Ein historischer Besuch in Nordkorea

Jetzt war Donald Trump also endlich in Nordkorea und hat sich darüber gefreut wie das Kind, das als einziges in den Vergnügungspark durfte, während alle anderen auf die Eröffung in ein paar Monaten warten müssen. Ich weiß nicht, was er damit erreichen wollte, aber ich kenne die Geschichte gut genug, um mir Sorgen zu machen.

Als ich in Rumänien wohnte, sagten manche über ihren langjährigen Diktator, der 1989 gestürzt wurde: „Weisst du, am Anfang war Ceaușescu gar nicht so schlimm. Als er 1965 an die Macht kam, distanzierte er Rumänien von der Sowjetunion. Und viele Dinge wurden liberalisiert. Nicht dramatisch, aber es war schon ein wenig Tauwetter.“

Auch außenpolitisch führte Nicolae Ceaușescu Rumänien auf einen anderen Weg als die meisten osteuropäischen Staaten, vielleicht noch am ehesten vergleichbar mit Jugoslawien unter Tito. Obwohl es Mitglied im Warschauer Pakt war, nahm Rumänien nicht an der Niederschlagung des Prager Frühlings teil. Ceaușescu verurteilte die Intervention sogar öffentlich. Er unterhielt politische und wirtschaftliche Beziehungen mit dem Westen und empfing beispielsweise Charles de Gaulle und Richard Nixon in Rumänien.

„Aber alles änderte sich 1971.“

„Warum?“ frage ich, weil ich mich an kein weltbewegendes Ereignis aus jenem Jahr erinnern kann.

„Ceaușescu wurde nach Nordkorea eingeladen. Und dort sah er den Personenkult für Kim Il-Sung, die totale Kontrolle aller Aspekte der Gesellschaft, die Verbindung von nationalistischer und kommunistischer Ideologie und die Idee von der Autarkie einer Volkswirtschaft. Als er zurückkam, wollte er aus Rumänien ein europäisches Nordkorea machen.“

Ich bin immer skeptisch gegenüber einfachen oder monokausalen Erklärungen für historische Entwicklungen. Aber wenn man sich das Video vom Empfang in Nordkorea ansieht, kann man schon verstehen, wie das Herrn Ceaușescu zu Kopfe stieg.

Und tatsächlich, nur wenige Wochen nach der Nordkorea-Reise veröffentlichte Ceaușescu die sogenannten Juli-Thesen, womit Freiheiten für die Presse, für Schriftsteller und andere Intellektuelle zurückgenommen wurden. Das Tauwetter war abrupt zu Ende.

Wenn Ihr Freunde habt, die vor einer Nordkorea-Reise stehen, seid also vorsichtig! Man weiß nie, was das mit ihnen anstellen wird. (Und man sollte mit aller Macht verhindern, dass Donald Trump zu einem richtigen Staatsbesuch nach Nordkorea kommt.)

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Während die Auswirkungen des Staatsbesuchs von 1971 auf Rumänien weit bekannt sind oder zumindest behauptet werden, scheinen die Auswirkungen auf Nordkorea noch keine Beachtung gefunden zu haben. In dem Versuch, den rumänischen Führer zu beeindrucken, werkelte der nordkoreanische Staat fast ein Jahr an den Vorbereitungen der Festivitäten. Das verschlang nicht nur Unsummen an Geld, es band auch einen erheblichen Teil der Arbeitskraft, weil all die Menschen in der Parade nicht mehr auf die Felder oder in die Fabriken gingen, sondern von früh bis spät tanzen und singen übten. Von der Belastung erholte sich die nordkoreanische Wirtschaft nie mehr.

Heutzutage erinnert sich niemand mehr daran, aber bis 1971 lag Nordkorea auf dem gleichen wirtschaftlichen Niveau wie Südkorea.

In den dem folgenreichen Staatsbesuch folgenden 20 Jahren erkennt Ihr, dass das nordkoreanische Bruttosozialprodukt als flache Linie verläuft. Das kann natürlich nicht wahr sein. In Wirklichkeit stürzte es, nachdem alles für Kostüme und Sonnenschirme ausgegeben worden war, ins Bodenlose. Aber niemand wollte das zugeben, also meldete der nordkoreanische Chefökonom jedes Jahr einfach die Zahlen des Vorjahres. Im Ergebnis hat Ceaușescu also nicht nur ein Land ruiniert, sondern zwei. Gut, dass er erschossen wurde.

Aber wenigstens bleibt uns von dem Staatsbesuch eine eingängige Melodie.

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Ein kleiner Spaziergang durch Nepal

Jeder schwärmt von Nepal. Aber aus Umweltschutzgründen will ich so wenig wie möglich fliegen, und mit dem Zug kommt man bisher nur nach Tibet.

Was also tun gegen die Nepal-Sehnsucht?

Man könnte in ein nepalesisches Restaurant gehen, aber das macht fett wie Buddha. Man könnte in guter nepalesischer Tradition ein Massaker an der Königsfamilie anrichten, aber unsere Könige haben sich schon vor 100 Jahren feige zurückgezogen. Die dritte, friedliche und cholesterinfreie Option findet sich zur Überraschung der Nepalogen in Bayern: der Nepal-Himalaya-Park in Wiesent bei Regensburg.

Schon auf dem Parkplatz prallen die Kulturen aufeinander. Die asiatischen Angestellten lieben Organisation und Regeln. Das Funktionieren der Gemeinschaft geht den Wünschen des Einzelnen vor. Mit Warnwesten und -lampen dirigieren sie die deutschen Besucherautos zentimetergenau in die zugewiesenen Parkbuchten. Den eher aufs Eigenwohl bedachten Deutschen behagt das gar nicht: „Ich will aber im Schatten parken!“ Dabei wiegt der Schatten auf der Seele doch viel schwerer, wie jeder Yogi weiß.

Sobald man durch das Tor in den Garten tritt, überkommt dann doch alle die himmlische Friedfertigkeit.

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So stelle ich mir Parks in Japan oder China vor. Und genauso wie es dort vor Tai-Chi-Rentnern wimmelt, ist im Nepal-Garten der Altersschnitt ziemlich hoch. Rentnerrabatt auf die 10 € Eintrittspreis gibt es dennoch nicht. Ich empfehle übrigens, den zusätzlichen Euro für den Lageplan auszugeben, weil man sonst einige Teile des neun Hektar großen Geländes leicht übersehen kann.

An den Wegrändern stehen Buddhas, Schiwas, Kanakamunis und Adibuddhas. Befürworter der Restitution von Beutekunst haben hier einen schweren Gang vor sich.

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Sogar die Kiefern haben sich angepasst und treten im Bonsai-Look auf.

Bonsai

An den Gebetsrollen gehen die nepalerfahrenen Besucher mit dem Spruch „om mani padme hum“ vorbei.

Nur Tiere aus Nepal fehlen. Ein Yak und ein Yeti, das wäre die Sensation. Aber gerade als ich das denke, hüpfe ich von Stein zu Stein über einen Teich und erblicke Koi, die so fett sind wie Isonade.

Viel gefährlicher als das japanische Meeresungeheuer ist der japanische Garten mit Kies. Denn mittlerweile hat sich diese Kies- und Schotterunsitte weit in die grauen und grauenhaften deutschen Spießergärten vorgefressen, nur dass das Grün hierzulande oft ganz weggelassen wird.

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Das Herzstück des Parks ist der Pavillon.

Tempel hoch

Wie zum Asura kommt so etwas nach Bayern?

Ihr erinnert Euch an die Expo, die 2000 in Hannover stattfand? Sie sollte an das gute alte Konzept der Weltausstellungen anknüpfen und stand nur deshalb nicht in einer Reihe mit Paris 1889 oder Brüssel 1958, weil im Zeitraum zwischen Planung und Eröffnung das Internet erfunden worden war und die Menschen plötzlich nicht mehr aus dem Haus gehen mussten, um sich Neuheiten aus aller Welt anzusehen.

Zu dieser Weltausstellung hatte Nepal den famosen Pavillon aufgebaut. Nach Expoende fragte man sich, was man sich eigentlich auch vorher hätte fragen können: „Was nun mit der Bude?“ Aus Fairness gegenüber Nepal muss man sagen, dass auch die anderen 154 vertretenen Länder keine Pläne dafür hatten. Der britische Pavillon steht noch immer leer, weil keine Einigkeit über die weitere Nutzung besteht. Der chinesische Pavillon beherbergt mittlerweile eine Autolackiererei Der spanische Pavillon brannte aus Frust vollkommen ab. Der litauische Pavillon hat auch schon zwei Brandversuche hinter sich.

Etwas besser traf es die Pavillons aus Kolumbien (jetzt ein Restaurant im Allerpark) und aus Mexiko (jetzt eine Hochschulbibliothek in Braunschweig). Aber das große Glückslos der Nachnutzungslotterie zog der Nepal-Pavillon. Dem Ehepaar Margit und Heriberth Wirth hatte die Hütte aus Nepal beim Besuch der Expo so gut gefallen, dass sie sogleich fragten: „Gibt’s den auch zum Mitnehmen?“

Der Tempel selbst war begeistert, denn er wollte keinesfalls nach Nepal zurück, wo die Wettervorhersage starke Erdbeben ankündigt hatte. Ebenfalls froh über den Umzug nach Bayern waren 28 nepalesische Handwerker, die den Pavillon zerlegen, sherpamäßig transportieren und wieder aufbauen mussten. Denn ihre Alternative wäre noch schlimmer als ein Erdbeben gewesen, sie wären nach Katar zur Sklavenarbeit für den Fußball gegangen.

Nepalese

Kenner werden es erblickt haben: Der Pavillon vereint buddhistische und hinduistische Elemente. Die runde Form des Stupa ist buddhistisch, der quadratische Teil ist hinduistisch. Nepals dritte Religionsgruppe, die Kommunisten, sind durch Hämmer und Sicheln in den Händen der filigran aus Salholz geschnitzten Figuren repräsentiert.

Pavillon

Aus den Lautsprechern kommt ein Summen, das meditativ machen soll. Liegestühle zum Einschlafen stehen bereit wie auf einem Kreuzfahrtschiff (ob das original nepalesisch-tempelisch ist?). Von den Liegen blickt man auf Holzschnitzereien von Totenköpfen und Schlangen und sechsarmigen Monstern, was im Falle des Einnickens abstruse Alpträume verspricht.

Wasser

Die Schnitzarbeiten sind aber sowas vom Feinsten, dass ich mich allein in deren Details eine Stunde verlieren könnte.

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In der Schatzkammer des Pavillons liegt so viel Gold wie in Fort Knox. Von wegen buddhistisch-hinduistische Bescheidenheit! Das geht hier nicht weniger prunkvoll zu als in barocken Kirchen.

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Der große Garten mit den Brücken, von denen jede anders gestaltet ist, wäre wirklich paradiesisch, wenn man denn Zigarren rauchen dürfte. Aber hier sind nur Räucherstäbchen gestattet.

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Die Gespräche vieler Besucher entlarven sie als fanatische Rhododendron-Liebhaber. Anscheinend haben sie dessen Blüte knapp verpasst und tauschen frenetisch Tipps aus, wo in Europa man die Pflanze vielleicht noch erspähen könnte. Ich verstehe nicht, was so besonders sein soll an diesem Rhododendron. Dafür blüht doch ansonsten allerlei.

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Was der Typ von der Osterinsel hier macht, wird mir allerdings nicht klar. Eine Verbindung zwischen Asien und der Insel im Südpazifik herstellen zu wollen, ist ein klares Sakrileg gegen die Heyerdahl-These. Und außerdem sieht es nach einem Sammelsurium von Restposten aus dem Baumarkt aus.

Osterinsel

Je weiter der Nachmittag vorrückt (der Park ist nur von 13 bis 17 Uhr geöffnet, und das nur sams-, sonn- und montags), umso mehr muss ich mein Urteil über das Alter des Publikums revidieren. Mittlerweile sind auch die mittelalten Menschen aufgewacht. Vielen Besuchern ist die Affinität zu Asien schon an den Tätowierungen anzusehen. Chinesische Schriftzeichen, Yin & Yang, Yakuza, alles ist dabei, die Tradition der europäischen Asien-Begeisterung seit dem 17./18. Jahrhundert fortführend. Dabei wird natürlich vieles vereinfacht, verfälscht und glorifiziert, aber das ist in Asien bei der Begeisterung für Mitteleuropa nicht anders. Dort werden ganze österreichische Dörfer nachgebaut, das ist noch krasser.

Und für noch jemanden ist dieser Kulturtransfer wertvoll. Das bayerische Regionalfernsehen kann hier seine Samurai-Filme drehen.

Fernsehen

Ich schreibe schon am Drehbuch für „Kill Bier 3“ und „Die sieben Schnitzel“. Der leere Magen hat anscheinend die Kontrolle über die Kreativität übernommen.

Schreiben

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Unsortierte Gedanken (24)

  1. Diese verdammte Epigenetik macht alles zunichte, was ich am Gregor-Mendel-Gymnasium gelernt habe.
  2. Ihr erinnert Euch an den Artikel über meine Geburtstagswanderung von Wien nach Bratislava? Der Kollege Tim Burford hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich, als ich nach Carnuntum kam, auf den Spuren von Patrick Leigh Fermor, einem wandernden und schriftstellerischen Vorbild, wandelte. Als ich jetzt meinen eigenen Artikel wieder las, merkte ich, dass ich davon nichts gewusst hatte, dass ich aber – was für ein Zufall – genau in dem Abschnitt über Carnuntum auf seine Wanderung und sein Buch verwies.
  3. Falls Ihr Herrn Fermor noch nicht kennt, bestellt Euch sogleich Die Zeit der Gaben. Bessere Reiseliteratur kenne ich nicht.
  4. Um das zehnjährige Jubiläum der Finanzkrise zu feiern, bin ich dieses Jahr total pleite.
  5. Meine Schwester fragte mich, wieso ich ständig im Fernsehen sei. Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprach, also schickte sie mir dieses Foto. Anscheinend gibt es da einen Typen, der mich in Aussehen, Stil und Auftreten zu kopieren versucht. Vorsicht, nur ich bin der Echte! 

