„Martin Eden“ von Jack London

Jack London ist bekannt für Geschichten über Schatzsucher, Walfänger und Vagabunden. Sein schönstes Werk ist jedoch ein feinfühliger Roman über einen Seemann, der merkt, dass mehr in ihm steckt und der sich deshalb um Bildung und sozialen Aufstieg bemüht und schließlich zum Schriftsteller wird.

Während Der Ruf der Wildnis oder Wolfsblut fast jedem deutschen Leser ein Begriff sind, ist Martin Eden, wie der junge Mann sowie das Buch heißt, im Westen eines der unbekannteren Werke Jack Londons. Das verwundert, denn in anderen Sprachkreisen ist es ein Kultbuch. Von Armenien bis Albanien, von Russland bis in die Türkei habe ich immer wieder begeisterte Leser getroffen.

51z9-c8hy-l._sx320_bo1204203200_Dem dtv-Verlag sei gedankt für die Neuauflage, die Martin Eden hoffentlich auch hierzulande bekannter macht. Die Neuübersetzung durch Lutz-W. Wolff bleibt viel näher am englischsprachigen Original, allerdings fand ich die alte Übersetzung von Erwin Magnus fast besser, auch wenn er sich einige Freiheiten herausgenommen hatte.

Obwohl es mir wahrlich nicht an Lesestoff mangelt, lese ich diesen Roman alle paar Jahre. Es ist eines der wenigen Bücher, wo ich mich mit dem Protagonisten weitgehend identifizieren kann. Und so ist es auch eine nützliche Lektüre für diejenigen Leser und Leserinnen, die mich verstehen wollen.

Wichtig an Martin Eden ist der Klassenaspekt und dass dieser überwiegend mit Bildung, nicht mit Materiellem, gezeichnet wird. Martin will der Arbeiterklasse nicht deshalb entfliehen, weil sie rauh und arm ist und er schuften muss, sondern weil ihn die Arbeit und die ewig gleichen Unterhaltungen geistig nicht fordern. Als er durch eine Zufallsbekanntschaft in die Schichten gelangt – allerdings immer nur als Gast -, in denen man Bücher liest und Gedichte rezitiert, lebt er auf und beginnt, sich fieberhaft und im Selbststudium fortzubilden.

Dazu kommt das Schreiben, das von seinen Zeitgenossen als sinnlos angesehen wird, weil es kein Geld einbringt. „Such dir doch eine Anstellung“, ist die ständige und einfallslose Empfehlung seiner Familie und der Freundin, die ihn letztendlich verlässt, weil er sich kein Haus leisten kann, wo sie zusammenziehen könnten. Selbst unter den Leuten, die vorgeben, ihn zu verstehen, bleibt er vollkommen unverstanden. Dabei müssten sie nur seine Artikel lesen. Aber sie sind ausschließlich daran interessiert, wieviel er damit verdient. Erst am Ende, als es zum schriftstellerischen Durchbruch kommt, stehen die bis dahin abschätzige Familie und die Freundin wieder auf der Matte, mit all der Verlogenheit, die Bourgeoisie und Arbeiterklasse in diesem Fall vereint.

Martin selbst findet schon lange bei niemandem mehr Halt. Bei der Arbeiterklasse nicht, weil ihm Alkohol und Boxkämpfe nicht ausreichen, aber auch beim Bildungsbürgertum nicht, weil deren Wissen nur theoretisch und angelesen ist, und die Anwälte und Richter und Banker nichts von der Welt gesehen haben und nichts vom Leben des Großteils der Bevölkerung wissen (wollen). Martin, der Seeman und Bücherwurm, vereint beides, aber damit ist er allein.

Dieses Dilemma kann nicht aufgehen, aber dennoch ist das Buch nicht deprimierend, was vor allem an der wunderbaren Sprache und der Poesie liegt, die allerdings im englischen Original noch weit besser zur Geltung kommt als in den beiden deutschen Übersetzungen.

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Nur ein Satz zum Faschingsdienstag

Mit guten, aufrichtigen und angesichts des sich schon längere Zeit ohne das Ablegen von Prüfungsleistungen hinziehenden Geschichtsstudiums durchaus notwendigen Vorsätzen im Herzen, im Kopf oder wo auch sonst Vorsätze sitzen, wenn sie sich nicht verstecken, sowie mit Unterlagen zur Geschichte der Arbeit im vorindustriellen Europa, die ein gutes Beispiel dafür sind, was universitäre Studien im besten Fall erreichen, weil sie über Homer und Hesiod, Cato und Cicero, die Benediktiner und Berthold von Regensburg, Menius und Marx hinausgehend und epochenübergreifend immer wieder die Rolle von Arbeit in der Gesellschaft zu thematisieren versuchen, was durchaus nicht unaktuell ist, in der Hand

mache ich mich auf den Weg in die Provinzialbibliothek in Amberg, die dank der Säkularisation eine staatliche Bibliothek geworden und es seither geblieben ist, so dass ich mich in der Pracht des einst kirchlich durch Vorgaukelung des Bestehens von Himmel und Hölle und des vollkommen unseriösen Angebots, einen Weg in ersteren zu bieten, das mit der tatkräftig geschürten Furcht vor letzterer einherging, finanzierten und unten abgebildeten Lesesaals jetzt ganz ohne Ordens-, Kirchen- oder Sektenzugehörigkeit wohlfühlen kann beziehungsweise könnte,

wenn nicht meine zielgerichteten Schritte wenige Zentimeter vor der Tür durch ein an derselben angebrachtes und das Nichtöffnen derselben erklärendes Schild gestoppt würden und ich mich stattdessen mit der Erklärung zufrieden geben muss, dass das Bücherdepot am Faschingsdienstag ganztägig geschlossen sei, was mich zuerst erschaudern lässt, weil ich „Faschistendienstag“ gelesen und eine feindliche Übernahme der Bibliothek befürchtet habe, dann ratlos darüber lässt, was der Zusammenhang zwischen Fasching und Bibliotheksschließung sein soll, wo doch gerade an Tagen mit so nervigen und absurden Umzügen, Kostümen und Tralala ein Refugium der Vernunft dringend geboten wäre,

und mir schließlich und glücklicherweise einfällt, dass der 25. Februar auch ein viel höherer und in meinem Wertesystem sogar meinen eigenen Geburtstag weit übertreffenden allerhöchsten Feiertag beherbergt, nämlich den Tag der Hypotaxe oder, um hier nicht mit Fremdwörtern zu prahlen und Sprache als Distinktionsmerkmal zu missbrauchen, den Tag des Schachtelsatzes, dieses Meisterwerks, das, soweit ich es überblicken kann und worin ich durch weitgereiste und vielsprachige Leserinnen und Leser gerne korrigiert würde, in der deutschen Sprache sein willkommendstes Zuhause gefunden hat,

woraufhin der Entschluss fällt, anstatt in die als Option sowieso ausscheidende Bibliothek in den nahegelegenen Malteserpark zu gehen und ganz unabgelenkt von in meiner Heimatstadt leider nicht vorhandenen mobilen Currywursteinzelhändlern dem Star des heutigen Tages eine kleine, sich bescheiden auf einen Satz beschränkende Eloge darzubieten,

was mangels Vorbereitung, Plan oder Drehbuch unweigerlich nur in der vorliegend bereits als Ergebnis zu betrachtenden „stream of consciousness“-Methode zu bewerkstelligen ist, weshalb jegliche Hoffnung auf Spannung, sinnvollen Inhalt oder gar zielorientierte Struktur sogleich fallen zu lassen ist,

und stattdessen, so zumindest die unverbindliche Empfehlung des Autors, dieser Text wie eine Jazz-Symphonie von Schostakowitsch zu genießen ist, bei der man während des Konzertbesuchs manchmal innerlich vor Freude jauchzt, aber sich andere Male ebenso innerlich und heimlich fragt, wie lange es denn noch dauern wird, sich aber immer sicher sein kann, dass es ein Ende geben wird bevor die Musiker beziehungsweise der Schreibende vom Stuhl fallen beziehungsweise fällt,

