Vor hundert Jahren lief ein Film, den es eigentlich nicht hätte geben dürfen – März 1922: Nosferatu

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Zu Beginn dieser Serie hatte ich versprochen, dass es nicht jeden Monat um Krieg, Revolution und Grenzverschiebungen gehen würde, sondern auch mal um die leichteren Dinge des Lebens. Um Katzen und Kultur, zum Beispiel.

Deshalb gehen wir heute ins Kino!

Aber Minderjährige bitte nur in Begleitung ihrer Eltern. Oder mit Attest.

Denn vor hundert Jahren, im März 1922, war der Filmstart von Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens. Und war für ein Filmstart das war! Eine wochenlange Medienkampagne mit Zeitungsanzeigen, Großplakaten, Flugblättern, Straßenbahnbeschriftungen und Luftschiffen war vorausgegangen. Und dann die Premiere: In einem Marmorsaal in Berlin, mit Kostümball, mit Tanz, mit Orchester. Wahrscheinlich gab es sogar Zigarren.

Es war der erste deutsche Film, dessen Werbe-Budget höher war als das Film-Budget.

Das ist der Grund, warum der Film so berühmt wurde. Sage ich.

Leute, die sich hingegen wirklich mit Filmen auskennen, sagen etwas anderes. Sie behaupten, Nosferatu sei ein Meisterwerk der Filmgeschichte, ein wegweisender Grab-, wenn nicht sogar Meilenstein. Sie lobpreisen den visuellen Stil, die Bildkomposition, die Lichtsetzung, die Kameraführung, die szenische Gestaltung, die Cadrage, das Spiel mit Licht und Schatten, die Parallelisierung von Körper und Bau im Zusammenspiel von Filmfigur und Architektur, die Spannungsbildung durch transversale Bewegung, die Subjektivierung des Kamerablicks, das teilweise Durchbrechen der vierten Wand, doppelbelichtete Überblendungseffekte, die naturalistischen Landschaftsaufnahmen und die Schauerwirkung durch die Bedeutungsumkehr an sich idyllischer Naturbilder.

Was Leute halt so sagen, wenn sie schlau klingen wollen. Ich persönlich kann da nicht mitreden, weil ich Angst vor Horrorfilmen habe. Und wer sich nicht einmal Buffy, Der kleine Vampir oder Angriff der Killertomaten ansehen kann, der schreckt vor dieser Urform des Horrorfilms erst recht zurück.

Bevor Ihr Euch darüber lustig macht: Seht doch mal, ob Ihr Euch traut.

Ein paar Minuten habe ich reingeguckt, aber der Immobilienmakler Knock ist wirklich so furchteinflößend wie befürchtet. Obwohl es sich um einen Stummfilm handelt, jagt mir sein hämisches Lachen einen Schauer über den Rücken. Nein, das halte ich keine 94 Minuten aus.

Aber in den wenigen Teilen, die ich kreidebleich und zitternd ansehen konnte, war ich überrascht, wie viele der im Film angesprochenen Themen auch heute, genau 100 Jahre später, noch aktuell sind.

So bringt zum Beispiel Graf Orlok, als er mit dem Schiff in Wisborg (gespielt von Wismar) ankommt, Covid-19 in die Stadt. Anders als in den wenigen früheren Horrorfilmen meuchelt das Monster jetzt also nicht mehr nur einzelne Opfer, sondern es stellt eine Gefahr für die ganze Menschheit dar. Nosferatu als Superspreader.

Statt sich gemeinsam und proaktiv gegen das Verderben zu wehren, erstarren die Bewohner in Schockstarre und ergeben sich dem Untergang. Der Epidemiologe Dr. van Helsing wird vollkommen ignoriert. Die Stadträte der DVP (einem Vorläufer der FDP) versagen sich unter Berufung auf Freiheit und individuelle Verantwortung sogar einer Maskenpflicht, die sie als „Fessel“ bezeichnen.

Was mir als begeistertem Tramper gefallen hat, ist, dass der Film eine Lanze für diese ökologisch wertvollen Fahrgemeinschaften bricht. Als Hutter durch die Karpaten streift, hält ganz selbstverständlich eine Kutsche an, die den jungen Mann an sein Ziel, die Arwaburg in der Slowakei, bringt. In der Ära des beginnenden Automobilismus war dies ein wichtiges Statement gegen egoistischen Individualismus, gegen Verschwendung von Ressourcen und für mehr Solidarität.

Wenn ich mir diese Burg so ansehe, bekomme ich tatsächlich Lust, dorthin zu trampen. Ich habe zwar nicht gesehen, wie das im Film endet, aber es wird schon ein Happy End geben. Das läuft ja eigentlich immer so im Kino.

Frappierend aktuell fand ich auch die vielen Szenen, in denen Nosferatu Särge durch die Gegend fährt, schifft und schleppt. Eine eindeutige Anspielung auf die Paketboten unserer Zeit und eine Metapher auf Konsum und Kapitalismus. Die Menschen benötigen gar keine Vampire, weil sie sich selbst aussaugen und ausbeuten, nur um im Keller immer mehr Särge anzuhäufen. (Daher kommt der Begriff „Leichen im Keller“, wenn jemand so viel kauft und bestellt, dass er gar nicht mehr weiß, wohin mit dem ganzen Zeug.)

Ach ja, dieser Nosferatu alias Graf Orlok ist der eigentliche Vampirbösewicht, nicht – wie von mir anfänglich vermutet – der Immobilienmakler Knock. Andererseits, was ist schon der Unterschied zwischen Maklern und Vampiren? Blutsauger sind beide.

Nosferatu wurde gespielt von Max Schreck, dessen Darstellung so überzeugend war, dass sein Name zum geflügelten Wort („Ach, Du Schreck!“) und zum Verb („erschrecken“ als Synonym für ängstigen, entsetzen, schockieren, konsternieren) wurde.

Sogar ins Englische schaffte es das Wort, wenn auch hollywood-typisch verkitscht.

Noch angsteinflößender als Max Schreck war Klaus Kinski, der einem schon das Blut in den Adern gefrieren ließ, wenn er nur friedlich in einer Talkshow saß.

Nur mit Werner Herzog kam er gut zurecht, weshalb jener Kinski als Vampir in der Neuverfilmung Nosferatu – Phantom der Nacht von 1979 besetzte.

Was viele nicht wissen: In den 1990er Jahren wurde Klaus Kinski Bundesaußenminister, weil sich West- und Ostdeutschland auf keinen anderen Kandidaten einigen konnten. Einmal, es muss 1998 während der UNO-Generalversammlung in New York gewesen sein, habe ich (ganz links, passend zu meiner politischen Einstellung) ihn (vierter von rechts) sogar getroffen.

Das wirft (mindestens) zwei Fragen auf: Warum war ich mit 23 Jahren wichtiger als ich jetzt bin? Und warum hat mir damals niemand gesagt, wie sponkig meine Brille aussieht? (Ich habe übrigens noch immer die gleiche, obwohl die Dioptrien gar nicht mehr passen. Aber leider zahlt die Krankenkasse keine neue Brille, weil sie stattdessen irgendwelche blöden Yoga-Globuli zahlen muss.)

Zurück zum Film. Die Handlung (junger Mann fährt in die Karpaten, um dort einen Immobiliendeal mit einem Grafen abzuschließen, bemerkt aber, dass dieser ein Vampir ist, und so weiter) kommt Euch vielleicht bekannt vor. Genau, es ist die gleiche Geschichte wie in dem Roman Dracula von Bram Stoker, erschienen 1897.

Das versuchten die Produzenten von Nosferatu gar nicht zu verbergen, sondern wiesen im Vorspann darauf hin: „Nach dem Roman Dracula – von Bram Stoker. Frei verfaßt von Henrik Galeen.“ Die Produktionsfirma Prana-Film GmbH, für die Nosferatu der erste Film war, hatte eine Menge Geld für Werbung, für Zigarren, für Champagner und allerhand Flitter und Tand ausgegeben, um dem Klischee von den Goldenen Zwanzigern zu entsprechen, aber eines hatten sie übersehen: Einen Juristen.

„Das wäre dann der dritte Blutsauger“, höre ich jemanden ulken. Aber das wäre ein billiger Scherz, und solche sind hier nicht geduldet.

Vor der Produktion eines Films wäre es, wie überhaupt in den meisten Lebenslagen, angebracht, sich mit einem Juristen zu unterhalten. Wenn die Filmleute mich konsultiert hätten, so wäre dies mein Rat gewesen:

Wenn Ihr einen Film basierend auf einem Buch macht, dann müsst Ihr Euch mit dem Autor einigen. Oder Ihr müsst die Geschichte so verfremden, dass Ihr glaubhaft machen könnt, sie sei Euch unabhängig davon eingefallen. Aber auf keinen Fall solltet Ihr so bescheuert blöd sein, im Vorspann das Buch anzugeben, aus dem Ihr geklaut habt!!

Und für diese fundierte Beratung hätte ich nicht einmal viel verlangt, sondern nur um eine kleine Komparsenrolle gebettelt. Als ich noch Rechtsanwalt war, bin ich so an einen Auftritt im Tatort gekommen. In der Folge 624 „Feuerkämpfer“ seht Ihr mich in zwei klitzekleinen Auftritten, die nicht nur nicht der Rede wert waren, sondern bei denen ich tatsächlich kein Wort sagen durfte. Der Film spielte nämlich in Hamburg, und ich habe leider einen bayerischen Akzent. (Diese Filmleute sind wahnsinnig professionell und achten wirklich auf alles.) – Schon zum zweiten Mal frage ich mich, warum mein Leben früher spannender war. UNO, ARD, u.s.w. Und jetzt hocke ich hier und schreibe einen Blog. Wie so ein alter Mann, der sich im Park neben einen setzt und ungefragt seine Lebensgeschichte erzählt.

Aber der Prana-Film GmbH ging es nicht besser.

Bram Stoker war schon tot. (Das passiert oft bei Menschen, die sich zu sehr mit Vampiren beschäftigen.) Urheberrechte sind jedoch vererblich. Florence Stoker, die Witwe des Dracula-Autors, war weniger anwaltsscheu und verklagte die Prana-Film GmbH wegen Urheberrechtsverletzung. Sie gewann, denn „aber wir haben doch die Namen verändert“ ist keine gute Verteidigung gegen eine Urheberrechtsklage. Vor allem wenn, siehe oben, die Beklagte im Film zugibt, sich an anderer Quelle bedient zu haben.

Fünf Monate nach der Premiere ging die Prana-Film GmbH in Konkurs. Nosferatu sollte ihr einziger Film bleiben.

Das Gericht ordnete auf Antrag von Frau Stoker die Vernichtung aller Kopien des Filmes an. Das ist nach § 98 I 1 UrhG eine der möglichen Folgen einer Urheberrechtsverletzung, und es war immer eine Riesengaudi, wenn ich das in einem Fall durchgesetzt hatte. Man trifft sich dann mit dem gegnerischen Rechtsanwalt auf einem Schrottplatz, er lädt einen LKW voll DVDs oder Büchern aus, und man zündet sie an. Also, wenn Ihr schon immer Hexe werden und ums Feuer tanzen wolltet, aber dafür keinen Studienplatz bekommen habt, studiert einfach Jura und spezialisiert Euch danach auf das Recht des geistigen Eigentums.

Es dürfte diesen Film also gar nicht mehr geben.

Wie kommt es dann, dass Ihr – wenn Ihr nicht so viel Schiss habt wie ich – Nosferatu jetzt trotzdem ansehen könnt? Tja, zum Zeitpunkt des Rechtsstreits waren einfach schon zu viele Kopien des Filmes in alle Welt gelangt. Sie liefen in Kinos von Casablanca bis Cochabamba, von Turku bis Timbuktu, und wahrscheinlich sogar in den dubiosen Kinos von Valletta und Salvador.

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Weil die Kopien weitergereicht, weiterverkauft, ausgeliehen und teilweise unerlaubt kopiert worden waren, hatte nicht einmal mehr die Prana-Film GmbH den Überblick. (Außerdem war sie ja in Konkurs, also war ihr das alles sowas von schnuppe. Sie wollte eigentlich nur bei den Oscars abräumen, aber die wurden erst 1929 erfunden.) Und selbst wenn man recherchieren hätte können, in welchen Kinos der großen, weiten Welt noch eine Rolle Nosferatu im Projektor summte, so waren nicht alle Staaten der Berner Übereinkunft, einem völkerrechtlichen Vertrag zur internationalen Anerkennung von Urheberrechten, beigetreten. Es gibt viele Länder auf der Welt, die das noch immer ziemlich locker sehen. – Und so wurde der Film, entgegen der gerichtlichen Anordnung, zu einem Untoten.

Aber jetzt genug des juristischen Exkurses. Ihr seid ja hier wegen der Vampire.

Ich glaube, ich habe nicht nur aus ästhetischen und nervlichen Gründen etwas gegen Dracula und Konsorten, sondern auch, weil ich ein Jahr in Rumänien gelebt habe. In Transsilvanien. Da habe ich sehr schnell gemerkt, wie nervig es ist, wenn Besucher oder Freunde in aller Welt ständig mit lahmen Vampirwitzen aus dem Sarg klappen. Echt, Leute, das ist nicht kreativ! (Ich will mir gar nicht vorstellen, was sich die Menschen auf den Jungfern- und den Sandwich-Inseln für lahme Scherze anhören müssen.)

