Bundeszentrale für Sparfüchse

Dass es bei der Bundeszentrale für politische Bildung das Grundgesetz kostenlos und auch sonst eine Menge interessanter Schriften zu günstigen Preisen gibt, fällt wie die verschiedenen Basen der Nukleotide oder die Epochen der deutschen Literaturgeschichte mit dem Ende der Schulzeit dem sofortigen Vergessen anheim. Dabei eignen sich viele der Publikationen auch reisevorbereitend und -begleitend, wie das ebenfalls kostenlose Heft über Israel.

bpb

Erst jetzt habe ich erfahren, dass die Bundeszentrale für politische Bildung auch Sonderausgaben von bei anderen Verlagen erschienenen Büchern herausgibt. Gleicher Inhalt, niedrigerer Preis!

Ein paar Beispiele:

    • Lenins Zug: Die Reise in die Revolution von Catherine Merridale für 4,50 € statt 25 €
    • Ein Volk, ein Reich, ein Führer: Die deutsche Gesellschaft im Dritten Reich von Dietmar Süß für 4,50 € statt 18 €
    • Die Farbe Rot: Ursprünge und Geschichte des Kommunismus von Gerd Koenen für 7 € statt 38 €
    • 1517: Weltgeschichte eines Jahres von Heinz Schilling für 4,50 € statt 24,95 €
    • Der grosse Ausbruch: Von Armut und Wolstand der Nationen von Angus Deaton für 7 € statt 26 €
    • Der Fluch des Reichtums: Warlords, Konzerne, Schmuggler und die Plünderung Afrikas von Tom Burgis für 4,50 € statt 24 €
    • Reichsbürger: Die unterschätzte Gefahr von Andreas Speit für 4,50 € statt 18 € – Aber zu den Reichsbürgern könnt Ihr auch einfach meinen ausführlichen Artikel lesen oder den Podcast dazu anhören.

Ihr seht schon, da sind auch aktuelle Titel und Bestseller dabei. Aber die Auflage ist anscheinend limitiert, also schnell zugreifen bzw. regelmäßig die Neuerscheinungen durchsehen. Die Sonderausgabe von Christopher Clarks Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog ist zum Beispiel schon vergriffen.

Das ersparte Geld könnt Ihr dann an diesen Blog spenden. 😉 Dafür gibt es ein Dankeschön, das garantiert einmalig ist und das es niemals in einer Billigausgabe geben wird.

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Fronleichnam in Bolivien

Ich dachte immer, Fronleichnam sei eine ernste und andächtige Angelegenheit. In Quillacollo in Bolivien gab es zwar einen kurzen religiösen Umzug zur Kathedrale, wo Eis- und Bierverkäufer schon ihrem Geschäft nachgingen, während der Pfarrer etwas von Jesus erzählte. Aber die meisten Leute waren für das sich unmittelbar anschließende Fest erschienen, bei dem Musik- und Tanzgruppen stundenlang durch die Stadt ziehen würden.

By Edward John Allen

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By Edward John Allen

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Die Hauptsraße war geschmückt mit mehreren großen Gemälden aus Sand und Blüten, die Szenen aus der Bibel und andere religiöse Symbolik zeigten.

By Edward John Allen

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Wenn Ihr Euch die Schuhe der folgenden Gruppe anseht, bedenkt bitte, dass die Jungs damit mindestens 4 bis 5 Stunden durch die ganze Stadt ziehen, tanzen und musizieren mussten.

By Edward John Allen

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Ja, diese Dame trank während der Aufführung eine Dose Bier.

By Edward John Allen

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By Edward John Allen

By Edward John Allen

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By Edward John Allen

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Dieses riesige Spektakel war jedoch nur die Probe für die eigentlichen Feiern, die im August für die Jungfrau von Urkupiña, die Schutzpatronin der nationalen Integrität Boliviens, begangen werden. Ziemlich hilfreich war sie anscheinend nicht, denn seit der Staatsgründung 1825 hat Bolivien mehr als die Hälfte seines Territoriums verloren.