  6. Ein guter Gradmesser für Lebensqualität ist, wie schnell man einschläft wenn man zu Bett geht.
  7. Diese Dokumentation hat wunderschöne Landschaftsaufnahmen aus Sibirien.
  8. Das erklärt das Ausscheiden bei der WM. nati homoöpathie
  9. Nachdem Bayern schon Auslandsvertretungen und eine eigene Grenzpolizei hat, wäre es nicht an der Zeit, einen Bayerischen Auslandsgeheimdienst einzurichten?
  10. Ein viel zu selten verwendeter Ausruf:
    Potzblitz!
  11. Auf einer Postkarte aus Kasachstan klebte diese Briefmarke, und seither frage ich mich, was an dem Auto so Besonderes ist, dass es dergestalt verewigt werden muss.  iyrai3g
  12. Wenn Briefmarken das feiern, was einem Land wichtig erscheint, dann präsentiert sich Deutschland so, wie wenn wir gerade eine Hungersnot überlebt haben. efim880671_z_1_151104789_briefmarke_deutsche_brotkultur_2-60-eur_800x600
  13. Die Tabaksteuer in der kanadischen Provinz Alberta (129% auf Zigarren) führt zu einem gesünderen Lebenswandel.
  14. Eine interessante Sendung über die Blockade von Leningrad im Zweiten Weltkrieg, die auch die Frage erörtert, warum dieses Kriegsverbrechen in der kollektiven Erinnerung kaum vorkommt.
  15. „Ich weiß nicht, von wem der Satz stammt, dass geteiltes Leid halbes Leid sei, aber wenn der Quatschkopf noch leben sollte, dann wünsche ich ihm zweihundert Mark monatlich und eine achtköpfige Familie. Da soll er sein Leid so lange durch acht dividieren, bis er schwarz wird.“ (Erich Kästner: Fabian)
  16. Wisconsin war einer der Hauptzielstaaten der deutschen Auswanderung in die USA. Ob das der Grund ist, warum Schüler dort auf Klassenfotos mit dem Hitlergruß posieren? nazi-salute
  17. Apropos Nazis: Dieses Radiofeature über Coburg als erste von der NSDAP regierte Stadt Deutschlands fand ich interessant.
  18. Ein weiterer Erfolg für Impfgegner: Auch das Gelbfieber kommt wieder zurück.
  19. Beim Deutschlandfunk gibt es eine sechsteilige Podcast-Reihe über die Produktion von Mikrochips in der DDR. Das ist nicht nur für Ingenieure interessant, vor allem weil es in die Wendezeit von 1988/89 hineingeht.
  20. Danke an den unbekannten Spender, der mir Die Ostdeutschen von Wolfgang Engler geschickt hat! 41vzby-5tjl._sx301_bo1204203200_
  21. Eine Lobeshymne auf tschechische Speisewagen.
  22. Als ich nach Calgary kam, hingen schon meine Postkarten aus Wien und aus Andalusien am Kühlschrank. cards fridge Calgary.JPG
  23. Eine weitere Postkarte aus Velez Blanco fand den Weg nach Rumänien. Velez Blanco mit rumänischem Buch.JPG
  24. Und in Peru freut sich jemand über eine Postkarte aus Bayern. BayWald in Peru.jpg
  25. Tony Mendez ist verstorben. Traurig, aber ein guter Anlass, sich mal wieder Argo anzusehen.
  26. In Hawaii wird diskutiert, das Mindestalter fürs Rauchen auf 100 Jahre anzuheben. Das ist ganz schön hart, dachte ich mir, bis ich bemerkte, dass Zigarren davon ausgenommen wären.
  27. Oft sind mir Argumente zu filiopietistisch, aber leider fällt mir das Wort dann gerade nicht ein.
  28. Ihr erinnert Euch vielleicht an meinen Artikel über die Bahnreise durch Montenegro. Jetzt kann man auf dieser atemberaubend schönen Strecke sogar im Führerstand mitfahren.
  29. Das Debakel um den Flughafen Berlin wurde zu einem Podcast verarbeitet.
  30. Verwendet jemand von Euch Patreon? Ich würde das gerne mal versuchen, um die nervige Werbung auf dem Blog deaktivieren zu können. Und wenn genug dabei rumkommt, könnte ich mehr Zeit aufs Schreiben verwenden, so dass es mehr und bessere Artikel für Euch gibt.
  31. Ein interessantes Interview über Robinson Crusoe anlässlich seines 300. Geburtstages.
  32. Gute Nachrichten für Freunde der rumänischen Literatur: Den diesjährigen Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse erhielt Eva Ruth Wemme für ihre Übersetzung von Gabriela Adameşteanus Verlorener Morgen.
  33. In diesem Interview erklärt die Preisträgerin, dass sie sich für das Rumänisch-Studium entschlossen habe, weil die Sprache „sehr komisch“ klinge. Das ist mal ein guter Grund!
  34. Manche glauben immer noch nicht, dass Lamas in Südamerika ganz normale Haustiere sind. Hier der Beweis:

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Canmore, das bessere Banff

In jedem Land gibt es einen Ort, von dem einem jeder, wirklich jeder, empfiehlt, ja geradezu aufdrängt: „Du musst da hin!“ In mir weckt das instinktiv Widerstand, denn müssen will ich gar nichts. Und viele dieser Orte sind absolut überbewertet. Da fahren dann Touristen stundenlang durchs Land, um Schloss Neuschwanstein oder die Burg Bran zu sehen, obwohl es im Rest Deutschlands und Rumäniens hunderte anderer Burgen gäbe, die mindestens ebenso interessant sind. An denen fahren sie vorbei wie eine hypnotisierte Herde.

In Kanada nimmt die Kleinstadt Banff in Alberta diese dubiose Rolle ein. Wenn ich frage, was es dort so Besonderes gäbe, antworten die Kanadier: „Berge, ganz viele Berge. Und einen See!“ Geographisch nicht ganz ungebildet frage ich dann, ob man im zweitgrößten Land der Welt, durch das sich die Rocky Mountains ziehen, nicht auch anderswo Berge anträfe. Ganz verwundert folgt die Reaktion: „Aber jeder fährt nach Banff.“ Und genau das ist der Grund, warum ich es nicht mache.

Dabei bin ich nicht mal besonders kreativ. Ich fahre einfach nach Canmore. Das ist, von Calgary kommend, etwa 25 km vor Banff. Aber weil es um diesen Ort keinen Hype gibt, kann man die gleichen Berge zu einem Drittel des Preises genießen.

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Ich bin gerade erst angekommen, atme die frische Luft und labe mich am Ausblick auf die Berge (beides umso erfrischender nach drei Monaten in der Großstadt), als mich ein Herr anspricht: „Canmore, it’s a heap of problems„, einen Haufen Probleme habe man hier. Mir erscheint alles so perfekt, dass ich nachfragen muss, auf welche Probleme er anspielt.

„Sehen Sie nicht den schrecklichen Verkehr?“

Naja.

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Er erklärt, dass der Bahnübergang manchmal für fünf Minuten gesperrt sei und sich dann die Autos stauen. Zudem sei das Krankenhaus auf der anderen Seite der Bahnlinie, das sei doch unverantwortlich. Kleinstadtprobleme eben.

„Man müsste eine Überführung bauen, aber die Bergleute hier wollen alles so lassen, wie es schon immer war. Ich habe nichts gegen die Bergleute, Gott bewahre! Schließlich haben sie die Stadt aufgebaut.“ Und so höre ich zum ersten Mal vom bergbaulichen Ursprung von Canmore, von dem ich bisher ganz naiv angenommen hatte, dass es nur wegen der schönen Aussicht erbaut wurde.

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Der auffälligste Unterschied zur Großstadt ist nicht nur die Aussicht, sondern auch dass sich fremde Menschen einfach anlächeln, zuwinken, grüßen. Ich glaube, hier könnte man schneller Anschluss finden als in Calgary, wo jeder nur arbeitet und einkauft.

Ebenfalls anlächeln tut mich ein Buchladen in der Hauptstraße, Café Books, aber ich schleppe sowieso schon viel zu viele Bücher mit mir herum. Sicherheitshalber wage ich nicht einmal einen Blick über die Schwelle, sonst lasse ich mir hier noch die letzten Dollars aus der Hosentasche ziehen.

Cafe Books front Canmore

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Die Damen an der Rezeption des gemütlichen Motels Mountain View Inn lassen mich kaum selbst die Stadt erkunden und geben mir jedes Mal, wenn sie mich sehen, noch mehr Landkarten, Busfahrpläne und Café-Empfehlungen.

Natürlich wollen sie auch jeden Morgen wissen, wohin mich die heutige Wanderung führen wird. „Vergessen Sie das Bärenspray nicht!“ ermahnt mich die ältere der Damen, als ich mich mal wieder auf den Weg mache.

„Oh, wo bekomme ich dieses Bärenspray?“ frage ich etwas ungläubig, an das Haifischspray aus einer Batman-Verfilmung denkend.

„Wir geben Ihnen eine Dose mit“, bietet sie an, greift unter die Theke und rüstet mich mit der Bewaffnung aus. Gut, dass ich kein Pazifist bin.

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Wahrscheinlich ist die Waffe, die den Touristen in die Hand gedrückt wird, nur ein Marketinggag, um die harmlosen Spaziergänge gefährlicher erscheinen zu lassen. So wie die Schwimmwesten bei der Schlauchbootfahrt auf dem Baggersee.

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Andererseits sind die Bären vielleicht doch echt und kommen sogar bis in die Stadt, denn die Mülleimer sind so bärensicher gebaut, dass sie nicht nur bombensicher sind, sondern ich ratlos davorstehe und mich wundere, wo zum Henker der Einwurf für den Müll ist.

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Ich persönlich fände es zwar schlauer, die Mülleimer offen zu lassen, weil sich die Bären dann an Pizzas sattfressen könnten und keine Menschen verschlingen müssten. So macht man es in Rumänien, und dort leben Menschen und Bären in friedlicher Koexistenz, aber das ist eben der Unterschied zwischen einer sozialistisch-solidarischen und einer kapitalistisch-egoistischen Gesellschaft.

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Es ist Ende März, aber der Frühling tobt schon. Der Schnee an den Südhängen schmilzt. Die Bären wachen gerade auf, und nach sechs Monaten Schlaf und Diät haben sie, nun ja, einen Bärenhunger.

In der Globe & Mail steht im Horoskop für Krebse: „You’ve got that feeling that you must do something to prove yourself.“ Das lese ich als Aufforderung zur Bärenjagd.

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Auf der Herfahrt im Bus unterhielt ich mich mit einem Mädchen, die nur für einen Tag nach Banff fuhr. Ihr bleiben dann ein paar Stunden. Wenn man auf Facebook oder Tinder die ganzen Fotos von Kanadierinnen vor Bergseen oder Gipfeln sieht, denkt man immer „wow, was für ein naturverliebtes Volk“, dabei sind es bei den meisten nur diese Tagesausflüge, oft mit dem Auto, wo man nur kurz am Rastplatz aussteigt, um die angeblichen Naturfotos zu machen.

„Ich habe gehört, dass es in Banff die schönste Wanderung in Kanada gibt“, erklärt sie noch. Deshalb sei sie extra nach Alberta geflogen. Es ist schon komisch, dass in einem Land so groß wie Kanada 95% der Bevölkerung glauben, dass man nur in Banff oder Jasper wandern darf. Schon 10 km weiter südlich oder östlich halten sie es für eine blöde Idee. Outdoor-Spirit ist das nicht.

Auch eine Freundin aus Calgary hatte mich nach Banff verführen wollen, aber sie hatte nur einen Tag Zeit.“Für das Mittagessen gibt es drei Optionen“, begann meine Führerin zu planen, „es gibt ein Burger-Restaurant, wo jeder hingeht, wenn er nach Banff fährt. Dann gibt es …“ Ich wagte, sie zu unterbrechen, und darauf hinzuweisen, dass ich wegen Bergen und Seen, Bären und Natur nach Banff fahren würde. Vor allem wenn ich nur einen Tag hätte, würde ich keinesfalls zwei Stunden des im Frühjahr noch knapp bemessenen Tageslichts in einem Restaurant vergeuden wollen. „Da kaufe ich lieber ein Snickers an der Tankstelle und habe mehr Zeit zum Wandern“, erklärte ich, aber sie verstand mich nicht.

Also fuhr ich allein. Nach Canmore anstatt Banff. Und für eine ganze Woche, anstatt einen Tagesausflug.

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Meine erste Wanderung führt entlang am Bow River, dessen Bekanntschaft ich schon gemacht hatte.

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In dieser Landschaft verlaufe ich mich fast absichtlich. Einige Seitenarme des Flusses sind noch zugefroren und bieten so Zugang zu Inseln oder zum gegenüberliegenden Ufer, auch wenn es manchmal besorgniserregend knackt, wenn ich darüber laufe. An anderen Stellen überquere ich den Fluss auf umgestürzten Baumstämmen.

