Angeblich sind etwa 10% der Bevölkerung von Winterdepression betroffen, wobei das wahrscheinlich regional schwankt und die Zahlen in Kanada und Mecklenburg-Vorpommern höher liegen als in Ecuador oder in Indonesien. Ecuador liegt nämlich, wie der Name nahelegt, am Äquator und hat deshalb gar keinen Winter, was ich persönlich viel deprimierender finde. Vielleicht haben die deshalb so eine hohe Mordrate.
Um besorgten Anrufen gleich entgegenzuwirken: Ich persönlich bin nicht betroffen, zumindest nicht derzeit. Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich gar nichts gegen den Winter habe, sondern nur gegen Weihnachts- und andere Jahresendfeiern, und denen kann man schließlich aus dem Weg gehen. Die Stimmung um diese Jahreszeit finde ich eigentlich ganz okay, vor allem wenn man, wie ich, das Glück hat, in einem Arrondissement zu leben, dass die romantische Note dieser Jahreszeit ganz besonders akzentuiert.
Gegen die Winterdepression schwören manche auf Lichttherapie, andere, je nach Glauben oder Präferenz, auf Globuli oder Pharmaka. Möglicherweise könnten auch Psychotherapeuten helfen, aber bei denen hat noch nie jemand einen Termin bekommen. Die sind noch knapper als Impftermine. Und die Psychiater haben oft selbst einen an der Klatsche, wenn man ehrlich ist.
Eine Sache, die mir hilft, wenn ich spüre, dass das Trübsal drohend um die Ecke blickt, ist die Kunst. Insbesondere der Expressionismus. Intensive Farben, kräftige Pinselstriche, kein Verlieren in den Details. Und deshalb gehe ich in den Wintermonaten gerne ins Museum und tanke kräftige Farben gegen den grauen Novembernieselregen.
Vor kurzem habe ich den Wolf Haas entdeckt. Aber das habe ich schon erzählt.
Wobei „Entdecken“ eigentlich ein viel zu aktives Verb dafür ist, dass man bis dahin halt keine Ahnung von etwas gehabt hat. Es nervt mich immer, wenn die Seefahrer so großspurig tun, von wegen „Amerika entdeckt“, „Australien entdeckt“, „Osterinsel entdeckt“. Das ganze Konzept hat auch etwas Rassistisches, findet Ihr nicht? Wenn der erste Weiße nach Australien kommt, ist er der große Entdecker. Aber ich möchte mal sehen, was die Europäer gesagt hätten, wenn der erste Australier nach Europa gesegelt wäre und getönt hätte: „Ich habe Euch entdeckt und jetzt gehört Ihr mir.“ Die hätten ihn gleich in ein Abschiebezentrum gesteckt.
Penicillin gab es eigentlich auch schon immer. Aber da lasse ich noch mit mir diskutieren, wenn man die Entdeckerleistung auf die praktische Anwendung und Nützlichkeit dieser Substanz bezieht. „Substanz“ ist übrigens ein gutes Wort, wenn man gerade nicht weiß, ob es sich um Bakterien, um Säuren, um Organelle oder um Vitamine handelt. Man könnte natürlich bei Wikipedia nachsehen, aber das ist eine der gefährlichsten Seiten im Internet. Da kommt man immer vom Hundertsten ins Tausendste. Sowas kann ich überhaupt nicht leiden.
Jedenfalls klingt „Substanz“ gescheiter als „Ding“. „Entität“ ist auch so ein praktisches Wort, wenn Ihr nicht wisst, ob eine Region ein unabhängiger Staat ist oder nicht. Oder ob es ein Fürstentum oder eine Teilrepublik ist. So hat man das 1995 im Friedensvertrag von Dayton gelöst. Weil man sich nicht darüber einig werden konnte, wie die Republika Srpska zum Rest des Staates steht oder idealerweise stehen soll, hat man sowohl diese wie auch die Föderation Bosnien und Herzegowina als „Entitäten“ in der Verfassung festgelegt. In Wirklichkeit ist es komplizierter, weil es noch ein paar Exklaven und ein Kondominium gibt. Außerdem mischt der Landwirtschaftsminister von der CSU mit.
Aber jetzt, wo ich auf den Balkan abgeschweift bin, fällt mir ein, dass ich eigentlich über einen Krimi aus Wien erzählen wollte. Denn das ist ja auch irgendwie eine Balkanentität. Zumindest in Ottakring.
Nach der Rezension von „Wackelkontakt“ wurde ich von meiner gebildeten Leserschaft einstimmig darauf hingewiesen, dass die Brenner-Krimis von Wolf Haas erst recht die Lektüre lohnen. Also bin ich in heute die Stadtbibliothek gerannt, wo man merkt, dass Sommerferienzeit ist: Fast alle Krimis waren entliehen.
Das ist ein gutes Zeichen, denn wer Krimis liest, begeht selbst keine Straftaten. Und wenn, dann ist er/sie schön blöd. Denn das erste, was die Kripo nach einem Banküberfall macht, ist natürlich die Nachfrage bei der Stadtbibliothek, wer in letzter Zeit Bücher über Banküberfälle ausgeliehen hat. Überhaupt sind die Gefängnisse zu einem großen Teil nicht deshalb voll, weil die Leute kriminell sind, sondern weil sie doof sind. Und am dämlichsten sind die Leute, die glauben, sie seien besonders schlau. Ehrlich, da könnte ich Geschichten von meinen Mandanten erzählen, wenn ich dürfte. Die rauben eine Tankstelle aus und glauben, sie seien Arsène Lupin, weil sie währenddessen für ein paar Minuten ihr Handy in den Flugmodus schalten.
