In Spanien ist heute schon Weihnachten

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In vielen Ländern tobt ein Kampf darum, ob der 24. oder der 25. Dezember das eigentliche Weihnachten ist. Ein Kampf zwischen Kapitalisten und Christen, der dieses Jahr besonders heftig geführt wird. Die einen wollen für den Glühweinstand sterben, die anderen für das Singen im Gottesdienst.

Die orthodoxen Kirchen in Osteuropa lassen sich bekanntlich Zeit und feiern erst am 7. Januar, so dass mehr Zeit zum Tannenbaumabsägen und zum Plätzchenbacken bleibt.

Ein Land jedoch tanzt vollkommen aus der Reihe: Das vorgeblich katholische Spanien feiert sein Weihnachten jedes Jahr bereits am 22. Dezember.

Wer jetzt fragt „Warum die Eile? Was soll der Stress?“, dem sei gesagt: Der Weihnachtsstress fängt schon im Juli an. Ab da werden nämlich die Tickets zum großen Fest verkauft.

In jeder Kirche, die ich in Andalusien besichtigte, wollte mir jemand Tickets andrehen. Zuerst am Eingang, dann kam der Mesner, schließlich der Pfarrer. Alle: „Haben Sie schon ein Ticket für Weihnachten?“

Zuerst antwortete ich wahrheitsgemäß, dass ich an Weihnachten gar nicht mehr in Spanien sein würde. Das führte zu keinem Nachlassen der Verkaufsbemühungen: „Das macht nichts, es wird live im Fernsehen übertragen.“

Ich verstand nicht, wieso ich Eintrittskarten für etwas erwerben sollte, das ich gratis im Fernsehen sehen könnte. Irgendwann wurde es mir zu aufdringlich, und ich änderte meine Ausrede: „Oh, vielen Dank, aber ich habe schon ein Ticket.“

Damit sollte ich aus dem Schneider sein, dachte ich.

Weit gefehlt: „Kaufen Sie doch noch eins!“, wurde ich ermutigt.

Eine Aufforderung, der anscheinend das ganze Land folgt, wie die langen Schlangen vor den Verkaufsstellen zeigen.

Irgendwann fand ich heraus, dass Weihnachten in Spanien nicht mit Bäumen, Geschenken und Essen gefeiert wird, sondern mit Glücksspiel. In Spanien ist Weihnachten ein Synonym für die Lotterie.

Und jeder muss mitmachen! „Hast du schon Lose gekauft?“ wurde ich immer wieder gefragt, auch von Freunden, die mir nichts verkaufen wollten.

Um mich nicht auf Diskussionen einzulassen, sagte ich einfach: „Ja.“

Aber da fing die Fragerei erst an: „Welche Nummer hast du?“

„Wieso ist das wichtig?“ wunderte ich mich.

Ich meine, ich verstehe schon das Prinzip einer Lotterie und dass die Nummer wichtig ist für den Gewinn. Aber ich verstehe nicht, wieso meine Losziffer für andere von Interesse sein könnte.

„Na, vielleicht haben wir die gleiche Nummer!“ riefen die Freunde begeistert, wie wenn das eine Art Blutsbrüderschaft bedeutet.

Eine Lotterie, die Lose mit den gleichen Nummern mehrfach verkauft, erschien mir eher wie eine Betrugsmasche. Mir begann zu dämmern, wie der Spanische Bürgerkrieg ausgelöst worden war, als eines Tages zwei Leute mit der gleichen Ziffer den Hauptgewinn abholen wollten.

Aber dann wurde ich aufgeklärt:

Die Spanische Weihnachtslotterie, stolz bestehend seit 1812 und weder durch Welt- oder Bürgerkriege, noch durch unfairerweise nach dem Land benannte Grippewellen unterbrochen, ist die größte, wichtigste, wertvollste und superlativste Lotterie der Welt. Jedes Weihnachten werden mehrere Milliarden (!) Euro ausgespielt.

Aber, Tradition ist Tradition, die Lose dürfen nur fünf Ziffern haben. Somit gibt es nur 100.000 mögliche Losnummern (von 00000 bis 99999). Etwas wenig für ein Land mit 47 Millionen Einwohner, denn schließlich will jeder Bürger mindestens ein Los.

Andere Länder würden auf sechs- oder siebenstellige Losnummern umsteigen, aber Spanien ist kreativer: Man druckt die gleichen Losnummern mehrfach. Und wenn das Los gewinnt, dann teilt man den Gewinn. So einfach geht das. Teilen macht Freude!

Halt! So läuft es beim knausrigen deutschen Lotto. In Spanien hingegen, wo soziale Gerechtigkeit Verfassungsrang hat, führen mehrere Gewinnerlose dazu, dass jeder Losinhaber den vollen Gewinn erhält. Hier wird nicht geteilt, hier wird multipliziert!

Und da die Lotteriegesellschaft dem Staat gehört, schießt der Staat im Notfall einfach das Geld zu. Jetzt wisst Ihr, warum sich Spanien gerade 140 Milliarden Euro aus dem EU-Corona-Aufbaufonds gesichert hat.

Aber ich glaube, es werden immer genug Lose verkauft, um den Topf ausreichend zu füllen. Letztes Jahr wurde jede Nummer 170 Mal ausgegeben, also insgesamt 17 Millionen Lose.

Theoretisch.

Denn jetzt wird es wirklich kompliziert. Ich habe mir das dreimal erklären lassen müssen, um es Euch einigermaßen darlegen zu können. Aber alle Angaben sind ohne Gewähr!

Weil 17 Millionen Lose noch immer nicht für 47 Millionen Einwohner ausreichen, werden die Lose geteilt. Und zwar nicht ideell oder durch Geheimabsprachen, sondern im wahrsten Sinne des Wortes zerschnippelt. Die Lotteriegesellschaft hat dagegen keine Einwände, sondern bietet jede Losnummer in jeder Serie als Bogen mit zehn Kupons an, die man abtrennen und einzeln kaufen und verkaufen kann.

Die auf diese Kupons entfallenden Gewinne werden jedoch, anders als die auf die gleichen Nummern in verschiedenen Serien entfallenden Gewinne, schon geteilt, und zwar nach dieser Formel:

In Spanien werden vor Weihnachten viele Taschenrechner verkauft.

Dafür kostet jeder Kupon nur ein Zehntel des Preises eines ganzen Loses. Das ist wiederum sehr sozial, denn ein gesamtes Los kostet happige 200 Euro, was sich niemand leisten kann. Also kauft irgendjemand den ganzen Bogen und verkauft neun Zehntellose weiter. Deshalb wird man auch im Bahnhof, im Park, beim Händewaschen, auf dem Flughafen, bei der Verkehrskontrolle und vor allem in jeder Bar angesprochen, ob man nicht einen Kupon erwerben möchte.

So sieht ein Los aus: In der Mitte die fünfstellige Losnummer (00155), rechts oben die Serie (17), darunter die Nummer des Kupons (2 von 10). Und der Preis von 20 Euro, weswegen ich mir den Spaß nie gegönnt habe.

Weil, wie ich schon gejammert habe, 20 Euro noch immer viel Geld sind, werden die Kupons noch einmal geteilt. Da gleiten wir aber vom offiziellen ins inoffizielle Wettgeschäft ab, denn die Kupons darf man nicht noch einmal zerschneiden. Stattdessen trifft man im Park auf Leute, die Fotokopien von ihren Kupons verkaufen und dafür versprechen, einen am Gewinn zu beteiligen. Man kauft also eine Kopie, wobei der Verkäufer natürlich den Beteiligungsquotienten mitteilt, und hinterlässt bei dem fliegenden Händler seine Telefonnummer zur Gewinnbenachrichtigung an Weihnachten.

Die Menschen in Spanien sind sehr ehrlich.

Besonders verbreitet sind diese Partizipationsgeschäfte (die der Idee von Aktienfonds nicht unähnlich sind) unter Gruppen, die am Weihnachtsabend zusammen feiern und fiebern wollen: Familien, Arbeitskollegen, die Stammkundschaft in einer Kneipe, Sportmannschaften, die Besatzung der Internationalen Raumstation, Soldaten im Auslandseinsatz, Gefängnis- oder Altenheiminsassen.

Übrigens gibt es nichts Kompliziertes, was nicht noch komplizierter gemacht werden kann:

Um Fälschungen zu unterbinden, muss die Lotteriegesellschaft einen Überblick behalten, welche Lose mit welchen Nummern von welcher Serie sie an welche der 3.420.591 Verkaufsstellen ausgeliefert hat.

Nun gibt es Leute, die eine bestimmte Losnummer wollen. Vielleicht das Geburtstdatum. Oder die Ziffer, die letztes Jahr gewonnen hat. Oder eine Ziffer, die noch nie gewonnen hat. Oder die Zahlen, die die Wahrsagerin in der Straße hinter der Stierkampfarena weisgesagt hat – natürlich gegen Gewinnbeteiligung.

Weil die Lotteriegesellschaft eine staatliche ist und weil die Verwaltung in Spanien sehr bürgerfreundlich ist, kann man dort anrufen und fragen, an welches Kiosk im großen, weiten Land (zu dem bekanntlich auch Landstriche in Afrika und im Atlantik gehören) die gewünschten Nummern ausgeliefert wurden. Viele Spanier nutzen dann die Sommerferien, die Herbstferien, Streiktage oder die Frühverrentung, um durchs Land zu fahren und die Wunschlose zusammenzukaufen.

Eine weitere Form des Lotterietourismus ergibt sich, wenn eine Verkaufsstelle im letzten Jahr das große, fette Gewinnerlos („El Gordo“) verkauft hat. Ich weiß nicht, warum, aber Hunderttausende von Menschen fahren dann im aktuellen Jahr zu eben jener Verkaufsstelle, um mindestens 20 Euro zu hinterlassen.

Und wenn das Gewinnerlos an einer Tankstelle verkauft wurde, dann verkauft diese Tankstelle im folgenden Jahr kein Benzin mehr, weil niemand 3 Stunden zwischen lauter Glücksrittern anstehen will, um die Tankfüllung zu bezahlen.

In diesem Fall war es besonders krass, weil die Tankstelle auf Teneriffa liegt. Viele Spanier flogen vom Festland extra auf die kanarische Insel. Gott bewahre, wenn das Glückslos mal aus Melilla kommt.

Und heute, am 22. Dezember, ist die Ziehung.

Sie wird live im Fernsehen übertragen, mit Einschaltquoten jenseits derer von Fußball-Weltmeisterschaften, mit Freudenschreien und Herzinfarkten im ganzen Land.

Eine Besonderheit ist, dass die gewinnenden Losnummern sowie der jeweils darauf entfallende Preis von Kindern aus dem San-Ildefonso-Gymnasium in Madrid gesungen werden. Auf die Waisenkinder greift man schon seit mehr als 200 Jahren zurück, weil bei ihnen nicht die Gefahr besteht, von den Eltern zum Schummeln angestiftet zu werden.

So geht das für mehr als 2000 Preise, den ganzen Tag lang. Aber in anderen Ländern machen die Leute ja auch nichts Sinnvolles an Weihnachten.

Übrigens, gute Nachrichten für deutsche Glücksspieler: Seit 2013 wird zwar eine Quellensteuer abgeführt, aber weil in Deutschland Lotteriegewinne steuerfrei sind, können deutsche Glückspilze nach dem deutsch-spanischen Doppelbesteuerungsabkommen diese Steuern zurückfordern. – Vielleicht sollte ich mit diesem Wettbewerbsvorteil in spanischen Parks steuerfreie Gewinnanteile verkaufen?

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„Per Anhalter durch den Nahen Osten“ von Patrick Bambach

Für die Zeit nach dem Ende der Corona-Pandemie freuen sich die Menschen schon auf das Schwimmbad, auf die Eisdiele und auf das Großraumbüro. Ich freue mich am meisten darauf, wieder spontan reisen zu können. Sich einfach wieder an die Straße zu stellen und anstatt des auf diesem Blog überstrapazierten erhobenen Zeigefingers den Daumen rauszustrecken, bei Fremden ins Auto zu steigen und auf der Bundesstraße nach Buxtehude oder über die Balkanroute nach Babylon zu düsen.

„Hui, das ist aber gefährlich“, höre ich die ängstlicheren unter den Leserinnen bei letzterem Vorschlag flöten.

„Ganz und gar nicht“, entgegen ich dann immer, unter Verweis auf verrückte Radikaltramper oder mehr oder weniger empirisch begründeten Optimismus. Ab jetzt kann ich auf ein lesenswertes Buch verweisen: „Per Anhalter durch den Nahen Osten“ von Patrick Bambach. Der hat sich nämlich autostoppend auf die, so der Untertitel, „16.000 Kilometer vom Sauerland über den Iran nach Tel Aviv“ gemacht.

Das Buch ist ein großes Lesevergnügen, wunderbar witzig, ironisch, sarkastisch. Auf jeder zweiten Seite musste ich laut lachen. Da nimmt sich jemand selbst nicht zu ernst, weder in esoterischer Selbstbespiegelung wie in „aWay“, noch als größter Abenteurer aller Zeiten wie in „Warm Roads“, zwei ebenfalls dieses Jahr erschienene Tramperbücher.