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Ich sauge die Berge auf wie frische Luft nach Jahren in einem Asbestbunker, nicht nur wegen der willkommenen Abwechslung zu den vergangenen drei Monaten in der Großstadt, sondern auch weil ich in einer Woche im Zug durch das Flachland der Prärie sitzen werde.

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Und so wandere und wandere ich, einfach immer dem Fluss folgend. Je weiter ich mich von der Stadt entferne, umso weniger Jogger und Radfahrer laufen und fahren mir vor die Füße.

Irgendwann werde ich wohl doch mal wieder umkehren müssen, denn es ist schon nach 16 Uhr. Und da komme ich doch glatt an eine Straße mit einer Bushaltestelle. Einer vorbildlichen Bushaltestelle sogar! Mit Karte der Routen, Fahrplan, Preisen, allem was man sich als ÖPNV-Fan wünscht.

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In 20 Minuten kommt der nächste Bus, für einen Samstagnachmittag in den Bergen keine schlechte Frequenz. Bis dahin werde ich versuchen, per Anhalter in die Stadt zurückzukommen. Nach 25 Fehlversuchen hält ein roter BMW, der Fahrer begrüßt mich mit den Worten „normalerweise nehme ich nie Anhalter mit“, und ich bedanke mich für die Ausnahme. Schnell stellt sich heraus, dass seine Mutter aus Berlin und sein Vater aus Vorarlberg ist, allerdings kamen sie vor ewigen Zeiten, wie er betont. Ich versuche zu erkennen, ob die Flucht seiner Eltern aus deutsch-österreichischen Landen zu einer negativen Meinung über Menschen von ebendort führt, kann aber nichts an seinen Augen ablesen. Wie jeder Mensch in Canmore trägt der Fahrer nämlich ständig eine Sonnenbrille. Vielleicht ist diese Stadt ein Nest von Spionen?

Er gibt mir noch einen Wandertipp und den Hinweis, dass es bei der Legion, dem Heim für Kriegsveteranen, das billigste Bier gibt. Und schon ist die Fahrt zu Ende. Schade, dass an einigen Orten in Kanada Trampen illegal ist, an anderen nicht. Das verwirrt die Fahrer, und sie halten nirgendwo. Dabei ist es so eine schöne Art, Land und Leute kennenzulernen.

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Aus meinem großzügigen Eckzimmer im Mountain View Inn blicke ich sowohl beim Aufwachen als auch beim Einschlafen direkt auf die verlockendste Berggruppe im Tal, die Three Sisters. Das Motel trägt seinen Namen also zurecht.

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Diese kleinen Matterhörner sind aber allesamt zu unzugänglich, steil und gefährlich für mich Hobbywanderer, vor allem jetzt, wo noch Schnee liegt. Bei den drei Schwestern gilt also: nur Ansehen, nicht Anfassen.

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Am nächsten Morgen treffe ich im Bus zum „Nordic Center“ einen Jungen aus Whitehorse, einer Klein- aber Hauptstadt im Yukon. „Wir haben nur 30.000 Einwohner, aber“, fügt er stolz hinzu, „einen Direktflug nach Frankfurt.“ Auch er war schon mal in Deutschland, zu einer Konferenz über Holzbauweise und um sich ein paar Betriebe anzusehen. Ein Industriespion also, aber jetzt arbeitet er als Holzbauingenieur und ist für einige Monate in Canmore.

Den freien Sonntag nutzt er, um dort langlaufzuskien, wo 1988 die olympischen Langläufe ausgetragen wurden. Um hier noch länger Schnee zu haben (es ist Anfang April), werden an schattigen Berghängen riesige Schneehaufen aufgeschüttet und mit Sägemehl bedeckt, damit sie langsamer schmelzen. Diese Vorräte sind so groß, dass sogar im Herbst noch Schnee vom vorigen Winter übrig ist und die Langlaufsaison im September eröffnet werden kann.

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Damit dies im kommenden Winter möglich sein wird, werden auch dieses Jahr fleissig Holzspäne produziert. Der Holzhausbau ist eigentlich nur ein Nebenprodukt.

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Von der Loipe will ich zu den beiden Grassi-Seen wandern, aber der Weg führt durch ein Naturschutzgebiet, im dem gerade Wild aufgeforstet wird. Eigentlich breche ich gerne Regeln, aber den Rehen zuliebe halte ich mich natürlich daran.

Am Skizentrum steht zum Glück eine Landkarte, anhand derer und der Landschaft ich versuche, mir einzuprägen, in welcher Richtung die Seen liegen. Ich erspähe eine Lücke zwischen Ha Ling Peak und Mount Rundle. Da muss ich durch.

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Die gerade Linie zu dem vermuteten Lageplatz der Seen sieht ein wenig steil aus, aber links und rechts davon ist es noch steiler. Außerdem ist auf der Karte ein Bach eingezeichnet, also kann es so steil nicht sein.

Gestern war dieser verfrühte Sommertag, so dass das Eis auf einem tiefer gelegenen See wahrscheinlich nicht mehr dick genug ist, um darüberzulaufen. (Mit zunehmendem Alter und Gewicht wird man diesbezüglich vorsichtiger.)

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Ich muss das kleine Eismeer also umrunden, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren. Die Frage, warum ich, wenn ich schon einen See vor der Nase habe, unbedingt zu den höher gelegenen Grassi-Seen will, kommt mir in dem Moment gar nicht in den Sinn.

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Der zu erklimmende Hang ist ein Nordhang und demnach noch voller Schnee und, viel gefährlicher bei einem Winkel steiler als 45 Grad, voller Eis. Ich hangele mich mehr von Baum zu Baum als dass meine Stiefel Tritt finden.

Das Bächlein verläuft doch nicht so ebenerdig und friedlich, wie ich mir das vorgestellt habe, sondern stürzt sich tosend die Wand hinunter, die ich zu erklimmen versuche.

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Oben auf den Berg prallt die Sonne, so dass hier Tonnen von Schmelzwasser herunterrasseln. Das dürfte, je höher die Sonne steigt und je wärmer sie scheint, noch mehr werden. Hoffentlich verbreitert sich der Wasserfall nicht, denn nach rechts kann ich nicht ausweichen, dort ist eine pure Eiswand, hart wie Stein und glatt wie die olympische Rodelbahn.

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Jetzt verstehe ich, wieso Louise von der Touristeninformation etwas von Steigeisen und Eispickeln gesagt hat. Die habe ich mir natürlich gespart.

Meter um Meter kämpfe ich mich höher. Meine Hände sind von Felsbrocken aufgeschürft. Mein Atem keucht, mehr vor Angst als vor Anstrengung, auch weil Schneeschmelzzeit Bärenaufwachzeit ist. Hier könnte ich nirgendwo weglaufen.

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Plötzlich ist die Sonne weg. Wolken ziehen auf, zuerst es wird neblig, dann richtig düster und spukig. Oder ist das schon die Nacht? Das kann eigentlich nicht sein, denn gerade was es noch Vormittag. Eine Uhr habe ich – entsprechend der Abenteuerregel Nr. 19 – natürlich auch nicht dabei.

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Jetzt wird also der Wasserfall linker Hand bald zugefrieren, und ich werde gefangen sein wie in der Eishölle der Antarktis, nur vertikal.

Der Wind pfeift, die Bäume knarzen, der Himmel sieht so finster drein, wie wenn er meinen kleinen Wanderplan als großen Affront betrachtet. Der Hang wird immer steiler, die Schwerkraft immer mehr zum Feind.

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Und dann ist Ende Gelände. Leider.

Wie knapp vor dem Ziel oder ob überhaupt auf dem richtigen Weg kann ich von meiner Position aus nicht beurteilen. Ich sehe nur, dass es nicht mehr weitergeht. Die Wand über mir ist jetzt endgültig zu steil und zu vereist. Enttäuscht erkenne ich, dass nur mehr die Umkehr mein Leben rettet.

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Zurück zur Erde geht es wenig elegant. Gut, dass mich außer einem Eichhörnchen niemand sieht. Allerdings werde ich etwaige Spenden für diesen Artikel für eine neue Hose brauchen. Wenigstens bin ich ziemlich schnell unten, und die Verletzungen beschränken sich auf weitere Abschürfungen und ein paar blaue Flecken.

Ohne das verdammte Eis hätte ich es geschafft. Glaube ich. Im Sommer kann ich Euch den Weg also bedenkenlos ans Herz legen. Einfach dem Wasserfall folgen!

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Die weitere Wanderung führt mich dann doch noch zu einem See, dem Quarry Lake, der aus einer erschöpften Tagebaumine entstand.

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Erschöpft bin auch ich, also lasse ich mich nieder und feiere mein heutiges Überleben durch Genuss einiger lebensverkürzender Marlboro-Zigaretten, die in Kanada nicht Marlboro heißen dürfen.

Aber das ist eine Geschichte für ein anderes Mal, Ihr wollt jetzt mehr über den Bergbau hören. 1887 begann in Canmore der Abbau von Kohle. Hauptabnehmer waren die Dampfloks, weshalb die transkontinentake Eisenbahnlinie durch diese wunderbare Landschaft gebaut wurde und auch heute noch mindestens stündlich einer der beeindruckend langen Güterzüge vorbeidonnert.

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Leider gerieten Dampfloks aus der Mode (wahrscheinlich wegen Greenpeace oder anderer Ökofuzzis), und an einem Freitag, den 13. Juli 1979, schloss die Mine. Daher kommt der Aberglaube, dass auf den Monatsdreizehnten fallende Freitage Unglück brächten. Das ist aber ein Irrglaube, in Wirklichkeit bringt der Aberglaube selbst Unglück.

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Der leitende Ingenieur der Mine, Gerry Stephenson, war ein begeisterter Angler und hatte eine bessere Idee, als das hässliche Loch einfach zuzuschütten. Endlich würde er auch zuhause in Canmore angeln können. So kam es zu dem See.

In der Stadt erinnert das Gebäude der Bergarbeitergewerkschaft an diese nicht allzu lang zurückliegende Geschichte, aber Bergarbeiter, die mir von vergessenen Goldminen erzählen könnten, treffe ich leider nicht an.

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Die sitzen wahrscheinlich alle im Veteranenheim mit dem billigen Bier.

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Während ich an diesem See sitze, frage ich mich endlich, wieso ich nicht gleich gemütlich hierher spaziert bin und mich mit einem Buch ans Ufer gesetzt habe anstatt im Hochgebirge auf Seenjagd zu gehen. Ich verstehe nicht, wieso ich immer wieder so etwas mache. Ehrgeizig bin ich eigentlich wirklich nicht. Auch höher, schneller, weiter war noch nie mein Antrieb.

Größer, mehr, teurer ist jedoch der Antrieb eines Ehepaares, dessen Streit ich anhören muss, weil sie ihn so laut austragen. Es geht darum, wie groß das neue Haus sein soll, wie nahe es am See liegen soll und wie breit die Auffahrt sein soll. Manche Materialisten können nicht einmal in der Natur innehalten.

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Apropos Häuser: Diese blaue Lagune sieht zwar schön aus, stinkt aber ganz erbärmlich, weil aus einem Rohr die Abwässer der sich immer weiter in die Natur fressenden Bebauung in das Ökosystem geleitet werden.

blaue Lagune.JPG

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Am Abend schneit es dann, sogar bis ins Tal. Wenn ich noch länger am Berg geblieben wäre, tja, das wäre nicht gut ausgegangen. Morgen werde ich es locker angehen lassen.

Schnee1Schnee2

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Als ich ins Motel zurückkomme, ist gerade Stromausfall. „Wegen irgendeiner Explosion“, wie die Damen von der Rezeption erklären und mich einladen, mich zu ihnen bei Kerzenschein in den Teeraum zu gesellen, weil in meinem Zimmer ja sowieso kein Licht und kein Internet funktioniere. (Viele Menschen heutzutage glauben, dass man Internet zum Überleben benötigen würde.)

Als sie mich fragen, was ich für morgen geplant habe, muss ich mir spontan etwas einfallen lassen: „Ich werde wohl zu Fuß nach Banff gehen.“ Das sind etwa 25 Kilometer.

Sie erzählen mir, dass sie mal einen Gast hatten, der die ganze Strecke hin und zurück gerannt ist. Na gut, dann ist mein Plan also vergleichsweise normal.

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Vom Motelfenster sehe ich nicht nur verlockend die unbezwingbaren Three Sisters, sondern immer wieder Kaninchen herumhoppeln. Jeden Tag werden sie mir begegnen, überall in der Stadt.

KaninchenKaninchen (2)

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Am nächsten Morgen mache ich mich also früh auf den Fußweg nach Banff, um den Ort zu sehen, an den jeder außer mir hin will (was macht man nicht alles für die wissbegierigen Leser) und um die 6 $ für den Bus zu sparen.

Auf der Karte habe ich gesehen, dass der Wanderweg Trans Canada Trail von Canmore nach Banff führt. Leider führt dieser Weg die Wanderer aber auch in die Irre. Dieser Weitwanderweg, der Kanada von Küste zu Küste durchquert, führt nämlich weitgehend über Straßen oder direkt an Straßen entlang. Ich will nicht zu hart urteilen, aber dieser Wanderweg ist der schlechteste und überflüssigste Weitwanderweg der Welt. Er ist eine einzige Täuschung, ein Ärgernis, eine verdammte Luftnummer.

