Azorische Gesichtsmasken

Read this article in English.


Als ich von Lissabon am ich-weiß-nicht-mehr-das-genaue-Datum-aber-es-war-Anfang-März auf die Azoren flog, saß diese Person am Flughafen und amüsierte sich wahrscheinlich innerlich über all die Leute, die glaubten, ein Mundschutz reiche aus gegen das Virus. Und selbst den trug damals kaum jemand.

Corona-Schutzanzug

Damals, vor nur zwei Monaten, auch wenn es sich jetzt anfühlt, wie wenn es zwei Jahre gewesen wären, wusste diese Person schon, was auf uns alles zukommen würde. Ich kann nur vermuten, dass es sich um einen Virologen oder den portugiesischen Gesundheitsminister handelte.

Überall anders auf der Welt würde man beim Anblick solch eines Kapuzenmenschen an den Ku Klux Klan denken. Nicht in Portugal. Denn es gibt keine Radikalen in Portugal, keine Extremisten, keine Terroristen. Jeder und alles in Portugal ist moderat. „Sogar unsere Kommunisten sind moderat“, hatte mein Freund Romeu mir in Lissabon erklärt, durchaus mit Enttäuschung, weil das seinen eigentlich entschiedenen Antikommunismus ebenfalls moderiert. Lasst uns nicht vergessen, wir reden hier über das Land, in dem die CDU Hammer und Sichel im Parteilogo führt.

Egal, Ihr seid nicht hier, um über Politik zu lesen, und außerdem stand schon das kleine Flugzeug bereit, mit dem ich auf die Insel Faial entschweben würde. Oh, über den Flug gäbe es vieles zu erzählen, aber erinnert mich daran, das in einer anderen Geschichte zu tun, denn wir wollen die Ablenkungen hier auf einem Minimum halten und uns stattdessen auf den Schutz unserer Atemwege und die unserer Mitmenschen konzentrieren.

Ich überlebte den Flug (im portugiesischen Luftraum gibt es nur moderate Turbulenzen), und als ich den Hafen verließ (das werde ich in der Geschichte über den Flug erklären, aber hört doch bitte auf, Euch immerzu unterbrechen zu lassen), sah ich ein paar Menschen, die meisten von ihnen Frauen, wie mir schien, die sich des Virus offenbar sehr bewusst waren und schon Gesichts-, ja eigentlich richtige Kopfmasken trugen.

vintage-photos-of-portuguese-women-2

vintage-photos-of-portuguese-women-3

vintage-photos-of-portuguese-women-23

Abartige Mode, mögt Ihr denken, aber die Inseln sind Tausende von Kilometern vom Festland entfernt, und die Zeit läuft hier nach anderen Gesetzen ab. Faial war zuletzt im Winter von 1717 und 1718 von der Beulenpest heimgesucht worden, aber wenn mir die Leute davon erzählten, klang es, wie wenn sie selbst dabei gewesen waren. „Es hat Henrique hinweg gerafft“, erinnerten sie sich an einen ihrer Urahnen und wischten eine Träne aus dem Auge. Oder „Maria Luísa hat es nie überwunden, dass sie den kleinen Cajó verlor.“ Natürlich hatten die Insulaner noch die alten Antipestkleider im Schrank hängen, allzeit bereit um auch nach 13 Generationen wieder zum Einsatz zu kommen.

Als ich sagte, dass ich in der Gemeinde Cedros wohnen würde, informierte man mich mit leichenblassem Blick: „Oh, Cedros, dort haben die Menschen am meisten unter der Pest gelitten“, wie wenn in den 300 Jahren seither nichts Bemerkenswertes oder Desaströses passiert wäre. In Wirklichkeit gab es in der Zwischenzeit Hunderte von Vulkanausbrüchen, Erdbeben, Tsunamis, Erdrutsche und Wirbelstürme.

Ich schweife schon wieder ab, oder? Also lasst uns die alte Standuhr vordrehen ins Jahr 2020, das Jahr der Coronapest. Ich sah eigentlich selten jemanden mit Gesichtsmaske, weil auf der Insel sowieso nicht zu viele Menschen leben. Und die Leute hier sind vernünftig, sie küssen und umarmen sich nicht einfach auf der Straße. (Die Azoreaner, die sich dergestalt verhielten, sind schon lange nach Brasilien ausgewandert.)

Aber letzte Woche ging ich in den Supermarkt und merkte, dass ich plötzlich der einzige ohne Mundschutz war. Von einem Tag auf den anderen hatte sich alles geändert. Ich fühlte mich komisch, fast nackt. Der Wachmann ließ mich dennoch rein und Schokolade einkaufen.

Als Gast auf der Insel möchte ich mich natürlich anpassen. Ich ging zur Apotheke, in der Hoffnung, dort eine Gesichtsmaske zu bekommen. Aber an der Tür hing schon ein handgeschriebener Zettel, der das Publikum informierte, dass die Masken ausverkauft seien bis das nächste Schiff ankäme. Ich erfuhr dann noch, dass das Tragen des Mundschutzes im Supermarkt oder im Bus jetzt gesetzlich vorgeschrieben war.

Und dann meldeten sich Freunde, die ich wohl besser „Freunde“ nenne, mit „hilfreichen“ Ratschlägen, wie ich meinen eigenen Mundschutz bauen könnte: „Es ist ganz einfach: Du nimmst ein Stück Stoff, am besten Baumwolle und unbenutzt, bügelst es, stanzt ein paar Löcher hier und hier, schneidest es so, faltest es so, nähst die Ecken ein und befestigst ein Gummiband, und schwupp, schon hast du eine Maske.“

Ich konnte nicht einmal den Instruktionen folgen, geschweige denn erahnen, wo zum Henker ich Bügeleisen, Nähmaschine und Gummiband herbekommen sollte. Was glauben die Leute eigentlich, was ich in meinem Rucksack habe? Wenn ich solcherlei Firlefanz mit mit führte, hätte ich schon lange ein Raumschiff konstruiert.

Je mehr „Ratschläge“ mir die Leute gaben, umso fuchtiger wurde ich. Es war in etwa so, wie wenn sich jemand darüber beschwert, dass ihm oder ihr langweilig ist, und ich würde antworten: „Oh, das ist einfach. Du schreibst ein Drehbuch, stellst ein paar Schauspieler ein, baust ein Filmstudio, drehst einen Film, und am Abend kannst du im Heimkino dein eigenes Werk genießen.“ Ganz ehrlich, es nervt, wenn Menschen annehmen, jeder habe praktisches Talent – und noch dazu das notwendige Werkzeug. Ich meine, ich laufe ja auch nicht durch die Gegend und tue mein Entsetzen darüber kund, dass sich nicht jeder im Verfassungsrecht auskennt oder für die Geschichte Boliviens interessiert, oder?

