Ich bin immer skeptisch, wenn Leute auf eine Zahl oder eine Statistik starren und dann glauben, dass man daraus viel für die Wirklichkeit ableiten könne, ohne die näheren Hintergründe zu verstehen.
Ja, die Scheidungsquote ist heute höher als vor 100 Jahren, aber das bedeutet nicht, dass die Menschen beziehungsunfähiger geworden sind. Es gibt heute ganz andere rechtliche und wirtschaftliche Voraussetzungen, eine tolerantere Gesellschaft und eine längere Lebenserwartung. Eine niedrige Scheidungsquote ist keine Kunst, wenn die Männer sowieso alle im Krieg sterben.
Ja, das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Liechtenstein ist viermal so hoch wie in Deutschland. Aber das nützt dir nichts, wenn du in Liechtenstein nicht als Briefkastenfirma, sondern als Busfahrer schaffst. Es bringt dir nicht einmal ein höheres Trinkgeld ein, weil Briefkastenfirmen nur selten mit dem Bus fahren. Selbst wenn der Bus „Postauto“ heißt, um sich – wie anscheinend alles in Liechtenstein – bei den Briefkastengaunern anzubiedern.
Ja, die Löhne in Rumänien sind niedriger als in Deutschland, aber dafür zahlen 95% der Bevölkerung keine Miete, weil sie ihr eigenes Häuschen haben. Wobei auch diese Zahl wiederum mit Vorsicht zu genießen ist. Etliche Leute haben zwar ein Haus oder eine Wohnung oder mehrere, brauchen diese aber gar nicht. Sie können sie aber kaum verkaufen, weil jeder andere auch schon ein paar Häuser geerbt hat. Dazu kommen Landflucht und Auswanderung, so dass die Statistik über Immobilienbesitz gar nicht so viel über die Lebensrealität aussagt. Wie eben die meisten Statistiken.
Es ist also alles viel komplizierter als eine einzige Zahl und die voreiligen Rückschlüsse, die man daraus ziehen will.
Daran habe ich gedacht, als ich am Freitag bei der Impfung gegen die Grippe war. Das ist die Influenza, nicht zu verwechseln mit den Influencern. Gegen die gibt es leider noch keine Prophylaxe, da hilft nur die Vollnarkose.
Es gibt nämlich krasse Unterschiede zwischen den Ländern bei der Impfquote (hier die Werte für die über 65-Jährigen): Am besten sind Südkorea und Mexiko, zwei eigentlich sehr unterschiedliche Länder, mit jeweils über 83%. In Deutschland liegen wir bei 40%. In Europa sind die nordischen Länder, aber auch Spanien und Griechenland vorne, einige osteuropäische und baltische Länder ziemlich weit unten. Deutschland und Luxemburg haben so einen komischen Zwischenstatus, nichts Halbes und nichts Ganzes.

Was lernen wir jetzt daraus?
Wenn ich nur erwähnen würde, dass Südkorea die höchste und Polen die niedrigste Impfquote hat, würden sofort die Vorurteile von gut organisierten Asiaten und fatalistischen Katholiken ausgepackt. Aber Mexiko hat fast die gleiche Quote wie Südkorea, obwohl Mexikanerinnen noch viel gottesfürchtiger sind als Polinnen.
Ich hatte mal eine Freundin aus Mexiko, die wollte, dass ich ihr aus Rom einen Rosenkranz mitbringe, der vom Papst gesegnet worden war. Weil ich von so Firlefanz nichts halte, habe ich einfach an einem dieser Tandläden, die rund um den Vatikan ihr halbseidenes Unwesen treiben, einen Rosenkranz gekauft, nach Mexiko geschickt und behauptet, der Papst habe ihn persönlich gesegnet und übermittle seine besten Wünsche. „Weniger Arbeit, mehr Fokus aufs Studium, und laden Sie Andreas doch mal nach Mexiko ein“ oder irgend so etwas Lebenspraktisches hat er dazugeschrieben. Diese Päpste treffen ja immer den richtigen Ton, das lernen die schon im Priesterseminar.
Leider hatte die misstrauische Mexikanerin auf der Arbeit einen Internetanschluss und fand heraus, dass der Papst in der Woche meines Aufenthalts in Rom gar nicht zuhause gewesen war. Das war nämlich damals dieser polnische Reisepapst. (Und siehe da, schon haben wir die Verbindung zwischen Polen und Mexiko.) Ich wollte mich damit herausreden, dass es in der Geschichte schon oft zwei Päpste gleichzeitig gegeben hatte, und wie solle ich als Atheist entscheiden, welcher von den beiden der echte ist. Ehrlich. Aber das Vertrauen war dahin. Die Freundin wandte sich von mir ab und einem katholischen Impfskeptiker zu. Der starb später an Covid-19.