Diese „Witze“ sind besonders nervig, weil der Mythos des gefährlichen Transsilvaniens in den dunklen Karpaten von Bram Stoker geschaffen wurde, der nie in Rumänien war, sondern im Vereinigten Königreich von Großbritannien und Irland lebte. Irland war zu Stokers Lebzeiten noch nicht unabhängig. Das passierte erst 1921/1922, also mithin genau im aktuellen Brennpunkt dieser kleinen Geschichtsreihe. Aufgrund der für mich unüberschaubaren Komplexität des irischen Freiheitskampfes habe ich das Thema bisher jedoch gescheut. Wenn jemand von Euch sich dazu berufen fühlt, Hände hoch! (Ich müsste mir die grüne Insel ja auch erst einmal selbst ansehen. Denn mir fällt gerade schmerzhaft auf, dass ich noch nie dort war. Und ich will ja nicht so einen Stuss schreiben wie dieser Stoker.)

In Nosferatu sagt Hutter „Ich reise weit fort in das Land der Diebe und Gespenster“ und bedient damit die noch immer gängigen Klischees gegenüber Osteuropa. Dass es gefährlich und arm und wild sei. Die typischen antislawischen Vorurteile eben, in deren Tradition auch die Ausbeutung osteuropäischer Arbeiter steht.

Dabei ist Rumänien nicht einmal ein slawisches Land, sondern der legitime Nachfolger Roms.

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Der Roman Dracula erschien in Rumänien übrigens erst 1990, also fast hundert Jahre nach der Erstveröffentlichung. Die absurde Geschichte, dass es dort Vampire gäbe, war in Rumänien gar nicht bekannt. Ab den 1960er Jahren öffnete sich Rumänien für den westlichen Tourismus, und plötzlich kamen da Literaturtouristen mit Knoblauch und Kruzifix im Gepäck, auf der Suche nach Schloss Dracula.

Zuerst wussten die Rumänen nicht, was die doofen Westler wollten. Dann erklärten sie ganz geduldig und immer wieder, dass es kein Dracula-Schloss gäbe, weil Dracula eine fiktive Figur sei. Nein, es gäbe hier keine Vampire. Ja, man habe fließendes Wasser und Elektrizität. Nein, niemand tränke Blut. Ja, die Kinder gingen zur Schule. Nein, der Friedhof auf dem Hügel stamme aus dem Zweiten Weltkrieg.

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Nur ein Rumäne dachte größer, weiter, schneller: Alexandru Misiuga. Als mal wieder drei Amerikaner vor ihm standen und das Dracula-Schloss suchten, ließ er sich die Geschichte erzählen. Jonathan Harker, die Romanfigur in Dracula, besucht im Buch Bistritz und fährt dann über den Borgo-Pass zum Schloss des Grafen Dracula.

Misiuga war Direktor des Tourismusamtes in Bistritz und dachte sich: „Da mach ich was draus!“ Er beantragte beim Tourismusminister die Genehmigung für den Bau eines Hotels am Borgo-Pass. Dabei musste er jedoch Dracula verschweigen, denn das Buch war in Rumänien verboten. Also erfand er Geschichten von Skitourismus und solchen Sachen und bekam schließlich die Genehmigung. Natürlich kamen die Touristen wegen Dracula.

Allerdings fahren heute die meisten Dracula-(Be)sucher nach Bran. Dort steht eine Burg, die absolut null und nichts mit Dracula zu tun hat. Wie sollte sie auch? Schließlich gab es keinen Dracula. Aber diese Burg ähnelt derjenigen, die Bram Stoker in seinem Buch beschrieben hat. Mittlerweile hat die Burg aufgegeben, sich dagegen zu wehren, vermarktet sich selbst als Dracula-Burg und verkauft Dracula-Tassen, -Mützen, -Mousepads und all den Schrott, vor dem Nosferatu uns warnen wollte.

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Als ich in Rumänien wohnte, erzählte eine Freundin von den „Strigoi“, also Untoten. Das sind aber keine Vampire. Sie beißen niemanden, sie trinken kein Blut, sie stehen nur aus dem Grab auf und machen ein bisschen Unfug oder nehmen Rache an jemandem, der ihnen geschadet hat. Deshalb öffnet man einen Mondzyklus nach der Beerdigung nachts das Grab und hackt der Leiche sicherheitshalber den Kopf ab. Oder treibt einen Pfahl ins Herz. Oder schneidet das Herz heraus und verbrennt es. Wenn ich wolle, könne sie sich umhören, und vielleicht könnten wir da mal zusehen.

Ich lehnte dankend ab.

Denn was ich gelernt habe aus Nosferatu: Wenn dich eine Frau bis zum Morgengrauen wach halten will, dann kannst du ihr nicht trauen.

Und was Ihr gelernt habt: Wie man über einen Film schreibt, den anzusehen man sich nicht traut.

Links:

  • Alle Folgen aus der Reihe „Vor hundert Jahren …“.
  • Mehr Geschichte.
  • Mehr Kino.
  • Und weitere Berichte aus dem Dracula-geplagten Rumänien.
  • Wenn Ihr dieses Mal wieder etwas dazugelernt habt, freue ich mich über Eure Unterstützung für diesen Blog. Vielleicht kann ich dann zum ersten Mal seit zwanzig Jahren meine Brille updaten.
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Ein Spaziergang durch Odessa

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Normalerweise schreibe ich über Städte, um Euch zu motivieren, diese selbst zu besuchen. Im Falle von Odessa, der ukrainischen Hafenstadt am Schwarzen Meer, die, wie Ihr sehen werdet, so viel mehr ist als eine Hafenstadt, kommt das vielleicht zu spät. Womöglich wird Odessa das nächste Ziel russischer Raketen und Bomben.

Ich war im Januar 2020 in Odessa, nach meiner Zeit in Kiew und einem Zwischenstopp in Uman. Der Bericht beruht weitestgehend auf Tagebuchnotizen, die ich damals vor Ort gemacht habe, und vermittelt deshalb das Bild von damals. Nur ganz vereinzelt werde ich aktuelle Bezüge aus dem Krieg von 2022 einstreuen, denn es soll ein persönlicher, subjektiver Bericht bleiben. Die Erinnerung an eine Stadt, in der so viel mehr zerstört werden wird als Gebäude, Katzen und Menschenleben.

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Manche Menschen sehen Fotos von einer Inka-Ruine, von einem Eiffelturm oder von einem Matterhorn und wissen: „Da muss ich hin!“

Mein Gehirn funktioniert eher sprachlich als visuell, und so sind es die Namen von Städten, die mich – ohne sonst irgendetwas über die Orte zu wissen – zum Träumen bringen: Timbuktu. Samarkand. Damaskus. Jerusalem. Buxtehude. Und eben Odessa.

Man kann es beim Träumen belassen, dann werden die Illusionen und das Weltklima nicht zerstört. Aber wenn ich schon in der Ukraine bin, dann kann ich Odessa nicht einfach links liegen lassen, egal wie weit es geographisch vom Schuss liegt. (Eine Formulierung, mit der ich auf den Krieg in der Ostukraine anspielte, und wahrscheinlich schon damals nicht lustig.)

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Wer in Odessa mit dem Zug ankommt, wird stilvoll empfangen: Jeder Fernzug wird mit aus allen Lautsprechern plärrender klassischer Musik begrüßt. Es gibt nichts besseres, als mit Tschaikowsky aufzuwachen, wenn man schlaftrunken aus dem Schlafwagen torkelt und in einer neuen Stadt aufschlägt, von der man, wenn man ehrlich ist, noch gar nichts weiß.

Die zweite Überraschung ist der Schriftzug am imposanten Bahnhofsgebäude: „Willkommen in Odessa, der Heldenstadt!“ Eine von Stalin im Zweiten Weltkrieg verliehene Ehrung (mehr dazu in Kapitel 47), darunter der Lenin-Orden, darüber die ukrainische Flagge. Am Portal sind die Jahreszahlen 1905, 1917 und 1944 angebracht, für die Russische Revolution, die Oktoberrevolution und die Befreiung Odessas durch die Rote Armee.

Im Bahnhofsrestaurant, das den Charme der 1960er Jahre versprüht, sehen einem Rotarmisten zwischen Hammer und Sichel zu, während man mit Messer und Gabel einen Rotkohlsalat vertilgt.

Das passt alles nicht zu der russischen Propaganda, die Ukraine sei ein Land von Nazis und Faschisten. Es zeigt aber auch die ukrainische Ambivalenz zur Sowjetunion. Und es verwirrt westliche Leser, die selten einen Unterschied zwischen der Sowjetunion und Russland machen und ganz erstaunt sind, dass es östlich von Polen so viele verschiedene Staaten, Völker, Kulturen, Sprachen und Geschichten gibt.

Die Verwirrung wird im Folgenden nicht geringer werden, fürchte ich. Aber wer gerne seine Vorurteile über Bord wirft, der möge mir folgen auf diesem Spaziergang durch Odessa.

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Es ist der 13. Januar, aber in dem Keller, der für eine Woche meine Wohnung sein wird, brennen noch die elektrischen Kerzen am Weihnachtsbaum.

„Nach dem alten Kalender ist heute Neujahr„, erklärt Vadim, übrigens in sehr gutem Deutsch, das er erlernt hat, ohne je in Deutschland gewesen zu sein. Eigentlich vermietet seine Frau die Ferienwohnung, aber wenn er sieht, dass ein Gast aus Deutschland kommt, dann will er seine Sprachkenntnisse wieder praktizieren.

„Es ist gut, dass du eine ganze Woche in Odessa bleibst. So viel Zeit braucht man schon für die Stadt.“ Außerdem seien die Preise für den Keller jetzt in eben jenem, während sie sich im Sommer vervierfachen. Die Ukraine ist nach dem Ende der Sowjetunion anscheinend in die Fänge einer grausamen Marktwirtschaft geraten.

Ich frage Vadim, ob er für Sommer schon ausgebucht sei. „Es läuft gut“, sagt er diplomatisch und erklärt ganz unpatriotisch: „Früher fuhren die Leute im Sommer auf die Krim. Doch seit der Annexion durch Russland geht das nicht mehr. Also kommen sie nach Odessa.“

Kiew ist weit weg, Moskau noch weiter.

Ob hier der Rubel oder die Hrywna rollt, das ist den Geschäftstüchtigen egal.

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Überall wird gebaut, gesägt und gehämmert. Weit draußen vor der Altstadt werden hässliche Hotels hochgezogen. In der Altstadt wird liebevoll restauriert. Das Trambahnnetz wird erweitert.

Dieses Gebäude gegenüber der Verklärungskathedrale war vor fünf Monaten noch verfallen, sagen mir die Leute.

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Die Kathedrale selbst musste auch ein bisschen renoviert werden. Sie war 1936 auf Befehl Stalins gesprengt worden.

Aber davon sieht man jetzt nichts mehr.

Der Soborna-Platz mit der Verklärungskathedrale liegt gleich um die Ecke meiner Kellerwohnung, so dass ich hier zu jeder Tages- und Nachtzeit vorbeikomme. Selbst bei Temperaturen um die null Grad spielen die Männer Schach.

Den Park, in dem die Frauen Schach spielen, habe ich noch nicht entdeckt.

Aber vielleicht finden die Frauen hier das Schachspiel einfach zu unweiblich. Ukrainische Frauen, zumindest die jungen, unverheirateten, halten viele Aktivitäten für unweiblich: Türen öffnen, einen Fahrschein kaufen, Cola-Dosen öffnen, sich beim Bedienungspersonal bedanken und – ein absolutes Tabu – Restaurantrechnungen bezahlen.

Echt, viele Frauen hier haben so einen Prinzessinnenkomplex, dass man ihnen nur das Schicksal der Romanows wünschen kann. Normal sind hier allenfalls diejenigen, die in der Sowjetunion sozialisiert wurden, als Frauen noch Traktoristinnen, Kosmonautinnen und Chemikerinnen sein durften.

Überhaupt ist Sozialismus gesünder für Frauen als Kapitalismus, wo sie halt immer zur Ware werden. Auch in Odessa.

Aber genug der Gesellschaftskritik, Ihr wollt etwas von der Stadt sehen.

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Leute, die noch nicht in Odessa waren, fragen immer, ob die Stadt eher ukrainisch oder eher russisch geprägt sei. Bei meinem ersten ziellosen Spaziergang formt sich langsam die Antwort auf diese Frage: Weder noch.

Die Oper ist österreichisch und spielt Iolanta auf Russisch, Il Barbiere di Siviglia auf Italienisch und Carmen auf Französisch.

Die Mendelevich-Passage gegenüber dem Soborna-Platz könnte so in Mailand oder in Florenz stehen.

Die Paläste sehen aus wie in Venedig, Bukarest oder Paris.

Gegründet wurde die Stadt unter der deutsch-russischen Kaiserin Katharina II., der erste Gouverneur war ein Spanier mit irischen Wurzeln, der zweite ein Franzose. Der Hafen blickt nach Constanța und Konstantinopel.

Odessa, so weit aus dem Blickfeld der meisten Europäer, ist eine durch und durch europäische Stadt. „Wien, wie es nie war, aber am Meer“, nennt es der Fotograf David Staretz in einem aktuellen Bildband über diese wahrhaft bildbandwürdige Stadt.

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Auf dieser Reise ist etwas Schlimmes passiert. Ich habe noch mindestens eine Woche vor mir, aber alle Bücher sind bereits ausgelesen und verschenkt, zuletzt ein erhellendes Buch über die ukrainische Geschichte von Serhii Plokhy, The Gates of Europe. Jetzt ist der Rucksack leichter, aber das Gehirn lechzt nach Lesestoff.

