Gespaltene Persönlichkeit


Oder ein wirklich schlimmer Kater.

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(Fotografiert auf der Burgruine Löwenstein.)

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Vor hundert Jahren suchte man den Mittelpunkt Brasiliens – September 1922: Brasília

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Bekanntlich bin ich zur Zeit auf der Suche nach dem geographischen Mittelpunkt Europas, was mich die nächsten Monate in obskure Dörfer von der Ukraine bis nach Schweden, von Frankreich bis Belarus, von Estland bis Belgien führen wird.

„Warum macht man das?“ werden sich manche fragen, bis sie erfahren, was die noch sinnloseren Alternativen gewesen wären.

Aber so ein geographischer Mittelpunkt kann auch praktische Relevanz haben, wie wir heute anhand des Beispiels Brasilien erfahren werden. Brasilien ist, wie Deutschland, Österreich, Mexiko, die USA und eine Reihe anderer Länder, eine Bundesrepublik. Wie in vielen Bundesrepubliken sind sich die einzelnen Bundesländer/Bundesstaaten nicht ganz grün. Beziehungsweise manche sind manchen zu grün. Oder zu liberal. Oder zu konservativ. Oder zu rückständig. Oder zu urban.

Oft gehen diese Differenzen auf die Geographie zurück.

Wie zum Beispiel in Deutschland, wo Bayern darauf hinweist, dass es keine Windräder aufstellen kann (wegen der Berge), keine Solarparks bauen kann (wegen der Berge), keine Bahnlinien bauen kann (wegen Andreas Scheuer), keinen Atommüll aufnehmen kann (wegen des Tourismus) und Bundesgesetze weitgehend ignorieren kann (wegen der Tradition). Aber meckern und schimpfen, das kann Bayern.

In Brasilien gab und gibt es große Meinungsunterschiede zwischen ländlichen Regionen (wo Großgrundbesitzer sich wie Gutsherren aufspielen) und Städten (wo Menschen sich ihrer Bürgerrechte bewusst sind). Zwischen Bergbaugebieten (Minas Gerais hat die Minen schon im Namen), die Quecksilber in die Flüsse leiten, und den Kaffee-Staaten, die sauberes Wasser brauchen. Zwischen den Holzabbaustaaten und den Strandstaaten, die bei zu viel Tropenabholzung um die Touristen fürchten. Zwischen germanisch dominierten Bundesstaaten wie Santa Catarina und afrikanisch dominierten Bundesstaaten wie Bahia.

In Deutschland oder in Österreich arten diese Streitigkeiten selten aus, denn früher oder später blickt jemand auf den Globus und erkennt, dass wir absolute Bibsiländer sind. Global irrelevant. Brasilien ist 100-mal so groß wie Österreich. Und 24-mal so groß wie Deutschland.

Brasilien ist sogar älter. 1822 errang es die Unabhängigkeit von Portugal und wurde zum Kaiserreich Brasilien. Fast 50 Jahre vor der deutschen Reichsgründung.

Kaiser wurde übrigens der Sohn des portugiesischen Königs, dem es im Urlaub in Brasilien so gut gefallen hatte, dass er nicht mehr nach Portugal zurückkehren wollte. Das Kaiserreich dauerte zwei Kaiser lang, Pedro I und Pedro II, bis 1889, als ein Militärputsch die Republik einführte. (30 Jahre bevor Deutschland endlich Republik wurde.) Glücklicherweise hatte kurz vorher Kronprinzessin Isabel noch die urlaubsbedingte Abwesenheit ihres Vaters genutzt, um als Regentin die Sklaverei abzuschaffen.

Das ist mal ein sinnvoller Akt eines Thronfolgers. Nicht so dämliche Attentate wie der Österreicher in Sarajevo. Ganz zu schweigen von den Hohenzollern, die Wahlkampf für die NSDAP betrieben. Zu letzteren wird es übrigens Ende September eine lustige Veranstaltung geben, bei der wir uns endlich persönlich kennenlernen können. Kommt zahlreich und in guter Laune!

Aber zurück nach Brasilien: Weil die neue Republik eine Bundesrepublik war („die Vereinigten Staaten von Brasilien“ hießen sie offiziell), gab es Streit um die Hauptstadt. Bis dahin waren Salvador und Rio de Janeiro die Hauptstädte gewesen, jeweils für etwa 200 Jahre. Aber die waren/sind natürlich auch die Hauptstädte ihrer jeweiligen Bundesstaaten, Rio de Janeiro (jetzt meine ich den gleichnamigen Bundesstaat, nicht die Stadt) bzw. Bahia.

Rio de Janeiro kenne ich nicht persönlich. Ich bin kein Fan solch großer Städte. Aber in Salvador sieht man, dass es einmal Hauptstadt war. Allerdings merkt man auch, dass diese Epoche seit 1763 vorüber ist. Langsam blättert die Farbe vom Putz, die Bäumchen wachsen aus dem Dach, und die Geschichte wird vergessen. Bis dieser Blog sie wieder zum Leben erweckt.

Links neben dem Haus auf dem letzten Bild habe ich übrigens gewohnt. War günstig.

Weil Rio de Janeiro, Salvador, São Paulo und viele andere Städte sich um die Hauptstadtwürde stritten, fragte man, wen man im Streitfall immer fragen sollte: die Juristen. Die schrieben 1891 in die Verfassung, dass eine neue Hauptstadt auf neutralem Gebiet errichtet werden sollte, das zu keinem Bundesland gehört. Das ist eine bewährte Lösung. So entstanden zum Beispiel Canberra in Australien oder Washington in den USA, die ebenfalls zu keinem der Bundesstaaten gehören.

Und wo sollte diese neue Hauptstadt sein?

Na klar, genau in der Mitte des Landes.

Was die Juristen nicht wussten, weil sie, anders als ich, keine welt- oder zumindest brasilienreisenden Juristen waren: In der Mitte Brasiliens sieht es so aus.

Wer natürlich immer in Florianópolis, Blumenau oder Pomerode rumhängt, kann sich das gar nicht vorstellen. So machte sich die Mittelpunktfindungskommission an die Arbeit, was dadurch erschwert wurde, dass Brasilien immer mal wieder seine Nachbarstaaten überfiel und von Paraguay, Uruguay, Ecuador, Kolumbien und Bolivien Land abzwackte. (Besonders tragisch war das für Bolivien, das im Laufe seines langen Lebens ständig Land und sogar das Meer an seine Nachbarstaaten verlor.)

Warum gerade so ein großes Land glaubt, noch mehr Land besitzen zu müssen, weiß ich nicht. Vielleicht kann Russland das beantworten.

Jedenfalls fanden die brasilianischen Geographen einen ungefähren Mittelpunkt, der natürlich mitten im Grünen und weit entfernt von allen Städten, Menschen und Politikern lag. Dort sollte die neue Hauptstadt, Brasília, entstehen. Dafür wurde, dem ursprünglichen Sinn entsprechend, ein neues Territorium erschaffen, das keinem Bundesstaat angehört, sondern direkt der Bundesregierung untersteht. So wie der District of Columbia in den USA oder das Australian Capital Territory in Australien. Wie der deutsche Föderalismus ohne so etwas auskommt, ist mir schleierhaft.

Aus der Armee meldeten sich zwei Freiwillige, um den Weg zum noch nicht existenten Brasília freizukämpfen.

Jair Bolsonaro, ein eher schlichtes Gemüt, war Feuer und Flamme: „Ich brenne diesen ganzen Scheißwald nieder!“

Cândido Rondon, indigener Abstammung, Ingenieur und Positivist, war ebenfalls begeistert: „Ich werde die Suche nach dem Mittelpunkt dazu nutzen, um nebenbei Telegraphenleitungen zu verlegen, das Land zu vermessen, bisher unbekannte im Amazonas lebende Indigene aufspüren, ihnen von den Segnungen der Republik berichten und so das Land vereinen.“

Zum Glück bekam Rondon den Auftrag.

Er zog 24 Jahre lang durch die entlegensten Gegenden Brasiliens und verlegte 4000 Meilen Telegraphenleitungen. Weil er schon dabei war, legte er die Leitungen auch nach Bolivien und Peru. Als Nachbarschaftshilfe, sozusagen. Er traf immer wieder auf indigene Gemeinschaften, für die er der erste Vertreter des brasilianischen Staates war, mit dem sie in Kontakt kamen. Bolsonaro hätte sie einfach abgeknallt; Rondon baute ein Grammophon auf und spielte ihnen die brasilianische Nationalhymne vor, um sie als gleichberechtigte Bürger in der Republik zu begrüßen. Er gründete eine Stiftung und einen Nationalpark zum Schutz der indigenen Völker und ihrer Lebensgrundlagen.

Dazwischen galt er ein paar Jahre als im Urwald verschollen, vermittelte einen Friedensschluss zwischen Kolumbien und Peru, kartographierte neu entdeckte Flüsse, sammelte Pflanzen und Tiere für die Forschung und rettete Theodore Roosevelt das Leben. Ein Mensch wie aus einem Roman.

Tragisch war nur, dass, als Rondon nach 24 Jahren Telegraphenverkabelungsmission aus dem Urwald zurückkehrte, das Radio erfunden worden war. Kaum jemand brauchte noch einen Telegraphen.

Am 7. September 1922, zum hundertjährigen Jahrestag der Unabhängigkeit Brasiliens, wurde an dem ausgemessenen Punkt der Grundstein für die neue Hauptstadt Brasília gelegt.