Es war nur mehr ein Buch da, nämlich „Müll“, das ich flugs ausgecheckt habe, wie man das in der Bibliothekswissenschaft nennt. Bibliothekswissenschaft ist übrigens eine große Ärgerlichkeit, weil deren Absolventen ein Kartell bilden. So hat man als arbeitsloser Historiker, Philosoph oder Literaturwissenschaftler keine Chance mehr auf einen lockeren Job in der Bücherei.
Mit solchen Ausbildungen kann man aber immerhin, und jetzt nähern wir uns langsam der Handlung des Buches, auf dem Mistplatz arbeiten, wie man in Österreich die Wertstoffhöfe nennt. Dort hackelt auch der ehemalige Kieberer, als in den Recyclingwannen Leichenteile entdeckt werden.
Brenner wird natürlich, das ist wahrscheinlich so eine Berufskrankheit, in die Ermittlungen hineingezogen. Weil „Müll“ ein Krimi ist, darf ich nicht viel verraten. Aber es entwickelt sich eine schön verzwickte Geschichte zwischen Abfallwirtschaft und Organhandel, zwischen Wien und dem Chiemsee, zwischen kleinen Bestechungen und home invasion.
Noch wichtiger als die Handlung sind die liebenswürdigen Charaktere, die witzigen Dialoge und vor allem die meisterhaft-lockere, natürlich wirkende Sprache. Wolf Haas schreibt so, wie wenn er mit dem Leser abends am Donaukanal sitzt und eine Geschichte erzählt. (Aus eigener Erfahrung: Steigt schon an der Taborstraße aus der U-Bahn und holt Euch an der Würstelbude am Eck noch eine heiße Käsekrainer und ein paar Bier. Die haben bis mindestens um Mitternacht offen, was während meiner Zeit in Wien an einigen Abenden meine Rettung war. Aber Vorsicht mit der Krainer, wenn Ihr am Kanal sitzt, denn da huschen nachts die Ratten rum.)
Ich bin gleich aus der Bibliothek zu Marx und Engels in den Park gegangen, weil es ausnahmsweise mal unter 30 Grad hatte und man wieder im Freien lesen konnte. Schon nach wenigen Kapiteln war ich hellauf begeistert! Immer wieder musste ich so laut auflachen, dass mich Passanten verwundert-kritisch beäugt haben. In Sachsen ist es nicht so gerne gesehen, wenn man guter Laune ist, zumindest nicht öffentlich. Und wenn man dazu noch ein Buch liest, dann gilt man eh als intellektueller Spinner. In einem Restaurant in Chemnitz, in das ich öfters allein gegangen bin, wurde ich mal gebeten, keine Bücher mehr zum Mittagessen mitzubringen. „Sind wir hier bei den Roten Khmer oder was?“ fragte ich, und da flog ich natürlich gleich raus. Es war ein vietnamesisches Restaurant.
Seither muss ich wieder selbst kochen und lebe sehr ungesund.
Was mich an „Müll“ auch beeindruckt hat, ist das Geschick, mit dem Wolf Haas ernste Themen (Organspende, Scheidung, warum klingeln Paketboten nicht?) anspricht, ohne dass es aufgesetzt wirkt. Es stecken ein paar Weisheiten und Nachdenklichkeiten in diesem Krimi, die einem aber nicht auf so amateurhaft-aufdringliche Art und Weise vor den Latz geknallt werden wie bei Bernhard Schlink, Ferdinand von Schirach oder Paulo Coelho.
Genauso überschätzt wie der brasilianische Dampfplauderer wird der Dalai Lama. Echt, der nervt mich. Mit hohlen Phrasen und esoterischen Kalendersprüchen erreicht man nichts für Tibet (auch so eine „Entität“). Der aktuelle Dalai Lama hat am 6. Juli Geburtstag, dann werden wieder alle Zeitungen mit seinem Grinsgesicht voll sein. Dabei verschweigen die Mainstream-Medien, dass ich am gleichen Tag ebenfalls Geburtstag habe (genauso wie die Komoren). Ich erwähne das nur, falls jemand von Euch ein paar Brenner-Krimis herumliegen hat. Denn „Müll“ habe ich bereits heute in einem Rutsch ausgelesen, und jetzt gelüstet mich nach mehr.
Sehr enttäuschend finde ich die mangelnde Begeisterung von Mandanten, wenn ich ihnen erkläre, dass das fein austarierte Zusammen- und manchmal Gegenspiel von Bundesgesetzen, Landesjustiz und kommunaler Exekutivgewalt eigentlich auf das Heilige Römische Reich zurückgeht.
Ebenso überraschend: Die weitgehende Teilnahmslosigkeit meiner Mandanten beim Amtsgericht oder Oberlandesgericht Nürnberg, wenn ich sie mit der Information aufmuntere, dass sie im gleichen Gebäude geschieden werden, in dem einst die Nazis gehenkt wurden.
„Die Handlung war zu konstruiert“ hört man oft, wenn Leute aus dem Kino kommen und sich ärgern, dass die Straßenbahnfrequenz nach 22 Uhr spürbar abnimmt, so dass sie jetzt noch eine Viertelstunde an der zugigen Zentralhaltestelle herumstehen müssen. Oder wenn sie ein Buch enttäuscht zuklappen und in den Sand legen, bevor sie den Neoprenanzug überziehen, die Harpune schultern und zum nächsten Tauchgang im Roten Meer aufbrechen.