Als ich aus dem Bahnhof trete, erkenne ich das Titelbild: die örtliche Filiale der staatlichen Eisenbahn und die Kathedrale für den Großmärtyrer und Nothelfer Panteleimon.

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Odessa ist keine alte Stadt, das erkennt man am schachbrettartigen Stadtplan, der offensichtlich von New York raubkopiert wurde.

Erst 1794 wurde die Stadt gegründet, aber spätestens 1815, als man hier den Duty-Free-Hafen erfand, begann der Boom. Aus ganz Europa kamen die Menschen, um hier zu arbeiten, um Geschäfte zu machen, um neu anzufangen, um sich freier zu fühlen, um Pogromen zu entkommen, um zur See zu fahren oder um sich vor Pinkerton oder Hercule Poirot zu verstecken.

Kiew ist weit weg, Moskau noch weiter.

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In der Sjerova-Straße sitzt der Krankenwagenfahrer, dessen Uniform ihn eher wie einen Mechaniker aussehen lässt, auf dem Bordstein und raucht eine Zigarette. Entweder er wartet auf die Sanitäter mit Trage, oder der Krankenwagen ist kaputt.

Bei vielen Autos frage ich mich, ob die noch einmal fahren werden.

Oder ob sie im Diukivsky-Park als Grill enden.

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Der Diukivsky-Park ist eigentlich nicht weit vom Zentrum. Wenn man vom Busbahnhof in die falsche Richtung geht, ist man schon da. Und auch mit der Tram, Linie 12 oder 15, kommt man leicht hin.

Ein junges Mädchen macht Fotos von ihrer hübschen Freundin in gelb-ockerfarbenem Pullover und in Model-Pose. Ob ich mit meinem Notizbuch und der Zigarre absichtlich den Hintergrund dafür bilde oder ob sie mich gar nicht bemerken, bleibt unklar. Ein paar einsame Kinderwägen werden hin- und hergeschoben. Aber ansonsten ist nicht viel los hier.

Dabei wäre so viel geboten: Ein Wasserschloss, eine Kartbahn, ein Theater und, direkt neben dem See für Familienausflüge, das Hauptquartier des Rockerclubs Bandidos. Vielleicht trauen sich derentwegen nicht zu viele Leute in den Park. Dabei sitzen die wirklichen Banditen in Odessa anderswo, aber mehr dazu in Kapitel 16.

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Der Bauboom erklärt, warum ich auf dem Starokonny-Markt nicht, wie erhofft, „Die weiße Garde“ oder „Das hündische Herz“ von Michail Bulgakow finde, sondern nur Bohrmaschinen, Sägeblätter, Gummistiefel, Teppichkleber, Schleifpapier, Fliesen, aber auch Kanarienvögel und Nachtsichtgeräte.

Hier gibt es fast alles, aber nichts, was ich brauche.

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Auf dem Sofiyivska-Boulevard kommen mir vier Studenten der Marineakademie entgegen, in viel zu langen und weiten schwarzen Mänteln mit goldenen Knöpfen, mit großen schwarzen Pelzmützen. Wie Kinder, die die Uniformen ihrer Väter ausführen, sehen sie aus. Wie Kinder, die Krieg spielen, würde man anderswo sagen. Aber hier ist Krieg.

Und da fällt mir endlich ein, woher ich Odessa kenne, ohne je hier gewesen zu sein: „Panzerkreuzer Potemkin“, ein Stummfilm von 1925 und aus irgendwelchen Gründen ein Filmklassiker, spielt hier und wurde hier gedreht. Wie gut, dass ich den Film noch nicht gesehen habe, denke ich mir und suche ein Kino.

Die Kinos, bei denen ich vorbeikomme, zeigen allerdings nur Star Wars IX, Jumanji und Cats. Nichts mit Schiffen. Dann muss ich ihn eben auf YouTube gucken. Die Sowjetunion wird es mit der Durchsetzung des Urheberrechts schon nicht so eng sehen, wenn man sich einmal einen alten Revolutionsschinken ansieht.

Ich gehe zurück zu meiner Wohnung, zu der man durch einen langen Torbogen, quer durch einen Innenhof, über einen kleinen Gartenzaun und die Treppe hinab in den Keller gelangt. Das ist so eine Wohnung, die in Friedenszeiten niemand haben will, die aber in Kriegs- oder Revolutionszeiten wegen ihrer versteckten und geschützten Lage Leben retten kann. Ob wir gerade Krieg oder Frieden haben, ist schwer zu sagen. „Eingefrorener Konflikt“ nennen die Politikwissenschaftler so etwas wie derzeit im Donbass, aber dafür fallen dann doch ein bisschen viele Schüsse. Andererseits, in Odessa ist ganz normales Leben.

Wer jedenfalls einfriert, das bin ich. Als Vadim mir die Wohnung gezeigt hatte, dachte ich, er hätte aus Versehen den Herd angelassen. Jetzt merke ich, dass er nur dadurch den Anschein erwecken konnte, man könne hier im Januar überleben. Wasserkocher, Tee und Tütensuppen werden schnell zu meinen besten Freunden.

Und das warme Bett, in dem ich mich am Abend durch 72 Minuten potemkinsches Panzerschiff quäle.

Ich glaube, der Film ist nur deshalb so berühmt, weil die Szene des Massakers auf der Treppe – und insbesondere der davon unbewegt herabrollende Kinderwagen – dutzendfach kopiert wurde.

Auf jeden Fall weiß ich jetzt: Diese Treppe muss ich finden!

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Aber erst einmal treffe ich Yaniv.

Wir hatten uns kennengelernt, als wir beide in Târgu Mureș in Rumänien lebten. Angeblich studiert er jetzt in Odessa Medizin, aber ich habe den Eindruck, er beschäftigt sich mehr mit Kulinarik. Während wir durch die Stadt gehen, kann er zu jedem Restaurant, jeder Bar und jedem Dönerstand einen Kommentar abgeben: „Hier gibt’s die besten Burger, aber leider ein bisschen teuer. Das gönne ich mir nur zu meinem Geburtstag.“

„Wo wohnst du?“ fragt er mich.

„In der Dvorianska.“

„Welche Nummer?“

„Sieben.“

„Oh, da ist direkt gegenüber das ‚Merry Berry‘. Die haben fantastischen Frappuccino mit Erdbeerschaum und Oreos.“

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Da, ist das die berühmte Potemkinsche Treppe? Sogar mit einer Flasche Odessa-Schaumwein für den ehrlichen Finder.

Sie ist es nicht, muss ich geknickt zugeben.

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Im „Molodost“ trinken wir Bier aus Einweckgläsern. Kein Tippfehler, ich meine wirklich Einweck, nicht Einweg. Das kommt davon, wenn die Oma jedes Gurkenglas aufhebt, „weil man nie weiß, wann man das mal brauchen kann“. Irgendwann ist der Keller voll, und der Enkel muss eine Bar aufmachen.

Wie so oft, vergesse ich meinen Schal in der Kneipe. Ach, was ich weltweit schon an Schals, Mützen und Handschuhen vergessen habe, damit könnte man ein ganzes Bataillon ausrüsten. Ich kaufe mir solche nervigen Kleidungsstücke gar nicht mehr, weil sie nach einer Woche eh weg sind.

Jedenfalls merke ich es erst nach einer Stunde Spaziergang durch die abendliche Stadt. Weil das Molodost nicht weit von meiner Wohnung liegt, schaue ich noch vorbei. Die Kneipe ist jetzt rappelvoll, aber mein Schal liegt auf dem Tisch. Jemand hat ihn hübsch zusammengefaltet.

Scheint eine ehrliche Stadt zu sein.

Das fällt mir in den nächsten Tagen auch immer auf, wenn ich die Straßenbahn nehme. Man zahlt hier nicht beim Einsteigen, sondern beim Aussteigen. Natürlich könnte man auch einfach hinten aussteigen oder hoffen, dass der Fahrer im Passagiergewimmel nichts mitbekommt. Aber warum unehrlich sein, wenn die Fahrt 5 Hrywna kostet? Das sind etwa 15 Cent.

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Sogar die Hunde sind hier ehrlich. Dieser hat ein Portemonnaie gefunden und trägt es zum Fundamt.

Weil das Fundbüro im Rathaus ist, kann es allerdings passieren, dass die Geldbörse dort „verloren geht“. Denn der Bürgermeister, Gennadi Truchanow, sitzt gerade wegen millionenschweren Betrugs, Geldwäsche, Untreue, Amtsmissbrauch in Untersuchungshaft. Aber er bleibt natürlich Bürgermeister.

Praktisch so wie Joachim Wolbergs in Regensburg.

Und plötzlich erklärt sich mir eine Wandmalerei, die ich links von der Sankt-Pauls-Kirche gesehen habe und die eine Städtepartnerschaft zwischen den beiden Ganoven(städten) besiegelt.

Die Sache ist übrigens noch viel dubioser als gedacht, und diese Enthüllung gibt es hier und jetzt exklusiv auf diesem Blog. Seht selbst: Das eine ist der korrupte Bürgermeister von Odessa, das andere ist der korrupte Bürgermeister von Regensburg. Gennadi Truchanow und Joachim Wolbergs.

Na, fällt Euch etwas auf?

Genau: Das ist ein und derselbe! Dieser Typ ist so dreist, er regiert nicht nur gleichzeitig in zwei Städten in zwei Ländern als Bürgermeister. Er betrügt, stiehlt und plündert nicht nur in zwei Städten in zwei Ländern. Nein, er hat auch noch eine Städtepartnerschaft initiiert, um zwischen Regensburg und Odessa auf Steuerzahlerkosten hin- und herzufliegen.

Falls Ihr jetzt denkt „Das gibt’s doch nicht!“, dann sucht mal nach einem Foto, das die beiden zusammen zeigt. Das gibt es nämlich wirklich nicht. Und das ist für die Bürgermeister zweier Partnerstädte schon äußerst suspekt, oder?

Übrigens müsst Ihr Euch um den Herren keine Sorgen machen: Als Wolbergs wurde er nur zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Und als Truchanow kam er im Oktober 2021 auf freien Fuß, weil jemand eine Kaution von einer Millionen Euro für ihn hinterlegte. Und zwar ein Parlamentsabgeordneter, der im Privatberuf Milliardär ist. So etwas ist in der Ukraine normal, wie man aus Andrej Kurkows Roman „Pinguine frieren nicht“ kennt. Absolut empfehlenswert, aber lest zuerst „Picknick auf dem Eis“.

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Die Geschichte der beiden Gauner, die vielleicht nur ein Gauner sind, könnte aus der Feder der zwei größten Schriftsteller Odessas stammen, die vielleicht nur ein Schriftsteller waren: Ilja Ilf und Jewgeni Petrow, die immer zusammen als Ilf und Petrow schrieben und veröffentlichten. Wie das gehen soll, kann sich niemand vorstellen, aber das Ergebnis überzeugt.

Wie jede Stadt, so hat auch Odessa eine Reihe von Denkmälern für Generäle, Bürgermeister, Entdecker und Schriftsteller. Aber das beliebteste ist ein Denkmal für einen Roman: „Zwölf Stühle“ von dem dubiosen Duo Ilf und Petrow.

Es ist eine Gaunerkomödie über einen versteckten Juwelenschatz, um den sich der rechtmäßige Erbe, ein raffgieriger Priester (wie wenn es auch andere Priester gäbe) und der gewitzte und charmante Ganove Ostap Bender eine ereignisreiche Jagd liefern. Eines der lustigsten Bücher der sowjetischen Literatur!

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An anderer Stelle gibt es Denkmale für die Elektrizität sowie für Elektriker. Wahrscheinlich spielen sie auf die Oper „Die Elektrifizierung der Sowjetunion“ an.

Ich bin kein Freund von Opern. Aber wenn es unbedingt sein muss, Gesang, Musik und Herumhüpfen zu vermengen, dann wünsche ich mir so lebensnahe Themen wie die Elektrifizierung des Landes, den Bau des Stalin-Weißmeer-Ostsee-Kanals oder die Mechanisierung der Landwirtschaft.

Ist das noch Verismus oder schon Proletkult?

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Dummkunst sind jedenfalls diese Bänke in Buchform im Taras-Schewtschenko-Park.

Klar, das sieht witzig und kreativ aus. Aber man kann auf diesen blöden Bänken einfach nicht angenehm sitzen, geschweige denn schlafen. Das ist so eine Schnapsidee von Leuten, die selbst kein einziges Mal stundenlang lesend auf einer Parkbank saßen.

Und viel wichtiger wäre eine Buchhandlung, verdammt nochmal.

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Als Yaniv und ich beim Cooper Burger vorbeigehen, sagt er: „Hier gibt es montags zwei Burger für den Preis von einem. Und gut sind sie auch.“

Ich: „Heute ist Montag.“

Wir stellen unverzüglich fest, dass wir beide Riesenhunger haben, und die Entscheidung ist gefallen.

Es tut gut, sich mit jemandem zu treffen, der auch ein sparsamer Student ist, anstatt ständig Empfehlungen für die teuersten Restaurants vorgesetzt zu bekommen, weil in der Ukraine der Irrglaube vorherrscht, alle Westeuropäer seien reich.

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Ach ja, Ihr wollt das Meer sehen, oder?

