Tagesnotizen 18

  1. Erschreckend, wie Sinti und Roma in der Bundesrepublik rassistisch erfasst und verfolgt wurden, teilweise von NS-Behörden, die lediglich umbenannt und dem LKA Bayern untergeordnet wurden. So hat sich das Voruteil von den „kriminellen Zigeunern“ bis heute festgesetzt.
  2. Thomas Kuban hat mich auf den wirklich besten Produktivitäts-Blog gebracht.
  3. Danke an Patrick Logdson für das Buch Südosteuropa – Weltgeschichte einer Region, einen wunderbaren Wälzer, der mich auf der kommenden Balkanreise begleiten wird, sowie für die Freienbibel, ein Handbuch für freie Journalisten. 51-dupsqr0l
  4. Die Nachricht von der Anklage gegen zwei ehemalige Wachleute des KZ Stutthof hat mich an das Buch Der Wald der Götter von Balys Sruoga erinnert, der in Stutthof interniert war. Seine Erinnerungen sind trotz des Grauens ironisch bis sarkastisch geraten. Schade, dass das Buch außerhalb Litauens kaum bekannt ist. balys-sruogader-wald-der-gc3b6tter
  5. Eine völkerrechtliche Besonderheit: Deutschland nimmt diplomatische Beziehungen zu einem Nicht-Staat auf, in diesem Fall zum Souveränen Ritter- und Hospitalorden vom Heiligen Johannes von Jerusalem von Rhodos und von Malta.
  6. Danke an Ana Alves für das Buch Die Außenseiter: Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa von Philipp Ther, der aufzeigt, dass Flucht und Flüchtlinge schon immer zur europäischen Geschichte gehört haben. 42776
  7. „Wenn man eine Weile in einem anständigen Gefängnis sitzt, kriegt man gleich ein Gefühl für die eigene Würde.“ (Andrzej Stasiuk: Wie ich Schriftsteller wurde)
  8. Jedes Mal, wenn ich von „Paragraf 116 des Grundgesetzes“ lese, wie kürzlich in der SZ, erinnere ich mich an meinen Aufruf, dass mehr Juristen Journalisten werden sollten – oder die Journalisten sicherheitshalber bei einem Juristen nachfragen sollten. Allerdings machen Zeitungen das auch noch falsch, wenn sie mal bei mir nachfragen.
  9. Der deutsche Agentenfilm Kundschafter des Friedens ist ganz unterhaltsam, auch wenn Space Cowboys als Vorlage deutlich erkennbar ist.

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Deeskalationshund

Auf meinen Reisen gehe ich gerne auf Demonstrationen. Wenn ich die Forderungen unterstützenswert finde, dann sowieso. Aber auch wenn nicht, sind Proteste oder gar Revolutionen ein hervorragender Ort, um etwas über die Dynamik in dem jeweiligen Land zu lernen. Wenn Proteste und Gegenproteste aufeinander treffen, kann man sich gleich ein Bild von zwei Seiten machen.

Zudem bieten Demonstrationen die Gelegenheit, zu beobachten, wie die Staatsgewalt mit den Bürgern umgeht: brutal oder höflich, militaristisch oder zivil, respektvoll oder kriminalisierend. Deutschland steht im Vergleich nicht einmal so gut da. Hier werden oft viel zu früh schwere Geschütze aufgefahren und die Polizisten treten in kämpferischer Montur auf. Wenn dann noch beissende Hunde losgelassen werden, fragt man sich schon, ob das Thema „Deeskalation“ auf der Polizeischule vielleicht zu kurz kam.

Ganz anders in Bolivien: Dort hat die Polizei auch Hunde, aber die beissen niemanden. Ganz im Gegenteil, die Polizei bringt Hunde mit zu hitzigen Demonstrationen, damit beide Konfliktparteien vom Streit über Neuwahlen oder die Abholzung des Regenwalds abgelenkt werden und nur mehr vereint ausrufen: „Ach, guck mal den süßen Hund an!“ Der Hund lässt sich dann streicheln, füttern und fotografieren. Und schon ist wieder Friede auf den Straßen.

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Die Funktion des Sensenmannes wurde mir allerdings nicht klar.

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Drittes Reich und Hitler? Das geht immer.