wobei mir bei diesem Vergleich schmerzlich bewusst wird, dass die Leserinnen und Leser viel leichter als die KonzertbesucherInnen, was eine perfekte Vorlage für einen Ausflug in die geschlechtergerechte Sprache anböte, der wegen Verästelungs- und Verirrungsgefahr in diesem sowieso schon labyrinthgleichen Text nicht eingeschlagen wird, sondern sich darauf beschränkt, anzumerken, dass mir aufzufallen scheint, dass die Vertreter und Vertreterinnen der Forderung, bei Berufs- oder anderen Menschenbezeichnungen zumindest die beiden wesentlichen Geschlechter abzubilden, dies meist bei positiv oder neutral besetzten Wörtern beziehungsweise Wortpaaren wie Schülerinnen und Schüler oder Bürgerinnen und Bürger praktizieren, aber weit weniger erpicht darauf sind, den Diktatorinnen und Diktatoren oder Terroristinnen und Terroristen den gleichen gleichberechtigenden Respekt zu erweisen, den sich eigentlich fest vorgenommenen Kulturgenuss abbrechen können und durch leichte Kost wie den Griff zu einem lustigen Taschenbuch von Disney oder einem weniger lustigen von Coelho ersetzen können,

und als weiterer Unterschied die trübe Tatsache hinzutritt, dass ich den Füller nicht in einem eleganten Konzertsaal schwinge, sondern in Kälte und Nieselregen auf einer vielleicht einen verkorksten modernistischen Designpreis gewonnen habenden aber niemals einen Gemütlichkeitspreis gewinnen würdenden Bank aus Metallrohren zu frieren beginne und daher befürchte, nicht, wie eigentlich geplant oder zumindest als mögliches Endergebnis offen gehalten habend, einen fast noch jungfräulichen beziehungsweise jungmännlichen 80-seitigen Schreibblock so vollzuschreiben, dass ich just auf dem letzten weißen Blatt mit den Gedanken und der Tinte zu Ende komme,

was mich leider ungedulds- und ablenkungsfördernd an den vor zwei Jahren in, was zugegebenermaßen im Vergleich mit Amberg im Februar kein hoher Maßstab ist, interessanteren Gefilden und gemütlicherer Umgebung zum gleichen Anlass erstmals gestarteten Versuch, dessen Ergebnis ich hiermit unverschämt selbstreferentiell verlinke, dessen Lektüre ich jedoch bitte, zur ununterbrochen fortzusetzenden Lektüre dieses Textes hintanzustellen, erinnern lässt

und die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Aufenthaltsort und Schreiben und Geschriebenem stellt, bezüglich derer ich nicht nur selbst die Beobachtung gemacht habe, dass ich an unterschiedlichen Orten unterschiedlich kreativ und produktiv bin und dass Plattenbauten in Osteuropa insbesondere im für stundenlange Spaziergänge zu kalten Winter produktionsfördernd sind,

sondern dies zu der Theorie ausgeweitet habe, dass es eben wegen der klimatischen Verhältnisse mehr gute Literatur aus Russland und Skandinavien als aus Tuvalu und Fiji gibt, nicht ohne, um aus den vielen möglichen Kritikpunkten an dieser zugegeben nicht weit, lange oder tief durchdachten These nur einen herauszugreifen, zuzugestehen, dass mich Eurozentrismus zu einer falschen Einschätzung und Bewertung der Literaturen dieser Welt verleiten mag, und mir jetzt außerdem einfällt, dass Sizilien und Israel schon ziemlich gute Literatur hervorgebracht haben, ich also keine Ausrede habe, wenn ich die nächsten Monate, die ich auf einer Insel im Atlantik verbringen werde, nicht weiterhin punktlos und kommareich schreibend produktiv sein werde, sondern umgebungsinspiriert Geschichten von Walfängern, Piraten und Vulkanausbrüchen liefern muss, falls bis dahin auf dem nichtinsulären Festland überhaupt noch jemand das aktuelle Coronavirus überlebt haben wird,

welches düstere Gedankenspiel hier nicht weiter verfolgt werden soll, weil mir schon zu oft der Vorwurf gemacht wurde, es ginge in meinen Geschichten zu düster, pessimistisch oder gar morbide zu, was bei persönlichen Begegnungen manchmal zu der überraschenden Erkenntnis beim Gegenüber führt, dass ich ganz umgänglich und sogar lustig sein kann, allerdings nur kann und nicht immer will, und in diesem Zusammenhang gleichzeitig Warnung und Entwarnung gegeben werden muss, dass ich zwar viel und gerne erzähle, dies aber gewöhnlich in gemäßigterem Satzbau tue, weil sonst auch bei mir Kopfschmerzen einsetzen würden,

wobei ich jetzt aktiv schreibend schon weiter in dieses seinen Umfang, geschweige denn sein Ende, noch nicht abzusehendes Syntaxgewirr vorgedrungen bin als ich es passiv lesend je in dem ähnlich kunstvoll verschwurbelten „Joseph und seine Brüder“ des Großmeisters Thomas Mann geschafft habe, wobei ich mich keinesfalls auf die gleiche Stufe mit dem vorgenannten und von mir hochgeschätzten Autor, dessen Radioansprachen an die deutsche Nation der Hörerschaft, womit, wie der aufmerksamen Leserschaft nicht entgangen sein wird, die oben kurz angerissene aber nicht im Ansatz zufriedenstellend beantwortete Frage nach den bei Substantiven das Geschlecht anzeigenden anzuwendenden Endungen geschickt umgangen wird, ein Maß an Aufmerksamkeit und Konzentration abverlangten, das heutzutage keine Radio- oder Fernsehsendung beim Publikum als bestehend oder aktivierbar vermutet, was doch ein trauriges Urteil über unsere Zeit ausstellt, stellen möchte, und das nicht nur, weil er schon tot ist und ich quicklebendig, wenn auch dessen manchmal überdrüssig, bin,

sondern dazu ermuntern möchte, all die Tweets und grässlich verstümmelten Kurznachrichten hinter sich zu lassen und zu richtig guter Literatur zu greifen, die Ihr wahrscheinlich auf dem Dachboden, in den Tiefen des Bücherregals, einem jener Bücherschränke, die aus den nicht mehr zu ihrem ursprünglichen Zweck genutzten Telefonzellen umfunktioniert wurden, einer öffentlichen und nach dem sehnlichst erwarteten und hoffentlich baldigen Abschluss der Faschings-, Karnevals- oder je nach Region anderweitig bezeichneter angeblich närrischer und dabei gar nicht komischer Feierlichkeiten dann wieder geöffneten Bibliothek oder notfalls bei einem der die Innenstädte aussterben und veröden lassenden Buchversandhändler findet,

wonach der Autor sich fragt, wie zum heiligen Grammatikus er noch den Bogen zum Schluss, den vermutlich die meisten Leserinnen und Leser, die die Lektüre frohgemut begonnen aber bald erschöpft aufgegeben haben, nicht erleben werden, schlagen wird, wozu ihm nur einfällt, das im Laufe dieser Niederschrift zu Tage tretende Hirngespinst in den Dank des Internets weltweiten und auch die Deutschsprachigen in Übersee erreichenden Raum zu stellen, in ebendiesem vorliegenden Stil Geschichten oder gar ein Büchlein voll derselben anzufertigen, zu drucken beziehungsweise drucken zu lassen und unter das erwartungsgemäß sehr kleine, sich dafür jedoch umso elitärer fühlen dürfende Publikum und damit selbiges zur Verzweiflung zu bringen,

einem Gemütszustand, der sich beim Autor, der damit zumindest für sich selbst überzeugend bewiesen hat, dass Schreiben Arbeit ist, womit, um unelegant darauf hinzuweisen, ganz elegant der Bogen zum Eingangs-, fast hätte ich geschrieben -satz, aber wir sind ja noch im ersten, gleichen, selbigen und einzigen, also -gedanken geschlagen ist, gastrisch niederschlägt, weshalb dieser jetzt den Schreibblock zu- und dafür den Weg zur Bäckerei einschlägt, die hoffentlich nicht vom Vortag so betrunken wie die Bibliothekare und Bibliothekarinnen ist, um ganztägig die Tore vor der zahlungs- und damit eine drohende Rezension abzuwenden bereiten Kundschaft verschließen zu müssen.