Schließlich kommen die meisten Besucher deshalb nach Odessa. Ich selbst bin nicht so ein Wasser-Freund, aber dann gehe ich für Euch, hochverehrte Leserschaft, halt mal an den Strand.

Zwei Jahre später werden am selben Strand Sandsäcke gefüllt, um die Stadt vor russischen Bomben, Granaten und Raketen zu schützen.

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Da, ist das die berühmte Potemkinsche Treppe?

Stolz über die Entdeckung schreite ich sie hinauf, hinab, hinauf, bis mir ein- und auffällt, dass die echte Potemkinsche Treppe nicht so weit außerhalb, sondern mitten in der Stadt liegen sollte.

Nun gut, ich werde weitersuchen.

Aber erst einmal eine Pause. Ich versuche, eine Katze vom Baum herunter zu locken, aber anscheinend habe ich die ukrainischen Wörter für Katze („kitty“) und Hund („chewbacca“) verwechselt, denn statt ersterem kommt letzteres. Der sieht aber auch so aus, wie wenn er das Mittagsmahl dringender nötig hätte.

Na gut, ausnahmsweise teile ich auch mal mit einem Hund.

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Ist Euch aufgefallen, dass die Katzen in Odessa allesamt sehr wohlgenährt aussehen?

Entweder es liegt am Hafen, wo immer Fisch abfällt. Oder die Leute hier sind einfach nett und stellen die Reste ihres Abendessens in den Hof.

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Die Tierliebe zeigt sich auch an der Infrastruktur: Größere Parks haben Veterinärsstationen, wo man seine Tiere zur Inspektion oder Reparatur hinbringen kann bzw. wo diese, wenn sie selbständig genug sind, von sich aus und ohne Anmeldung vorbeikommen können.

Hier werden sogar Pinguine behandelt.

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Nicht zu verwechseln mit dem Veterinär ist der Veteran, der nicht weit davon erschöpft und nachdenklich im Park sitzt. Den Jahreszahlen entnehme ich, dass er in Afghanistan war.

Und jetzt hat ihn der Krieg im eigenen Land eingeholt.

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Weiter südlich werden Wetter und Wellen rauher und tosender. Am Morgen hätte man vergessen können, dass Januar ist, aber jetzt peitscht einem der Wind knallhart den Kalender ins Gedächtnis.

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Die Kirchen in Odessa sind eher klein, unauffällig, fast versteckt. Wie Reihenhäuser zwischen den viel prächtigeren Hotels, Banken und Handelskontoren.

Odessa scheint mir viel weniger religiös als zum Beispiel Kiew.

Oder vielleicht sollte ich sagen: weniger christlich. Denn Odessa war immer auch eine jüdische Stadt. Die drittgrößte jüdische Gemeinde der Welt, nach New York und Warschau. Mehr als 40 Synagogen. Die meistgesprochene Sprache in Odessa war Jiddisch.

Bis die Nazis und ihre rumänischen Kumpanen kamen. Wobei, das sollte nicht verschwiegen werden, auch Ukrainer mit den Nazis kollaborierten. Was manche Ukrainer, auch wenn das Land insgesamt diese Episode am liebsten totschweigen würde, immer noch so richtig dufte finden.

Viele ehemalige Synagogen verfallen.

In den wenigen noch aktiven sind die Nachwuchssorgen so groß, dass sie jüdischen Studenten für den Besuch von Vorträgen sogar Geld anbieten: 100 Hrywna für einen langweiligen Vortrag über Levitikus.

Yaniv hat es einmal ausprobiert, aber „die Stimmung dort war mir zu Gestapo-mäßig. Die haben sich aufgeregt, weil ich mich nebenbei am Handy auf Wikipedia weitergebildet habe.“ Er ist Experte für schiefe historische Vergleiche.

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Am Morgen weckt das Hafenradio die Stadt. Aus den Lautsprechern schmalzt Leonid Ossipowitsch Utjossow, der als Odessit natürlich Odessa besingt.

Aber neben einigen Busfahrern und Straßenkehrern scheine ich der einzige zu sein, der sich so früh aufwecken lässt. Überhaupt hat Odessa einen anderen Rhythmus. Wenn man sich hier mit Menschen zum Frühstück verabredet, dann fragen sie: „Also um halb eins oder um ein Uhr?“ Wenn ich 9 oder 10 Uhr vorschlage, höre ich immer, das sei viel zu früh.

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So ist auch das Museum für Moderne Kunst um 12 Uhr noch geschlossen. Man könnte sich die Zeit mit einem geopolitischen Basketballspiel vertreiben, aber ich komme stattdessen mit zwei Frauen ins Gespräch, die ebenfalls auf Einlass warten. Alexandra ist Juristin, Psychotherapeutin, Lektorin, Dozentin, attraktiv und intelligent. Anna eher weniger.

Als das Museum endlich die Tore öffnet, erspähen wir in einem Raum ein Künstlerpaar, das gerade unwillig vom Nachtlager aufsteht, und wir riechen die ungewaschenen Socken. Naja, wahrscheinlich Flüchtlinge aus der Ostukraine, da muss man tolerant sein.

Eine Ausstellung feiert Wolodymyr Strelnikow, einen Maler aus Odessa, der seit seiner Verbannung 1978 in München lebt.

Und ansonsten Objekte und Ideen, die man in einem Museum für Moderne Kunst eben so findet: Aus mechanischen Teilen gefertigte Kunstwerke, zu denen im Hintergrund die Arbeitsgeräusche einer Werft erklingen. Das Video eines gut gelaunten Pyjamabären, der einen chassidischen Tanz aufführt. Und eine Menge Bilder und Installationen, die sich von selbst erklären. Oder?

Wer, wie ich, mehr mit klassischer Malerei anfangen kann, der freue sich auf den Besuch im Museum der Schönen Künste im ehemaligen Palast von Graf Pototsky bzw. in Kapitel 50.

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Alexandra und Anna wollen in eine Shisha-Bar gehen und Wasserpfeife rauchen. Das ist eigentlich nicht so mein Ding, aber man muss ja irgendwie mit der lokalen Bevölkerung in Kontakt kommen. Sonst dreht sich dieser Blog nur um mich.

Das Gespräch mit den beiden verläuft allerdings ziemlich schleppend, denn sie sind unentwegt am Handy. An die Shisha-Bar ist das Tätowierungsstudio Black Brush angeschlossen. Die Jungs dort lassen sich wahrscheinlich alle aus Langeweile tätowieren, weil ihre Freundinnen nur in Telefone starren. Sie scrollen sich online durch die Läden von TK Maxx und Zalando und erzählen von Shopping-Touren in Krakau und Italien. Dabei sollte Alexandra, die Psychotherapeutin, eigentlich um die Gefahren von Internet-, Handy- und Shoppingsucht wissen.

Am Abend wollen sie zu einem Vortrag von einem Finanzgenie, der ihnen erklären wird, wie man weniger arbeiten und mehr verdienen kann. Ich biete an, aus meinem eigenen Leben zu erzählen, wie man mit relativ wenig Arbeit um die Welt reisen kann. Aber der Schlüssel zum Erfolg sei natürlich, weniger auszugeben.

Ich gehe in der Ukraine z.B. zu Humana, wo die Kleidung verkauft wird, die Überflussmenschen in Deutschland in den Container werfen. Man sucht sich aus, was einem passt, Hose, Hemd, Pullover, Winterjacke, und an der Kasse wird alles zusammen gewogen und mit einem Kilopreis multipliziert. So einfach, wie wenn man Kohlen oder Brennholz kauft. Ich kann mich nicht mehr an den Kilopreis erinnern, aber für ein paar Euro ist man frisch eingekleidet.

Sie sehen mich an, wie wenn ich dumm wäre, dabei haben sie für den Kurs am Abend je 50 Dollar bezahlt. Selbst Ostap Bender würde nicht so billige Scharlatanerie betreiben.

Später erzählt Anna ganz entsetzt von einem befreundeten Paar, das in ihrem Haus von Männern mit Maschinenpistolen überfallen wurde. Die im gleichen Haus lebende Oma habe sich so erschrocken, dass sie jetzt im Krankenhaus sei. Das laut Anna dramatischste an der Geschichte ist aber Folgendes: „Die beiden sind gar nicht reich! Das Haus, das Auto, die Kleider, der Schmuck, es war alles auf Kredit gekauft.“

Den Einbrechern könnten die Eigentumsverhältnisse an der Beute eigentlich egal sein, aber sie wollten Bargeld, das ebenfalls auf Kredit zu besorgen das Angeber-Paar vergessen hatte. Tja, das kommt von Materialismus und Oberflächlichkeit. Mit meinen löchrigen Schuhen und meinem alten Handy hat mich noch niemand ausgeraubt.

Ich fürchte nur, dass Anna die falsche Lehre aus der Geschichte ziehen wird.

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Als sie hören, dass ich aus Deutschland komme, erzählen sie von den Ortschaften Großliebental und Kleinliebental, nur ein paar Kilometer außerhalb der Stadt. Ganz in der Nähe gab es noch eine Menge deutscher Dörfer, da sollte ich eigentlich mal hinspazieren, auf den Spuren der Schwarzmeerdeutschen. Das werde ich machen, wenn ich Odessa ausreichend erkundet habe, sage ich.

„Ha,“ sagt Alexandra, „das schaffst du nie. Alleine für die Straßen hier in der Innenstadt brauchst du Tage. Lauf nicht einfach nur durch, sondern achte auf die Kacheln, die Fließen, die Balkone, die Treppen, die Zeichnungen, die Schnitzereien.“ Ein Bekannter von ihr bietet Architekturführungen an, dabei verbringt er drei Stunden in nur einer Straße.

Auf dem Rückweg werde ich merken, sie hatte Recht: Odessa ist eine Stadt der Details. Man muss wirklich überall genau hinsehen.

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Und genau hinhören.

Alexandra und Anna sprechen miteinander Russisch, nicht Ukrainisch. Aber sie sind Ukrainerinnen. „Natürlich“, rufen sie ganz entsetzt auf diese Frage, wie wenn sie noch nie im Leben daran gedacht hätten, Russinnen sein zu wollen.

Im Westen wird oft die Unterscheidung gemacht zwischen mehrheitlich ukrainischsprachigen und mehrheitlich russischsprachigen Städten in der Ukraine. In Wirklichkeit sprechen viele Menschen hier mehrere Sprachen (oder eine Mischform) und wechseln zwischen diesen je nach Anlass oder Gesprächspartner. Die Sprache ist kein Identitätsmarker, sondern ein Kommunikationsinstrument.

So wie ich oft auf Englisch schreibe, aber deshalb nicht will, dass Großbritannien mich annektiert. Oder wie Österreicher, Norditaliener, Ostbelgier, Schweizer, Liechtensteiner, Luxemburger, Siebenbürger, Mennoniten und manche Slowenen und Brasilianer Deutsch sprechen, aber deshalb nicht wollen, dass die deutsche Armee dort (wieder) einmarschiert.

Andererseits, vielleicht sind es gerade deutsche Großmachtsträume, die russische Propaganda bei uns auf fruchtbaren Boden fallen lassen. Die Wahrheit sieht anders aus. Beim Referendum für die Unabhängigkeit der Ukraine stimmten landesweit über 92% für die Unabhängigkeit. In Odessa waren es 85%, in Donezk und Luhansk 84%.

Für die Menschen in der Ukraine geht es sowieso nicht um eine Wahl zwischen zwei Staaten, sondern um den Unterschied zwischen Freiheit und Diktatur. Die Flüchtlinge aus der Ostukraine sind ja nicht deshalb geflohen, weil sie bei den Behörden jetzt Russisch sprechen müssen (was sie alle fließend beherrschen), sondern weil sie nicht bombardiert, ohne Gerichtsurteil eingesperrt und gefoltert werden wollen.

Außerdem fühlen sich junge Leute wie Alexandra und Anna als Europäerinnen, spätestens seit dem 11. Juni 2017. Beide haben das Datum noch genau im Kopf. Das ist der Tag, ab dem Ukrainer visumsfrei in die EU reisen konnten. Dank billiger Flüge sind sie in ein oder zwei Stunden in Athen, Riga, Warschau, Breslau, Mailand, Budapest, Rom oder Berlin. Sie interessieren sich viel mehr für Griechenland, Italien oder Deutschland als für Politik oder den Krieg im eigenen Land.

Kiew ist weit weg, Moskau noch weiter.

Noch viel weiter entfernt vom Wertekanon der jungen Frauen sind Männer, die nur ihre eigene Cola bezahlen, womit sichergestellt ist, dass ich den Rest des Tages allein verbringen kann. Das ist gut, denn auch mein Leben ist ein ständiger Kampf für Freiheit und Unabhängigkeit.

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Als ich zur Nationalen Bibliothek der Wissenschaften komme, sehe ich gerade noch jemanden, der mir die letzten Bücher weggeschnappt hat.

Ein Banner vor der Bibliothek weist auf eine digitale Kollektion „Schätze der Ukraine“ hin. – Zwei Jahre später werden Bibliotheken und Museen überall in der Ukraine fieberhaft digitalisieren, Gemälde in Kellern verstecken, Statuen mit Sandsäcken schützen. So wie das Denkmal für Graf Richelieu in Odessa.

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Falls jemand glaubt, Ukrainisch wäre leichter als Russisch: Vergesst es!

Auch Ukrainisch verfügt über sieben Fälle und unterscheidet bei der Flexion der Substantive nach Genus, Deklinationsklasse und, je nach harter, weicher oder gemischter Endung, zusätzlich nach Untergruppen der jeweiligen Deklinationsklassen. Mit Ausnahmen für den präpositiven Lokativ natürlich.