Also rationierte ich bereits die Lebensmittel und dachte, dass ich mir wohl einfach einen Sack über den Kopf stülpen und zwei Löcher für die Augen reinschneiden würde. Aber da bewahrheitete sich wieder mal eines meiner Lebensmottos: Wenn es ein Problem gibt, warte einfach. Irgendwie löst es sich immer von allein.

Gestern, als ich vom Meer (ich war dort zum Lernen gesessen, nicht beim Schwimmen gewesen) zurück nach Hause fuhr, kam ich am Postauto vorbei. Die Briefträgerin winkte mir, dass ich anhalten sollte. Ich gehorchte natürlich, und sie überreichte mir ein Paket. „Ein Geschenk von der Regierung der Azoren“, erklärte sie.

facemasks (1)

Darin waren nicht nur eine, sondern drei frisch gewaschene Mundschutzmasken! Sogar mit Anleitung.

facemasks (2)

Das mag moderat sozialistisch sein, aber ich finde es toll, wenn Regierungen, die das Tragen von Mundschutz verpflichtend machen, dann Pakete mit ausreichend Masken an jeden Haushalt im Land verschicken, sogar an die Menschen, die auf einem kleinen Stück Vulkan in der Mitte des Atlantischen Ozeans sitzen. Insbesondere, wenn die Briefträgerin mich auf der Straße stoppt, um ganz sicherzugehen, dass ich eine Maske erhalte.

Und da kamen mir wieder meine Freunde aus Lissabon, Romeu und Mafalda, in den Sinn. Als sie mir die Stadt zeigten, kamen wir an einem Wandgemälde über die Geschichte Lissabons vorbei, das Ihr findet, wenn Ihr am Aussichtspunkt Portas do Sol nach den Toiletten fragt. Anhand der Comic-Zeichnungen dort bekam ich einen Schnelldurchlauf durch die portugiesische Geschichte. Als sie zu der Epoche kamen, während der Portugal irgendwie mit Spanien vereinigt war (von 1580 bis 1640, glaube ich), sagte Romeu, natürlich im Scherz, denn er ist ein (moderater) Patriot: „Manchmal wünschen wir, dass wir in der Iberischen Union verblieben wären, denn in Spanien läuft vieles besser als bei uns.“ Ich kannte beide Länder nur ein bisschen, hatte aber das Gefühl, widersprechen zu müssen. Soweit ich gesehen hatte, ist Portugal ein bestens organisiertes Land. Wie diese Episode bestätigt, kann man sich Portugal als die Schweiz der iberischen Halbinsel vorstellen.

Links:

  • Mehr Geschichten von den Azoren.
  • Da fällt mir ein, dass ich den Artikel über Lissabon noch nicht geschrieben habe. Ich werde mich gleich an die Arbeit machen.
Veröffentlicht unter Azoren, Portugal, Reisen | Verschlagwortet mit , | 4 Kommentare

„Die Reise ins Reich: Unter Reichsbürgern“ von Tobias Ginsburg

Ich habe zwar die ultimative Anleitung für Diskussionen mit Reichsbürgern geschrieben, aber persönlich kenne ich keinen. Soweit ich weiß. Wahrscheinlich halten sie sich fern von mir. Die Zeugen Jehovas diskutieren ja auch lieber mit Laien als mit Theologen.

Wer wissen will, wie es unter den Reichsbürgern aussieht, kann aber auf ein Buch von Tobias Ginsburg zurückgreifen, der sich unter Verschleierung seiner echten und teils mit falscher Identität monatelang in dieser Szene bewegt hat.

„Die Reise ins Reich“ heißt sein Bericht, der gleichzeitig einen tiefen Einblick gewährt, einen aber umso ratloser zurücklässt. Das liegt nicht am Autor, sondern an den Beobachtungsobjekten. Die Reichsbürgerszene ist so arg zersplittert, dass er sich in verschiedene Kommunen, Workshops, Seminare und etliche stark alkoholisierte Hinterzimmertreffen einschleichen muss.

50462112zZu inhaltlichen Diskussionen kommt es dabei weniger, denn Ginsburg darf ja nicht auffallen. Die Diskussionen zwischen den verschiedenen Gruppen drehen sich eher ums Strategische. Viele aus der Reichsbürgerszene sind sich bewusst, dass sie als Idioten und/oder Nazis angesehen werden, und versuchen, mit alternativen Begriffen wie „Souveränität“ oder „Freiheit“ zu agieren. Das kennen wir ja mittlerweile von den Demonstrationen gegen die Einschränkungen aufgrund von COVID-19, wo sich auch wieder die Leute tümmeln, die sowieso überall eine (jüdische) Weltverschwörung wittern.

Dabei erfährt man von Verbindungen in die AfD, von Verbindungen nach Russland und, was mich überrascht hat, ganz viel Überschneidung mit Esoterik. Da fangen Leute mit Homöopathie und Energiesteinen an, bekommen Panik vor Impfungen und beginnen so, alles zu hinterfragen. Das Anzweifeln von Experten und Autoritäten, seien es Mediziner, Historiker oder Juristen, führt anscheinend manchmal dazu, dass die Leute stattdessen jeden Unsinn glauben, den sie auf YouTube sehen. Und so treten im Buch eine ganze Menge Esoteriker und Hippies auf, die keinesfalls rechtsradikal sind, aber immer mehr in Verschwörungstheorien abgleiten. Und dann gibt es eben auch eine Heilpraktikerin, die den Holocaust leugnet.

Ich fand „Die Reise ins Reich“ manchmal zu wenig systematisch, aber es ist eben kein Sachbuch. Es ist ein Bericht. Die Stärke liegt im Beobachten und Beschreiben der Personen, die sich von der Reichsbürger-Szene angezogen fühlen. Teilweise ist es klischeehaft und peinlich, aber was soll man machen, wenn sich die Leute in klischeehaften Hinterzimmern von klischeehaften Kneipen besaufen und auf den Zusammenbruch der Bundesrepublik Deutschland hoffen. Meist erzählt Ginsburg durchaus mit Empathie für die Menschen, die ihm viel (an)vertraut haben. Viele von ihnen sind einsam, haben Kriesen durchlebt und fühlen sich besser, wenn sie zu einem erlesenen Zirkel gehören, der „die Wahrheit“ kennt und „das System durchschaut“.

Reichsbürger Königreich Deutschland

Ein interessanter Einblick in eine Welt, die nicht kleiner zu werden scheint.

Links:

Veröffentlicht unter Bücher, Deutschland, Politik | Verschlagwortet mit , , | 3 Kommentare

Die Rauchende Schlange

Read this article in English.