Mann muss schon bewundern, wie Bolivien Tänze von Mädchen in sehr, sehr kurzen Röcken mit andächtiger Verehrung einer angeblichen Jungfrau vereinbart.

(Die Fotos stammen alle von Edward Allen, mit dem ich an jenem Tag unterwegs war. Hier könnt Ihr mehr von seinen Fotos aus Lateinamerika sehen. – To the English version of this article.)

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Schusswaffe im Flugzeug

Heute mal ein praktischer Tip für vielfliegende Geheimagenten.

Immer wieder hastet man sich nach erfolgreich beendeter Mission erschöpft zum Flughafen und bucht zur Verwirrung der Verfolger einen Flug nach Slowenien und einen nach Slawonien. Bei der Gepäckaufgabe wird einem die Liste verbotener Gegenstände vor die Nase gehalten, die auf keinen Fall in ein Flugzeug dürfen: Plutonium, Sprengstoff, Mineralwasser, das nicht im überteuerten Flughafenbereich erstanden wurde, und – oh Schreck – Schusswaffen.

Rein aus Reflex ist man ehrlich und gibt zu, eine Pistole dabeizuhaben. „Tur mir leid“, sagt der Aeroput-Angestellte dann ungerührt und unflexibel, „Schusswaffen sind an Bord verboten.“ Wohin also mit der Wumme? Nur selten sind die Toilettenspülungen ausreichend stark, um eine Beretta hinunterzuspülen (die Toiletten am Flughafen Mehrabad sind die ungeeignetsten, kann ich Euch sagen), und nicht an allen Flughäfen gibt es praktische Topfpflanzen zum Vergraben des ansonsten so nützlichen, aber plötzlich umständlich gewordenen Agentenwerkzeugs. Man denkt kurz daran, sich den Weg freizuschießen, erinnert sich aber gerade noch rechtzeitig, dass das Töten Unschuldiger verboten ist. Steht irgendwo im Arbeitsvertrag, glaube ich.

Und so endete die Flucht vieler geschätzter Kollegen, die ihren Flug verpassten und dafür von Idi Amins Schergen eine verpasst bekamen.

„Und das alles wegen irgendeiner Verordnung aus Brüssel“ rufen die, die immer „Brüssel“ für alles verantwortlich machen, weil sie die EU-Kommission, das EU-Parlament, den Europarat, den Europäischen Gerichtshof und den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte nicht auseinander halten können.

Aber nein, daran kann es nicht liegen. Denn in Tschechien (nicht Tschetschenien, also mitten in der EU) gibt es eine Fluggesellschaft, die kein Problem mit bewaffneten Passagieren hat. Als ich bei dem mir bis dahin unbekannten Travel Service nach den Gepäckgebühren suchte, fiel mein Blick auf dieses einmalige Angebot:

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59 Euro sind zwar happig, aber andererseits bekommt man für die gleiche Gebühr nur ein Kind oder ein lebendes Tier, beide bekanntermaßen weit nervigere Reisegenossen. Da der Aggregatszustand beim Tier hervorgehoben wird, gehe ich übrigens davon aus, dass man Kadaver kostenfrei in den Koffer packen kann. Auch das ziemlich kulant.

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DSGVO – Datenschutzerklärung

Jetzt ist also die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) in Kraft getreten, und im ganzen Land bricht Panik aus, wie wenn vorher kein Datenschutzgesetz gegolten hätte. Die zweijährige Vorbereitungszeit hat anscheinend auch jeder verschlafen.