Und mit den Verben und Adjektiven will ich gar nicht erst anfangen.

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Davon zwar nicht überfordert, aber leicht genervt war Ludwig Zamenhof, ein Augenarzt, der von 1859 bis 1917 in Białystok und in Warschau lebte. Das ist jetzt in Polen, gehörte damals aber zum russischen Kaiserreich. Mit seiner Mutter sprach er Jiddisch, mit dem Vater Russisch, mit den Nachbarskindern Polnisch und Belarussisch. Sein Vater war Lehrer für Französisch und Deutsch, also schnappte Ludwig diese Sprachen en passant auf. Zudem lernte er in der Schule Latein, Griechisch, Englisch und Hebräisch. (Warum so jemand Augenarzt wird anstatt Auslandskorrespondent oder Geheimagent, das verstehe, wer will. Wahrscheinlich der Einfluss eines petit-bourgeoisen Elternhauses. Wie bei so vielen von uns, denen die Träume ausgeprügelt wurden.)

Jedenfalls entwickelte Ludwig Zamenhof die Plansprache Esperanto, damit alle Menschen der Welt Freunde werden können. Der ganz große Traum ist nicht in Erfüllung gegangen (ich vermute, weil Englisch ziemlich leicht zu erlernen ist und faktisch die Rolle der Weltsprache übernommen hat), aber bis zu 2 Millionen Menschen sprechen Esperanto.

Das fällt mir gerade ein, als ich einen Blick in den Innenhof der Deribasivska-Straße Nr. 3 werfe. Da steht nämlich zwischen den Wäscheleinen eine Statue des Friedens- und Sprachstifters.

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Es lohnt sich, bei offenem Tor hineinzuhuschen in diese Innen- und Hinterhöfe, wo sich ein anderes Odessa zeigt. Ein verborgenes, privates Odessa, wo die Zeit schon vor Jahrzehnten stehengeblieben zu sein scheint, wo Kinder in der Vergangenheit spielen können, wo man sein Auto noch selbst repariert, wo man mit Nachbarn teilt, wenn man gekocht hat, und wo Ostap Bender aus Kapitel 17 seine krummen Geschäfte abwickelt.

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Falls Euch Hinterhöfe nicht verborgen genug sind, bietet Odessa noch ein besseres Versteck: Katakomben. Und zwar richtig viele. Je nachdem, wen man fragt oder wo man nachliest, sind es 2000, 2500 oder 3000 km an unterirdischen Gängen.

Entstanden sind sie eher zufällig, weil man für den Bau der ganzen hübschen Häuser Muschelkalk abbaute, der dann eben Tunnels bis zu 60 Meter Tiefe und auf drei Ebenen hinterließ. Diese Katakomben waren praktisch für Schmuggler, als Abenteuerspielplatz, aber vor allem für sowjetische Partisanen im Zweiten Weltkrieg. Trotz der Einnahme der Stadt durch deutsche und rumänische Truppen konnten so einige Widerstandsgruppen den Kampf weiterführen.

Heute sterben hauptsächlich dumme Touristen in den Katakomben, weil sie sich verlaufen. Das kann mir nicht passieren, weil ich schon zu dumm bin, den Eingang zu finden.

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Das Museum für Westliche und Östliche Kunst in der Puschkin-Straße ist eines jener Museen, bei denen das Gebäude interessanter ist als die Ausstellung. Aber durchaus passend, die westliche und östliche Kunst in diesem Schmelztiegel von West- und Osteuropa aufeinandertreffen zu lassen.

Ob die Museumswärterin in der Ecke den Napoleon oder ob Napoleon die Angestellte bewacht, bleibt unklar. Aber es sieht so aus, wie wenn sie sich in den Jahrzehnten ihrer Arbeit schon so gut kennengelernt haben, dass sie nicht jeden Tag aufs Neue die weltpolitische Lage diskutieren müssen.

Museumswärterinnen in Osteuropa sind ein ganz eigener Typ. Jenseits der 55, mit selbstgestrickten Jacken und dicken Pullovern. An den Füßen gemütliche Pantoffeln. Wie zuhause im Wohnzimmer laufen sie durch die Paläste, die sie bewachen. Gebildet, oft Kunsthistorikerinnen, Literaturwissenschaftlerinnen, Orientalistinnen, Romanistinnen, Anglistinnen, die in der Sowjetunion hochgeschätzte Arbeit an Akademien, Instituten und Universitäten taten, aber für deren Fähigkeiten der Kapitalismus keine Verwendung mehr hat. Nie kommen ihnen so unfreundliche Sätze wie „Fotografieren verboten“ über die Lippen. Stattdessen blicken sie einen an, wie wenn sie sagen wollten: „Ach Junge, du bist so dünn. Willst du etwas Kartoffelsuppe?“

Nach der Ausstellung über die an die Ukraine retournierte Raubkunst komme ich zur noch nicht retournierten Raubkunst aus Japan, China und der Mongolei. Ach so, das West und Ost im Namen des Museums bezieht sich gar nicht nur auf Europa.

Wird echt Zeit, dass ich den Zug nach Asien nehme, um endlich diesen Eurozentrismus abzulegen.

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Eigentlich will ich noch ins Museum der Schönen Künste, aber Yaniv ruft an und sagt, dass wir unbedingt in die Esshalle gehen müssen, denn die würde morgen schließen.

In einer großen Halle, die irgendwie nach ehemaligen Schlachthof/Schwimmbad/Theater aussieht, gibt es auf zwei Stockwerken all das Essen, das es überall anders auch gibt: Pizza, Gyros, Burger, Hummus.

Warum die schließen, frage ich, denn es sieht beliebt und geschäftig aus.

„Die müssen renovieren“, deutet Yaniv zur Decke. „Danach soll hier ein neues Projekt reinkommen, aber niemand weiß etwas Genaues.“ Unkontrollierter Bauboom halt.

Aber die Pizza schmeckt stabil.

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Noch viel größer als die Esshalle ist der Privos-Markt. Mehrere Hallen, jede so groß wie ein Luftschiffhangar.

Eine Halle für Obst, eine für Gemüse, eine für Brot und Gebäck, eine für Käse. In der Fischhalle lebt die Ware noch, Fische, Krabben und Krebse buhlen japsend um Aufmerksamkeit.

Das Fleisch lebt nicht mehr. Zum Beweis schneidet die Verkäuferin Scheibe um Scheibe zum Probieren ab. Nachdem ich auch noch mit Frischkäse gefüllte Karotten und mit Auberginen umwickelten Käse probiert habe, bin ich schon satt, ohne etwas gekauft zu haben.

Hier gibt es Früchte, die ich nie vorher gesehen habe. Fische, die ich nie mehr sehen will. Aber keine Bücher.

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„Ach, Bücher suchst du?“ fragt Yaniv. „Die werden vor dem Gewerkschaftshaus verkauft.“

Das trifft sich, denn zu diesem tragischen Gewerkschaftshaus wollte ich sowieso. Allerdings habe ich schnell gemerkt, dass es, obwohl es direkt neben dem Bahnhof steht, gerne übersehen wird. Niemand erwähnt es von sich aus. Keiner will darüber reden. Und wenn, dann bleibt es vage und ungewiss. Es ist ein Tabuthema.

Wie wenn sich damals, am 2. Mai 2014, etwas entlud, von dem alle Überlebenden selbst schockiert waren. Wie ein Geist aus der Wodkaflasche, denn die Odessiten, egal ob ukraine- oder russlandfreundlich durch Nichtbeschwören, ja durch Ignorieren, zurück in die Flasche drängen wollen, um diese sodann ganz fest zuzukorken und ins Meer zu werfen.

Das Gewerkschaftshaus steht seither leer. Der große Platz davor, einst genutzt für Volksfeste und Paraden, ist verwaist. Ein Junge probiert sein Mofa aus.

Am Zaun hängen Blumen und Fotos für die 42 Todesopfer. Aber ganz klein, wie um nicht versehentlich ein Feuer zu entflammen, von dem alle hoffen, dass es nie mehr aufflammen wird. Keine Flaggen, keine nationalen Symbole, keine großen Parolen. Selbst der Weihnachtsbaum ist eher bescheiden.

Den Bücherflohmarkt gibt es hier tatsächlich. Bei Eiseskälte sitzen die Verkäuferinnen und Verkäufer im Park, um die literarische Grundversorgung der Stadt aufrecht zu halten. Allerdings nur auf Russisch und Ukrainisch. Die einzigen Bücher auf Englisch sind zwei Lehrbücher: „Englisch für Seeleute“.

42

Da fällt mir ein, dass ich Euch eigentlich mal den Hafen zeigen könnte. Ist ja kein unwesentlicher Bestandteil so einer Hafenstadt.

Wie beim Tourismus, so profitiert auch der Hafen von Odessa von der russischen Besatzung der Krim und der Ostukraine. Wenn alle anderen Häfen des Landes besetzt, blockiert oder gefährlich nahe an der Frontlinie sind, dann freut sich der einzig verbleibende freie Hafen über das wachsende Geschäft und hält sich aus der Politik raus.

Kiew ist weit weg, Moskau noch weiter.

Da ich leider nie selbst zur See fuhr, noch in einem Hafen arbeitete, weiß ich nicht, was ich über all die Kräne und Schiffe und Container erklären soll. Ich nehme an, hier wird Weltwirtschaft betrieben, hier wird Weizen ex- und Plastik importiert. Hier wird bestochen, geschmiert und geschmuggelt. Hier gibt es Abschiedsdramen und Wiedersehensfreuden. Ach, was wäre ein Hafen doch für eine Fundgrube an Geschichten, wenn man nur etwas Sinnvolles gelernt hätte und sich mit einem Gabelstaplerdiplom den Zugang zu dieser Welt erschleichen könnte.

Etwas mehr kann ich Euch sagen über das Segelschiff: Es ist die Druschba (Freundschaft), ein Segelschulschiff der ukrainischen Marine. Also so etwas wie die Gorch Fock und genauso oft wie diese reparaturbedürftig und deshalb sinnlos im Hafen herumliegend.

Das Schiff im Vordergrund mit dem amtlichen Kennzeichen F130 ist die Fregatte Hetman Sahaidatschnyj, das Flaggschiff der ukrainischen Marine. Im März 2022 wird es anlässlich des russischen Überfalls auf die Ukraine im Hafen von Mykolajiw versenkt werden, wahrscheinlich von der ukrainischen Besatzung selbst, die verhindern wollte, dass das Schiff in russische Hände fällt.

Aus der Werft von Mykolajiw stammt auch der Lenkwaffenkreuzer Moskwa, der zwei Jahre später als Flaggschiff der russischen Schwarzmeerflotte zusammen mit 13 weiteren russischen Schiffen den Hafen von Odessa blockieren und die Stadt bedrohen wird. Ich hoffe, die russischen Matrosen kennen den Film „Panzerkreuzer Potemkin“ (Kapitel 12) und wagen es, die Geschichte zu wiederholen. Die Rebellion auf dem Schiff hat damals ja auch die russische Revolution ausgelöst.

Aber von all dem ahne ich noch nichts, während ich U-Boot-Jagd-Korvetten, Patrouillenboote und sonstige Kutter begutachte.

Aber ich mache mich besser schnell aus dem Staub. Denn Seestreitkräfte mögen es gar nicht, wenn neugierige Landratten Fotos von ihren Schiffen machen. Da wird man schwuppdiwupp der Spionage verdächtigt, wie ich mal auf einem montenegrinischen Marinestützpunkt erleben musste.

43

Und da finde ich sie endlich: Die echte Potemkinsche Treppe.

War ja eigentlich klar, dass ich am Hafen hätte suchen müssen, schließlich ist die Treppe das Tor zur Stadt für all jene, die, wie es vor der Erfindung von Eisenbahn, Automobil oder gar Flugzeug üblich war, mit dem Schiff ankommen.

Was für ein Anblick nach einer wochenlangen Schiffsreise von Kapstadt, Cartagena oder Kuala Lumpur! Wie ein Berg liegt die steile Treppe vor einem. Man bräuchte ein Fernglas, um die Menschen auf dem oberen Treppenabsatz zu erkennen, wie wenn man in den Alpen einen Bergkamm nach einer Seilschaft absucht.

Und die Verheißung, die dieser schier unbezwingbare Stufenberg verspricht! Wer diese Treppe zu erklimmen vermag, der wird, der muss einfach belohnt werden mit einer Stadt, die es wert ist. Nach so einem Ein- und Aufgang kann kein mittelmäßiges Hafennest liegen. Die Reise hat sich gelohnt, man weiß es schon in diesem Moment, noch ehe man den Primorski-Boulevard erreicht hat.

Tatsächlich begrüßen einen großzügige Parks, breite Boulevards und prächtige Paläste, wenn man die 200 Stufen endlich überwunden hat.

Die Treppe ist nicht nur wegen der Verwendung in Sergey Eisensteins Film (siehe Kapitel 12) berühmt, sondern auch aus eigenständiger architektonischer Kraft. Wenn man einen Blick zurück wirft, sieht man zum einen leider ein hässliches Hotel, aber zum anderen erscheint der Hafen ganz nah, nur eine kurze Treppe entfernt.

Seht Euch zur Erinnerung und zum Kontrast noch einmal die Treppe von unten an.