In diesen Tagen feiern wir eurozentristischen Europäer das Ende des Zweiten Weltkriegs, obwohl jener Veranstaltung in Asien noch ein paar Monate Zugabe gegönnt waren. Mit Paraden und Märschen wurde der überlebenden und mit Friedhofsbesuchen der nicht überlebenden amerikanischen, britischen, französischen, belgischen, neuseeländischen, australischen, indischen, kanadischen und ja, auch der sowjetischen Veteranen und sogar der Partisanen gedacht.

Aber wie jedes Jahr wurden die Soldaten eines Landes komplett vergessen.

Nein, ich meine nicht unsere Opas von der Wehrmacht. Die haben ja nun größtenteils wirklich keine Feier verdient.

Ich spreche von den brasilianischen Soldaten, die zusammen mit den Alliierten Europa vom Faschismus befreit haben.

Von denen wusstet Ihr nichts? Seht Ihr, genau das meine ich. Die werden nämlich immer übersehen. Dabei waren es nicht ein paar einzelne Brasilianer, die in der amerikanischen oder britischen Armee Dienst taten. Nein, Brasilien entsandte im Zweiten Weltkrieg eine gesamte Division nach Italien: 25.000 Mann.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wollte Brasilien auf Schweiz machen, neutral bleiben und mit jeder Seite Geschäfte machen. Brasilien war zu jener Zeit mal wieder Diktatur, die als solche durchaus Sympathien für Nazi-Deutschland hatte (obwohl es im Völkergemisch Brasilien keine Bestrebungen zum Genozid gab). Aber die nordamerikanische Charmeoffensive war einfach zu stark,jornal_o_globo_1942 und so erlaubte Brasilien den USA ab 1942 die Errichtung von Stützpunkten für den Seekrieg im Atlantik.

Die Neutralität wurde unhaltbar, als deutsche U-Boote im gleichen Jahr 13 brasilianische Handelsschiffe versenkten und Hunderte von Menschen starben. Dabei wollte die Regierung Brasiliens noch immer keinen Krieg gegen Deutschland führen. Die Forderungen kamen aus dem Volk und wurden immer lautstarker. Demonstranten forderten den Kriegseintritt und zerstörten deutsche Kneipen. Am 22. August 1942 erklärte Brasilien dem Deutschen Reich, Italien und Japan schließlich den Krieg.

Dieser Schritt wurde damals in Südamerika zunehmend populär. Bolivien, Kolumbien, Ecuador, Paraguay, Peru, Chile, Venezuela und Uruguay folgten in dieser Reihenfolge. Ach ja, das heroische Argentinien entschloss sich am 27. März 1945 noch knapp rechtzeitig zu diesem kühnen Schritt; es war die letzte Kriegserklärung an Deutschland.

Aber auch in Brasilien blieb es erst einmal bei der Ankündigung. Der Volkszorn kochte weiter, was aber auch daran gelegen haben mag, dass wegen des Zweiten Weltkriegs die Fußball-Weltmisterschaften ausfielen. Es entwickelte sich die Redewendung, dass die Regierung wohl erst Truppen nach Europa schicken werde, „wenn die Schlangen Pfeife rauchen“, um die Skepsis auszudrücken, ob dies jemals passieren wird. Bei uns würde man sagen „wenn die Hölle zufriert“, aber in Brasilien weiß niemand, was Frieren bedeutet.

Endlich, fast zwei Jahre nach Kriegseintritt – und praktischerweise nach der erfolgreichen Landung in der Normandie, als nun wirklich jedem klar war, wer als Sieger vom europäischen Spielfeld gehen würde -, verließen die ersten Truppen am 2. Juli 1944 Brasilien Richtung Italien.

175px-distintivo_da_feb„Die Schlange raucht!“, hieß es nun ungläubig, und das Brasilianische Expeditionskorps wählte dieses Symbol ganz selbstironisch als Abzeichen. Krieg ist immer Chaos, und so fiel erst bei der Ankunft in Italien auf, dass die Brasilianer keine Waffen hatten, dass ihnen keine Kaserne oder andere Unterkunft zugeteilt worden war und, am allerschlimmsten, dass ihnen niemand etwas über Winter, Kälte und Schnee gesagt hatte.

Schnee ist in Brasilien unbekannt. Und diese Truppen vom Strand sollten im Winter 1944/45 in den Apenninen gegen Gebirgstruppen der Wehrmacht kämpfen, die sich an der sogenannten Gotenlinie eingegraben hatten.

BEF soldiers in Italy

Umso erstaunlicher, dass sie dennoch ganz erfolgreich vorankamen, Schlachten gewannen, unter anderem Parma befreiten und allein mehr als 20.000 hauptsächlich deutsche Soldaten gefangen nahmen. Das Foto zeigt den deutschen Generalleutnant Otto Fretter-Pico, wie er sich brasilianischen Soldaten gegenüber ergibt.

general_german_brazil

Die deutsche Propaganda war also wirkungslos geblieben, obwohl sie für die Feinde aus Brasilien sogar eine Radiosendung auf Portugiesisch ausstrahlte: „Hora Auri-Verde“. Darin wurde den Südamerikanern wahrscheinlich noch mehr Angst vor noch mehr Schnee, Eis und Frost gemacht, eine Rückkehr nach Rio empfohlen und andernfalls eine empfindliche Niederlage im Fußball angedroht.

Außerdem nutzten die Nazis in ihrer an die italienische Bevölkerung gerichteten Propaganda die Tatsache, dass viele brasilianische Soldaten dunkelhäutig waren. Sie versuchten insbesondere, Furcht vor Vergewaltigung und Mord zu schüren. Und schon sieht man wieder, wo sich die AfD ihre Methoden abschaut.

Die brasilianischen Soldaten hatten in den Wintermonaten im Schützengraben übrigens viel Zeit, darüber nachzudenken, warum man in Europa für die Demokratie kämpft, während zuhause ein Diktator regiert. Auch unter dem Einfluss der zurückkehrenden Soldaten kündigte Getúlio Vargas 1945 Wahlen an, erlaubte die Gründung von Parteien und versprach, selbst nicht mehr zu kandidieren. Sicherheitshalber wurde er dann aber doch weggeputscht, 1950 wiedergewählt und erschoss sich 1954, wohl verwirrt von dem ewigen Hin und Her, selbst.

Links:

Veröffentlicht unter Brasilien, Geschichte, Italien, Militär, Politik, Reisen | Verschlagwortet mit , | 26 Kommentare

Zeit für einen Schlussstrich! Nein! Doch! Warum?