Während jene beiden Bücher ziemlich egozentrisch sind, kommt Patrick Bambach als humorvoller und sympathischer Kerl rüber, mit dem man gerne ein paar Stunden im Auto verbringen würde. Und endlich mal jemand, der sich nicht nur so schnell wie möglich von A nach B schnorren möchte, sondern der übers Reisen, über Kulturkontakte, über Politik und über Gastfreundschaft reflektiert.

So ist sich Bambach zum Beispiel des Privilegs bewusst, „über die Konfliktgrenzen springen zu können, von Türken zu Kurden, von der türkischen Polizei zur PKK, von bewaffneten Irakern zu iranischen Polizisten. […] Geschützt hat mich dabei nicht meine Offenheit, sondern die Angehörigkeit zur ‚richtigen‘ Gruppe.“ Wenn ihm Menschen in Israel erzählen, wie gefährlich es ist, im Westjordanland zu trampen, dann bemerkt er zu seinem eigenen Entsetzen, warum es für ihn nicht gefährlich ist: Weil er kein Jude ist.

Und wenn ein besonders hilfsbereiter Gastgeber im Oman den überschwenglichen Dank Bambachs mit der Bemerkung „Ach, das ist doch kein Thema. Wenn ich nach Deutschland reise, würden mich die Menschen schließlich genauso freundlich und zuvorkommend behandeln!“ beiseite wischt, dann weiß der Autor nicht, was er sagen soll. Ihm ist klar, dass ein bärtiger Araber in Deutschland wahrscheinlich nicht so herzlich behandelt wird wie ein weißer Junge überall auf der Welt.

Aber das Buch ist auch voller Abenteuer: unfreiwillige Opiumräusche, Schlägereien in Georgien, ein Ausflug mit den Peschmerga, und immer wieder überraschende Begegnungen mit interessanten Menschen, der Essenz des Trampens. Was mich als Technikskeptiker besonders freut: Bambach hat die Reise – trotz Ingenieursstudium – ohne Smartphone zurückgelegt! Für Interessierte, die sich auch mal ans Trampen wagen wollen, hat er viele praktische Tipps parat, locker in den Text eingestreut.

Ich muss zugeben, ich habe selbst schon manchmal davon geträumt, per Anhalter nach Israel zu reisen. Dass der Weg entweder durch Syrien oder den Irak führt, hat mich bisher immer abgehalten, aber jetzt gibt es kein Halten mehr. Obwohl, Babylon wäre auch interessant… Ach, es gibt so viel zu erleben. Hoffentlich hält jemand an!

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Vor hundert Jahren …

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Bekanntermaßen bin ich manchmal etwas im Verzug mit meinen Artikeln.

So bin ich übrigens zur Geschichte gekommen: Ich wollte über irgendetwas berichten, ich weiß jetzt gar nicht mehr, was es war. Vielleicht der Erste Golfkrieg oder die Landung in der Normandie. Und dann lagen die Notizbücher so lange herum, bis sie Staub angesammelt und sich die Nachrichten in Geschichte verwandelt hatten.

Na gut, dann mache ich aus der Trägheit halt eine Tugend und ein Versprechen für die Leserschaft. Hiermit eröffne ich feierlich eine neue Serie auf diesem Blog: In „Vor hundert Jahren …“ wird es einmal im Monat um eine Geschichte gehen, die sich vor genau hundert Jahren zugetragen hat.

So etwas gibt es zwar schon anderswo, aber meist konzentriert sich das auf ein paar alte Zeitungsmeldungen oder das Abspielen alter Tagesschau-Sendungen. Bei mir hingegen soll es, wie immer, um die größeren Zusammenhänge gehen.

Außerdem widmen sich alle ähnlich gelagerten Projekte meist einem bestimmten Land oder einem bestimmten Großereignis, wie dem Ersten Weltkrieg. Ich hingegen werde die historische Recherche mit Reisen verbinden und aus aller Welt berichten.

Natürlich sind hundert Jahre arbiträr, und man hätte auch siebzig oder fünfzig oder zwanzig Jahre nehmen können. Aber erstens kommen wir dann in zeitliche Gefilde, die viele von Euch noch aus der Jugend kennen. Zweitens wird es schwieriger, die Jahreszahlen zu errechnen. Drittens ist die Zwischenkriegszeit äußerst spannend und – abgesehen von ein paar Stichpunkten wie New Deal oder Nazis – äußerst unbekannt.

Ich weiß, das Konzept klingt noch nebulös und vage. Aber schon in wenigen Tagen erscheint die erste Folge, und dann seht Ihr, wie ich mir das in etwa vorstelle. Im Dezember 1920 wird es um diese draufgängerischen Männer gehen:

Und um einen Staat, der nicht mehr existiert.

Und um Weihnachten!

Apropos Weihnachten: Auch für dieses Projekt bin ich dankbar um jede Unterstützung, sei es auf Steady, auf Patreon, oder auf jegliche andere Art und Weise. Und ich bin gespannt auf Eure Vorschläge für die jeweils kommenden Monate! Es soll hier nicht nur um klassische Geschichte mit Schlachten und Wahlen und Attentaten gehen, sondern auch um Kultur-, Sozial-, Technik- und Rechtsgeschichte. Aber Vorsicht, wenn Ihr etwas vorschlagt, von dem Ihr wesentlich mehr Ahnung habt als ich. Denn dann lade ich Euch einfach ein, den Artikel selbst zu schreiben. 😉

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Warum ich die Küste in Cornwall nicht ganz abgewandert bin

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1

„Nehme ich den Nachtbus von Heathrow nach Newquay, dann komme ich gut ausgeschlafen an,“ hatte ich gedacht, obwohl ich eigentlich wissen hätte müssen, dass ich in Nachtbussen nicht wirklich zum Schlafen komme. Aber die letzten Stunden der neunstündigen Fahrt sind schön. Es dämmert schon, und der National-Express-Bus schlängelt sich auf feldwegähnlichen Straßen durch grüne Hügel mit Schafen und hohen Hecken.

Um 6:35 wirft mich der Fahrer in Newquay raus. Objektiv ist es noch kalt, aber ich komme gerade aus Kanada, so dass sich alles über null Grad mild anfühlt. Und endlich bin ich wieder in einer Kleinstadt, wo man sich schnell zurecht findet und zu Fuß von einem Ende zum anderen laufen kann.

Ich gehe runter zum Strand, denn auch wegen des Meeres bin ich nach Cornwall gekommen. Ganz allein bin ich an diesem frühen Morgen. Alle Wellen nur für mich.

Schwimmen macht hungrig.

2

Zum Frühstück habe ich Lust auf ein heißes Pasty, aber die Läden öffnen erst langsam. Sie können sich das leisten, weil sie Weltmeister sind. Alle. Jeder einzelne Laden. Einer preist sich als „Voted best Cornish Pasty Shop in 2018“, der andere als „Winner of World Pasty Championship 2018“, der dritte als „Winner of Cornwall Pasty Competition 2018“. Das ist wie beim Boxen, wo jeder seinen eigenen Verband hat, um Weltmeister spielen zu können. Der „Oldest Cornish Pasty Maker in the World“ steht über allem.

Um 8 Uhr macht der erste Laden auf. Die Bäckerin stimmt mich hoffnungsvoll: „Die Pasties sind schon im Ofen!“ Darauf werde ich gerne warten, verkünde ich, bis sie mich belehrt, dass es noch eine Stunde dauern wird. Oh, dieses Gebäck ist anscheinend so aufwendig wie ein Gulasch. Meine Spannung auf das Leibgebäck Cornwalls steigt, aber ich verschiebe unser Kennenlernen auf später am Tag. Dass Bäcker erst um 8 Uhr mit der Arbeit beginnen, würde ihre deutschen Kollegen vermutlich zum Lachen bringen.

(Wer nur wegen der Pasties hier ist, kann zu Kapitel 7 springen.)

3

Dann mache ich mich eben doch auf zu meiner Arbeitsstelle für die kommenden zwei Wochen. Als Housesitter werde ich mich um ein kleines Häuschen und um einen fetten Kater kümmern.

Auf dem Weg komme ich an der Bibliothek vorbei. Das Schild ist zweisprachig: „Library – Lyverva“

4

Der Auftrag mit der Katze scheint leicht zu werden. Bigfoot, wie der wirklich fette Kater heißt, lässt sich gleich streicheln. Es scheint ihm egal zu sein, dass jetzt plötzlich jemand anderes im Haus wohnt, solange er jeden Tag Futter bekommt und weiterhin kommen und gehen kann, wann er will. Auch längeren Ausflügen scheint er nicht abgeneigt zu sein, denn sogleich hüpft er in meine Reisetasche.

Am nächsten Morgen jagt mir die Katze einen enormen Schreck ein. Als ich im Bad bin, macht sich jemand von außen an der Türklinke zu schaffen. Ich dachte, ich wäre allein im Haus, und habe natürlich nicht abgeschlossen. Hilflos sehe ich mich nach einer Waffe um, aber ich habe nicht einmal einen Fön.

Schon ist die Tür offen, und herein kommt: Bigfoot.

Der Kater ist so selbständig, der bräuchte eigentlich gar keinen Housesitter. Außer nachts, da öffnet er gerne die Tür zum Schlafzimmer, kommt zu mir ins Bett und liest Spionageromane.

Was das Haushüten noch einfacher macht: Der letzte Catsitter war ein eher komischer Typ, der die ganze Speisekammer leer fraß, dann zur örtlichen Tafel und ansonsten nie aus dem Haus ging. Am Ende bat er um Geld für den Bus, weil er keinen einzigen Penny hatte.

Leider hat mein Vorgänger auch die Heizung zu lange laufen lassen, so dass ich mich jetzt nicht zu fragen traue, ob man sie einschalten könne, um endlich meine Erkältung zu kurieren. Aber nein, hier ist England, ab April sind die Fenster geöffnet und der Atlantikwind pfeift durchs Haus, egal ob jemand vor Husten fast stirbt.

5

Habe ich England gesagt?

„Cornwall“, verbessert mich die Eigentümerin von Haus und Katze, bevor sie den Bus zum kleinen Flughafen von Newquay nimmt, um für zwei Wochen den letzten Urlaub in Europa vor dem Brexit zu genießen. (Zumindest dachte man das damals im Mai 2019. Es kam bekanntlich anders.)

Ich frage Susan, ob sie Kornisch spricht.

Sie lacht: „Niemand spricht Kornisch!“ Und holt sogleich zum weiteren Schlag gegen die Südwest-Nationalisten aus: „Die Hälfte der Wörter ist doch erfunden, weil es zur Zeit der Sprache einfach keine Wörter für moderne Objekte gab.“ Wahrscheinlich gehört die „Lyverva“ dazu.

6

Aber alleine ist das Kornische nicht. In Newquay findet diese Woche ein Festival der Keltischen Internationale statt, mit Gästen aus Schottland, von der Isle of Man, aus der Bretagne, aus Irland und aus Wales.

In einigen Gärten weht die Flagge Cornwalls. Auf vielen Autos klebt das weiße Kreuz auf schwarzem Grund, ebenso an etlichen Ladentüren.

Das muss nichts bedeuten. In Bayern hängen auch überall die weiß-blauen Rauten, trotzdem will niemand, dass Bayern unabhängig wird. Mebyon Kernow, die wichtigste Partei, die für die Autonomie Cornwalls eintritt, bekommt bei Wahlen zwischen 2 und 4 %. Ganz so hoch wie die Flaggen hängt das Thema also nicht.

7

Lange arbeiten müssen die Weltmeister aus Kapitel 2 anscheinend auch nicht, denn als ich um 17:30 in die Bäckerei komme, ist das Mädchen dort gerade am Zusperren. Dafür gibt es Rabatt auf die Restposten des Tages. 1,50 £ statt 3,50 £ für ein großes, als Abendessen ausreichendes Pasty. Hier kann man günstig leben.

Das Pasty ist eine Teigtasche, die mit herzhaften Sachen – Fleisch und/oder Gemüse – gefüllt ist und warm gegessen wird.

Weltmeisterlich oder gar in der Liga des Kaiserschmarrns ist es nicht, aber in Großbritannien wird man auch mit kulinarischem Mittelmaß berühmt.

Wenn man im Park oder am Strand isst, muss man sich vor den Möwen in Acht nehmen, die entweder immer hungrig oder immer zum Schabernack aufgelegt sind.

8

Das beste an Newquay ist, dass hier der South West Coast Path vorbeigeht. Das ist ein Fernwanderweg von etwas mehr als 1000 Kilometern, der immer der Küste folgt und die Südwestspitze Englands, Cornwalls und von Devon umrundet.

Fernwanderwege in Großbritannien, die „National Trails“, sind etwas ganz Besonderes. Ein Paradies für Wanderer! Immer in schöner Natur. Nur ganz selten teilt man sich den Weg mit Straßen und Vehikeln. Weiche Pfade. Gemütliche Rastplätze. Immer mal wieder ein Pub am Weg. Gut ausgeschildert. Wobei man letzteres bei einer Küstenwanderung eigentlich nicht benötigt, man kann ja nicht zu weit vom Pfad abkommen bzw. findet immer wieder zurück auf diesen.