Ich sollte mich eigentlich nicht beschweren, denn als Jurist und Übersetzer für Deutsch und Englisch habe ich dank der DSGVO derzeit Arbeit bis unters Dach. Andererseits habe ich Arbeit gar nicht so besonders gern, denn sie hält mich von wichtigeren Dingen ab. Und irgendwie ist es doch traurig, wie jetzt im Internet jeder jeden anlügt: Die Unternehmen heucheln, dass sie am Schutz unserer Daten interessiert seien und diese niemals missbrauchen würden. Und die Nutzer klicken jedes Mal blind auf „Ja, ich habe die Nutzungsbedingungen dieser Website/App gelesen und stimme zu“. Niemand hat die je gelesen!

Was will man auch erwarten von Menschen, die sich Geräte ins Schlafzimmer stellen, die jedes Wort (und andere Laute) aufzeichnen und an ein Unternehmen übermitteln? Dafür zahlen Leute sogar noch! Oder sie kaufen sich sündteure Armbanduhren, um nicht nur alle privaten Daten und jederzeit ihren Aufenthaltsort, sondern sogar ihre Blut-, Puls- und Leberwerte ständig an ein Unternehmen zu übertragen. Armbanduhr ist eigentlich sowieso die falsche Bezeichnung für das Ausforschungsteil, denn eine Uhr, die nicht einmal 24 Stunden hält, ohne dass man die Batterie aufladen muss, verfehlt doch ihren Zweck. Und wieviele hochwichtige Geschäftsverhandlungen konnte ich schon im Zug belauschen, wieviele Excel-Tabellen mitlesen, weil Leute mit Mobiltelefon und Laptop niemals warten können, bis sie zuhause sind.

Welche Daten erhebe ich von Euch?

Gar keine. Wozu auch?

Ihr könnt/sollt natürlich kommentieren, und die Kommentare werden gespeichert und angezeigt. Das ist der Sinn von Kommentaren. Aber ich wette, das war Euch vorher schon klar.

Ganz selten kommt es vor, dass mich jemand bittet, einen früher abgegebenen Kommentar zu löschen. Ich lösche dann meist nur den Namen und lasse den Kommentar stehen. Kommentare sind so etwas wie Leserbriefe. Wenn Ihr es Euch nach drei Jahren anders überlegt, werden auch nicht alle alten Zeitungen vernichtet.

Statistiken

Ich kann bei WordPress abrufen, wieviele Leute welche Artikel lesen und aus welchen Ländern sie kommen (deshalb die interessante Aufstellung der Flaggen/Länder rechts). Das kann ich aber keiner bestimmten Person zuordnen. Ich weiß also nicht, wer von Euch meinen Blog liest oder nicht. (Das erfahre ich eher dadurch, dass Leute den Kontakt zu mir abbrechen.)

Außerdem gucke ich mir die Statistiken sowieso nicht oft an, weil es nur deprimierend ist.

Cookies und Plugins

Ach ja, sowas gibt es hier wahrscheinlich auch, denn die sind ja überall im Internet. Was die machen, könnt Ihr bei WordPress, Facebook, Twitter und YouTube nachlesen.

Auf jeden Fall empfehle ich Euch, sich impfen zu lassen.

Widerspruch

Ich widerspreche hiermit ausdrücklich Kommentaren und Nachrichten, die dumm, langweilig oder belanglos sind oder die grammatikalisch nicht korrekt formuliert sind.
Zuwiderhandlungen können zu Blockieren, Ignorieren und Respektverlust führen.

E-Mails

Ich bin nicht der Meinung, dass A durch das Schreiben einer E-Mail an B einen Anspruch darauf erwirbt, dass B antwortet.

Es ist gar nichts Persönliches (wie auch, oft lese ich sie ja nicht einmal), aber ich habe einfach nicht die Zeit, alle E-Mails zu lesen oder gar darauf zu antworten. Wenn ich antworten will, nehme ich mir aber gerne ausreichend Zeit und Muße, so dass es durchaus mal ein halbes Jahr dauern kann. Am besten nutzt Ihr die Wartezeit für Bücher und lange Spaziergänge.