Die Treppe wurde absichtlich so gebaut, dass man von oben nur die Absätze, aber keine Stufen erkennt, was den Hafen näher an sie Stadt rückt. Von unten hingegen sieht man nur Stufen, aber keine Absätze. Dass die Treppe von unten endlos lang, fast in den Himmel reichend, wirkt, liegt aber vor allem an einem anderen architektonischen Trick. Unten ist die Treppe 21 Meter breit, oben nur 13 Meter. Die perspektivische Verzerrung gaukelt von unten eine Entfernung vor, die gar nicht existiert, während sie von oben den Entfernungsunterschied aufhebt. Genial!

44

Eine ähnliche Täuschung sind die auf dem Stadtplan eingezeichneten Buchläden.

An deren Stelle befinden sich jetzt Bars oder Dönerläden. Traurig.

45

Gleich bei der Wohnung, an der Ecke Dvorianska/Pastera, verkauft eine Frau spät abends noch Obst.

„Emil, übersetze dem Kunden doch bitte, dass das Kilogramm Äpfel und die Zitrone zusammen 45 Hrywna kosten“, sagt sie zu ihrem etwa 12-jährigen Sohn, der neben ihr sitzt und auf seinem Handy spielt.

Schüchtern tut er wie geheißen, und die skythischen Goldzähne der Mutter strahlen vor Stolz.

46

Weil man sich am frühen Morgen in Odessa mit niemandem treffen kann (sieh Kapitel 28), nehme ich den Bus zum Standort der ehemaligen 411. sowjetischen Küstenverteidigungsbatterie, wo noch ein bisschen Kriegswerkzeug aus dem Zweiten Weltkrieg rumsteht. Man weiß ja nie, wann man das wieder brauchen kann. Und in der Zwischenzeit taugt es als Spielplatz.

Oder als Ort für romantische Dates: „Ich schwöre dir ewige Liebe, bei der Ehre der ruhmreichen Schwarzmeerflotte, und ich werde um dein Herz kämpfen wie einst die 255. Marine-Schützenbrigade um den Küstenabschnitt zwischen Tschornomorske und Novofedorivka.“

Leider haben sich das verliebte Paar und ich den kältesten Tag der Woche ausgesucht, denn meine Finger frieren fast am Stahl fest, wenn ich auf den U-Booten oder Raketenwerfern herumklettere.

47

Zwei Jahre später überkommt mich ebenfalls ein eisiges Frösteln, als ich meine Fotos durchsehe. Vor dem kleinen und so früh am Tag natürlich noch geschlossenen „Museum zur heldenhaften Verteidigung von Odessa“ zeigt eine Karte die Belagerung der Stadt im Jahr 1941.

Ukrainische Städte, auf die aus allen Richtungen dicke Pfeile feindlicher Armeen zeigen, diese Kombination erlangt im Frühjahr 2022 eine traurige Aktualität.

Die Karte zeigt die Situation vom 5. August bis zum 16. Oktober 1941, als Odessa nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion von deutschen und rumänischen Truppen belagert wurde. Erst mit dem Unternehmen Barbarossa begann nach sowjetischen Geschichtsverständnis der Zweite Weltkrieg. Ein Geschichtsverständnis, das, wie dieses Denkmal nur als ein Beispiel zeigt, auch in Odessa wachgehalten wird.

Die Sowjetunion evakuierte einen Teil der Zivilbevölkerung über den Seeweg. Damit die Schiffe auf der Rückfahrt nicht leer herumtuckerten, brachten sie Truppen zur Verstärkung mit. Zusammen mit der in Odessa verbliebenen Bevölkerung wurden drei Verteidigungsringe errichtet.

Das Schlachtenglück ging, wie Ihr an den blauen und roten Pfeilen auf der Karte erkennen könnt, ein bisschen hin und her, aber am Ende eroberten die Angreifer Odessa. Weil die Stadt jedoch mehr als zwei Monate der Belagerung standgehalten hatte, wurde sie zur Heldenstadt erklärt und durfte fortan den Leninorden tragen, der Euch bei der Ankunft am Bahnhof begrüßt (siehe Kapitel 2).

Und jetzt sieht es in Odessa wieder so aus wie 1942. Sandsäcke und Panzersperren vor den Kulturdenkmälern der Stadt.

48

Der Busfahrer im Bus Nr. 175 weigert sich, das Fahrgeld anzunehmen: „Nein, nein, Sie müssen erst am Ende bezahlen.“ Und wahrscheinlich nur, wenn man mit der Fahrt zufrieden war.

Bei Fahrgästen, die nur ein paar Stationen mitfahren, verzichtet er ganz auf die Bezahlung, sehe ich.

Was für ein Unterschied zu Kiew, wo selbst die privat nettesten Menschen unfreundlich werden, sobald sie die Uniform eines Transportgewerbes oder eines Supermarktes überstülpen. Im Gegensatz zur Hauptstadt wirkt Odessa viel lockerer, freundlicher, ruhiger, entspannter.

49

Auf dem Gehsteig in der Torhova-Straße verkauft eine alte Frau mit Kopftuch Gebäck, das allesamt verlockend aussieht. Sie steht hinter einem wackeligen Holzstand mit Mikrowelle, deren Kabel in die dahinterliegende Apotheke führt. Wahrscheinlich dürfen die Apothekerinnen dafür umsonst speisen.

Die Frau besteht darauf, das Küchel in eine Plastiktüte zu verpacken, obwohl ich aus Umweltschutzgründen vehement abwinken will. Außerdem bin ich jetzt schon hungrig.

Ein paar Meter weiter setze ich mich auf eine Bank, beiße kräftig zu und entdecke, dass es zwar aussieht wie ein süßes Küchel, aber dass der Teig mit Fleisch und Käse gefüllt ist. Komplett gefüllt bin auch ich nach der Hälfte, und jetzt verstehe ich den Sinn der Tüte. Es wird fürs Abendessen reichen.

50

Das Museum der Schönen Künste ist nach odessitischen Standards fast schon in einem unscheinbaren Gebäude, dem ehemaligen Sommersitz des Grafen Pototsky auf dem Sofiyivska-Boulevard, untergebracht.

Auch hier sitzen an der Theke etliche Frauen in warmen Pullovern, jede von ihnen in ein Buch vertieft. Eine von ihnen unterbricht die Lektüre, um mir ein Billet zu verkaufen. 35 Hrywna für Studenten, das ist etwa 1 Euro. An der nächsten Tür unterbricht eine andere Frau die Lektüre, um mein Billet durchzustreichen. Nicht, dass ich es später auf dem Schwarzmarkt verkaufe.

Es findet gerade eine Führung statt, allerdings auf Russisch, also schließe ich mich nicht an, sondern erkunde das Museum auf eigene Faust. Nur einmal merke ich auf, als der Name Iwan Kramskoi fällt. In Kiew hatte ich in der Ivana-Kramskoho-Straße gewohnt und einen Monat gebraucht, um zu verstehen, dass das kein Frauenname, sondern der für Namen von in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Straßen zu verwendende palatalisierte Ablativ dritten Grades von Iwan Kramskoi ist.

Auch hier sitzen überall alte Frauen in Wollpullovern und Wollmützen und lesen, so ruhig, wie wenn sie für ein Gemälde von Kyriak Kostandi posierten.

Viele Werke bemalen den jetzt unerreichbaren Sehnsuchtsort Krim.

Die Holztreppe in das Obergeschoss hängt so schief, dass ich Angst habe, es nicht mehr lebend zur Kunst des 20. Jahrhunderts zu schaffen. Aber es geht, und ich komme in den Genuss der sowjetischen Kunst. Wie bei der Oper in Kapitel 18 werden hier lebensnahe Szenen verewigt: Arbeiter lesen die Nachricht von der Rekordkohleförderung durch den Bergmann Alexei Stachanow. Rebellierende Seeleute des Panzerkreuzers Potemkin (siehe Kapitel 12) tragen den Leichnam von Wakulintschuk an Land. Situationen eben, wie sie jeder Werktätige aus dem Kombinat oder von der Kolchose kennt.

51

Nach einer Woche ohne Bücher geht mir der Lesestoff so ab, dass ich verzweifelt zum Bahnhof gehe, um am Kiosk nach internationalen Zeitungen zu fragen.

Süddeutsche Zeitung? – Nein.

Spiegel? – Nein.

New York Times? – Nein.

Economist? – Nein.

El Pais? – Nein.

Haben Sie irgendwelche internationalen Zeitungen? – Einen Moment, ich sehe mal nach… Die South China Morning Post haben wir noch.

Na gut, die ist wenigstens auf Englisch. So lese ich lustlos etwas über Hongkong, Malaysia, Containerschiffe und Alibaba, bis ich, ganz klein, auf Seite 19 eine Nachricht entdecke: „Mehrere Fälle eines SARS-ähnlichen Coronavirus im Hubei-Xinhua-Krankenhaus. Behörden schließen Fischmarkt in Huanan.“

An diesem Tag, am 21. Januar 2020, weiß ich: Jetzt kommt die Apokalypse.

Sogleich organisiere ich mir für die nächsten Monate ein Housesitting auf einer möglichst weit entfernten und damit virussicheren Insel mitten im Atlantik und buche einen Flug, der heute noch Odessa verlässt.

52

Das Flughafengebäude müsste eigentlich auch noch Hammer und Sichel aufweisen, so alt ist es. Wenn nicht schon andere Passagiere schlotternd, bibbernd und frierend warteten, würde ich denken, dass ich mich verlaufen hätte. Etwas Beton, etwas falscher Marmor, ein paar Asbest-Platten, die fast von der Decke fallen. Maximal 10 Grad im Gebäude. In den Fluren ist so wenig Licht, dass man mit der Handytaschenlampe auf die Suche nach der Toilette gehen muss. Die Tapete rollt sich von der Wand.

Ich folge dem DIN-A4-Blatt aus dem Drucker, das den Raucherraum anzeigt. Vielleicht stehen dort die Polstermöbel und der wärmespendende Bollerofen.

Nein, es ist ein kleiner Raum, gefliest wie in einem Schlachthof oder einer Molkerei. Was ihn zum Raucherraum qualifiziert, ist nur der Feuerlöscher, der, seit er 1986 von der Tschernobyl-Katastrophe übrig geblieben ist, die Tür offen hält. Ganz offen, damit sich der Rauch gut ausbreiten kann.

Über das Rollfeld läuft ein großer, schlanker, weißer und scheinbar herrenloser Hund. Wenn es eine von den fetten Katzen gewesen wäre, hätte ich sie noch schnell eingepackt.

53

Am nächsten Tag fragt jemand in einer Facebook-Gruppe über Osteuropa, ob für einen Besuch in Odessa ein Tag ausreiche. Ich antworte nicht, weil ich solche Fragen und die Antworten darauf sinnlos finde. Wie zu befürchten, schreibt jemand, ausgerechnet ein Ortsansässiger: „An einem Tag in Odessa kannst du eigentlich alles sehen, was es zu sehen gibt.“

Da kennt jemand seine eigene Stadt nicht.

Aber bei Menschen, die sich durch diesen langen Artikel gequält haben, besteht wohl sowieso nicht die Gefahr, dass sie zack-zack durch Städte hetzen, um eine nach der anderen abzuhaken. Nehmt Euch lieber Zeit. Wie Ihr seht, lohnt es sich. Und nach dem Krieg wäre ein Besuch in der Ukraine ein willkommener Beitrag zum Wiederaufbau des Landes.

Links:

Apropos: Das Postamt in Odessa ist auch beeindruckend.

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Für den schnellen Überblick:

Wo gelten ab dem 2. April welche Corona-Regeln?

Selbstverständlich wird diese Karte jeden Vormittag und Nachmittag aktualisiert.

Sonderregelungen gelten im Nahverkehr, im Fernverkehr, am Wochenende, bei Meldeverzug für den auf den meldeverzugsrelevanten Zeitraum folgenden Tag bis 23 Uhr, in Atomkraftwerken, bei Impfstoffmangel, an Markttagen, im grenzüberschreitenden Verkehr, für Angehörige von Mangelberufen, auf dem Gelände bundesunmittelbarer Behörden, nicht jedoch bei denen, für die das Bundesland die Auftragsverwaltung verliehen bekommen hat, ebensowenig beim TÜV, mit Ausnahme der Termine am Dienstag Vormittag für landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge, die der EU-Abgasnorm 3/II entsprechen, für freiwillig länger dienende Wehrpflichtige, für Flüchtlinge aus der Ukraine, für Schulkinder mit einer 1 im Zeugnis, allerdings nur an dem auf die Zeugnisvergabe folgenden Wochenende und nur im Nahverkehr des jeweiligen Bundeslandes bzw. der den Nahverkehrsverbund tragenden Gebiets- oder eigens zu diesem Zweck errichteten Körperschaft, aufgrund völkerrechtlicher Verträge, auf dem Rhein-Main-Donau-Kanal, wenn das Schiff stromaufwärts fährt und Güter geladen hat, die zur Produktion in Industriezweigen dient, die von der Bundesregierung oder von einer von der Bundesregierung hierzu ermächtigten Stelle kraft Rechtsverordnung als essentiell für die Versorgungslage der Bevölkerung eingestuft wurden, beim Gottesdienst einer in dem jeweiligen Gebiet als öffentlich-rechtliche Körperschaft anerkannten Religionsgemeinschaft, für V-Leute des Verfassungsschutzes, für den bei diesem Kuddelmuddel selbst nicht mehr durchblickenden Bundesgesundheitsminister, in einem durch Kirchenrecht ausschließlich der Jurisdiktion des Heiligen Stuhls unterliegenden Gebiet, aufgrund eines vormundschaftsgerichtlich genehmigten Dispenses, beim Gefangenentransport zwischen verschiedenen Einrichtungen des Justizvollzugs, für Betriebsräte, auf Ölbohrplattformen, für deutsche Astronauten ab dem Zeitpunkt der ersten orbitalen Erdumrundung und bis zu 24 Stunden nach Wiedereintritt in die Erdatmosphäre, für Haustiere, für staatlich anerkannte Opfer der Polygamie, für Diplomaten auf der Durchreise, bei Vorstellungsgesprächen, insbesondere solchen zu den immer rarer werdenden erschwinglichen Mietwohnungen, für UN-Blauhelmtruppen mit Mandat des Sicherheitsrates und selbstverständlich während des Wahlkampfs in dem jeweiligen Territorium.