Und dann geschah – nichts.

Der Verfassungsauftrag, eine neue Hauptstadt zu bauen, wurde genauso ignoriert wie in Deutschland Artikel 15 des Grundgesetzes ignoriert wird.

Jahrzehntelang war Brasilien anderweitig beschäftigt. Militärputsch. Fußball-Weltmeisterschaft. Wieder ein Putsch. Karneval. Dazwischen rang Brasilien im Zweiten Weltkrieg die Nazis nieder. (Das wissen viele nicht.) Wieder Militärputsch. Bis 1956 – also 34 Jahre nach der Grundsteinlegung – endlich mit dem Bau der neuen Hauptstadt begonnen wurde. Die Stadt war mutig und modern geplant, aber leider waren die 1950er Jahre überall auf der Welt das Zeitalter des Autos. Stadtplaner dachten damals nicht an Menschen, sondern an Kraftfahrzeuge. Es gab also ewig weite Wege zwischen den Gebäuden, ausreichend Parkplätze, aber keine Straßenbahn. Erst im Jahr 2001 wurde endlich eine U-Bahn errichtet.

Wie gesagt, ganz modern. Aber irgendwie künstlich und steril, so wie die trostlosen Neubaugebiete in Berlin-Mitte oder Bremen-Überseestadt. Keine Eckkneipen, keine Spätis, keine Räume für Kultur, für ungezwungene Treffen, keine Rückzugsgebiete in überwucherten Parks, nichts, was die Seele oder das Herz berührt.

Selbst ein Militärputsch, wie 1964, sieht da irgendwie lächerlich aus.

Vielleicht war es aber auch nur ein Putsch gegen die trostlose Architektur?

Aber ich will nicht zu hart urteilen, schließlich war ich selbst noch nicht in Brasília. Wenn Ihr schon einmal dort wart, würden mich Eure Eindrücke sehr interessieren!

Oscar Niemeyer, der Architekt, sagte jedenfalls 2001: „Dieses Experiment war nicht erfolgreich.“

Aber wenn schon scheitern, dann doch bitte stilvoll. So wie in Salvador.

Übrigens, falls Euch die 34 Jahre von der Grundsteinlegung bis zum Baubeginn lange vorkommen: Die Putschisten, die 1889 den Kaiser stürzten und die Republik ausriefen, legten fairerweise fest, dass letztendlich das Volk über die Regierungsform (Monarchie oder Republik) abstimmen sollte. Dieses Referendum fand 1993 statt. Also lediglich 104 Jahre später. Die Republik gewann gegen die Monarchie mit 7:1.


Ein anderes Ereignis, das sich diesen Monat zum hundertsten Mal jährt, ist der Brand von Izmir, die Katastrophe von Smyrna.

Das wäre eine gute Gelegenheit, um die ganze osmanisch-hellenisch-türkisch-griechische Geschichte aufzurollen. Wenn sich da jemand von Euch auskennt und erzählen möchte, traut Euch! Wie Ihr seht, sind in dieser Reihe auch ungewöhnliche und persönliche Zugänge zu komplexen Themen gerne gesehen. Ebenso für Oktober 1922, wenn jemand etwas über den faschistischen Marsch auf Bozen oder auf Rom schreiben will. Oder zur Entdeckung von Tutanchamun im November 1922. Ich kann mich ja nicht überall selbst auskennen.

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Vor hundert Jahren wurde Schweden fast alkoholfrei – August 1922: Abstinenzreferendum

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Bevor ich letzten Sommer nach Schweden fuhr, erhielt ich viele gut gemeinte Ratschläge:

„Nimm ausreichend Bier mit, in Schweden ist das unerschwinglich!“

„Als EU-Bürger darfst du 110 Liter Bier und 90 Liter Wein zollfrei einführen.“

„Wenn wir mit dem Wohnmobil nach Skandinavien fahren, schütten wir die Flüssigkeit aus den Gurkengläsern und ersetzen sie mit Alkohol. Dann schmeckt der Wodka zwar nach Gurken, aber bisher sind wir damit beim Zoll nicht aufgeflogen.“

„Wir füllen den Wassertank im Wohnmobil mit Alkohol. Waschen kann man sich ja auch im See.“

„Wenn du dich betrinken willst, nimm die Fähre von Stockholm nach Tallinn. Sobald du in internationalen Gewässern bist, kannst du steuerfrei trinken.“

„Nimm am besten reinen Alkohol mit. Den kannst du dann verdünnen und hast länger etwas davon.“

Ich mache mir nicht viel aus Alkohol und packte lieber einen Haufen Bücher in den Rucksack. Landeskundliche Literatur, skandinavische Geschichte, Harry Martinson, alle 10 Bände der Kommissar-Beck-Romane von Maj Sjöwall und Per Wahlöö. Da wäre nicht einmal mehr Platz für ein Promille Prosecco gewesen.

Die Leserinnen und Leser, die ihr Erinnerungsvermögen noch nicht ganz weggesoffen haben, werden sich wundern: Um die Rolle des Alkohols in Skandinavien ging es doch schon einmal in dieser launigen Geschichtsreihe? Genau, bei den Åland-Inseln. Und Schweden hatten wir auch schon, oder nicht? Jawohl, und zwar mit dem Versuch, einen besseren Menschen zu schaffen.

Heute vereinigen sich diese beiden Themenstränge zu einem süffigen Mixgetränk aus Alkohol und skandinavischen Weltverbesserungsversuchen. Wir widmen uns dem am 27. August 1922 und mithin vor genau 100 Jahren abgehaltenen Referendum, in dem das schwedische Volk über das Schicksal des Alkohols entscheiden sollte.

Aber zuerst müssen wir – so ist das, wenn man über Geschichte schreibt – ein bisschen zurück auf der Zeitachse torkeln. Die Skandinavier stammen bekanntlich von den Wikingern ab, die eigentlich ständig hackedicht waren, egal ob an Land, auf See oder in Walhalla.

Selbst während ihrer Raubzüge waren sie so betrunken, dass der bekannte Strafverteidiger Hedobald Braxen vor dem Internationalen Seegerichtshof einen Freispruch für die Wikinger wegen Unzurechnungsfähigkeit errang. Deshalb mussten Schweden, Norwegen, Dänemark und Island niemals Reparationen zahlen und stehen heute finanziell ziemlich solide da. Anders als Haiti, das bis 1950 Schulden für seine Revolution von 1791 bis 1804 bezahlte und sich für diese Ungerechtigkeit auch noch als „ärmstes Land der westlichen Hemisphäre“ beschimpfen lassen muss.

Als im 19. Jahrhundert auch in Schweden die Industrialisierung Fuß fasste (Volvo, Saab, Ericsson, Scania u.s.w.), fanden es die Fabrikbesitzer praktisch, die Arbeiter mit wenig Geld, aber dafür umso mehr Branntwein zu entlohnen.

„Wir hätten eigentlich lieber Geld“, wandten ein paar aufmüpfige Gewerkschafter ein.

„Was braucht Ihr Kronen, wenn Ihr stattdessen einen in der Krone haben könnt?“ entgegnete der Fabrikbesitzer: „Denkt dran, Männer: Ihr seid stolze Wikinger!“

Die Arbeiter hängten sich blau-gelbe Fahnen in ihre Gärten und waren fortan sehr nationalstolz, aber arm und besoffen.

Heutzutage sind Schweden sehr privat und zurückgezogen, aber damals gab es noch Leute, die ihre Nase gerne in die Angelegenheit anderer Menschen steckten. Nein, ich meine nicht die Säpo. Ich meine die Abstinenzlerbewegung.

Die Abstinenzler erkannten die Schädlichkeit des Alkohols und zogen seit den 1830er Jahren predigend durchs Land, um die Männer (zu den Frauen komme ich später noch) vom Trinken, oder zumindest vom übermäßigen Trinken abzubringen. Ihre Motivation war teilweise rein gesundheitlich, teilweise religiös-moralisierend, aber auch oft sozialreformerisch. Sie wollten eine bessere Gesellschaft schaffen, weshalb sich viele Abstinenzler in den Reihen der Sozialdemokraten, Marxisten, Sozialisten und Kommunisten fanden. Wegen des sozialhygienischen Gedankens gab es auch Überschneidungen mit der, wie Ihr bereits wisst, ebenfalls in Schweden sehr erfolgreichen Eugenik-Bewegung jener Zeit.

Außerdem fanden Frauen die Abstinenzler ganz sympathisch, weil sie (und die Kinder) unter den im Suff prügelnden Ehemännern zu leiden hatten. Und wenn der Mann auf dem Weg von der Fabrik nach Hause den halben Lohn schon versäuft, dann ist das auch nicht so gut.

Die Abstinenz-Bewegung war ein Massenphänomen, ein Riesending mit Millionen von Mitgliedern, und keine Regierung konnte sich den Forderungen komplett verschließen. Ab 1919 wurde Alkohol rationiert. Die Bürger bekamen ein Stempelheft, in dem der bereits gekaufte Alkohol notiert wurde. War die Monatsgrenze erreicht, musste man bis zum nächsten Monat warten. (Oder einen Freund finden, der nicht trank, und ihn zum Spirituosengeschäft schicken.)

Jetzt wollt Ihr wahrscheinlich wissen, wieviel Alkohol man pro Monat erwerben durfte?

Aber so einfach war das nicht.

