Das Massaker von Milluni

In meinem Artikel über den Chacaltaya erwähnte ich den Friedhof in Milluni am Fuße des Huayna Potosí und bemerkte nebenbei, dass scheinbar das ganze Dorf gestorben war.

Es stellt sich heraus, dass ich damit Recht hatte, aber dass die dahinterliegende Geschichte brutaler als vermutet ist. Im Jahr 1965 streikten die Bergleute und errichteten in Milluni so etwas wie eine Basis der Opposition gegen die bolivianische Regierung, einschließlich einer Radiostation, die ins nahe La Paz sendete. Die Regierung (eine der vielen Militärdiktaturen im Laufe der Geschichte des Landes, die sich übrigens Ratschläge von Klaus Barbie holte) entsandte Truppen, Panzer und Bomber, die am 24. Mai 1965 das „Massaker von Milluni“ begingen.

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Obwohl dieser Friedhof jetzt vor der Bergkulisse schön und ruhig daliegt, hoffe ich, dass Ihr diese Geschichte im Kopf behaltet wenn Ihr Euch noch ein paar der Fotos anseht, die ich von dort mitgebracht habe.

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Der echte Q

Manche Leute glauben noch immer, dass James Bond eine fiktive Person sei. Wie naiv.

Operation MincemeatIn dem Buch Operation Mincemeat erzählt Ben Macintyre die wahre Geschichte einer britischen Geheimdienstoperation während des Zweiten Weltkriegs. Eine Leiche wurde mit gefälschten Papieren ausgestattet und in Spanien an Land gespült. Die Briten hofften (zurecht), dass die Spanier die Papiere an das Deutsche Reich weitergeben würden, und dass man dort den (gefälschten) Plänen einer Landung auf Sardinien, Korsika und Griechenland Glauben schenken würde. Damit sollte die Wehrmacht von der tatsächlich bevorstehenden Landung auf Sizilien abgelenkt werden.

Der Plan ging auf.

Mit der Konstruktion des Behälters für den Transport des schon verwesenden Leichnams nach Spanien wurde Charles Fraser-Smith von der „Abteilung Q” beauftragt.

Sein Auftrag war die Ausstattung von Geheimagenten, Saboteuren und Kriegsgefangenen mit einer Reihe von Apparaten wie Miniaturkameras, unsichtbarer Tinte, versteckten Waffen und in Bleistiften verborgenen Kompassen.

Meine Lieblingserfindung war jedoch dies:

Er erfand Schokolade mit Knoblauchgeschmack, die von Agenten verzehrt werden sollte, die mit dem Fallschirm über Frankreich absprangen, damit ihr Atem schon bei der Landung ausreichend gallisch roch.

Es ist schön, wenn wenigstens einer im Büro an jede Kleinigkeit denkt.

Wenn Euch Fraser-Smith an Q aus den James-Bond-Filmen erinnert, ist das kein Zufall. Ian Fleming, der Autor der zugrundeliegeden Romane, diente während des Zweiten Weltkriegs im Geheimdienst der britischen Marine.

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Büchermarkt im Mittleren Osten

Im Irak lassen Buchhändler die Bücher nachts einfach neben der Straße stehen, weil man sich sagt: „Leser stehlen nicht, und Diebe lesen nicht.“

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Das erinnert mich an eine Episode aus dem Iran.

In einem Antiquariat fand ich so viele interessante Bücher auf Englisch und Deutsch, dass mich der Ladeninhaber nach einer Weile vorsichtig fragte, ob ich noch länger benötige. „Wieso?“ wunderte ich mich. „Es ist nur so, dass ich bald zum Mittagessen gehen will“, erklärte er. Kein Problem. Ich schlug vor, dass ich in einer Stunde wiederkommen würde. „Nein, nein, das meinte ich nicht“, erwiderte er. „Wenn Sie noch eine halbe Stunde stöbern können, würde ich einfach schnell essen gehen, und Sie können derweil hierbleiben.“ So überließ er mir, einem Fremden, seinen ganzen Laden zur Aufsicht.

In den Büchermärkten rund um die Universität in Teheran lernte ich, dass man die interessantesten und fremdsprachigsten Bücher in den entlegensten Läden findet. Wenn man in einem heruntergekommenen Haus zuerst in den zweiten Innenhof, dann in den vierten Stock und schließlich durch einige andere Läden in das letzte Zimmer gehen muss, dann hat man den Ort gefunden, wo die Literatur aus der Zeit vor der Islamischen Revolution 1979 aufbewahrt wird.