Material für den Blog

Wer mit mir per E-Mail, persönlich oder sonstwie interagiert oder ohne eigenes Zutun in mein Blickfeld gerät oder mein Interesse auf sich zieht, muss damit rechnen, sich in einem Artikel auf diesem Blog oder auch mal in einem Buch wiederzufinden.

Das ist alles?

Ja. Beim Datenschutz ist es wie beim Autokauf oder bei der Heirat: Wenn Euch jemand im letzten Moment einen Vertrag mit 20 Seiten zur Unterschrift vorlegt, will er/sie Euch bescheißen. Ich finde ja, dass AGB und Datenschutzerklärungen von über zwei Seiten Länge verboten sein sollten. Oder man sollte die jeweiligen Seiten/Apps erst nutzen dürfen, wenn man den gesamten Text laut vorgelesen hat (aber bitte nicht im Zug), um zu bestätigen, dass man ihn wirklich gelesen hat.

Schreibtisch voll

Meine Strategie: Datenschutz durch Unordnung.

(Click here for the English version.)

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Spanisch B1

Diplom B1 klein

So, anscheinend kann ich jetzt Spanisch. Zumindest auf dem (Fortgeschrittenen-)Niveau B1. Aber wenn man bedenkt, dass zur Erlangung der spanischen Staatsbürgerschaft nur das A2-Niveau erforderlich ist, ist das nicht einmal so schlecht.

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Allerdings war ich enttäuscht, dass ich den schriftlichen Teil nur knapp bestanden habe. Vielleicht habe ich das Thema verfehlt und über etwas komplett anderes geschrieben. Oder es reflektiert die Art, wie ich Spanisch gelernt habe: Hauptsächlich durch Unterhaltungen und Diskussionen, nicht im Unterricht. Allerdings habe ich auch die Bücher von Pons und Assimil verwendet.

Dass ich fürs Sprechen mehr Punkte als fürs Zuhören bekommen habe, wird niemanden überraschen, der mich kennt. 😉 Vielleicht habe ich hier auch nur die volle Puntkzahl erreicht, weil die Prüfer nicht wussten, wie sie mich sonst zum Schweigen bringen konnten. Oder das Instituo Cervantes erkannte, dass ich mit bolivianischem Akzent sprach und dachten sich: “Was für ein wunderschönes, reines, klares und perfektes Spanisch! Nicht so wie bei uns in Spanien.”

Das B1-Niveau genügt jedoch nicht zum Studium an einer spanischsprachigen Universität, also werde ich wohl noch weiterlernen müssen. Wenn es doch nur interessantere Fernsehserien auf Spanisch gäbe als diese verdammten Telenovelas…

(Click here to read this in English.)

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Drei Deutschlandreisen

Bücher über Wanderungen durch Deutschland gibt es wie Wanderwege in diesem wanderfreudigen Land: an jeder Ecke schon einen, und trotzdem werden jeden Monat neue eröffnet. Aber drei dieser kürzlich erschienenen Bücher habe ich mir mal für Euch angesehen.

978-3-498-06307-8Der ZEIT-Journalist Henning Sußebach hat es sich in Deutschland ab vom Wege zur Aufgabe gemacht, abseits der Städte und sogar abseits von Straßen von Nord nach Süd zu wandern. Was wie ein ökologisch motivierter Trip auf der Suche nach unversiegelter, unbetonierter Fläche beginnt, wird zu einer Entdeckungsreise des flachen Landes, der Provinz und der Menschen in diesen Dörfern.

Hier begegnet Sußebach den Menschen, die ansonsten nie als Einzelpersonen, sondern als Protestwähler, Abgehängte oder Jammerossis auftauchen. Beeindruckend, erhellend und auch motivierend finde ich, wie offen Sußebach für die Sichtweisen von Menschen ist, mit denen er politisch oder weltanschaulich nicht viel gemein hat. Niemals ist er abwertend, nicht einmal bewertend.