Anscheinend soll das kritisch gemeint sein, aber gelehrter klingen als „hat mir nicht gefallen“.
Wobei alles besser ist als „das hat mich einfach nicht abgeholt“. Zum einen ist ein Buch nicht die eingangs erwähnte Straßenbahn. Zum anderen schwingt da so eine Erwartungshaltung mit, nach dem Motto: „Jetzt habe ich 25 Euro für 236 Seiten bezahlt, da möchte ich wenigstens abgeholt werden.“
Ich selbst bezahle fast nie 25 Euro für ein Buch, weil ich weiß, wie Bibliotheken funktionieren. Wenn man einmal den Dreh raushat und weiß, wie man diese öffentlichen Bücherhäuser nutzt, dann spart man jeden Monat Hunderte an Euros. So kommt man auch mit weniger als dem durchschnittlichen Nettolohn eines Industriearbeiters ziemlich gut und gebildet über die Runden. (Ein trauriger Nebeneffekt ist, dass dadurch die Autoren darben und verhungern. Aber keine Sorge, es wachsen ständig neue nach.)
Menschen, die wollen, dass Bücher sie „abholen“, sagen wahrscheinlich auch: „Nächstes Jahr machen wir Mallorca.“ Ich wünsche dann immer viel Spaß mit den tektonischen Prozessen zwischen afrikanischer und eurasischer Platte, aber natürlich nur leise und innerlich, nicht laut. Man will auf der Gartenparty, wo alle etwas unbeholfen rumstehen, weil man nicht weiß, ob man sich auf den Rand der Hochbeete setzen darf, schließlich keine Diskussion über die Plattentektonik lostreten. Wobei mich immer wieder überrascht, wie relativ spät diese entdeckt wurde. Als ich auf die Polytechnische Oberschule ging, war das gerade der letzte Schrei und der Geografieprofessor ganz begeistert und aus dem Häuschen. Wir Schüler und Schülerinnen blickten auf die Weltkarte und sagten unisono: „Das ist doch evident, Alter!“ Aber ich glaube, die Jugend von heute ist respektvoller und sagt nicht mehr „evident“.
Ebenso wenig würde es der Jugend einfallen, mir vorzuwerfen, ich schriebe „zu konstruiert“.
Ganz im Gegentum wird mir manchmal vorgeworfen, man verlöre bei meinen Artikeln leicht den roten Faden. Wobei das überwiegend von Menschen ohne besonders ausgeprägte Geduld kommt, die einfach nicht weit genug lesen, um den roten Faden dort wieder aufzunehmen, wo er auftaucht. Dabei wird man bei meinen Geschichten im wörtlichsten Sinn „abgeholt“, weil man während des Lesens mit im Zug nach Stockholm sitzt. Oder nach Berlin. Oder einmal quer durch Kanada. Oder nach Görlitz und zurück. Bequemer und gemütlicher und zielgerichteter geht es kaum.
Seit ein paar Wochen gibt es wieder ein bisschen Tohuwabohu im Nahen Osten. Auf der Suche nach dem ultimativen Artikel, der wirklich alles über den Nahen Osten erklärt, bin ich auf diesen gestoßen. Und ich muss zugeben: Da habe ich während des Schreibens selbst ein paarmal vergessen, worüber ich eigentlich schreibe.
„Da habe ich mich wohl total verfranzt.“
Deshalb kann ich, um jetzt endlich auf den Punkt zu kommen, nicht nachvollziehen, wenn man „konstruiert“ als etwas Negatives ansieht. Ist eine Handlung konstruiert, hat sich der Autor einen Plan gemacht. Am Reißbrett, an der Pinnwand, auf einem Tisch voller Zettel oder – wenn es ein stilloser Banause ist – in einem dieser neumodischen Computergeräte. Das ist doch schön. Mir nötigt das allergrößte Hochachtung ab, wenn jemand auf Jahre hinaus einen Plot planen kann.
Und es kann durchaus gelingen. Zum Beispiel in dem Buch „Wackelkontakt“ von Wolf Haas, das ich gestern mit großem Vergnügen an einem Tag ausgelesen habe.
Es geht um einen Mann, der zuhause auf den Elektriker wartet und währenddessen ein Buch liest. Das Buch handelt von einem Mafia-Killer, der im Gefängnis sitzt und ein Buch liest. In jenem Buch geht es um einen Mann, der zuhause auf den Elektriker wartet. Und so weiter.
Anfangs war ich genervt davon, dass die beiden Handlungsstränge nicht streng nach Kapiteln unterteilt waren, sondern fließend ineinander übergingen. Aber bald war ich beeindruckt, wie flüssig und kreativ diese Über- und Ineinandergänge gestaltet waren. Das ist schon ein anderes Kaliber als wenn jemand einfach so runterschreibt, was einem in den Sinn kommt.
Man springt also zwischen beiden Erzählungen hin und her, findet den einen weniger sympathisch als den anderen und merkt lange nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Bis irgendwann, vielleicht nach dem ersten Drittel, vielleicht in der Mitte des Romans, der Groschen fällt.