Und was mir diesmal entgegen kommt: Auch mitten in die Natur oder an eine entlegene Bucht führen in Großbritannien Busse. Ich kann den Kater nur tagsüber allein lassen, sonst frisst er die Orchideen, um die ich mich ebenfalls zu kümmern habe. Aber mit den Doppeldeckerbussen fahre ich am Morgen von Newquay so weit wie möglich weg und wandere dann tagsüber 20 km oder so zurück in die Stadt. Danach das gleiche in die andere Richtung, und dann immer weiter.

Da ich keinen Wanderwettbewerb, sondern nur einen ersten Eindruck gewinnen möchte, genügt mir dieser Einstieg. Im Hinterkopf spukt die Idee des Europäischen Küstenwanderwegs herum, und ich will testen, ob mir das überhaupt gefällt, bevor ich die 5000 km von Leningrad bis zur Algarve in Angriff nehme.

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Ich nehme den Bus nach Harlyn Bay, um Richtung Newquay zurück zu wandern.

Es ist perfektes Wanderwetter.

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So eine Bucht stellt den Wanderer immer vor mindestens zwei Möglichkeiten: Unten durch den Sand spazieren und am Ende wieder hochklettern (Anfänger). Oder den gemütlichen Pfad über den Klippen wählen und die Aussicht genießen (Fortgeschrittene). Oder zuerst hocherfreut zum Wasser laufen, aber dann doch noch eine Stelle suchen, wo man zum Wanderweg hochklettern kann (ich).

Ich persönlich wandere lieber auf der Anhöhe, weil ich gerne Fernsicht und Weitblick habe. Außerdem ist mir das Meer ein wenig suspekt, eine Haltung, die sich noch als berechtigt herausstellen wird.

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Und hier oben findet man nette Gesellschaft.

Weil ich finde, dass Tiere, zumindest Säugetiere, es verdienen, mit Respekt und Höflichkeit behandelt zu werden, unterhalte ich mich mit den Schafen. Übers Wetter. Über den Salzgehalt des Grases in unmittelbarer Meeresnähe. Über ihre Meinung zu Lamas. Über den Brexit.

„Good morning“, flötet eine fröhliche Frau, die ich gar nicht kommen habe sehen.

Großzügig und britisch-höflich ignoriert sie die Tatsache, dass ich gerade ein Gespräch mit Wollknäueln geführt habe, und erzählt, dass sie den kompletten South West Coast Path wandert.

Zwei Monate hat Hannah sich dafür eine Auszeit genommen, aber sie lacht: „Wahrscheinlich hätten sie es bei der Arbeit nicht einmal bemerkt, dass ich nicht da bin.“ Ich vermute irgendein Beschaffungs- und Controllingdezernat in der weit verzweigten Ästen der Kommunalbürokratie. Aber nein, Hannah ist Produzentin bei der BBC und verantwortet Fernsehserien wie Top Gear und Cars of the People. Wer auf der Arbeit mit 250-PS-Autos durch die jordanische Wüste donnert oder die schwierigste Alpinstraße der Welt bezwingt, der sehnt sich in der Freizeit anscheinend nach Natur und Ruhe.

Wir fragen einander gar nicht, ob wir zusammen weiterwandern wollen, sondern bleiben einfach im Gespräch als wir die Schafe hinter uns lassen. Und zur Mittagspause teilen wir Mais, Salat und Brot. Das Hühnchenfleisch ist leider roh, weil ich beim Einkauf nur Augen für den Preis hatte. Nutzlos. (Sowohl das geköpfte Huhn wie das kopflose Ich.)

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Gleich nach den Schafen, in Mother Ivey’s Bay, steht ein Hangar wie aus einem James-Bond-Film. Eine Rampe führt aus dem Meer zu einem auf Stelzen erbauten Halle, anscheinend für Schmuggel-Boote. Vom Küstenweg aus ist sie nur über eine steile Treppe zu erreichen.

Sehr mysteriös.

Bis ich merke, dass dies keine Startrampe für ruchlose Fischzüge, sondern für heldenhafte Rettungseinsätze ist.

An einem sonnigen Tag bei ruhigem Meer sieht das spaßig aus. Aber die Freiwilligen von der Royal National Lifeboat Institution RNLI werden meist gerufen, wenn es stürmt. Es stürmt viel und oft und heftig in den Gewässern um die Britischen Inseln. (Übrigens ein Grund für den Brexit, weil die Bürokraten in Brüssel die Wellenhöhe regulieren und Stürme am Wochenende verbieten wollten.)

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Andere Arten von maritimen Desastern sollen verhindert werden durch Leuchttürme, wie den von Trevose Head.

Früher konnte man bei den Leuchtturmwärtern immer auf einen Grog und eine Pfeife vorbeischauen, aber heutzutage sind die Dinger alle elektrifiziert, automatisiert und ferngesteuert. Das ehemalige Leuchtturmwärterhäuschen ist eine Ferienwohnung.

Hannah hat ein Zelt dabei, kommt aber dazwischen immer wieder bei Bekannten unter, von denen viele praktischerweise in kleinen Hafenstädtchen an der Küste wohnen. Heute bleibt sie in Porthcothan, so dass ich den Rest des Tages wieder allein bin.

Das mag ich an den Fernwanderwegen in Großbritannien. Die Wege sind nicht überlaufen, so dass man sich freut, anderen Wanderern zu begegnen. Man kommt ins Gespräch. Man teilt Essen und Tipps. Man wandert ein paar Stunden zusammen, bis einer doch schneller oder langsamer gehen will, mehr Pausen macht oder einfach seine Ruhe haben will. Alles ganz zwanglos. Wenn man in die gleiche Richtung wandert, trifft man sich vielleicht später wieder. Wenn nicht, dann nicht.

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Ich beneide Hannah, denn sie hat während der ganzen Wanderung kein einziges Foto gemacht. Sie genießt einfach. Für sich. Wie sie sagte: „Das Foto fängt sowieso nie die Stimmung ein, das Rauschen, das Salz, die Erschöpfung.“

Das ist wahre Freiheit!

Doch ich bin leider mit diesem Blog geschlagen, so dass ich auch am Nachmittag noch ein bisschen für Euch dokumentiert habe.

Auf diesem Abschnitt ist Mawgan Porth ein guter Ort, um in der geschützten Bucht zu schwimmen und um Fish & Chips zu tanken.

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Der nächste Ort, Watergate Bay, ist hierfür nämlich denkbar ungeeignet. Wie man am schlechten Architekturgeschmack von weitem erkennt, liegt hier Schnöseligkeit in der Luft und auf dem Tisch. Normales Essen zu normalen Preisen gibt es keines. „Soll dieser scheiß Jamie Oliver doch pleite gehen!“, rufe ich in den Wind, aus Wut über die für gewöhnliche Werktätige oder gar Wohlfahrtsabhängige unerschwingliche Speisekarte.

(Das war Anfang Mai 2019. Zwei Wochen später meldete die Restaurantkette tatsächlich Insolvenz an. Nehmt Euch also in Acht vor meinen kapitalismuskritischen Verwünschungen!)

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Ich erblicke Newquay, aber die Küste ist so zerklüftet, dass meine Ankunft im schon trauten neuen Heim noch etwas auf mich warten lässt. Hoffentlich habe ich Bigfoot genug Katzenfutter da gelassen. (Obwohl er so aussieht, wie wenn er locker einen Tag Diät vertragen könnte.)

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Am Samstagabend ist die Stadt sichtlich voller als sonst. Wochenende, Mai, Sonnenschein, irgendein Festival, das alles lässt die Menschenmengen anschwellen.

Die Besucher sind andere als im Rest Cornwalls. Weniger Rentner, die zum Aquarellmalen kommen. Mehr englische Unterschicht, die viel zu früh im Jahr kurze Hosen trägt und sich die Kälte nicht anmerken lässt, weil man ja nur einmal im Jahr ans Meer fährt. Eltern, die für die ausgestreckte Hand des auf der Hafenmauer balancierenden Mädchens keine freie Hand haben, weil diese mit dem Handy beschäftigt ist.

„Newquay ist ziemlich rau und heruntergekommen, nicht wahr?“ hatte Hannah gefragt, und wer britische Höflichkeit übersetzen kann, wird ahnen, was sie wirklich meint. Aber ich muss widersprechen. Newquay ist nicht St. Ives, aber eine brasilianische Favela ist es nun auch nicht.

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Klar, so kaputte Ecken gibt es. Aber es gibt auch äußerst schöne und gemütliche Flecken. Zum Beispiel den Park unter dem Eisenbahnviadukt. Oder den Park mit Teich, wo ich mich nach jeder Wanderung erschöpft ausruhe, etwas Sonne aufsauge und mit Leuten ins Gespräch komme.

Noch immer begehe ich den Fauxpas, mich auf England anstatt auf Cornwall zu beziehen, was regelmäßig zur Zurechtweisung führt. Hilfreicherweise aber auf Englisch, nicht auf Kornisch.

„Was macht denn den Unterschied aus zwischen England und Cornwall?“ frage ich neugierig.

Die Antworten bleiben meist vage.

„Wir sind freundliche Leute und kümmern uns umeinander.“

„Das Leben hier ist entspannter.“

„Schau dir doch nur die Natur an, die Strände, die Küsten! Ist es nicht schön hier?“

Manchmal habe ich den Eindruck, dass England ein Synonym für London, die stressige Großstadt, ist, wo man nur ungern hinfährt, wenn man vor Gericht oder vor einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss muss. Dass der Großteil Englands auch grün und hübsch und entspannt ist, bedenken die Südwestpatrioten gar nicht.

„Wir haben ein Gefühl für Heimat und Identität und Stolz.“

Das gibt es zwar überall anders auch, aber diese Aussage bringt unfreiwillig auf den Punkt, wie die meisten Nationen entstehen: Indem man will, dass sie entstehen, und fest daran glaubt.

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Wenn ich frage, ob jemand Kornisch spricht, ernte ich jedes Mal beschämtes Schweigen. Die Sprache ist im 18. Jahrhundert ausgestorben und soll jetzt künstlich wiederbelebt werden.

Wofür? Na, für Identität und Stolz und solche Sachen.

„Wir Alten tun uns noch schwer damit, aber die Kinder, die wachsen mit Kornisch auf. Die lernen das ganz von allein“, hoffen die Herren im Park, aber ich glaube, da täuschen sie sich.

Neben der Nutzlosigkeit leidet das kornische Sprachprojekt daran, dass es drei verschiedene Varianten des Neokornischen gibt, die sich nicht nur nicht miteinander verständigen können, sondern die regelrecht verfeindet sind. (Zum kornischen Terrorismus mehr in Kapitel 34.)

Einig sind sich alle nur in einem: „Wir sind auf keinen Fall Engländer!“

Ach ja, wie hört sich die kornische Sprache eigentlich an?

Ganz ehrlich, das scheint eher ein alkoholisches als ein linguistisches Projekt zu sein.

20

Eines Nachmittags im Park erwähne ich unvorsichtigerweise, dass ich Geschichte studiere. Da steigt die Begeisterung unter den alten Herren:

„Schon unter den Römern war Dumnonia autonom.“

„Der Fluss Tamar ist eine der ältesten Grenzen in Europa.“

„Als die Westsachsen Devon eroberten, blieb Cornwall unabhängig.“

„Das hat sogar König Æthelstan anerkannt.“

„Auf der Mappa Mundi wird Cornwall als eine der wenigen Regionen in Britannien gesondert erwähnt.“

„Genauso auf der Landkarte von Sebastian Münster.“

„Nur Mercator hat sich geirrt, der alte Knacker“, sagt einer der alten Knacker.

„Dabei hat uns schon Vergil in seiner Anglica Historia als separate Nation erwähnt.“ Dass die Männer im Park sooo alt sind, hätte ich nicht gedacht.

Das ist hier übrigens nur die Kurzfassung, soweit ich sie später noch erinnern konnte. Ich traue mich nämlich nicht, mein Notizbuch zu zücken. Normalerweise befürchte ich, dass die Präsentation dieses Inquisitionsinstruments meine Gesprächspartner zum Schweigen bringt. Aber in dieser Runde bin ich mir sicher, dass es die gegenteilige Wirkung entfalten und zu ellenlangen Vorträgen führen würde. Aber vertraut mir: Auch mit allen Details ergäbe die Geschichte nicht mehr Sinn.

„Königin Elisabeth II. besteht doch nur darauf, dass Cornwall zu England gehört, weil sie so ihrem Sohn das Herzogtum Cornwall zuschustern konnte.“

„Als Trostpreis“, lacht ein anderer.

„Der uns finanziell auspresst wie eine Zitrone“, schmollt ein weiterer.

Im Verlauf der immer hitziger werdenden Diskussion stellt sich heraus, dass die aktuelle Königin doch nicht Schuld an der komplizierten konstitutionellen Konstruktion von Cornwall haben kann, denn das Herzogtum wurde 1337 ins Leben gerufen, um dem jeweiligen Prinzen von Wales (derzeit Prinz Charles) eine Privatkolonie zuzuschustern. So wie der Kongo für den belgischen König.

Die Herren sprechen dann von Vögten, Heimfallrechten, königlischen Fischen und Zinnabgaben, wovon ich rein gar nichts mehr verstehe, wie immer, wenn Briten zur Begründung aktueller Rechte auf Vorkommnisse aus dem Mittelalter zurückgreifen.

