Welchen Brexit wollt Ihr? Nein! Nein! Nein! Nein! Nein! Nein! Nein! Nein!

Es verbleiben nur mehr ein paar Stunden bis zum Ende der Brexit-Frist, und das Vereinigte Königreich ist sich immer noch gänzlich uneinig über die angestrebte Zukunft. Den britischen Abgeordneten wurden gestern acht Vorschläge vorgelegt, von denen sie manche schon in der Vergangenheit abgelehnt hatten. Andere waren neu, und andere blieben vage.

Premierministerin May hat sich beklagt, dass das Parlament ihr ständig mitteilt, was es nicht will, ohne sich auf etwas zu einigen, das es will. Bei acht Optionen, so könnte man hoffen, wäre doch mindestens ein Vorschlag dabei, der eine Mehrheit findet.

Tja, falsch gehofft. Die Abgeordneten lehnten einfach alle acht Szenarien ab.

Was passiert jetzt? Noch mehr Unklarheit und Chaos.

Aber – soviel Zeit muss sein – auch an solch einem Tag fanden die Parlamentarier die Muße, so dringende Angelegenheiten wie die Rolle der Königin im Parlamentarismus, den Bürgerkrieg von 1648 und die Souveränitätswirkung des zeremoniellen Zepters zu diskutieren.

Das angesproche Zepter muss für den Teil der geschätzten Leserschaft, der sich nicht auf obskure politische Symbolik spezialisiert hat, erläutert werden. Es ist eine Keule aus vergoldetem Silber, die die königliche Authorität symbolisiert. Ohne sie kann das Parlament nicht tagen, nicht diskutieren und keine Gesetze verabschieden.

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Wenn man also die britische parlamentarische Demokratie zum Stillstand bringen will, so muss man nur dieses Zepter einpacken und aus dem Palast von Westminster spazieren. Da die Monarchin laut Verfassung, die im Übrigen nicht auffindbar ist und noch nie von jemandem gesehen wurde, keine wirklichen exekutiven oder legislativen Befugnisse hat, würde damit auch die Königin ausgeschaltet.

Aber in einem zivilisierten Land wird so etwas sicher nicht passieren, oder?

Nun, vergangenen Dezember versuchte es ein Abgeordneter. Das Ende des politischen Systems, wie wir es kennen, konnte nur durch das beherzte Eingreifen einer Dame mit Schwert verhindert werden. Und welches Land wäre schon so fahrlässig, im 21. Jahrhundert auf die Anwesenheit von Damen mit Schwertern im Parlament zu verzichten?

PS 1: Wenn der ehrenwerte Abgeordnete aus Brighton Kemptown es geschafft hätte, das Zepter ohne einen Kratzer in die nächste Kirche zu bringen und dort einen Bischof zur Durchführung der notwendigen Zeremonie angetroffen hätte, so hätte er König werden können. Allerdings nur, wenn er kein Katholik ist.

PS 2: Ein Argument der Brexit-Befürworter gegen die Europäische Union war, dass diese angeblich undemokratisch sei und undurchsichtigen Verfahrensregeln unterliege.

Links:

  • Mehr Artikel über den Brexit.
  • Ein weiteres Beispiel für die mythische Überhöhung von absurden Objekten in Großbritannien ist der Stein von Scone.
  • Dieser Artikel erschien auch im Freitag.
  • Read this article in English.
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Deutsche Entwicklungshilfe

Wenn deutsche Behördenvertreter nach Copacabana am Titicaca-See kommen, sehen sie sofort, woran es mangelt.

FB Inka Road.jpgKind vor Kirche.JPGCopacabana von oben AbendlichtBoote vor Sonnenuntergang

Na, ist Euch nichts aufgefallen?

Seht noch einmal genau hin.

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Diesem Idyll in Bolivien fehlt doch ganz klar die Mülltrennung am Strand, stolz gestiftet von der deutschen Botschaft.

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Währenddessen wird nirgendwo in Europa so viel Verpackungsmüll produziert wie in Deutschland, und auch wir kennen uns mit den verschiedenen Tonnen anscheinend nicht so richtig aus.

Soweit ich das gesehen habe, landete einfach jeder Müll in irgendeiner Tonne. Aber immer noch besser als auf der peruanischen Seite des Sees, wo der Müll ins Wasser geworfen wird.

Links:

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„Endstation Brexit“ von Ralf Grabuschnig

Die beste Serie, die zur Zeit im Fernsehen läuft, sind die Übertragungen der Brexit-Debatten aus dem britischen Unterhaus. Nicht wegen der antiquiert anmutenden Theatralik in einem für die Zahl der Abgeordneten viel zu klein geratenen Raum, sondern wegen der rhetorischen und manchmal sogar inhaltlichen Glanzlichter.

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Zuerst verglichen mehrere Abgeordnete in Westminster die Komplexität des britischen EU-Austritts mit der Schleswig-Holstein-Frage im 19. Jahrhundert. Als Süddeutscher musste ich erst einmal Wikipedia bemühen und war dann beeindruckt ob des Vergleichs.

Dann wollte die Regierung von Theresa May zum dritten Mal das mit der EU ausgehandelte Austrittsabkommen zur Abstimmung ins Parlament einbringen, als ein Abgeordneter aufstand und darauf hinwies, „dass es gängige Praxis dieses Hauses seit 1604 ist, dass ein bereits abgelehnter Gesetzesvorschlag in der gleichen Legislaturperiode nicht erneut zur Abstimmung gebracht werden darf.“ Seit sechzehnhundertvier!

Da erblasst man als deutschsprachiger Zuschauer vor Neid. 1604 hatten wir nicht nur noch kein Parlament, sondern auch noch kein Deutschland. Und so entgeht uns die Möglichkeit, 2019 im Bundestag oder im Nationalrat Präzedenzfälle aus dem 17. Jahrhundert zu bemühen. Der Parlamentspräsident gab dem Einwand übrigens recht und setzte die Abstimmung ab. Theresa May kann nun den Frust von König James I. über das Parlament nachvollziehen.

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Das hat mit dem Brexit nicht mehr viel zu tun, aber weil dieses Brexit-Chaos keinen Sinn ergibt, nimmt man ihn auch viel besser als Anlass, um sich mit der Geschichte Großbritanniens zu befassen. Das hat sich auch der Historiker Ralf Grabuschnig gedacht und mit Endstation Brexit ein Buch veröffentlicht, das die wechselvolle Geschichte Großbritanniens und Europas betrachtet und versucht, den Brexit historisch einzuordnen.

Wie bei der Geschichte eines so geschichtsträchtigen Landes nicht anders zu erwarten, gibt es gar nicht so viel Neues unter der Sonne. (Wenn in Großbritannien denn nur mal die Sonne schiene.) Grabuschnig zeichnet die großen Linien der vergangenen zwei Jahrtausende nach. Es beginnt mit der römischen Eroberung der Insel und damit dem ersten Kontakt der Briten mit einer europäischen Großmacht, die versuchte, in Oxfordshire und Sussex die gleichen Verordnungen und Richtlinien durchzusetzen wie in Rom oder Brüssel. In einer Art Referendum setzen die Briten dem um 410 ein Ende. Andererseits gab es immer wieder tiefgreifende Verbindungen zwischen dem Kontinent und den britischen Inseln, von einfachen Völkerwanderern bis zu Königshäusern.

Und auch Brexits gab es immer wieder mal, zum Beispiel als Heinrich VIII. sich 1534 von der Römisch-Katholischen Kirche unabhänig erklärte. Die anglikanische Kirche verstand und versteht sich übrigens weiterhin als katholische, nicht als protestantische Kirche, was vielleicht ein gutes Beispiel für die Schizophrenie ist, aus der EU auszutreten, aber weiterhin im Binnenmarkt sein zu wollen.

did4mogvaaa6l0-Grabuschnig ist nicht nur erkennbar anglophil (man könnte ihn fast einen Britenversteher schimpfen, wenn man nicht selbst gewisse Gefühle für dieses ulkige Land hätte), sondern auch darum bemüht, den Mythos der trockenen und langweiligen Geschichtswissenschaft zu zertrümmern. Wie schon auf seinem Blog erzählt Grabuschnig locker und flott, mehr an Geschichten und Zusammenhängen als an Daten und Ahnentafeln interessiert, die andere Werke über die britische Geschichte oft ziemlich trocken machen.

Nur bei der Bewertung der aktuellen Lage wäre ich nicht so gelassen wie der Autor („der Brexit soll sich mal nicht so aufspielen“). Zwar haben sich England bzw. Großbritannien und Europa immer wieder aufeinander zu und voneinander weg bewegt, doch waren wir noch nie so eng wirtschaftlich und juristisch verflochten wie jetzt in der EU. Und das aktuelle Chaos auf britischer Seite wird nicht dadurch weniger furchterregend, dass England sich nach dem Hundertjährigen Krieg schon einmal vom europäischen Kontinent zurückgezogen hat.

Ich wünsche, Ralf Grabuschnig behält Recht, wenn er hofft, dass diese neue englische Abkehr von Europa nicht von Dauer sein wird. Aber bis dahin wird viel zerstört werden, im Verhältnis des Vereinigten Königreichs zur Europäischen Union (schon der erste Beitrittsversuch in den 1960er Jahren klappte nicht), im Verhältnis der Landesteile untereinander und, von den meisten Briten hochmütig postkolonial übersehen, im Verhältnis zu Irland.

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Weltfrauentag

Heute ist der Weltfrauentag, aber viele scheinen nicht so richtig zu wissen, was sie damit anfangen sollen.