Und dann wird es kompliziert, weil die Tochter des (mittlerweile aus dem Gefängnis entlassenen) Mafioso das Buch stibitzt und es an Stelle ihres Vaters weiterliest. Das Tempo nimmt zu, die verschiedenen Ebenen berühren sich immer wieder, und der Leser wird hin- und hergerissen zwischen Krimi, Familiengeschichte und literarischer Spielerei. Wirklich toll konstruiert!
Ich könnte hier mehr von der Handlung erzählen, um Euch zu überzeugen, dass das Buch die Lektüre lohnt. Aber das hieße auch, Euch um einen Teil des Vergnügens zu bringen.
Also, geht in die Bibliothek (der Wolf Haas hat schon genug verdient) und holt Euch den „Wackelkontakt“.
Als Scheidungsanwalt werde ich nicht müde, die Segnungen des Single-Daseins zu preisen und die Gefahren der Ehe in die Welt zu posaunen.
Leider hört niemand auf mich. Stattdessen stürzen sich weiterhin Millionen von Menschen ins Verderben. Bis sie dann ein paar Jahre später zu mir kommen und kleinlaut eingestehen, dass ich – natürlich – Recht hatte. Ich bin nicht nachtragend, und so helfe ich auch jenen, die sich selbstverschuldet, naiv und kleinbürgerlichen Konventionen folgend freiwillig in die Ehehölle begeben haben. Gerne unterstütze ich Frauen, Männer und neuerdings auch Diverse bei der Befreiung von Plage und Pein, von Unterdrückung und Unglück.
Aber wer auf mich nicht hören will, der hört hoffentlich auf die Wissenschaft.
Die hat jetzt festgestellt, dass Verheiratete einem höheren Risiko für Alzheimer ausgesetzt sind.
Die gute Nachricht bei dieser Studie ist: Auch wer einmal den verhängnisvollen Fehler begangen hat, kann seine Gesundheit noch retten. Zwar haben lebenslange Singles das geringste Alzheimer-Risiko, aber auch bei Geschiedenen ist die Gefahr des Gehirnschwundes geringer als bei jenen, die lebenslang zusammen bleiben.
Eigentlich ist das ja ganz logisch. Bekanntlich wirkt man Demenz vor, indem das Gehirn auf Trab gehalten wird. Viel lesen, in unbekannte Länder reisen, ein Fernstudium, Sprachenlernen und sich ständig neuen Herausforderungen stellen. Intellektuell, akademisch, kulturell, aber auch sozial. Ich habe das selbst gemerkt, als ich in meinen wilden Wanderjahren in zehn verschiedenen Ländern gelebt und viele Dutzend mehr bereist habe. Eine neue Umgebung, neue Regeln, eine neue Sprache und vor allem immer wieder neue Menschen kennenlernen, das hat mich jünger gehalten als dieser ganze Fitnessfirlefanz.
Wenn man heiratet, ist das Leben vorbei. Da zieht der Alltagstrott ein. Irgendwann muss man gar nicht mehr miteinander reden, weil man sowieso schon weiß, was der andere sagen will. Und verkündet man „Schatz, ich brauche ein Jahr Auszeit und werde die Seidenstraße mit dem Fahrrad abfahren“, dann gibt es gleich ein Eifersuchtsdrama wie in so einer dämlichen Telenovela.
„Ich hätte lieber an die Uni gehen sollen.“ „Ich auch.“
Kurze, wechselnde Beziehungen von maximal sechs Monaten sind wahrscheinlich unschädlich für das Demenzrisiko. Das Problem dabei ist, so weiß ich aus meiner familienrechtlichen Praxis, dass viele Menschen es leider nicht schaffen, selbst eine kurze Beziehung ohne daraus resultierende Schwanger- oder Vaterschaft zu absolvieren. Und dann ist das Leben doppelt vermurkst.
Okay, man könnte jetzt einwenden, dass einen die Kinder geistig fit halten. Aber so zu denken, verstößt gegen die Selbstzweckformel des Kategorischen Imperativs. Außerdem ist die Mitgliedschaft in der Stadtbibliothek preiswerter.
Links:
Ich weiß nicht, ob ich damals schon an die Gefahren der Gehirnschmelze gedacht habe. Aber bereits vor vielen Jahren habe ich propagiert, dass das Konzept der lebenslangen Ehe unmenschlich und ungesund ist.
Immer, wenn mir jemand – und das passiert meist ungefragt – mitteilt, er sei „stolz, ein Deutscher zu sein“, so ermuntere ich wenn schon keine Diskussion, so doch zumindest eine Reflektion darüber, indem ich die folgenden kurzen, aber umso prägnanteren Sätze aus Thomas Manns ‚Doktor Faustus‘ (Kapitel XIV) zitiere:
Begeisterungsfähigkeit ist etwas sehr Gutes und Gläubigkeitsbedürfnis etwas der Jugend sehr Nützliches, aber eine Versuchung ist es auch, und man muss sich die Substanz der neuen Bindungen, die heute, wo der Liberalismus abstirbt, überall angeboten werden, sehr genau ansehen, ob sie auch Echtheit hat, und ob denn das die Bindung schaffende Objekt auch etwas Wirkliches ist oder vielleicht nur das Produkt einer, sagen wir einmal: Strukturromantik, die sich ideologische Objekte auf nominalistischen, um nicht zu sagen fiktionalistischem Weg schafft. Meiner Meinung, oder meiner Befürchtung nach sind das vergötzte Volkstum und der utopisch gesehene Staat solche nominalistischen Bindungen, und das Bekenntnis zu ihnen, also sagen wir: das Bekenntnis zu Deutschland, hat etwas Unverbindliches, weil es gar nichts mit der personalen Substanz und Qualitätshaltigkeit zu tun hat. Nach der wird überhaupt nicht gefragt, und wenn einer ‚Deutschland!‘ sagt und das für seine Bindung erklärt, so braucht er gar nicht nachzuweisen und wird von niemandem gefragt, auch von sich selbst nicht, wieviel Deutschtum er eigentlich im personalen und das heißt: qualitativen Sinn verwirklicht und wieweit er imstande ist, der Behauptung einer deutschen Lebensform in der Welt zu dienen. Das ist es, was ich Nominalismus, oder besser: Namensfetischismus nenne, und was nach meiner Meinung ideologischer Götzendienst ist.