So sieht im Land der endlosen Natur der Wanderweg in einem Nationalpark aus:

Autobahn1Autobahn2Autobahn3Autobahn4

Und einmal auf diesem Weg, kommt man nicht mehr aus. Rechts ist die Autobahn, links ist über Kilometer ein hoher Zaun, so dass man wirklich wie in einem Gehege läuft. Nur dass den Tieren im Zoo mehr Abstand zur Straße zugebilligt wird. An den wenigen Stellen, an denen der Zaun durchlässig ist, kommt man auf eine Bahnlinie oder müsste bald einen Fluss durchwaten.

Skelett BahnlinieFluss zw Canmore und Banff.JPG

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Wer also nach Kanada will, um zu wandern, kehrt besser gleich wieder um und fährt nach Großbritannien oder Österreich, wo Wanderwege wirklich für Wanderer gemacht sind.

Falls Ihr dennoch auf einer Zufußdurchquerung Kanadas besteht, sucht Euch eine Stromtrasse. Die sind breit genug, da kann eine ganze Armee wandern. Und Saft fürs Handy gibt es auch.

Stromschneise2Stromtrasse.JPG

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Nur einmal gibt es einen kleinen Aussichtspunkt, wo man ein bisschen im Gras herumlaufen darf, nachdem man durch eine Gittertür tritt, die vor Bären warnt.

Die Aussicht ist schon großartig, zugegeben, aber der einzige Grund für diesen Ort ist, dass hier ein Autobahnrastplatz ist. Kanada ist eigentlich ein Land für Autos, nicht für Menschen.

Ich genieße trotzdem die Pause, die nach dem Marschieren auf Beton dringend notwendig ist. Vor dem Mittagessen packe ich sicherheitshalber das Kampfspray aus und lese die Instruktionen auf einer verwirrend ausführlichen Bärenwarntafel.

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Zuerst werden die Unterschiede zwischen Schwarz- und Grizzlybären erklärt. Dabei soll ich auf die Form der Schulter und des Gesichts sowie auf die Klauen achten. Beim Schwarzbären sind diese bis 4 cm lang, ab 5 cm beginnt der Grizzlybär. Wahrlich ein hilfreicher Hinweis im Fall einer Attacke! Was ist mit einem Baby-Grizzly? Eigentlich ist alles egal, denn die zoologische Lehrtafel verkündet auch: „Beide Arten können auf Bäume klettern und schwimmen.“

Sodann werde ich angewiesen, was ich zu tun hätte, wenn ich dem Bären aus dem Weg gehen wollte: in der Gruppe unterwegs sein, laut sein und kein Essen auspacken. Da ich den/die Bären anlocken will, mache ich also alles gegenteilig richtig.

Aber was, wenn der Bär sich meldet? Dann soll ich unterscheiden, in welcher Gemütslage sich das Tier befindet. Wenn es Geräusche macht, knurrt, das Maul aufreißt und zum Angriff ansetzt, dann ist es – zu meiner großen Verwirrung – ein defensiver Bär. Das alles seien Anzeichen eines Scheinangriffs, ohne dass erklärt wird, wieso der Bär auf so eine Schnapsidee kommen sollte. In diesem Fall soll ich langsam zurückgehen und notfalls dem Bären das Giftgas ins Gesicht sprühen (wenn die Windrichtung stimmt, die ich in dieser Situation dann noch zu bestimmen habe, denn ansonsten haut das Gift mich anstatt das Raubtier um). Falls der Bär mich doch berührt, soll ich mich auf den Boden fallen lassen und tot stellen. Diese Haltung ist einzuhalten, bis sich der Bär entfernt hat. Wenn dieser Kontakt den Bären jedoch aggressiv gemacht hat (ja, das kann auch passieren), dann lautet der Ratschlag: „Kämpfen Sie mit dem Bären mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln.“

Wenn der Bär jedoch ruhig ist, mich beobachtet und mir folgt, dann ist es ein aggressiver Bär beziehungsweise, wie es auf kanadisch-diplomatisch heißt, ein nicht-defensiver Bär (das muss diese „political correctness“ sein). In diesem Fall soll ich mich so groß wie möglich machen (wie? vielleicht auf und ab hüpfen?), Lärm verursachen, einen sicheren Ort aufsuchen (Superidee!) und dann den Bären mit allem bekämpfen, was ich finden kann: Bärenspray, Steine, Stöcke. Aber: „Den Spray erst einsetzen, wenn der Bär in etwa 5 Metern Entfernung ist.“ Von Panik steht nichts in den Leitlinien.

Ich habe zwar Jura studiert, aber das sind mir viel zu viele Wenns und Abers, schlimmer als eine EU-Verordnung. Und welcher Depp legt sich bitteschön auf den Boden, wenn ein Bär naht? Insbesondere wenn man, wie es empfohlen wird, in der Gruppe unterwegs ist. Da laufe ich doch, was das Zeug hält. Einen neuen Wanderpartner oder eine neue Freundin findet man immer wieder, vor allem als weltbekannter Blogger.

Rucksack Rastplatz.JPG

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Der Rastplatz wäre auch der einzige Ort, an dem man vielleicht eine Mitfahrgelegenheit erhaschen könnte, allerdings nur in die für den Tagesplan falsche Richtung. Auf die andere Seite der Straße gelangt man nämlich überhaupt nicht, und außerdem gibt es keinen Seitenstreifen für Anhalter und anhalte- und anhaltermitnehmwillige Automobilisten.

Dieser Wanderweg ist so grausam, ich fange schon an, davon zu träumen, von einem Bären gefressen zu werden. Aber nur ein süßes Eichhörnchen lauert auf mich.

squirrel

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„Gibt es denn wirklich gar keinen anderen Weg?“ fragt Ihr Euch beim Blick auf die Natur zurecht. Aber so einfach ist es nicht. Im Winter könnte ich auf dem zugefroreren Fluss gehen, aber zu viel des Eises ist schon geschmolzen.

Die andere Alternative von Canmore nach Banff führt über das Gebirgsmassiv des Mount Rundle mit seinen sechs Gipfeln. Links dieses Gebirgszuges liegt Canmore, rechts Banff, man muss also alle Gipfel der Länge nach abklappern. Das wäre für einen Tag ein wenig arg.

Mount Rundle sunny.JPG

Außerdem ist es heute etwas neblig da oben.

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Dem Schmerz in meinen Beinen nach zu urteilen, müsste ich schon in Banff sein. Aber zuerst gelange ich an einen kleinen Friedhof im Wald. Beziehungsweise einem gar nicht so kleinen Friedhof, der allerdings wenig ausgelastet ist. Nur eine Handvoll Toter bewundert den Ausblick auf die Berge.

cemetry with mountain view Banff.JPGcemetery2

Ein Wolf oder ein Kojote streunt herum und hofft, die Einwohnerzahl dieser Institution zu erhöhen. Er scheint mich als Kandidaten für das baldige Ableben einzuschätzen, denn neugierig bleibt er mir auf den Fersen.

Kojote1Kojote2Kojote3

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Nach ein paar weiteren Kilometern auf einem Radweg, ebenfalls direkt neben der Straße, taucht endlich Banff auf, diese meistgepriesene Stadt Kanadas. Der Tourismus scheint zu boomen, denn ich sehe eigentlich nur Hotels links und rechts von der Straße, manche so riesig, wie wenn sie mit den Bergen im Hintergrund konkurrieren wollen.

Nach 25 km Fußmarsch habe ich mir eine kleine Cola verdient, denke ich mir. Aber die Läden verkaufen nur Fjällräven, North Face und Harley Davidson (wo es gerade 50% Rabatt auf Motorräder gibt). Canmore lebt zwar auch vom Tourismus, aber dort gibt es wenigstens normale Pizza- und Dönerläden – und die Buchhandlung. In Banff nehmen diesen Platz die Juweliere ein. Es ist eine Show-off-Stadt, passend zu all den Leuten, die hier für einen Tag herfahren, einen überteuerten Burger essen, auf dem Rückweg auf einem Parkplatz ein Selfie vor Bergkulisse machen und sich dann wie Abenteurer fühlen.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal ausdrücklich erwähnen muss: Wenn Ihr an einem Ort Diamantendiademe von Cartier kaufen könnt, dann seid Ihr nicht in der Wildnis!

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Und noch ein Unterschied fällt mir auf: In Canmore lächeln mich, den Fremden, viele Menschen an und grüßen mich. In Banff macht das niemand. Hier sehen die Leute nur verächtlich auf mich herab, weil meine Hose ein Loch hat und ich beim Rasten neben dem See meine Schuhe ausziehe.

Banff1Banff2

Weil meine Artikel aber nur durch die Begegnungen mit anderen Menschen interessant werden, spreche ich eine der Spaziergängerinnen an. Sie ist ganz neu in Banff und hat deshalb noch nicht internalisiert, dass man Landstreicher zu ignorieren hat.

Emma ist aus dem Karriere- und Stresszyklus, in ihrem Fall bei der BBC, ausgestiegen, weil sie „nicht immer das machen wollte, was die Masse macht“. So endete sie in Banff, dem Tourismusziel Nr. 1 in Kanada mit jährlich mehr als 4 Millionen Besuchern, und schult zur Skilehrerin um. Das machen hier all die „Aussteiger“ aus Neuseeland, Australien und Irland. Erstaunlich, nein, erschreckend viele von diesen Superindividualisten machen genau das Gleiche wie ihre Kollegen.

Als ich das anmerke, beschuldigt mich Emma, „negative Schwingungen“ auszusenden, und geht weiter, wahrscheinlich zum Yoga oder zu irgendwas, das ganz „spirituell“ oder „mindful“ ist.

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Mein Tipp für Rocky-Mountains-Reisende: Canmore ist das bessere Banff. Die Berge sind ja sowieso überall die gleichen. Das Wetter ist an beiden Orten gleichermaßen unstet. Und zwischen beiden Orten fährt ein Bus für 6 $, spart Euch also diesen Fußweg.

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Am nächsten Tag gehe ich lieber wieder in der Gegend von Canmore Wandern. Am Cougar Creek wird vor Pumas gewarnt. Mist, dagegen habe ich gar kein Spray. Um die ganzen Regeln schere ich mich nicht mehr. Wahrscheinlich sind Pumas noch komplizierter als die schon überregulierten Bären.

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Ich schlage den Weg zum Mount Lady MacDonald ein, denn das hört sich nach einem Gipfelimbiss an. Der Weg ist ziemlich steil aber nicht schwer. Es ist ein schöner Waldweg mit tollen Ausblicken.

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Hier sind mehr Wanderer als sonst unterwegs. Immer wieder sitzen am Wegrand junge Leute, die eine Verschnaufpause einlegen. Andere laufen mir schon vom Gipfel entgegen, das sind die Frühaufsteher. Zwei ältere Männer stehen auf dem Weg und weisen mich auf einen fetten Vogel hin, der nicht sehr scheu zu sein scheint. Auf ihrem Telefon haben sie Auerhennenrufe, um den Auerhahn anzulocken, aber der Vogel lässt sich nicht foppen, auch nicht von der Aussicht aufs Vögeln und Poppen.

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Wir kommen ins Gespräch, und mal wieder stellt sich heraus, dass jeder hier Deutsch spricht. Lászlós Eltern waren Ungarn aus Gebieten, die mittlerweile zu Rumänien bzw. zu Serbien gehören, und er selbst wurde am Ende des Zweiten Weltkriegs in Niederbayern geboren. Aber als Ungarn sprachen seine Eltern „natürlich“ Deutsch (Antal Szerb und sein Verweis auf Deutsch als Weltsprache fallen mir ein), das sie verwendeten, um sich unter Ausschluss des Jungen zu unterhalten. Dieser brachte sich mit Karl-May-Büchern selbst Deutsch bei. Noch jetzt, 60 Jahre später, kann er die Titel auf Deutsch aufzählen: Im Land der Skipetaren, Durchs Wilde Kurdistan, Der Schut. Der andere Herr, Chris aus England, der auch schon seit Jahrzehnten in Kanada lebt, lernt Deutsch, weil er gerne Wagner-Opern hört.

Wir merken, dass wir uns gut verstehen, und die beiden Herren wandern sowieso jede Woche zusammen, so dass sie um die Abwechslung froh sind. Also formen wir eine kleine Wandergruppe. Die beiden sind über 70 Jahre alt, haben aber ein deutlich höheres Tempo als ich drauf. Wenn ich mal so alt bin, möchte ich auch so fit sein.

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Dafür sind die Gespräche so interessant, dass mir die Mühe und die Sauerstoffknappheit gar nicht mehr auffallen. Die beiden sind sehr gebildet, weit gereist. László hat im Iran, in Brasilien und in Peru gelebt, und wir unterhalten uns über die Welt, über die Europäische Union, über Rumänien, über die AfD, über Universitäten, über die anstehenden Wahlen in Alberta, über das Baltikum, über Cuenca in Ecuador, und schwuppdiwupp sind wir beim alten Teehaus angelangt, von dem nur mehr eine Holzplattform steht. Statt McDonald’s genießen wir Obst, Müsliriegel und den Ausblick.

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Der eigentliche Gipfel läge noch ein paar hundert Meter höher, auf fast 3000 m, aber es sieht ziemlich steil aus, und oben wartet ein sehr dünner Grat. Aus Rücksicht auf die beiden älteren Herren muss ich Euch das leider vorenthalten.

Ok, ganz ehrlich, das wäre sowieso nichts für mich gewesen.

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Der Rückweg geht natürlich leichter als der Aufstieg, aber verfliegt auch wegen der angeregten Unterhaltung wie im Flug. Diesmal diskutieren wir über Autos, Ökosteuern, den Vertrag von Trianon, das duale Ausbildungssystem, den kanadischen Föderalismus, die britische Industriepolitik, den Verkehr in Teheran, Landminen in Bosnien und ICE-Züge.