Von Nord nach Süd wird Deutschland etwas unfreundlicher und in Bayern dann regelrecht kommerziell. Wo man Wanderer als Touristen gewöhnt ist, scheint es nicht (mehr) üblich zu sein, Fremde einfach so zum Abendessen hereinzubitten oder ihnen gar ein Bett anzubieten.

Ein ruhiges, nachdenkliches, schönes Buch, das mir Lust darauf gemacht hat, auch mal unsere deutsche Provinz kennenzulernen. Und wieder habe ich gemerkt, dass ich den Osten Deutschlands weniger kenne als viele andere Länder.

Auf die wichtigste Frage, die ich nach der Lektüre von Deutschland ab vom Wege hatte, antwortete der Autor übrigens prompt – aber leider negativ:

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Trotzdem bleibe ich ein eifriger Spaziergänger, teils aus Notwendigkeit, weil ich kein Auto habe, aber auch, weil ich gemerkt habe, dass es die intensivste Art ist, die Umwelt zu beobachten. Uli Hauser, Journalist beim Stern, sieht es zudem als „Widerstandsakt gegen eine Form von Ungeduld und Geschwindigkeit, die mir zunehmend auf den Geist geht“.

Geht doch von Uli HauserAuch er ging von Nord nach Süd: von Hamburg nach Rom. Sein Buch Geht doch! handelt etwas weniger von dem durchwanderten Land, als vielmehr von der positiven Wirkung des Gehens selbst, wie schon der Untertitel Wie nur ein paar Schritte mehr unser Leben besser machen verrät.

Der anfängliche Rat des Autors könnte meiner Anleitung entnommen sein: „Gehen ist keine Zauberei: Man braucht dafür keine Warnweste und keine bunten Schuhe, auch keine Extrahose mit Leuchtstreifen.“ Leider wird Hauser dann zunehmend besessen, was seinen Gang und die Gehwerkzeuge angeht, und verbringt immer mehr Zeit bei Schuhmachern, in Schuhgeschäften, bei Orthopäden und bei Gehtrainern, schreibt über Klumpfuß, Stoßdämpfung, Faszien und Einlegesohlen. Das nimmt einen zu breiten Raum im Buch ein. (Wer davon überrascht ist, dass Gehen die Füße beansprucht und dass eine Wanderung von mehr als 1000 km anstrengend ist, sollte diese Überraschung vielleicht besser für sich behalten. Bei Sußebach kann ich mich nicht daran erinnern, dass er einmal gejammert hätte. Andere Schriftsteller gingen durch ganz Europa, ohne sich einmal dazu herabzulassen, über eine Blase oder eine wundgelaufene Ferse zu schreiben.)

Dennoch gebe ich auch für Geht doch! eine Empfehlung ab. Schon allein wegen der Sprache. Genauso pedantisch, wie Hauser gerne den perfekten Schuh entwerfen würde, hat er an diesem Buch geschliffen, bis jeder Satz sitzt und jedes Wort wirkt. Außerdem sind einige der thematischen Ausflüge durchaus interessant, zum Beispiel auf der Altstraßenkarte von Professor Dietrich Denecke, die noch Standorte von Galgen oder die Orte zum Pferdewechseln markiert, oder dem „Raißbüchlin“, dem ersten deutschen Reiseführer von 1563.

Das dritte Buch gehört keinesfalls mit auf die Wanderung. Nicht weil es schlecht wäre, sondern weil es ein 1,6 kg schwerer, prächtig gestalteter Band ist, den man eher kapitelweise während der Winterpause vor dem Kamin liest: Das Buch der Deutschlandreisen.

Mit dieser Anthologie reist man nicht nur geographisch, sondern auch historisch durch Deutschland, von Cäsar und Tacitus über Montesquieu, Hume, Stendhal, Twain und Fermor bis zu Frisch, Forsyth, Noteboom und Stasiuk. Auch unbekanntere Autoren sind dabei, bzw. Menschen, die eher für anderes als für ihre Deutschlandbeobachtungen bekannt sind, wie der Schah von Persien (es geht um den Besuch von 1873, nicht den von 1967) oder John F. Kennedy (es geht um seine Deutschlandreise als Student, nicht als Präsident). Aber allesamt sind es Ausländer, die als Besucher auf unser Land blicken.