Leider ist bisher empirisch nicht feststellbar, wie sich diese Begegnung mit einem deutschen Nobelpreisträger, die bei manchen der auf das Dichter- und Denkerland so stolzen Zeit- um nicht zu sagen Volksgenossen die erste Begegnung mit ebenjenem und ebendiesem zu sein den Eindruck nicht ganz zu vermeiden vermag, auf den eingangs zitierten Nationalstolz auswirkt. Weil auch Optimismus eine deutsche, ja vielleicht sogar – noch knapp vor dem Humor – die allerdeutscheste aller Eigenschaften ist, gehe ich davon aus, dass sich der oder die Betreffende sogleich begeistert in der kommunalen Bibliothek inskribieren wird, um die Werke des Dichters mit Vorfreude auszuborgen und die Leihe jeweils rechtzeitig zur Vermeidung von Säumniszuschlägen um einen Monat zu verlängern, was selbst bei den großzügigsten Stadtbibliotheken nicht zur Lektüre ausreichen wird, wenn der auf derartige Weise zum Kulturbeflissenen gewordene Mitbürger den Fehler begangen haben sollte, unter den Werken Thomas Manns sich für „Joseph und seine Brüder“ zu entscheiden. Denn daran sind schon ganz andere, darunter, ohne mich selbst auf ungebührliche Weise in den Mittelpunkt dieser Gedanken schieben oder drängen zu wollen, auch ich, verzweifelt und gescheitert. Aber sind nicht Verzweifeln und Scheitern seit jeher deutsche Tugenden?
Falls Ihr jetzt Lust auf Bücher bekommen habt, hier gibt es ein paar Empfehlungen. Und Verrisse.
Und ein erhellendes Gespräch mit jemandem von der „ich bin so stolz, Deutscher zu sein“-Fraktion.
Falls es noch nicht aufgefallen sein sollte: Wenn irgendetwas deutschtümelnde Gefühle bei mir auslösen sollte, dann ist es die deutsche Sprache. Kaum eine andere Sprache ist so präzise, so schön, so poetisch, so kurz, knapp und bündig.
Meine Gastgeber in Linz sind äußerst herzliche Gastgeber. Am Morgen des Abschieds kochen, backen, pürieren, flambieren und präparieren sie, wie wenn ich kein bescheidenes Männlein, sondern eine Horde von hundert Hungrigen wäre.
Leider habe ich nicht viel Appetit. Denn heute geht die Reise nach Mauthausen.
Die überaus zuvorkommenden Gastgeber lassen es sich nicht nehmen, die 20 Kilometer zu fahren. Vielleicht trauen sie dem Trampen nicht, obwohl es mich sicher nach Linz gebracht hat. Wir fahren vorbei an Hochöfen, Stahlwerken, rauchenden Schloten, funkensprühenden Feuern. Eisenbahnen rauschen von einem Teil des Werks zum anderen. Es wird gehämmert, geschmolzen, produziert und geschwitzt. So muss das Ruhrgebiet früher ausgesehen haben. Oder der Donbass.
Es sind die Hermann-Göring-Werke. Erbaut ab 1938, ein paar Monate nach dem Ende Österreichs als unabhängiger Staat. Erbaut, erweitert und betrieben auch mit Zwangsarbeitern, mit Kriegsgefangenen und mit Häftlingen der nahen Konzentrationslager Gusen und Mauthausen. Die Deutschen und Österreicher konnten damals nicht selbst arbeiten, weil sie mit dem Überfallen anderer Länder beschäftigt waren, um die dortige Bevölkerung zugunsten eines deutschen Wirtschaftswunders zu versklaven. Kapitalismus braucht Wachstum, notfalls mit Gewalt.
Aber man muss der Voestalpine AG, wie das Unternehmen mittlerweile firmiert, zugute halten, dass sie auf dem Werksgelände ein Museum zur Zeitgeschichte unterhält. Tausende andere Unternehmen halten mucksmäuschenstill, obwohl im Deutschen Reich fast jeder Zwangsarbeiter hatte, bis in den Mittelstand und sogar in die Landwirtschaft.
Aus dem Städtchen Mauthausen, und Städtchen ist schon fast zu viel gesagt, führt eine sich durch den Wald und durch Maisfelder schlängelnde Straße. Immer bergauf. Bis zu der Festung, die noch immer bedrohlich und düster wirkt.
Dicke Mauern. Stacheldraht. Wachtürme.
Keine Bäume, stattdessen freies Schussfeld.
Es ist Sommer 2020, weniger Besucher als sonst, wegen des Coronavirus. Die Dame an der Rezeption nimmt sich viel Zeit, alles zu erklären.