Erst als ich zurück in die Stadt komme, merke ich, dass ich vor lauter Quatschen kaum Fotos von der Wanderung gemacht habe. Aber egal, Ihr habt wahrscheinlich sowieso schon genug von Bergen und Bäumen.

Diese Begegnung bestätigt mal wieder meine These, dass man Reisen am besten allein unternimmt. Wenn ich als Paar oder gar in einer Gruppe unterwegs gewesen wäre, hätte ich mich kaum stundenlang mit Fremden unterhalten und hätte nichts Neues gelernt.

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Ein nachahmenswerter Service sind diese Fahrradreparatur- und Luftaufpumpstationen.

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Eine der Rezeptionistinnen im Motel klärt mich auch endlich über die süßen Hoppeltiere auf: „Jemand hatte eine Kaninchenfarm, die pleite ging. Er brachte es nicht übers Herz, die Kaninchen zu verkaufen“ (wahrscheinlich ist er deshalb pleite gegangen, denke ich mir) „und hat sie alle frei gelassen.“

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Nachdem ich schon alle Himmelsrichtungen von Canmore aus zu Fuß erkundet habe, brauche ich jetzt doch ein Auto, um ins Hochgebirge zu kommen. Mieten steht finanziell außer Frage. Stehlen wäre nicht nur juristisch problematisch. Ich weiß auch nicht, wie man eine Autotür ohne Schlüssel aufbekommt, geschweige denn, wie man den Motor startet.

Also muss ich einen Trick anwenden: Ich lade einen Bekannten ein, mich in Canmore zu besuchen und so für einen Tag seinen Kindern zu entkommen. Es klappt. Der den regelmäßigen Lesern dieses Blogs bereits bekannte Fotograf Edward Allen kommt tatsächlich für einen Tag nach Canmore, und wir fahren in die Berge südlich der Stadt, vorbei an den Grassi-Seen, die ich vor einigen Tagen kletternd nicht erreichen konnte.

Aber heute interessieren diese kleinen Tümpel nicht mehr. Wir wollen höher hinaus, zu größeren Seen, zu weiteren Ausblicken und in dünnere Luft.

Photo by Edward John AllenPhoto by Edward John AllenHochgebirge1Hochgebirge2Hochgebirge3

Mit dem eisigen Wind und der absoluten Stille fühlen wir uns beide an den Himalaya erinnert, in dem noch keiner von uns gewesen ist.

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Um einen der Seen hat eine Pistenraupe eine Spur gezogen, der wir dankbar folgen. In dieser Abgeschiedenheit hätte ich eigentlich Angst vor Bären, aber Edward spricht so unentwegt und laut, dass es selbst Bigfoot in die Flucht schlagen würde.

Und so komme ich endlich mal wieder an Abenteurerfotos von mir.

Photo by Edward John AllenPhoto by Edward John Allen

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Zum Essen gehen wir dann doch in das Café Books, um die örtliche Literaturszene zu unterstützen. Die ganze Woche hatte ich es bewusst gemieden, um nicht in Versuchung zu geraten, und jetzt sehe ich, dass es tatsächlich eine Fundgrube ist. Zum Glück bin ich pleite.

Das Café liegt in einem separaten Gebäude für Gebrauchtliteratur, vielleicht damit die neuwertigen Bücher nicht den Curry-Geruch annehmen.

Cafe BooksCafe Books survival books

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Am Abreisetag leiste ich mir ein Taxi für die paar Kilometer zur Tourismusinformation, von wo aus der Bus zurück nach Calgary geht. Der Taxifahrer wartet mit mir zusammen auf den Bus, „weil so früh am Morgen sowieso nichts los ist“, und wir unterhalten uns eine Viertelstunde, während derer er mir einen Becher Kaffee kauft, der einen erheblichen Teil des Fahrtpreises verschlingt.

Ich mag so kleine Orte.

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Praktische Hinweise:

  • Gewohnt habe ich im Mountain View Inn, das war gemütlich, geräumig und preiswert. Bei Booking bekommt Ihr über diesen Link 15 € Rabatt, übrigens auch für alle anderen Unterkünfte weltweit.
  • Die günstigste Möglichkeit von Calgary nach Canmore/Banff ist im Sommer der Bus von On-It (10 $), im Winter der Banff Express (30 $).
  • In Canmore und Banff gibt es einen ganz guten Busverkehr von Roam Transit, der auch teilweise in die Berge führt, von wo aus man loswandern kann. Ein Auto braucht man also nicht.
  • Eine Linie fährt regelmäßig und bis etwa 22 Uhr zwischen Canmore und Banff (für 6 $). Wegen der teuren Unterkünfte in Banff lohnt sich selbst dann eine Übernachtung in Canmore, wenn Ihr mehr Zeit in Banff verbringen wollt.
  • Falls Ihr, so etwas soll vorkommen, auf Eurer Reise den Adapter für europäische Geräte in nordamerikanischen Steckdosen irgendwo liegen- bzw. wohl eher steckenlasst, so bekommt Ihr in Canmore im Laden „The Source“ gegenüber von „Canadian Tire“ fachgerecht und hilfsbereit Nachschub.
  • Falls Euch auf der Reise die Bücher ausgehen, findet Ihr im Café Books Nachschub.

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Planänderung: Marienbad

Nicht ganz in letzter Minute, aber zwei Tage vor Abreise wurde mein Housesitting-Auftrag in England storniert. Die Eigentümer bleiben jetzt doch selbst zuhause. Das ist schade, denn ich hatte mich wirklich auf die Cotswolds gefreut.

Also saß ich hier in Bayern auf einem gepackten Rucksack und musste mir eine Alternative einfallen lassen. Natürlich hätte ich zuhause bleiben und studieren können, aber ich war schon in Reisestimmung. Also suchte ich nach einem schönen und mit der Eisenbahn zu erreichenden Ort. Pilsen und Prag kenne ich schon, also war die Wahl eigentlich einfach: Marienbad in Tschechien.

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Manchmal wundere ich mich, wieso wir so oft in die Ferne schweifen, wo es doch auch in unserer Nähe schöne und interessante Orte gibt.

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Die Welt bei uns zuhause

Einmal pro Woche versuche ich, einen internet-, telefon-, arbeits- und stressfreien Tag einzulegen, indem ich von früh bis spät in der Natur spazierengehe, mit einem Buch am Bach sitze und den Wolken beim Ziehen zusehe. Ein säkularer Sabbat, sozusagen. Diese entspannenden Tage bestätigen mich darin, der Leistungs-, Wettbewerbs-, Arbeits- und Konsumgesellschaft weitestgehend tschüss gesagt zu haben. Das Essen pflücke ich von den Bäumen, zum Trinken gibt es Quellen, nur die Zigarre muss man selbst mitbringen.

Auf einer Wanderung von Königstein nach Ammerthal ist mir nun aufgefallen, dass man sich sogar die Fernreisen sparen kann, wenn man mit etwas Fantasie durch die Landschaft läuft.

Man entdeckt Kirchenburgen, die fast so beeindruckend sind wie die in Rumänien.

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Wie in Wyoming wimmelt es vor wilden Mustangs.

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Sogar Indianer gibt es.

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Wer nach Brasilien fliegen wollte, um sich den Dschungel anzusehen, kann sich das sparen. Auch in Bayern wird abgeholzt wie im Amazonas.

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Und irgendjemand oder irgendwas pustet so viele Abgase in die Luft wie ganz China.

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Mit etwas Glück stößt Ihr auf Ruinen, die sich vor denen in Machu Picchu oder Tyndaris nicht verstecken müssen.

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Die Felsen sind so imposant wie in den Dolomiten.

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Und wer kaukasische Wehrtürme sehen will, muss nicht bis nach Swanetien oder Inguschetien wandern, was besonders praktisch ist, weil die meisten sowieso nicht wissen, wo das ist. Das allerdings ist schon wieder eine Eigenschaft, derer sich auch der Landkreis Amberg-Sulzbach rühmen kann.

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Eine Zug- und Zeitreise: Im Mennoniten-Express von Winnipeg nach Toronto

Dies ist der dritte Teil der Kanada-mit-dem-Zug-Durchquerungs-Trilogie, so dass ich die vorherige Lektüre von Teil 1 und Teil 2 empfehle. Ansonsten bekommt Ihr alles durcheinander, und die Geschichte wird entgleisen wie ein Güterzug, der eine unschuldige Kleinstadt in Brand setzt. Und das wollt Ihr nicht, oder?


So sehr Winnipeg zu meiner Lieblingsstadt in Kanada geworden war, irgendwann musste ich weiterziehen. Die Ankunft des Zuges war für 19 Uhr geplant, in Wirklichkeit trudelt er um 23:45 Uhr ein und die Reise geht erst eine Stunde später los. Aber alle Passagiere wissen das und haben zuhause noch gemütlich zu Abend gegessen und sich ein Eishockey-Spiel angeschaut, weil sie das praktische Online-Tool nutzen, das Position, Geschwindigkeit und Verspätung aller Züge live anzeigt.

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Alle Passagiere? Nein! Ein Unbeugsamer hat kein Smartphone und hält diese Technik für unnütze Spielerei. Ich treffe also ein paar Stunden verfrüht ein und habe den prächtigen Bahnhof mit überkuppelter Halle für mich allein.

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Vielleicht sollte ich mir doch mal so ein Internetteil kaufen? Aber nein, so schlimm ist eine Verspätung von fünf Stunden gar nicht. Einmal hatte der Zug bei der Durchquerung Kanadas eine Verspätung von mehr als 30 Stunden. Naja, selbst wenn das passieren sollte, ich hätte genug Bücher zum Lesen dabei.

Bald kommen noch mehr Smartphone- und App-Verweigerer: Etwa 12 uniformierte Männer in schwarzen Klamotten und schwarzen Hüten, Frauen und Fräuleins in langen, einfarbigen Kleidern und tief übergestülpten Häubchen, sowie Buben in schwarzen Hosen, dunkelblauen Hemden und Strohhüten. Als Gepäck haben sie große Plastikeimer und mit Schnüren verbundene Holzkisten dabei. Sie sprechen in einem Mischmasch aus Englisch, Deutsch und etwas Deutschähnlichem. Es sind Mennoniten, und zwar solche alter Ordnung.

Ich kann mein Glück kaum fassen! Nicht nur bin ich bald wieder in meinem Lieblingstransportmittel aus dem 19. Jahrhundert unterwegs, sondern ich werde die Fahrt mit Menschen von ebendort teilen. Ich bin zu scheu und anständig, als dass ich andere Menschen frontal fotografieren würde, aber ich weiß, dass Ihr vor Neugier platzt. Also gebe ich vor, ein Selfie zu machen, und hoffe, dass ein paar der Damen hinter mir abgelichtet werden.

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Jetzt muss ich nur noch mit ihnen ins Gespräch kommen. Immer wieder verstehe ich Gesprächsfetzen auf Deutsch, aber wenn sie Englisch sprechen, verstehe ich sie besser. Gerne mischen sie beide Sprachen: „Das ist interesting“ oder „der Zug isch a hundred twenty-six kilometers weit weg. Des dauert no mehr als a Schtund.“ Im Bahnhof werden diese Informationen nämlich ebenfalls auf einem Monitor angezeigt.

Einige der Männer haben Faltblätter mit einer Landkarte der gesamten Strecke, auf die ich immer wieder neidisch blicke. Ich stehe auf, gehe zum Schalter und hole mir ein Exemplar. Als ich zurückkomme, hebe ich die Hand mit der Landkarte und sage „That was a good idea, gentlemen, thank you very much!“ Sie lachen, und das Eis ist so geschickt gebrochen wie es Egon Erwin Kisch oder Ryszard Kapuściński nicht besser und schneller zustande gebracht hätten. Jetzt dranbleiben!

„Wie weit fahren Sie?“ frage ich, weiterhin auf Englisch. Bis zur Eisenbahnkreuzung von Sudbury, andere bis Washago, beides in Ontario. „Von dort müssen wir ein paar Stunden mit dem Bus weiterfahren. Wir wohnen in der Nähe des Lake Superior.“

Die Herren wollen natürlich auch über meine Reise hören, also erzähle ich und vergesse nicht, zu erwähnen, dass ich aus Deutschland bin. Keine Reaktion. Ich hake nach: „Sie sprechen auch Deutsch, wie ich gehört habe, oder?“

„Ja, einen deutschen Dialekt“, erwidern sie, noch immer auf Englisch.

Jetzt wechsle ich frech ins Deutsche: „Dann lassen Sie uns doch Deutsch sprechen.“

„Ja, kenn mer scho mache. Wir sprechen Pennsilwania-Deitsch. Ich hab mal ghert, in Deitschland gibt’s ne Region, die wo heisst Schwoben. Dort spreche die Leit anscheinend so wie wir.“

„Aber unsere Bücher sind in Hochdeutsch geschrieben.“ Mit „Bücher“ meinen sie das Neue Testament, das jeder von ihnen in der Tasche hat. „Aber unsere Bücher sind nicht in englischen Buchstaben, sondern in deutscher Schrift. Ich habe gehört, dass Ihr die seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr verwendet.“ Er meint die Frakturschrift, und ich versuche, mich bei den Herren aus der Vorzeit einzuschmeicheln: „Oh, das kann ich lesen. Ich habe als Kind Bücher von Karl May in dieser Schrift gelesen.“ Einer der jungen Männer lächelt, ob aus Kenntnis um den Autor oder aus Mitleid, weil ich etwas anderes als die Bibel lese, weiß ich nicht. Jetzt muss ich ein paar Zeilen aus dem zufällig aufgeschlagenen Johannes-Evangelium vorlesen, ein Test, den ich flüssig und mit Bravour meistere.