  • Es ist KEIN Tag für diejenigen, die den Valentinstag vergessen haben,
  • EBENSOWENIG eine zweite Chance für diejenigen, deren Objekt der Begierde sich seitdem schon wieder geändert hat.
  • Es ist KEIN Tag, um Blumen, Herzchen oder andere kitschige Bilder an seine Facebook-Freundinnen zu schicken.
  • Es ist NICHT der Muttertag.
  • NICHTS wird dadurch erreicht, dass man einen „Fröhlichen Frauentag“ wünscht.
  • Und es ist absolut KEIN Tag, an dem Unternehmen „Sonderangebote zum Frauentag“ offerieren sollten.

Dieser Tag ist ein Tag des Kampfes!

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Wie diese italienischen Partisaninnen zeigen, könnt Ihr dabei ja immer noch modisch auftreten, wenn Ihr wollt, aber die Waffen und der Kampf sind das Wichtige.

Der 8. März ist ein politischer Tag, ein Tag der Gleichberechtigung, der gleichen Teilhabe, sowohl politisch wie auch wirtschaftlich und sozial. Sonderangebote von Schminksets oder Geschirrspülmittel zum Frauentag sind eher kontraproduktiv, wenn man will, dass Frauen über den Status von Barbiepuppen hinauskommen.

Nur in Bolivien scheint man verstanden zu haben, worum es geht:

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Die Grenze zwischen Europa und dem Orient

Wo genau liegen die Grenzen Europas? Eine Frage, mit der man ganze Grillabende unterhalten kann, insbesondere wenn man Ćevapčići und Döner serviert.

Die Europäische Union allein kann es nicht sein, denn wieso sollten San Marino, Norwegen und bald Großbritannien nicht dazu gehören? Außerdem wären dann Mayotte und Französisch-Guyana auch Teil Europas. Meere sind eine schöne natürliche Grenze, wobei Island europäisch sein will und Karthago viel mehr mit Europa zu tun hatte als der barbarische Teil Germaniens. Außerdem gibt es im Osten kein durchgehendes Meer. Das Uralgebirge ist doch eine ziemlich arbiträre Wahl. Unüberwindbar hoch ist es ja nicht gerade. Die Pyrenäen oder die Alpen sind höher, doch dadurch lässt sich niemand von Europa abschneiden. Und dann dieser dämliche Bosporus, ein nicht gerade beeindruckender Wasserlauf, über den sogar Brücken führen. Warum dann nicht die Wolga oder die Donau, an der entlang man tagelang gehen kann, ohne eine Brücke zu finden? Manche griechischen Inseln liegen nur ein paar Kilometer vor der türkischen Grenze. Und was ist mit Zypern?

Wie gesagt, ein endlos ergiebiges Thema für einen Grillabend. Und vielleicht kann man dabei sogar mal wieder den alten Atlas aus dem Kinderzimmer holen.

Für mich ist seit einer Reise durch den Kaukasus klar, wo die Grenze zwischen Europa und dem Orient liegt: Zwischen Georgien und Aserbaidschan, genau auf der Roten Brücke. An diesem Grenzübergang, je nach Sprache Krasny Most, Tsiteli Khidi oder Qirmizi Körpü gennant, was Ihr Euch alles merken müsst, weil Ihr nicht wisst, in welcher Sprache der Bufahrer das Schild ins Fenster stellt (und es außerdem Красный мост oder წითელი ხიდი schreibt), überschreitet Ihr die Schwelle von der einen in die andere Welt.

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In Georgien ist alles ruhig und entspannt, aber sobald man in das Grenzgebäude auf der aserbaidschanischen Seite tritt, herrschen Chaos, Lärm und Hitzigkeit. Eine ungeordnete Traube von Menschen drängt sich vor den Abfertigungsschaltern, ohne dass einzeln zugeordnete Schlangen zu erkennen sind. Dazwischen schleppen und zerren die Einreisewilligen Säcke mit Kartoffeln, Brot und Sonnenblumenöl sowie zwei Kinderfahrräder. Die Leute beschimpfen sich, schreien sich an oder schlagen sich fast die Köpfe ein. Den aserbaidschanischen Grenzschützern scheint das egal zu sein. Ich kann keine der in den Streitgesprächen verwendeten Sprachen, und hoffe, dass alle Umstehenden merken, dass ich neutral bin. So fühlen sich also die Blauhelme zwischen den Fronten.

Etwas schieben und schubsen muss ich aber leider auch, denn sonst stünde ich nach einer Woche noch im Wartesaal. Mit meinem in Großbritannien erlernten zivilisierten Schlangenanstehstil mache ich hier keinen Meter gut.

Die eigentliche Grenzabfertigung geht zügig voran, schließlich habe ich vorher schon ein Visum beantragt und erhalten. Aber unmittelbar nach der Grenze, auf festem aserbaidschanischen Boden, wird es noch schlimmer.

Horden von Geldwechslern und Taxifahrern stürzen sich auf mich. Alle bestreiten, dass es einen Bus nach Ganja gibt. Der Bus nach Baku bestreitet, dass er durch Ganja fährt. (Gibt es überhaupt einen anderen Weg?)

Vor einem Laden streiten sich zwei Männer, weil beide behaupten, der Besitzer des Ladens zu sein, und mich auffordern, meine Flasche Cola beim einen anstatt beim anderen zu bezahlen.

Ich weiß, dass es einen Bus nach Ganja gibt. Es ist die zweitgrößte Stadt Aserbaidschans, und es gibt immer Busse, aber ich kann ihn nicht in Ruhe suchen, weil mir ständig vier oder fünf bärtige Männer hautnah auf der Pelle kleben und auf Aseri-Türkisch auf mich einschreien. Nur um wegzukommen, willige ich schließlich ein, dass mich einer von ihnen wenigstens nach Qazax fährt, den nächsten Ort, von wo ich hoffe, die Weiterfahrt nach Ganja in mehr Ruhe organisieren zu können.

Die Landstraße verläuft ziemlich gerade. Auf beiden Seiten heben und senken sich die Hügel, etwas ausgetrocknet (es ist Juli), aber dafür goldgrau. Der blaue Himmel ist durchsetzt von fotogenen kleinen Wolken. Traktoren fahren Heuballen nach Hause. Feldarbeiter reiten auf Pferden zur Kneipe. Eine Schafherde, die von einer Ziege angeführt wird, überquert die Straße und lässt sich vom heranbrausenden Taxi nicht aus der Ruhe bringen.

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Es könnte schön sein, wenn ich nur nicht im Auto eine Lügners und Betrügers säße, der noch immer davon redet, nach Ganja zu fahren, und vorgibt, mich nicht zu verstehen. Notfalls muss ich in Qazax an einer Ampel rausspringen oder den Fahrer überwältigen. Allerdings sieht er gewalterfahrener aus als ich.

Wir passieren einen Armeetruck, sowjetisches Modell, der mit Brennholz beladen wird. Die Soldaten haben dafür einen der Bäume am Straßenrand gefällt. Vielleicht ist das Holz aber auch für eine nahe Möbelfabrik, deren Namen als Einziges noch an Europa erinnert: Avropa Mebel.

Als wir uns Qazax nähern, bitte ich den Taxisten, mich am Busterminal abzusetzen. Wie nicht anders zu erwarten, behauptet er, es gäbe keins. Jetzt reicht’s mir. „Klar gibt es ein Busterminal“, sage ich mit einem überlegen lächelnd und besserwissendem Gesicht. Es ist ein Bluff, aber die Stadt hat etwa 20.000 Einwohner und ist der erste größere Ort nach der Grenze. Da wird es schon einen Busbahnhof geben. „Habe ich noch nie davon gehört“, entgegnet der Fahrer, schulterzuckend wie ein Pokerspieler, dem dein Blatt egal ist, weil er dich am Ende sowieso abknallt.

Ich erhöhe den Einsatz: „Ich zeige Ihnen den Weg“, sage ich, weiterhin so lässig, wie wenn ich in dieser Kleinstadt in Westaserbaidschan aufgewachsen wäre. Aus dem Rucksack hole ich mein Tablet mit GPS und Maps.me, inständig hoffend, dass jemand den Busbahnhof eingezeichnet hat. Erfolg! Nicht nur zeigt es den Avtovağzalı an, sondern auch das Taxi als einen sich rasant auf die Stadt zubewegenden Pfeil.

Ent- und begeistert kann der Piratenfahrer kaum mehr seine Augen von dem fast in Echtzeit seine Position anzeigenden Pfeil nehmen. Ich packe es lieber wieder weg. Die Route habe ich mir gemerkt. Und siehe da, jetzt fällt auch dem Fahrer der Weg zum Busbahnhof wieder ein, wo er mich – das Zaubergerät hat ihm sichtlich Respekt eingeflößt – sogar direkt vor dem Bus zur Weiterfahrt nach Ganja absetzt, auf den er jetzt überraschend höflich und hilfsbereit hinweist.

10 Euro haben mich die 30 km unnützerweise gekostet. Einen schlechten ersten Eindruck von Aserbaidschan gibt es gratis dazu. Der hier gedrehte James-Bond-Film hieß „Die Welt ist nicht genug“, aber ich habe jetzt schon genug.

Natürlich darf man kein Land nach seinen Taxifahrern beurteilen, versuche ich mich zu beruhigen. Aber dann passiert in Ganja das Gleiche: Am Busbahnhof weit außerhalb der Stadt umringen mich wieder Taxifahrer, die sich gegenseitig anschreien. Der, in dessen Lada ich einsteige, kennt die Tebriz-Straße nicht (sie liegt im Zentrum) und muss die Herbergsmutter zweimal anrufen und einen Passanten nach dem Weg fragen. Weil es so länger als geplant dauert (wie auch immer man planen kann, ohne das Ziel zu kennen), erhöht er unterwegs den Fahrpreis von den vereinbarten 10 auf 20 Manat (= 10 Euro). Wenn man hier kein Türkisch oder Russisch kann, ist man echt der Depp.