Das Buch ist opulent gestaltet und hochwertig verarbeitet, mit Karten, Zeichnungen, Stichen oder Fotos auf fast jeder Seite. Ein Genuss für Bibliophile und perfekt zum Schmökern. Dabei geht es keineswegs nur um das romantische Schloss- , Schwarzwald- und Wanderdeutschland, sondern auch um Kriege, Politik und die Berliner Mauer.

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Aufgrund des Preises von 48 Euro ist Das Buch der Deutschlandreisen wohl eher etwas für Geburtstage oder Weihnachten. Aber wenn Ihr es verschenken wollt, bestellt es sicherheitshalber ein paar Monate vor dem Fest, um ausreichend Zeit für die eigene Lektüre zu haben.

(Diese Rezension erschien auch im Freitag.)

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Die Rauchende Schlange

Gerade erst war der 8. und 9. Mai, zu dem die eurozentristischen Europäer das Ende des Zweiten Weltkriegs feiern, obwohl jene Veranstaltung in Asien noch ein paar Extramonate lief. Mit Paraden und Märschen wurde der überlebenden und mit Friedhofsbesuchen der nicht überlebenden amerikanischen, britischen, französischen, belgischen, neuseeländischen, australischen, indischen, kanadischen und ja, auch der sowjetischen Veteranen und sogar der Partisanen gedacht.

Aber wie jedes Jahr wurden die Soldaten eines Landes komplett vergessen.

Nein, ich meine nicht unsere Opas von der Wehrmacht! Die haben ja nun größtenteils wirklich keine Feier verdient.

Ich spreche von den brasilianischen Soldaten, die zusammen mit den Alliierten Europa vom Faschismus befreit haben.

Von denen wusstet Ihr nichts? Seht Ihr, genau das meine ich. Die werden nämlich immer übersehen. Dabei waren es nicht ein paar einzelne Brasilianer, die in der amerikanischen oder britischen Armee Dienst taten. Nein, Brasilien entsandte im Zweiten Weltkrieg eine gesamte Division nach Italien: 25.000 Mann.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wollte Brasilien auf Schweiz machen, neutral bleiben und mit jeder Seite handeln. Brasilien war zu jener Zeit mal wieder Diktatur, die als solche durchaus Sympathien für Nazi-Deutschland hatte (obwohl es im Völkergemisch Brasilien auch in jener Zeit keine Ausgrenzung von ethnischen Minderheiten gab). Aber die nordamerikanische Charmeoffensive war einfach zu stark,jornal_o_globo_1942 und so erlaubte Brasilien den USA ab 1942 die Errichtung von Stützpunkten für den Seekrieg im Atlantik.

Die Neutralität wurde unhaltbar, als deutsche U-Boote im gleichen Jahr 13 brasilianische Handelsschiffe versenkten und Hunderte von Menschen starben. Dabei wollte die Regierung Brasiliens noch immer keinen Krieg gegen Deutschland führen. Die Forderungen kamen aus dem Volk und wurden immer lautstarker. Demonstranten forderten den Kriegseintritt und zerstörten deutsche Kneipen. Am 22. August 1942 erklärte Brasilien dem Deutschen Reich, Italien und Japan schließlich den Krieg.

Dieser Schritt wurde damals auch in Südamerika zunehmend populär. Bolivien, Kolumbien, Ecuador, Paraguay, Peru, Chile, Venezuela und Uruguay folgten in dieser Reihenfolge. Ach ja, das heroische Argentinien entschloss sich am 27. März 1945 noch knapp rechtzeitig zu diesem kühnen Schritt; es war die letzte Kriegserklärung an Deutschland.