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So wird das mit dem Klimawandel enden

Viele große Diskussionen sind im Grunde eine Debatte zwischen Optimisten und Pessimisten – mit ein paar selbsterklärten Realisten, die irrigerweise annehmen, über diesen Kategorieren zu stehen. Das gilt auch für den Klimawandel.

Werden wir CO2-neutrale Technologien entwickeln? Oder können wir das Kohlendioxid  sequestrieren? Wo? Wie werden wir das finanzieren? Können wir Städte verlegen, die vom steigenden Meeresspiegel und von Stürmen bedroht sind? Können Wind- und Solarenergie genug Strom produzieren? Werden Öl und Kohle nicht sowieso irgendwann ausgehen? Können wir Emissionen einsparen, indem wir alle weniger Tage pro Woche arbeiten?

Tatsächlich glaube ich, dass diese Fragen nicht so relevant sind wie sie erscheinen. Die Zukunft unserer Erde wird nicht von Technologie abhängen, sondern vom menschlichen Verhalten.

Werden wir innehalten und weniger konsumieren und produzieren? Werden wir denjenigen helfen, die von Fluten und Dürre vertrieben werden? Werden wir unter der Bedrohung gleichzeitig defensiver und aggressiver werden? Oder mitfühlender und kooperativer? Werden die Reichen (darunter praktisch alle Leser dieses Blogs) sich um die Armen kümmern oder sich in ein Refugium zurückziehen?

In den letzten Jahren, während sich der Planet so schnell aufheizt wie nie zuvor, habe ich mich das öfters gefragt. Dabei werde ich immer skeptischer, je mehr die Bevölkerung wächst und die Menschen weiterhin ungezwungen fliegen und Autos fahren und Steaks essen. Dazwischen erkenne ich manchmal Hoffnungsfünkchen an Optimismus, aber diese werden gleich wieder durch den Auspufflärm der immer größer werdenden Autos überdröhnt.

Dann stieß ich auf ein Buch, ein wunderbares Buch über ein schreckliches Ereignis. Und jetzt glaube ich zu wissen, wie alles enden wird. Die lehrreiche Lektüre war das Buch von Swetlana Alexijewitsch über die Katastrophe in Tschernobyl. Alles darin läßt einem die Haare zu Berge stehen (bevor sie verfrüht ausfallen), aber am meisten die Unbekümmertheit und die absichtliche Ignoranz der Menschen, die, so fürchte ich, nicht auf diejenigen beschränkt ist, die damals in der Nähe des Atomkraftwerks lebten.

Alles ging seinen Gang: Pflügen, Säen, Ernten. Etwas Unvorstellbares war geschehen, aber die Leute lebten, wie sie immer gelebt hatten.

Es lag nicht daran, dass man nicht um die Radioaktivität wusste. Sondern das Problem war so gravierend, dass man es ausblenden musste, um überleben zu können. Auch wenn es nur mehr ein Überleben für einige Jahre sein würde.

Unsere Nachbarn legten in dem Jahr neue Fußböden aus einheimischem Holz. Man maß nach: Die radioaktive Strahlung war 100mal höher als zulässig. Keiner hat den Fußboden wieder herausgerissen, sie wohnen immer noch damit, nach dem Motto: Es wird schon irgendwie gehen, alles löst sich von selbst.

Nun werden manche einwenden, dass sich das in der Sowjetunion abspielte und in einem marktwirtschaftlichen System ganz anders laufen würde. Aber nein! Es waren gerade materielle Motive, die die Menschen die Gefahr, ihre Gesundheit, ihre Familien vergessen ließen. Jemand aus dem Tschernobyl-Museum erzählt:

Es gab einen Moment, da die Gefahr einer thermonuklearen Explosion bestand, und man musste das schwere Wasser aus dem Reaktor ablassen, damit er nicht da hineinstürzte. Schweres Wasser ist eine direkte Komponente des Kerntreibstoffes. Können Sie sich das vorstellen? Die Aufgabe lautete: Wer taucht in das schwere Wasser und öffnet den Schieber des Ablassventils? Man versprach Auto, Wohnung, Datscha und finanzielle Versorgung der Familie bis ans Lebensende. Man suchte Freiwillige. Und sie fanden sich! Die Jungs tauchten, tauchten mehrere Male, öffneten den Schieber, und die Truppe bekam 7000 Rubel dafür. …

Die Männer leben heute nicht mehr.

Gut, das könnte man noch als jugendlichen Heldenmut abtun. Aber auch weit nach der Katastrophe lassen sich die Menschen vom Geld leiten:

Der Boden war ungleichmäßig verseucht, in einer Kolchose gibt es sowohl „saubere“ als auch „schmutzige“ Felder. Die, die auf „schmutzigen“ Feldern arbeiten, bekommen mehr ausgezahlt, und alle wollen dahin. Auf den „sauberen“ will keiner arbeiten.

Wenn in einem Dorf die Evakuierung in einer Woche angekündigt wurde, dann haben die Menschen noch die ganze Woche Stroh gepresst, Gras gemäht und Gemüse geerntet.

Versuche da einer zu erklären, dass man die Gurken und Tomaten nicht essen darf! Was soll das heißen? Die schmecken doch ganz normal. Und der Mensch ißt sie, und sein Magen tut davon nicht weh.

Dabei war es nicht so, dass es keine warnenden Stimmen gab. Ein Lehrer erzählt von einer Runde von Eltern, in der eine Ärztin die anderen Eltern auffordert, wenigstens die Kinder zu Verwandten zu schicken. Weg aus Tschernobyl.

Ich glaube, alle in der Runde empfanden ähnlich: Sie bringt Unruhe hinein. …

Wie wir sie damals gehaßt haben! Sie hatte uns den Abend verdorben.

Und genauso werden sich die Menschen weiterhin verhalten. Sie werden weiter kaufen und produzieren, arbeiten und sich vermehren. Sie werden die Augen verschließen vor allem, was kompliziert ist und sich in schalen Materialismus retten. Selbst der letzte Mensch wird noch stolz Besitz zusammenraffen.

So banal wird das Ende sein.

Weil wir so dumm sind.

Und das, um auf die Eingangsfrage zurückzukommen, ist mein optimistisches Szenario.

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Nicht ganz 1000 km, aber ein guter Anfang

Ich bin schon öfter per Anhalter gefahren, aber nur kurze Strecken. Meist auf dem Rückweg von langen Wanderungen, wenn ich keine Lust mehr hatte, ein paar Stunden durch die Dunkelheit zu stapfen. Selbst der bisherige Rekord lag bei weniger als 50 km.

Schon lange wollte ich es ernsthafter angehen und längere Strecken trampen, habe mich aber nicht richtig getraut. Damit meine ich nicht die Angst vor unbekannten Fahrern oder davor, ermordet zu werden. Aber ich bin nicht so spontan, wie ich gerne wäre. Nicht zu wissen, wo ich die nächste Nacht verbringe, das beunruhigt mich. Immer hatte ich Ausreden parat: zu kalt, zu viel Gepäck, ich muss pünktlich ankommen.

Und dann ist am Samstagmittag die universitäre Exkursion in Ypern zu Ende, ich habe noch kein Bahn- oder Busticket, und ich entscheide ganz spontan, per Anhalter nach Bayern zurückzufahren. (Die Bahn war ein bisschen teuer, und 12 Stunden im Bus halte ich nicht aus.) Keine Weltreise, aber schon ein ganzes Stück. Vom Westen Belgiens bis in den Südosten Deutschlands.

hitchhiking from Ypers to Ammerthal

Ich bin gespannt.

Gleich zu Beginn schummele ich ein bisschen. Eine Kommilitonin wohnt in Gent, und ich frage, ob sie mich von Ypern nach ebendort mitnehmen könne. Was soll ich mich mit einem Schild neben die alten Schützengräben stellen, wenn man auch fragen kann? Und im Vergleich zu der vor mir liegenden Strecke ist es nur ein kleines Teilstück.

