleidet, mit schwarzem Baseball-Cap, schwarzer Sonnenbrille (die Sonne scheint nicht), schwarzen Kopfhörern und schwarzem Rucksack. Mit seinen Muskeln könnte er den einfahrenden ICE per Hand stoppen.

Im Zug finde ich mich auf einem Sitzplatz gegenüber von ihm wieder. Der Bodybuilder packt einen dicken Wälzer – „Was ein Einzelner vermag – Politische Zeitgeschichten“ von Heribert Prantl – und eine Tupperware-Box mit Gurkensalat aus seinem Rucksack und vertieft sich in die Lektüre.

Ich habe mich wohl in ihm getäuscht und schäme mich etwas über meine Oberflächlichkeit.

Kaum rollen wir aus Regensburg hinaus, bauen sich zwei Männer in Zivilkleidung neben uns auf: „Polizei, Ausweiskontrolle“, wenden sie sich nur an den jungen Mann, der die Sonnenbrille und Kopfhörer schon abgenommen, aber das Käppi noch auf hat.

„Sprechen Sie Deutsch?“ fragt der Polizist.

„Selbstverständlich“, antwortet der anscheinend Verdächtige freundlich, aber mit einem nicht ganz zu unterdrückenden Lächeln.

„Das sehen Sie doch an dem Buch“, werfe ich hilfreich ein, auch weil ich genervt bin, dass bei einer Zugfahrt zum wiederholten Mal mein Gegenüber kontrolliert wird, während ich in Ruhe gelassen werde.

„Darauf habe ich gar nicht geachtet“, erwidert der Kriminalist. „Ich muss mich auf das Wesentliche konzentrieren.“

Was das Wesentliche ist, dass den lesenden jungen Mann von allen anderen Reisenden in diesem Waggon unterscheidet, erfahren wir nicht. Aber wir können es uns denken.

Falls mal jemand Geld, Drogen oder Waffen schmuggeln muss, heuert einfach so jemanden wie mich an (weiß, Mitte 40, konservativer Kleidungsstil, kurze Haare, keinen Bart). Wir werden nie kontrolliert.

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Anthony Bourdain, 1956-2018

Essen ist ein wichtiger Bestandteil des Reisens. Für manche ist es sogar der wichtigste und interessanteste Teil.

Für mich persönlich ist die Nahrungsaufnahme leider der Teil des Lebens, in dem ich am wenigsten abenteuerlustig bin. Ich wünsche, ich wäre offen genug, um alles einmal zu kosten, aber wenn etwas komisch aussieht (Meeresfrüchte), wenn es aus komischen Teiles eines Tieres zubereitet wird (gekochte Schafsköpfe) oder wenn es sich um ein Tier handelt, das ich niemals mit Essen in Verbindung gebracht habe (Meerschweinchen), dann probiere ich es nicht einmal. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand diesem Blog wegen der Artikel über Essen folgt.

Aber es gab zwei kulinarische Fernsehsendungen, die ich mir gerne ansah: No Reservations und Parts Unknown, beide mit Anthony Bourdain.

Was die Nahrung angeht, gefiel mir sein Fokus auf einfache Gerichte und auf Imbissbuden am Straßenrand.

Weil ich weder zu viel Zeit noch zu viel Geld für Essen ausgeben möchte, setze ich mich auch oft an den Straßenrand und bestelle einen Teller von was auch immer in einem großen Kochtopf blubbert oder auf dem Grill schmort. So entdeckte ich Falafel in Israel, Arancini in Sizilien und Trancapechos in Bolivien. Alles Gerichte, die besser sind als das meiste, was man in schnieken Restaurants bekommt.

Aber was mir wirklich an den Sendungen von Anthony Bourdain gefiel, ist dass sie übers Essen hinausgingen und im Grunde viel ernsthafter waren als die meisten Reisesendungen. Niemals belästigte er die Zuschauer mit der hundertsten Fahrt durch die Lagune von Venedig oder einen Besuch des Eiffelturms, sondern er spazierte in die Seitenstraßen, kam mit Leuten ins Gespräch und hoffte immer, dass sie ihn nach Hause einladen würden.

Und dennoch konnte er dabei auch ernste Themen behandeln und sie einem Pulikum zugänglich machen, das anfänglich nur an exotischen Speisen interessiert war. Ein bisschen wie dieser Blog, der auch mehr als ein Reiseblog sein will.

Mit aller Kraft versuchte Anthony Bourdain den Menschen zu zeigen, dass die Welt erst einmal nicht gefährlich, sondern interessant ist, auch die Länder, die eine Konnotation der Gefahr mit sich tragen. Hoffentlich geht diese Botschaft nicht verloren, jetzt wo Anthony Bourdain nicht mehr unter uns weilt.

Weil jeder davon auszugehen scheint, dass sein Tod ein Suizid war (oder war es Russland?), sollte ich auch dazu ein paar Gedanken äußern.

Mich überrascht die Zahl der Leute, die überrascht reagieren. „Er war doch immer so lebenslustig.“ Ich hatte hingegen immer jemanden gesehen, der eher nachdenklich und etwas bedrückt war. Aber selbst wenn jemand nach außen immer lustig und voller Energie ist, was erwarten die Leute denn? Denken die, dass jeder, den das Leben ankotzt oder einfach nur langweilt, weinend in der Ecke sitzt?

Eine weitere Reaktion, die mich stört, ist dass sofort „psychische Probleme“ vermutet werden, oft in Verbindung mit dem Wunsch, dass er sich doch „professionelle Hilfe“ hätte holen sollen, dann wäre er noch am Leben. Es geht niemanden etwas an, ob jemand anders leben will oder nicht. Es ist die Entscheidung des Betroffenen und seine Entscheidung allein. Der Grund muss nicht einmal eine schwerwiegende pyschologische Angelegenheit sein. Die Entscheidung, sein Leben zu der selbstgewählten Zeit und in einer selbstgewählten Art zu beenden, kann vollkommen rational sein. Ich habe ehrlich gesagt Respekt für Menschen, die den Mut für diese ultimative Entscheidung aufbringen.

Wie immer in solchen Fällen suchen die Menschen nach Anzeichen. „Wie hätten wir das früher bemerken können?“, anscheinend in dem Glauben, dass es ein entscheidendes Merkmal gibt, das alle Menschen teilen, die sich mit dem Gedanken an einen Suizid befassen. Das gibt es nicht, und bis Menschen verstehen, dass nicht jeder wie sie denkt, werden sie diese Anzeichen nie erkennen. Falls man es überhaupt kann. Denn wo der eine ein erfülltes Leben sieht, erkennt der andere, dass es nicht so ist. Wo jemand einen Grund sieht, am Leben zu bleiben, ist der andere nur gelangweilt. Wo einer Angst vor dem Tod hat, weiß der andere, dass ein erfolgreicher Selbstmord die eine Entscheidung im Leben ist, die man sicher niemals bereuen wird.

Und lasst Euch niemals täuschen von der „Abenteuerlust“ oder sonstigen scheinbar lebensbejahenden Einstellung. Schließlich ist die Suche nach Abenteuern (und das Essen von komisch aussehenden Tieren) auch eine Art, jeden Tag und jeden Teller mit dem Tod zu spielen. Mir scheint sogar, dass Selbstmord durch Abenteuer die einzige gesellschaftlich akzeptierte Form des Suizids ist.

(Read this article in English.)

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