In einem Buchladen für juristische Literatur kam ich mit einem iranischen Rechtsanwalt ins Gespräch, der mich fragte, woher ich komme. „Aus Deutschland.“ „Oh, Deutschland! Ich liebe drei Dinge an Deutschland: Andreas Brehme, die Frankfurter Schule und Hugo Grotius.“ Andreas Brehme war zu dem Zeitpunkt zwar schon in Rente und Hugo Grotius war Niederländer, aber dennoch fand ich das eine beeindruckende Aufzählung. Sonst wird man ja meist nur auf Hitler und Mercedes-Benz angesprochen.

(Danke an Alaa Sattar für das Foto vom Houwaish-Markt in Nadschaf im Irak.)

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Tagesnotizen 12

  1. Wer etwas Bewegendes hören möchte, das vielleicht den Glauben an die Menschheit wiederherstellt, dem sei diese Reportage über ein israelisches Krankenhaus empfohlen, das syrische Verwundete und Kranke behandelt.
  2. Ich hätte nicht gedacht, dass viele Menschen meine extrem langen Artikel wie den über meinen Entschluss zur Rückkehr nach Europa lesen, aber die Zahl der Kommentare hat mich überrascht. Danke!
  3. Mehr als 100 Jahre nach dem Völkermord an den Armeniern finden Forscher noch immer neue Beweise.
  4. Im Mittelalter glaubten die Bayern, dass sie aus Armenien eingewandert wären.
  5. Ein nicht zu unterschätzender Faktor bei der Wahl der Universität für die Promotion: In Finnland bekommt man bei erfolgreichem Abschluss ein Schwert. phd-degree-with-distinction-in-molecular-plant-pathology-biotechnology-e28093-the-ultimate-key-to-yeshitilas-succes
  6. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass es zu noch mehr Verdruss auf die Eliten führt, wenn man im Bus oder bei McDonald’s mit Zylinder und Schwert auftaucht.
  7. Schon wieder etwas Neues gelernt: 1939 organisierten Nationalsozialisten einen Putschversuch in Liechtenstein.
  8. Im Irak wurden drei ISIS-Kämpfer von Wildschweinen getötet.
  9. War Dogs, ein Film basierend auf der wahren Geschichte von ein paar Jungs, die das US-Militär mit Waffen belieferten, war ganz unterhaltsam. Albanien kam allerdings zu negativ dabei weg.
  10. Kein Wunder, dass die Asylbewerberzahlen steigen, wenn sich Offiziere der Bundeswehr als syrische Flüchtlinge registieren und Asyl beantragen.
  11. Wenn sich herumgesprochen hat, wie einfach das anscheinend ist – überprüft das BAMF denn nicht einmal, ob der angebliche Syrer arabisch spricht? – würde mich nicht wundern, wenn es mehrere solcher Fälle gibt. Hoffentlich nicht zur Vorbereitung terroristischer Anschläge wie in diesem Fall, sondern nur, um die nicht gerade großzügigen Leistungen abzugreifen.
  12. Einer der KGB-Spione, die Jahrzehnte in den USA lebten und sich als US-Amerikaner ausgaben, kam aus Deutschland: Albrecht Dittrich alias Jack Barsky.

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Lynchjustiz in Bolivien

An vielen Orten in Bolivien sah ich an Strommasten, Straßenlaternen, auf Mauern und sogar neben der Kirche lebensgroße Puppen aufgehängt, deren Bedeutung sich mir nicht sofort erschloss.

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Als ich danach fragte, bekam ich immer ausweichende Antworten, die sich auf „Brauchtum“ bezogen oder sich in einem gar nichts erklärenden „das machen die Leute hier so“ erschöpften. Anfangs dachte ich, mein Spanisch wäre zu schlecht, um den Zusammenhang zu verstehen, aber mit der Zeit wurde es offensichtlich, dass niemand darüber sprechen wollte. Bis ich in La Paz endlich ein Mädchen traf, das mir bei einem Spaziergang durch El Alto ganz offen erklärte, dass die Puppen als Warnung dienten: „In diesem Viertel knüpfen wir Dich auf, wenn wir Dich beim Stehlen erwischen.“

Lynchjustiz also.

Und das sind keine leeren Drohungen. Hier zum Beispiel eine Frau mit ihren zwei Kindern, die des Autodiebstahls bezichtigt und dafür an einen Mahagonibaum gebunden wurden, in dem Nester der roten Feuerameise waren. Die Frau verstarb an den Bissen, die Kinder konnten von der Polizei noch gerettet werden.