„Klar“, sagt sie, und erzählt während der Fahrt davon, wie sie früher selbst durch ganz Europa getrampt ist. In der abenteuerlichen alten Zeit, vor Interweb und Google Maps. Für den Ruhestand plant sie eine Reise mit dem LKW nach Tadschikistan.

Lektion 1: Die wirklichen Abenteurer sind oft die stillen Mitmenschen, die nicht viel Aufhebens um sich machen und die Welt nicht mit ihren Blogs und Instagraph-Fotos nerven.

Als sie auf ein Dorf neben der Autobahn deutet und sagt „hier wohne ich“, merke ich, dass sie eigentlich gar nicht bis nach Gent muss. Aber sie fährt mich direkt zum Südpark, wo die Autos aus Gent auf die Autobahn fahren. „Hier ist ein Kiss+Ride-Parkplatz, da können die Autos anhalten. Da vorne ist eine Ampel, also kommen die Autos immer wieder zum Stehen. Die Autobahn führt in mehrere Richtungen, also ist es besser, wenn du ein Schild benützt. Wenn du nach Deutschland willst, schreib einfach ‚Aken‘ drauf, das ist der niederländische Name für Aachen.“

Die professionellen Ratschläge beruhigen und motivieren mich gleichzeitig. „Willst du noch etwas zu Essen mitnehmen?“ fragt sie, und die Hilfsbereitschaft überwältigt mich. Ich lehne dankend ab, was ich bald bereuen werde.

Lektion 2: Schüchternheit ist immer ein Fehler.

Eine halbe Stunde stehe ich an der mir ebenfalls ganz gut erscheinenden Stelle, halte mein Schild hoch, lächle freundlich. Die Fahrradfahrer drehen sich um, um mein Schild zu lesen, aber das hilft mir nicht. Ein Auto mit deutschem AC-Kennzeichen kommt, ich jubiliere schon innerlich, aber der Fahrer kurbelt das Fenster herunter und ruft mir zu, dass er leider in die ganz andere Richtung fahre. Sonst reagiert niemand.

Ich verändere meinen Standort, gehe von Jules de Bruyckerdreef zur Franklin Rooseveltlaan, nur ein kurzer Sprung über die Straße. Nach weniger als fünf Minuten hupt ein BMW-Kombi schon von weitem, signalisiert mit der Lichthupe, dass mein Warten ein Ende hat und fährt links ran.

Lektion 3: Wenn Ihr nicht wegkommt, liegt es meist am Standort, nicht an Euch. Am besten ist ein Platz, wo man Euch von weitem sieht und in Ruhe anhalten kann. Setzt Euch ein zeitliches Limit und verändert dann den Standort.

Es ist ein freundlicher, distinguierter Herr, der so aussieht, wie ich aussehen würde, wenn ich noch Rechtsanwalt wäre: weiß-blau-kariertes Hemd, burgunderfarbener Pullover, Brille.

Er fährt nach Eindhoven. Das ist in den Niederlanden, wo ich eigentlich nicht hin will. „Das ist schon irgendwie Richtung Deutschland“, sagt er, und man merkt, dass er unbedingt einen Anhalter mitnehmen will. Na gut, Maastricht liegt ja auch auf dem Weg nach Aachen. Hauptsache, es geht nach Osten, nach Süden komme ich später immer noch.

Der Herr erzählt, dass er früher auch getrampt sei, und beklagt, dass man heutzutage nicht mehr so viele Anhalter sehe. Dabei sei es so gut für die Umwelt, wenn sich mehrere Menschen eine Fahrt teilen. Ein Öko ist er aber nicht, dafür stören ihn Verbote zu sehr. Das Dieselfahrverbot, das Tempolimit, und außerdem sei es doch schade, dass die Jugendlichen heute so wenig Alkohol tränken. „Meine jugendlichen Kinder wissen gar nicht, wie es ist, besoffen zu sein. Was ist das für ein Leben?“ Der Gesundheitswahn hat seiner Ansicht nach die Kirche ersetzt, die auch nur mit Furcht vor dem Unbekannten operiert habe. Früher war es das Fegefeuer, jetzt ist es das Fett.

Er schwärmt vom Trappistenbier von Westvleteren. Als ich sage, dass ich es gekostet habe, glaubt er mir zuerst nicht, bis ich die Flasche und den Erwerbsprozess beschreibe. Aber Jan, der Couchsurfing-Gastgeber in Ypern, hat sich immer wieder bei der Abtei Sankt Sixtus gemeldet, bis er zwei Kisten des schon öfters zum weltbesten Bier gewählten Getränks abholen durfte. Die Flaschen tragen kein Etikett, und niemand darf mehr als zwei Kisten pro Quartal erwerben, wenn überhaupt. Weiterverkauf ist verboten.

„Wow, das war aber ein wirklich netter Kerl, dass er dir dieses Bier vorsetzt“, ist der Fahrer ganz erstaunt. Er selbst bewirbt sich ständig um wenigstens eine Kiste, ist aber schon seit zwei Jahren nicht mehr zum Zug gekommen. Wir stimmen überein, dass Belgien das weit bessere Bier als Deutschland hat. Er erklärt mir, dass es am deutschen Reinheitsgebot liegt. Schon wieder so ein dämliches Verbot.

Ich erzähle ein bisschen von Ypern, das er von Fahrradtouren gut kennt. Als er von den Strapazen des Kemmelbergs erzählt, kann ich ihm sogar einen neuen Tipp für den nächsten Ausflug dorthin geben: die ehemalige belgische Militärkommandozentrale unter dem Kemmelberg, die jetzt als Museum zugänglich und ganz interessant ist.

Der Fahrer ist tatsächlich Jurist, arbeitet aber als Banker und baut Einkaufszentren von Bukarest bis Moskau. Wir unterhalten uns ganz prima, von Millionär zu Student. Vielleicht ist er einfach so nett und offen, vielleicht liegt es am ähnlichen Habitus. Dann muss er mich auch schon an einer Autobahnkreuzung rauslassen, er besucht jetzt seine Eltern auf dem Land und freut sich auf den Rotwein.

Lektion 4: Ich glaube, manche Menschen nehmen Anhalter auch deshalb mit, weil es sie an ihre eigene unbeschwerte Jugend erinnert.

Ich habe keine Ahnung, wo ich bin. Aber die Nachmittagssonne scheint kräftig und schön, so dass ich mich orientieren kann, wo Osten ist. Da muss ich hin, und ich stelle mich vor die richtige Autobahnauffahrt. Es ist keine gute Stelle, die Autos kommen schnell um die Kurve, nicht viel Platz zum Halten. Ich sollte wohl einen anderen Standort suchen.

Aber schon hält ein Auto mit „vier intellektuellen Frauen“, wie sie sich selbst vorstellen. Sie sind Psychologinnen oder so. Die beiden auf der Rückbank machen Platz, eine erzählt, dass sie kürzlich von Spanien durch Frankreich nach Belgien getrampt sei.

Lektion 5: Alle sagen, dass sie kaum mehr Anhalter sehen, aber wenn man sich umhört, praktizieren es doch ziemlich viele Leute. Vielleicht sieht man sie kaum, weil sie nicht allzu lange warten müssen?

Die Fahrerin stellt die Beifahrerin als Sängerin der Band Smooth Wing vor. Sie sind auf dem Weg zu einer Party in Eindhoven, heute allerdings nur als Gäste, nicht als Musiker. Deshalb haben sie Zeit und fahren mich, obwohl es einen Riesenumweg bedeutet und schon teilweises Murren im Auto gibt, auf die Autobahn nach Maastricht und setzen mich an der Raststätte ab. Sie machen sich große Sorgen, wie ich den Sturm Dennis überleben werde. Weil ich auf Exkursion war, habe ich eine Woche keine Zeitungen gelesen und deshalb gar nichts vom drohenden Weltuntergang mitbekommen. Mist. Oder gut. Denn vielleicht hätte ich dieses Wissen wieder als Ausrede genützt, um den Autostopp-Plan abzusagen.

Zum Abschied bitten sie mich, der Welt zu erzählen, dass mir vier belgische – nicht niederländische – Mädchen geholfen hätten, weil sie gegen den angeblichen Ruf der Belgier als unfreundliche Menschen ankämpfen wollen. Ich kenne Belgien jetzt schon ein bisschen und finde die Leute sehr freundlich. Gut, das mit dem Kongo war nicht ganz korrekt, aber was können die kontemporären Belgier dafür?