Drei Tage später komme ich erschöpft, ausgelaugt und etwas verstört (danke an die Aliyev-Familie!) zurück an die gleiche Grenze. Dieses Mal kenne ich mich aus und lasse mir keine überflüssigen Transportdienstleistungen aufschwatzen. Nur meine verbliebenen Manat werde ich noch bei einem Geldwechsler los. Hier funktioniert die Konkurrenz. Die Kurse sind fair.

Auf der georgischen Seite der Roten Brücke decke ich mich in einem begehbaren Humidor mit reichlich Zigarren ein, werde beim Bezahlvorgang aber mit der Frage konfrontiert, in welche Richtung ich reise. Wie es meine Gewohnheit ist, antworte ich wahrheitsgemäß. „Ich bedauere, aber wir dürfen die Zigarren nur verkaufen, wenn Sie aus-, nicht wenn Sie einreisen“, bringt der junge Mann meine Tabakträume zum Platzen. Nicht einmal der Hinweis auf meinen Geburtstag erweicht ihn. Ich bin wirklich wieder in Europa. Regeln sind Regeln.

Praktische Tipps:

  • Nehmt zwischen Georgien und Aserbaidschan lieber den Zug.
  • Und es gibt fast immer einen Bus, egal was die Taxifahrer erzählen. Außer in Deutschland, aber da gibt es nicht einmal genügend Taxis.
  • Falls mal wirklich kein Bus mehr geht, zum Beispiel spätnachts, sind andere Leute in der gleichen Lage, so dass man sich ein Taxi teilen kann. Ich habe ds mal an der Grenze von Ecuador nach Peru gemacht, was zur Bekanntschaft mit Benzinschmugglern führte.
  • Wahrscheinlich hätte ich einfach nur einen Kilometer gehen und dann per Anhalter weiterfahren sollen. Wobei ich in Aserbaidschan auch als Anhalter eine schlechte Erfahrung hatte, aber dazu mehr im Bericht über Göygöl.

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Die nächste Katze ist in Cornwall

Dieses Housesitting entwickelt sich zu einem boomenden Geschäftszweig. Im Katzeninternet werde ich anscheinend als liebevoll und fürsorglich gehandelt, denn Schlag auf Schlag schneien neue Aufträge ins Haus.

Da ich am 28. April aus Kanada nach London zurückkehren werde, habe ich mich in Großbritannien umgesehen und schon für den 29. April den nächsten Auftrag gefunden: Ich werde bis Mitte Mai auf eine Katze in Cornwall aufpassen. (Falls die Katze bis dahin noch lebt und nicht wegen der zu erwarteneden Lebensmittelknappheit nach dem Brexit verhungert oder gar selbst zu Lebensmitteln verarbeitet worden sein wird.)

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So ergibt es sich auf wunderbare Weise, wie fast immer auf meinen Reisen, dass eine Großstadt von einem kleinen Ort gefolgt wird. Auf den kalten Norden folgt die sonnige Küste. Auf Winter folgt Frühling. Auf Katze folgt Kater.

Wohnen werde ich für diese zwei Wochen in Newquay. Während der Rest Cornwalls ein ruhiges Wander-Paradies ist, ist diese Kleinstadt zwar eher die Surfing-Sause, aber ich hoffe, dass die Surfer Anfang Mai noch nicht aufgewacht oder noch auf der Südhalbkugel sind. Und auf den Wanderwegen entlang des South West Coast Path werden schon nicht zu viele bekiffte Möchtegern-Hippies unterweg sein.

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Ab Mitte Mai stehen dann aber Universitätsseminare und Hausarbeiten auf dem Programm, so dass ich den Sommer hauptsächlich in Deutschland verbringen werde. Für die eine oder andere Wanderung wird aber hoffentlich Zeit sein. Und wenn jemand im Sommer noch einen Housesitter braucht, meldet Euch!

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Ein Spaziergang durch Tiflis

Zum Geburtstag verreise ich gewöhnlich in ein neues Land, am liebsten allein. Im Juli 2017 gönnte ich mir aus diesem Anlass eine Kaukasus-Rundreise (und feierte meinen 42. Geburtstag unerwartet mit dem aserbaidschanischen Ex-Präsidenten).

Die georgische Hauptstadt Tiflis hat es mir dabei so angetan, dass sie einen besonders langen Artikel bekommen hat. Weil ich weiß, dass Ihr nicht viel Zeit habt, habe ich ihn in 52 Kapitel unterteilt, so dass Ihr die Lektüre auf mehrere Tage aufteilen könnt (oder leicht wieder den Einstieg findet, wenn Euch der Chef auf der Arbeit beim Lesen stört). Außerdem könnt Ihr so leichter die für Euch uninteressanten Kapitel überspringen.

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Nachdem ich in Kutaisi, der flugverbindungsbedingt ersten Station in Georgien, nur ein paar Häuser entfernt von der Georgischen Gesellschaft für Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler nächtigte, wohne ich in Tiflis gegenüber dem Haus des Schriftstellerverbandes. Vielleicht ist es Zufall, vielleicht aber auch ein Zeichen für die Intellektualität des Landes.

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2

Das in den Räumen der Schriftstellergewerkschaft betriebene Restaurant Littera gilt als hervorragendes Beispiel der „neuen georgischen Küche“, aber mit meinem bescheidenen Bloggereinkommen kann ich mir dort kein Menü leisten. Ich hole mir stattdessen ein Chatschapuri.

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In der gleichen Straße, nach dem 1898 spurlos verschwundenen Schriftsteller Ivane Machabeli benannt, liegt das Café Kiwi. Dieses vegetarische Restaurant wurde vor kurzem Ziel eines Angriffs von Anti-Vegetariern, die Gäste mit Würsten bewarfen. Neben Fleischstücken hagelte es Vorwürfe, wieso man denn nicht „wie normale Menschen“ Fleisch essen könne. Das waren wohl die älteren und ländlicheren Traditionalisten, die sich vor jeder Kirche dreimal bekreuzigen und im Dorf stolz herumerzählen, wenn der Sohn oder die Tochter einen Studienplatz im Erasmus-Ausland ergattert hat, dann jedoch all die Ideen, die junge Leute aus Großstädten, von Universitäten und aus der EU mitbringen, als Gefahr für die Georgischheit des Landes sehen.

Dabei höre, sehe und verspüre ich im Großen und Ganzen keine Zweifel an der Orientierung nach Europa. Der anderswo in Osteuropa zu beobachtende Spagat zwischen der EU und Russland spielt in Georgien, das zuletzt 2008 einen Krieg mit Russland führte, keine Rolle.

3

Es ist so heiß in Tiflis, dass die Vermieterin vorschlägt, ich solle die Wohnungstür, die ebenerdig in einen großen Innenhof führt, offen lassen und nur das Fliegengitter aufhängen. Ich befürchte aber zu viele neugierige Blicke auf den temporären Nachbarn. Vielleicht wirft mir auch noch jemand aus Protest ein paar Bratwürste ins Wohnzimmer.

Mit dem ersten Abendspaziergang warte ich bis 17:45 Uhr, aber es ist noch immer drückend heiß.

4

Tamuna beschreibt das Viertel, in dem sie die gemütliche Wohnung vermietet, so: „Sololaki ist ein charmantes, historisches Viertel des alten Tiflis, vor allem geprägt von Architektur aus dem ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Man nannte das den kaukasischen Jugendstil. Tiflis wollte damals mit den beiden Hauptstädten des Russischen Reichs, Moskau und Sankt Petersburg, konkurrieren.“

Nicht ohne Erfolg, wie mir scheint.

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Die eisernen Balkone sind übrigens relativ neuren Datums, sie wurden unter dem russischen Zaren anstelle der als altmodisch angesehenen Holzbalkone verordnet.

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Die Georgier gehorchten, verlegten die Holzbalkone aber einfach auf die Rückseite der Häuser, was zu gemütlichen Innenhöfen führt. So zeigen manche Häuser vorne eine europäische Fassade und innen oder hinten die orientalische Seele.

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Wie Andrej Bitow im „Georgischen Album“ schreibt:

Die Stadt erinnert an einziges Haus mit wild wuchernden Etagen, Anbauten,
Aufbauten und Galerien, wie auch jedes ihrer Häuser auf seine Weise eine Stadt ist.
Jeder ihrer Zweige ist im gleichen Sinne unvollendet wie ein lebendiger Zweig, der
eine Knospe trägt, der wächst. Sie können nicht sicher sein, ob an diesem Haus nicht
noch ein Balkönchen hinzukommt oder ein Treppchen oder noch ein Speicher am
Speicher – sei es, weil Sie ihn gestern nicht bemerkt haben, sei es, weil er morgen
aufgestockt wird.

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Besonderen Humor beweist das Forschungszentrum für georgische Kunstgeschichte und Denkmalpflege, das Besucher besonders denkmalgepflegt empfängt.

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Dass sie zu heftig auf den Putz hauen, kann man den Leuten hier nicht vorwerfen.

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Schön herausgeputzt ist dagegen der Freiheitsplatz, nur ein paar Blocks von der Wohnung gelegen und Orientierungspunkt auf meinen ausgedehnten Spaziergängen. Bis 1990 stand hier Lenin, jetzt wacht der georgische Schutzpatron Georg.

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Eines der schönen Gebäude am Platz der Freiheit beherbergt das „Information Center on NATO and EU“, vielleicht eine unglückliche Bürogemeinschaft, da Georgien ja durchaus Mitglied in der einen aber nicht in der anderen Gemeinschaft werden könnte und weil somit dem russischen Narrativ, die EU sei wie die NATO eine aggressiv-expansive anti-russische Organisation (was in beiden Fällen falsch ist), Nahrung gegeben wird.