Um ein Stempelheft zu erhalten, musste man sich dem örtlichen Nüchternheitskomitee vorstellen. Dort wurde zuerst geprüft, ob man bereits als alkoholisiert aufgefallen war, ob man einer geregelten Arbeit nachgeht, ob die Kinder in die Schule gehen, ob man Steuerschulden hat, ob man seinen Vorgarten sauber hält, ob man bei der Feuerwehr ist, und so weiter, und so weiter.

Auch die soziale Stellung und die Schicht waren maßgeblich. Arbeitslose, Obdachlose und Einkommensschwache erhielten gar kein Stempelheft. Landbewohner erhielten eine geringere Ration als Stadtbewohner (weil Menschen in der Stadt mehr soziale Verpflichtungen haben, zu denen man Alkohol ausschenkt). Wer einen Beruf hatte, in dem er Kunden oder Mandanten manchmal zu einem Drink einladen muss (Rechtsanwälte, Notare, Immobilienmakler, Regisseure, Handels- und Industriemagnaten, Abgeordnete, wahrscheinlich auch der König), bekamen eine höhere Ration. Frauen erhielten nur ein Stempelheft, solange sie ledig waren. Für Hochzeiten und Geburtstage konnte man einen gesonderten Antrag auf eine Extrazuweisung stellen.

Natürlich konnte das Stempelheft bei Fehlverhalten auch wieder entzogen werden. Die Alkoholausschankrationierungsbehörde hatte mehr Informationen über ihre Bürger als Stasi, Securitate oder Säpo.

Wenn man all das liest, vergeht einem eigentlich die Lust am Trinken, oder?

Aber die Schweden tranken weiter, und die Abstinenzler gaben keine Ruhe. Sie wollten nicht, dass Menschen nur 2 Liter im Monat tranken. Sie wollten, dass gar niemand niemals nichts trank. Keinen Tropfen! Außer vielleicht eine Tasse Tee.

Die Idee eine Komplettverbots von Alkohol spukte damals nicht nur in den schwedischen Köpfen. Andere Staaten hatten sie bereits eingeführt. Russland 1914, Island 1915, Norwegen 1916, Finnland 1919, und, am bekanntesten, die USA 1920. Wenn alle Nachbarstaaten und die beiden Supermächte das machen, dann wirkt die Idee plötzlich gar nicht mehr so absurd. Es konnte ja noch keiner ahnen, dass die Prohibition in den USA zum Aufstieg der Mafia und in Russland zur Revolution führen würde.

Aber Schweden war eine Demokratie, also wurde eine Volksabstimmung angesetzt. Diese war zwar nicht bindend, aber die Abstinenzler erhofften sich einen eindeutigen, sozusagen hochprozentigen Auftrag an das Parlament.

Die Ja-Seite (für ein Komplettverbot) führte im Wahlkampf die bekannten Probleme des Alkohols an: Gesundheitsschädlich, schlecht für die Moral, leistungssenkend, führt zu Gewalt in der Familie und anderswo, Kosten für das Gesundheitswesen, Ausfall von Millionen von Arbeitsstunden, Kontrollverlust, schleichende Verdummung, Verkehrsunfälle, Flugzeugabstürze, Atomkatastrophen, alles verursacht durch den Alkohol.

Die Nein-Seite (gegen ein Komplettverbot, aber nicht für die Aufhebung der restriktiven Quoten) plakatierte: „Ohne Alkohol sind Krustentiere ungenießbar.“ (Für mich, der all dieses Meeresungetier widerlich findet, kein überzeugendes Argument.)

Ansonsten argumentierte die Nein-Seite mit der allgemeinen Handlungsfreiheit, der Gefahr eines Polizei- und Spitzelstaates und dass man dann zum Schmuggeln und zum heimlichen Destillieren gezwungen wäre.

Die Wahlbeteiligung am 27. August 1922 lag bei 55,1 %. Das hört sich vielleicht nicht viel an, aber es war mehr als bei der vorangegangenen Reichstagswahl.

Das Ergebnis war knapp und überraschend: Die Prohibitionsgegner gewannen mit 50,8 % gegenüber 48,8 %. Frauen, die in Schweden erst seit 1919 wählen durften, hatten mehrheitlich für ein Alkoholverbot gestimmt. Aber 59 % der Männer, die gegen das Verbot stimmten, hatten verhindert, dass die Frauen den Männern den Alkohol verboten. Und damit wahrscheinlich knapp einen Volksaufstand und einen Bürgerkrieg vermieden.

Für die Feier zum Ausgang des Referendums gab es im Stempelheft übrigens keine Sonderrationen. Denn das Komplettverbot von Alkohol war zwar gescheitert, aber die restriktive Alkoholpolitik blieb bestehen. Die Rationierung und das Stempelheft wurden erst 1955 abgeschafft.

Und bis heute leben die Schweden sowie die Schwedenbesucher mit einer weiteren skandinavischen Besonderheit: dem staatlichen Monopol auf den Alkoholverkauf. Das Monopol ist zwar durch EU-Recht etwas löchrig geworden, aber im Wesentlichen gilt, dass man Alkohol nur im Restaurant (zu exorbitanten Preisen) oder im staatlichen Alkoholgeschäft (zu gesalzenen Preisen) bekommt.

„Systembolaget“ heißen die staatlichen Geschäfte, die Ihr nicht an jeder Ecke findet.

Denn die Idee hinter dem schwedischen Modell eines Staates, der zwar liberal, aber auch um die Wohlfahrt seiner Bürger besorgt ist, ist die: Wenn Ihr es wirklich darauf anlegt, Euch volllaufen zu lassen, na gut, das ist Eure Sache. Es gibt keine Mengenbeschränkungen mehr. Ebenso gibt es keine Beschränkungen hinsichtlich des Alkoholgehalts. Ihr könnt im Systembolaget auch 80-prozentigen Stroh-Rum kaufen. (Ich verwende diesen Rum, um Rosinen für den Kaiserschmarrn einzuweichen. Am besten mehrere Tage lang. Mein Kaiserschmarrn ist sehr beliebt.)

Aber zuerst einmal müsst Ihr einen Systembolaget finden. Dafür muss man manchmal 20 km fahren, im hohen Norden auch mal 100 km. Die Idee dahinter: Man soll nicht spontan, aus Verlegenheit oder aus Verzweiflung beim Späti um die Ecke Alkohol bekommen. Wenn man sich erst in seinen Schneeanzug und die Schneeschuhe stopfen und 12 Kilometer durch tiefen Schnee stapfen muss, bevor man ein Bier bekommt, überlegt man es sich vielleicht zweimal und kommt zu dem Schluss, dass eine Tasse Kakao doch auch etwas Schönes ist.

Weil es nur so wenige Läden gibt, muss man dazu noch in langen Schlangen anstehen. Auch hier ist wieder die Idee, dass man es sich während der Warterei anders überlegt und lieber Kaugummis kauft.

Außerdem muss man mindestens 20 Jahre alt sein, was streng kontrolliert wird. Wer einen beschwipsten Eindruck macht, bekommt gar nichts. Ich habe einmal im Systembolaget jemanden angelächelt und wurde des Ladens verwiesen, weil das als Hinweis auf Alkoholisierung missverstanden wurde. 10 km Fußmarsch für nichts und wieder nichts.

Die Öffnungszeiten sind äußerst restriktiv: An Wochentagen bis 20 Uhr, am Samstag bis 15 Uhr, und an Sonn- und Feiertagen bleibt das System ganz geschlossen. Wen das Familientreffen an Weihnachten so aufregt, dass er spontan einen Schnapps braucht, der hat verloren. Oder er nimmt die Fähre nach Tallinn oder Travemünde.

Die Läden sind groß, hell, gut sortiert, mit ausgezeichneter Beratung. Aber es gibt nichts, was unzulässige Kaufanreize setzen würde: Keine Mengenrabatte. Keine Mehrfachpackungen wie Sixpacks, weil man dann möglicherweise mehr kauft als man eigentlich wollte. Es wird also jede Dose oder Flasche einzeln abgezählt. Keine Einkaufskörbe oder Einkaufswägen, um nicht zu viel zu kaufen. Keine gekühlten Getränke, weil das dazu verleiten könnte, das Getränk schnell auszutrinken, solange es noch kühl ist. Keine „Sonderangebote“ kurz vor der Kasse. Keine BWL-Fuzzis, die eine „Customer Experience“ schaffen wollen.

Eigentlich ist es ganz angenehm, in einem Laden einzukaufen, in dem niemand darauf aus ist, einem so viel Geld wie möglich aus der Tasche zu ziehen. Wo man als Bürger behandelt wird, nicht als Kunde.

Und was ist jetzt mit den Preisen?

Ganz ehrlich, ich finde es nicht so schlimm.

Es stimmt zwar, Alkohol ist in Schweden teurer als in Mittel-, Süd- oder Osteuropa. Aber überall in Skandinavien ist einfach alles teurer als anderswo. Im Vergleich zu den exorbitanten Preisen der schwedischen Eisenbahn empfinde ich 2 € für eine Flasche Bier nicht als prohibitiven Preis. Dazu kommt, dass die Steuern je nach Alkoholgehalt festgelegt werden, allerdings nicht prozentual, sondern zu einem festen Satz. Bei Wodka (40 % Alkohol) beträgt die Steuer z.B. 20 €/Liter. Okay, das haut rein. Aber bei Wein (14 % Alkohol) liegt die Steuer bei 2,20 € pro Liter. Beim billigsten Wein spürt man das, aber wenn die Flasche sowieso 50 € kostet, dann fällt die Steuer kaum mehr ins Gewicht.