Jetzt stehe ich also an der Tankstelle Haasje an der A2. Es wird immer dunkler, nicht wegen des Sturms, sondern weil es Nacht wird. Das Schild „Aken – Germany“ gilt noch immer, weit bin ich nicht gekommen. Ich stelle mich unter eine Laterne und lächle. Mindestens eine Stunde lang.

Ich erinnere mich an Lektion 3 und gehe näher an die Tankstelle, wo die Autos noch langsamer fahren. Ein älterer Herr hält, um mir zu sagen, dass er leider auf der nächsten Ausfahrt runter muss. Ansonsten kein Erfolg.

Tja, jetzt muss ich wohl doch tun, was ich ungern tue: Leute ansprechen. Ein Auto mit Schweizer Kennzeichen steht auf dem Parkplatz, auf dem Beifahrersitz ein asiatischer Junge. Der Fahrer, ein anderer asiatischer Junge, kommt gerade aus der Tankstelle. Das ist meine Chance.

„Excuse me, are you going to Switzerland?“

„Yes.“

„Could you give me a ride to Germany?“

„Yes, sure.“

Und er bedeutet mir, einzusteigen. Keine Fragen, wer ich bin, wohin ich will, und keine Sekunde des Zögerns. Den Beifahrer fragt er gar nicht. Es stellt sich heraus, dass die beiden in Sankt Gallen wohnen, so dass wir auf Deutsch parlieren können.

Lektion 6: Wenn ich den Fahrer nicht angesprochen hätte, wäre er an mir vorbeigelaufen. Dabei war er durchaus hilfsbereit. Aber ich werde es immer wieder erleben, dass Fahrer nicht von sich aus die Initiative ergreifen.

Allerdings sprechen wir nicht viel, denn die beiden Jungs kommen aus Amsterdam, sind noch in Partystimmung und hören ziemlich laut ganz schreckliche Musik. Hip Hop, Macarena und solche Sachen. Ich hätte den Smooth-Wing-Frauen eine CD abkaufen sollen. Die beiden unterhalten sich in einer tibetobirmanischen Sprache und lassen mich in Ruhe.

Lektion 7: Als Gast im Fahrzeug richtet man sich nach den Fahrern. Wenn sie reden wollen, hört man zu. Wenn sie zuhören wollen, erzählt man. Wenn sie Radio hören wollen, ist man ruhig.

Aber die Fahrt geht gut voran. Der junge Tibeter fährt so einen 350-PS-Mercedes und chauffiert mich mit 200 km/h durch Deutschland. Er fährt wirklich gut. Schnell, aber nicht aggressiv, nie unsicher. Am liebsten würde ich auf der Rückbank einschlafen und bis in die Schweiz mitfahren.

Lektion 8: Ohne festes Ziel macht Trampen noch mehr Spaß.

An einem Rastplatz fragt der Fahrer, ob ich hier anhalten möchte. Ich verneine, fahre gerne noch ein Stück mit. So schnell und entspannt komme ich in keinem anderen Auto voran.

Er fährt weiter, fragt am nächsten Rastplatz wieder. „Wenn ich Sie nicht störe, fahre ich gerne noch ein Stück mit“, versuche ich die Fahrt zu verlängern. Ok, dann rast er weiter über zunehmend leere Autobahnen. Ich kann kein Tibetisch, aber manche Wörter erinnern mich an Sanskrit, und ich glaube zu verstehen, dass der Fahrer der nächste Dalai Lama ist, der sicherheitshalber im Schweizer Exil geparkt wird. Der Beifahrer ist sein Leibwächter, der eigentlich fahren sollte, aber vom Chef nicht ans Steuer gelassen wird.

Wir sind schon in Rheinland-Pfalz, und wieder fragt der Fahrer, ob ich an der nächsten Raststätte raus möchte. Na gut, ich sollte die Gastfreundschaft icht überstrapazieren. „Oh ja, hier ist es perfekt“, sage ich asiatisch-höflich, obwohl ich gar nicht weiß, wo wir sind. Und so steigen wir alle an der Raststätte Hunsrück aus. „Ich brauche auch eine Pause, ich kann nicht an einem Stück in die Schweiz fahren“, erklärt der Fahrer, und mir wird bewusst, dass ich schon seit einer Stunde seine Ruhepause hinausgezögert und damit die Sicherheit des Straßenverkehrs gefährdet habe. Ups. Die beiden Jungs wünschen mir noch viel Glück.

Ich esse erst einmal. Es ist etwa 22 Uhr, die Autos werden immer weniger, obwohl es ein großer Rastplatz ist. Aber noch habe ich keine Panik. Ich gehe raus auf den Parkplatz und spreche einen alten Mann mit Hut an, der gerade in sein Auto steigen will, obwohl er nicht sehr fahrtüchtig humpelt. TR sagt sein Kennzeichen, und wenn das für Traunstein stünde, so wäre es perfekt. Es steht für Trier, wovon ich gar nicht wusste, dass da noch Menschen leben, seit die Römer abgezogen sind.

Er würde mich gerne mitnehmen, sagt er, dass er nach Mainz fährt, was mir nicht helfen würde. „Das wird schwierig heute Nacht, weil Fastnachtssitzung ist“, erklärt er den mauen Autoverkehr. Na super, einmal trampe ich Langstrecke, und dann kommen Fasching und Unwetter zusammen. Die wenigen Autos verpasse ich dann noch, weil der Herr mit Hut sich eine ganze Stunde (!) mit mir unterhält. Er ist aus dem Egerland, das ich einigermaßen kenne, und wir unterhalten uns über Marienbad, Prag, Pilsen und Cheb, das er beharrlich Eger nennt. Er ist Germanist und Linguist mit einem Faible für Komparatistik, und wir fachsimpeln im heraufziehenden Sturm über den modernen Roman in verschiedenen Sprachfamilien, über finno-ugrische und baltische Sprachen und über die Illyrer. „Jetzt ist es so spät, da wird kein Auto mehr vorbeikommen“, bemerkt er, als er sich nach 23 Uhr endlich verabschiedet. „Wenn Sie nach Mainz wollen, können Sie gerne mitkommen. Aber ich habe keinen Strom und keine Heizung im Haus, weil das Dach gerade eingefallen ist. Ach, eigentlich will ich gar nicht nach Hause.“ Das habe ich gemerkt.

Lektion 9: Vielleicht hätte ich mich der Unterhaltung entziehen und stattdessen andere Fahrer ansprechen sollen. Aber ich bin ja nicht bei einem Wettrennen.

Allein stehe ich vor der Raststätte Hunsrück. Dass mitten in Deutschland so wenig los sein kann, hätte ich nicht gedacht. Wenigstens ist es nicht kalt. Aber langweilig. Wenn der Professor nicht ein paar großdeutsche Fantasien anklingen hätte lassen, wäre ich vielleicht sogar mit ihm mitgefahren.

Nur ein Auto kommt vorbei. Es ist ein Taxi, das hilft mir nichts. Ich ziehe den Daumen gar nicht aus der warmen Tasche.

Aber der Taxifahrer, der sich nur einen Kaffee geholt hat, hält genau vor mir an, rollt das Fenster herunter und fragt: „Soll ich Sie bis nach Frankfurt mitnehmen?“

„Oh, den Taxipreis kann ich mir aber nicht leisten.“

„Nein, nein, ich nehme Sie so mit!“

Da bin ich baff.

Er fragt mich, ob ich keine Angst hätte, bei fremden Menschen ins Auto zu steigen. Er würde so etwas nie machen. Dass er mich trotzdem mitnimmt, rechne ich ihm hoch an. „Naja, ich habe gerade Zeit. Es ist Samstagnacht, da fängt die Arbeit in Frankfurt erst ab 1 Uhr an.“ Gerade hat er zwei Spanierinnen zum Flughafen in Hahn gefahren, der Flughafen, der sich in täuschender Absicht Frankfurt-Hahn nennt und wo Touristen dann ohne Zuganbindung im Hunsrück stehen. 230 € hat sie die Fahrt gekostet, damit hätten sie auch im Zug nach Spanien fahren können.