Ein Beispiel, und bleiben wir doch gleich bei den Zinnabgaben: Im Jahr 2000 trat ein „Revived Cornish Stannary Parliament“ auf die Bühne, erklärte sich zum Nachfolger des „Cornish Stannary Parliament“, einer irgendwie durch königliche Charta von 1201 gegründeten Repräsentanz der in der Zinnwirtschaft tätigen Cornwalisen, die 1753, nach britischen Maßstäben also vorgestern, zum letzten Mal getagt hatte. Diese Körperschaft hatte errechnet, dass das Herzogtum Cornwall in der Zeit von 1337 bis 1837 zu hohe Steuern eingenommen hat, und stellte eine Rückforderung von 20 Milliarden Pfund auf.

Die Rechnung ging an Prinz Charles, der jedoch als Treuhänder des Herzogtums Cornwall gar nicht befugt ist, Teile davon zu verkaufen. (Dieses Recht hat überhaupt niemand, weswegen das Herzogtum auch nicht aufgelöst werden kann, sondern stattdessen – wegen der bona-vacantia-Regeln über eigentümerloses Eigentum – immer mehr Grundbesitz anhäuft.) Das Geld könnte er also nur durch höhere lehensrechtliche Naturalabgaben oder Steuern eintreiben, so dass sich die Bevölkerung von Cornwall selbst die Entschädigung finanzieren müsste. Der Fall Cornwall gegen Cornwall liegt seither unerledigt beim Hohen Gericht und wird das wahrscheinlich noch genauso lang tun wie der Fall Jarndyce gegen Jarndyce.

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Wem das alles zu verwirrend ist, der sollte sich zum Mittagessen keinesfalls noch kognitive Dissonanz bestellen.

Geschmeckt hat es trotzdem. Fisch sollte eigentlich nur mit Aussicht auf das Meer oder den See gegessen werden, dem er an jenem Morgen entnommen wurde.

Auch aus dem Hafen von Newquay fahren die Fischer jeden Tag in die Schlacht gegen die EU-Fangflottenarmada und liefern sich einen Kabeljaukrieg.

Früher war das ein durchaus wichtiger Industriehafen, aber mit dem Epochenwechsel von der Segel- zur Dampfschifffahrt war dieses Kapitel zu Ende. Jetzt, mit dem Brexit, wird der gute alte Schmuggel wahrscheinlich wieder ein Boomgeschäft.

Die Fischer nehmen einen auch gerne mit auf Tour, ab 15 £ für zwei Stunden. Den Fang darf man behalten, das kann sich also rentieren. Ich überlege, ob ich mit rausfahren soll, nur für Bigfoot. Aber ich will weder einen hässlichen Mondfisch in Händen halten, noch einem Riesenhai in die Fänge fallen.

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Stattdessen empfehle ich das wirklich gute Speiseeis von Oggy Oggy, das zusammen mit Fish & Chips meine ausgewogene Ernährung konstituiert.

Nur wenige Meter von der Eisdiele beginnt eine Grünfläche mit Blick aufs Meer und auf das Häuschen des nachbarschaftsscheuesten Einwohners von Newquay. Da wohnt wahrscheinlich jemand, dem selbst der Brexit nicht weit genug geht.

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Ein Gedenkstein erinnert an den Besuch der Beatles in Newquay 1967, während der Dreharbeiten für den grottenschlechten und zurecht vergessenen Film „Magical Mystery Tour“.

Derzeit wird wohl ein Surffilm gedreht, denn jeden Tag werden Surfbretter durch die Stadt getragen, und zwar genau von den Leuten, die man in Surffilmen erwartet: braungebrannte langhaarige Jungs, Mädchen mit Sommersprossen, alle mit tätowierten Kompassen, damit sie nicht verloren gehen, und alle ungesund dünn und muskulös.

Außerdem ist Surfen anscheinend so langweilig, dass man es nur mit Drogen aushält.

Wenn ich am Strand sitze und eine Zigarre rauche, glauben die Surferinnen, dass ich einen besonders krassen Joint gebaut habe. Nach etlichen flirtenden Blicken, die ich nicht ernst nehme, weil die Mädchen eindeutig zu jung und zu attraktiv für mich sind, trauen sich zwei von ihnen zumindest gemeinsam, zu mir rüberzukommen.

Mist, zum Weglaufen ist es jetzt zu spät. Hoffentlich wollen sie mich nicht für ihren dämlichen Film rekrutieren.

„Hey!“

„Hey.“ (So begrüßt man sich wohl in der Szene.)

„Wie lange bist du hier?“

„Noch eine Woche.“

„Oh cool, dann sehen wir uns hoffentlich mal wieder.“

„Das würde mich freuen“, sage ich, weil man junge Menschen noch anlügen darf.

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Sicherheitshalber setze ich unverzüglich die Wanderung entlang des South West Coast Path fort, der praktischerweise durch Newquay führt, und zwar, wenig überraschend, immer entlang der Küste.

Schön ist, dass die gesamte Küste für den Wanderweg freigehalten wurde. Die Bebauung ist etwas zurückgesetzt, spärlich und – außer in der Watergate Bay (Kapitel 15) – niemals protzig.

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Immer wieder markieren Holzkreuze auf den Klippen, wo Wanderer vom Weg abgekommen sind.

Weil die morbide Leserschaft den genauen Unglücksort inspizieren möchte und weil ich heute noch nichts Dummes gemacht habe, klettere ich die Klippen hinab auf einen kleinen, aber scheinbar stabilen Vorsprung.

Das Gras ist so tief und dicht und frisch und weich, dass ich am liebsten hier schlafen würde, obwohl ich ein Haus mit Bett und Katze zur Verfügung habe. Das weiche Grün schmiegt sich an den Körper wie so ein passgenaues Sofa. Sogar mit Grashügeln, die perfekt als Kopf- und Armstützen funktionieren. Im Laden zahlen Menschen 1499 € für so etwas, hier kostet mich nur die das Vergnügen endgültig komplettierende Zigarre einen Euro. Hoffentlich brenne ich nicht das ganze englische Gras ab.

Vielleicht kommen deshalb so viele Obdachlose nach Cornwall?

Wer in Glasgow oder Newcastle obdachlos wird, blickt anscheinend in die traurige britische Wettervorhersage, sieht nur über Cornwall eine kleine Sonne scheinen und trampt nach Südwesten. Dabei sind Sonnenschein und Temperatur eigentlich aussagelose Werte hier. Allein die Windstärke bestimmt, wie stark man friert.

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Normalerweise finde ich mich überall schnell zurecht. Einmal durch die Stadt gelaufen, Osten, Westen, Norden, Süden, und schon kann ich die Fragen von Touristen nach dem Weg zum Strand oder zum Bahnhof beantworten. Aber in Newquay brauche ich ein paar Tage dafür.

Das liegt an den Landzungen, die sich weit ins Meer erstrecken und die meine Erkundungsspaziergänge, die sich konsequent an der Küste orientieren, zu stundenlangen Unterfangen werden lassen, um anschließend verwirrenderweise fast dort zu enden, wo ich losgezogen bin. Und es liegt am Gannel, südlich von der Stadt, den ich zuerst für einen Fluss halte, von dem ich aber feststellen muss, dass es ein Ästuar ist. Ich weiß auch nicht, was das ist, und diese Unkenntnis wird sich in Kapitel 39 bitter rächen.

Eigentlich ist es nur ein Flussbett, in dem man wandern und reiten kann. Von dem auf der Landkarte eingezeichneten Wasser ist nur ein Rinnsal zu sehen, über das ein aus Steinquadern gelegter Weg führt.

Und die südliche Seite ist sehr schön. Kaum bebaut, aber dafür sprießen die bunten Blümchen vor Glück. Eine dahin friedliche Herde von Schafen ist von einem Traktor so aufgeschreckt worden, dass sie wild blökend über den Hang hetzt.

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Ein imposanteres Kreuz als die zufällig von der Klippe Gerollten (Kapitel 25) haben die Söhne Newquays bekommen, die im Kampf gegen Kaiser, Faschismus und andere Unbill ihr Leben an den Klippen von Gallipoli, auf Okinawa oder am Goldstrand verloren haben.

Aden 1964 und Falklands 1982 sind noch unterhalb der Toten des Zweiten Weltkriegs angefügt, aber für Afghanistan wurde eine neue Tafel angebracht, wie in der Erwartung, dass der Militäreinsatz dort ewig dauern wird. Nur mehr 20 Jahre, und wir werden das 200-jährige Jubiläum des Ersten Anglo-Afghanischen Krieges begehen können.

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Während ich im Sonnenuntergang verträumt zurück nach Newquay wandele, erblicken mich die beiden Surferinnen aus Kapitel 23.

„Hey!!“

Oje.

Aber eine von ihnen liest ein Buch, das macht mich neugierig. Außerdem sind sie jetzt allein, die Surfkumpanen mussten wohl schon ins Bett.

Das Buch ist „The Reckoning“, erkenne ich beim Näherkommen.

„Studiert Ihr Jura?“ frage ich, denn wer sonst liest Bücher von John Grisham.

„Jaa!“ rufen sie begeistert und stellen sich als Kensa (23) und Jessica (25) vor, wie wenn ich mit den Altersangaben irgendetwas anfangen sollte.

Ach wie hübsch! Dann kann ich die verfassungshistorische Diskussion aus Kapitel 20 fortsetzen, und das auch noch mit Frauen vom Fach. Leider stellt sich bald heraus, dass sie mit den Anwaltsroben auch das juristische Wissen abgelegt haben und dass Mädchen im Badeanzug keine guten Gesprächspartnerinnen sind. Zum Glück fällt mir ein, dass ich ganz dringend die Katze füttern und kuscheln muss.

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In einer Seitenstraße vom Sainsbury-Supermarkt sitzen zwei heruntergekommene Männer, gezeichnet von Armut, Alkohol und vielleicht Schlimmerem. Das erbetene Kleingeld kann ich nicht erübrigen, aber etwas Zeit habe ich. Alex und Craig stellen sich vor, wir reichen uns formell die Hand, und als ich auf die Frage, woher ich komme, antworte, dass ich aus Deutschland bin, antwortet Alex erfreut: „Wie Heisenberg! Guten Tag.“

Ob er den Physiker persönlich kennt oder ob er mal Physik studiert hat, bleibt unklar, weil ihm Craig immer wieder ins Wort fällt.

Alex steht auf, so dass wir ein paar Schritte weiter gehen können und entschuldigt sich für seinen Kumpanen, der leider psychische Probleme habe. „Deshalb bin ich mit ihm unterwegs. Er braucht jemanden, der ihn beschützt.“

Schöne altmodische Solidarität, wie es sie wohl nur unter Armen gibt. Das hatte Charles Dickens richtig beobachtet.

Ganz nüchtern ist Alex aber auch nicht mehr, denn er fragt mich fünfmal, wie ich heiße, und gibt mir fünfmal die Hand, um sich vorzustellen.

Craig hievt seinen in viel zu viele Pullover gehüllten Körper hoch, wobei ihm ein Feuerzeug aus der Hand fällt. Instinktiv hebe ich es auf und reiche es ihm zurück. Das ist den beiden anscheinend noch nie passiert, denn sie erwähnen es immer wieder, wie um sich zu versichern, dass es wahr ist: „Hast du das gesehen? Der Herr hat mein Feuerzeug aufgehoben.“

Zum Abschied bedanken sie sich herzlich und überschwenglich: „Du bist echt ein guter Mensch.“ Craig umarmt mich wie ein Bär.

Nach Geld fragen sie gar nicht mehr. Es ist offensichtlich, wie selten sie jemand als gleichwertige Menschen behandelt. Dabei wäre das so einfach. Nur ein paar Minuten plaudern, sich in die Augen sehen, keine Furcht oder Abscheu, sondern Interesse zeigen. Und behauptet jetzt bitte nicht, dass Ihr dafür keine Zeit habt.

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Am nächsten Tag ist mal wieder Wandertag, diesmal von Perranporth nach Newquay, circa 20 km.

Der Strand von Perranporth ist nicht gerade voll, aber wer einen Hund hat, der muss bei trübem Wetter raus. Wobei sich der nominell kältere und bewölktere Tag erneut milder als ein sonniger, aber windiger Tag erweist.

Der Strand ist so lang und breit, dass zehntausend Menschen zwanzigtausend Hunde ausführen könnten, ohne dass er überlaufen wäre. Und dazwischen wäre noch Platz für die Landung von zwei Marineinfanterie-Divisionen.

Die Marineinfanteristen kommen mir in den Sinn, weil der Strand von Perranporth genauso tückisch ist wie die Strände in der Normandie. Überall ziehen sich kleine Wasserläufe durch den Sand, die einen plötzlich umspülen und vom Land abschneiden. Man muss dann ganz schnell zurücklaufen und einen anderen Weg einschlagen. Oder wagemutig über einen gerade erst aufgetretenen Kanal springen. Oder man wird nass.

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Überall auf der Welt ist der 24-Stunden-Zyklus in Tag und Nacht eingeteilt. Am Äquator ist dieser Rhythmus stabil, näher an den Polen variiert er mit den Jahreszeiten, aber das Prinzip ist überall gleich.