Seht Euch doch einfach mal auf der Website von Systembolaget um. Die Preise sind natürlich in Kronen angegeben, Ihr müsst sie durch 10 dividieren, um den Euro-Preis zu erhalten.

Ich verstehe also die Jammerei der Touristen nicht. Insbesondere nicht, wenn sie sich für die Reise nach Schweden vorher ein Wohnmobil für 60.000 € gekauft haben. Ich glaube, dieser übertriebene Spartick sagt mehr über die Deutschen als über die Schweden aus.

Außerdem: Bier mit weniger als 3,5 % Alkohol (sogenanntes „folköl“, also Volksbier) kann in jedem Supermarkt gekauft werden. Ab 18 Jahren. Leichtbier (bis 2,25 % Alkohol) dürfen sogar Kinder kaufen.

Und jetzt bin ich gespannt auf Eure Erfahrungen bezüglich Alkohol und Skandinavien!

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Reise zum Mittelpunkt Europas – Kruhlyj, Ukraine

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Für das Projekt „Reise zum Mittelpunkt Europas“ besuche ich alle Orte, die jemals von sich behauptet haben, der Mittelpunkt Europas oder der Europäischen Union zu sein. Und schreibe darüber.

Den Anfang macht ein Ort, der einerseits weitab vom Schuss liegt, wie man so sagt. Andererseits liegt er viel zu nah am Schuss. Meine erste Reise führte mich nämlich in die Ukraine. Aber die geschätzte Leserschaft will irgendwie immer, dass ich mein Leben riskiere. Na gut, lieber stillt Ihr Euren Sensationsdurst mit informativer Unterhaltung als mit der Bild-Zeitung.


Solotwino. Der erste Ort in der Ukraine, nachdem man über eine wackelige Holzbrücke den Fluss Theiß und damit die rumänisch-ukrainische Grenze überquert.

Der Busbahnhof ist ein kleiner Container an der Hauptstraße, der eine beeindruckende Liste von Bussen und Abfahrtszeiten aufführt. Um ein paar Minuten habe ich den Bus nach Rachiw um 8:28 Uhr verpasst. Macht nichts, denn um 9:10 Uhr geht schon der nächste. Steht da.

Die Bahnhofsvorsteherin kommt hilfsbereit heraus und sagt, dass die Liste Makulatur sei. Die Busfahrer sind an der Front, die Busse im Krieg.

„Niemand weiß, wann sie zurückkommen“, sagt sie, und ich weiß nicht, ob sie die Fahrer oder die Busse meint.

„Oder ob sie überhaupt zurückkommen“, ergänzt sie und seufzt. Es klingt so, wie wenn ihr Mann unter den Busfahrern ist.

Es ist der 15. Juli 2022. Tag 142 des russischen Versuchs, die Ukraine auszulöschen. Zieht sich irgendwie, dieser Blitzkrieg.

Der einzig verbleibende Bus des Tages kommt um 11:15 Uhr, sagt die Frau und versteht, dass ich es bis dahin lieber mit Trampen versuche.

Aber niemand hält. Manche Fahrer donnern mit weit mehr als 100 km/h durch den Ort, wohl wissend, dass alle Verkehrspolizisten die Radarpistole gegen eine echte eingetauscht und statt am Straßenrand jetzt im Schützengraben stehen.

Schließlich hält ein Ehepaar, fragt nach Geld. Wieviel, frage ich. Sie diskutieren untereinander. Ich verstehe nichts, aber bilde mir ein, dass die Frau vorbringt, man dürfe den Fremden doch nicht einfach so an der Straße stehen lassen. Der Mann hingegen verweist auf Krieg, Inflation, unsichere Zeiten. Es geht ein bisschen hin und her zwischen den beiden, bis der Mann eine Ziffer auf einen Notizblock schreibt, der bereits so mit Ziffern übersäht ist, wie wenn er täglich Koordinaten an die Artillerie durchgäbe: 1500 Hryvnia.

Ehrlich amüsiert über die Fehleinschätzung meiner finanziellen Möglichkeiten lehne ich ab. 1500 Hryvnia sind etwa 60 Euro. Für 30 Kilometer. (Eine Woche später werden es nur mehr 40 Euro sein. Vielleicht arbeitete das Paar bei der ukrainischen Zentralbank und wusste schon etwas von der bevorstehenden Abwertung. Oder, und das ist wahrscheinlicher, es zeigt, dass man Geld einfach nicht so ernst nehmen sollte.)

Ich bin enttäuscht, dass niemand anhält. Es ist doch Krieg, man liest und hört so viel von Hilfsbereitschaft. Erkennen kann ich nichts davon. Mir scheint, dass manche Fahrer mich suspekt beäugen. Wie wenn irgendetwas absurd daran wäre, während eines Krieges zu trampen. Vielleicht finden sie es verdächtig, wenn ein junger, fitter, muskulöser und erkennbar durchtrainierter Mann nicht bei der Armee ist? – Warum sie deshalb jemanden, der vor einer Woche erst 47 Jahre alt geworden ist und den Sporttest zur Aufnahme in die Streitkräfte nicht bestanden hat, am Straßenrand stehen lassen, verstehe ich trotzdem nicht.

Erst nach einer Dreiviertelstunde hält das zweite Auto. Ich grüße mit „Добридень“, der Mann grüßt mit „money“ zurück. Aber weil er nur 10 Euro verlangt, und ich keinen Anlass mehr habe, optimistisch zu sein, willige ich ein.

Als nächstes fragt er mich nach „dokumenti“. Dass ich aus Deutschland bin, findet er so lala, aber für die Straßensperre des Militärs ist es gut genug. Vielleicht hat deshalb sonst niemand angehalten, weil die Fahrer wissen, dass am Ortsausgang nach Spionen kontrolliert wird? Die jungen Soldaten winken uns aber unkontrolliert durch.

Später liest er am Straßenrand noch zwei Frauen auf, die nach Rachiw wollen. Sie sprechen gar nicht über den Preis, was mir signalisiert, dass Vasili hier als fairer Chauffeur mit festen Tarifen bekannt ist. Seine Rennfahrweise mit hupenden Überholmanövern in bergigen Kurven neben steilen Klippen stört außer mir auch niemanden.

Wir fahren immer am Fluss Theiß entlang. Die ukrainische Seite ist mit Stacheldrahtrollen gesichert. Wozu, frage ich mich, Rumänien wird doch kaum angreifen. Aber durch diesen flachen, ungefährlichen Fluss sind schon viele Männer abgehauen, um sich dem Wehrdienst zu entziehen. Allein in diesem Abschnitt greift die rumänische Grenzpolizei jeden Tag 5 bis 10 Männer auf. Zurückgeschickt werden sie nicht.

Die Angler, die ich auf der rumänischen Seite sehe, freuen sich wahrscheinlich über den Wegfall der ukrainischen Konkurrenz. Heute Abend gibt es überall in der Maramuresch Kriegsgewinnlerkarpfen.

Der Fahrer und die beiden Frauen auf dem Rücksitz finden es amüsant-kurios, dass sich jemand auf den weiten Weg aus Deutschland macht, um in diesem abgelegenen Tal in den Karpaten das geographische Zentrum Europas zu suchen. Schließlich ist hier nicht Paris oder Rom oder London.

Aber wenn meine Informationen stimmen, so liegt der Mittelpunkt Europas direkt am Fluss Theiß. Beziehungsweise an der Tisa, wie sie in den örtlichen Sprachen heißt. Und zwar dort, wo er schon nach Norden abgebogen ist und nicht mehr die Grenze markiert. Die Eisenbahnbrücke verbindet hier zwei ukrainische Ufer und wird von ukrainischen Soldaten patrouilliert.

Die Eisenbahn von Sighet in Rumänien nach Iwano-Frankiwsk in der Ukraine, das ältere Leserinnen und Leser als Stanislau kennen, überwindet den Tatarenpass und verbindet die Maramuresch und Ruthenien, die Bukowina und Galizien.

Klingende Namen, man hat sie schon einmal gehört, aber weiß nicht genau, was sie waren, wo sie waren, wann sie waren. Mystische Orte, wie aus dem „Herrn der Ringe“, aber es war nur das Habsburger-Reich. Vor mehr als hundert Jahren ist es untergegangen, in einer selbst angezettelten Feuersbrunst, die sich zu einem Weltenbrand ausweitete. Vorbei und vergessen, seit Generationen, möchte man glauben. Hundert Jahre sind eine lange Zeit. Nur hier nicht, im Tal der Theiß, hier wird nichts vergessen. Aber dazu später mehr.

Züge kommen heute keine vorbei. Dafür ziemlich viele Autos. Familien steigen aus. Eltern fotografieren ihre Kinder. Kinder fotografieren ihre Eltern. Ein Mädchen zwingt ihren Freund, 32 Fotos von ihr in gestelzten Posen zu machen. Er würde sie am liebsten in den Fluss werfen, wenn da nicht die Soldaten von der Brücke aus zusähen.

Es ist ein schöner Sommertag. Saftiges Grün. Das Wasser im Fluss rauscht. Der höchste Berg der Ukraine, die Howerla, ist nur 25 km entfernt, aber die Berge hier sind so sanft geschwungen, dass man sie, unabhängig von ihrer Höhe, nur als Hügel wahrnimmt. Die Holzbuden verkaufen Honig, Würste, Schneekugeln und Huzulen-Trachten. Nur ein Junge verkauft etwas Nützliches: Cola und Snickers, für den Fall, dass ich die 30 km über die Berge zu Fuß zurückgehen muss.