Mauthausen war eines der letzten Konzentrationslager, das befreit wurde, am 5. Mai 1945. Dass die ersten Konzentrationslager schon zehn Monate vorher befreit wurde, führte hier nicht zum Innehalten. Dass Hitler sich eine Woche vorher selbst entleibt hatte, führte nicht zum Innehalten. Dass die Wehrmacht schon Anfang Mai an allen Fronten kapitulierte, führte nicht zum Innehalten. Aber danach faselten die Mörder ihr weitgehend unverfolgtes Leben lang vom angeblichen Befehlsnotstand.
Weil in Mauthausen bis fast zum letzten Atemzug gemordet wurde, war das Lager Ziel etlicher Verlegungen und Todesmärsche aus anderen Konzentrationslagern. Die Zahl der Häftlinge schwoll ab 1944 dramatisch an, und in den letzten vier Monaten vor der Befreiung starben genauso viele Menschen wie in den vier Jahren zuvor. Insgesamt mindestens 90.000 Menschen.
Befreit wurde Mauthausen von der US-Armee. Wenn man das Banner sieht, mit dem die spanischen Häftlinge die Befreier begrüßten, dann wird klar, dass der Begriff „Antifa“ keinerlei negative Konnotation verdient. Ganz im Gegentum.
Aber dass Mauthausen zu einer Gedenkstätte wurde, ist der Sowjetunion zu verdanken, klärt mich die Dame von der Gedenkstätte auf. Wie Deutschland war Österreich in vier Besatzungszonen geteilt, und nördlich der Donau war die sowjetische Zone. Die sowjetische Besatzungsmacht retournierte das Gelände nur unter der Auflage, dass eine Gedenkstätte entstehen müsse.
„Wie denken denn eigentlich die Leute in Mauthausen darüber, dass ihr Ort immer mit dem Konzentrationslager assoziiert wird?“ will ich wissen.
Sie wendet sich an einen jungen Mann, der gerade ein Praktikum absolviert: „Du bist von hier, Du kannst wahrscheinlich mehr dazu sagen.“
„Gestern habe ich Flyer für unsere Filmretrospektive verteilt“, berichtet er. „Da gab es schon Interesse. Aber als ich in einer Eisdiele sagte, dass ich von der Gedenkstätte bin, hat sich die Verkäuferin umgedreht und nicht mehr mit mir gesprochen.“
Er erzählt das so, wie wenn es nicht zum ersten Mal passiert ist.
Und: „Wenn wir ins Ausland fahren, sagen wir lieber, wir sind aus Linz.“ Das kennt man aus Dachau, wo sich die Leute lieber als Münchner ausgeben.
Mit einem Übersichtsplan und weiteren hilfreichen Hinweisen ausgestattet, beginne ich die Erkundung des Geländes. Außerhalb der festungsartigen Mauern lag der Fußballplatz. Die SS spielte hier gegen örtliche Fußballvereine. Die Bevölkerung konnte zusehen, wahrscheinlich hat auch jemand Würstchen oder Limonade verkauft. Auch sonst gab es gemeinsame Feste und regelmäßigen Kontakt, bis zu Eheschließungen zwischen SS-Männern und örtlichen Frauen. Die Bevölkerungszahl von Mauthausen wuchs, die Vermieter freuten sich, die Gastwirte freuten sich.
Neben dem Sportplatz waren Baracken für die Häftlinge, die so krank waren, dass sie keine Fluchtgefahr mehr darstellten. Zum Sterben konnte man sie auch außerhalb der Mauern stapeln. Jetzt führt eine Frau ihren Hund auf diesem Feld aus und pflückt Blumen. Für den Mittagstisch.
Wo einst die Baracken der SS standen, ist jetzt ein Denkmalpark. Ein Spiegel der Nachkriegssituation, des Kalten Krieges und der seither eingetretenen Veränderungen. Die ersten Denkmale waren groß, heroisch, männlich. Vieler Opfergruppen wie Frauen, Homosexuellen oder Kindern wurde nicht gedacht.
Erst in den 1970er Jahren wurde ein Denkmal für die jüdischen Opfer errichtet. Roma und Sinti warteten bis 1989.
Und das Gedenken war national. Jeder Staat wollte sein eigenes Denkmal. Deutschland ist gleich zweimal vertreten, nicht als Täter und Opfer, sondern als Ost und West. Hier gedenken Staaten, die gar nicht mehr existieren, UdSSR, DDR, Jugoslawien. Und neue Staaten wie die Ukraine oder Slowenien.
Diese Nationalisierung des Gedenkens ist, was die Skeptiker des geplanten Polen-Denkmals in Berlin befürchten.
Besucher aus aller Welt bringen Plaketten an. Dank an die US-amerikanischen Befreier neben Erinnerung an die sowjetischen Opfer. Letztere bekamen, zumindest wenn sie Generalleutnant waren, den ausführlicheren Nachruf. („… Foltern und Hohn brachen nicht den Mut des feurigen Kämpfers für die Befreiung der Völker vom faschistischen Joch. …“)
Gedenktafeln für Kinder. Gedenktafeln für jüdische Fallschirmspringer*innen aus Palästina, die sich freiwillig meldeten, um hinter feindlichen Linien gegen die Nazis zu kämpfen. Gedenktafeln für Homosexuelle. Für Pfadfinder. Für Roma und Sinti. Für Zeugen Jehovas. Für türkische Opfer. Für chinesische Opfer. Für georgische Opfer. Für Louis Häfliger. Für Deserteure und Kriegsdienstverweigerer der Wehrmacht. Für Kommunisten und Sozialisten. Für aserbaidschanische Opfer. Für kosovarische Opfer. Für portugiesische Opfer. Für montenegrinische Opfer. Für kubanische Opfer. Und für Leopold Figl, der nach seiner Haft im KZ Mauthausen zum Bundeskanzler der Republik Österreich gewählt wurde.