Pünktlich zum 75. Jahrestag des 8. Mai 1945 läuft zum 75. Mal die Diskussion, ob es ein Tag der Befreiung und/oder/auch ein Tag der Niederlage war, wie man (sich) daran erinnern soll und ob der 8. Mai ein Feiertag werden soll. Letzteres ist für mich die einfachste Frage. Feiertag ist immer besser als kein Feiertag.

Und dann gibt es noch diejenigen, die gar nicht erinnert werden wollen, sondern finden, dass es Zeit für einen Schlussstrich sei. Mit denen muss ich, auch weil ich mich auf diesem Blog oft mit deutscher Geschichte beschäftige, manchmal diskutieren. Um Euch das entweder zu ersparen oder Euch für ähnliche Diskussionen zu rüsten, gebe ich den Verlauf solcher Diskussionen im Folgenden wörtlich wieder.


Ich: Heute, am 75. Jahrestag der deutschen Kapitulation…

Schlussstrich-Mensch: Nicht schon wieder! Irgendwann muss doch mal Schluss sein.

Naja, es war doch Schluss am 8. Mai 1945. Zumindest offiziell. Das ist ja genau das, was wir jetzt feiern oder in Erinnerung rufen.

sprengung-hakenkreuz

Scheiß auf die Erinnerung. Wie lange sollen wir uns denn noch schämen für das, was passiert ist, als meine Großeltern Jugendliche waren? Nimmt das denn nie ein Ende?

Es verlangt doch gar niemand, dass Sie sich schämen. Sie können sich fühlen, wie Sie wollen. Wenn Sie Grund zum Schämen verspüren, dann ist das Ihre persönliche Entscheidung.

Überhaupt nicht schäme ich mich! Ganz im Gegentum. Auch wir Deutsche können stolz auf unsere Geschichte sein.

Worauf denn genau?

Auf Goethe und Schiller.

Das waren Schriftsteller. Was haben die mit Geschichte zu tun?

Auf Luther.

So, so, gerade auf den alten Antisemiten.

Auf Barbarossa.

Oh, da könnte ich jetzt einiges zum Angriffskrieg, zum rassistisch motivierten Vernichtungskrieg, zu Kriegsverbrechen und zum Holocaust sagen.

Aber ich nehme mal zu Ihren Gunsten an, dass Sie den Typ mit dem Bart meinten.

dritter_kreuzzug

Ja, den meinte ich.

Der im Fluss ertrunken ist, weil er zu doof war, die Ritterrüstung auszuziehen? Aber egal, ich will auf etwas Ernstes hinaus:

Merken Sie, dass Sie nur Beispiele gewählt haben, die sehr lange zurück liegen?

Na und? Deutschland hat eben eine tausendjährige Geschichte. Mindestens.

Das liegt aber alles viel länger zurück als der Nationalsozialismus. Wenn Sie also einen Schlussstrich verlangen, weil es „schon so lange her“ sei, dann muss der Schlussstrich doch erst recht für Goethe, Schiller, Luther und dubiose Kaiser aus dem 12. Jahrhundert gelten.

Aber darüber hört man nie etwas! Immer nur Nazis und Krieg, ständig und überall.

Also, für das, was Sie lesen, hören und sehen, sind Sie doch selbst verantwortlich. Es gibt ja nun wirklich keine Knappheit an Informationen. Jede Bibliothek hat genügend Bücher übers Mittelalter oder über Bismarck, da können Sie Ihr ganzes Leben lang lesen, ohne über ein einziges Konzentrationslager zu stolpern.

Aber schalten Sie doch mal den Fernseher an. Was sehen Sie? Immer die gleiche Nazischeiße. Ich kann es nicht mehr hören!

Ich sehe im Fernsehen auch viel, das ich kaum ertragen kann: Fußball, Volksmusik, Autorennen, Karneval, Börsenberichterstattung und allerhand anderen Unfug. Dann schalte ich halt ab oder um. Welche Artikel aus der Zeitung ich lese, entscheide ich. Welches Buch ich aus der Bibliothek hole, entscheide ich. Mit welchem Thema ich mich befasse, entscheide ich.

Und den Lesern, die sich beschweren, dass es hier oft um schwere Geschichte anstatt um leichte Geschichten geht, muss ich sagen: Ja, ich studiere Geschichte, ich interessiere mich dafür, und deshalb ist das hier auch ein Geschichtsblog. Wenn Euch das nicht gefällt, geht halt zu einem Reiseblog, zu einem Fußballblog oder meinetwegen zu einem Katzenblog.

Aber es fängt ja schon in der Schule an. Unsere Kinder werden indoktriniert. Sie werden regelrecht zum Selbsthass erzogen. Wir sind das einzige Volk, dass sich bis zur Selbstzerstörung moralisch im Dreck suhlt, weil wir einen Krieg verloren haben.

Niemand wird zum Hass erzogen, sondern zum Nachdenken. Und wie unser Gespräch zeigt, können Menschen, die durchs gleiche Schulsystem gegangen sind, durchaus mit ganz anderen Auffassungen dabei herauskommen. Das spricht gegen die These von der Indoktrination.

Ich sehe auch keine „Selbstzerstörung“ und kein „im Dreck suhlen“. Da gilt das Gleiche, was ich vorher zum Schämen gesagt habe. Wenn Sie denken, dass Sie Anlass dazu haben, dann liegt das bei Ihnen. Im Übrigen, das ist ein großes Missverständnis, geht es nicht darum, dass das Deutsche Reich den Zweiten Weltkrieg verloren hat. Es geht darum, dass es ihn begonnen hat, wie es ihn geführt hat, und es geht vor allem um den Holocaust.

Warum hackt die ganze Welt immer nur auf Deutschland herum? Alle anderen haben auch schlimme Sachen gemacht.

Erstens nicht alle. Zweitens ist nichts mit dem Holocaust vergleichbar. Drittens gehen der Zweite Weltkrieg und der Völkermord nun wirklich unbestreitbar auf das Konto Deutschlands.

Und dieses angebliche „Herumhacken“ auf Deutschland erkenne ich auch nicht, weder im politischen Rahmen, noch persönlich, wenn ich in andere Länder fahre. Selbst in Ländern, wo erst vor 80 Jahren deutsche Soldaten eingefallen sind und gemordet und geplündert haben, hat mir das noch nie irgendjemand persönlich vorgehalten. Überall, von Polen über Litauen bis in die Ukraine und Jugoslawien bin ich herzlich empfangen worden.

Ha, sehen Sie: Sie machen schon wieder unsere Soldaten herunter!