Ein leichter Nieselregen setzt ein. So ein Sommerregen, vor dem man sich gar nicht erst versteckt, weil man weiß, dass er bald vorüberzieht. Rauch steigt auf. Es ist Tag 142 des Krieges, von dem niemand mehr glaubt, dass er bald vorüberzieht. Aber es fiel kein Schuss, es war keine Bombe, keine Rakete ist explodiert. Der Rauch kommt aus dem Schornstein des Restaurants.

Und was ist es, was all die Menschen hier herlockt?

Eine Stele. Errichtet 1887 und seither etwas ramponiert.

Der Kreis Rachiw gehörte damals zum Kaiserreich Österreich-Ungarn. Die österreichischen Ingenieure, die die Eisenbahnschienen verlegten, hatten anscheinend Steine, Mörtel und humanistische Bildung übrig und hinterließen eine Inschrift auf Latein:

Locus Perennis Dilicentissime cum libella librationis quae est in Austria et Hungaria confecta cum mensura gradum meridionalium et parallelorum quam Europeum. MDCCCLXXXVII.

In dieser Karpatenregion, wo das Volk der Huzulen lebt und Deutsche und Österreicher als Holzfäller angesiedelt worden waren, konnte niemand Latein, und so geriet der Ort in Vergessenheit.

Dabei lag Dilowe durchaus im Zentrum der europäischen Geschichte. Allein im 20. Jahrhundert gehörte es zu mehr als einem Dutzend Staaten bzw. wurde von diesen besetzt: Österreich-Ungarn, Föderative Ungarische Sozialistische Räterepublik, Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik, Huzulen-Republik, Ukrainische Volksrepublik, Westukrainische Volksrepublik, Tschechoslowakei, Slowakei, Republik der Karpaten-Ukraine, Ungarn, Nazi-Deutschland, Sowjetunion, erneut Tschechoslowakei, Transkarpatische Ukraine, Sowjetunion, seit 1991 Ukraine.

Und jetzt schon wieder Krieg.

In diesem entlegenen Tal in den Karpaten haben die Menschen, die im Laufe ihres Lebens mehrfach Staatsangehörigkeit, politisches System und Sprache wechselten, mehr Ahnung davon, was Europa bedeutet als in Paris, Rom oder London. Hier wissen sie, dass Grenzen, Nationalstaaten und Pässe nur Zufallszuckungen der Bürokratie und keine Grundlage für Identität sind.

Erst in der Sowjetunion erinnerte man sich wieder an die österreichische Eisenbahningenieursgedenkstele. Und das geschah so: 1964 musste Nikita Tarasow, Mitglied der geographischen Kommission des Rajon Rachiw und als solcher stellvertretend und konsultativ delegiert zur Geographischen Kommission der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik, beim Wandern in den Karpaten mal kurz austreten. Zufällig hielt er genau neben dieser Stele, bekam einen Geistesblitz, wie er die Genies oft in den unvorbereitetsten Momenten ereilt, und brachte Dilowe so auf die Tagesordnung der 13. interkommissionellen Tagung der akademischen Kommissionen der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik, wo die Angelegenheit an den Unterausschuss für Geodäsie von Orten mit möglicherweise rajonsübergreifender Bedeutung verwiesen wurde, und 1986 schließlich entschieden wurde, dass dies ein höchst wichtiger und einmaliger Ort sei, der mit einer Plakette geschmückt werden müsse.

Diese sowjetische Plakette befindet sich noch immer neben der Stele. Sie besagt in etwa: „Hier ist nach dem Dafürhalten der Geographischen Kommission der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik und des zuständigen Ministers im hochehrwürdigen Rat der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken ein bedeutender Punkt, der so einmalig und einzigartig ist, dass es in nur an diesem einen Punkt geben kann.“

Das hört sich wichtig an, bleibt aber irgendwie vage, oder? Der Grund dafür war, dass niemand unter den Geographen zugeben wollte, Latein zu können, weil man damit als bourgeois abgestempelt wäre. Da könnte man genauso gut gleich die Fahrkarte nach Kolyma kaufen.

Es war aber auch egal, denn 1986 kamen Perestroika (gut), Tschernobyl (schlecht), die Rückkehr von Andrei Sacharow (gut), der Untergang des Kreuzfahrtschiffes „Admiral Nachimow“ (schlecht) und niemand machte sich mehr Gedanken um die Stele.

Bis 1991, als die Ukraine plötzlich wieder unabhängig war. Die Ukraine sah und sieht sich als Teil Europas. Völlig zurecht. Darum ging es schließlich bei der Maidan-Revolution 2014. Aber ich will hier nicht zu weit ausholen. Vor allem weil ich, wenn ich auf besagtem Maidan Nesaleschnosti bin, immer von irgendwelchen blöden Vögeln belästigt werde.

Wie halb Europa kämpft die Ukraine mit dem Problem, dass Westeuropäer glauben, Europa ende an der Oder-Neiße-Linie oder maximal in Prag. (Dass Wien, Athen und sogar Görlitz östlicher liegen als Prag, weiß auch kaum jemand.) Um den EU-Mitgliedschaftsantrag geodätisch zu untermauern, behauptete die Ukraine fortan unter Berufung auf die österreichischen Landvermesser von 1887, nicht nur zu Europa zu gehören, sondern sogar den Mittelpunkt unseres Kontinents zu stellen. Ein Banner verkündet freudig den vor wenigen Wochen erreichten Status als EU-Beitrittskandidat.

In vielen Berichten und Dokumenten findet Ihr übrigens die Angabe, dass der Mittelpunkt Europas in Dilowe sei. Vielleicht weil es nur dort eine Bushaltestelle gibt. Von da sind es aber noch 3 km bis zu dem Punkt, der viel näher beim Weiler Kruhlyj liegt.

All die Autoren, die von Dilowe schreiben, waren also wahrscheinlich nie vor Ort, sondern haben voneinander abgeschrieben. Nur bei mir gibt es immer Originalinformationen aus erster Hand. Garantiert!

Außerdem gibt es hier endlich die Wahrheit über die lateinische Inschrift. Sie bedeutet so etwas wie:

Dies ist ein dauerhafter und für die Ewigkeit festgehaltener Ort, der durch eine spezielle in Österreich-Ungarn hergestellte Wasserwaage unter Verwendung des Systems der Breiten- und Längengrade mit europäischer Präzision bestimmt wurde. 1887.

Man könnte fast meinen, die nach Transkarpatien entsandten Ingenieure haben sich einen Scherz erlaubt mit dem wichtig klingenden, aber nichtssagenden Text.

Am liebsten würde ich ja mit einem der Pferdefuhrwerke zurückfahren, das fehlt noch beim Tramperbingo. Aber die galoppieren alle in die falsche Richtung, nach Rachiw, in die Rajonshauptstadt, das Paris der Huzulen, das Tor in die Karpaten, Zentrum des Biosphärenreservats, Weltnaturerbe der UNESCO.

In die richtige Richtung fahren Dutzende von Autos und Ausflüglern, die mich geflissentlich ignorieren. Vielleicht liegt es daran, wie ich aussehe. Mit einem weißen Hemd, beiger Hose, kurzen Haaren und frisch rasiert, sehe ich aus wie ein Mormone oder ein Zeuge Jehovas. Und kein Autofahrer will sich eine Stunde über Jesus volllabern lassen. Besonders nicht, wenn sein Land gerade im Namen des Christentums bombardiert wird.

Oder es ist etwas anderes.

Denn als nach einer halben Stunde ein Mann in einem alten Schiguli anhält, fragt er zuerst nach meinen Dokumenten. Als ich sage, dass ich aus Deutschland bin, darf ich einsteigen. Er verweist auf die Checkpoints der Armee. Hier in der Grenzregion will wohl wirklich niemand einen ukrainischen Mann mitnehmen, der sich durch einen Sprung in die reißenden Fluten der Theiß der Wehrpflicht entziehen will.

In Dilowe muss der Fahrer kurz anhalten, um Brot zu holen. Er lässt mich sitzen und den Schlüssel stecken. Man erkennt die wirklich guten Menschen daran, dass sie gar nichts Schlechtes denken können. Geld will er auch keines. In Welykyj Bytschkiw (Groß-Botschko auf Deutsch) lässt er mich direkt am Busbahnhof raus. Auch hier das Gleiche wie am Morgen: Der Fahrplan ist extrem ausgedünnt, der nächste Bus in das 10 km entfernte Solotwino kommt in zwei Stunden.

Vielleicht haben die Fahrplanauskunftgeberinnen und ich aber auch immer aneinander vorbei geredet, denn später erfahre ich, dass die Menschen in dieser Region – so wie manche Leute noch immer alles in D-Mark umrechnen – Ihre Uhren nicht nach Kiew, sondern nach Wien richten. Man verwendet also die Mitteleuropäische statt der Osteuropäischen Zeitzone, was eine Stunde Unterschied ausmacht. Beziehungsweise ausmachen würde, wenn es nicht noch komplizierter geht. Denn als Transkarpatien 1945 Teil der Sowjetunion wurde, betrug der Zeitunterschied zwischen Wien und Moskau zwei Stunden. Als die Ukraine 1991 unabhängig wurde, und der Zeitunterschied zwischen Dilowe und Kiew nur mehr eine Stunde betrug, behielten viele Menschen den Zeitunterschied von zwei Stunden zur Hauptstadt bei. Aus Gewohnheit. Sie lebten also im Endeffekt nach der Zeitzone von London oder Lissabon, wobei sie sich im guten alten Wien wähnten. Wahrscheinlich hatten sie auch noch heimlich ein Bild des letzten österreichischen Kaisers im Haus.