So denken nicht nur N24, Guido Knopp und Der Spiegel, sondern auch Zeitschriftenverkäufer in Bolivien:

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Wie wird man Schriftsteller? Murakami vs. Stasiuk

Bücher von Schriftstellern darüber zu lesen, wie man Schriftsteller wird, anstatt selbst zu schreiben, das ist Prokrastination auf Metaebene. Um die Ablenkung von der eigenen kreativen Arbeit noch ablenkender zu gestalten, habe ich zwei Autoren in den Ring steigen und gegeneinander antreten lassen: den Bestsellerautor Haruki Murakami mit seinem Von Beruf Schriftsteller und den „Versuch einer intellektuellen Autobiographie“ des polnischen Autors Andrzej Stasiuk, Wie ich Schriftsteller wurde.

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Rein organisatorisch legt Murakami ganz professionell vor. Schön gegliedert in elf Kapitel, deren Überschriften „Wie ich Schriftsteller wurde“ oder „Wie schreibe ich einen umfangreichen Roman“ die Hoffnung auf wertvolle oder zumindest motivierende Insidertipps aufkommen lassen. Das Buch von Stasiuk dagegen ist eine optisch abschreckende Bleiwüste. Punkt und Komma kennt er gerade noch, aber der Hebel für den Zeilenumbruch war an seiner Schreibmaschine anscheinend kaputt. 134 Seiten in einem Blocksatz. Keine Kapitel, keine Absätze, das ist doch eine Zumutung.

Also beginne ich mit Murakami.

Für jemanden, der Schriftsteller werden will, ist es zunächst äußerst wichtig, viel zu lesen. Tut mir leid, wenn das banal klingt, aber meines Erachtens ist lesen die wichtigste Übung für einen angehenden Schriftsteller, die er keineswegs vernachlässigen darf. Um einen Roman schreiben zu können, muss man als unbedingte Grundvoraussetzung wissen, wie ein solcher aufgebaut ist. Das ist ebenso selbstverständlich wie die Tatsache, dass man, um ein Omelette zu machen, zuerst einmal die Eier aufschlagen muss.

Ja, das klingt wirklich banal. Selbst mir fällt auf, dass sich das griffiger und weniger umständlich formulieren ließe. Der schiefe Omelettevergleich weckt weder Vertrauen noch Begeisterung.

Was sagt Stasiuk dazu?

Um mich auszulüften, fuhr ich in die Berge. Ich dachte mir, ich arbeite ein bißchen körperlich wie ein richtiger Mann. Die Vorbilder bezog ich aus der Schundliteratur, denn die aus der besseren Literatur waren ungemein kompliziert und im sogenannten Alltagsleben absolut nicht zu realisieren. In den Bergen konnte man in der LPG oder im Wald arbeiten. Ich entschied mich für den Wald, der stand in der romantischen Mythologie doch etwas höher als die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft. Der Förster war sympathisch. Er trank eigentlich mit allen und verließ das Forsthaus praktisch nie. Man könnte sagen, er übte die geistige Schirmherrschaft aus. Er kontrollierte nie, wieviel jemand geschafft hatte. Er glaubte einem aufs Wort und notierte es in den Papieren. Ich wohnte in so einer Baracke, und im Grunde war es ganz in Ordnung. Bei Regen ging ich nicht zur Arbeit, und niemand machte einen an. Damals regnete es viel. Nicht so wie heute. Im ersten Monat regnete es eigentlich ununterbrochen. Ich bekam einen Lohn, daß mir die Knie weich wurden. Die anderen auch. Das waren gute Kumpel, nur nach der Lohnzahlung veränderten sie sich immer, und ich zog für ein paar Tage aus der Baracke aus. Wenn sie keine Kohle mehr hatten, kam ich zurück. Das ging ziemlich schnell. Zum Lesen hatte ich mir Kierkegaard mitgenommen. Furcht und Zittern. Ein guter Titel. Besonders um den Zahltag herum. Eines Tages fand ich Kierkegaard nicht mehr. Der Umschlag lag im Scheißhaus. Ich war zu jung, um die metaphorische Bedeutung dieser Tatsache zu begreifen. Überhaupt war ich damals ziemlich schwach in der übertragenen Deutung der Wirklichkeit.