Wieso „unsere“? Sie sehen gar nicht so alt aus, wie wenn Sie zur Generation Volkssturm gehören. Und ja, ich sehe tatsächlich nicht ein, wieso Soldaten, die einem verbrecherischen Regime gedient haben und dabei verbrecherische Taten begangen haben, Respekt verdienen.

b6998c5d-1b56-496e-a58a-2f8aa3072977_w941_r1.77_fpx70_fpy33

Die haben nur ihre Befehle befolgt.

Ach, die alte Eichmann-Verteidigung.

Ich weiß, dass sich beides in der Bevölkerung hartnäckig hält (und halten will), aber sowohl der Mythos von der sauberen Wehrmacht als auch der Mythos vom Befehlsnotstand sind widerlegt.

Die einzigen, die Respekt verdienen, sind Deserteure, Widerständler und diejenigen, die menschlich blieben. Dafür gibt es ja auch Beispiele, wenn Sie schon auf irgendjemanden stolz sein wollen.

Sehen Sie, es war nicht alles schlecht!

Genau. Auch im Frühjahr 1945 schien die Sonne und sangen die Vögel, trotz 12 Jahren Nazi-Herrschaft.

12 Jahre, Sie sagen es! Das ist doch ein Fliegenschiss in 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.

Keine Ahnung, wie Sie gerade auf 1000 Jahre deutscher Geschichte kommen. (Obwohl, doch, eine gewisse Ahnung habe ich.) Und das mit dem „erfolgreich“ geht mir auch nicht so ganz ein.

Aber das Zitat des AfD-Fraktionsvorsitzenden belegt, dass absolut keine Zeit für einen Schlussstrich unter die Geschichte ist. Denn in allen deutschen Parlamenten sitzen wieder Faschisten. Angehörige von Minderheiten werden wieder bedroht, angegriffen und ermordet. Rechtsradikale unterwandern Polizei und Militär. Der Antisemitismus ist überhaupt nicht zurückgedrängt. Menschenverachtende Rhetorik breitet sich aus. Und die ständige Forderung nach einem „Schlussstrich“ gehört zu dieser nationalistischen Ideologie. Und was soll so ein Schlussstrich eigentlich für die noch Lebenden signalisieren, die als Kinder in Konzentrationslagern oder in Gestapo-Gefängnissen waren?

Aber mit dem „Denkmal der Schande“ hat Höcke doch Recht. Warum gibt es keine Mahnmale für die Verbrechen der Alliierten?

Stellen Sie halt eins auf, wenn Sie wollen.

Dieser Ausspruch zeigt übrigens ganz deutlich, dass es um Geschichtsrevisionismus geht. Eine Verfälschung der Tatsachen. Da soll eine künstliche Version von Geschichte erschaffen werden, wo alles funkelt und glänzt, so wie man es im 19. Jahrhundert machte, um Nationalgefühl zu schaffen. Das ist eine vollkommen antiquierte, überholte, unwissenschaftliche Auffassung von Historiographie. Das ist Geschichte auf Kindergartenniveau.

Und was ist das eigentlich für ein Patriotismus, der die Geschichte des eigenen Landes bis zur Unkenntlichkeit verkürzen und verfälschen muss, um es erträglich zu finden?

Holocaust Memorial_4519

Wieso darf ich nicht einfach sagen, dass ich stolz bin, Deutscher zu sein? Alle anderen Nationen auf der Welt können das sagen, ohne dass man ihnen gleich einen Nazi-Vorwurf macht.

Natürlich dürfen Sie das sagen. Ich glaube, das mit dem Nazi-Vorwurf bilden Sie sich wieder nur ein.

Es ergibt nur keinen Sinn, auf etwas stolz zu sein, wozu man nichts beigetragen hat. Ich nehme an, Sie wurden als Deutscher geboren.

Natürlich!

Tja, dann ist das keine Leistung. Stolz kann man sein, wenn man einen Marathon läuft. Meinetwegen auch einen Halbmarathon. Stolz kann man vielleicht sein, wenn man ein schönes Bild gemalt hat. Oder wenn man nach langem Üben den slawonischen Tanz Nr. 8 von Dvořák fehlerfrei spielen kann. Oder wenn man den Ärmelkanal durchschwimmt. Ich bin manchmal stolz, wenn mir ein Artikel gelungen ist, aber selbst das finde ich schon fraglich. Denn kann ich etwas für mein Talent? Vielleicht ist es einfach nur Glück, so wie Ihr und mein deutscher Pass.

Wenn überhaupt jemand stolz darauf sein kann, Deutscher zu sein, dann derjenige, der sich auf den langen Weg aus Afghanistan hierher gemacht hat, durch die Ägäis geschwommen und über die Alpen gewandert ist, Deutsch gelernt hat und dann nach vielen Jahren Deutscher wird. Das ist eine Leistung! Bei uns beiden war es nur Zufall. Hundert Kilometer weiter südlich, östlich, nördlich oder westlich, und wir wären Dänen, Schweizer, Luxemburger oder Polen.

Dann könnte ich wenigstens stolz sein auf mein Land!

Ah, dann geht es also gar nicht um Deutschland? Ihnen liegt am Stolz auf die Nation als solches, (fast) egal welche?

Jawohl!

Dazu hat der große National- und Vaterlandsphilosoph Schopenhauer schon das Wichtigste gesagt:

Die wohlfeilste Art des Stolzes ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein.

So ein Verräter!

Übrigens, eine Sache wollte ich noch zum Ihrem „12 Jahre“-Zitat sagen. Das ist auch eine bewusste Verfälschung, die nahelegen soll, dass bis 1933 alles super war in Deutschland und dann, wie aus heiterem Himmel, Herr Hitler vorbeikam, die Deutschen irgendwie verführte oder zwang, und nach 12 Jahren war wieder alles gut. Ein Ausrutscher gewissermaßen.

Das ist natürlich vollkommen falsch. Der Nationalsozialismus begann lange vor 1933. Der Antisemitismus begann lange vor dem 20. Jahrhundert. Der Rassismus gegen Sinti und Roma hatte eine Tradition über Jahrhunderte. Ebenso das Überlegenheitsgefühl gegenüber Slawen. Der Nationalsozialismus fiel nicht „auf fruchtbaren Boden“, wie man so verharmlosend sagt, er entstand aus der Breite der Gesellschaft.

Und dass der Mythos von den 12 Jahren als Ausnahmezeit so viel Anklang findet, zeigt dass wir noch viel mehr über die Geschichte sprechen müssen.

Noch mehr? Es läuft doch schon jeden Abend etwas auf N24.

Ich meine nicht den oberflächlichen, sensationsheischenden Klimbim über „Hitlers Wunderwaffen“ oder „Hunde an der Front“.