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Direkt vor dem Gebäude bietet ein Bücherflohmarkt ironischerweise – oder ist es ein Zeichen des Protests? – hauptsächlich russische bzw. sowjetische Literatur, inklusive den „Atlas der UdSSR“, an. Deutlicher kann man den Verlauf der Geschichte nicht demonstrieren.

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9

Ein auf der alten Stadtmauer errichtetes Haus sieht mit seinen Holzveranden und dem Schornstein wie ein Raddampfer auf dem Mississippi aus. Frisch getüncht in hoffnungsvollem Himmelblau steht es bereit zur Abfahrt gen Westen, wie so vieles in diesem Land.

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Mal sehen, ob es am Abend noch da sein wird.

Die Reisebüros bieten unterdessen Flüge nach Astana, Aktau und Charkiw an. Die Verbindung mit den ehemaligen Sowjetbrüdern und -schwestern will eine Generation später nicht einfach so abreißen.

Georgische Soldaten laufen in US-Uniformen durch die Stadt. Die NATO-Aspiration drückt sich in der Mode aus. Gut, dass die USA nicht so kindisch wie Griechenland sind, sonst würden sie die westlichen Bestrebungen Georgiens wegen der Namensgleichheit mit dem US-Bundesstaat Georgia im Keim ersticken.

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Zum Abendessen hatte ich mich eigentlich mit Eka verabredet, aber da sie Zahnärztin ist, hatte ich die ganze Zeit ein ungutes Gefühl. Als ich am Gabriadze-Theater vorbeigehe und sehe, dass nur heute um 20 Uhr „Stalingrad“ gezeigt wird, treffe ich eine spontane Entscheidung. Zweiter Weltkrieg ist besser als Wurzelbehandlung.

Das Mädchen an der Kasse liest, wie um meine Aussagen über die georgische Westorientierung zu bestätigen, Kafkas „Amerika“ und ist über die Unterbrechung nicht begeistert. Dafür verlangt sie den Höchstpreis von 30 Lari für das Ticket, das sind etwa 10 Euro.

Es bleiben mir, und damit Euch, noch ein paar Stunden bis zur Vorstellung, also wollen wir ein wenig ziellos durch die Stadt spazieren und versuchen, uns den Rückweg zu merken. Das Theater wird von einem lustigen Türmchen geschmückt, sollte also leicht wieder zu finden sein.

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In der Nähe des Gabriadze-Theaters liegen ein paar sowjetische Kinderbücher aus. Ohne Preis und ohne Verkäufer(in), vielleicht einfach so zum Mitnehmen für Kinder, Nostalgiker oder Russischstudenten.

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Kurz muss ich durch eine von diesen nervigen Straßen, wo links und rechts ein Touristenrestaurant neben dem anderen klebt und wo einem junge Frauen und Männer Speisekarten in den Weg halten. Wirklich gutes Essen wird sich so nicht anpreisen lassen müssen.

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Vor den übertrieben gut gelaunten Touristenjägern fliehe ich in die Düsterkeit der Antschischati-Kathedrale, die eher wie eine kleine Kapelle aussieht. Aber die Geschichte macht’s, und sie ist die älteste erhaltene Kirche in Tiflis, aus dem 6. Jahrhundert.

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Außerdem ist eines der Bilder – keine Ahnung welches – eine von Jesus selbst gemalte Ikone und daher super-wichtig und -heilig. Irgendwie ging es dabei um den König von Edessa, einem Brieffreund von Jesus, der an Gicht litt und der den Wunderheiler um einen Besuch bat. Jesus hatte gerade keine Zeit, also presste er sein Gesicht in ein Tuch und übersandte dies an den König. Dieser gesundete wie erwartet auf wundersame Weise, falls diese beiden Attribute keinen Widerspruch darstellen. Dieses Selbstporträt ist der Ursprung aller Jesusbildnisse.

Von alten Frauen in Kapellen, Kirchen, Kathedralen und Klöstern lernt man allerhand, aber als Geschichtsstudent würde ich mal ganz vorsichtig den Wahrheitsgehalt anzweifeln. Vielleicht habe ich es aber auch nur nicht richtig verstanden. Ich kann ja eigentlich gar kein Georgisch. Jedenfalls hat mich die Nonne, oder was immer sie war, eindringlich darauf hingewiesen, dass man vor jener Ikone nicht beten dürfe.

„Sie müssen sich keine Sorgen machen, mein Fräulein“, erkläre ich, „ich bin Atheist“. Anstatt sich darüber zu freuen, belegt sie mich mit einem Fluch. Seither irre ich ziellos durch die Weiten der Wikipedia, von der Abgarlegende zum Mandylion von Edessa, vom Archeiropoieton zu Eusebius von Caesarea, vom Manichäismus zu den Zoroastriern (denen wir in Kapitel 22 erneut begegnen werden).

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Um ein paar Ecken, versteckt zwischen Cafés – ein Eis muss bei dieser Hitze als Abendessen genügen – und Clubs für Elektromusik, ist eine Synagoge. Eine alte Frau sitzt auf einem Stuhl vor dem schweren Eisentor, bemerkt mein Interesse (vielleicht kann ich hier mehr über den malenden Messias erfahren?) und bedeutet mir, dass die Tür offen ist. Im Hof sitzen ein paar Männer, die mich freundlich grüßen. Ich frage nach einer Kippa, der Kopfbedeckung, und der Mann, der aufsteht und sie mir holt, lässt sich anmerken, dass er das für übertriebene Förmelei und Frömmelei hält. Hier geht es locker zu.

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Im Gebetsraum sitzen drei Jungs um einen Tisch mit Exodus, Leviticus und Cola-Flaschen. Gerne würde ich mich mit ihnen unterhalten, um mehr über die wenigen in Georgien verbliebenen Juden zu erfahren. Aber die Zeit drängt. Ich muss nach Stalingrad. Denn „wer zu spät erscheint, wird nicht eingelassen“ steht auf dem Billet. Diese Option hätten die Männer der 6. deutschen und der 21. sowjetischen Armee 1942/43 auch gerne gehabt.

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Das Theater ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Ein praktischer Tipp: Ihr könnt die Karten auch am gleichen Tag bis um 19 Uhr erwerben, aber wenn Ihr mehrere Tage in Tiflis seid, kümmert Euch sicherheitshalber am ersten Tag um die Karten.

Das Gabriadze-Theater ist ein Puppentheater. Eigentlich nicht so mein Ding, aber es ist kein klassisches Puppentheater mit Kasper und Krokodil, eher eine Kunstform sui generis. Noch nie habe ich beispielsweise eine so kreative, einfache und dennoch eindringliche Darstellung des Vormarschs der Wehrmacht erlebt. Ich könnte versuchen, es zu beschreiben, aber seht es Euch besser selbst an.

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Genial ist die Idee, eine Schlacht mit 700.000 Toten nicht aus menschlicher, sondern aus tierischer Perspektive darzustellen.

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Aber traurig ist es. Dabei geht es gar nicht so sehr um Stalingrad, sondern um enttäuschte Liebe, um den Tod und das Leben allgemein, um die Lügen der Sowjetunion gegenüber ihrer Bevölkerung, um Stalin. Auf Russisch wirkt das ganze noch melancholischer. (Der englische Text wird über der Bühne eingeblendet.) Zum Schlussmonolog der Ameise kann ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Auch dem Jungen neben mir läuft hörbar die Nase. Dafür applaudieren wir umso heftiger.

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Das Dampferhaus hat schon die Beleuchtung angeworfen und ist bereit zur Fahrt über das Schwarze Meer, das übrigens gar nicht so düster ist, wie es sich anhört.

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„This is the Presidential Palace,“ erklärt ein Reiseführer die kürzliche Verfassungsänderung, „but the main guy is now the Prime Minister.“ Geprägt hat die Architektur entlang des Mtkvari-Flusses aber noch der frühere Präsident Micheil Saakaschwili (2004-2013), der dachte, dass Westorientierung nur mit viel Stahl und Beton zu machen ist und deshalb hässliche Brücken und Gebäude erbauen ließ.

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Die zwei Metallröhren, die wie Abflussrohre aussehen, gehören zum Konzerthaus. Die Kuppel des Präsidentenpalasts ist sehr offensichtlich eine Kopie des Berliner Reichstags.

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Naja, wenigstens gibt es davor den Rike-Park, so dass hoffentlich mal alles mit Bäumen, Pianos und Schachfiguren zuwächst.

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Mittlerweile ist Saakaschwili in Ungnade gefallen, nicht nur wegen seines schlechten architektonischen Geschmacks, und wurde aus dem Land gejagt. Sicherheitshalber hat ihm Georgien auch die Staatsbürgerschaft entzogen, ein wohl einmaliger Vorgang bezüglich eines ehemaligen Präsidenten.

Überhaupt ist Georgien ziemlich locker im Umgang mit Präsidenten und Staatsürgerschaften: Die jetzige Präsidentin Salome Surabischwili war eigentlich französische Botschafterin in Georgien, bevor sie abgeworben und zuerst georgische Außenministerin und dann Präsidentin wurde. Ich passe besser auf; nicht dass mir hier noch jemand ein Amt aufs Auge drückt.

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Noch nirgendwo habe ich übrigens so viele quengelnde Kinder gesehen bzw. gehört. Es wird Zeit, dass die Schule wieder anfängt.

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Für mich das Schönste an Tiflis ist, dass es beispielsweise nur zwei Blocks vom reichlich aufpolierten Platz der Freiheit so aussieht:

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Häuser, von denen teilweise nicht klar ist, ob sie noch bewohnt sind, die vor dem Umfallen gestützt werden müssen. Hier ist es auch tagsüber vollkommen ruhig. Ein Auto aus der Sowjetzeit träumen davon, mal ein BMW zu sein.

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Den nächsten Tag beginne ich religiös.