An den Küsten von Cornwall unterteilt ein weiteres Phänomen den Tag: Ebbe und Flut.

„Na und, du bist doch kein Schiff?“ denken sich jetzt die Leser in den Bergen, die bei Ebbe und Flut an den Unterschied zwischen ein- und ausgelassener Badewanne denken.

Aber für Wanderer ist die Kenntnis der Gezeiten enorm wichtig, überlebensnotwendig sogar. Denn wenn sich bei Flut das Meer ausdehnt, beansprucht es den Platz, den die Landschaftsplanung eigentlich der Naherholung zugedacht hat. So kommt es vor, dass man eine weite Bucht mit Sandstrand, imposant umfasst von steilen Klippen, sieht, dort ein Nickerchen macht – und ein paar Stunden später weggespült wird.

Ich muss mich entscheiden, ob ich den Weg über die Klippen oder barfuß über den Sand wähle. Ganz friedlich sieht die Bucht aus, also wähle ich den Surferweg statt den Klettersteig.

Immer dann, wenn man genau in der Mitte der (hier 3 km langen) Bucht ist, kommt die Springflut angerauscht, und man rennt Richtung Klippen um sein Leben, hoffend, dass man eine Stelle findet, an der man hochklettern kann.

Und klettern muss man ganz schön, denn die Flut misst hier nicht Badewannenniveau, sondern mehr als 7 Meter an zusätzlichem Wasser! Das sind mehr als zwei Stockwerke. Wenn die Klippen zu steil sind, und das sind sie oft, dann stirbt man halt.

Eine Alternative ist es, auf einen der Felsen zuzurennen, die aus dem Meer ragen, und dort auszuharren, bis die Ebbe einsetzt. Aber als Ortsfremder weiß ich natürlich nicht, welche Felsen oder Sandbänke vor der Flut schützen und welche nicht. Ich würde also wahrscheinlich im Meer stehen und einfach nur langsamer und weniger dramatisch ertrinken anstatt gegen den Felsen zu knallen.

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Schlaue Wanderer haben für solche Fälle ein Mobiltelefon dabei und rufen die Seenotrettung. Immer wieder sehe ich tieffliegende Helikopter, die hilflose Hunde samt Herrchen vor den hungrigen Haifischen retten.

Wer mich kennt, weiß aber, dass es mir gänzlich unangenehm wäre, jemand anderen wegen einer selbstverschuldeten Misere zu bemühen.

Außerdem, wie Ihr den letzten Fotos entnehmen könnt, habe ich es gerade noch geschafft, die steilen Felsen nach oben zu klettern. Es ist erstaunlich, was die herannahenden Wassermassen an Flinkheit und Geschicklichkeit zum Vorschein kommen lassen. Wie eine wasserscheue Katze bin ich senkrecht nach oben gesprintet.

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Ab jetzt werde ich nur mehr oben auf den Klippen wandern und mich von keinem Meerbusen in angeblich romantische Buchten locken lassen.

Aber hier oben lauert eine andere Gefahr, sogar rund um die Uhr, wetter- und gezeitenunabhängig. Man blickt aufs Meer, guckt in die Wolken, pflückt ein paar Blümchen, und plötzlich öffnet sich ein Krater, wie wenn die Grasnelken der letzte Faden gewesen wären, der die Erdkruste zusammengehalten hat.

Ich weiß gar nicht, wieso die Leute nach Turkmenistan zu diesem Feuerschlund fahren, wo sich hier auf Schritt und Tritt das Tor zur Hölle öffnet. Und zwar gleich neben dem Wanderweg. Ohne warnendes Schild, ohne schützenden Zaun. So ist das im Kapitalismus. Schiffe bekommen Leuchttürme spendiert, Menschen können verloren gehen.

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Vielleicht wurden die Löcher aber auch absichtlich gegraben.

In Kapitel 19 habe ich es schon angekündigt, jetzt ist das dunkelste Kapitel dieses Berichts erreicht: der kornische Terrorismus.

Wenn man schon seit Jahrhunderten für ein unabhängiges Cornwall streitet, diskutiert, publiziert und prozessiert (siehe Kapitel 20), dann bleibt es nicht aus, dass selbst unter den gutmütigsten Völkern dieser Erde manch einem die Geduld ausgeht. Man kennt das ja von ISIS und den Republikanern, wie schnell man sich radikalisieren kann.

Die kornischen Terrorgruppen heißen An Gof, benannt nach dem Hufschmied Michael An Gof – Ihr wisst schon, dem Anführer des Aufstandes von 1497 -, Kornisch-Nationale Befreiungsarmee und Kornisch-Republikanische Armee. Sie haben schon Feuer in einem Friseursalon, einer Bingohalle und einem der verhassten Schnöselrestaurants gelegt, aber immer nachts, damit niemandem etwas passiert. Ansonsten reißen sie englische Flaggen herunter, und in Tressilian sollen sie 2007 sogar ein anti-englisches Graffiti auf eine Gartenmauer gesprüht haben.

2017 behauptete die Kornisch-Republikanische Armee, dass eine Selbstmordattentäterin bereit sei, ihr Leben für Cornwall zu geben. Allerdings habe man dafür noch kein entsprechendes Ziel gefunden, und man wolle das Leben der jungen Frau nicht sinnlos vergeuden. Wahrscheinlich warten die Terroristen auf die nächste Bingo-Meisterschaft unter englischer Flagge.

Ich glaube, bei internationalen Terroristenkongressen werden die Cornwalisen nicht ganz ernst genommen.

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Aber weiter auf der Wanderung, denn heute ist es so bewölkt, dass ich – wie immer ohne Uhr unterwegs – keine Ahnung habe, ob der Weg nach Newquay überhaupt noch vor Einbruch der Dunkelheit zu schaffen ist. Mit all den fiesen Fluten und der Kletterei komme ich langsamer voran, als gedacht.

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Heute treffe ich keinen Wander- und Gesprächspartner. Alle, die unterwegs sind, haben schon Begleitung, entweder Mensch oder Hund. Wobei die Schafhirten die Hunde gar nicht gerne sehen, denn die Schafe sind anscheinend so pazifistisch, dass sie sich selbst von einem Dackel zerfleischen lassen, wie ein grausames Foto an einem Zaun eindringlich vor Augen führt.

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Westlich von Hollywell klaffen riesige Löcher in den Klippen, so rechteckig, dass sie unnatürlich aussehen. Wie U-Boot-Häfen.

Eine Assoziation, die durch die Militärbasis bestärkt wird, an der ich jetzt vorbei gehe. Wobei zwischen Kaserne und Meer natürlich ausreichend Platz für den Wanderweg gelassen wurde. Prioritäten müssen sein, Wandern geht über Wehrkraft, Natur vor NATO.

Allerdings sieht die Basis so aus, wie wenn sie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr genutzt wurde. Und vielleicht nicht einmal dann. Denn ab 1939 wurden in Großbritannien etliche Scheindörfer, Scheinflughäfen und Scheinkasernen gebaut, die deutsche Bomben auf sich ziehen und damit echte Dörfer, Flughäfen und Kasernen schützen sollten. Auf den Scheinflughäfen gingen dafür ständig Lichter an und aus, und es wurde intensiver Funkverkehr simuliert, um regen Flugverkehr vorzutäuschen. Einer, der sich davon täuschen ließ, war Rudolf Heß, der bei seinem Sturzflug auf eine als Flughafen getarnte Wiese allerdings von noch viel weitgehenderen Fehlvorstellungen über Großbritannien geleitet wurde.

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Auch wer strikt auf dem Weg bleibt, ist nicht davor gefeit, in einen plötzlichen Abgrund zu stürzen.

Das Vereinigte Königreich verliert beständig an Land. Manchmal große Brocken auf einmal, wie 1776 in Nordamerika, 1947 in Indien und beim nächsten Referendum in Schottland. Aber viel öfter machen sich kleine Küstenabschnitte auf in die Unabhängigkeit. Die Erosion ist, wie vieles, was sich auf den ersten Blick nach Erotik anhört, zerstörerisch und habgierig. Mit ihren feuchten Klauen reißt sie immer wieder Fetzen aus der Insel, egal ob dort noch Menschen wohnen oder nicht.

Ich sag’s ja immer: Investiert nicht in Immobilien!

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Zurück zur Wanderung, die mich hoffentlich vor Einbruch der Dunkelheit zurück nach Newquay führen wird. Wenn ich die Karte richtig lese, muss ich nur noch einen Hügel überwinden, das Flussbett des ausgetrockneten Gannel durchqueren, und schon bin ich zuhause, wo Bigfoot bereits darauf wartet, dass ich den ganzen Abend im Fernsehsessel verbringe.

Aber hinter dem letzten Hügel wird es kompliziert. Die Flut kommt nämlich nicht wie die Nacht einmal, sondern zweimal pro 24 Stunden. Und nicht jeden Tag zur gleichen Uhrzeit. Und natürlich an jedem Küstenabschnitt wann anders. In den Buchhandlungen gibt es ein Büchlein zu erwerben, das für alle Strände, Häfen und Leuchttürme die genauen Ebbe- und Flutzeiten vorhersagt, aber die Tabellen sehen so aus, wie wenn man sie ohne Studium an der Marineakademie nicht verstehen kann.

Wenn ich ein Kapitänspatent von Dartmouth hätte, dann hätte ich auch gewusst, was ein Ästuar ist. Das ist so ein Zwischending zwischen Flussdelta und Meeresarm. Und nun weiß ich auch, wieso das kleine Bächlein so ein riesiges Flussbett braucht: Es füllt sich nämlich zweimal am Tag mit dem von der übermütigen Flut herangeschwemmten Wassermassen.

Dummerweise tut es das genau jetzt.

Mein Rückweg ist abgeschnitten.

Die Pflöcke markieren, wo sonst der Weg verläuft, aber er ist schon mehr als einen Meter unter Wasser. Gut, da könnte ich noch durchwaten, aber es gibt ein weiteres Problem: Der Wasserspiegel steigt unaufhörlich, und starke Strömung drängt landeinwärts.

Von Minute zu Minute werde ich unüberwindbarer abgeschnitten.

Ich rechne verzweifelt: Zweimal pro Tag Flut, zweimal pro Tag Ebbe. Also dauert eine Flut mindestens 6 Stunden. Es dürfte jetzt etwa 18 Uhr sein, und die Flut beginnt gerade erst. Bis zur Ebbe müsste ich also bis nach Mitternacht warten, und mich dann im Dunkeln durch das tückische Ästuar wagen.

Nein, das ist zu riskant, das sehe sogar ich ein.

Also muss ich zuerst zurück auf den Hügel klettern, um mich in Sicherheit zu bringen, und dann im Wettlauf gegen die Flut landeinwärts laufen. Wenn ich schneller bin als das Wasser, muss ich irgendwann eine Stelle erreichen, wo ich noch schnell durch das Flussbett waten kann. (Oder im Treibsand stecken bleibe und ertrinke.)

Das Tal füllt sich unerbittlich mit Wasser. Immer wieder steige ich von den Hügeln herab, in der Hoffnung, von Süden nach Norden, von Gefahr nach Sicherheit, von Wildnis nach Zuhause kreuzen zu können. Aber jedes Mal ist das Wasser schon da, wie wenn es sich lustig macht über meine kraftlosen Anstrengungen.

Jedes Mal muss ich enttäuscht den Rückzug antreten, wobei ich wieder wertvolle Zeit im Wettkampf gegen die Gezeiten verlieren. Die vom Atlantischen Ozean hereindrängenden Wassermassen sind viel schneller als ich je sein könnte, dabei verzichte ich sogar auf Rauchpausen.

Am Ende bleibt mir nichts anderes übrig, als mehrere Meilen und Stunden Umweg auf mich zu nehmen, bis ich zu einer Straße gelange, die sicher über die Wasserstraße führt.

Natürlich könnte man das Problem lösen, indem man an der Mündung des Gannel eine hohe Brücke baut. Aber immer, wenn ich das vorschlage, sagen die Leute aus Newquay: „Wofür denn?“ „Aber da gab es noch nie eine Brücke.“ „Das braucht doch niemand.“ Wenn man hier lebt, gehen einem die Zeiten von Ebbe und Flut anscheinend so in Fleisch und Blut über, dass man mit schlafwandlerischer Sicherheit durch die aquatische Verwirrung gleitet.

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Am nächsten Tag fahre ich nach Perranporth, um von dort den South West Coast Path weiter nach Westen zu laufen. Da muss ich mir keine Gezeiten merken, sondern nur, wann der letzte Bus zurück nach Newquay fährt.

Von Perranporth geht es so steil bergan, dass ich mich freue, oben auf den Klippen eine Bank mit weitem Blick über das morgendliche Meer anzutreffen. Zeit für die erste Pause, nach etwa 20 Minuten Wanderung.

Die Bank steht vor einem Häuschen, das sich seinen Ausblick hoffentlich nie mit dem Konsum von Nachrichten wie in Kapitel 38 verdirbt.

Wer hier wohl wohnt, frage ich mich, als – wie um zu beweisen, dass Cornwall noch kleiner ist als die schon sprichwörtliche kleine Welt – Hannah mit geschultertem Rucksack und voller Tatendrang aus dem Häuschen tritt. „Das ist eine Jugendherberge,“ erklärt sie, „und zwar eine der schönsten, in denen ich je war.“ Um den Campingplatz im Garten ist sicherheitshalber ein kleiner Zaun gezogen, es geht immerhin ein paar Meter in die Tiefe.