Viel wichtiger fände ich die Hintergründe und Zusammenhänge, die bis heute relevant sind. Wie entsteht Faschismus? Was sind die ersten Warnzeichen? Warum hält sich Antisemitismus in einem Land, in dem dessen schlimmste Auswüchse jedem bekannt sind? Warum finden selbst Leute, die keine Rassisten sein wollen, nichts dabei, abfällig über „Zigeuner“ zu sprechen? Was lernen wir für die Flüchtlingspolitik aus den Millionen von Deutschen und Österreichern, die vor zwei oder drei Generationen fliehen mussten? Warum werden in sozialpolitischen Debatten Nazi-Begriffe wie „asozial“ oder „arbeitsscheu“ verwendet? Gibt es geistige Kontinuitäten vom T4-Programm zu denjenigen, die die Alten dem Coronavirus opfern wollen, damit die Wirtschaft boomt?

Also, das wird mir jetzt alles zu kompliziert.

Und es wird noch schlimmer für Sie. Auch wenn Sie Ihren Nationalstolz aus anderen historischen Epochen ziehen wollen, so werden Sie da allerhand dunkle Flecken finden. Kriegsverbrechen im Ersten Weltkrieg, Kreuzzüge. Kolonialismus. Völkermorde in Afrika.

Ach, mir reicht’s. Sie haben mir den Nationalstolz so versaut, ich besinne mich jetzt nur mehr auf meine christlich-abendländische Identität.

Aber feiern Sie bitte kein Weihnachten! Dabei geht es nämlich um ein Ereignis von vor 2000 Jahren. Und da ist wirklich mal ein Schlussstrich angebracht, nicht wahr?


Tja, irgendwann führt so ein Gespräch nicht mehr weiter. Wenn Ihr mit so Leuten sprecht, werdet Ihr ziemlich bald merken, dass sie objektive Aufarbeitung der Geschichte für ein ärgerliches Hindernis auf dem Weg zu nationaler Größe halten. Dabei ist ironischerweise gerade die etwas kritische Herangehensweise an die eigene Geschichte das, worauf man noch am ehesten stolz sein könnte.

Wann hat diese Schlussstrichdebatte eigentlich angefangen? Ich vermute, und das meine ich nicht einmal ironisch, es war am Morgen des 9. Mai 1945. Der deutsche Opfermythos ward geboren, noch bevor alle Toten aus den Konzentrationslagern begraben wurden. Schon zur ersten Bundestagswahl plakatierte die FDP so:

Schlußstrich_drunter_-_FDP_election_campaign_poster,_Germany_1949

Links:

  • Eine ähnliche, aber inhaltlich ergiebigere Diskussion habe ich mit einem Reichsbürger geführt. Da kann man wirklich noch etwas lernen. (Von mir, nicht von ihm.)
  • Und Vorsicht, hier gibt’s noch mehr Geschichte.
  • Viele Punkte, die ich in diesem Gespräch nur angerissen habe, würden eine Vertiefung verdienen. Wenn Ihr daran interessiert seid, freue ich mich über jede Unterstützung für diesen Blog! Und falls sich wieder so viele „patriotische“ Hobbyhistoriker melden wie auf meinen Artikel über Babi Jar hin, dann werde ich mir von den Spenden eine Flasche Ouzo kaufen müssen, um das zu ertragen.
  • Dieser Artikel erschien auch als Gastbeitrag auf „Alles über Litauen“, einem sehr guten Litauen-Blog von Andreas Kuck. Da erfahrt Ihr nicht nur alles Wichtige für die Reise in dieses sehr empfehlenswerte Land, sondern auch Hintergründe zur Geschichte, Gesellschaft, Kultur und Literatur.
Veröffentlicht unter Deutschland, Geschichte, Holocaust, Militär, Politik | Verschlagwortet mit , | 29 Kommentare

Der Mythos vom Azorenhoch

Jahrelang kann man durch mehr als 60 Länder tingeln, und es juckt keinen.

Aber wenn man auf einer Insel ist, dann melden sich plötzlich alte Bekannte und Unbekannte: „Oh Andreas, ich habe gerade zufällig an dich gedacht.“ Wenn Leute schon so anfangen, wollen sie immer etwas, meist juristischen Rat. „Was, wo bist du? Ach, auf einer Insel. Da komme ich dich doch gleich besuchen!“ Diese Inselfaszination ist selbst ein Faszinosum, denn Siebenbürgen oder Montenegro wären eigentlich viel interessanter als so ein Vulkan im Meer.

Und jetzt, wo ich auf den Azoren bin, kommt die Assoziation mit dem Azorenhoch dazu. Diesem Hochdruckgebiet schieben die Europäer gerne die Schuld für das schöne Wetter in die Sandalen.

Aber ich, unermüdlich recherchierend, kann Euch sagen: Das Azorenhoch wohnt gar nicht auf den Azoren! Es entsteht gewöhnlich viel weiter südlich, in den Subtropen. Nur weil es im Nordatlantik außer den Azoren weit und breit keine anderen Bezugspunkte gab, wurde es eben nach der Inselgruppe benannt.

azorenhoog

Was das für die Azoren bedeutet, könnte ich jetzt anhand von Rossby-Wellen, dem Polarjetstrom, Zyklonen und Druckgradienten erklären, aber ich bringe es lieber auf den Punkt: Die Vorstellung vom ewig schönen Wetter auf den Azoren ist Mumpitz!

Klar, oft sieht es so aus:

Piedade walk (1)

clouds on Faial (3)

Wellen

Aber dann kommt wieder so eine Woche.

Azorenhoch

Beziehungsweise so eine Wettervorhersage. Das muss man abgrenzen, denn beides hat nicht viel miteinander zu tun. Man merke sich einfach, dass man jeden Tag alles erleben kann, und zwar mehrfach. Heute lag ich zum Bespiel mittags in der Wiese und habe die Sonne genossen und die Wolken bewundert. Jetzt schüttet es gerade wie wild. Und am Abend gibt es vielleicht wieder einen herrlichen Sonnenuntergang mit Pizza am Strand.

An einem anfänglich wunderschönen Tag bin ich mal auf den Vulkan gestiegen. Als ich oben war, sah es so aus:

Weil die Wolken an den Vulkanbergen hängenbleiben, kann man dem Regen gewöhnlich entkommen, indem man auf die andere Seite der Insel fährt. Aber wenn man langsam ist, hat sich alles schon wieder gedreht, bis man vom Norden in den Süden gefahren ist.

Aber mir passt das Wetter hier. Es ist nie zu kalt, nie zu heiß, und nie eintönig. Selbst wenn man mal nass wird, trocknet einen die Sonne bald wieder. Und wenn man denkt „uff, ist das heiß“, schieben sich wie auf Bestellung ein paar Wolken vor die Sonne.