Aber auch in Brasilien blieb es erst einmal bei der Ankündigung. Der Volkszorn kochte weiter, was aber auch daran gelegen haben mag, dass wegen des Zweiten Weltkriegs die Fußball-Weltmisterschaften ausfielen. Es entwickelte sich die Redewendung, dass die Regierung wohl erst Truppen nach Europa schicken werde, „wenn die Schlangen Pfeife rauchen“, um die Skepsis auszudrücken, ob dies jemals passieren wird. Bei uns würde man sagen „wenn die Hölle zufriert“, aber in Brasilien weiß niemand, was Frieren bedeutet.

Endlich, fast zwei Jahre nach Kriegseintritt – und praktischerweise nach der erfolgreichen Landung in der Normandie, als nun wirklich jedem klar war, wer als Sieger vom europäischen Spielfeld gehen würde -, verließen die ersten Truppen am 2. Juli 1944 Brasilien Richtung Italien.

175px-distintivo_da_feb„Die Schlange raucht!“, hieß es nun ungläubig, und das Brasilianische Expeditionskorps wählte dieses Symbol ganz selbstironisch als Abzeichen. Krieg ist immer Chaos, und so fiel erst bei der Ankunft in Italien auf, dass die Brasilianer keine Waffen hatten, dass ihnen keine Kaserne oder andere Unterkunft zugeteilt worden war und, am allerschlimmsten, dass ihnen niemand etwas über Winter, Kälte und Schnee gesagt hatte.

Schnee ist in Brasilien, außer in ganz wenigen Bergregionen, unbekannt. Und diese Truppen vom Strand sollten im Winter 1944/45 in den Apenninen gegen Gebirgstruppen der Wehrmacht kämpfen, die sich an der sogenannten Gotenlinie eingegraben hatten.

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Umso erstaunlicher, dass sie dennoch ganz erfolgreich vorankamen, Schlachten gewannen, unter anderem Parma befreiten und allein mehr als 20.000 hauptsächlich deutsche Soldaten gefangen nahmen. Das Foto zeigt den deutschen Generalleutnant Otto Fretter-Pico, wie er sich einem brasilianischen Soldaten gegenüber ergibt.

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Die deutsche Propaganda war also wirkungslos geblieben, obwohl sie für die Feinde aus Brasilien sogar eine Radiosendung auf Portugiesisch ausstrahlte: „Hora Auri-Verde“. Darin wurde den Südamerikanern wahrscheinlich noch mehr Angst vor noch mehr Schnee, Eis und Frost gemacht, eine Rückkehr nach Rio empfohlen und andernfalls eine empfindliche Niederlage im Fußball angedroht.

Außerdem nutzten die Nazis in ihrer an die italienische Bevölkerung gerichteten Propaganda die Tatsache, dass viele brasilianische Soldaten dunkelhäutig waren. Sie versuchten insbesondere, Furcht vor Vergewaltigung und Mord zu schüren. Und schon sieht man wieder, wo sich die AfD ihre Methoden abschaut.

Die brasilianischen Soldaten hatten in den Wintermonaten im Schützengraben übrigens viel Zeit, darüber nachzudenken, warum man in Europa für die Demokratie kämpft, während zuhause ein Diktator regiert. Auch unter dem Einfluss der zurückkehrenden Soldaten kündigte Getúlio Vargas 1945 Wahlen an, erlaubte die Gründung von Parteien und versprach, selbst nicht mehr zu kandidieren. Sicherheitshalber – Brasilien tut sich schwer mit Demokratie – wurde er dann aber doch weggeputscht, 1950 wiedergewählt und erschoss sich 1954, wohl selbst verwirrt von dem ewigen Hin und Her, selbst.

Eine interessante Dokumentation mit Originalaufnahmen und vielen Originalstimmen könnt Ihr hier sehen (auf Portugiesisch mit englischen Untertiteln). Gönnt Euch doch eine Pfeife dazu!

(Click here to read this article in English.)

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