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Angriff auf Odessa

Ich arbeite gerade an einem Artikel über die ukrainische Hafenstadt Odessa, wo ich einst im Januar 2020 weilte, bis mich die Corona-Pandemie abberief. Weil der Artikel so umfangreich geraten wird, wie Ihr es befürchtet, werde ich dafür allerdings noch ein paar Tage benötigen.

Beim Sichten und Aussortieren der Fotos musste ich schlucken, als ich auf dieses stieß: Eine Karte von der Belagerung der Stadt 1941, fotografiert beim „Museum zur heldenhaften Verteidigung von Odessa am Standort der 411. Batterie“ und plötzlich von trauriger Aktualität.

Am Hauptbahnhof von Odessa zeigt die Stadt noch immer stolz den Lenin-Orden und den Titel „Heldenstadt“, verliehen von Stalin in Anerkennung des langen Durchhaltens angesichts der Belagerung durch die Wehrmacht und durch die rumänische Armee. Umso zynischer ist es, den gegenwärtigen russischen Feldzug als „Entnazifizierung“ zu verkaufen.

Aber es wird natürlich auch um all die anderen Seiten Odessas gehen: Kunst, Kultur, Stadtgeschichte, die filmberühmte Treppe, Katzen und warum Ihr für die Weiterreise nicht unbedingt das billigste Schiff nehmen solltet.

In der Zwischenzeit bleibt uns nur, zu hoffen, dass Odessa nicht wie andere Städte in der Ukraine komplett zerstört werden wird. Und wenn es etwas gibt, was Ihr schon immer über Odessa wissen wolltet: Hinterlasst mir einen Kommentar.

Links:

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Blau-Gelb

Als ich in der Ukraine wohnte, machte ich mich ein bisschen lustig darüber, dass sogar Mülleimer und Parkbänke in blau-gelb gestrichen waren. (In den Kommentaren unter jenem Link findet Ihr übrigens ein paar interessante Punkte zur politischen Situation in der Ukraine.)

Das würde ich heute nicht mehr machen. Stattdessen freue ich mich jetzt über jede blau-gelbe Fahne, die ich sehe, und hoffe, dass die Solidarität auch soweit geht, die Heizung runterzudrehen und weniger Auto zu fahren, um möglichst wenig russisches Gas oder Öl zu verbrauchen.

Mein schönstes Blau-Gelb habe ich in Bitola gesehen, auf dem alten, schon seit 100 Jahren nicht mehr genutzten türkischen Friedhof.

Bitola ist in Mazedonien, und das passt ja dann irgendwie. Denn auch diesem sympathischen Land wird von manchen Nachbarstaaten das Existenzrecht abgesprochen. Zum Glück ist Mazedonien seit 2020 in der NATO, was hoffentlich ein bisschen Schutz verspricht.

Links:

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„Schließen Sie sich den Illuminaten an.“

Na sowas. Kaum erwähnt man die Illuminati, schon bekommt man eine E-Mail von ihnen:

Grüße vom Welteliteimperium der Illuminaten. Die Armen, Bedürftigen und Talentierten ins Rampenlicht von Ruhm, Reichtum und Macht, Wissen, geschäftlichen und politischen Verbindungen bringen. Dies ist der richtige Zeitpunkt für Sie, all Ihre Sorgen, Ihre Gesundheitsprobleme und finanziellen Probleme zu beenden, indem Sie der Elite-Familie der Illuminaten beitreten!. Sind Sie krank, unfruchtbar oder haben Sie Scheidungsprobleme und finden es schwierig, an Ihrem Arbeitsplatz Beförderungen zu bekommen, um im Leben so zu glänzen, wie Sie es sich wünschen? Falls ja! Dann treten Sie dem Illuminati-Imperium bei, Sie erhalten all diese zahlreichen Vorteile und Lösungen für Ihre Probleme.
Hinweis: Diese E-Mail-Nachricht wurde ausschließlich für den Zweck unseres Rekrutierungsprogramms erstellt, das nächsten Monat endet, und dieses Angebot gilt nur für einzigartige; Wenn Sie es nicht ernst meinen, sich dem Illuminati-Imperium anzuschließen, sollten Sie uns überhaupt nicht kontaktieren. Dies liegt daran, dass Untreue hier in unserer Organisation absolut nicht toleriert wird.
Bist du damit einverstanden, ein Mitglied der neuen Weltordnung der Illuminaten zu sein? Falls ja!. Dann antworten Sie uns bitte nur auf unsere direkte Rekrutierungs-E-Mail unter: illuminatiinvite6@gmail.com

Bitte beachten Sie, stellen Sie bitte sicher, dass alle Ihre Antworten direkt an die oben angegebene E-Mail-Adresse gesendet werden, nur an: > illuminatiinvite6@gmail.com
Weitere Anweisungen zu unserem Mitgliedschaftsprozess.
Hinweis: Einige E-Mail-Anbieter platzieren offizielle Illuminati-Nachrichten fälschlicherweise in ihrem Spam-/Junk-Ordner oder Werbeordner. Dies kann unsere Antworten auf Ihre E-Mails umleiten und ausschließen.
Die Illuminati.

Obwohl ich tatsächlich zu den Armen, Bedürftigen und, wie ich glaube, Talentierten gehöre, ist das wohl eher nichts für mich. Imperium ist mir zu groß, Rampenlicht zu nervig. Und das mit der Beförderung am Arbeitsplatz hört sich dann doch viel petit-bourgeoiser an, als ich mir die Illuminati immer vorgestellt habe.

Deshalb reiche ich das Angebot hiermit einfach mal weiter, in der Hoffnung, dass es Euer Leben zum Besseren verändern wird. – Falls sich jemand bewirbt, gebt doch bitte Bescheid, wie das abläuft!

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Post vom Deutschritterorden

In diesen Tagen komme ich endlich dazu, die den Leserinnen und Lesern versprochenen Postkarten zu schreiben und zu versenden, auf die manche von Euch bereits seit Monaten warten.

Aber wie so oft: Gut, dass ich gewartet habe!

Denn derzeit weile ich in Bad Mergentheim, wo der wahrscheinlich schönste Postkasten Deutschlands steht. Und eine von hier versandte Postkarte ist doch etwas ganz besonderes.

Dieser historische Briefkasten steht vor dem Schloss des Deutschritterordens, eines dubiosen Verschwörerbundes, der sich während der Kreuzzüge den Heiligen Gral gekrallt und anschließend halb Osteuropa in Schutt und Asche gelegt hat, womit er eine traurige deutsche Tradition begründete. Deshalb trägt auch heute noch die Bundeswehr stolz das schwarze Kreuz auf weißem Grund auf ihren Panzern.

Wenn Ihr Pech habt, klebt an den Postkarten also etwas Blut. Wenn Ihr Glück habt, ein Tropfen aus dem Heiligen Gral. So oder so könnt Ihr Euch freuen auf den baldigen Artikel über Bad Mergentheim, einem schmucken kleinen Städtchen, das sich eigentlich nur deshalb mit den Deutschrittern plagen muss, weil diese anderswo überall rausgeflogen sind.

Illuminierte Pinguine, Illuminaten, kann das Zufall sein? Bald werdet Ihr es erfahren! Wenn mich die Kreuzritter nicht aufhalten…

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Vor hundert Jahren passte die Weltgeschichte in einen einzigen Satz – Februar 1922: Tag des Schachtelsatzes

Es tut mir leid für diejenigen, die den Februar aus irgendwelchen, wahrscheinlich sogar persönlichen Gründen, wie einem Geburtstag, Todestag oder was sonst Euch zu feiern beliebt, positiv konnotieren, aber objektiv ist der Februar der schrecklichste aller Monate im Jahreslauf, weil man spätestens jetzt einsehen muss, dass all die zur Winterzeitenwende gemachten Vorsätze sehr schnell und schnöde erkaltet und erloschen sind, wie wenn jemand aus Trotz gegen die Nichtinbetriebnahme von unnötigen Pipelines auch alle anderen Gashähne zugedreht hätte, wobei man sich zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels wahrscheinlich freuen würde, wenn es bei dieser Trotzreaktion geblieben wäre, anstatt ein unschuldiges Nachbarland zu bombardieren und zu überfallen, und man einem weiteren mediokren und im Großen und Ganzen oder, vielleicht passender, im Kleinen und Gemeinen vergeudeten Lebensjahr gegenübersteht, und außerdem, wie ich aus eigener, persönlicher und direkter Anschauung und Erfahrung anfügen kann, da ich diese Zeilen, wie es dem ungehemmten Schreibfluss am zuträglichsten ist, auf einem internetfreien Hügel über dem Taubertal zu Papier bringe, der Februar auch deshalb scheiße ist, weil er zumindest nördlich des 45. Breitengrades, wo sich, wie ich bei einem auf Deutsch verfassten Text seit dem Wegfall des Kolonialreiches, dessen Wiedererlangung Art. 119 des Versailler Vertrags einen Riegel vorschiebt, ausgehen kann, der Großteil der Leserschaft konzentriert, mit Scheißwetter aufwartet, was die durchaus berechtigten Gründe dafür gewesen sein mögen, dass es in Frankreich sogar eine zumindest diesbezüglich langfristig nicht sehr erfolgreiche Revolution gab, um diesen vermaledeiten Monat abzuschaffen,

und weshalb die relative Kürze des Februars von vielen als Segen angesehen werden mag, wobei ich persönlich in diesem Punkt widersprechen muss, denn ein kürzerer Monat bedeutet für einen die Monatsfrist für seine allmonatliche Reihe „Vor hundert Jahren …“ regelmäßig ausschöpfenden Autor am Ende eben jenes Monats weniger Zeit und mehr Stress, weshalb ich mich, und das soll eine Ausnahme bleiben, zu der Rationalisierungsmaßnahme entschieden habe, die auf den Februar 1922 rekurrierende Folge meiner sich erstaunlicher Beliebtheit erfreuenden Geschichtsreihe mit der alljährlichen Hommage nicht auf Katalonien, sondern auf den am 25. Februar und damit heute begangenen Tag des Schachtelsatzes zu kombinieren, obwohl dieser kaum schon hundert Jahre auf dem Buckel haben dürfte, denn zu jener Zeit hatten die Zeitungen noch Platz und die Leserinnen und Leser noch Geduld sowie sprachlichen Anspruch, und sowohl die schreibenden als auch die lesenden Beteiligten an der Publizistik erfreuten sich des über das schnöde Berichten von Tatsachen hinausgehenden Sprachspiels, für das gerade unsere schöne Sprache wie keine zweite geschaffen ist, obwohl, um so kurz, dass es nicht einmal für eine Parataxe reicht, zum deutschen Kolonialismus zurückzukehren, die damaligen deutschen und deutschsprachigen Kolonialherren, bei denen die Kolonialfrauen ausnahmsweise auszulassen weniger antifeministisch als vielmehr historisch korrekt intendiert ist, zwar dachten, dass am deutschen Wesen die Welt genesen solle, die deutsche Sprache dabei jedoch eher als Hindernis, denn als nützliches Instrument sahen, weshalb die Hypotaxe in der Weimarer Republik kaum eines gesonderten Feiertages für wert und würdig befunden worden sein dürfte, um damit die zwei sprichwörtlichen Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, was sich zwar brutal aber doch weniger brutal als die englische Entsprechung dieses Ausdrucks anhört, in der anstatt und anstelle der Insekten zwei Singvögel zu Tode kommen, was eine geniale Überleitung zum australischen Krieg gegen die Emus wäre, der jedoch, unpassend für diese Reihe, nicht vor 100, sondern vor 90 Jahren stattfand,

so dass ich gezwungen bin, jene Idee um, wenn ich richtig gerechnet habe, zehn Jahre aufzuschieben, zu hoffen, dass ich mich dann noch daran erinnern werde sowie dass Ihr mich dann noch lesend beehren werdet, und aus der reichhaltigen Palette historischer Ereignisse ein zeitlich passenderes zu wählen, wobei ich, wenn heute schon der Tag des ehrlichen Bloggens ist, die Leserinnen und Leser an dem Prozess der Themenfindung und -entwicklung teilhaben lassen könnte, der, wie sollte es anders sein, mit einer Kreuz-und-Quer-Recherche durch Geschichtsatlanten, Bücher über die Zwischenkriegszeit, wie z.B. „Die Besiegten“ von Robert Gerwarth, das hiermit nicht nur genannt, sondern auch empfohlen sei, weil es zum einen geographisch über die bekannte Westfrontgeschichte und zeitlich über das allgemein als das Ende des Ersten Weltkriegs betrachtete Jahr 1918 hinausgeht und damit ganz auf der Linie dieser kleinen, wenn auch nicht immer kurzen Reihe liegt, deren roter Faden, falls ein solcher in diesem Satzknäuel überhaupt auszumachen sein sollte, darin besteht, auf Vorgeschichte(n), Nachgeschichte(n) und die langen Entwicklungslinien einzugehen, sowie, außerhalb des universitären Rahmens darf man das wohl zugeben, die in den meisten Haushalten die schrankwandfüllende Enzyklopädie, leider jedoch nicht die jetzt leer, dumm und dämlich im Zimmer stehende Schrankwand abgelöst habende Wikipedia beginnt,