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Als Jurist stehe ich dem naturgemäß skeptisch gegenüber, denn wie will der Mob Beweise und entlastende Umstände würdigen, wie ein faires Verfahren garantieren, wie ein adäquates Strafmaß finden? Auch kann ich mir vorstellen, dass die Lynchjustiz Arme, weniger Gebildete und psychisch Kranke noch mehr als die staatliche Justiz benachteiligt. Denn wie man in Bolivien sagt:

Das Gesetz ist wie eine Schlange. Sein Biss trifft diejenigen, die barfuß gehen müssen, am härtesten.

Und manchmal ist es vielleicht einfach nur der schnellste Weg, um einen unliebsamen oder nervigen Menschen loszuwerden.

Laut Ombudsmann gab es 41 Fälle von Lynchjustiz im Jahr 2014, davon endeten 13 Fälle tödlich. Aber ich bezweifle, dass der Ombudsmann alles mitbekommt, was sich im Land so abspielt.

(Dieser Artikel erschien auch im Freitag.)

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Die Anfänge von Instagram

So machten unsere Großmütter ihre coolen Facebook-Profilfotos.

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(Warschau, Polen 1946.)

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Mein Häuschen in Kolumbien

Bogotá ist schon ziemlich grün für eine Großstadt, aber ich wollte nur Natur, ohne Stadt. Also habe ich ein kleines Häuschen nördlich von Kolumbiens Hauptstadt gemietet, wohin man über sanfte Hügel und vorbei an Kuhweiden gelangt und sich dabei die Straße zwischen den Feldern mit erstaunlich vielen Radfahrern teilt. Den letzten Kilometer geht es einen steilen Berg hinauf, wie zu einer Almhütte.

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Es liegt genau zwischen Tenjo und Chía, beide Orte 6 km oder, wie der Vermieter sagt, „eine Stunde und 20 Minuten zu Fuß“ entfernt. Und man macht sich besser nicht zu spät auf den Weg, denn nach 18 Uhr ist es stockdunkel im Tal.

Außerdem wird es auf über 2700 m nachts etwas kühl.

Dafür ist es im Haus ganz gemütlich.

Schlafzimmer

Erst recht begeistert war ich, als ich die Bücherecke erblickte.

Bücherecke

Und was für eine beeindruckende Auswahl in dieser abgeschiedenen Hütte aufwartet: Immanuel Kant, Sigmund Freud, Hermann Hesse, William Shakespeare, Jean-Paul Sartre, Robert Musil, Viktor Frankl, Mahatma Gandhi und natürlich der Kolumbianer Gabriel Garcia Marquez. Die meisten davon schöne, gebundene Ausgaben aus den 1930er bis 1950er Jahren. In jener Zeit muss sich hier ein Intellektueller in den Bergen versteckt haben.

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Es findet sich sogar ein umfangreiches Werk über die Gestapo,

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in dem zwischen den Seiten 368 und 369 die Eintrittskarte zu einem Stierkampf am 3. Februar 1968 als Lesezeichen liegt.

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Etwas verstörender fand ich die spanische Übersetzung des Tagebuchs von Joseph Goebbels,

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deren Lektüre allerdings ausweislich des Lesezeichens schon auf Seite 46 abgebrochen wurde.

Goebbels2

Als Lesezeichen dienten hier Quittungen des Unternehmens Remington Rand, einem der ersten Computerhersteller, aus dem Jahr 1955. Sehr mysteriös, was sich tief in den Bergen Kolumbiens damals abgespielt haben mag.

Auf dem Schreibtisch beachte man insbesondere den ausreichenden Zigarrenvorrat rechts. Wenn Zigarren nur 0,15 Euro das Stück kosten, dann kann man schon mal zugreifen.

SchreibtischZigarren

Was die Pistole neben dem Compute soll, fragt Ihr? Die war auch schon da. Gehört anscheinend zum Haus. Unter der Treppe ist die Munition gelagert.

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Der erste Abend klang jedoch ganz friedlich aus, mit einem Blick über das dank frischem Regen saftig grüne Tal in der Abendsonne.

erster Abend

(Das Haus könnt Ihr über AirBnB mieten. Wenn Ihr Euch über diesen Link bei AirBnB anmeldet, bekommt Ihr einen Rabatt von 35 Euro, natürlich nicht nur in Kolumbien. – To the English version.)

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