Zusätzlich verkompliziert wird die Zeitmessung durch Sommer- und Winterzeit, die in verschiedenen Bezirken an verschiedenen Tagen beginnt oder endet bzw. in manchen Bezirken gar nicht durchgeführt wird. Dazu kommt, dass, je nach Religion, für die Bestimmung des Frühlings- bzw. Herbstbeginns und damit den Zeitpunkt der Uhrenumstellung der julianische, der gregorianische, der altritualistische, der autokephal-orthodoxe oder der reformierte Kalender verwendet wird.

Züge verwenden die Zeitzone des Ankunftsortes statt des örtlichen Bahnhofs. Wenn also vom gleichen Bahnhof zur gleichen Uhrzeit ein Zug nach Budapest, einer nach Bukarest und einer nach Moskau geht, dann geht einer um 13 Uhr, der andere um 14 Uhr und der dritte um 15 Uhr. Obwohl sie gleichzeitig abfahren. Wobei die lokale Bevölkerung die Zeit in der Karpatenzeit angeben wird, also Kiew minus eine Stunde bzw. bei älteren Menschen Kiew minus zwei Stunden. Wenn sie hingegen mit einem Ausländer sprechen, so verwenden sie natürlich die Wiener Zeit. Außer junge Menschen, die gucken einfach auf ihr Handy und haben keine Ahnung, was Zeitzonen sind.

In Solotwino hatte ich mich gewundert, warum die Menschen schon Stunden vor der Abfahrt des Zuges am Bahnhof waren. Aber jetzt verstehe ich es. Wenn nur ein Zug am Tag fährt, will man kein Risiko eingehen, sich verrechnet zu haben.

Mehrsprachige Menschen verwenden auch unterschiedliche Uhrzeiten, je nachdem, in welcher Sprache sie sich unterhalten. Und, falls ich es noch nicht erwähnt habe: Mehrsprachigkeit ist in dieser Region ganz normal. Die Menschen hier sprachen und sprechen Ukrainisch, Russisch, Deutsch, Jiddisch, Ungarisch, Slowakisch, Rumänisch, Tschechisch, Ruthenisch, Romani, Polnisch, Altkirchenslawisch und, wie ich für Euch getestet habe, ein klein wenig Englisch. Auch deshalb finde ich, dass einen die Suche nach dem Herz und dem Wesen Europas ganz zurecht in die Karpaten führt.

Und falls Ihr Euch jetzt fragt, ob ich das erfunden habe – eine angesichts meiner Recherchearbeit fast schon unanständige Frage: Nein! Es gibt sogar wissenschaftliche Untersuchungen über die Transkarpatenzeit. Die Grafik zeigt den Anteil der Bevölkerung, die 2016 noch die Habsburgerzeit verwenden, das Foto zeigt die Öffnungszeiten einer Pizzeria in der Ukraine nach Wiener und Kiewer Zeit.

Dieses Hin- und Herrechnen zwischen verschiedenen Zeitzonen können wohl nur Menschen, die drei- oder viersprachig aufwachsen. Mir gelingt es jedenfalls nicht.

Da gehe ich lieber zum Ortsausgang und versuche, zu trampen. Wieder fahrende Dutzende von Autos an mir vorbei, und schon langsam werde ich fuchtig. Was helfen die patriotischen Flaggen am Auto, wenn niemand hält? Was bedeuten die Kreuze am Rückspiegel, wenn man den Nächsten in der Mittagshitze stehen lässt? Und irgendwann denke ich daran, dass Ukrainer in der EU die Züge kostenlos nutzen dürfen. Ich bin nicht auf der Flucht, bin freiwillig hier, will keineswegs Ungleiches vergleichen. Aber es wäre nett, ein bisschen von der Solidarität zurück zu bekommen.

Die zunehmend düsteren Gedanken werden unterbrochen durch einen jungen Mann im Lieferwagen, der ebenfalls zuerst fragt, ob und welchen Pass ich dabei habe. Als ich sage, dass ich aus Deutschland bin, hellt sich sein Gesicht auf. Seine ganze Familie hat in Deutschland Zuflucht gefunden, er ist als einziger in der Ukraine geblieben.

„Die Ukraine ist im Moment kein guter Ort, um Kinder großzuziehen“, sagt er, und ich schätze das Understatement, mit dem er den Krieg beschreibt. Er ist ein netter Mensch. Unter der aktuellen Traurigkeit erkennt man noch die Vorkriegspersönlichkeit. Hoffentlich geht sie nicht ganz verschütt.

Obwohl er irgendetwas Wichtiges dringend irgendwohin fahren muss, macht er einen Umweg, um mich in Solotwino zur Grenze zu fahren. Zum Kordon, wie er auf Ukrainisch sagt, und es ist schön, im Deutschen schon ausgestorbene Wörter in einer anderen Sprache zu hören.

Nach dem Grenzübergang holt mich eine Frau auf dem Fahrrad ein, die hinter mir in der Warteschlange vor der rumänischen Grenze war.

„Entschuldigen Sie, mein Herr,“ fragt sie, „was für einen Pass haben Sie?“

„Einen deutschen,“ antworte ich.

Sie bedankt sich für die Information und erklärt die Frage: „Wir haben uns alle gewundert, warum Sie als einziger nicht Ihre Tasche öffnen mussten.“

So ist das nämlich. Wenn Ihr jemanden zum Schmuggeln braucht, nehmt dafür einen adrett gekleideten Mann mittleren Alters, am besten mit deutschem Pass. Solche Typen werden nie kontrolliert. Und jetzt muss ich irgendwie das über die Grenze geschmuggelte Plutonium loswerden…

Für Menschen, die hier jeden Tag von Frontex kontrolliert werden, wenn sie nur ihre Eltern im nächsten Dorf besuchen oder einkaufen wollen, für die diese neumodischen nationalstaatlichen Grenzen ihr schönes Karpatenland oder ihre Bukowina durchschneiden, für Menschen, die sich auf beiden Seiten fließend verständigen können, ist diese Diskriminierung besonders entwürdigend.

Andererseits, wenn man es mit Frontex zu tun hat, muss man schon froh sein, dass sie einen nicht über die Brücke in den Fluss werfen.

Die rote Farbe am Geländer und auf der Brücke markiert die Grenze. Auf der einen Seite Ukraine, auf der anderen Rumänien. Auf der einen Seite Krieg, auf der anderen Frieden. Auf der einen Seite Wehrdienst und Tod, auf der anderen Universität und Kino.

Eine rote Linie, genauso willkürlich gesetzt wie der Punkt bei Dilowe, zerschneidet den Kontinent, zerschneidet Familien, zerschneidet Leben.


Das war also der Einstieg in das Projekt „Reise zum Mittelpunkt Europas“.

Ich vermute, dass ich bei den nächsten Mittelpunkten, so unbedeutend sie für sich genommen sein mögen, ebenfalls Anlass zu historischen und aktuellen Betrachtungen Europas finden werde.

Werft doch mal einen Blick auf die Karte und die Liste aller Mittelpunkte. Wenn Ihr in der Nähe eines dieser Punkte lebt, würde ich mich nämlich freuen, Euch kennenzulernen! Und die hochgeschätzten Unterstützerinnen und Unterstützer dieses Blogs bekommen von unterwegs eine Postkarte. (In der Ukraine habe ich leider keine Postkarten gefunden, weshalb Ihr demnächst Post von anderswo erhalten werdet.)

Möchtest du eine Postkarte?

Ihr wärt überrascht, herauszufinden, wie schwer es vielerorts geworden ist, noch Postkarten zu finden. Aber für Euch, geschätzte Leserinnen und Leser, mache ich mich auf die Suche nach diesen Relikten vergangener Zeiten.

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Reise zum Mittelpunkt Europas

To the English version.

Es ist der 15. Juli 2022. Noch ist es morgendlich-angenehm frisch, obwohl es später richtig heiß werden wird. Zwischendurch tröpfelt es. Aber es ist so ein Sommerregen, vor dem man sich gar nicht erst versteckt, weil man weiß, dass er bald vorübergeht. Außerdem: Lieber Regen als Raketen.

Es ist Tag 142 des russischen Angriffs auf die Ukraine, und niemand glaubt mehr, dass dieser Krieg bald vorübergeht.

Über eine wackelige Holzbrücke überquere ich den Fluss Theiß. Von Rumänien in die Ukraine.

Ganz legal. Kurze, freundliche Kontrolle auf der rumänischen wie auf der ukrainischen Seite. Keine Warnungen. Keine Vorsichtshinweise. Keine Fragen, was zum Teufel ich mitten im Krieg in der Ukraine will.

Dabei hatte ich mir so eine gute Antwort zurechtgelegt: Ich suche den Mittelpunkt Europas.

„In der Ukraine??“ werden jetzt viele fragen, wo doch bis vor kurzem die meisten (West-)Europäer von diesem Land noch überhaupt nichts wussten. Ukraine, Ural, Ulan-Ude, alles das gleiche. Alles weit weg. Irgendwo bei Sibirien.