Das ist schon ein ganz anderer Beat, oder? Mittlerweile ergibt auch der sich über das ganze Buch durchziehende einzige Absatz Sinn, denn bei Stasiuk will ich gar keine Pause machen. Bei Murakami hingegen merke ich schnell, dass ich nur mehr querlese, ein paar Seiten auf einmal umblättere oder zum nächsten Kapitel springe.

Dabei macht Stasiuk genau das, was Murakami empfiehlt:

Als Nächstes – wahrscheinlich auch noch vor dem eigentlichen Schreiben – sollte man sich unbedingt darin üben, Menschen, Dinge und Ereignisse, alles um sich herum, ganz gleich, was es ist, aufmerksam und gründlich zu beobachten. Und es sich durch den Kopf gehen lassen.

Und so weiter, und so weiter, Murakami führt auch diesen Gedanken in mehrfachen Wiederholungen aus, wie wenn er zu einem Doofkopf spräche.

Bei Stasiuk geht das Beobachten (hier im Falle eines einem buddhistischen Guru zugeneigten Freundes) so:

Krosbi wurde ein Jünger von Guru Maharadschi. Er nervte endlos damit. Er bastelte sich einen Altar und machte davor Verbeugungen, Kniebeugen und Liegestütze. Ich war gar nicht dagegen, bis er mir ein Foto seines geistigen Meisters zeigte, da stieg ich aus. Ein Meister, wie ich ihn mir vorstellte, sollte mager sein, sollte etwas von einem Asketen haben, der hier aber war fett wie ein Schwarzhändler, dazu im orangefarbenen Nachthemd. Und grinste wie ein Wonneproppen. Nein. Das war zuviel für mich. Ich war an christlichen Heiligen erzogen, an Alexij, an Simon dem Säulenheiligen, das Ebenbild dieses Schnullergurus riß mich nicht hin.

Murakami nervt unterdessen mit seiner mittlerweile siebten Beteuerung, dass es ihm wirklich, wirklich, wirklich –

Sie müssen mir das einfach glauben!

– überhaupt nichts ausmache, nie den Akutagawa-Literaturpreis gewonnen zu haben. Keine Sekunde glaube ich ihm das. Stasiuk glaube ich alles. Der bekiffte und besoffene Selbstmordversuchvortäuscher –

Mein Kollege Maciek kam auf die Idee, Selbstmord wäre ein guter Ausweg. Ich war einverstanden. Begehen sollte ich ihn in Miedzylesie. Dort findet mich dann eine befreundete Krankenschwester und benachrichtigt sofort den Notarzt, der mich ins Krankenhaus bringt, wo ich als Selbstmörder für unzurechnungsfähig erklärt und auf der Psychiatrie untergebracht werde, alles Weitere in Gottes Hand. Der Plan war so gut wie jeder andere. Maciek behauptete, das sei sicher wie eine Bank, ich würde sogar noch eine Medaille kriegen, vielleicht sogar Kriegsrente. Ich sagte: „Okay, ich mach’s.“

– aus Polen ist glaubwürdiger und authentischer als der disziplinierte Marathonläufer aus Japan. Der Plan, sich verblutend und im Schneehaufen liegend von der Krankenschwester finden zu lassen, ging übrigens nicht ganz auf. Der fahnenflüchtige Stasiuk kam für eineinhalb Jahre ins Gefängnis.

Der Unterschied zwischen den beiden Autoren wird schnell klar: Stasiuk kann schreiben, weil er erzählen kann. Und er kann erzählen, weil er etwas erlebt hat.

Ich jedenfalls war begeistert von einem mir bisher unbekannten Autor und enttäuscht von dem weltbekannten Autor. Gleich heute noch laufe in die Bibliothek, um mir weitere Werke von Stasiuk zu holen. Murakami hingegen kann schreiben was er will, von dem alten Langweiler fasse ich kein Buch mehr an.

(Dieser Artikel erschien auch im Freitag.)

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„Tyll“ von Daniel Kehlmann

978-3-498-03567-9Daniel Kehlmann versetzt den bekannten Schalk Tyll Ulenspiegel, der eigentlich im 14. Jahrhundert lebte, in seinem neuen Buch Tyll in den Dreißigjährigen Krieg.