Hannah geht heute nur ein kurzes Stück, weil sie in St. Agnes bei Freunden unterkommt. Das liegt auf meinem Weg, und so ziehen wir zusammen gen Westen, oft gefährlich nah an den Klippen.

Ich sollte echt weniger Geschichten erzählen und mehr auf den Weg achten, sonst werde ich selbst zur Geschichte, wogegen ich, wovon dieser Blog zeugt, grundsätzlich zwar keine Einwände habe, bei denen ich mir aber, wenn schon kein hollywoodklischeemäßiges Happy End, so doch das unverletzte Überleben des Protagonisten ausbedinge.

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Ebenfalls abgestürzt ist die Zinnindustrie, nicht zuletzt wegen der in Kapitel 20 erwähnten Überbesteuerung durch den Feudalherren. Wenn Prinz Charles nicht so raffgierig wäre, dann würden hier die Hämmer schlagen, die Öfen glühen und die Münzen klimpern.

Jetzt flattern nur die Fledermäuse erschreckt auf, als wir durch die Ruinen steigen.

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St. Agnes ist so ein Ort, an dem man bedenkenlos vorbeilaufen würde, wenn man nicht auf der Karte gesehen hätte, dass er eine Kirche, eine Bibliothek und sogar ein Pub hat.

Im Railway Inn ist es allerdings so stumm, als wir eintreten, wie wenn wir bei einem Begräbnis stören. Die zwei Männer am Tresen schauen weiter in ihr Bier. Der Wirt kommt aus der Küche und bedauert nicht wirklich, dass es kein Mittagessen gibt.

Wir ziehen weiter zum „Miners & Mechanic Institute“, wo freundliche Frauen in einem bunten Café fröhlich gesundes Essen servieren.

Auch solche Cafés machen Fernwanderungen in Großbritannien zu einem Vergnügen. Man findet sie in kleinen Orten, sie vermitteln ein Wohnzimmergefühl, sehen sich mehr als Treffpunkt für Gespräche denn als ein Wirtschaftsunternehmen. Die Speisekarte ist handgeschrieben. Die Mutter steht in der Küche, und wenn das Essen fertig ist, steht die Tochter von ihren Schulaufgaben auf, um es an den Tisch zu bringen. An den Wänden werden Aquarelle, Töpferhandwerk und gestrickte Handschuhe zum Verkauf angeboten. Oft zugunsten eines Gemeindemitglieds, das Krebs bekommen oder ein Bein verloren hat. In einem Regal stehen Bücher zum Entleihen oder Mitnehmen. Eine Broschüre des „St Agnes Writers Club“ lädt ein, Gedichte für die nächste Anthologie beizusteuern. Schade, dass sie keine Reiseschriftsteller suchen.

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Zwei Damen am Tisch nebenan unterhalten sich über die Menschen, die in den vergangenen Tagen von den Klippen gestürzt sind.

„Die drei Teenager, die über den Zaun zum Festival wollten, das ist traurig.“

„Und der Junge, der die Mauer einer alten Ziegelei entlang ging und am Ende die Klippe hinunter fiel.“

„Fünf Stunden waren die Rettungsmannschaften beschäftigt!“

„Ich habe den Helikopter gesehen.“

„Der ist im Krankenhaus. Wird nie mehr unbeschwert leben können, sagen sie.“

„Wenigstens nicht tot.“

„Naja.“

„In Newquay ist letzte Woche auch einer abgestürzt.“

„Aber das war ein Tourist.“

„Die Touristen sind echt die dümmsten.“

In diesem Moment erkannte ich die Torheit meines Unterfangens. Als vor dem Café ein Bus hielt, rannte ich hinaus, sprang auf und flog nach Bayern, sichere 1000 km vom nächsten Meer entfernt.

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Abendessen à la carte

Mehr als acht Stunden bin ich unterwegs gewesen, auf dem Weg zur Tara-Schlucht, durch ausgestorbene Dörfer und dichte, dunkle Wälder wie aus Grimmschen Märchen. Die Sonne hat sich den ganzen Tag nicht gezeigt, und es ist unklar, ob die kalte, feuchte Suppe, die mich umwabert, noch Nebel ist oder schon die Wolken sind. Mir ist kalt bis auf die Knochen, und die dunklen Tannen, das matte, abgestorbene Gras und die Abwesenheit jeglichen Vogelgezwitschers macht es nicht besser. Wenn ich noch länger in dieser Landschaft verbliebe, würde meiner Seele genauso kalt werden wie meinen Zehen.

Zabljak highlands spooky

Zurück in Žabljak benötige ich also dringend einen Ort zum Aufwärmen. Es ist der letzte Tag im Oktober, weit nach Ende der Saison, und nur in wenigen Fenstern brennt Licht. Immer mal wieder kommt ein Hund zum Vorschein, der mir eine Weile nachtrabt. Erst am Busbahnhof werde ich fündig: ein kleines Restaurant, eher ein Wirtshaus oder eine Kneipe.

Zabljak highlands house tree

Sobald ich eintrete, spüre ich die wohlige Wärme. Manche der Gäste haben trotzdem ihre Anoraks oder Winterjacken an, vielleicht aus Gewohnheit, vielleicht damit sie schneller verschwinden können, wenn die Forstpolizei oder die Blutrache hereintritt. Alle Gäste sind Leute vom Schlage Holzfäller, Automechaniker, Metzger. Hier falle ich mit meinen schmutzigen Schuhen und meinem karierten Hemd nicht auf.

Denkste! Natürlich falle ich sofort als Fremder auf, denn in einem Ort mit etwa 2.000 Einwohnern wird jeder Neuankömmling argwöhnisch beäugt. Mit einem in den oben, unten und an den Wänden mit Holz vertäfelten Gastraum geworfenen „dobro veče“ zeige ich gleichzeitig, dass Serbisch/Montenegrinisch nicht meine Muttersprache ist und dass ich höflich bin. Die Mienen entspannen sich. In die erhofften Gespräche werde ich hier trotzdem nicht kommen, das spüre ich. Oder wenn, dann nur über viel Alkohol.

Auf den meisten Tischen stehen jedoch Fantaflaschen. Ich bestelle eine Cockta, weil ich das bisher überall in Montenegro bekommen habe. Die Kellnerin sagt, sie hätten stattdessen Fanta. Anscheinend kommt der Getränkewagen nur einmal pro Woche  in die Berge.

Eine Speisekarte gibt es nicht. Die Kellnerin merkt, dass es angesichts meines Sprachdefizits zu kompliziert wäre, das Angebot verbal zu erklären und bedeutet mir kurzerhand: „Komm mit!“ Ich folge ihr durch die Küche in die Speisekammer, wo mir in der Tiefkühltruhe eine Auslage wie in einer Metzgerei gezeigt wird, mit Steaks, Koteletts, Würsten u.s.w. „Grill“ erklärt die Kellnerin die anscheinend einzige Zubereitungsmethode. Die Steaks sind so groß, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, wie man eine Kuh aufschneiden muss, um solche Stücke zu erhalten. Vielleicht wird sie vorher plattgewalzt. Oder es sind Bärensteaks. Drei Würste sind genug für mich.

Über dem falschen Kamin hängt ein Bild des Klosters Ostrog. Die Musik ist melancholisch-tragisch bis schnulzig. Fünf Euro kostet das Abendessen inklusive Salat und Getränk. Um 19:45 Uhr verlassen die letzten anderen Gäste das Wirtshaus. Ein Bergdorf in diesem rauhen Klima ist kein Ort für lange Nächte, und Menschen, die den ganzen Tag Baumstämme zerlegt haben, fallen jetzt selbst ins Bett wie ein gefällter Baum.

Morgen fahre ich an die Küste Montenegros, wo es noch 25-30 Grad hat und wo die russischen Millionäre auf ihren Yachten speisen. Ein Land der Gegensätze, wie wenn man den ganzen Kontinent von Portugal bis zum Ural in dieses kleines Land gezwängt hätte.

Promenade Tivat

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Sankt Nikolaus im Mai

To the English version of this report.


Überall auf der Welt kommt der Heilige Nikolaus am 6. Dezember. Nicht so in Bari, einer Stadt im Süden Italiens. Hier kommt er im Mai und bleibt gleich eine ganze Woche.

19:40 Uhr. Mittwoch, 7. Mai 2014. Der Hafen von Bari. Kleine Fischerboote in allen Farben genießen ihren Feierabend. Segelschiffe warten auf den Sommer. Gegen Abend wird es windig und kühlt etwas ab, aber der ansonsten sonnige, fast heiße Tag hängt noch in der Luft. Das Licht der untergehenden Sonne spiegelt sich für ein paar Minuten auf der gegenüberliegenden Mole.

Hafen Abend

Darsteller von historischen Figuren mit Trommeln und Hellebarden stehen neben einem aus Holz aufgebauten und mit einem dicken roten Teppich bezogenen Steg. Auf ihren Umhängen prangt ein großes, goldenes N, für den Star des heutigen Abends. Daneben Marinesoldaten, Polizisten, Carabinieri, die Umweltpolizei. Einige der aktuellen Uniformen sehen historischer aus als die der auf alt getrimmten Ritter. Zwei weiß uniformierte Polizistinnen tragen Säbel. Einer der Ritter telefoniert mit seinem Mobiltelefon.

Nikolaus Armada

In die Dämmerung hinein schieben sich in der Ferne blinkende Blaulichter. Vom Meer her kommen fünf Polizeiboote und ein Boot der Marine mit einer Geschwindigkeit, die mit den Lichtsignalen und Sirenen nicht in Einklang steht. Nur langsam kommt der Schwarm an Schiffen näher, fast vorsichtig, so wie wenn er eine wertvolle Fracht beschützt. Und tatsächlich: Im Zentrum dieser Armada ragt das größte Boot heraus. Es ist mit Aufbauten versehen, die wiederum mit Girlanden, Blumen und Fahnen geschmückt sind. Die bunten Bänder wehen im Wind, genauso wie die italienische und die EU-Flagge. Manchmal heult eine Sirene auf.

Das im Zentrum dieses Zugs stehende Schiff wendet etwa 10 Meter von der Kaimauer entfernt, um dann rückwärtig an den Steg anzudocken. Dabei wird der Name des Bootes sichtbar: Nicolaus. An Bord steht ein Bild auf einer Staffelei. Es ist die Ikone des heiligen Nikolaus, die hier in Bari feierlich an Land getragen wird.

Boot mit Ikone

Warum ausgerechnet Bari? Weil vor 927 Jahren süditalienische Kaufleute die Gebeine des Heiligen Nikolaus aus seiner Grabstätte in Myra in der heutigen Türkei entwendeten und nach Bari entführten, wo dann zur weiteren Lagerung der Beute eigens die Basilika San Nicola errichtet wurde. Dort ruhen die Gebeine noch heute.

Zwei kräftige Männer nehmen die Ikone in ihre Mitte und machen sich zwischen Uferpromenade und Stadtmauer auf den Weg. Vorweg laufen die beiden uniformierten Damen, die ihre Säbel jetzt gezückt haben und mit ausgestreckten Armen vor sich halten, um sowohl ihre Bereitschaft zur Verteidigung des eben angelangten Gemäldes auszudrücken, als auch um sich den Weg zu bahnen. Etwa 10 Meter davor eine Anordnung von mittelalterlich gekleideten Trommlern, die die Prozession ankündigt und den Weg weist. Neben den Ikonenträgern laufen etliche Marineoffiziere und Polizisten, dahinter folgt wer immer schnell genug ist, um Schritt zu halten. Denn diese Prozession geht nicht, sie läuft.

Ikone mit Eskorte

Durch ein Tor in der Stadtmauer, durch enge Gassen, immer mit dem dröhnenden Trommelwirbel vornweg. Da ich Fotos mache, falle ich manchmal zurück, komme dann nicht mehr an der Prozession vorbei und muss durch Seiten- und Parallelgassen sprinten, um ihr wieder zuvorzukommen. Die Trommler weisen mir den Weg. Einige Bareser schaffen es, die vorbeigetragene Ikone kurz zu berühren und dann ihre Hand zu küssen. Sie sind vor Freude außer sich. An der weißgetünchten Kathedrale vorbei geht es zum Schwäbischen Schloss, so benannt nach Kaiser Friedrich II. Hier wird das Nikolausbild auf ein enormes, hölzernes Boot gehievt, das jetzt allerdings nicht im Hafen liegt, sondern auf einem langen Heuwagen aufgebaut ist. Badathea ist der Name dieses Bootes. Der entführte Nikolaus kann hier eine Verschnaufpause einlegen. Unter den Palmen und im orientalischen Gewirr der engen Altstadtgassen von Bari muss er sich richtig heimisch fühlen.

Aber ein Schiff, das steht, macht keinen Sinn. Zwei dicke Taue gehen von dem Heuwagen ab, auf jeder Seite postieren sich acht kräftige Männer. Noch können sie sich die eine oder andere Zigarette gönnen, denn sie bilden nur das Ende des kilometerlangen Zuges. Vor ihnen natürlich wieder Trommler, Darsteller verschiedener historischer Figuren, von Bauern bis zu Bischöfen, Fahnenträger, Akrobaten, Sänger, Posaunenchöre, und dazwischen immer wieder Trommler, Trommler, Trommler. Den ganzen Abend wird die Stadt beben vor dumpfen Schlägen.