Die Dame von der Gedenkstätte hatte mir erzählt, dass in pandemiefreien Jahren Angehörige aus aller Welt kommen. Die Historiker holen dann die jeweiligen Akten aus dem Archiv. Und alle Angehörigen bekommen eine persönliche Führung.
„Manchmal“, fährt sie fort, „übergibt uns jemand ein Bündel mit Papieren, das sie nach dem Tod des Vaters oder Großvaters gefunden haben. Alte Ausweise, Schriftstücke, ein Tagebuch oder handschriftliche Memoiren. Unsere Arbeit wird noch lange nicht vorbei sein.“
Wenn man ein ehemaliges Konzentrationslager besucht, erwartet man, dass einen die Gaskammer am meisten schockiert. Oder die Öfen, in denen die Leichen verbrannt wurden. Oder die Fotos von Leichenbergen. Aber hier hat die Gedenkstätte ein anderes Konzept: Im Keller, wo die Krematorien stehen, dürfen Angehörige Plaketten, Erinnerungen und Fotos der Opfer anbringen.
Die Räume sind voller Gesichter, voller Namen, voller Lebensgeschichten.
Eine Geschichte davon will ich erzählen. Die Geschichte von Francisco Boix.
Vielleicht habt Ihr Euch bei dem obigen Bild von der Befreiung schon gewundert, warum das Plakat auf Spanisch verfasst war. Nun, in Mauthausen saßen etwa 7.000 spanische (viele davon katalanische) Häftlinge.
Wie kam das? Spanien wurde doch nie von den Nazis erobert, oder?
Es war eine Folge des spanischen Bürgerkriegs. Nachdem Franco 1939 obsiegt hatte, flohen viele spanische Linke und Republikaner über die Pyrenäen nach Frankreich. Ein Teil von ihnen geriet in deutsche Gefangenschaft, als Deutschland Frankreich überfiel. Andere kämpften mit der französischen Fremdenlegion gegen Deutschland und kamen so in deutsche Gefangenschaft. Das Deutsche Reich wollte sie anfangs nicht ins Konzentrationslager stecken, sondern behandelte sie als Kriegsgefangene. Deutschland bot Franco sogar an, sie nach Spanien zu schicken, das sich schließlich nicht mit Deutschland im Krieg befand. Aber der spanische Diktator antwortete: „Nein danke. Diese Leute haben sich gegen mich verschworen, das sind keine Spanier mehr. Macht mit ihnen, was Ihr wollt.“
Das war ihr Todesurteil.
Francisco Boix war einer dieser Spanier, die zuerst gegen Franco und dann gegen Hitler kämpfte. Er wurde gefasst und kam 1941 nach Mauthausen. Außerdem war er Fotograf.
Das rettete ihm das Leben.
Er musste als Fotolaborant für den SS-Erkennungsdienst im Lager arbeiten. Durch seine Hände gingen Propagandafotos, Fotos aller neuen Gefangenen, Fotos von Todesfällen im Steinbruch, Fotos von Hinrichtungen, Fotos der grausamen Lebensumstände im Lager. Einfach alles.
Von etlichen dieser Fotos fertigte Boix heimlich einen weiteren Abzug an. Andere spanische Häftlinge, die in den Steinbrüchen außerhalb des Lagers arbeiten, schmuggelten die Fotos nach draußen. Auf dem Fußweg durch den Ort Mauthausen fiel ihnen immer wieder eine Frau auf, die menschlicher als die anderen Einwohner zu sein schien, die ihnen zunickte, sie grüßte. Dieser Frau steckten die Häftlinge die Fotos zu. Immer wieder. Jedes Mal unter Lebensgefahr für alle Beteiligten. Diese Frau, Anna Pointner, versteckte die Fotos bis 1945.
Es war fast unglaublich, aber Francisco Boix überlebte die vier Jahre im KZ. Ohne dass er oder seine Helfer je aufflogen. Seine Fotos und seine Zeugenaussagen beim ersten Nürnberger Prozess sowie im Mauthausen-Prozess belegten nicht nur die grausamen Haftbedingungen, sondern auch die persönliche Kenntnis darüber von Albert Speer, der während seines Besuches im KZ Mauthausen fotografiert wurde.
Boix und die anderen spanischen KZ-Häftlinge konnten übrigens nach der Befreiung nicht in ihre Heimat zurückkehren. Denn Spanien machte keine Anstalten, ihnen die einmal entzogene Staatsbürgerschaft wieder zu gewähren. Sie blieben staatenlos.
In der Ausstellung lerne ich so viel, das ich hier gar nicht wiedergeben kann, ohne den Rahmen zu sprengen.
Über Martin Roth, der im KZ Mauthausen für den Betrieb der Gaskammer und des Krematoriums verantwortlich war. Seit 1945 wurde er wegen Mordes gesucht. Aber anscheinend nicht richtig, denn bis 1968 konnte er in Deutschland und Österreich unbehelligt leben. Er wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt. Von 1977 bis zu seinem Tod im Jahr 2003 fuhr er jedes Jahr in den Sommerurlaub nach Mauthausen. Er saß dort gerne in einem Wirtshaus mit Blick auf das ehemalige Konzentrationslager.