was in manchen Monaten, darunter, wie ich mit einem erschreckten Blick auf den Themenkalender festelle, der kommende Monat März 1922, so viele spannende Themen offenbart, dass die Qual in der Wahl liegt, in manchen Monaten nur ein paar halbseidene Ideen aufflackern, aber den findigen Blogger in keinem Monat mit leeren Händen dastehen lässt, insbesondere wenn, wie diesen Monat auch noch zwei brauch- und verwertbare Vorschläge aus der Leserschaft kommen, wobei sich der Autor einerseits fragt, warum Leserinnen und Leser nur Vorschläge, anstatt gleich ausformulierte Artikel liefern, andererseits schon ahnt, dass er durch seine Art des Formulierens Menschen abschreckt, die sich, so etwas soll es ja geben, auch wenn es mir persönlich unverständlich ist, verständlich und vielleicht sogar kurz, knapp und bündig auszudrücken präferieren, obwohl solche Artikel möglicherweise lieber und vor allem vollständiger gelesen werden würden als beispielsweise der vorliegende, weshalb ich diese kleine Vorrede endlich beenden bzw. angesichts dessen, was mir dafür noch alles vorgeschwebt hat und ist, brutal abbrechen und sogleich in das erste aus der Leserschaft vorgeschlagene Thema einsteigen werde,

das da in der allseits, so vermute ich zumindest, beliebten Luftschifffahrt besteht, denn im Februar 1922 stürzte, dagegen hilft anscheinend auch keine Popularität, das Luftschiff „Roma“ ab und brannte aus, wobei ich mich nicht dafür verbürgen möchte, dass die Reihenfolge nicht andersherum war, es sich also entzündete und dann abstürzte, was das Ende zwar nicht der Luftschifffahrt, das erst 15 Jahre später durch die Hindenburg-Explosion im Jahre 1937 herbeigeführt werden sollte, aber der Wasserstoffluftschifffahrt und die Hinwendung zur Heliumluftschifffahrt einläutete, wobei ich dieses Ereignis, auch diesbezüglich noch dem mitgedacht habenden Leservorschlag folgend, für eine Überleitung zu Umberto Nobile nutzen würde, der die „Roma“ konstruiert hatte und dessen Leben eine wirklich tolle Folge mit Luftschiffexpeditionen zum Nordpol abgäbe, von denen die erste ganz gut, die zweite weniger gut verlief, womit, so funktioniert das Schreib-Business, auf letzterer der Fokus läge, weil diese 1928 schon wieder zu einem Absturz führte, und zwar im Ewigen Eis, wie man das mittlerweile rasant schmelzende Eis damals nannte, mit Eisbären, waghalsigen Rettungsmissionen, politischer Einmischung durch Mussolini, dem wir vielleicht im Oktober 1922 anlässlich seiner Herummarschiererei durch Italien wieder begegnen werden, Abstürzen der Rettungsflugzeuge, dabei dem Tod des zumindest dem Namen nach bekannten Roald Amundsen, Rettung durch einen sowjetischen Eisbrecher, was in dem ältesten komplett erhaltenen deutschsprachigen Hörspiel für die Nachwelt überliefert wurde, anschließend Rücktritt als italienischer General, Auswanderung in die Sowjetunion und weiterer Abenteuer, die sich bei so einem Leben erwarten lassen, und die wie perfekt für unsere kleine Serie geeignet wären,

wobei ich nicht den zweiten ebenso guten Leservorschlag verschweigen möchte, der die Unabhängigkeit Ägyptens von Großbritanniens und die Gründung des ägyptischen Königreichs zum Inhalt hatte, wovon ich natürlich, obwohl der Kanalbau in dieser Reihe schon einmal und auf dem Blog sogar mit Ägyptenbezug zum Zug gekommen ist, elegant zum Suez-Kanal und anschließend zur Suez-Krise von 1956/57 übergeleitet hätte, weil es dabei ja wieder um das Verhältnis zwischen Ägypten und Großbritannien beziehungsweise, wie der Staat vollständig heißt, dem Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland ging, aber auch Ägypten bleibt für dieses Jahr auf der Liste, denn im November 1922 wurde das Grab von Tutanchamun entdeckt, der angeblich ein ägyptischer König war, was etwas verwundert, wenn man gerade geschrieben bzw. in Eurem Fall gelesen hat, dass Ägypten erst Anfang 1922 zum Königreich wurde, und am Ende jenes anscheinend ereignisreichen Jahres der König schon Pyramiden gebaut hatte, gestorben war und einbalsamiert wurde, um anschließend all jene zu verfluchen, die seine Totenruhe stören, weshalb ich mir wohl besser noch einmal überlege, ob ich dieses heikle Thema anfassen will, und hiermit der Aufruf an mutige Ägyptologinnen und Ägyptologen ergeht, sich dieses Themas anzunehmen,

was wahrscheinlich beides bessere Themen wären als das hundertjährige Jubiläum der Verfassung Lettlands, die damit die älteste noch gültige Verfassung in Ost- und Mitteleuropa ist, oder die Gründung des Ständigen Internationalen Gerichtshofes, was zwar für mich als Jurist interessant, aber, auch wenn es mir manchmal, wie zum Beispiel bei den Hohenzollern oder den Reichsbürgern, gelingt, rechtshistorische Themen amüsant aufzubereiten, ein etwas sperriges Thema wäre, so ich es nicht brandaktuell dazu nutzen würde, um auf ein paar Grundsätze des Völkerrechts und der Geschichte Osteuropas, deren Staaten eben nicht 1991 aus einem luftleeren Raum entstanden, zu verweisen, die denen, die russische Angriffskriege zu verteidigen oder rechtfertigen zu versuchen, anscheinend nicht geläufig, wahrscheinlich aber auch egal sind,

wobei mir zum Thema Osteuropa das litauisch-polnische Kuddelmuddel im Frühjahr 1922 einfällt, das mit vorgeblich vom polnischen Staat unabhängigen Aufständischen in Litauen, zu deren „Schutz“ dann Polen eingreifen „musste“, mit blitzschnell erklärten „Republiken“, deren Unabhängigkeit vom Nachbarland sofort anerkannt wurde, mit Marionettenstaaten, Militärdiktaturen und aus dem Hut gezauberten Referenden erstaunliche Parallelen zum aktuellen Zeitgeschehen aufweist, und den weiteren Vorteil hätte, dass ich Litauen ein bisschen kenne, weil ich mal ein Jahr in Vilnius gewohnt habe, und zu diesem Anlass, so ich denn rechtzeitig Zeit gehabt hätte, wieder in dieses hübsche kleine Land reisen hätte können, was man ja sowieso viel öfter machen sollte, bevor diese unschuldigen Staaten der Reihe nach aufhören zu existieren, wie wenn der Molotow-Ribbentrop-Pakt noch immer in Kraft wäre, und ich außerdem darauf hinweisen könnte, dass Kaunas dieses Jahr eine der Europäischen Kulturhauptstädte ist, die alle drei, also neben Kaunas in Litauen auch Esch-sur-Alzette in Luxemburg und Novi Sad in Serbien, denn auch EU-Beitrittskandidaten dürfen, anders als das Vereinigte Königreich oder die mit einem ambivalenten Verhältnis zur EU gesegnete Schweiz, bei den Europäischen Kulturhauptstädten mitmachen, egal in welch weiter und unrealistischer Ferne ihr Beitritt liegt und wie sehr Novak Djokovic dagegen anstänkert, autostöppelnd mit einem Besuch zu beehren eine der noch unkonkreten Reiseideen für dieses Frühjahr ist, auf die beziehungsweise deren schriftliche Verarbeitung ich dann meine gefürchteten historischen Exkurse verschiebe,

womit als letztes Thema das mir liebste, weil komplizierteste, abstruseste und die meisten Jahrhunderte umspannende Thema verbliebe, denn im Februar 1922 wurde nach dem Tod von Papst Benedikt XV., dem numerischen Vorgänger des aktuellen Ex-Papstes, der abtreten musste, nachdem ich seine Verwicklungen in die dubiose Heilig-Geist-Bruderschaft investigiert und offengelegt hatte, zum Rücktritt gezwungen worden war, in Rom Papst Pius XI. und in Konstantinopel Patriarch Meletios IV. gewählt, den Ihr vielleicht besser als Meletios II. kennt, denn als solcher waltete er, nachdem er als Patriarch von Konstantinopel abgesetzt wurde, als Patriarch von Alexandria, obwohl er insgeheim Freimaurer, Anglikaner und gescheiterter Erzbischof von Zypern war,

woraus ich mir frech und keck die Erlaubnis ableiten würde, tief in die eigentlich unergründlichen Tiefen der Theologie ein- und hinabzusteigen, und mindestens die annähernd tausend Jahre bis zum Morgenländischen Schisma, der Kirchenspaltung zwischen Katholischer Kirche und Orthodoxer Kirche, das, und das Namenswirrwarr verdeutlicht das Schisma ganz gut, auf Lateinisch „Schisma Graecorum“, also Griechisches Schisma, und auf Griechisch „Σχίσμα Λατίνων“, also Lateinisches Schisma heißt, jedoch auch als Großes Schisma bekannt ist, was insofern schon vor dem Eintauchen in die eigentliche Materie zur Verwirrung führt, weil auch das Abendländische Schisma als Großes Schisma bekannt ist, so dass die Frage erlaubt sein muss, ob ein Schisma überhaupt ein solches wäre, wenn es nicht mindestens groß ist, zurückzugehen,

wobei natürlich darauf hinzuweisen wäre, dass sich die Katholische Kirche nach diesem Schisma erneut mehrfach abendländisch, protestantisch, calvinistisch, lutheranisch, anglikanisch und so weiter gespalten hat, und sich die Orthodoxe Kirche noch viel mehrfacher und babylonisch-byzantinischer in russisch-orthodox, rumänisch-orthodox, griechisch-orthodox, das nicht mit dem Griechisch-Katholischen und das wiederum nicht mit dem Römisch-Katholischen zu verwechseln ist, ukrainisch-orthodox, montenegrinisch-orthodox, albanisch-orthodox, japanisch-orthodox und so weiter, darunter, je nachdem ob man sie als autokephal oder nur als autonom betrachtet, auch amerikanisch-orthodox, gespalten hat,

was, insbesondere wenn ich dabei, was zum Verständnis eigentlich zwangsnotwendig und unabdingbar ist, auf den Vierten Kreuzzug, auf das Konzil von Nicäa und insbesondere die allen aufrechten Christinnen und Christen, so sie den gegen sie gerichteten Vierten Kreuzzug überlebt haben, wohlbekannten christologischen, origenistischen, konstantinischen, neuplatonischen, arianischen und ganz besonders die trinitarischen und subordinatianischen Fragen eingehe, und erkläre, wie die Wiederverwertbarkeit von Weihnachtsbäumen zu dem bei den orthodoxen Glaubensbrüdern-, -schwestern und -kindern um zwei Wochen verspätet scheinenden Kalender geführt hat, eine Komplexität annähme, in der ich einerseits aufginge, mich aber andererseits verlöre, weshalb ich stattdessen hoffe, dass sich Umberto Eco dieses Themas bereits in einem Roman angenommen hat, der irgendwann in einer Schublade seiner Bibliothek auftauchen und alle Fragen zufriedenstellend, gelehrt und humorvoll klären wird, so dass ich hier und jetzt endlich, denn sowohl Autor als auch Leserschaft sind geschafft, erschlafft und ohne Saft und Kraft, dem Punkt, einem, ohne dass es dessen Schuld wäre, heute bisher vernachlässigten Satzzeichen, zu seinem Recht verhelfen kann, nicht ohne jedoch vorher zur Beruhigung der Leserschaft zu versichern, dass die kommenden Folgen dieser Geschichtsreihe wieder ohne besondere linguistische, syntaktische oder andere kreative Mätzchen auskommen werden.

Links:

  • Alle Folgen aus der Reihe „Vor hundert Jahren …“.
  • Mehr Geschichte.
  • Vorherige den jeweiligen Tag des Schachtelsatzes feiernde kurze Sätze findet Ihr hier, hier und hier.
  • Diejenigen Leser, die sich diese Reihe als Podcast gewünscht haben, was nie und nimmer passieren wird, schon weil ich weder technisch versiert, interessiert oder ausgestattet bin, aber auch weil mir die Befassung mit eben jener Teufelstechnik die Zeit rauben würde, die ich lieber in die Recherche und ins Schreiben stecke, haben hoffentlich gemerkt, dass das keine so gute Idee ist. Wer Schachtelsätze lieber hören als lesen will, der soll sich Thomas Manns „Joseph und seine Brüder“ vorlesen lassen.
  • Für diejenigen, die weder katholisch, noch orthodox, sondern statistisch interessiert sind: Der Satz besteht aus 2180 Wörtern. Gebt mir doch bitte Bescheid, wie weit Ihr gekommen seid!
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