Zuerst gehe ich zur Großen Synagoge, nachdem ich anhand des Stadtplans gesehen habe, dass die gestern besuchte nur eine der kleinen ist. Bewacht wird diese nicht von einer alten Frau, sondern von einer weißen Katze, wahrscheinlich derjenigen, von der wir laut Eruvin 100b die Bescheidenheit lernen können.

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Eine Besuchergruppe aus Israel ist gerade da, so dass die Führung zum Glück auf Hebräisch und nicht auf Qiwruli, dem Judäo-Georgisch, stattfindet. Damit verstehe ich wenigstens ein paar Worte. Ashdod und Ashkelon sind anscheinend die Städte in Israel mit der größen Einwanderung aus Georgien. Der Vertreter der Gemeinde stellt die in Tiflis verbliebene Gemeinde jedoch als aktiv dar, mit zwei koscheren Restaurants und zwei Tora-Schulen.

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Den religiösen Morgenspaziergang setze ich fort bei den muslimischen Kollegen. In der Juma-Moschee bin ich der einzige Besucher. Eine Frau im sowjetischen Blümchenkleid gewährt mir Einlass. Vor dem Betreten des Gebetsraums ziehe ich die Schuhe aus, aber ansonsten geht es auch hier locker zu. Falls doch mal jemand aus einer der arabischen Touristengruppen, von denen einige Frauen auch in Georgien den Hidschab tragen, in die Mosche kommt, werden sie sich wundern.

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Die Moschee ist aus rotem Backstein errichtet, übrigens genauso wie die Große Synagoge, was in mir eher Assoziationen an britische Industriestädte oder Hansestädte als an den Orient weckt. Ein Kachelofen steht im Raum, wie in einem gemütlichen Wohnzimmer.

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Es gibt keinen gesonderten Bereich für Frauen, sondern alle beten zusammen. Allerdings gibt es, und das habe ich noch in keiner Moschee gesehen, zwei Gebetsnischen, anscheinend für zwei Imame. Erst bei Navid Kermani erfahre ich die Auflösung: Die eine Hälfte des Raumes ist für Schiiten, die andere für Sunniten. So einfach kann das gehen. Kein Grund für Schlachten bei Kerbala oder anderswo.

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Wem Synagogen (Kapitel 13 und 20), Moscheen (Kapitel 21) und Kirchen (Kapitel 12) zu Mainstream sind, der kann in der Nähe der Bethlehem-Kirche das älteste religiöse Gebäude Tiflis‘ besuchen: den Tempel der Zoroastrier, wahrscheinlich erbaut zwischen dem 5. und dem 7. Jahrhundert.

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Nachdem mir die verrückte Geschichte von Jesus, dem Malerlehrling, noch im Magen liegt, wage ich mich nicht in diese Kultstätte. Am Ende kommt raus, dass das Christentum eine Idee aus dem Avesta ist, die über die babylonische Gefangenschaft nach Israel kam. Wenn ich hier weiter investigiere, finde ich wahrscheinlich noch den Heiligen Gral, und den kann ich nun wirklich nicht gebrauchen. Lieber einen weiteren Eisbecher.

Falls Dan Brown mal ein Buch über diese irren Thesen schreibt, erinnert Euch bitte daran, wo Ihr es zuerst gelesen habt. Wobei dieser Artikel mittlerweile so ausufert, dass ich das mit dem Buch eigentlich selbst übernehmen könnte.

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An diesem Abend treffe ich mich dann doch noch mit Eka, was sich als ziemliche Zeitverschwendung herausstellt. Während des Abendessens beantwortet sie acht Telefonanrufe, tätigt selbst drei und spielt 22 Mal an ihrem Telefon herum, während ich sie über Georgien auszufragen versuche.

Am nächsten Abend treffe ich zwei iranische Mädchen (dazu später mehr in Kapitel 41), die während des ganzen Abends keine dieser Unhöflichkeiten vornehmen. Kein einziges Mal.

Manche Leute glauben, Technologie bedeute Fortschritt. Aber Technologie ist nur ein Werkzeug, wie ein Hammer oder ein Maschinengewehr oder eine Drohne. Fortschritt sollte sich daran messen lassen, wie wir als Menschen miteinander umgehen, in gesellschaftlichen anstatt in technischen Maßstäben. Sonst ist es nur Fortschrott.

Das einzig sinnvolle an dem Abend mit Eka ist, dass sie mir noch ein Tal mit einem Wasserfall zeigt, das fußläufig zu erreichen ist. Nachts quaken hier so viele Frösche, dass ich mir wünsche, der Muezzin von der nahen Juma-Moschee würde öfter und lauter rufen, um die biblische Plage (2 Mos 8:1) zu vertreiben.

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Am nächsten Morgen komme ich wieder, weil ich das Tal ohne Telefonate und Frösche genießen will. Die hohen Felswände spenden Schatten und bieten denjenigen eine Lösung, die sich von einer Beziehung lösen möchten, deren anfänglich gewünschte Unendlichkeit sie mit dem Anbringen eines Vorhängeschlosses an der Brücke unterhalb des Wasserfalls zelebriert haben.

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Wie der Wasserfall, so strömt auch schon der Schweiß, obwohl es erst 10:15 Uhr ist. Ich will eigentlich nur mehr in die kühle Wohnung in der Machabeli-Straße. Wenn es nicht mein Geburtstag wäre, würde ich um diese Jahreszeit nicht verreisen. Irgendwie muss ich das nächstes Jahr anders gestalten. Vielleicht nach Island. Oder Alaska.

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Da sehe ich den Botanischen Garten auf dem Stadtplan. Das klingt verlockend nach schattigen Bäumen, kühlenden Bächen und Zeit für ein Buch. Der scheinbar kürzeste Weg führt über ein paar Hügel, und plötzlich finde ich mich im Botanischen Garten, ohne ein Ticket gelöst zu haben. Ein Gärtner, der mich sieht, weist mich freundlich darauf hin, und ich zahle 2 Lari (0,65 Euro) Eintritt.

Der jetzige Botanische Garten ist der frühere königliche Garten aus dem 17. Jahrhundert. Hoch auf einem Felsen sind noch Reste der Festung Narikala erkennbar.

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Ich beginne die Wanderung also besser mit einer Pause im Café. Es ist im modernen Glasbaustil gehalten, der zur Zeit Saakaschwilis beliebt war, aber die Hitze speichert wie ein Ofen. Die alten Holz- oder Ziegelsteinhäuser sind sinnvoller und schöner. Ein weiteres Beispiel für nur oberflächlichen Fortschritt, der in Wirklichkeit Rückschritt bedeutet. Das bestellte Eis ist auf dem Weg von der Küche zum Tisch schon halb geschmolzen.

Der Botanische Garten ist wirklich ein schöner Ort für einen Spaziergang durch das Tal des Flusses Tsavkisistskali, von dem jetzt im Sommer allerdings nicht viel zu sehen ist. Merkt Ihr Euch eigentlich all die Namen?

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Irgendwie zieht es mich dann trotz Hitze zum höchsten Punkt (ein Grund, warum ich meist alleine reise), wo Mutter Georgien mit Schwert und Weinglas über Tiflis thront.

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Vater Georgien ist nicht zu sehen. Wahrscheinlich ist er als Gastarbeiter irgendwo in Mitteleuropa. Oder im Krieg um Südossetien gefallen.

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Zu erklimmende Hügel mit Kirchen, Burgen und Aussichtspunkten gäbe es übrigens noch genug. Aber dafür komme ich mal zurück, wenn es weniger als 40 Grad hat.

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Ein weiterer Ort, um sich vor der Hitze zu verstecken, ist das Georgische Nationalmuseum. In der Eingangshalle ist eine Ausstellung über die „Out of Eden“-Wanderung von Paul Salopek, die auch durch den Kaukasus führte. Hoffentlich war er schlauer als ich und kam nicht im Juli hier vorbei.

Das Museum ist von 10 bis 18 Uhr geöffnet, außer montags. Der Eintritt kostet 7 Lari (2,30 Euro), und Führungen gibt es auch auf Deutsch oder Englisch. Für Studenten kostet der Eintritt nur 1 Lari (0,30 Euro), aber ich werde erst ab Herbst studieren und habe noch keinen Studentenausweis.

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Im Keller lagert der Goldschatz der Argonauten. Irgendwie weiß ich, dass das alles etwas mit Jason, mit dem Goldenen Vlies, mit Medea und mit Kolchis zu tun hat, aber so richtig werde ich nicht schlau aus dem georgischen Fort Knox. Wer dazu mehr erfahren will, dem sei der prunkvolle Bildband „Medeas Heimat. Georgien in der Antike“ empfohlen.

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Die Ausstellungen von Goldmünzen, Schädeln, Faustkeilen, Röcken und Halsschmuck erregen wie in allen Rumpelkammermuseen dieser Art nicht mein Interesse. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich eher für die Geschichte des 20. Jahrhunderts als für das Paläozoikum interessiere. Oder daran, dass ich mich eher für erzählte und erklärte Geschichte als für Objekte interessiere. Ein Tontopf erzählt mir nichts über Familienstrukturen, ein Schwert nichts über die Kreuzzüge und eine Goldmünze nichts über den schon früh globalisierten Handel. Ich will Zusammenhänge, nicht Einzelstücke, und das sollte ein Museum leisten. Die wenigsten tun das.

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So steige ich, das Mittelalter und die Schlacht am Didgori überspringend, in den 4. Stock, wo eine Dauerausstellung über die, wie es hier heißt, sowjetische Besatzung von 1921 bis 1991 meine Aufmerksamkeit für ein paar Stunden fesseln wird. (Ein weiterer Grund, warum ich meist allein reise.)

Keine Sorge, ich werde das hier nicht in alle Breite auswalzen wie ein sowjetischer Panzer, der Demonstranten plattwalzt. Aber ein bisschen muss ich schon davon erzählen. Wer sich nicht für Geschichte interessant, springt einfach zu Kapitel 37.