Ich postiere mich auf dem Viktor-Emanuel-Boulevard, der breiten Prachtstraße Baris, um dort auf die Prozession zu warten. Ich bin jetzt ca. 250 Meter von meiner Wohnung entfernt, könnte aber nicht nach Hause gelangen, so dicht stehen die Nikolaus-Fans gedrängt. Dann muss ich eben ein paar Stunden ausharren. Dort wo ich stehe, haben die Teilnehmer des Zuges schon zwei Stunden hinter sich wenn sie vorbeikommen. Manchen sieht man die Erschöpfung an. Nur ein Chor von Kindern im Grundschulalter ist fit wie beim ersten Lied. Aus voller Kehle versetzen sie die Stadt in Begeisterung. Erst ganz am Ende des Zuges, nach vier Stunden, kommt das Holzschiff mit der Ikone des Heiligen um die Ecke gebogen, gezogen von erwachsenen Männern, denen man die Energie des Kinderchores wünscht.

Holzschiff mit Ikone

Ich laufe zurück zum Hafen, um dort noch eine andere Perspektive auf das Spektakel zu erheischen, aber dort ist der Zug noch gar nicht angekommen. Auf dem Weg dorthin gönnt er sich nämlich noch einen Umweg, um wirklich das meiste aus dem Abend rauszuholen.

Es ist 23 Uhr, ich muss mich endlich stärken. Die Küstenstraße ist auf Kilometer hinaus beidseitig gesäumt von Ständen, die Gebratenes, Frittiertes, Süßes, Gegrilltes, Eisgekühltes, Salziges, Klebriges, Buntes, Schmackhaftes, Kalorienreiches aber nicht allzu viel Gesundes verkaufen. Die verschiedenen Gerüche vertragen sich gut miteinander, die aus den Lautsprechern der Buden dröhnenden Bässe und Gesangseinlagen weniger. Die Einwohner von Bari werden dank dieses Festes insgesamt geschätzte 1 Million Kilos zunehmen. Als integrationswilliger Neubürger trage ich zu dieser gemeinsamen Kraftanstrengung gerne meinen Teil bei. Der Heilige Nikolaus ist der Schutzpatron vieler (u.a. Seeleute, Rechtsanwälte, Apotheker, Bäcker) aber bestimmt nicht derer, die auf Diät sind. Während des Abendessens höre ich noch das Trommeln aus den fernen Straßenzügen.

Beleuchtung

Morgen um 6:45 Uhr gibt es die nächste Prozession. Ab 4:30 Uhr macht die Basilika auf, und ab 5 Uhr gibt es stündlich eine Messe. Es wird in dieser Woche so viele Gottesdienste geben, dass man noch leichter das christliche Jahrespensum absolvieren kann als zu Ostern oder Weihnachten.

9:45 Uhr. Donnerstag, 8. Mai 2014. Auf der Mole Sant’Antonio. In 15 Minuten findet auf der gegenüberliegenden Mole San Nicola (natürlich ist auch ein Teil des Hafens nach dem Schutzpatron benannt, genauso wie das Fußballstadion, Schulen und die meisten der männlichen Einwohner Baris) ein Gottesdienst statt, aber für mich beginnt der Tag mit Böllerschüssen. Zehn Minuten lang donnert es ununterbrochen, und der helle Himmel über dem Hafen färbt sich grau vor Rauch. Ältere Einwohner fühlen sich womöglich an die Bombardierung Baris durch die deutsche Luftwaffe am 2. Dezember 1943 erinnert. Jene Nacht brachte Bari die fragwürdige Auszeichnung ein, als einzige Stadt in Europa während des Zweiten Weltkriegs die Folgen der chemischen Kriegsführung zu erfahren.

10 Uhr. Mole San Nicola. Egal was gefeiert wird, es ist auch ein normaler Donnerstagvormittag. Also arbeiten die Fischer an und auf ihren Booten. Im Klang der Choräle und Posaunen werden frische Muscheln, Seesterne, Tinten- und andere Fische feilgeboten. Die Kleriker versuchen mit möglichst viel Weihrauch dagegen zu halten.

Abends wieder ein feierlicher Umzug. Der mehrstündige Trommelwirbel vom Vortag scheint auch die letzten Bareser auf das mehrtägige Fest aufmerksam gemacht zu haben. Das Gedränge ist doppelt so dicht wie am Tag zuvor. Heute wird anstatt der Nikolaus-Ikone eine lebensgroße Statue des Heiligen mit goldenem Umhang und Heiligenschein vom Hafen aus aus durch die Stadt getragen. Die Gläubigen bekreuzigen sich, wenn die Statue an ihnen vorbeigetragen wird.

Statue vor Burg 1
Statue vor Burg 2
Statue Abendmesse

Noch zwei Stunden bis zum abendlichen Feuerwerk. Angesichts der Menschenmengen und dem noch zu erwartenden Zuwachs derselben muss ich mir also schon jetzt einen guten Aussichtspunkt suchen. Klare Sicht ist wichtiger als Nähe, also dränge ich mich durch zur nächsten Mole, um zu eruieren, wie von dort aus der Blick über den Hafen aussieht. Was vernehmen meine Ohren da? An der Spitze der Mole findet schon wieder ein Gottesdienst statt, neben der golden leuchtenden Nikolausstatue. Wie kam die so schnell hier her? Oder gibt es gleich mehrere von diesen Nikoläusen? Der Bischof, der die Mütze trägt, die der den Anlass zum Fest gebende Bischof von Myra modern gemacht hat, spricht darüber wie Nikolaus als Bindeglied zwischen Ost und West (im Italienischen verwendet man dafür die schönen altertümlichen Begriffe Orient und Okzident) dienen kann. Dass aus der Türkei die Reliquien zurückgefordert werden, erwähnt er nicht. Den Raubzug bezeichnet er durchgehend als “traslazione”, also als Überführung. So wird kein öst-westlicher Dialog zustande kommen.

Unterhalb der Mole, wo ich es mir gemütlich zu machen versuche, ist leider der Platz, der von Jugendlichen den ganzen Abend über zum Pinkeln benützt wird, nachdem sie sich in der Hafenbar mit Bier versorgt haben. Hier werden heute Hektoliter an Peroni-Bier ins Meer fließen. Ich merke mir vor, morgen keine frisch gefangenen Fische zu kaufen. Der Gestank von Marihuana konkurriert mit dem Weihrauch. Ich ziehe also an der Uferpromenade weiter nach Süden, bis es etwas lichter wird und finde so, ganz zufällig, den perfekten Platz um das Feuerwerk zu bewundern. Es spiegelt sich so im Hafen, dass es den Effekt verdoppelt. Ab jetzt wird für mich jedes Feuerwerk ohne Wasser nur mehr ein halbes Feuerwerk sein.

Feuerwerk

Ein 15-minütiges Feuerwerk, das wäre doch ein perfekter Ausklang für ein Fest. Aber es ist noch lange nicht vorbei. Morgen werden wieder etliche Messen, Umzüge und am Abend nochmal ein Feuerwerk stattfinden. Zur Sicherheit, falls heute jemand keine Zeit hatte. Die nächsten beiden Samstage gibt es noch jeweils eine feierliche Prozession, und bis zum 13. Mai dauert die Ausstellung der “Biere des Heiligen Nikolaus”. Dagegen ist ein Stiefel vor der Tür richtig schäbig.

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„aWay“ von Nic Jordan

Seit Jahren kämpfe ich gegen das Vorurteil, dass jeder, der um die Welt reist, auf einem Selbstfindungstrip ist. Und dann erscheinen ständig Bücher von Leuten, die auf der Suche nach sich selbst um die Welt trampen. Zuletzt hatte ich „Warm Roads“ von Stefan Korn rezensiert, der auf seiner Weltumrundung weder einen entspannten, noch einen besonders sympathischen Eindruck gemacht hat.

Wesentlich entspannter und lockerer lässt es Nic Jordan angehen, die in „aWay“ von London nach Australien trampt. Eile hat sie eigentlich nur, wenn ein Visum abläuft. Ansonsten macht sie gerne Umwege, z.B. durch ganz Skandinavien, bleibt auch mal ein paar Wochen an einem Ort hängen, und steigt unterwegs aus, wenn ihr ein Ort spontan zusagt.

Und sie nimmt sich Zeit, um die Menschen kennenzulernen. Nicht nur aus Interesse, sondern auch, um mit Gesprächen, Aufmerksamkeit und Unterhaltung etwas zurückzugeben im Austausch gegen eine Fahrt oder eine Unterkunft. (So halte ich es auch.) Wenn sie auf bedürftige Menschen trifft, dann teilt sie ihr Essen mit dem Obdachlosen und steckt ihm noch unbemerkt einen Geldschein in die Tasche.

Mit so einer Herangehensweise (und mit etwas Mut) ergeben sich bewegende Geschichten, wie von dem Mann, der sie an einem Winterabend in Finnland von der Straße aufliest, wortlos ihren Rucksack ins Auto packt und ihr bedeutet, einzusteigen. Mangels gemeinsamer Sprache können sie nicht kommunizieren, und bald bemerkt sie, dass dem Fahrer eine frische Narbe über das gesamte Gesicht läuft. Nic Jordan schließt mit ihrem Leben ab, vermutet das Schlimmste, greift schon zum Pfefferspray in der Jackentasche, als der Fahrer bei einem Haus einbiegt, wo seine Frau, zwei Kinder und ein süßer Hund sie freudig begrüßen. „Es wundert mich, dass du bei meinem Papa eingestiegen bist“, sagt die Tochter auf Englisch, „viele Menschen haben Angst vor ihm.“ Die Narbe rührt von einem Feuer, bei dem der Vater mehrfach ins Haus rannte, um seine Familie zu retten. Als er auch noch die Katze retten wollte, verletzte er sich lebensgefährlich.

Gerade für mich als männlichen Tramper, für den Regen eigentlich schon das Unangenehmste ist, war die Perspektive einer Frau erhellend. Manche Fahrer benehmen sich widerlich. Andere Fahrer machen sich besonders wichtig. Und in China sagt ihr ein Gastgeber, sie solle weniger essen, weil sie schon zu dick sei. Das wird mir als Mann wohl nie passieren.

Das Kapitel über China fand ich übrigens am besten. Wie mir schon andere Tramper berichtet haben, scheint das ein Anhalterparadies zu sein. (Vielleicht mit Ausnahme des Smogs, der so schlimm ist, dass die Autorin in Peking in die U-Bahn geht, um durchzuatmen.) An einer Raststätte sammeln die Gäste ungefragt Geld für sie und überreichen ihr mehr als 50 €. Andere Fahrer bezahlen ihr ein Hotel. Und die Polizei errichtet kurzerhand eine Straßensperre, um ein Auto zu finden, das sie nach Nanping mitnimmt. Da muss ich endlich mal hin!

Was mir an „aWay“ weniger gefallen hat, ist der Stil. „Das Tagebuch einer Vagabundin“ steht auf der Rückseite, und wie ein Tagebuch liest es sich. Viel zu viele Details. Welchen Kaffee sie wo trinkt. An welchen Ex-Freund sie wann denkt. Und ganz viel Flow und Vibe und esoterische Selbstfindung. Die 408 Seiten hätte man drastisch kürzen können.

Die andere Seite der Spontanität ist die Planlosigkeit. Nic Jordan will unbedingt am 24. Dezember in Moskau ankommen, um dort Weihnachten zu feiern. Mit nur etwas Vorbereitung wüsste man, dass orthodoxe Christen am 7. Januar Weihnachten feiern. Ich glaube, das fällt ihr während ihres ganzen Aufenthalts in Russland nicht auf, weil sie sich beklagt, dass es „im fernen Russland Weihnachten in unserem Sinne nicht gab“. Auch das kyrillische Alphabet müsste nicht unbedingt eine schockierende Überraschung darstellen.

Aber die Autorin ist eher instagraphisch als intellektuell unterwegs.

So passiert es, dass sie in Thailand die „Liberalität“ preist, ohne mit einem Wort die Militärdiktatur im Land zu erwähnen. Aber ich glaube, liberal wird hier rein hedonistisch und pharmazeutisch interpretiert. Selbst wenn ich nur einmal durch Deutschland oder nach Österreich trampe, gibt es bei mir mehr Sozialkritik als bei dieser Weltreise.

„aWay“ von Nic Jordan ist wie „Eat Pray Love“ für Abenteurerinnen. Für mich hat das zu wenig Tiefgang. Aber dafür habe ich wieder mal erfahren, wie viele herzensgute und hilfsbereite Menschen es überall auf der Welt gibt. Und das ist doch das Wichtigste.

Das Buch hat mir riesige Lust gemacht, selbst wieder ein Pappschild zu beschriften und mich an die Straße zu stellen. Wo es wohl nach der Pandemie als erstes hingeht?