„Wenn ich gewusst hätte, dass ich Sie mitnehme, hätte ich Ihnen auch einen Kaffee mitgebracht“, entschuldigt sich der Taxist, und ich merke, dass ich schon wieder an einen herzensguten Menschen gekommen bin. Aber eine Tirade muss der selbständige Taxiunternehmer dann doch loswerden, und er zieht her über Uber, die Gesetzesbrecher, über die Elektroroller, über die S-Bahnen, die jetzt sogar nachts fahren, und über Frankfurt: „Das will eine Weltstadt sein, aber hat keine einzige Taxispur.“ In den letzte zwei Jahren sei der Umsatz um 50% zurückgegangen. Die Fahrer von Uber tun ihm leid, die werden ja auch ausgebeutet, aber warum ein Unternehmen, das am laufenden Band gegen Gesetze verstößt, überall seine Werbung aufhängen darf, das versteht er nicht. „Das mit dem Kapitalismus geht mittlerweile zu weit. Studenten und Rentner fahren Autos, und der Konzern versteuert seinen Gewinn nicht einmal in Deutschland. Wenn jemand nicht mehr fahren kann, wird er fallengelassen. Der Mensch wird nur mehr nach seiner Produktivkraft beurteilt. Das ist unmenschlich.“

„Wenn Sie nach Bayern müssen, dann wäre es ja doof, wenn ich Sie nach Frankfurt in die Stadt fahre, oder? Da bringe ich Sie doch auf die andere Seite, auf die A3. Da bekommen Sie dann auf jeden Fall ein Auto nach Aschaffenburg, Würzburg, Nürnberg.“ Er kennt sich auch ohne GPS aus, das bekommen die Uber-Fahrer nicht hin.

Lektion 10: Eine Landkarte aus Papier ist hilfreich. Die Leute vertrauen mittlerweile ihren Navigationsgeräten so sehr, dass sie überhaupt keinen Gesamtüberblick mehr haben, welche Städte und Autobahnen in welcher Richtung liegen.

Er fragt, wo ich losgefahren bin. Ich erzähle, dass ich in Ypern zu einem Seminar über den Ersten Weltkrieg war. „Und alles hat da begonnen, wo ich herkomme“, antwortet er. Er ist aus Bosnien, und ab da unterhalten wir uns über die Jugoslawien-Kriege, die politische Lage in Bosnien, das reine Wasser der Drina und der Save und die Bücher von Ivo Andrić. Er ist so begeistert, dass ein Deutscher über den Balkan Bescheid weiß, dass er an der ersten Raststätte nach Frankfurt vorbeirauscht. Dabei muss er schon langsam zur Arbeit. Am Ende fährt er mich bis zum Rasthof Weiskirchen bei Hanau. 100 km im Taxi, kostenlos und mit sympathischer und spannender Unterhaltung.

Ich kann mein Glück noch immer nicht fassen, und bin frohen Mutes, dass es so weitergeht. Aber Weiskirchen Süd wird mein Bermuda-Dreieck. Um kurz zu machen, was sehr lange gedauert hat: Von Mitternacht bis 7 Uhr morgens stehe ich in der Kälte.

Zu spät denke ich ans Essen, der Burger King ist schon geschlossen. Einen aufgewärmten Bagel bekomme ich noch, aber er ist lauwarm und schmeckt fad. Ich könnte mich wohl einfach in die Ecke der Raststätte setzen, es kommt sonst sowieso niemand vorbei, aber ich will kein Auto verpassen.

Also stehe ich direkt neben den Zapfsäulen und spreche die Fahrer an. Viele sind es nicht. Die meisten Autos sind aus Holland und voll mit Kindern, anscheinend auf dem Weg zum Skifahren. Ich schaue immer auf die Kennzeichen und begrüße die Fahrer in ihrer Landessprache. „Goedemorgen.“ „Bună dimineața.“ „Good morning, Sir.“ Die Strategie hat keinen Erfolg, aber hält das Gehirn wach. Der Litauer, den ich mit „labas rytas“ begrüße, ist ganz schockiert. Platz hat er trotzdem nicht.

Stunde um Stunde vergeht, sehr langsam und lagweilig. Was, wenn mich niemand mitnimmt? Hier geht ja kein Bus oder kein Zug. Kann es sein, dass ich dann tagelang an der Raststätte bleiben muss? So wie Tom Hanks in Terminal? Es gibt eine Dusche, das habe ich schon eruiert. Essen gibt es ebenfalls, wenn auch zu überhöhten Preisen. Und jeden Tag die aktuelle Zeitung. Also eigentlich kein Grund zum Verzweifeln.

Lektion 11: Am Ende dieses Abenteuers werde ich 0 € für Fahrtkosten ausgegeben haben, aber mangels Vorausplanung muss ich Getränke und Essen an den teuren Raststätten kaufen. Also unbedingt vorher zum Supermarkt!

Es kommen so wenige Autos, dass ich ein Buch aus dem Rucksack hole und lese. Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque. Vielleicht wird die Mitnahmebereitschaft gegenüber einem intellektuell wirkenden Anhalter höher, denke ich. Vergebens.

Lektion 12: Nachts ist es definitiv schwieriger als tagsüber. Ich hätte wohl einfach schlafen und den nächsten Morgen ausgeruht beginnen sollen.

Ab 6:30 Uhr nimmt der Verkehr spürbar zu. Juhu! Und es scheint ein schöner, sonniger Tag zu werden. Um 7:15 Uhr frage ich den jungen Fahrer eines Steinmetz-Lieferwagens, ob er mich ein Stück Richtung Würzburg oder Nürnberg mitnehmen könne.

„Wenn das auf dem Weg nach Ungarn liegt, dann gerne.“ Das tut es, und ich bin endlich erlöst. Der Fahrer ist aus Rumänien, seine Frau sogar aus Târgu Mureș, wo ich einst gewohnt hatte. Er betreibt einen Steinmetzbetrieb in Köln und ist jetzt unterwegs nach Budapest, um eine Maschine abzuholen, die mit Wasser und Sand Steine schneiden soll. Was es alles gibt.

„Das ist aber auch eine lange Strecke“, sage ich.

„Ach, das ist gar nichts. Nachmittags um 4 Uhr sollte ich spätestens dort sein. Ich fahre öfters nach Rumänien, das ist noch weiter. Und einmal bin ich 3000 km am Stück gefahren, 36 Stunden, in die Türkei.“ Weil er in Österreich und Ungarn nicht rasen kann, will er jetzt Zeit gut machen. Mit 150 km/h jagt er den Kleinlaster über die Autobahn, auch über die Brücken, wo die Orkanböen zuschlagen. Dabei hat er die rechte Hand in der Hosentasche, und holt sie nur heraus, um mir auf seinem YouTube-Gerät Videos vorzuspielen.

Lektion 13: Wenn Technik wirklich intelligent wäre, dann würden sich die Handys von sebst ausschalten, sobald das Auto in Bewegung ist. Irgendwann stirbt noch jemand wegen dieser doofen Ablenkung.

Ich bin ziemlich schläfrig, aber zum Glück erzählt der Rumäne gerne aus seinem Leben und vor allem über seine Geschäfte. Jetzt ist er Steinmetz, aber früher hat er einen Bustransport zwischen Deutschland und Rumänien organisiert. 80 € von Haustür zu Haustür, das war ein unschlagbares Angebot. Und wenn er zu Familienbesuchen nach Rumänien fuhr, hat er das vorher im Internet angekündigt und Pakete mitgenommen. Es kamen so viele, dass er sich einen Anhänger kaufte. Den verkaufte er dann in Rumänien mit Gewinn.

Noch selten habe ich so jemanden Geschäftstüchtigen kennengelernt. Mit 13 Jahren fuhr er immer von Bistrița nach Bukarest, kaufte dort Kleidung und verkaufte sie am Markt in seiner Heimatstadt mit Gewinn. Dabei verdiente er so viel, dass er sich ein Auto leisten konnte. Natürlich war er zu jung, also meldete er es auf seinen Vater an und vermietete es an Jungs, die gerade den Führerschein gemacht hatten und Mädchen mit einem Auto beeindrucken wollten. Das Geschäft lief so gut, dass er mehrere Autos besaß, bevor er selbst fahren konnte.