Die Geschichte eines jeden Nachbarstaats Russlands bzw. der Sowjetunion im 20. Jahrhundert (und vielleicht noch immer) ist von Russland bzw. der Sowjetunion geprägt.

Nach der Februar- und der Oktoberrevolution 1917 in Russland gab es bekanntlich ein kurzes Hin und Her, das von außen betrachtet wie Chaos erschienen haben mag, in Wirklichkeit aber von Boris Pasternak oskarwürdig choreographiert war. Jedenfalls gab es zuerst die Transkaukasische Föderation, die nicht lange bestehen sollte (April-Mai 1918). Die georgische Nationalversammlung fand das zu unsicher und suchte sich einen Freund im Westen. Bei der Auswahl nahm man einfach das im Telefonbuch nach Georgien stehende Land: „Germany“. Ein großer Fehler, denn, wie noch viele Georgier herausfinden sollten, wer sich mit Deutschland einlässt, begeht den Fehler seines Lebens. (Zumindest in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mittlerweile sind wir ganz nett.)

Deutschland, immer bereit, überall in der Welt auf dicke Hose zu machen, sicherte zu, ein unabhängiges Georgien vor dem Osmanischen Reich zu beschützen. Deutschland erhielt Mangan, Kupfer und Erdöl und stationierte dafür 3.000 Soldaten in Georgien. Kaiser Wilhelm II., größenwahnsinnig wie eh und je, propagierte 1918 einen deutsch dominierten „Südostbund“ zwischen Ukraine und dem Kaspischen Meer, von wo aus man mit den arischen Brüdern in Persien gemeinsame Sache gegen die Briten in Indien machen könnte.

Schulenburg.JPGGeorgien, benebelt von der Idee der Unabhängigkeit, vielleicht aber auch von zu viel Wein und Tschatscha, dachte blauäugig, dass es um Georgien ging, und erklärte sich im Mai 1918 als Demokratische Republik Georgien unabhängig. Auch dabei hatten anscheinend die Deutschen die Hände im Spiel, denn das Museum gedenkt dem damaligen deutschen Konsul als Mitautor der Unabhängigkeitserklärung.

Die Westorientierung Georgiens war interessanterweise schon damals offensichtlich. Premierminister Noe Schordania sagte 1918: „Sowjetrussland hat uns eine militärische Allianz angeboten, die wir abgelehnt haben. Wir befinden uns auf unterschiedlichen Pfaden. Sie gehen nach Osten, wir nach Westen.“

Die deutschen Truppen mussten dann abziehen, weil man bei der ganzen Planung übersehen hatte, dass Deutschland den Ersten Weltkrieg verlieren würde.

Die nächsten Jahre ging es auch in Georgien hin und her, immer bedroht von dem mittlerweile kommunistischen Russland. Was die Georgier besonders ankotzt, ist dass Russland im Mai 1920 Georgiens Unabhängigkeit anerkannte, aber schon im Februar 1921 militärisch einfiel. Sehr unfair.

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Das Museum illustriert all dies mit Dokumenten und Filmaufnahmen aus der Zeit, erklärt aber auch die Zusammenhänge. Das ist schon besser als bei den goldenen Raumfahrern. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich mehr von den weltpolitischen Zusammenhängen verstehe, und diejenigen von Euch, die andere Interessen haben, sind schon eingenickt wie auf einer langen Zugfahrt nach Sibirien.

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Nach Sibirien gingen damals viele Züge, aber noch mehr Menschen wurden einfach exekutiert. Von 1921 bis 1926 wurde die georgische Elite, der Adel, der Klerus, die Großbauern und die Intelligenz, eliminiert. Danach gab es immer wieder Erschießungs- und Vertreibungswellen. Die Schautafeln im Museum gehen von einer Unterdrückung zur nächsten Deportation, und man versteht auf Anhieb nicht so ganz, was der Unterschied zwischen den verschiedenen Epochen in der Sowjetunion bedeutet hat. Repression war eigentlich immer.

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Die Gesamtzahlen sind 80.000 Erschossene, 400.000 Deportierte und 400.000 Tote durch den Zweiten Weltkrieg, wobei ich bei letzterer Zahl bezweifeln würde, dass die sich alle als „Opfer der sowjetischen Besatzung“ gesehen haben würden.

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Die Sowjetisierung schlug sich auch im Stadtbild nieder. Der von mir so geschätzte Jugendstil war plötzlich zu bürgerlich und damit out, wie man auf Russisch sagt.

Dafür kam die moderne Sowjetarchitektur, die paradoxerweise von mir ebenfalls geschätzt wird, auch wenn ich gerne zugestehe, dass sie nicht im klassischen Sinn schön ist. Das bekannteste Beispiel in Tiflis ist wahrscheinlich das frühere Straßenbauministerium.

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Ich meine, mutig war das ja schon irgendwie. Zusammengefallen ist das Experiment nicht, anders als das ihm zugrundeliegende Gesellschaftsmodell. Zur Zeit wohnt die Nationalbank in dem Hochkantlabyrinth.

Und man muss den Sowjets zugute halten, dass sie auch gewöhnliche Werktätige am Arbeitsplatz mit motivierender Kunst beglückten.

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Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs keimte in Georgien teilweise die Hoffnung auf, sich von der Sowjetunion (oder wie es das Museum etwas verfälschend ausdrückt: „vom Russisch-Bolschewistischen Reich“) zu lösen. Aus der Geschichte nichts gelernt habend – die Intellektuellen, die warnen hätten können, waren ja alle tot -, suchten etwa 30.000 Georgier ihr Heil wieder bei den Deutschen und bewarben sich bei der Wehrmacht, die gerade Personalprobleme hatte und deshalb gerne Kaukasier aufnahm.

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Versprochen wurde den Georgiern dafür die Unabhängigkeit ihres Staates, und weil Hitler den Größenwahnsinn Kaiser Wilhelms II. toppen wollte, begann man sogleich mit der Planung eines Reichskommissariats Kaukasien (was der zugesagten Unabhängigkeit diametral entgegenlief) mit Tiflis als Hauptstadt sowie einer Autobahn nach Baku. Bei all der Planung übersah die Wehrmacht, dass der Kaukasus im Norden durch eine hohe Gebirgskette geschützt ist und deshalb nicht so leicht einzunehmen war. Aber wenigstens erhielt die Wehrmacht auf diese Weise Einheiten mit so unarisch klingenden Namen wie „König David Bagrationi-Agamaschenebli“ (Bataillon 799).

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Das alles erfahre ich übrigens nicht im Museum, wo es hauptsächlich um den heldenhaften Widerstand Georgiens gegen die Sowjetunion geht, sondern lese es mir später an. Schade eigentlich, denn so entgeht den Besuchern die Geschichte des georgischen Aufstandes auf Texel:

Auf dieser von der Wehrmacht besetzten niederländischen Nordseeinsel war auch das georgische Infanteriebataillon 822 „Königin Tamar“ eingesetzt. Am 6. April 1945 revoltierten die georgischen Soldaten gegen die Deutschen und töteten mindestens 800 Wehrmachtssoldaten. Kurzzeitig übernahmen sie die Kontrolle über die Insel, aber die Deutschen eroberten die Insel im Laufe der nächsten Wochen zurück.

Wer auf das Datum geachtet hat, wird bemerkt haben, dass diese Kämpfe natürlich vollkommen sinnlos waren. Da Sinnlosigkeit die Nazis noch nie aufgehalten hat, kämpften sie auch nach der Kapitulation vom 8. Mai 1945 weiter. So ging die Insel Texel als das letzte Schlachtfeld Europas in die Geschichte des Zweiten Weltkriegs ein. Erst am 20. Mai 1945 landeten schließlich kanadische Truppen und beendeten die Tragödie.

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Die überwiegende Mehrheit der Georgier, etwa 700.000 Soldaten, kämpfte allerdings in der Roten Armee. So kämpften Georgier gegen Georgier, und oft die gleiche Person hintereinander auf zwei verschiedenen Seiten, insbesondere nach einer Kriegsgefangenschaft. Auch das wird, soweit ich mich erinnere, im Museum unterschlagen.

Hier geht es erst im Jahr 1956 weiter, mit den Demonstrationen für die georgische Unabhängigkeit (so die Information im Museum), die aber ironischerweise als Demonstrationen gegen die Entstalinisierung der Sowjetunion begonnen hatten (so die später angelesene Information; mehr zu Stalin in Kapitel 42). Ein typisches Beispiel für einen Protest, dessen Ziele sich im Laufe der Woche änderten. Die brutale Niederschlagung durch die Sowjetmacht bekräftigte wahrscheinlich erst den Willen der Georgier nach einem eigenen, unabhängigen Weg.

Zu den nächsten Demonstrationen kam es erst 1978, weil Russisch neben Georgisch als Amtssprache eingeführt werden sollte. Diesmal waren die Proteste erfolgreich, und Georgien behielt die unverständliche Kringelschrift. Wer will, kann hier mal versuchen, wenigstens das Alphabet zu lernen.

Im Vergleich erscheint sogar Kyrillisch leicht.

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Mittlerweile rebelliert nicht nur das georgische Volk, sondern auch der Leser, der einen Artikel über Tiflis und nicht über die Geschichte der Sowjetunion erwartet hat. Deshalb nur im Schnelldurchlauf: Demonstrationen im April 1989, die wiederum blutig niedergeschlagen wurde, Auflösungsprozess der Sowjetunion, im April 1991 Unabhängigkeit nach Referendum.

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Vor dem Museum trete ich auf den Rustaveli-Boulevard, der so breit und unpraktisch ist, dass man ihn nicht überqueren kann. Man muss etliche Kilometer laufen, bis man zu einer Unterführung zur anderen Straßenseite kommt.