Das klingt nach einer interessanten Idee, historische Romane mag ich grundsätzlich, und die Rezensionen in Presse und Rundfunk waren sich einig voll des überschwenglichen Lobes: Brilliant, tiefgängig, vielschichtig, Realismus mit magischen Einschlägen, meisterlich, Erzählkunst, Neuerfindung des historischen Romans, sprachmächtig, sachkundig, packend, triumphal u.s.w.

Nur, bei mir stellte sich bei der Lektüre keine Begeisterung ein. Zum einen ist Tyll nur bei großzügiger Anwendung des Begriffs Roman ein solcher. Vielmehr ist jedes Kapitel eine Episode, in der historische Personen (Friedrich V., Elisabeth Stuart, der Jesuit Tesimond) in historischen Zusammenhängen (Hexenprozess, Schlacht bei Zusmarshausen, Prager Fenstersturz) eingeführt werden, die in der nächsten Episode dann aber getrost vergessen werden können und auch im weiteren Verlauf keine Rolle mehr spielen.

Ich habe mich durch die ersten Kapitel gemüht, aber richtige Spannung oder ein Interesse für den weiteren Verlauf entsteht nicht. Dass der angebliche Hexer hingerichtet wird, kann man sich schließlich schon im Moment der Anklage denken. Die anderen Figuren kommen eben durch das Ende des ihnen gewidmeten Kapitels um. So bleibt nicht viel Zeit – und auch kein Anlass -, eine Beziehung zu den Akteuren herzustellen.

Nur der namensgebende Klamaukbruder umklammert die Episoden lose. So lose, dass man nicht von einem Faden, schon gar nicht von einem roten sprechen kann. Vielleicht hätte dieses Konzept mit einer sympathischeren Figur funktioniert, aber Tyll Ulenspiegel ist stellenweise ein ziemlicher Kotzbrocken.

Entsprechend meiner Maxime, keine Zeit mit mir nicht zusagenden Büchern zu vergeuden, habe ich die Lektüre nach dem dritten Kapitel abgebrochen.

Vielleicht wollte Daniel Kehlmann an den Erfolg seines historischen Romans Die Vermessung der Welt anknüpfen, aber in dem gab es eine durchgehende Handlung, sympathische Personen und Humor – ein wahrliches Lesevergnügen. Von Tyll würde ich hingegen die Finger lassen. Ich kann mir vorstellen, dass sogar einige Sachbücher über den Dreißigjährigen Krieg spannender sind.

(Diese Rezension erschien auch im Freitag.)

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Die schönste Zeit des Jahres

… ist nun bald wieder vorüber. Damit Ihr Euch noch ein bisschen länger an den Farben berauschen könnt, habe ich mal wieder meinen Vater zum Fotografieren geschickt. Er traut sich leider nicht mehr so weit von zu Hause fort (hoffentlich trifft mich das nicht auch im Alter), und so stammen alle Fotos aus der Oberpfalz und dem Bayerischen Wald.

Allerdings sehen das Kulzer Moos und der Herbstwald tatsächlich ein bisschen nach Kanada aus.

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Nur anhand der Burgen, Burgruinen und Stadtmauern erkennt man, dass man in Mitteleuropa ist.

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Entlang der Flüsse und Seen kann man um diese Jahreszeit schon mückenfrei aber noch sonnenverwöhnt wandern, laufen, lesen und Zigarren rauchen.

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Pilze gedeihen in allen Farben und Größen.

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Der Landkreis Amberg-Sulzbach hat eine Partnerschaft mit Argyll & Bute in Schottland, die neben dem Schüler- anscheinend auch einen Nutzviehaustausch umfasst.

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Zum Herbst passen Friedhöfe, wie hier der Jüdische Friedhof in Sulzbach-Rosenberg, vielleicht noch besser als zu anderen Jahreszeiten.

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Warum man am besten mit wenig Geld reist

In dem Buch Slow Travel: Die Kunst des Reisens schreibt Dan Kieran:

Wenn man sich auf andere Menschen verlassen muss, wird man gezwungen, offen zu sein und sich mit ihnen abzugeben, was schnell zu einem Gefühl von Freundschaft und Gemeinschaft führt. Eine Person führt zur anderen auf Ihrem Weg oder drängt Sie in eine etwas andere Richtung, als Sie selbst eingeschlagen hätten. Es ist ein Kontrollverlust, aber ein vollkommen lebensbejahender und befreiender Kontrollverlust.