Aber zurück zu jenem Tag im Juli 2022. Von Solotwino, dem Grenzort, würden Busse nach Rachiw gehen, hatte ich gelesen. Unterwegs könnte ich in der Nähe von Dilowe aussteigen. Doch der Busbahnhof, eigentlich nur ein Container an der Hauptstraße, ist wie verwaist.

Die Bahnhofsvorsteherin kommt hilfsbereit heraus und sagt, dass die Liste mit den Abfahrtszeiten Makulatur sei. Die Busfahrer sind an der Front, die Busse im Krieg.

Dann muss ich eben trampen. Per Anhalter durch ein Land im Krieg. Gar nicht so einfach, kann ich Euch sagen. Aber, wie immer beim Trampen, schließlich klappt es doch. Nach einer übertrieben rasanten Fahrt durch die wunderschönen Karpaten, immer an der Theiß entlang und nicht ernsthaft behelligt durch die Militärcheckpoints, lässt mich Vasili bei dem Weiler Kruhlyj in der Gemeinde Dilowe im Kreis Rachiw raus – nicht ohne sich zu wundern, was zum Teufel der komische Ausländer hier will.

Der reisende Reporter hingegen kann sein Glück kaum fassen, hat er doch tatsächlich die gesuchte Stelle und Stele gefunden, die den geographischen Mittelpunkt Europas markiert. Errichtet 1887 und schon ziemlich ramponiert.

Errichtet wurde sie beim Bau der nahen Eisenbahnlinie von österreichischen Ingenieuren, denn der Kreis Rachiw gehörte damals zum Kaiserreich Österreich-Ungarn. Überhaupt ist dieser Ort viel europäischer als man denkt. Allein im 20. Jahrhundert gehörte er zu fast einem Dutzend Staaten. (Nacheinander, nicht gleichzeitig.) Die Menschen hier sprachen und sprechen Ukrainisch, Russisch, Deutsch, Jiddisch, Ungarisch, Slowakisch, Rumänisch, Tschechisch, Ruthenisch, Romani und, wie ich für Euch getestet habe, ein klein wenig Englisch.

Historisch, linguistisch und ethnisch ist dieses Tal in den Karpaten also europäischer als Berlin, Paris oder Rom. Aber mehr dazu in einem demnächstigen ausführlichen Artikel über Kruhlyj, in dem ich dann leider die lateinische Inschrift des „locus perennis“ entziffern und mitteilen muss, dass die Welt seit 135 Jahren einem Übersetzungsfehler aufgesessen ist. Die österreichischen Eisenbahningenieure hatten nie behauptet, dass hier der Mittelpunkt Europas sei.

Also muss ich weitersuchen.

Ich erinnere mich, dass ich vor Jahren in Litauen im Europa-Park schon über die angebliche Mitte Europas gestolpert bin. Auch damals war ich überrascht, diesen Punkt dort zu finden, wo ich die Peripherie Europas verortet hätte.

Mitte1
Mitte2
Mitte3

Die zugrundeliegende Berechnung stammt von 1989.

In 100 Jahren kann ein Kontinent schon mal wachsen, schrumpfen oder sich aufgrund der zwischenzeitlich erfundenen Plattentektonik verschieben. Aber zwischen der Ukraine und Litauen liegen – zumindest geographisch – doch Welten. Weitere Mittelpunktprätendenten liegen in der Slowakei, in Ungarn, in Deutschland, und so weiter. Es müssen also unterschiedliche Berechnungsmethoden angewendet worden sein.

Ein Problem ist die Bestimmung dessen, was Europa ist. Politisch? Das wäre dann das Habsburger-Reich oder die EU. Mit oder ohne Beitrittskandidaten? Ist Großbritannien nicht mehr europäisch? Und wie wirkt sich das mitten im Kontinent liegende schweizerische Loch im europäischen Käse aus? Zählt man die Inseln dazu, die dank der großzügigen Überseepolitik unserer französischen Freunde die EU bis nach Guadeloupe und Neukaledonien erweitern? Sind Französisch-Guyana und Ceuta nicht offensichtlich in Südamerika bzw. Afrika und damit keinesfalls in Europa? Was ist mit Nordzypern? Fragen über Fragen. Gut, dass wenigstens Deutschland alles vom Bismarck-Archipel bis Samoa verloren hat und die Karte der EU nicht noch zusätzlich verkompliziert.

Aber auch bei rein geographischer Bestimmung kann man end- und ergebnislos diskutieren. Wo verläuft die Grenze nach Osten? Was ist mit der Türkei? Was mit dem Kaukasus? Ist Malta europäisch oder afrikanisch? Verbindet man einfach die Extrempunkte, um das Zentrum zu ermitteln? Oder zieht man die Grenzen der Landmasse in Betracht? Womöglich noch gewichtet nach dem Produkt aus Fläche mal Gewicht. Ein Hektar Schweiz wiegt ja viel mehr als ein Hektar Holland. Oder wählt man das Zentrum eines um Europa gezogenen Kreises? Man könnte auch nach der Bevölkerung gewichten, damit sich die skandinavischen Länder nicht so wichtig nehmen. Oder einen ökonomischen Mittelpunkt errechnen, gewichtet nach Bruttosozialprodukt.

Man sieht schon: Wer lange genug mit Zahlen und Methoden herumspielt, findet immer einen Mittelpunkt Europas, der in einem kleinen Dorf liegt, das hofft, dadurch den Tourismus anzukurbeln.

Denn auffällig ist, dass alle bisherigen Mittelpunkte Europas in der Pampa liegen, wo sonst tote Hose ist. Oder, im Falle von Flossenbürg und Braunau am Inn, wo man von etwas anderem ablenken will. Hier die wahrscheinlich nicht vollständige Liste aller Orte, die jemals behauptet haben, der Mittelpunkt Europas bzw. der Europäischen Union zu sein:

  • Polazk, Belarus
  • Wizebsk, Belarus
  • Ivieś am Scho-See, Belarus
  • Viroinval, Belgien
  • Hildweinsreuth bei Flossenbürg, Deutschland
  • Kleinmaischeid, Deutschland
  • Cölbe, Deutschland
  • Gelnhausen-Meerholz, Deutschland
  • Westerngrund, Deutschland
  • Veitshöchheim, Deutschland
  • Mõnnuste auf der Insel Saaremaa, Estland
  • Saint-André-le-Coq, Frankreich
  • Noireterre, Saint-Clément, Frankreich
  • Purnuškės, Litauen
  • Europa-Park, Litauen
  • Braunau am Inn, Österreich
  • Suchowola, Polen
  • Landskrona, Schweden
  • Krahule (Blaufuß), Slowakei
  • Kremnica (Kremnitz), Slowakei
  • der Tillenberg an der deutsch-tschechischen Grenze
  • ein Hügel östlich von Čečelovice, Tschechische Republik
  • Kruhlyj (zwischen Dilowe und Rachiw), Ukraine
  • Tállya, Ungarn

Und hier eine mühsam erstellte interaktive Landkarte. Die blauen Haken kennzeichnen die Orte, an die ich es bereits geschafft habe. Grüne Haken werden bald diejenigen Punkte schmücken, über die ein Artikel auf diesem Blog veröffentlicht wurde.

Diese Karte ist vor allem praktisch, um herauszufinden, ob Ihr zufällig in der Nähe eines dieser Punkte von Weltbedeutung lebt. In diesem Fall könnt Ihr Euch gerne melden, denn ich habe mir in den Kopf gesetzt, alle bisherigen Mittelpunkte Europas zu besuchen sowie darüber zu schreiben. Keinen oberflächlichen Reisebericht, sondern, wie Ihr es von mir gewohnt seid, tief in die Geschichte eintauchend. (Auch wenn Flossenbürg und Braunau am Inn das gar nicht gut finden.) Weil ich meist per Anhalter oder wandernd unterwegs bin, ergibt sich dazwischen hoffentlich noch das eine oder andere Abenteuer. Apropos Abenteuer: Drückt mir die Daumen, dass ich das Visum für Belarus bekomme! Sonst muss ich mich da irgendwie über die Grenze schleichen…

Gerade fällt mir auf, dass das eigentlich ein ziemlich rundes Projekt für ein Buch ist, oder? Ich glaube, dass ich auf diesen Reisen tatsächlich mehr über das Wesen Europas herausfinden kann, als wenn ich nur in Brüssel oder Paris herumhocke.

Wenn Ihr die Idee interessant findet, so freue ich mich natürlich über jegliche erdenkliche Unterstützung! Vor allem über ein Sofa für ein paar Nächte, wenn Ihr in der Nähe eines der vielen europäischen Mittelpunkte lebt. Oder auf dem Weg dorthin.

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Flaute am Flughafen

To the English version.

Wie hat das 9-Euro-Ticket das Reisen in Deutschland verändert?

Genau so, wie es zu erwarten war: Die Züge und Busse sind spürbar voller, manchmal rappelvoll, wenn auch selten überfüllt. (Und wenn, dann meist wegen denen, die darauf bestehen, ihre Fahrräder mit in den Zug zu nehmen.)

Auf den Straßen und Autobahnen gibt es weniger Staus. Weniger Menschen sterben bei Verkehrsunfällen. Die Leute sind entspannter. Alle sind glücklich.

Und weil sich jetzt jeder die Fahrt mit der gemütlichen, entspannenden und romantische Eisenbahn leisten kann, muss kaum mehr jemand in ein ungemütliches, klaustrophobisches und unzuverlässiges Flugzeug steigen.