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Versucht doch mal, ob Ihr den Test bestanden hättet.

Hoffentlich fragt mich niemand nach meiner Religion, denn als Atheist wäre ich hier unten durch. Manchmal kann ich mich aufgrund frühkindlicher Indoktrination noch als Katholik ausgeben, aber die sind bei den Mennoniten wohl auch nicht so gut angesehen. Denn wenn ich nach der Familiengeschichte frage, erwähnt jeder von ihnen, dass ihre Vorfahren im 18. Jahrhundert aus der Schweiz fliehen mussten. Es würde mich nicht wundern, wenn die Verfolger Katholiken waren, Katholiken verfolgen schließlich alles und jeden (außer Sexualstraftätern im eigenen Verein).

Einer der Mennoniten, der lustigste von ihnen, dessen Hände so aussehen, wie wenn er eben noch Rüben gepflanzt hätte, spricht tatsächlich wie ein Schweizer. Mit ihm kann ich mich fließend unterhalten. Einer der älteren Herren spricht eher schwäbisch, die anderen kann ich nur teilweise verstehen. Wenn sie untereinander sprechen, verstehe ich nur Bahnhof, und endlich passt die Redewendung einmal. Wir werden uns die kommenden Tage abwechselnd beider Sprachen bedienen.

„Tage?“ wundert Ihr Euch wahrscheinlich. Tja, Kanada ist groß, und der Zug von Winnipeg nach Toronto dauert 38 Stunden, die sich dummerweise über zwei Nächte erstrecken, die ich wie immer in der billigsten Klasse ohne Schlafwagen durchzustehen habe. Die Mennoniten frage ich gar nicht, in welcher Klasse sie reisen, denn dass sie gewiefte Sparfüchse sind, das sieht man ihnen schon an.

Als der Zug kurz vor Mitternacht endlich einfährt, stürmt eine lautstarke Gruppe von etwa 50 hyperaktiven Jugendlichen aus dem Zug. An den vollen Rucksäcken sieht man, dass hier Endstation für sie ist. Die Mennoniten und ich danken Gott, dass wir den Zug nicht mit ihnen teilen. Das wäre der Horror geworden.

Während der ganzen Zeit kann ich keinen Notizblock hervorholen und natürlich keine Fotos machen, sonst wäre das Vertrauen dahin, das ich aufzubauen versuche. Beim Einsteigen in den Zug gehe ich also in den nächsten Waggon, um nachträglich alles aufzuschreiben. Mein Platz ist der einzige im Zug, an dem noch für einige Stunden das Licht brennt. (Und Ihr dachtet immer, ich hätte ein lockeres Leben!)

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In den nächsten Tagen wird man sich immer wieder über den Weg laufen. Das ist das Schöne am Reisen mit der Eisenbahn. Wenn man den Gesprächspartner wechseln will, geht man durch den Zug, setzt sich woanders hin, geht in den Speisewagen oder in die mit Glas überdachte Aussichtskuppel, wo man fast nie allein ist. Es geht in dieser Geschichte also ein bisschen drunter und drüber, aber ich möchte damit auch das Gefühl vermitteln, wie es ist, hin und her durch den Zug zu wandern, von interessanten zu langweiligen, von amüsanten zu traurigen Gesprächen. Keine Sorge, falls unterwegs der Faden verloren geht! Am Ende kommen wir wie geplant nach Toronto, ganz sicher.

Irgendwann nach 3 Uhr muss ich doch eingeschlafen sein, denn um 5:30 Uhr wache ich auf, als wir auf freier Strecke halten. Die Scheinwerfer eines Pickup-Trucks haben den Zug zum Stehen gebracht. Zwei Männer steigen aus dem Auto und in den Zug. Ein Überfall? Nein, einfach ein zusätzlicher Halt.

Apropos Pickup-Truck, da fällt mir noch eine Geschichte ein, die die Mennoniten erzählt haben: In eine ihrer Siedlungen kam ein Bär. Tommy, der gerade mit dem Fendt-Traktor unterwegs war, wollte ihn mit der Palettengabel aufspießen, aber der Bär war natürlich schneller und wendiger. Hinzu kam Gary, der den Bären einfach immer wieder mit seinem Pickup-Truck rammte. Das ließ den Bären ebenfalls kalt, also rief Tommy seiner Frau ins Haus: „Bring das Gewehr, aber das 308er!“ Die Frau war eiskalt und erschoss den Bären. Sie haben ihn dann am nächsten Tag in die Schule gebracht, damit die Kinder mal einen Bären sehen.

Den Wilden Westen, es gibt ihn doch noch.

Nach der kurzen Nacht begebe ich mich in den verglasten Aussichtswaggon. Dort ist es eiskalt, aber so werde ich wenigstens schneller wach, noch vor der ersten Frühstückscola.

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Ebenfalls früh wach sind meine Mennonitenfreunde. Die Kinder lesen schon eifrig Bücher, und um 8:30 Uhr kommt eine der Mennonitenfrauen und verteilt Schulhefte. Die Arbeit beginnt.

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Der Schulunterricht ist aber wohl beschränkt auf Bibelkunde und einfache Arithmethik. Denn immer wieder bekomme ich Fragen wie diese: „Wie bist Du denn von Europa nach Kanada gekommen?“

„Mit dem Flugzeug“, antworte ich unvorsichtigerweise.

„Ist das genauso schnell wie die Eisenbahn?“

Ich glaube nicht, aber wie soll ich das jemandem erklären, für den der (relativ langsame) Zug das Maximum an Teufelstechnik darstellt? „Ein bisschen schneller. Aber es macht nicht so viel Spaß, man hat nicht so viel Platz, man ist auf seinem Sitz eingepfercht. Zugfahren ist wirklich viel besser“, versuche ich ihn zu beruhigen.

Am Blick merke ich, dass er sich das alles nicht vorstellen kann. Und mir wird klar, dass ich es nicht nur mit Leuten zu tun habe, die Technik ablehnen, sondern die auch Informationen über Technik ablehnen. Wer keinen Fernseher hat und keine Magazine durchblättert, woher soll der wissen, wie ein Flugzeug von innen aussieht?

Ein anderes Problem mit der Technik haben zwei mittelalte Kanadierinnen, die jetzt in die Glaskuppel kommen: „Ich krieg hier noch die Krise, hier gibt es auch keinen Empfang!“ „Und seit gestern kein Internet, ich weiß gar nicht, wie es meinen Hunden geht.“ „Wo ist denn der nächste Halt, wo wir telefonieren können?“ „Nie mehr bin ich so blöd, mit dem Zug zu fahren! So eine Scheißidee.“

Wir haben es mal wieder mit jenen Menschen zu tun, die die Eisenbahn für alles kritisieren, was gar nichts mit ihr zu tun hat. Wenn man mit dem Auto durch unbewohnte Teile Kanadas fährt, hat man auch keinen Handyempfang. Eine Bekannte aus Winnipeg hatte mir gesagt, dass sie nie mit dem Zug reisen könne, weil sie klaustrophobisch sei. Ich fragte sie, wie groß ihr Auto denn ist oder ob sie allein in einem Frachtjumbo fliegen würde, aber sie kapierte es nicht. Wenigstens gibt es in Kanada nicht die ganzen Verspätungsbeschwerer wie bei der Deutschen Bahn, die dann lieber Stunden im Stau stehen.

Ähnlich absurd sind die Argumente derjenigen, die irgendwie rechtfertigen wollen, warum Kanadier weniger Zug fahren als Menschen in anderen Ländern. „Kanada ist so groß“ ist die Standarderklärung/-ausrede für alles. Russland ist auch groß, und dort ist nicht nur die bekannte Trans-Sibirische Eisenbahn ein gängiges Transportmittel. In Kanada ist die Bevölkerung sogar noch viel konzentrierter auf einige Ballungsräume, alle innerhalb eines Korridors entlang der Grenze mit den USA, was den Zugverkehr effizienter und ökonomischer machen sollte. Außerdem, nur weil ein Land groß ist, bedeutet das nicht, dass jeder Passagier bei jeder Fahrt bis zum Nordpol will.

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„Kanada hat nicht genug Menschen“ ist das nächste schwache Argument. Naja, es sind 37 Millionen und damit nicht weniger als in Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, Rumänien oder Montenegro, wo der Zug überall öfter als zweimal in der Woche fährt.

Nein, es ist wohl die Individualisierungsideologie, die sich gemeinschaftlichen Lösungen verweigert. Die nordamerikanischen Ureinwohner mit ihrem kommunitären Gesellschaftsmodell hingegen hätten ganz sicher Eisenbahnen gebaut.

Zwei Jungs, die im gleichen Waggon wie ich fahren, stellen sich vor: Chance und Curtis. Sie haben sich erst im Zug getroffen, fahren aber beide die gesamte Strecke von Vancouver nach Toronto ohne Unterbrechung. „Hut ab“, möchte ich da sagen, aber keiner von ihnen wird während der gesamten Fahrt seine Baseballkappe auch nur eine Sekunde abnehmen.

Curtis ist Nuklearphysiker und arbeitet an einem Forschungsinstitut an Dingen, die ich nicht verstehe. Seine sehr klobigen Koffer machen mir etwas Sorgen. Vielleicht ist er ein Plutoniumkurier?

Chance ist Schauspieler (er spielte Phil in der Serie The Switch), Sozialarbeiter und Drehbuchautor. „Oje, nicht schon wieder ein Drehbuchautor“, denke ich nach der Erfahrung mit Benjamin aus Teil 2 dieser Zugreise. Fährt der ganze Zug denn nur, damit Autoren sich mit Passagieren unterhalten, um daraus Artikel und Drehbücher zu schreiben, ohne zu merken, dass ihr Gegenüber den Zug aus genau dem gleichen Grund genommen hat? Vielleicht sind wir alle gar nicht so kreativ, wie wir glauben.

Als ich wieder in die Glaskuppel gehe, bemerke ich, dass diejenige der beiden Kanadierinnen, die nicht ganz so verrückt nach Handyempfang ist, eine andere Obsession hat: Sie hat sich vom Personal einen Reinigungsspray und Papiertücher geben lassen und putzt die Fenster. „Diese Jugendlichen auf Schulausflug haben ihre ungewaschenen Haare an die Scheiben gedrückt“, erklärt sie ihre Aktion.

Anscheinend steigert die Putzaktion tatsächlich den Durchblick, denn ein Mennonit ruft mir zu: „Siegscht den bald eagle da obn?“ Den Weißkopfadler hätte ich zwar nicht erkannt, aber ich sehe einen Punkt in der Ferne des Firmaments. Die Augen bleiben also wirklich besser, wenn man nie auf Monitore starrt. „Das muss ein junger sein, denn mit drei Jahren verändern sie die Farbe“, fügt er zoologisch versiert an.

Überhaupt ist es beeindruckend, was die Mennoniten über die Natur wissen. Ökos sind sie allerdings nicht. Ihr Verhältnis zur Natur ist eher eines der Nutzbarmachung, ganz gemäß der Anweisung im ersten Buch Mose 1:28, sich die Erde untertan zu machen. Die folgende Geschichte illustriert das ganz gut:

„Der Biber ist ein schlaues Tier. Wir hatten mal einen Biber auf der Farm, der einen großen Baum für den Dammbau benötigte und ihn gerade so weit angenagt hatte, dass der Baum nicht umfiel. ‚Warum nagt er nicht weiter?‘ fragten wir uns, bis wir merkten, dass er Nordwind benötigte, damit der Baum in die gewünschte Richtung fiel. Nordwind ist selten bei uns. Also hat der Biber sechs Wochen gewartet, bis der Wind aus der gewünschten Richtung kam. Und genau an dem Tag hat er den Baum gefällt.“

„Wow!“ entfährt es mir, sowohl aus Bewunderung für den Biber als auch für die Gabe, so etwas zu beobachten. Wir Zivilisationsmenschen würden gar nicht verstehen, was der Biber vorhat.

„Der Damm ist so geschickt konstruiert, alle Bäume und Äste sind engstens miteinander verhakt, den bekommst du mit der Hand nicht mehr auseinander,“ fährt der Landwirt fort, „also haben wir ihn mit Dynamit gesprengt.“

„Die ganzen Fische waren dann auch tot“, erinnert sich sein Kollege.

Die Aufsicht über Nationalparks sollte man den Mennoniten besser nicht übertragen. Und eigentlich sind sie auch ganz normale Wachstumsjünger, wohl in Befolgung der oben zitierten Stelle aus dem ersten Buch Mose, die auch zu Fruchtbarkeit und Vermehrung auffordert. Einer der Mennoniten erzählt mir, dass er jetzt in einem Dorf mit 40 Einwohnern lebe, aber aus einem Dorf mit etwa 100 Einwohnern stamme. Wenn die Gemeinde zu groß wird, muss sie sich teilen, weil das Land sie nicht mehr ernähren kann.