Wenn Sie jedoch eine Menge Geld haben und auf niemandes Hilfe angewiesen sind, können Sie um die ganze Welt reisen, ohne einen einzigen Ortsansässigen kennenzulernen.

Dem kann ich voll und ganz zustimmen.

Hätte ich genug Geld, um immer in Hotels zu übernachten, so wäre ich niemals auf Couchsurfing gekommen, worüber ich eine Menge inspirierende und hilfsbereite Menschen getroffen und deren lustige Geschichten gehört habe. Sie haben meine Reisen viel interessanter gemacht als diese ohne Kontakte vor Ort gewesen wären. Vor ein paar Monaten kam ich zum Beispiel bei einem jungen Couchsurfing-Gastgeber in Abchasien unter, der mich in Galerien und zu Ausstellungen mitnahm und mich mit Künstlern, Wissenschaftlern und sogar dem früheren Außenminister des Landes bekannt mache. Wäre ich einem Hotel abgestiegen, hätte ich nichts von alledem erlebt. (Bei AirBnB mag das auch manchmal klappen, aber nach meiner Erfahrung haben die Gastgeber dort weniger Zeit/Interesse als Couchsurfing-Gastgeber. Vielleicht liegt das aber auch an der anderen Erwartungshaltung der Gäste.)

Hätte ich genug Geld, um ein Auto zu mieten, würde ich niemals am Straßenrand stehen, den Daumen rausstrecken und darauf hoffen, dass mich Fremde ein Stück mitnehmen. Ein besonders netter Fahrer in Montenegro lud mich sogar zu sich nach Hause ein, bereitete ein Abendessen mit ausreichend Selbstgebranntem und überreichte mir noch einige Geschenke, bevor er mich genau dort absetzte, wo ich hin musste. In Bolivien war es während eines Ausflugs in die Berge schon etwas spät geworden und ich wäre wahrscheinlich erfroren, wenn nicht ein LKW mit Bergarbeitern angehalten hätte, um mich durch ein atemberaubend schönes Tal zu fahren. Der einfachste Ort, um per Anhalter vorwärtszukommen, war bisher die Osterinsel: Autos, Quads und Pick-Up-Trucks hielten manchmal sogar ohne Aufforderung. „Spring rein“, riefen die Fahrer, ohne nach meinem Ziel zu fragen, da alle Straßen sowieso zu der einzigen Siedlung auf der Insel führten.

In Brasilien wurde ich sogar mal in einem Helikopter mitgenommen.

Hätte ich genug Geld für ein Auto, hätte ich nicht eine lange, eiskalte Nacht an einem Bahnhof in Rumänien verbracht, die zu einer unvergesslichen Begegnung führte.

Hätte ich immer genug Geld, um in Restaurants zu essen, würde ich niemals auf dem Markt einkaufen und mein Mittagessen im Park einnehmen, wo sich Menschen zu mir setzen und mir ein Gespräch anhängen. Dieser Kontakt mit Zufallsbekanntschaften, insbesondere mit Armen und Obdachlosen anstatt mit Angehörigen meiner Profession oder meiner sozialen Schicht, ist das Interessanteste am Reisen.

Hätte ich genug Geld für Interkontinentalflüge gehabt, hätte ich nicht schon zweimal den Atlantik auf einem Schiff überquert.

Hätte ich genug Geld, um von einer Hauptstadt in die nächste zu fliegen, würde ich niemals die kleinen Städte und Dörfer dazwischen kennenlernen, diese vergessenen und übersehenen Orte, wo der Müll abgeladen wird und die Armen in Slums hausen und wo die Entwicklung 20 Jahre hinterherhinkt. Mit anderen Worten, ich hätte die Realität nicht gesehen. Ich würde die Welt weniger gut kennen und weniger verstehen.

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(Das Buch von Dan Kieran kann ich übrigens nicht empfehlen. Bis auf ein paar gute Zitate ist es ziemlich überflüssig und langweilig. Da findet Ihr auf meinem Blog bessere Geschichten und Überlegungen. – Click here to read this article in English.)

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