Aber dann wollte die Stadtverwaltung in Rumänien zu viel „Gewinnbeteiligung“, und er zog nach Deutschland. Er kann den Unterschied noch immer nicht glauben: „Wenn ich in Rumänien zur Behörde gehe, fragen sie, wieviel ich zahle, noch bevor ich weiß, ob ich bekomme, was ich will. Wenn ich in Deutschland zur Behörde gehe, dann wollen die mir tatsächlich helfen!“

Am Parkplatz Ludergraben müssen sich unsere Wege leider trennen, denn der Business-Steinmetz fährt auf der A3 nach Regensburg, während ich auf die A6 nach Amberg abbiegen muss. Dummerweise ist das hier nur ein Parkplatz, keine Tankstelle, keine Raststätte. Es gibt also wenig Verkehr. Es stehen eine Menge LKWs herum, die ausweislich der Kennzeichen auch in die richtige Richtung, nämlich nach Tschechien fahren würden, aber es ist Sonntag. Zwangspause für viele LKW-Fahrer.

Nach wenigen Minuten, in denen ich ein Schild „A6 => Amberg“ hochhalte, merke ich, dass ich hier nicht wegkomme, wenn ich nicht forscher bin. Ich gehe zum ersten parkenden Auto, ein mediterran aussehender junger Mann macht vor seinem Kleinwagen Yoga-Dehnübungen und genießt den warmen Frühlingstag.

„Entschuldigen Sie, fahren Sie zufällig auf die A6 Richtung Amberg?“

„Ja.“

„Das ist ja perfekt! Könnten Sie mich mitnehmen?“

„Sehr gerne.“

Lektion 14: Ich glaube, bei schönem Wetter sind die Menschen freundlicher.

Er entschuldigt sich, dass er um 10:30 Uhr einen Termin in Cham hat, ansonsten würde er mich auch gerne bis nach Hause fahren. Aber so muss er mich an der Autobahnraststätte Oberpfälzer Alb rauslassen. Das passt eigentlich ganz prima, auf mehr hatte ich nie gehofft.

Er arbeitet als Bauzeichner, obwohl er in Syrien schon Bauingenieur war, was in Deutschland nicht anerkannt wird, so dass seine Zeit und seine Fähigkeiten vergeudet werden. Sams- und sonntags arbeitet er nicht nur, um den deutschen Wohnungsnotstand zu beheben, sondern auch um genug Urlaub anzusparen. Er möchte in die Türkei fahren und hofft, dass seine in Syrien verbliebenen Eltern und Verwandten ebenfalls in die Türkei kommen können. Seit vier Jahren hat er sie nicht gesehen.

„Meine Mutter ist in der Zwischenzeit gestorben“, sagt er, und seine Augen füllen sich mit Tränen. Meine auch.

Schweigend oder über Belangloses redend, kommen wir kurz vor Ursensollen ans Ziel. Noch einmal entschuldigt sich der Syrer dafür, dass er unter Zeitdruck steht und mich deshalb nicht ganz bis nach Hause fahren kann.

Lektion 15: Nicht nur weil es hauptsächlich Menschen mit Migrationshintergrund sind, die mich mitnehmen, habe ich an diesem Tag wieder gelernt, um wieviel ärmer Deutschland ohne Einwanderung wäre.

Den Weg von der Autobahnraststätte nach Hause kenne ich. In dieser Gegend gehe ich oft Wandern. Es sind etwa 5 km, gar kein Problem zu Fuß. Aber, um das Experiment bis zum letzten Schritt durchzuhalten, strecke ich immer den Daumen raus, wenn ein Auto vorbeikommt. Bei Ritzenfeld hält ein Jäger in seinem kleinen Geländewagen. Er kommt gerade von der Jagd, hat aber zum Glück kein blutendes Reh, sondern einen braven Hund im Auto.

Er muss eigentlich nicht wirklich nach Ammerthal, aber er fährt mich bis vor die Haustüre. Um 10:30 ist die Odyssee zu Ende. Etwa 20 Stunden war ich unterwegs, für 888 km. Wenn ich selbst gefahren wäre, hätte ich unterwegs schlafen müssen und wäre kaum schneller gewesen. Und ich hätte nicht gemerkt, wie viele gute Menschen es gibt.

Lektion 16: Auch wenn Ihr total pleite seid (wie ich), könnt Ihr so einen interessanteren Tag erleben als auf einer Pauschalreise. Und zwar gleich um die Ecke von zuhause.

Lektion 17: Jetzt, wo ich weiß, wie gut das klappt mit dem Trampen, gibt es kein Halten mehr. Eigentlich müsste ich so doch auch nach Indien kommen, oder?

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Mein Valentinstag

Es ist der herzchenüberfrachtete und geträllerzerstörte 14. Februar, aber für mich ein Arbeitstag wie jeder andere. Also gehe ich am Abend ins Café, um bei Torte, Mineralwasser und Zigarre ein Buch zu lesen.

Die gemütlichen Sofas sind leider schon besetzt mit Paaren, die sich selbst als Pärchen bezeichnen würden, so wie man Dummchen sagt, wenn man nicht wirklich weh tun will, oder Schnittchen, wenn man nicht wirklich satt wird.

Zwei Jungs, die auf der Musikhochschule allenfalls in Mikrofon und Lautsprecher graduiert haben, singen die kitschigen Songs (etwas mit „Love“ und „Heart“ und „Forever“) so schlecht, dass man sich stattdessen eine Wiederholung des Eurovision Song Contest wünscht.

Wie Galgen hängen Pappherzen von der Decke, natürlich in blutrot, die entweder Kindergartenkinder oder Chinesen oder chinesische Kindergartenkinder ausgeschnitten haben.

Die Mädchen sind noch mehr herausgeputzt und aufgedonnert als sonst. Die Jungs sind mal ohne Jogginghose und -schuhe ausgegangen. Auf den Tischen stehen Weinflaschen, denn an einem besonderen Tag muss man etwas Besonderes trinken. Dass das Besondere fast an jedem Tisch das Gleiche ist, ist ein Widerspruch, der entweder nicht auffällt oder nicht weiter stört.

Das wirklich Besondere bin ich, denn ansonsten traut sich in dieser Stadt anscheinend niemand allein aus dem Haus oder zumindest nicht ins Café. Nur zu zweit oder zu viert. Auch nicht zu dritt. Die Freunde sind hauptsächlich dabei, damit man sich gegenseitig fotografieren, die Fotos sogleich posten und unverzüglich kommentieren kann. Da eine Vierersitzgruppe mindestens vier Mobiltelefone hat, die alle mindestens ein Facebook, ein Instagraph, ein SnapApp und etliche WhatsUp-Gruppen haben, ist das fast ein Vollzeitjob.

Ich beobachte viele Paare, die an diesem vorgeblich romantischen Tag weniger Augen- und Gesprächskontakt untereinander als Klick- und Like-Kontakt mit einem Gerät (ebenfalls aus chinesischen Kinderhänden) haben. Wenn sie mal miteinander sprechen, dann, um sich kleine Bildschirme vor die Nase zu halten und bestätigende Kommentare für die vorgenommenen Verzierungen mit Herzen einzuholen. Die Herzen sind natürlich genau die gleichen, die all die anderen Paare hier und weltweit heute Abend verwenden.

Das ist in Ordnung. Wer so leben will, soll so leben. Aber man bezeichne diesen kitschigen, kommerzialisierten, kleinbürgerlichen Klamauk bitte nicht als romantisch.

Wer ein romantisches Leben führt, dem ist es egal, was er am 14. Februar macht. Und dem ist es erst recht egal, wieviele Likes er innerhalb einer Stunde bekommt.