Links:

Veröffentlicht unter Azoren, Fotografie, Portugal, Reisen, Video-Blog | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

Ihr könnt diesen Blog jetzt bei Steady unterstützen

Schöne Grüße in die Quarantäne, in den Lockdown oder in welchem Virusvermeidungsmodus Ihr gerade seid, solange es nur nicht der Realitätsverweigerungsmodus ist. Das Gute ist: Alle haben jetzt mehr Zeit zum Lesen.  Und selbst ich, als Vielreisender, bin für diese Zwangspause gar nicht so undankbar. Endlich habe ich mehr Zeit zum Schreiben, vor allem solange ich noch auf dieser Insel im Atlantik festsitze.

Auch wenn die Beschränkungen schrittweise aufgehoben werden (oder man sie geschickt umgeht), Weltreisen sind auf absehbare Zeit nicht möglich. Ach, wäre es da nicht toll, man würde einen Weltreisenden kennen, der einem spannende, amüsante und lehrreiche Geschichten erzählt?

Einer schreibt, die anderen lesen. Da könnte etwas zusammenkommen, was sich gegenseitig erfreut und befruchtet. Aber, ob Ihr es glaubt oder nicht, Recherchieren und Schreiben, Korrigieren und auf Kommentare antworten, das alles beansprucht eine Menge Zeit. Manche von Euch haben diese Mühe manchmal schon honoriert, wofür ich extrem dankbar bin. Nicht nur, weil das ein Zugticket in die Ukraine oder eine Eintrittskarte in ein Museum finanziert, sondern vor allem wegen der Anerkennung. Das motiviert ungemein!

Als eine Möglichkeit (unter vielen) habe ich eine Seite auf Steady eingerichtet. Dort kann man Autoren und Künstler mit einem monatlichen Beitrag unter die schwachen Arme greifen. Als klassenbewusster Mensch habe ich die Beiträge natürlich sozial gestaffelt:

Steady 3 Tarife

Irgendjemand wird jetzt sagen: „Geh doch arbeiten, du fauler Sack!“ Klar könnte ich am Hafen Kisten schleppen oder den ganzen Tag Klageschriften verfassen. Aber dann käme ich nicht zum Schreiben, weil ich am Abend kaputt wäre. Und mit Klageschriften und Kisten kommen andere genauso gut (im Falle der Kisten sogar besser) zurecht. Die Artikel, die Ihr hier auf diesem Blog genießt, kann so aber nur ich schreiben.

Im Übrigen: Schreiben ist Arbeit!

Andreas Moser writing on the train

Andere Reiseblogger bekommen die Flüge und Übernachtungen bezahlt und allerhand sonstiges Sponsoring. Ich bekomme nichts, weil es bei mir kein Hochglanztralala gibt, wo alles toll und schön ist und immer die Sonne scheint.

Nein, ich steige stattdessen mit den Bergarbeitern in die Mine hinab. Ich teste mit nur zwei Snickers-Riegeln bewaffnet, wie der Körper über 5000 Metern Höhe funktioniert. Ich treffe mich in einer Hafenspelunke mit den Profiteuren der Jugoslawien-Kriege. Ich schleiche mich in die französische Fremdenlegion ein.

Das hier ist mehr als ein Reiseblog. Viel mehr.

Ich versuche vor allem, die Menschen zu porträtieren, mit denen Ihr Euch wahrscheinlich selten unterhaltet. Wie Sebastian, den Obdachlosen im Bahnhof von Klausenburg in Rumänien. Oder Immanuel, der mich auf der Straße ansprach und um ein Darlehen bat (und ich dumm genug war, es ihm zu gewähren). Oder die Mennoniten in Kanada, die wie im 18. Jahrhundert leben und ein altertümliches Deutsch sprechen.

Aber auch auf anderen Feldern tummele ich mich, insbesondere Politik, Recht und Geschichte. So habe ich zB einen amüsanten Ratgeber für Diskussionen mit Reichsbürgern verfasst.

Und von alledem gibt es noch viel mehr. Die vollgekritzelten Notizbücher platzen vor Ungeduld.

Notizblöcke

Manche Autoren bieten im Gegenzug eine Menge Gimmicks an, aber ich habe von den meisten Leserinnen und Lesern gehört, dass sie sich nur eins wünschen: Mehr Artikel. Falls Ihr aber eine Postkarte möchtet, gebt mir Bescheid, ich schreibe Euch dann gerne von der nächsten Reise.

Und wisst Ihr, was wir kreativen Kreaturen so richtig toll finden? Wenn Ihr unsere Artikel auf Facebook oder Twitter oder über dunkle Samisdat-Kanäle teilt, wenn Ihr sie an Eure Abgeordneten schickt und beim Familientreffen erwähnt. Denn wir wollen immer, dass mehr Leute lesen, wofür wir nächtelang wach bleiben.

Vielen herzlichen und aufrichtigen Dank!

Euer Andreas Moser

Carnuntum writing

Links:

Veröffentlicht unter Schreiben, Wirtschaft | Verschlagwortet mit , , | 2 Kommentare

In der Fremdenlegion

Click here for the English version of this insider report.


Vor ein paar Jahren schien mal wieder der Bildungsbürger in mir durch, erinnerte sich dunkel an das vor Dekaden absolvierte Gymnasium und bereute, der Sprache unseres westlichen Nachbarlandes niemals die gleiche Aufmerksamkeit gewidmet zu haben wie dem sich ironischerweise den romanischen Begriff lingua franca unter den Nagel gerissen habenden Englisch.

Nun wohne ich in der tiefsten Provinz in Bayern, wo sich die Menschen sowieso schon gegen alles Internationale, aber erst recht gegen alles Französische sträuben, weil 1796 unsere kleine Stadt dem napoleonischen Heer im Wege lag und ein bisschen beschossen wurde. So haben in Amberg seither weder das Institut français, noch die Alliance française, noch eine Baguettebäckerei Fuß fassen können.

Wenn ich also mein Französisch reaktivieren, renovieren, emendieren, avancieren und polieren wollte, so musste ich in die Ferne ziehen. Am besten nach Frankreich.

Aber wie finanziert man solch ein Unterfangen? Die Beantragung von Stipendien war mir immer zu viel Papierkramaufwand. Und selbst wenn ich in Frankreich allein durch tägliches Hören, Lesen und Sprechen Fortschritte machen würde, so müsste ich doch irgendwo schuften für Kost, Logis und Gauloises. Dass die Arbeitsbedingungen in Frankreich trotz der Revolution miserabel sind, hatte ich aber noch aus Germinal in Erinnerung.