Über die SS, die ganz im Sinne der Marktwirtschaft eine eigene GmbH zur Ausbeutung der Steinbrüche in Mauthausen gründete. Mit Prospekten, die den Granit aus Mauthausen, Groß-Rosen und Flossenbürg anpriesen. Gartenverunstalter greifen bei letzterem Steinbruch auch heute noch gerne zu.
Über das Lagerbordell, in das Frauen aus dem KZ Ravensbrück gebracht wurden. Der Besuch des Bordells wurde nur wenigen privilegierten Häftlingen gestattet. Juden waren ausgeschlossen. Die den Frauen versprochene Entlassung erfolgte natürlich nie.
Über die Anstrengungen der SS, in den letzten Monaten alle Beweise zu vernichten. Die meisten Dokumente wurden verbrannt. Die Tötungsanlagen wurden demontiert. Gut, dass Francisco Boix die Fotos versteckt hatte. Und gut, dass Jack Taylor, ein US-amerikanischer Geheimagent, seine Haft im KZ Mauthausen überlebte und bei den akribischen Ermittlungen der US-Armee helfen konnte.
Wie so oft bei der Konfrontation mit dem Nationalsozialismus erschrecken vor allem die Bürokratie, die Regelungswut, die Ordentlichkeit der Buchführung, die deutschen Tugenden eben.
Ich muss Luft schnappen, gehe raus, wandere durch das Gras, das jetzt so grün ist, wie es zu Zeiten des Konzentrationslagers nie war. Aber überall, wo ich hintrete, liegen Tote.
Erst am Zaun, einst elektrisch geladen und ebenfalls ein Ort des Todes, endet mein gedankenverlorener Spaziergang.
Nur einmal gelang es Häftlingen, diesen Zaun zu durchbrechen. Im Februar 1945 griffen sowjetische Kriegsgefangene die Wachtürme an und schlossen den elektrischen Zaun mit feuchten Decken kurz. 419 von ihnen konnten das Lager verlassen.
Allerdings nur kurz. Viele brachen vor Erschöpfung zusammen oder starben im Kugelhagel der Maschinengewehre. Auf den Rest veranstaltete die SS eine regelrechte Hetzjagd. Drei Wochen lang wurden alle umliegenden Wälder und Dörfer durchkämmt, um jeden entkommenen Sowjetsoldaten aufzufinden und zu töten. Unter dem zynischen Namen „Mühlviertler Hasenjagd“ beteiligten sich die Polizei, die Feuerwehr, die Wehrmacht, die Hitlerjugend, der Volkssturm sowie die Zivilbevölkerung an der Menschenjagd. Massenmord als Volksfest. Das waren die, die nach 1945 behaupteten, „von nichts gewusst“ zu haben.
Lediglich elf der geflohenen sowjetischen Soldaten überlebten, weil sie von Bauern oder Zwangsarbeitern versteckt wurden. Das waren die, denen die Mehrheit nach 1945 gram war, weil sie gezeigt hatten, dass Widerstand möglich war.
Ich gehe zu Fuß runter zur Donau, durch die Ortschaft. Vier Kilometer sind es zum Bahnhof, die die Häftlinge von dort auf den Hügel mit dem Konzentrationslager laufen mussten. Vorbei an hübschen Villen, spießigen Häuschen, gepflegten Gärten.
Ich rechne. Wer damals 20 Jahre alt war, wäre jetzt 95. Davon wird es nicht mehr viele geben. Die 60- oder 70-Jährigen, die jetzt im Garten sitzen, sind die, die nie gefragt haben. Aus Angst davor, was ans Licht kommt. Auch über die eigenen Eltern.
Es dauert wohl zwei oder drei Generationen, bis sich das historische Interesse den Weg bahnt. Und manchmal noch länger. Auf der Internetseite der Gemeinde Mauthausen ist die KZ-Gedenkstätte nicht unter den örtlichen Sehenswürdigkeiten aufgeführt. Ebensowenig das Denkmal für Anna Pointner. Aber es gibt einen stolzen Hinweis auf das Kriegerdenkmal für die Nazi-Soldaten, die die Opfer für Mauthausen in aller Welt zusammengetrieben haben.
Praktische Tipps:
Sowohl vom Bahnhof in Mauthausen als auch vom Bahnhof in Linz fährt ein Bus bis zur Gedenkstätte.
Im Winter ist die Gedenkstätte montags geschlossen, ansonsten ist sie jeden Tag geöffnet. Ich empfehle, für den Besuch mindestens 3-4 Stunden einzuplanen.
Der Eintritt ist kostenlos. Die App, die einen über das Gelände führt und Hintergrundinformationen bietet, ist ebenfalls kostenlos. Wer, wie ich, kein Smartphone hat, kann sich für 3 € einen Audioguide mieten.
Über Francisco Boix gibt es eine Graphic Novel, die in einem umfangreichen Anhang und reich bebildert in die Geschichte und das System des KZ Mauthausen einführt. Ich fand das eine hilfreiche Vorbereitung für den Besuch.
Vor dem Hintergrund der spanischen Verbindung mit Mauthausen spielt auch die verstörend faszinierende Geschichte von Enric Marco.