Aber eigentlich wollte ich auf etwas anderes hinaus.
Ich vergleiche mal die Impfquoten von Deutschland (40%) und Kanada (67%). Das sind zwei ähnlich entwickelte, reiche, friedliche, relativ säkulare Länder. Was erklärt den Unterschied? Viele Leute würde jetzt irgendeinen Grund aus dem Biberpelzhut ziehen, und wenn ihnen sonst nichts einfällt, sind es am Ende „kulturelle Unterschiede“. Sorgen sich Kanadier mehr um ihre Mitmenschen? Oder um sich selbst? Sitzen Deutsche mehr zu Hause, so dass sie sowieso niemanden anstecken? Oder liegt es am Wetter? Kanada ist ja viel kälter.
Aber wenn man näher hinsieht, tragen all diese Gründe nicht. Australien (definitiv nicht besonders kalt) liegt z.B. viel näher an der kanadischen als an der deutschen Quote. Eigentlich ist das alles Kaffeesatzleserei, und die Gründe stammen meist aus dem Fundus der Vorurteile.
Wahrscheinlich hätte ich genauso herumgerätselt und -geraten, wenn ich nicht zufällig die beiden Impfsysteme von Kanada und Deutschland kennen würde. Reisen bildet wirklich, zumindest wenn man etwas genauer hinsieht.
Vor ein paar Jahren verbrachte ich einen Winter in Kanada.
Ich ging zum Einkaufen in so eine komische Shopping Mall, wo es alles gibt außer einer Buchhandlung. Aber ansonsten echt alles, von Fast Food bis zu Möbeln, vom Friseur bis zur Bankfiliale, von Ahornsirup bis zu Jagdgewehren. Und vor jeder Apotheke und vor jedem Drogeriemarkt stand ein großes Schild „FLU SHOTS FOR FREE“ oder ähnliches. Überall in der Stadt, wo Pillen oder Mullbinden verkauft wurden, hingen große Plakate, die zur Grippe-Impfung einluden.

Weil ich schon mal da war, dachte ich mir: Eigentlich eine gute Idee. Also ging ich in in den Drogeriemarkt, der eine kleine Apothekenecke hatte. Keine Ahnung, ob das Fräulein wirklich Apothekerin war, aber sie trug einen weißen Kittel. Sie fragte nach meiner Krankenversicherung, die ich natürlich nicht hatte. Zumindest keine kanadische. Sie war sehr hilfsbereit und wollte irgendwelche Optionen eruieren, damit ich trotzdem kostenlos geimpft werden könnte, aber ich fragte einfach, was es denn koste. 14 Dollar, sagte sie, das sind weniger als 10 Euro. Das kann ich mir noch leisten, sagte ich. Sie führte mich in ein Impfhinterzimmer, führte die Impfung durch und bat mich, die nächsten 10 Minuten in der Shopping Mall zu bleiben und sofort zurückzukommen, wenn ich Schmerzen oder Schwindel verspüre. Ich verspürte nur Hunger.
Das war’s. Ohne Termin. Ohne Wartezeit. An jeder Ecke erhältlich. An sieben Tagen die Woche. Unkompliziert. Niederschwellig. Es gibt sogar Drive-Through-Impfungen, wo man nicht mal aus dem Auto aussteigen muss.
Jetzt bin ich zurück in Deutschland.
Hier kann man natürlich einen Termin beim Arzt vereinbaren. Aber ich weiß, dass Ärzte echt viel zu tun haben, und ich will sie nicht wegen Kleinigkeiten behelligen.
Ich will eigentlich nie irgendjemanden inkommodieren, das ist eine Marotte von mir. Ich gehe zum Beispiel in den letzten 30 Minuten vor Ladenschluss nicht zum Einkaufen, weil ich denke, die Leute wollen Feierabend machen und schon langsam aufräumen. Beim Konditor kaufe ich nicht den Kuchen, nach dem mir intrinsisch gelüstet, sondern ein Stück von dem Kuchen, der ein Ladenhüter ist. Denn ich denke mir: „Der arme Bäckermeister wird verletzt sein, wenn eines seiner Werke keinen Absatz auf dem hart umkämpften Markt für Süßwaren findet.“ Ich drücke auch nicht den Ampelknopf für den Fußgängerüberweg, wenn ich sehe, dass ein Bus kommt. Denn ich fände es unangemessen, wenn 30 Menschen wegen einem Menschen warten müssen. Ich glaube, wenn ich einmal nach Hause käme und da säße ein Fremder auf der Couch, würde ich sagen: „Oh, Entschuldigung, ich wollte nicht stören.“ Nur wenn ich das Gefühl habe, dass mich jemand verarscht, dann werde ich fuchtig.