Vielleicht ist das eine städtebauliche Maßnahme, um spätestens hier einen erneuten russischen Vormarsch zu stoppen.

Ich bleibe also notgedrungen auf der Nordseite und komme am Rustaveli-Theater vorbei. Wer das klassische Theater dem Puppentheater aus Kapitel 14 vorzieht, der wird hier glücklich.

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Elegant finde ich auch, dass viele der Cafés auf den Speisekarten oder in Vitrinen Zigarren anbieten. Hier kann man noch stilvoll leben und das öffentliche Rauchen mit der Diskussion aktueller Theaterstücke oder neu erschienener Bücher kombinieren. Bleibt nur zu hoffen, dass die Fleischfreaks aus Kapitel 2 nicht merken, dass Zigarren zu 100% vegan sind.

An zu besprechenden Büchern besteht kein Mangel. International anerkannt wurde das spätestens 2018, als Georgien das Gastland der Frankfurter Buchmesse war.

Wer nach Tiflis reist, bemerkt die Liebe zum Buch auch ohne internationale Auszeichnungen. Der Rustaveli-Boulevard ist gesäumt von Buchhändlern. Wenn man nicht aufpasst, nimmt man hier beim Spazierengehen nicht ab, sondern kommt mit mehreren zusätzlichen Kilos nach Hause. Nur der bereits gebuchte Rückflug mit strenger Gepäckbeschränkung bewahrt mich vor Torheiten. Das nächste Mal reise ich mit dem Schiff.

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Verstörend finde ich allerdings das mehrfache Angebot von „Mein Kampf“, und zwar nicht das der kritischen Ausgabe des Instituts für Zeitgeschichte. Wofür sind Opa und Oma eigentlich in den Großen Vaterländischen Krieg gezogen, wenn jetzt auf den Straßen faschistischer Schund verscherbelt wird?

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Die Buchhändler mit einem spielbereiten Schachbrett sind wahrscheinlich Armenier. Sie kommen mehr aus Spaß als aus Geschäftssinn, und wer eine Partie gewinnt, darf sich ein Buch aussuchen.

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Wer immer noch nicht genug von Büchern hat (und wann hat man das schon?), kann in die Parlamentsbibliothek

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oder in das Buchmuseum

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gehen, von denen ich leider erst später las, oder sich auf Kapitel 45 freuen.

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Das Buchmuseum ist nicht zu verwechseln mit dem Museum der georgischen Literatur, das gleich um die Ecke in der Gia-Chanturia-Straße und passend gegenüber einem schattigen Park liegt, in dem man Dramen, Prosa und Poesie mit einer Zigarre genießen kann.

Die intellektuelle Stimmung im der Innenstadt wird nur gestört, wie könnte es anders sein, durch die brasilianische Botschaft, die im Erdgeschoss die Salsa-Bar „Calypso“ betreibt. Da wird es keine großen Überschneidungen mit dem Publikum der Literaturinstitute geben.

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Als ich abends nach Hause komme, erhalte ich von einem Schulfreund den getwitterten Ratschlag: „Wenn du in Tiflis bist, geh in den Botanischen Garten. Das letzte Mal habe ich dort eine riesige Schlange gesehen.“

Gut, dass ich das erst jetzt lese, sonst wäre ich nie dorthin gegangen oder hätte den Spaziergang vor ständiger Angst nicht genießen können. Außerdem stelle ich mir die Frage, wieso ein Schulfreund aus Amberg anscheinend regelmäßig im Kaukasus ist. Wahrscheinlich ist er Spion. Das hätte ich mir eigentlich denken können, denn er war derjenige, der am Gymnasium immer „Clever & Smart“ las.

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Apropos Spione: Am nächsten Tag treffe ich zwei Schwestern aus dem Iran, die verdächtig fließend Deutsch sprechen. Sie haben einen ziemlichen Sonnenbrand, nicht weil es im Iran keine Sonne gäbe, sondern weil sie dort ständig das verdammte Kopftuch und einen Mantel tragen müssen.

Wegen der Freiheit ist der Kaukasus bei Iranern ein beliebtes Reiseziel. Und in Tiflis sehen sie zudem die persische Architektur und Zeichen vergangener Größe, als Persien vom Kaukasus bis nach Indien reichte.

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Über die Geschichte der persisch-georgischen Konflikte schrieb Andreas Gryphius das Drama „Catharina von Georgien“, allerdings etwas voreilig, denn die Geschichte war 1657 keineswegs zu Ende. Deshalb lasse ich mir mit meinen Artikeln lieber etwas Zeit. 1795 kamen die Perser zum letzten Mal in böswilliger Zerstörungsabsicht, woraufhin die Georgier die Russen um Hilfe riefen. Das bereuten sie dann zwei Jahrhunderte lang.

Die heutigen Besucher aus dem Iran wollen nichts niederbrennen, sondern einfach nur Wein zum Abendessen.

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Pooyandeh und Payandeh, was sich so nach der iranischen Version von Hanni und Nanni anhört, dass es Decknamen sein müssen, kommen gerade aus Gori und erzählen etwas verstört von einer Stadt im Banne Stalins. Dort gebe es noch immer einen Stalin-Platz, eine Stalin-Statue und ein Stalin-Museum, in dem allerhand Stalin-Souvenirs zu erwerben sind. Ich bin froh, dass sie mir keine Geschenke mitgebracht haben, sondern mich nur zum Abendessen einladen.

gtlyshrkn9bxWir kommen auf das Nationalmuseum (siehe Kapitel 28 ff.) zu sprechen, und ich glaube, dass in der gesamten Ausstellung über die Verbrechen der Sowjetunion kein einziges Mal explizit erwähnt wurde, dass Genosse Stalin aus Georgien – und in Tiflis im Priesterseminar und als Bankräuber tätig – war.

Beim abendlichen Spaziergang durch Tiflis fällt mir dann auf, dass sogar die Frisur des jungen Stalin wieder modern ist. Sehr beunruhigend.

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Das, was ich beim Nationalmuseum noch bemängelt habe, stört mich zwei Blocks weiter nicht: die reine Ansammlung von Objekten. Was soll eine Nationalgalerie auch sonst tun, als Bilder aufzuhängen?

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Nachdem ich mir ein Billet für 7 Lari (2,30 Euro) erstanden habe, merke ich, dass es die gleiche Eintrittskarte wie für das Nationalmuseum ist. Na gut, dann habe ich die georgische Kultur und Kunst eben doppelt finanziert. Das werde ich beim Abendessen einsparen müssen.

Die Bilder zeigen viele Fisch- und Jagdszenen, Gelage im Garten, Schaschlik und Wein. Sehr lebens- und farbenfroh.

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Ein Gemälde von Niko Pirosmanaschwili zeigt die Zahnradbahn auf den Mtastminda, die also schon ziemlich alt sein muss, denn der Künstler ist 1918 gestorben. In so alte Techniken habe ich kein Vertrauen, auch diesen Hügel werde ich also zu Fuß erklimmen müssen. (Jede Ausrede ist willkommen, um sich 2 Lari [0,65 Euro] zu sparen.)

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Entgegen dem Stereotyp liest die junge Museumswärterin ein Buch, während ihre der Elterngeneration entstammende Kollegin auf dem Handy YouTube-Videos anguckt (aber natürlich mit Kopfhörern, um nicht zu stören).

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Und schwupps, nach drei Räumen ist man fertig mit der Nationalgalerie. Schade, denn der Stil der Gemälde gefällt mir.

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Neben der Zahnrad- gibt es auch eine Seilbahn, die zu einem schönen Gegensatz von Alt und Modern führt.

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Auch die Architekturstile stehen sich manchmal direkt gegenüber wie bei einem Duell. Irgendwie zieht das Neuere immer das Kürzere.

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Dass ich auf dieser Reise gleich zweimal nach Tiflis komme, zeigt, wie wohl ich mich in der Stadt fühle. Vielleicht ist die Route aber auch nur Ausdruck der komplizierten Grenzsituation zwischen Aserbaidschan und Armenien, die zu Umwegen über Georgien zwingt.

Weil ich diesmal nur eine kurze Nacht in Tiflis verbringe, habe ich ein Zimmer in einem Hostel, dem Guesthouse Irina, gebucht. Als ich ankomme, trifft den eifrig vorausplanenden Deutschen ein Schock: „Das von Ihnen gebuchte Zimmer ist leider belegt.“ Aber zum Glück auch gleich die Lösung: „Wir haben ein anderes Zimmer für Sie.“

Es ist die Bibliothek, und ich könnte nicht glücklicher sein. Zwar kann ich keines der russischen oder georgischen Werke lesen, aber allein die Anwesenheit von Büchern erfüllt mich mit Freude. Ich finde es immer ein wenig verdächtig, wenn ich in jemandes Haus komme und keine Bücher vorfinde.

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Von außen sieht das Hostel übrigens so aus, dass viele naserümpfend daran vorbeilaufen würden. Ich mag so Häuser, von denen außen der Putz abblättert, aber drinnen in drei oder vier Sprachen Bücher gelesen werden. Wahrscheinlich weil ich auch solche Menschen mag.

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Auch das Viertel gefällt mir: Mardschanischwili. Alte Häuser, ein bisschen verfallend und teilweise abbröckelnd, aber dafür umso mehr Charakter. Gegenüber dem Hostel steht eine verlassene Burg, vielleicht die von König Wachtang oder Königin Tamar.

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Zweimal hatte ich in Tiflis jetzt Glück mit den Stadtteilen. Wenn ich eine Strategie daraus entwickeln sollte, ginge die so: Das billigste Zimmer suchen. So landet man fast immer im interessantesten Viertel.