Je mehr ich mich umsehe und je mehr Paare ich sehe, die bald heiraten werden weil ihre Freunde geheiratet haben, die bald ein Kind bekommen weil ihre Freunde Kinder bekommen, die sich für eine Eigentumswohnung verschulden werden weil ihre Freunde es ebenso machen, und die sich nach fünf bis sieben Jahren scheiden lassen weil die Hälfte ihrer Freunde sich scheiden lässt (und das ist noch die relativ glücklichere Hälfte), umso mehr erkenne ich, dass ich der einzig echte Romantiker hier bin, keine Ahnung davon habend, wo ich in einem Jahr sein werde.

Stadtmauer Kotor beleuchtet

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Lehren aus der Geschichte

Also, das hätte uns der FDP-Kandidat Thomas Kemmerich fairerweise schon im Wahlkampf sagen sollen. Mit „aufgepasst“ meint er: „Wie komme ich mit Unterstützung der Nazis an die Macht?“

Kemmerich FDP Thüringen in Geschichte aufgepasst

Ebenfalls in Thüringen gab es 1930 übrigens die erste Regierungsbeteiligung der NSDAP. Ein schönes Geschenk zum 90. Jubiläum. Da war wohl Björn Höcke der Geschichtslehrer.

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Wann war noch mal der Zweite Weltkrieg?

Eine komische Frage, insbesondere von jemandem, der Geschichte studiert. Aber wenn man öfter im postsowjetischen Raum, also den Nachfolgestaaten der UdSSR unterwegs ist, kann man ins Zweifeln kommen.

Bevor Ihr weiterlest, haltet doch mal kurz inne und versucht, den Beginn und das Ende des Zweiten Weltkriegs zu benennen. Und dann seht Euch die Jahreszahlen auf diesen Mahn-, Gedenk- und Ehrenmalen an:

1941-19451941-1945 groß1941-1945 Cenotaph1941-1945 (1)

Die Fotos stammen aus Uman, aus Kiew und aus Odessa in der Ukraine sowie aus Sochumi in Abchasien. Aber Ihr findet solche Denkmale in fast allen postsowjetischen Staaten.

Wenn Ihr in der Schule ungefähr das Gleiche gelernt habt wie ich, dann habt Ihr den zweiten Weltkrieg höchstwahrscheinlich 1939 beginnen und 1945 enden lassen. Warum fehlen die ersten beiden Jahre auf den Kriegerdenkmalen aus der Sowjetzeit? War die Sowjetunion anfangs noch nicht am Krieg beteiligt?

Oh doch. Und wie! Kurz vor dem deutschen Überfall auf Polen hatten das Deutsche Reich und die Sowjetunion im August 1939 zwar einen gegenseitigen Nichtangriffspakt geschlossen, der aber im geheimen Zusatzprotokoll eine ganze Menge Angriff auf die unglücklich zwischen den beiden Großmächten gelegenen osteuropäischen Staaten vorsah.

Schon im September 1939 überfiel die Sowjetunion Polen und besetzte den Osten des Landes. Zwei Monate später griff die Sowjetunion Finnland an, 1940 schnappte sie sich Estland, Lettland, Litauen und Teile Rumäniens.

Molotov-Ribbentrop

Aber diese Jahre, in denen die Sowjetunion mit Deutschland gemeinsame Sache machte und Osteuropa untereinander aufteilte, traten hinter die zweite Hälfte des Zweiten Weltkriegs so sehr zurück, dass sie komplett aus dem öffentlichen Gedächtnis getilgt wurden. Wenn in der Sowjetunion sozialisierte Menschen vom Zweiten Weltkrieg sprechen, dann meinen sie damit den Deutsch-Russischen Krieg, der im Juni 1941 mit dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion begann und im Mai 1945 endete.

Klar, jeder sieht sich lieber als Opfer denn als Aggressor, lieber als heldenhafter Verteidiger des Vaterlandes denn als ruchloser Nazi-Paktierer. Wenn man erst mit dem 22. Juni 1941 zu geschichtsschreiben beginnt, kann man das Narrativ vom „Großen Vaterländischen Krieg“ leichter aufrecht erhalten. Es wird bis heute tradiert. Die Familien der 1939 und 1940 gefallenen sowjetischen Soldaten haben kein Mahnmal, wo sie einen Kranz niederlegen können. Die Veteranen aus dem Finnlandfeldzug bleiben während der Parade am 9. Mai traurig zuhause, falls sie nicht das „Glück“ hatten, auch in Stalingrad oder in Kursk dabei gewesen zu sein.

Aus Sicht der Sowjetunion war das klar. Was aber bewegt die Nachfolgestaaten dazu, an dieser Erinnerungstradition festzuhalten? Denn die obigen Fotos zeigen nicht irgendwelche historischen Monumente, sondern diese Denkmale werden aktuell gepflegt, vor ihnen lodern ewige Flammen, und Blumenkränze werden niedergelegt.

Russland sieht sich nicht nur geopolitisch als Nachfolger der Sowjetunion, der Präsident verteidigte jüngst sogar den Hitler-Stalin-Pakt. Von Distanzierung, Aufarbeitung, Selbstkritik keine Spur. Geschichte wird für aktuelle Interessen instrumentalisiert, sie ist Teil der hybriden Kriegsführung.

Auch in den anderen Staaten wäre es nur theoretisch einfach, ein 1941 in ein 1939 zu ändern. Praktisch kompliziert ist aber die Folge, wenn man an einem Denkmal plötzlich nicht mehr nur der Helden, sondern auch der Angriffskrieger zu gedenken hat. Was würden die alten Veteranen sagen? Wenn die junge Bevölkerung auswandert, sind die Wählerstimmen der Alten wichtig. Also lässt man ihnen die Traditionen.

Besonders interessant fand ich diese Beobachtungen in der Ukraine:

Einerseits sieht sich das Land als Gegenpart zu Russland, befindet sich sogar ein bisschen im Krieg mit dem ewig nervenden Nachbarn. Mit der Sowjetunion will man hier eigentlich nichts am Hut haben, ganz im Gegenteil: Der Holodomor, die von der Sowjetunion verursachte Hungersnot, ist ein zentraler Baustein in der ukrainischen Geschichtsschreibung. Wenn es um Sprachpolitik geht, wird immer erwähnt, dass russische Zaren und sowjetische Kommunisten die ukrainische Kultur und Sprache unterdrückt hätten. Im Zweiten Weltkrieg versuchten ukrainische Aufständische, die Unabhängigkeit zu erkämpfen und verbündeten sich dafür zeitweise sogar mit den Nationalsozialisten.

Aber dann stehen überall Sowjetdenkmäler herum. Rote Fahnen, Hammer und Sichel, Leninorden, alles frisch getüncht, nicht seit 1991 verfallend. Und eben die Weltkriegsdenkmale mit den verfälschenden Jahreszahlen 1941-1945.

Zuerst ist man überrascht. Aber dann liest man und bemerkt, dass die Ukraine während der Zeit der Sowjetunion geographisch ziemlich anwuchs. 1939 profitierte die Ukraine vom Hitler-Stalin-Pakt und bekam Ostpolen zugeschlagen, später noch ein paar hübsche Landstriche von Rumänien und der Tschechoslowakei, ohne die die Ukraine gar kein richtiges Gebirge hätte. Und zuletzt ging 1954 die Krim von Russland an die Ukraine.

ukraine-growth

Soweit geht dann selbst bei den antisowjetischsten Ukrainern die Verteufelung der Sowjetunion nicht, dass man von den Eroberungen Stalins und den Grenzänderungen Chruschtschows nicht profitieren möchte. Und so tun möchte, wie wenn jene Gebiete schon seit Menschengedenken ukrainisch waren. Da passt eine Diskussion über die Rolle der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg vor Juni 1941 natürlich nichts ins Konzept.

Die Ukraine ist übrigens auch ein gutes Beispiel, um das so fix geglaubte Enddatum des Zweiten Weltkriegs in Frage zu stellen. 1945 war zwar weitestgehend Schluss mit Bomben, aber die UPA, die Ukrainische Aufständische Armee, kämpfte noch bis 1954 weiter gegen die Sowjetmacht. Sie hofften auf den Kalten Krieg (den bekamen sie) und auf militärische Unterstützung aus dem Westen (die bekamen sie nicht, wahrscheinlich weil sie dem US-Präsidenten nicht mit schmutzigen Tricks im Wahlkampf halfen).

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