Diese Rücksichtnahme ist ein typisch japanischer Wesenszug, was mal wieder zeigt, wie falsch man mit kulturellen Stereotypen liegen kann. Ich bin nämlich kein Japaner und war noch nie in Japan. Ich würde gerne, aber ich habe die Befürchtung, dass ich in kulturelle Fettnäpfchen treten würde und dass die Japaner dadurch behelligt würden. Nicht durch meine Fehltritte direkt, sondern durch den Zwiespalt, sich überlegen zu müssen, ob es weniger unhöflich ist, meinen Fauxpas zu ignorieren oder mich dezent darauf hinzuweisen, damit er nicht öfter vorkommt.
In Montenegro habe ich einmal an einem verregneten Tag eine Japanerin getroffen, oben auf der alten Stadtmauer von Kotor. Sehr romantische Stimmung, aber es war echt Zufall. Ich war da jeden Tag, sie war nur einmal da.
Jedenfalls hatte sie einen Schirm. Ich hatte keinen. Als sie mich lange genug teilnahmslos in den Regen und die Bucht von Kotor hat starren sehen, schloss sie den Regenschirm. Ich sprach sie an – das war vor „Me Too“ -, und sie erklärte, dass sie mich als Einheimischen eingestuft und sich überlegt hat, ob der heutige Regen vielleicht so ortsüblich ist, dass es wiederum ortsunüblich sei, sich dagegen übertrieben zu schützen. Vielleicht gehöre der Regen hier einfach zum Leben oder der Niederschlag habe für mich persönlich eine tiefere Bedeutung, und dann wolle sie das respektieren. Sodann entschuldigte sie sich, dass sie nicht viel über die Geschichte von Kotor wisse, aber sie sei auf einer dieser in-14-Tagen-durch-Europa-Touren. Sie wolle damit nicht insinuieren, dass die jeweilige Stadt keiner eingehenderen Betrachtung wert sei, aber sie habe leider nur zwei Wochen Urlaub. Außerdem bat sie um Verzeihung dafür, dass sie „die örtliche Sprache“ nicht spreche, womit sie sehr geschickt den hochpolitischen Streit umging, ob diese Sprache Serbokroatisch, Serbisch oder Montenegrinisch ist.
Ich war zutiefst beeindruckt, wie eine junge Frau während einer stressigen Reise auf die Gefühle aller von ihr durchreisten Länder, aller dort lebenden Volksgruppen und aller Bürgerinnen und Bürger Rücksicht nimmt, während in meinem eigenen Land die Leute zu doof sind, im Zug ihre Tasche vom Sitz zu nehmen. Echt, die Japaner die uns besuchen, müssen teilweise denken, wir seien Barbaren.
Wo war ich? Ach ja, ich wollte erklären, weshalb ich wegen Kleinigkeiten nicht zum Arzt gehe.
Zum Glück dürfen seit ein paar Jahren auch in Deutschland Apotheken impfen. Der Ärzteverband hat das jahrelang blockiert und behauptet, das würde zu Tausenden von Toten führen. Außerdem, man bitte um Verständnis, der neue Porsche war so teuer.
Ich finde es immer verdächtig, wenn Berufsgruppen jammern, wie überarbeitet sie sind, aber dann keine Aufgaben abgeben wollen. Das ist wie bei den Behörden und Gerichten, die über die hohe Arbeitslast klagen, aber dann alles so kompliziert wie möglich machen. Oder die Polizei, die über zu viele Überstunden jammert, aber dann bei jedem Fußballspiel zu Tausenden in Köpenick einfällt. Oder wie Eltern, die über die Belastung jammern, aber ihre Kinder überall hinfahren und abholen, wie wenn die Kinder keine zwei Beinchen hätten. Ich habe gehört, es gibt sogar Eltern, die täglich für ihre Kinder kochen. Das ist echt dekadent. Es reicht nun wirklich, dass man den Kleinen zeigt, wo der Kühlschrank steht.

Also ging ich zur nächstgelegenen Apotheke in Chemnitz, um mich impfen zu lassen.
„Wir machen keine Impfungen“, sagte die Apothekerin und begründete es mit fehlendem Personal, fehlenden Kapazitäten, und es klang irgendwie wie fehlende Lust.