Ich halte das zwar für die falsche Antwort auf weltwirtschaftliche Wachstumsprobleme, aber heute will ich mal zuhören. Mich interessiert, wie entschieden wird, wer bleibt und wer weiterzieht. „Es ist ein bisschen Zufall,“ antwortet er vage, „aber auf jeden Fall müssen Junge und Alte darunter sein.“ Die Mennoniten profitieren von der Landflucht, so werden immer wieder Höfe und im besten Fall ganze Dörfer frei, die man kaufen kann. Wenn die Kanadier in die Stadt ziehen wollen und ein Dorf aufgeben, kommen die Mennoniten mit ihrem Pferdewagen und einem Sack, in dem 8 Millionen Dollar Bargeld stecken. Das Geld konnten sie locker ansparen, weil sie nie in ihrem Leben ein Apple-Produkt gekauft haben. (So finanziere ich übrigens auch mein Leben.)

Auf dieser Fahrt treffen sich die Extreme, und ich bin mittendrin. „Wo sind wir überhaupt?“ kreischt eine der Frauen, wie wenn der Zug sie entführen wollte. Die Mennonitenmänner blättern in einem sehr zerfledderten Straßenatlas und erklären, dass wir bald nach Sioux Lookout kämen. Wie sie das in der flachen Prärie, wo alles gleich aussieht, bestimmen können, verstehe selbst ich Superpfadfinder nicht. Vielleicht erkannten sie das verlassene Sägewerk, das gerade vorbeigezogen ist. „Hoffentlich funktioniert dort das Telefon“, ist der einzige Gedanke der Handyfrau.

Nach Sioux Lookout wird die Landschaft interessanter als in der Prärie. Es ist noch immer relativ flach, aber bewaldet und mit Seen. Der Zug fährt keine langweilige Gerade mehr, sondern schlängelt sich durch Birken-, Fichten- und Tannenwälder.

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„Des schaut aus, wie wenn’s forest fires ghat hätt“, weist mich einer der Mennoniten auf die verbrannte Erde hin, aus der jedoch schon wieder putzige grüne Bäumchen sprießen und den Kreislauf der Natur von vorne beginnen.

Es ist kein Zufall, dass gerade der Wald neben der Bahnlinie abgebrannt ist. Funken aus der Dampflok, Funkenflug von den Bremsscheiben und aus dem Fenster geworfene Zigarrenstummel, kleine Ursache, große Wirkung. Das Rauchen ist übrigens verboten. Die Schaffnerin scheint eine feine Nase zu haben, denn immer wieder ruft sie durch die Toilettentür und erinnert an das Verbot. Die Ertappten kommen dann erst nach 15 Minuten raus, weil sie das Kabuff von Asche und Gestank reinigen müssen, und streiten den Tabakkonsum natürlich ab. Manchmal habe sie auch schon Leute aus dem Zug geworfen, erzählt sie. Ich lasse mir anmerken, dass ich das ziemlich hart finde, und sie erklärt: „Hey, das Rauchverbot ist nicht irgendeine Regelung der Zuggesellschaft, sondern ein Bundesgesetz.“ Na gut, aber die meisten der Ortschaften, in denen wir halten, sind so klein, dass es dort nicht einmal ein Hotel gibt. Wer da rausfliegt, wird vom Bären gefressen.

Später, als sie wegen der Nähe eines Ortes tatsächlich mal Empfang hat, zeigt die Mobilfunkfetischistin einem Mennoniten stolz ihr Telefon: „Sehen Sie, der Punkt hier zeigt unseren Zug an. So weiß das I-Phone immer, wo wir sind.“ Naja, immer ist übertrieben, wie wir gesehen haben. Und als der Kollege Technikbanause fragt „Können Sie mir dann Bescheid geben, wenn wir an der Farm vom Wiebe vorbeikommen?“, ist sie platt wie ein platter Reifen in Plattdeutschland.

„Gerade hatte ich zwei Balken, jetzt habe ich nur mehr einen“, ruft die Telefontussi, nennen wir sie Tiffany, ganz entsetzt. Es ist ihre erste große Reise. Sie kann umsonst mit der Bahn fahren, denn ihr verstorbener Mann war dort angestellt. Das hätte sie zwar schon seit 30 Jahren machen können, aber bisher hat sie nur gearbeitet (eine typisch kanadische Krankheit, insofern passen die Mennoniten gut in das Land). Ihr Mann selbst sei übrigens nie Zug gefahren, weil er Angst hatte, dass der Zug entgleisen würde. „Ich weiß, in welch schlechten Zustand die Strecke ist, das tue ich mir nicht an“, soll er immer wieder gesagt haben, bis er starb, wahrscheinlich bei einem Autounfall.

Die Putzfrau, nennen wir sie Pamela, will mir unbedingt ihre Lebensgeschichte erzählen. Sie hat erst mit 45 geheiratet, zwei Tage nach der Hochzeit zog der Mann von Ontario nach Alberta, sie gab ihren Job als Mikrobiologin auf, fand nur Arbeit auf dem Golfplatz, musste eine Hypothek aufnehmen. Nach fünf Jahren Ehe stellte sich heraus, dass ihr Mann schwul ist. Anstatt über die verlorenen fünf Jahre ärgert sie sich immer wieder über die gemeinsamen Schulden, die zu begleichen müssen sie glaubt. „Ich könnte in der Jerry-Springer-Show auftreten“, schätzt sie sich richtig ein.

Dazwischen zeigt sie mir unendlich Fotos von Hunden und Katzen auf ihrem Handy (das funktioniert leider auch ohne Netz). Als sie mir das Foto des abgetrennten Fußes ihres zuckerkranken Vaters zeigen will, stehe ich auf und kann mich nur dadurch retten, dass ich die Mennoniten frech frage, was in dem riesigen Plastikkanister ist, den sie herumreichen. Es sind selbstgemachte Kartoffelchips, so weit haben sich die Einwanderer aus deutschsprachigen Landen dann doch amerikanisiert.

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Einer der älteren Mennoniten wendet sich nun an die Frau mit dem dramatischen Leben: „Sie sind aus Alberta und haben Hunde? Dann kennen Sie vielleicht die Victoria Bond.“

„‚Ähm, nein.“

„Die wohnt auch in Alberta.“

„Wo in Alberta?“

„Das weiß ich nicht. Aber sie hat zwei Hunde, und ich dachte, man kennt sich dann vielleicht.“

Zur Erklärung sei angefügt, dass die Provinz Alberta über 660.000 km2 groß ist. Das ist so groß wie Deutschland und Italien zusammen.

Es ist noch früh am Morgen, aber ich muss mir schon wieder heimlich Notizen machen, sonst kann ich mir all die Kuriositäten nicht merken. Also verziehe ich mich in den Speisewagen, wohin die Mennoniten auf keinen Fall gehen. Sie sind autark. Wahrscheinlich haben die Hühner in den Holzkisten sogar frische Eier gelegt.

Beim Frühstück lerne ich Richard kennen, der sein Fahrrad mit in den Zug gebracht hat, damit er in Toronto umweltfreundlich durch den Regen radeln kann. Der Transport kostet nur 20 $ extra, das ist für eine Strecke von fast 2.000 km akzeptabel.

Ansonsten fährt Richard umsonst, denn er ist ein ehemaliger Schaffner, der sich damit ein lebenslanges Fahrtrecht erworben hat. Er erzählt, dass die Strecke früher am Lake Superior entlang führte und landschaftlich viel schöner war. Aber jetzt sei es wichtiger, dort den ganzen Krimskrams aus China so schnell wie möglich nach Toronto zu transportieren.

Und noch etwas weiß Richard: den Grund für die fünf Stunden Verspätung in Winnipeg. „Gestern Abend unterhielt ich mich hier mit einem älteren Herrn. Naja, unterhalten ist vielleicht das falsche Wort, das Gespräch war sehr einseitig. Vielleicht hatte er Demenz, jedenfalls sprach er kaum. Am nächsten Morgen war er tot. In Saskatoon kamen dann der Leichenbeschauer und der Sheriff an Bord, deshalb die Verspätung.“ Ich hoffe nur, die haben den Toten mitgenommen, anstatt ihn im Kühlfach zu deponieren, aus dem mein Frühstücksspeck kam.

Ein älteres Paar setzt sich an den Tisch, vielleicht angelockt vom morbiden Gesprächsthema. Auch sie sind aus Winnipeg. Als ich erzähle, dass ich gerade für zehn Tage dort war, können sie es gar nicht fassen. „Zehn Tage in Winnipeg, was macht man denn da so lange?“ Das ist etwas, das mir auf Reisen immer wieder begegnet: Die interessantesten und sympathischsten Städte werden vollkommen unterschätzt, selbst von den Menschen, die dort leben. Ich hätte Monate in Winnipeg verbringen können, ohne dass mir langweilig geworden wäre. Aber dazu gibt es mal einen gesonderten Artikel, falls Interesse besteht.

Vor Hornepayne müssen wir auf freier Strecke etwa 90 Minuten warten, „weil zu viele Züge im Bahnhof sind“. Das sind die langen Frachtzüge, mit denen Erdöl durchs Land gefahren wird, das zuerst exportiert, im Ausland raffiniert und dann als Benzin importiert wird, um all die Autos von den Leuten zu betreiben, die nicht Zug fahren wollen. Sehr effizient, so eine Marktwirtschaft.

Netterweise öffnen die Schaffner die Türen, so dass wir uns ein wenig die Beine vertreten können, wenn auch nicht sehr weit, weil gleich neben dem Gleis ein Bach verläuft und das Eis darüber nicht mehr trägt.

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Irgendwann erreichen wir dann doch Hornepayne. Ein Ort mit 1000 Einwohnern, aber diejenigen, die dringend belanglos telefonieren wollen, sind im siebten Himmel. Während des Aufenthalts, der gerade so knapp bemessen ist, dass man zum Supermarkt und zurück laufen kann, gibt es anscheinend einen Vorfall, dass ein Mann auf die Lok klettern will und von der Zugbegleiterin entdeckt und verscheucht wird. Ich selbst sehe nichts, aber die Neuigkeit verbreitet sich in der nachrichtenarmen Gegend wie ein gefährlicher Waldbrand.

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Mittlerweile haben sich Chance, Curtis, Tiffany und Pamela bekannt gemacht und diskutieren heftigst, wozu sie sich leider den Panoramawagen ausgesucht haben. Die Damen schimpfen, dass niemand mehr arbeite (was nicht stimmt), weil jeder Sozialhilfe und kostenlose Häuser bekäme (was nicht stimmt), dass man die Ureinwohner besser behandeln müsse, obwohl man selbst sie doch nicht ausgerottet hat (wobei zumindest letzteres zumindest hoffentlich stimmt, aber die andauernden Folgen der Entrechtung übersieht), dass niemand an die Ölindustrie und die Landwirtschaft denke (was in Kanada nun wirklich nicht stimmt), und dass sie bessere öffentliche Dienstleistungen sowie niedrigere Steuern wollen (was unlogisch ist). Mit einem Satz, sie sind typische Leute aus Alberta.

Die Jungs bestreiten jeden einzelnen Punkt, relativ fundiert, aber etwas übereifrig und ein bisschen schnell persönlich werdend. Sie finden, dass Umweltschutz wichtiger ist als Erdöl, dass Steuern nichts Schlechtes sind, dass insbesondere reiche Unternehmen ein bisschen mehr zahlen können (wofür sie als Sozialisten gebrandmarkt werden), und dass postkoloniale Gesellschaften eine Verpflichtung gegenüber den einst Kolonialisierten haben (ich finde die Argumentation zu ethnisch-kulturell und zu wenig sozio-ökonomisch). Mit einem Satz, sie sind tyische Kanadier, die nicht aus Alberta sind.

Es ist so, wie wenn überzeichnete Charaktere einen politischen Streit auf Twitter nachspielen. Sinn ergibt das alles nicht, aber dafür sind sie umso lauter, während die Mennoniten und ich einfach nur die Landschaft von Ontario bewundern wollen. „Weiße können sagen, was sie wollen, immer werden sie als Rassisten bezeichnet“, ereifert sich Tiffany. Das ist nun wirklich Unsinn und zudem ein sicheres Zeichen, dass in den nächsten Minuten rassistische Äußerungen folgen werden.

Da stehe ich lieber schnell auf und begebe mich zum Mittagessen, wo ich wieder auf Richard treffe, der anscheinend im Speisewagen wohnt. (Vielleicht hat er dafür auch ein Gratisticket.) „Hast du von dem Typen, der auf die Lok geklettert ist, gehört?“ begrüßt er mich.

„Was war denn da los?“ frage ich, voller Hoffnung auf mehr Details.

„Ich habe keine Ahnung, was der wollte. Die Schaffnerin hat ihn heruntergezogen, dann ist er weggerannt. Gut, dass sie ihn entdeckt hat, bevor der Zug anfuhr. Das kann echt gefährlich werden!“

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Sogar der älteste der Mennoniten war noch nie weiter westlich als Winnipeg. In seinem ganzen Leben. Dafür macht er sich Sorgen, ob er noch arbeiten kann, weil er ein Knie aus Metall hat und mit zwei Stöcken durch den Zug geht. „Mit den Pferden werde ich wohl nicht mehr arbeiten können, weil ich nicht mehr rechtzeitig aus dem Weg springen kann. Vielleicht kann ich noch Bienenstöcke zimmern.“ Daher hat Max Weber also die Theorie von der protestantischen Arbeitsethik.

Jemand wie ich, mit dem Berufswunsch Landstreicher, wäre da schnell geächtet. So antworte ich auf die unausweichliche Frage nach meinem Beruf nicht wahrheitsgemäß, dass ich Geschichte studiere, um die Welt bummele und auf Katzen aufpasse, sondern rekurriere auf den zuletzt vor zehn Jahren ausgeübten Beruf als Rechtsanwalt.

„Mit welcher Spezialisierung?“ fragt mich der Schweizerisch sprechende Mennonit.