Sehr interessant wäre übrigens auch die Vorstadt Rustavi, an der ich heute vorbeifuhr. Ein typisches Beispiel für eine sowjetisch geplante und gebaute Stadt. Gerade die Charakterlosigkeit und objektive Unattraktivität finde ich charmant. Zumindest wenn man nicht sein ganzes Leben dort verbringen muss. Und temporär, z.B. wenn man sich auf das Studium oder ein Buch konzentrieren muss, kann die Tristesse produktivitätsfördernd wirken. Es ist kein Zufall, dass Dostojewski, Gogol, Puschkin, Bulgakow, Pasternak, Soschtschenko, Ilf und Petrow in Plattenbauten wohnten und schrieben. Auf Tonga und Tuvalu hingegen ist es immer sonnig, aber noch niemand von dort hat den Nobelpreis für Literatur gewonnen.

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Nicht weit von Marjanaschwili verläuft die Agmashenebili-Straße, in der ich ahnungslos auf und ab spazierend Häuser bewundere, die teilweise wie ich aus Deutschland kommen.

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Zu viel wurde hier schon restauriert, aber bei etlichen Häusern ist noch der jugendliche Stil zu bewundern. Am bekanntesten sind wohl das Kino Apollo (bzw. wie es ursprünglich hieß: das elektrische Theater Apollo)

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und das Marjanischwili-Theater.

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Deutsche Siedler, die meisten von ihnen Schwaben und Pietisten (Fundamentalisten würde man sie heute nennen), kamen ab 1817 in den südlichen Kaukasus. Wo heute die Agmashenebili-Straße verläuft, gründeten die (Wirtschafts-)flüchtlinge das Dorf Marienfeld, von der Altstadt durch den Fluss getrennt. Nicht trennen konnten sie ihr Schicksal von der russischen bzw. sowjetischen Geschichte, aber ich spüre, dass das Publikum nicht mehr aufnahmebereit für weitere historische Exkurse ist.

Auf der weiteren Reise durch den Kaukasus habe ich in Sochumi Nachfahren dieser deutschen Siedler getroffen sowie in Göygöl das ehemalige Helenendorf besucht. Wenn Interesse besteht, werde ich davon mal gesondert berichten.

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Auf einem kurzen Spaziergang entdecke ich einen Buchladen, der so aussieht, wie wenn er sich statt dem Verkauf viel lieber dem Ankauf von Büchern widmet,

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und diese Häuserfront aus Mosaik.

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Ein Tourist kommt des Weges und fragt mich, ob dies das Museum für moderne Kunst sei. „Es sieht so aus“, antworte ich, ganz sicher, dass es nichts anderes sein kann. Erst später, beim Abfassen dieses Artikels, erfahre ich, dass das Gebäude jetzt profane Büros beherbergt. Das Mosaik stammt noch aus der Sowjetunion. 1970 wurde das Gebäude als Haus der Politischen Bildung eröffnet, was immer das in der Praxis bedeutet haben mag.

Hoffentlich konnte der Mann, dem ich fälschlich den Weg in dieses Gebäude gewiesen habe, noch rechtzeitig fliehen, ohne eine Anstellung als Buchhalter oder Marketing-Guru aufgebrummt zu bekommen.

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Aus dem Fenster meiner Privatbibliothek fällt der letzte Blick vor dem Einschlafen auf den erleuchteten Eiffelturm. Tagsüber war mir der gar nicht aufgefallen.

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Vielleicht wurde er aber auch erst heute eingeweiht. Tiflis ist eine Stadt, in der sich gerade viel verändert.

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Deshalb mache ich mir Sorgen um manche der Straßenzüge. Teilweise wurde schon zu viel gentrifiziert. Navid Kermani, der zur gleichen Zeit wie ich in Tiflis weilt, nennt jenen Teil der Altstadt einen „Walt-Disney-Orient für Touristen“.

Außerhalb der Altstadt sprießen auch hier die gleichen hässlichen Beton-, Glas- und Stahlkonstruktionen wie überall auf der Welt. Ich würde gerne die schiefen Holzbalkone, die sich neigenden Häuserfronten, die aus den Dächern sprießenden Bäumchen behalten.

Und die Narben, die frühere Erdbeben hinterlassen haben, sollten doch eigentlich als Warnung vor bautechnischer Hybris dienen.

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Tiflis ist eine Stadt, befürchte ich, bei der es tatsächlich einen Unterschied macht, ob Ihr jetzt hinfliegt oder in zehn Jahren. Wartet nicht zu lange! Der Antrag auf Anerkennung als Weltkulturerbe, der seit 2007 bei der UNESCO liegt, wird wahrscheinlich nicht mehr gewährt werden.

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Am schönsten ist Tiflis übrigens am frühen Morgen, denn es ist wahrlich keine Frühaufsteherstadt. Selbst um 7 Uhr hat man die Straßen noch für sich allein. Die Fassaden glühen im frühen Sonnenlicht. Die Katzen tanken Wärme, bevor sie vom Trubel verscheucht werden.

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Ich bin früh aufgestanden, weil ich heute nach Armenien weiterfahre. Um 7:30 Uhr bin ich an der U-Bahn-Haltestelle Avlabari, von wo aus die Busse in das südliche Nachbarland abfahren sollen. Ein Taxifahrer weist mir freundlich den Weg, ohne, wie Taxifahrer es sonst immer tun, zu behaupten, es gäbe keine Busse, und ohne seine Dienste anzubieten. Vielleicht ist er mehr Familienmensch als Geschäftsmann und will nicht so weit weg, um das Mittagessen mit seiner Frau nicht zu versäumen.

Am Busstand warten zwar schon die Busse samt Fahrern, aber der erste wird sich nicht vor 9 Uhr auf den Weg machen. Ich bin also umsonst so früh aufgewacht. Die rauchenden Busfahrer signalisieren mir, dass ich meinen Rucksack derweil im offenen Kofferraum deponieren kann. Das mache ich gerne, um mein Vertrauen zu demonstrieren. Vertrauen verdient auch die Marktwirtschaft, denn bis Punkt 9 Uhr bringen Adam Smiths unsichtbare Hände genau die Anzahl an Fahrgästen herbei, um jeden Sitzplatz nach Jerewan zu füllen. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie das funktioniert. Vielleicht haben die Menschen die Planwirtschaft so verinnerlicht, dass Angebot und Nachfrage mittlerweile auch ohne das Kommittee zur Bereitstellung und Bewirtschaftung der Fernbusverbindungen (untergebracht im Verkehrsministerium aus Kapitel 32) so zielstrebig zueinander finden wie Tariel und Nestan Daredschan im Nationalepos „Der Recke im Tigerfell“.

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Falls jemand aus Angst vor der nächsten stalinschen Säuberungswelle noch immer starr vor Schreck sein und es nicht von selbst bemerkt haben sollte: Tiflis ist toll.

Ich kenne keine andere Stadt, die so viel an Kunst, Kultur und Architektur bietet, und dabei so wenig damit angibt. Keine andere Stadt, die so lässig, aber dabei so beeindruckend ist. Keine andere Stadt, die so viele Kulturen auf solch lockere, beiläufige Art verbindet oder einfach koexistieren lässt. Keine andere Stadt, die Hauptstadt ist, sich aber ein paar Blocks weiter wie eine verschlafene Kleinstadt anfühlt. Keine andere Stadt, in der man sich verlaufen will, weil man weiß, dass man auf Famoses und Schönes, Absurdes und Interessantes stoßen wird. Tiflis kann darauf pfeifen, ob es von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt wird, Tiflis ist Weltkulturerbe.

Aber bitte verbaut es nicht zur Unkenntlichkeit!

Praktische Hinweise:

  • Die billigsten Flüge aus Deutschland und Österreich gehen nicht nach Tiflis, sondern nach Kutaisi, das aber nur ein paar Stunden und ein paar Euros entfernt ist. Bei WizzAir gibt es Hin- und Rückflug zusammen ab 50 Euro.
  • Ein Visum ist für Deutsche, Österreicher und Schweizer nicht notwendig. Übehaupt ist Georgien sehr liberal: Als Deutscher kann man bis zu 365 Tage pro Jahr, also endlos, ohne Visum im Land bleiben. Wenn es doch nur überall so einfach wäre, sich niederzulassen.
  • Dies ist das Apartment in der Altstadt, wirklich sehr zu empfehlen. Falls Ihr zum ersten Mal AirBnB nützt, könnt Ihr Euch über diesen Link anmelden und bekommt 25 € Guthaben geschenkt.
  • Das Hostel mit dem Zimmer in der Bibliothek. Bei Booking bekommt Ihr über diesen Link bei der ersten Anmeldung 15 € Guthaben.
  • Auf keinen Fall braucht Ihr in Tiflis ein Auto. U-Bahn und Busse fahren regelmäßig und günstig überall hin. Am Anfang muss man ein bisschen um Hilfe fragen, aber bald kennt man die Linien, die man braucht.
  • Angehörige der Internetgeneration werden es nicht glauben, aber ein gedruckter Reiseführer ist ganz praktisch, vor allem für die Verkehrsverbindungen. Ich hatte den nur auf Englisch erschienenen Lonely Planet für Georgien, Armenien & Aserbaidschan (der auch Abchasien abdeckt), weil ich nicht drei oder vier Bücher mitschleppen wollte. Es gibt aber auch einige deutschsprachige Reiseführer für Georgien.
  • Tiflis ist der Verkehrsknotenpunkt auf Kaukasusreisen. Von hier aus gibt es Busse nach Baku, Jerewan, Istanbul, Athen, Wladikawkas und Moskau.
  • Das gleiche gilt für die Eisenbahn mit Verbindungen innerhalb Georgiens sowie nach Baku und Jerewan. Da die Züge seltener als die Busse fahren, hatte ich bei meiner Reise keine Zeit dafür. Aber das nächste Mal bestimmt!

Zug Georgien

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