„Aber um Bonbons und Gummibärchen zu verkaufen habt Ihr Kapazitäten“, dachte ich, während ich mich im Laden umsah. Bei all dem Schrott, den Apotheken verkaufen, frage ich mich, warum man dort keine Zigaretten bekommt. In Brasilien ist das so. Da verkaufen die Apothekerinnen am Straßenrand auch Schnaps und Zigarren, weil ja irgendwie alles mit der Gesundheit zu tun hat. Vielleicht waren es auch gar keine echten Apothekerinnen, aber sie hatten immerhin einen weißen Kittel und ein Blutdruckmessgerät.
Ich habe übrigens seit September mit dem Rauchen aufgehört, aber so persönliche Sachen interessieren hier ja niemanden.
Auf einer Apothekenwebsite fand ich heraus, dass es in der Groß-, Welt- und Kulturhauptstadt Chemnitz nur zwei Apotheken gibt, die Grippe-Impfungen anbieten. Ich fuhr mit dem Bus nach Glösa, einem schmucken Vorort, ging frohgemut in die Apotheke und wurde abgewiesen, weil ich keinen Termin vereinbart hatte. Aufgrund meiner oben geschildeten Erfahrung aus Kanada wusste ich bisher nicht, dass man so etwas braucht. Aber zum Glück war ein schöner Herbsttag, ich ging erst zum Bäcker, dann spazieren und lernte so einen Teil meiner Stadt kennen, in den ich sonst nie gekommen wäre. Weil ich eigentlich nur zur Impfung wollte, hatte ich keine Kamera dabei, deshalb hier kein Foto aus Glösa, sondern von einem anderen schönen Herbsttag.
Einen Termin konnte ich nicht vereinbaren, weil ich in der kommenden Woche in Plauen und in Erfurt weilte. Ich mache es kurz: In Plauen wurde ich von einer Apotheke zur anderen geschickt (immer sehr freundlich, das muss man sagen), bis ich schließlich bei der einzigen impfenden Apotheke war, die mir (ebenfalls sehr freundlich) mitteilte, dass schon alle Termine ausgebucht seien. In Erfurt klagte die Apothekerin über Personalmangel und dass sie leider in den nächsten zwei Wochen keine Zeit habe.
Man sieht jetzt die unterschiedliche Herangehensweise in Kanada und in Deutschland, die wahrscheinlich die Differenz zwischen den Impfquoten erklärt. Denn ganz ehrlich, man kann es niemandem verhehlen, wenn er nach dem dritten oder vierten Versuch einfach aufgibt. (Oft ist die Grippesaison dann ja sowieso vorbei.) Organisation erklärt viel mehr als kulturelle, religiöse, wirtschaftliche, historische oder andere imaginierte Unterschiede.
Diese Woche war ich in Kaiserslautern, zu einem Gerichtstermin. Vielleicht liegt es daran, dass Kaiserslautern ziemlich amerikanisiert ist, jedenfalls hing dort bei einer Apotheke in der Fußgängerzone (in der erschreckend viele Obdachlose schlafen, aber das ist wahrscheinlich auch die Amerikanisierung) tatsächlich ein Poster, dass hier geimpft werde. Weil man in meinem Beruf nie weiß, wann man spontan in ein Gelbfiebergebiet abkommandiert wird, hatte ich meinen Impfpass dabei, ging in die Apotheke und bekam einen Termin für den nächsten Morgen um 9:30 Uhr. Es war immer noch komplizierter als in Kanada, aber immerhin hat es endlich geklappt.
Der Impfapotheker war sehr sympathisch und nahm sich ausreichend Zeit, um aus seinem Leben zu erzählen und mich über meines auszufragen. Ich mag das, wenn man als Patient nicht so durchgeschleust wird. Schockiert war ich nur, als er unvermittelt sagte: „Kaiserslautern ist eine hässliche Stadt.“ Ich meine, es stimmt schon. Aber trotzdem, so unverblümt und noch dazu mitten in Kaiserslautern, ich musste echt lachen.

Und jetzt komme ich endlich zu dem, was die Überschrift angekündigt hat. Der Impfapotheker zählte die gravierenden Nebenwirkungen auf: „Der linke Arm kann möglicherweise ein bisschen schmerzen. Deshalb keinen Sport machen! Allenfalls einen Spaziergang.“ Und, das hat mir am besten gefallen, „Auch nicht Putzen oder Aufräumen.“
Jetzt warte ich, bis die Apotheke anruft und das Sport- und Putzverbot aufhebt. Bis dahin halte ich mich sicherheitshalber daran. Strengstens.







