Ich wollte herausfinden, wie es angesichts dessen dem Flugverkehr in Deutschland geht. Also spazierte ich vor ein paar Tagen zum Flughafen in Berlin. Mit meinem Gespür für romantische Situationen habe ich es gerade rechtzeitig zum Sonnenuntergang geschafft.

Und dort erwartete mich eine gespenstische Szene: Der Flughafen war fast komplett leer. Er war geöffnet und wartete auf Kunden, die Lichter waren an, aber niemand wollte mehr mit diesen spritschluckenden Monstern fliegen. Keiner der Parkplätze war belegt. Ich konnte zwischen den Terminals herumlaufen, ohne dass sich irgendjemand für mich interessiert hätte. Die Menschen hatten die Rollbahn zum Radfahren, Joggen und Picknicken in Beschlag genommen.

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Auf der Flucht

Ihr könnt es auf dem Foto nicht hören, aber das kleine Mädchen hat geweint.

Fotografiert in Solotwino, Ukraine, im Juli 2022.

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Fliegerviertel

Zum Platz der Luftbrücke in Berlin führt – in einem etwas unpassenden Aufeinandertreffen zweier doch ganz grundverschiedener fliegerischer Philosophien – die Manfred-von-Richthofen-Straße.

Nach der Enola-Gay-Chaussee suche ich noch.

Wahrscheinlich vergeblich, denn die Namenswahl geht auf Hermann Göring persönlich zurück, dessen Entscheidungen in Berlin für alle Zeiten unantastbar zu sein scheinen.

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Graffiti zum Schutz von die Vögel

Im Volkspark Hasenheide, auch genannt Haschischheide, in Berlin-Neukölln liegt der Rixdorfer Teich.

Darin schwimmen Enten, Schwäne und Schrippen.

Letzteres ist zwar nett gemeint, aber nicht gesund, wie ein am Holzgeländer angebrachtes Graffito warnt:

BROT VERSTOPFT DIE VERDAUUNG DER VÖGELS UND LÄSST DIE TEICH KIPPEN.

Genau so steht das da.

Und seither wundere ich mich, wer komplizierte Wörter wie Verdauung sowie Fachbegriffe wie das Kippen eines Gewässers beherrscht, ansonsten aber mit der Grammatik hadert. Vielleicht ein legasthenischer Limnologe.

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Drogendealer mit Ehrenkodex

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Juli 2022. Volkspark Hasenheide in Berlin-Neukölln. Ein großer, grüner Park mit Streichelzoo, Freiluftkino, Hundeauslaufgelände, Baumlehrpfad, geschichtsverfälschendem Trümmerfrauendenkmal, Rosengarten, Minigolfanlage, einem Imbiss, der keine Currywurst im Angebot hat, aber händeringend Mitarbeiter sucht, dem von Friedrich Ludwig Jahn 1811 persönlich angelegten ersten Turnplatz, und dem Sri-Ganesha-Hindu-Tempel, dessen Fertigstellung sich genauso verzögert wie einst die des Berliner Flughafens.

Wo sich die Pfade und Wege kreuzen, stehen Männer auffällig unauffällig herum. Manchmal einer, manchmal zwei, manchmal drei. Von Zeit zu Zeit verschwindet einer von ihnen im Gebüsch und gräbt etwas aus oder ein. Wie ein Eichhörnchen.

Ich vermute ja gerne immer das Beste im Menschen und möchte deshalb annehmen, dass die Männer eine entlaufene Katze suchen. Oder Unterschriften für eines der vielen Berliner Volksbegehren sammeln. (Dasjenige mit dem bedingungslosen Grundeinkommen käme mir sehr entgegen.) Oder an frischer Luft über die Oxymoronität illiberaler Demokratien philosophieren.

Aber da sie mich, der ich doch erkennbar ein volksbegehrensunterzeichnungswilliger und begeistert philosophierender Katzenfreund bin, nicht ansprechen, muss ich den rawlschen Schleier des Nichtwissens abstreifen, der grausamen Realität ins Auge blicken und erkennen, dass diese Männer vermutlich Substanzen feilbieten, die der nur wenige Kilometer entfernt – wenn nicht schon Sommerpause wäre – tagende Gesetzgeber in die Anlage I zu § 1 Absatz 1 des Betäubungsmittelgesetzes und damit in die Illegalität verbannt hat.

Dass ich fast nirgendwo auf der Welt von Haschischhändlern, Drogendealern oder Opiatofferten behelligt werde, liegt wohl daran, dass ich ziemlich brav und anständig, um nicht zu sagen langweilig aussehe. Deshalb sind die Leute auch immer sehr überrascht, wenn sie meine abenteuerlichen Geschichten hören. Wahrscheinlich sind die meisten Drogenkonsumenten viel spießiger als ich. Manche haben vielleicht sogar einen Bausparvertrag. Oder bügeln ihre Hemden.

Eines Abends unterbreche ich das Flanieren und pausiere auf einer Bank, wo ich unverhofft Gesprächsfetzen von der Gruppe auf der nächstgelegenen, etwa 10 Meter entfernten Bank mitbekomme.

Zuerst halte ich sie Konsumenten des oben erwähnten Nahrungsergänzungs- oder -ersatzmittels, aber anscheinend ist örtlich bekannt, dass sie auch in der Produktion oder zumindest im Vertrieb desselben tätig sind.

Drei Jugendliche laufen zuerst vorbei, fassen sich dann ein Herz oder welches Organ auch immer die Sucht steuert, kehren um und fragen die drei Herren, eine Dame und einen Hund, ob man bei ihnen „Gras“ erwerben könne. Ein geschickt gewähltes Codewort, denke ich anerkennend. Schließlich heißt der Park „Hasenheide“, so dass der BKA-Überwachungssatellit beim Wort „Gras“ an nichts Verdächtiges, sondern an putzige, kleine Mümmelmänner denken wird.

„Nee,“ sagt einer der Männer auf der Bank, „wir verkaufen nicht an Kinder.“

„Wir sind keine Kinder,“ entgegnet einer der Jugendlichen, „wir sind Jugendliche.“

„Nach dem Gesetz ist man Kind, bis man 18 ist“, erklärt der Mann auf der Bank. „Und wenn du vor dem Richter stehst, macht es schon einen Unterschied, ob du das Zeug an Erwachsene oder an Kinder vertickt hast.“

Anscheinend hat er bereits Erfahrung mit dem Justizsystem gesammelt, die ihn jedoch nicht von der weiteren Ausführung des Kleingewerbes abhält.

„Kinder verpetzen einen auch immer“, sagt einer der anderen Männer auf der Bank.

„Und wenn sich herumspricht, dass wir an Kinder verkaufen, dann wimmelt es hier bald wieder von Polizei“, ergänzt der dritte Mann. Es hört sich so an, wie wenn er den Volkspark ohne Volkspolizisten angenehmer findet.

„Habt Ihr keinen älteren Bruder?“ fragt die Frau aus dem Quartett auf der Bank. Anscheinend nicht. Das ist sie, die Ungnade der frühen Geburt, die Helmut Kohl gemeint hat.

Ich bekomme leider nicht das gesamte Gespräch mit, aber die Jugendlichen behaupten wohl, schon erwachsen, volljährig oder knapp davor zu sein, denn die Drogendealer antworten: „Dann zeigt uns mal Eure Ausweise!“

Zumindest bei einem von ihnen steht der 18. Geburtstag so nah bevor, dass sich das Drogenkartell erweichen lässt. Die Dealer rollen den Kindern sogar die Joints, weil sie ahnen, dass die Kleinen das niemals so formvollendet hinbekämen.

Ob ein Kauf- oder ein Schenkungsvertrag zustande kommt, kann ich nicht erkennen. Auf jeden Fall bestehen die Dealer darauf, dass die Jugendlichen das Pflanzenprodukt an Ort und Stelle konsumieren. Sozusagen unter Aufsicht Erwachsener. Falls einem der Jungs übel wird.

So uncool haben sich die Kids ihre erste Drogenerfahrung wahrscheinlich nicht vorgestellt. Sie flüstern und kichern verschämt, während sie paffen.

Die Drogendealer kritisieren währenddessen die Bundesregierung für ihre langsame Panzerlieferung an die Ukraine: „Das Schlimme ist, selbst wenn die schnell liefern wollen würden, könnten sie es nicht. Da müssen ja 15 Behörden beteiligt werden, und alles muss in fünffacher Ausfertigung erstellt und von jedem Hinz und Kunz unterschrieben und abgestempelt werden.“ Dabei ist die Ukraine sogar schon volljährig.

Obwohl ich betont unauffällig zuhöre, schlendert einer der Drogendealer betont unauffällig zu mir herüber und dann zurück zu seinen Kumpanen. Wahrscheinlich stört es sie, dass ich eine Zigarre rauche, und sie befürchten, ich könnte ihnen mit diesem erlesenen Tabakprodukt Kunden abspenstig machen.

Die größere Gefahr für ihr Geschäft lauert aber wohl von der angekündigten Legalisierung. Vor wenigen Wochen fand in Berlin die „International Cannabis Business Conference“ statt, wo sich Pharmaunternehmen, Anwaltskanzleien und Unternehmensberater um den Markt balgten. Die Teilnehmer dort haben wahrscheinlich weniger moralische Skrupel als die netten Leute auf der Parkbank.

Anstatt auf die Haschischheide gehe ich jetzt meist in die umliegenden und wunderschönen Friedhöfe. Dort lässt sich keiner von den Drogendealern blicken. Wahrscheinlich verbietet das auch ihr Ehrenkodex.

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