Und dann, vielleicht war gerade Vietnam-, Golf- oder ein anderer Krieg, kam mir die Fremdenlegion in den Sinn. Dieses dritte unter den französischen Kultur- und Sprachinstituten, das seinen Eleven nicht nur die oben aufgezählten Grundbedürfnisse, sondern sogar die Arbeitskleidung und ein Salär bezahlt.

normandy_2712_-_day_5-_pointe_du_hoc_28746639206029

Also stieg ich in den Zug nach Marseille. Beziehungsweie viele Züge, über Nürnberg, Stuttgart, Karlsruhe, Basel, Dijon und Lyon. Etwa 30 Stunden. Viel Zeit zum Nachdenken, wenig Zeit zum Schlafen. Im Zug waren sonst Touristen, die zum Schwimmen, Segeln und Schatzsuchen an die Côte d’Azur fuhren. Ganz unbeschwert. Zwei Wochen Urlaub, alles schon bezahlt. Aber danach mussten sie wieder zurück, in die Zeche in Dortmund oder die Schule in Klagenfurt, deshalb beneidete ich sie kein bisschen.

Vormittags kam ich an.

Am Bahnhof fragte ich mich durch nach der Légion étrangère. Chemin de Génie Nr. 18, sagte mir jemand, und der Straßenname wehte wie ein Wind des Schicksals. Was für eine passende Adresse. Niemals würde ich aufhören können, verschmitzt zu lächeln, wenn ich meine Postadresse unbescheiden mit „Weg des Genies“ angäbe.

Es waren ein paar Kilometer Fußmarsch vom Bahnhof, aber nach der langen Zugfahrt wollte ich sowieso frisch werden. Die Sonne, die Seeluft, die Bewegung und vor allem das Licht, dieses Licht am Mittelmeer, das mich darüber wundern ließ, warum die gleiche Sonne nicht überall gleich scheint. Ich musste ganz in den Westen von Marseille. Fast wie eine Halbinsel lag der Stadtteil da, von dem aus man der Monte-Christo-Insel mit dem Château d’If am nähesten ist.

Mein Herz schlug schneller, mein Mund wurde trocken, als ich die Nummern am Straßenrand abzählte. 12, 14, 16, da war es. Chemin de Génie Nr. 18. Schöne Wohnungen hatten die Jungs hier! Mit Blick auf die Insel, genau eine Seemeile entfernt. Ich klingelte und will die folgende Unterhaltung abkürzen, da sie viel Peinliches enthüllen würde. Kurz gesagt: Man hatte mich zum Centre des convalecents et des permissionnaires de la Légion étrangère geschickt, zum Alters- und Pflegeheim der Legion. Ob das ein Scherz war oder ob der Mann im Bahnhof es nicht besser wusste, ich fand es nie heraus.

Aber immerhin konnten mir die Kameraden von der Konvaleszenzabteilung die richtige Adresse mitteilen: „Zur Rekrutierung müssen Sie in die Kaserne in Aubagne.“ Das liegt etwa 10 Kilometer vor Marseille, der Zug war durchgefahren. Wenn ich es gewusst hätte, wäre ich dort abgesprungen.

Nach Aubagne ging ich nicht zu Fuß. Die Buslinien 69 und 100 führen dorthin, ich erwähne das nur, falls jemand den gleichen Plan hat. Mittlerweile war es nachmittags geworden, und ich hätte etwas essen sollen. Oder schlafen. Oder essen und danach schlafen. Aber ich wollte direkt zur Legion, gleich am ersten Tag, um nicht ziellos durch die Stadt zu spazieren und aus Versehen gar an einer Universität oder in einer Beziehung zu enden.

In Aubagne war das Centre de présélection in der Route de la Légion, das ergab schon mehr Sinn als der Wahnsinn mit den Genies. Aber es war weit weniger nobel. Eher so verfallendes Landschulheim oder alter Kibbutz. Der Aschenbecher vor der Tür war ein umgedrehter Stahlhelm. Eine Armee mit Humor, immerhin, vielleicht würde es tatsächlich wie beim braven Schweijk werden.

Nachdem es gewissermaßen schon mein zweiter Versuch an jenem Tag war, war ich weniger nervös als ich durch die mit Information – Recrutement überschriebene Glastür trat. Kaum hatte ich jedoch meinen ersten Satz gesprochen, stand der Sergent auf und wies mich zu der Tür, durch die ich eben erst hereingeschneit war. „Warum?“ fragte ich, noch nicht gelernt habend, dass dieses Wort beim Militär tabu ist. Weil ich ohne Termin aufgetaucht war? Oder gab es keine offenen Stellen? War mein Französisch zu schlecht? Gerade um dies zu reparieren war ich doch hier.

Aber der Feldwebel war gar nicht unfreundlich, er ging mir voraus durch die Tür, in den Garten und zu etwas, das aussah wie ein Kinderspielplatz. Da waren Klettergerüste, von Balken hängende Seile mit einem dicken Knoten untendran und waagerechte Metallstangen, vielleicht um Schaukeln anzubringen. Nur der Boden war nicht so schön wie das jetzt bei modernen Spielplätzen ist, die mit so federndem Gummi ausgelegt sind, damit die Kinder, wenn sie von der Wippe plumpsen, die Mama nicht stören, die während dessen auf der Bank sitzt und lieber mit ihrem Handy als mit ihrem Sohn spielt. Dort war nur staubiger, harter, dreckiger, schmutziger Sand. Wahrscheinlich gab es sogar Schlangen.

Der Sergent ging geradewegs auf die Metallstangen zu, an denen die Schaukeln abmontiert waren, deutete darauf und sagte: „Quatre tractions.“ Nun habt Ihr schon mitbekommen, dass mein Französisch eher an Proust als auf dem Pausenhof geschult worden war. Ich verstand nicht, was „tractions“ sein sollten. Anscheinend war das aber schon öfters vorgekommen, denn der Franzose, der, wie mir erst später kam, gar kein Franzose gewesen sein muss, weil wir ja schließlich bei der Fremden- und nicht bei der Franzosenlegion waren, ließ sich kurzzeitig zum Gebrauch des Englischen herab: „Four pull-ups“, vier Klimmzüge also.

Die habe ich nicht geschafft.

Ich bin dann nach Marseille in den Hafen gefahren, auf ein Schiff gestiegen, nach Südamerika ausgewandert und habe Spanisch gelernt. Sowieso ’ne schönere Sprache. Und weniger Befehl und Gehorsam und Fallschirmspringen und so Scheiß.

Links:

Damit ich nie mehr zum Söldner werden muss, freue ich mich über jede Unterstützung für diesen Blog. Merci beaucoup!

Veröffentlicht unter Frankreich, Militär, Reisen, Sport, Sprache | Verschlagwortet mit , | 23 Kommentare