„Familienrecht, also Scheidungen und Streitigkeiten um Kinder.“

„Das ist einfach,“ antwortet er, „da ist immer der andere schuld!“ Er ist echt der lustigste in der Truppe. Zu Scheidungen sagt er nur: „Wir machen das nicht. Das ist ein starker Punkt bei den Mennoniten.“ Ich würde das eher anders beurteilen, aber ich habe den Eindruck, dass er selbst merkt, dass man dadurch Probleme nur ignoriert, aber nicht löst.

Wahrscheinlich brauchen die Mennoniten gar keine Anwälte. Denn sie sind so überzeugte Pazifisten, dass sie nicht einmal jemanden verklagen, sondern einfach aufs Jüngste Gericht hoffen. Tragischerweise trug die Kombination aus deutscher Abstammung und Pazifismus dazu bei, dass die Mennoniten während des Ersten und Zweiten Weltkriegs in Kanada als Vaterlandsverräter angesehen wurden. Von den Männern wurden etliche interniert oder zur Zwangsarbeit verurteilt. (Mehr dazu in meinem Artikel über deutsche Einwanderer in Nordamerika.)

Selbst spät am Abend streiten sich die jungen Linken und die alten Rechten noch bitter. Jetzt sind sie tief in der Rassismusdiskussion. Während vier Weiße heftigst über Rassismus diskutieren, sitzt zwei Reihen weiter ein junger Schwarzer, der sich wahrscheinlich denkt „Was wisst Ihr denn schon?“ oder nur inständig hofft, nicht in diese verfahrene Diskussion verwickelt zu werden.

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In der Nacht rast der Zug, wie wenn er glaubt, die enorme Verspätung aufholen zu können. Ich träume, dass ich Freunde in ihrem Haus am Meer besuche, das wackelt und quietscht wie der Zug. „Das ist der Wind“, sagen sie, und im Traum kann ich vor Angst nicht schlafen.

Am nächsten Morgen verschlafe ich den Sonnenaufgang. Die Landschaft hat sich verändert. Überall sind kleine Seen, fast Moore, Ausläufer der Georgian Bay.

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Ich frage die Mennonitenherren ungläubig, ob sie in dem Rumpelzug überhaupt schlafen konnten. „Ja, klar“, antworten sie, wie wenn die Frage sie verwundert.

Chance und Curtis unterhalten sich jetzt auch über den mysteriösen Trittbrettfahrer: „Der Typ wollte wohl kostenlos mitfahren und sich zwischen den Waggons verstecken.“ „Krass, das wird doch eiskalt in der Nacht.“ „Vielleicht musste er nur bis zur nächsten Stadt.“ „Tja, der nächste Zug kommt in drei Tagen, dann kann er es nochmal versuchen.“

Das hört sich so an, wie wenn schon wieder eine Abenteurerkarriere, wahrscheinlich inspiriert durch meinen Blog, in den Anfängen gestoppt wurde. Schade.

Jetzt löst sich auch das Rätsel von Curtis‘ Atombombenkoffer: Er ist einfach nur genauso altmodisch wie ich und schleppt einen Riesenvorrat an Büchern aus Papier durch die Gegend.

Bei den Mennoniten hätte ich mir die Frage eigentlich sparen können, aber ich habe dann doch eruiert, ob sie mal nach Europa kommen wollen. Alle verneinen diese Frage, und ich habe den Eindruck, wie wenn sie noch nie darüber nachgedacht haben, weil das einfach keine Option darstellt. In diesem Zusammenhang erwähnen sie dann immer, dass sie in der Schweiz verfolgt wurden und deshalb fliehen mussten. Wissen sie nicht, was sich seither verändert hat? Vielleicht haben sie tatsächlich keine Vorstellung des aktuellen Europa, denn als einer von ihnen hört, dass ich aus Deutschland bin, fragt er mich: „Kennst du den Erwin aus Braunschweig?“

Aber auch ich kann dumme Fragen stellen: „Habt Ihr eine eigene Radiostation auf Deutsch?“

„Wir haben keinen Radio oder Fernseher in unseren Häusern.“ Oh, dann muss ich nach Internet oder Telefon gar nicht fragen.

Nach Autos frage ich aber doch.

„Nein, wir haben keine Autos.“

„Aber gestern hat der Kollege den Traktor erwähnt“, werfe ich ein.

„Ja, in deren Gemeinde machen die das anders“, sagt er traurig. „Wir haben nur Pferdekutschen.“ Das Wort Gottes ist so unklar, dass es in jedem Dorf anders ausgelegt wird.

Währenddessen halte ich eines der Bücher in der Hand, das ich mir für die Zugreise mitgenommen habe: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert von Yuval Harari. Es handelt von Biotechnologie, Algorithmen, der Kontrolle über Daten. Und plötzlich beneide ich den bärtigen Mann mit seinen schmutzigen Fingern neben mir, denn er hat die Lösung für vieles schon gefunden. Stress hat er auch keinen. Jetzt verstehe ich, wieso er nachts so gut schlafen kann.

Im unbeheizten Glashaus, in dem sich die Leute jetzt gegenseitig Steine an den Kopf werfen, ist es eigentlich eisig kalt, aber die Diskussion ist mir zu hitzig und vor allem zu unergiebig. Man nimmt diesen Zug doch nur einmal im Leben, kruzifix nochmal, müssen einem die Leute da wirklich die Fahrt mit den ewig gleichen Diskussionen vermiesen, die man auch anderswo schon hundertmal gehört hat?

Was sehr angenehm an den Mennoniten ist, dass sie sich so unterhalten können, dass nicht der ganze Zug alles hört; ein Talent, das sie an die kanadischen Passagiere weitergeben sollten. Die denken nämlich, dass ihr Unsinn alle interessiert.

Es tut mir leid für Euch, dass es aus Ontario keine weiteren Fotos mehr gibt, aber ich kann es im Obergeschoss echt nicht mehr aushalten und ziehe mich auf meinen Sitzplatz zurück. Ich muss sowieso noch Schlaf nachholen.

Aber schon nach etwa einer Stunde, ich kann mein Unglück kaum glauben, kommen die beiden Jungs herunter und setzen sich genau neben meinen Platz, um die Diskussion fortzuführen, die oben anscheinend eskaliert ist. Das wundert mich nicht, denn insbesondere Chance ist viel zu aggressiv, als dass man auf einen grünen Zweig kommen könnte. Und beide überbetonen den Generationenkonflikt. Sie betrachten die beiden Frauen als Repräsentanten einer Elterngeneration, mit der sie schlechte Erfahrungen gemacht haben. Und die Frauen denken, dass sie mehr vom Leben verstehen, weil sie geschieden oder verwitwet sind.

Sie kommen aus vollkommen unterschiedlichen Denkschulen und wenn sie volle Kanne aufeinander losdiskutieren, kann dabei nichts rauskommen. Dabei hat mir Chance gestern vom Aufwachsen in einer Pflegefamilie, von Drogen, Obdachlosigkeit und seiner Geschlechtsumwandlung erzählt. Er hätte eigentlich viel gemeinsam mit der Frau aus der Jerry-Springer-Show; viel, worüber sich Verständnis und Empathie aufbauen ließe.

Es stimmt schon, die Frauen haben etwas komische Ansichten, und über strukturellen Rassismus haben sie noch nie nachgedacht. Aber man kann das auch schonender und sanfter erklären. Oder durch Fragen zum Nachdenken anregen. Ich kann mich ja auch mit den Mennoniten respektvoll unterhalten, obwohl ich Atheist und gegen Arbeit bin. Auf einer Zugfahrt höre ich lieber zu, als dass ich doziere.

Diese Leute, die sich gegenseitig anschreien und beleidigen, die kommen nach ein paar Tagen und Tausenden von Kilometern mit genau der gleichen Meinung nach Hause. Bei mir ändert sich immer etwas. Nach jeder Reise bin ich anders als zuvor.

Als ich mal wieder auf die Schaffnerin treffe, frage ich nach dem Mann, der auf den Zug springen wollte. „Ach, der wollte nur ein Selfie vor der Lokomotive machen. Aber wenn diese Geschichten durch den Zug wandern, dann verändern sie sich immer.“ Gut, dass Ihr mich auf diese Reise geschickt habt, der alles verifiziert, lieber dreimal nachfragt und akribisch recherchiert.

Dummerweise ist diese Arbeit anstrengend, und ich schlafe wieder ein und verpasse den Ausstieg der Mennonitenfreunde. Schade. Allerdings wäre mein Traum, dass sie mich einladen, mit in ihr Dorf zu kommen und ein internetfreies Leben zu führen, wohl sowieso nicht in Erfüllung gegangen. Wer einen Adler in drei Kilometern Höhe sieht, erkennt auch auf den ersten Blick, dass ich über keinerlei landwirtschaftlich oder handwerklich verwertbaren Fähigkeiten verfüge.

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Außerdem sind sie, trotz der persönlichen Freundlichkeit, wohl doch nicht so am Kontakt interessiert. Euch wird aufgefallen sein, dass ich von keinem der Mennoniten den Namen erfuhr (außer von Tommy und Gary von der Bärenjagd; vielleicht weil sie annahmen, ich kenne die Herren). Das ist insbesondere in Nordamerika frappierend, wo einem sonst jeder Fremde innerhalb von 30 Sekunden die Hand entgegenstreckt und sich vorstellt: „Hallo, ich bin Tim, lass mich dir von meinem Leben erzählen und dich sogleich zum Grillen einladen.“ Die Mennoniten sind eher schüchtern und zurückhaltend, auch hier stehe ich ihnen mentalitätsmäßig näher.

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Und noch etwas fällt auf: In den gesamten beiden Tagen habe ich mit keiner der Mennonitenfrauen gesprochen. Manchmal habe ich sie gegrüßt, dann haben sie scheu gelächelt, das war’s. Dabei waren die jüngeren Damen sichtlich neugierig auf den mysteriösen Fremden, der wie einer der Schauspieler aussieht, den sie im Fernseher, den sie nicht haben, noch nie gesehen haben. Die Frauen saßen nicht immer abseits von den Männern, aber nie sagte eine von ihnen etwas in meiner Gegenwart. Der erste Korintherbrief 14:34-35 wird anscheinend streng befolgt. Wenn ich die Männer näher kennenlernen würde, käme ich vielleicht darauf, dass sie doch keine sympathischen Käuze, sondern religiöse Fundamentalisten sind. Fundamentalisten, die wir, wenn ihr Buch anders als die Bibel hieße, als eine Gefahr für die Gesellschaft und insbesondere für die so erzogenen Kinder wahrnehmen würden. Dann wäre auch der Aufschrei größer, wenn erwachsene Frauen nicht lesen und schreiben können.

Am Ende kommen wir sogar zwei Stunden früher als geplant in Toronto an. Zwei Stunden früher ankommen trotz Abfahrt mit fünf Stunden Verspätung, das ergibt einen Nettozugewinn an Lebenszeit von sieben Stunden. Das soll die Deutsche Bahn oder die ÖBB mal nachmachen.

Ich hatte den Zug gewählt, weil ich Berge und Seen, Flüsse und Städte, Schnee- und Felsmassen vorbeiziehen sehen wollte, weil ich einen geographischen Überblick über dieses unhandliche Land gewinnen wollte. Aber am Ende waren es die Menschen und ihre Geschichten, die im Gedächtnis bleiben, die die Reise belebt haben und die mich jederzeit wieder den Zug wählen lassen würden.

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Nach 4466 km fühle ich mich überraschend frisch und erholt. Jetzt bin ich bereit für die Weltreise mit dem Zug!

Praktische Hinweise:

  • Alle Informationen, Fahrpläne und Buchungsmöglichkeiten gibt es bei Via Rail.
  • Im Sommer fährt der Zug dreimal, im Winter zweimal pro Woche.
  • Wenn Ihr flexibel seid, versucht verschiedene Daten, denn die Preisunterschiede sind enorm. Im Sommer ist der Zug angeblich ziemlich ausgebucht, und ab 1. Juni werden die Preise verdoppelt, wie mich ein Schaffner vorgewarnt hat. Die gesamte Strecke von Vancouver nach Toronto gibt es in der Nebensaison ab 466 $ (= 300 €).
  • Ich konnte den Fahrschein nicht mit meiner europäischen Kreditkarte buchen und musste deshalb ins Reisebüro gehen. In der Nebensaison kann man aber aber auch am Abfahrtstag noch problemlos Tickets am Bahnhof kaufen.
  • Unbedingt mitnehmen: Ein Buch, eine Decke für die Nacht, Hausschuhe.
  • Internet gibt es nur an den großen Bahnhöfen. (Ich fand die Internetfreiheit übrigens super. Dadurch waren die Leute viel kommunikativer.) Steckdosen gibt es an jedem Platz.
  • Ein Tipp für absolute Sparfüchse: Der Wasserhahn im Bad ist hoch genug, um mitgebrachte Wasserflaschen aufzufüllen. So müsst Ihr an Bord nichts für Getränke ausgeben. Und wer noch mehr sparen will, findet sicher eine leere Plastikflasche im Mülleimer des Abfahrtsbahnhofes. – Wie ich immer sage, Reisen muss nicht teuer sein.
  • Das Essen im Zug ist relativ preiswert (hier die Speisekarte), aber wer wirklich sparen will, bringt natürlich alles mit. Kochendes Wasser gibt es kostenlos, so dass man sich Tee und Suppen zubereiten kann.
  • Plant ein paar Stunden Verspätung ein. Auf keinen Fall einen knappen Anschlussflug buchen.

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