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Karl May mit Humor

Als Kind fand ich die Bücher von Karl May so spannend, dass ich den Orientzyklus sogar in Frakturschrift verschlang. Die dadurch erworbene Fähigkeit sollte mir Jahrzehnte später im Wilden Westen das Leben retten. In Winnipeg war ich in eine Gruppe von Mennoniten geraten, die testen wollten, ob ich, wie ich vorgab, wirklich aus dem gleichen alten Kontinent wie sie kam. Gespannt gab mir einer der Brüder eine ledergebundene Bibel und forderte mich auf, daraus vorzulesen – mit voller Gewissheit, dass mich die altdeutsche Fassung der Heiligen Schrift sogleich als Aufschneider und Heiden überführen würde. Ich schlug das Buch, das vor Jahrhunderten mit den Auswanderern über den Atlantik gesegelt war, auf und las so fließend aus dem Johannes-Evangelium vor, wie wenn ich direkt aus dem 19. Jahrhundert käme. Die Mennoniten nahmen mich auf in ihren Kreis, und ich überlebte die Reise durch die Prärie.

Als ich 2016 in Cochabamba in Bolivien lebte, entdeckte ich im Viertel Queru Queru zu meiner freudigen Überraschung eine deutsche Bibliothek. Die verwaltete anscheinend die Nachlässe von anderen deutschen Auswanderern, die bei der Flucht vor den Nazis auch ihre Bücher für schützenswert befunden hatten.

Dort fand ich den Karl-May-Band „In den Kordilleren“, dessen Handlung im Gran Chaco spielt, einem unwirtlichen Gebiet, das nach einem unsinnigen Krieg – übrigens mit deutscher Beteiligung – zwischen Paraguay, Bolivien und den Mennoniten aufgeteilt wurde. Ich kannte diese Gegend, hatte dort nach Gold gesucht, aber nur Gräber gefunden.

Gespannt las ich also nach 30 Jahren zum ersten Mal wieder ein Buch von Karl May. Es war nicht schlecht, aber nicht so fesselnd wie früher. Der besondere Reiz ergab sich eher daraus, ein Buch über das Land zu lesen, in dem damals lebte. Es war beeindruckend, wie treffend May die Landschaft des Gran Chaco beschrieb, obwohl er bekanntermaßen nie dort war.

Aber jetzt gibt es Abhilfe für alle von Karl-May-Nostalgie Befallenen! Philipp Schwenke hat einen Roman über den Meister verfasst. „Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste“ nimmt Karl May, relativ nah an den wahren Begebenheiten, auf seine erste Orientreise, die er im letzten Lebensabschnitt endlich antrat, noch immer behauptend, dass er schon oft durch die Wüsten gezogen sei, mit Beduinen gekämpft habe und 1200 Sprachen spreche. In Wirklichkeit steigt er in Beirut im „Deutschen Hof“ ab.

Dazwischen verwebt Schwenke geschickt die Lebens- und Publikationsgeschichte, wobei für meinen Geschmack das Ehedrama zu breit ausgewalzt wird. Interessanter ist das Drama des Schriftstellers, der selbst an seine Geschichten glaubt, obwohl sich unaufhaltsam die Gerüchte vom Gegenteil verdichten. Die Leserbriefe dazu, die Schwenke aus der Frankfurter Zeitung von 1899 ausgegraben hat, sind zum Schreien komisch.

Überhaupt ist der Roman wunderbar witzig, etwas das beim Original-Karl-May kläglich fehlt. Schwenke trifft immer den richtigen Ton, macht den Protagonisten nie lächerlich, spricht manchmal die Leser direkt an, und versetzt sogar seinen Humor in die Zeit um die Jahrhundertwende. Auf dem Schiff nach Ägypten fordern einige der Passagiere May zum Beleg seiner angeblichen Sprachkenntnisse auf. Die Lage eskaliert, Köpfe werden hochrot, Beleidigungen fliegen hin und her. Schwenke kommentiert trocken: „Ähnlich hätte wohl nur die Anwesenheit von Sozialdemokraten die erste Klasse erregen können.“

Aber dann gibt es auch wieder kleine Seitenhiebe auf den Orientalismus und den heutigen Tourismus. „Na gut, dass die Beduinen Postkarten verkaufen und tanzen, dachte Karl, das stört schon ein wenig die Ursprünglichkeit.“ Außerdem stören natürlich die anderen Touristen, wie bei denen, die heute ihre ganz individuellen Instagraph-Fotos machen wollen.

„Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste“ ist so spannend und witzig, dass es mich einige Abende bis spät in die Nacht wachgehalten hat. Und da ist es dann wieder, das wohlige alte Karl-May-Gefühl.

Eine absolute Empfehlung!

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„Warm Roads“ von Stefan Korn

Was werdet Ihr als erstes machen, wenn die Corona-Pandemie zu Ende sein wird?

Ich weiß es: Sobald das Vakzin in meinen Arm injiziert wurde, werde ich mich an die Landstraße stellen und eben jenen Arm dazu nutzen, um nach Brest-Litowsk, Babylon oder zumindest Buxtehude zu trampen.

Die Wartezeit überbrücke ich mit Tramperliteratur, heute mit „Warm Roads“ von Stefan Korn. Eines Nachmittags steht er in Leipzig am Straßenrand, um am nächsten Morgen wacht er in Südfrankreich auf. So schnell kann das gehen, und so beginnt die Weltumtrampung.

Korn macht Sachen, von denen ich nur träumen kann: Segeltrampen über den Atlantik! (Nichts für mich.) Flugzeugtrampen in Alaska! Güterzugtrampen!

Passend zu den Güterzügen schreibt Korn ziemlich zügig. Das Tempo reißt einen auch beim Lesen mit. Aber andererseits ist das Tempo auch das Problem: Als er nach Manaus kommt, sieht er im Hafen ein Schiff, das in 20 Minuten abfährt. Also düst er weiter nach Uruguay. Wie kann man eine Stadt wie Manaus links liegen lassen? Da kommt man doch nie mehr hin!

In Südamerika denkt er sich: „4000 km von Peru nach Kolumbien, das sollte ich in drei Tagen schaffen.“ Ja, kann man schaffen, aber warum sollte man? Warum diese Eile, junger Mann?

Man merkt, dass Korn nicht auf der Suche nach Begegnungen, nach Erkenntnis, nach Geschichten ist, sondern Trampen als Extremsport begreift. So schnell wie möglich will er einmal um die Welt, so schnell wie möglich von Feuerland nach Alaska, so schnell wie möglich in die vier Ecken Chinas. Alles schnell, schnell, schnell.

Seitenweise gibt es Aufzählungen von Uhrzeiten, Fahrtzeiten, Kilometern, was er isst und wie wenig Geld er ausgibt. Manche Leute glauben, dass sich ihr Tagebuch zum Buch eignet. Hier war es nicht einmal ein Tagebuch, sondern eher ein Logbuch. Der Wettbewerbstramper kommt wie ein Workaholic rüber, der an seinen Statistiken feilen muss. Mit Freiheit und Abenteuer hat das gar nicht so viel zu tun.

Selbst wenn ich nur 500 km oder 900 km trampe, erlebe ich mehr Menschliches als in diesem teilweise fast buchhalterischen Bericht. Ich weiß zwar nichts über meine durchschnittliche Wartezeit oder Reisegeschwindigkeit, aber dafür unterhalte ich mich auf dem Autobahnrastplatz bis 23 Uhr mit einem Linguisten über finno-ugrische Sprachen, obwohl ich merke, dass sich der Rastplatz Hunsrück gefährlich leert und ich bald keine Mitfahrgelegenheit mehr finde.

Apropos Sprache: Die etwas häufige und manchmal unpassende Verwendung von „Pisser“, „Scheiße“, „verfickt“ u.s.w. lässt die Gereiztheit ahnen, mit der Korn wegen des ihm selbst auferlegten Zeitdrucks unterwegs ist. Er ist sauer auf Fahrer, die ihm zu langsam fahren oder zu viele Pausen machen. Und er lässt es die Fahrer merken. Manchmal habe ich mich richtig fremdgeschämt, denn als Tramper ist eine Sache für mich klar: Ich bin Gast in einem fremden Auto. Niemand schuldet mir etwas. Und ich bin dankbar für jeden Kilometer.

Außerdem frage ich mich, was Begriffe wie „Blockwart“ oder „Alltags-Hitler“ bei der Schilderung eines Protests in Peru zu suchen haben, insbesondere von einem deutschen Autor. Straßenblockaden sind in Südamerika eben ein gängiges Mittel des Protests. Na und? Dann wartet man halt ein paar Tage. Oder geht zu Fuß.

Aber dann gibt es auch wieder lustige Geschichten, von einer Fahrt im Leichenwagen, direkt neben dem Sarg, Polizisten, die sich mit einem Becher Kaffee bestechen lassen, und dem bolivianischen Polizisten, der dem Reisenden seine Militärjacke schenken will und voller Vertrauen vorschlägt: „Du kannst mir dafür ja etwas anderes schicken, wenn du wieder in Deutschland bist.“

Und es gibt viele Momente, in denen deutlich wird, wie freundlich und hilfsbereit die Menschen sind, für mich die wichtigste Erkenntnis beim Trampen. In Kanada fährt ihn ein Polizist nach einem Verkehrsunfall 400 km weit. In Alaska wird er in Hotels eingeladen und die Fluglinie nimmt ihn kostenlos mit. Und immer wieder Leute, die ihm Essen, Wasser und Geld schenken, von Mexiko bis China.

Es ist ein ständiges Auf und Ab beim Lesen. Und das passt ja dann wieder zur Erfahrung beim Trampen, denn auch da schwankt man von Höhen zu Tiefen und zurück. Und dankbar bin ich dem Autor auf jeden Fall für die Klarstellung, dass man auch ohne Smartphone um die Welt kommt.

Ich selbst werde weiterhin lieber langsam unterwegs sein und mir Zeit für die Menschen nehmen, die sich Zeit für mich nehmen. Ich glaube, dass so die besseren Geschichten entstehen als bei einer In-80-Tagen-um-die-Welt-Raserei.

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Kyselka, Kurort für Könige, Kaiser und Kobolde

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„Es wird sich nicht viel verändert haben“, dachte ich mir und hatte für die Reise in die Tschechische Republik einen etwas älteren Reiseführer eingepackt.

Wenn Ihnen Karlsbad zu betriebsam ist und Sie der immer gleichen Begegnungen beim Flanieren in den Kolonnaden überdrüßig sind, so empfehlen wir, nach Kyselka auszuweichen. Dieser Kurort ist klein, aber nicht weniger fein.

Der Mineralwasserfabrikant Mattoni hat hier einen exklusiven Erholungsort geschaffen, an den sich schon das Kaiserpaar, der Erzherzog sowie ausländische Regenten wie König Otto von Griechenland, der Schah von Persien und der Kaiser von Abessinien zurückgezogen haben.

Nun bin ich eher Republikaner als Monarchist, worin mir die seit Erscheinen des Reiseführers für Österreich-Ungarn ins Land – beziehungsweise die seither neu entstandenen Länder – gestrichene Zeit Recht gegeben hat, aber dieses Kyselka hört sich interessant an.

Und es ist nur eine Halbtageswanderung von Karlsbad entfernt. Man geht dazu hinter der Synagoge und der Marienstatue in den Wald, bis man die weiß-rot-weiße Markierung findet und folgt dieser, scheinbar immer bergauf. Es ist einer der schönsten Wanderwege rund um Karlsbad, oft auf ganz engen, kaum ausgetretenen Pfaden, dann auf in den Berg gehauenen Wegen, auf denen linker Seite steile Abhänge zum Fluss Eger abfallen.

Immer wieder schöne Ausblicke und von Zeit zu Zeit ein Schild, das anzeigt, dass man auf dem richtigen Weg ist, dass von Kyselka ein Bus zurückführt, und dass man noch 10 km vor sich hat. Der Weg windet sich jedoch dermaßen um Berge, über Anhöhen und um die Biegungen des Flusses, dass sich die Entfernungsangabe über mehrere Stunden nicht verringert.

Ich friere, hungere und dürste, aber egal. In Kyselka werde ich mir ein königliches Mahl an einem warmen Kachelofen gönnen.

Nach vielen Stunden Klettertour erblicke ich durch den Wald die ersten noblen Anzeichen von Kyselka. Je näher ich komme, umso mehr bestätigt sich das Prädikat als ruhigster aller böhmischen Kurorte. Ich höre keinen Laut, keinen Menschen, keine Autos, nicht einmal Hunde.

Herr Mattoni, der Gründer dieses exklusiven Ortes, ist anscheinend im Winter nicht zu Hause, denn seine Villa sieht etwas verlassen aus.

„Vielleicht ist er in der Mineralwasserfabrik“, denke ich mir, doch auch dort sprudelt nichts mehr.

Um es kurz zu machen: Die ganze Stadt sieht inaktiv und verlassen aus.

Hier werde ich nichts zu essen bekommen, dämmert mir langsam. Nur in der Grotte oberhalb des künstlich angelegten Wasserfalls gibt es noch Wasser, und sogar eine Tasse steht neben dem Becken. Wahrscheinlich hat der König von Montenegro zum letzten Mal aus ihr getrunken. Oder die Kobolde und Gnome, die Kyselka jetzt anstelle der Könige und Grafen bewohnen. Aber es schmeckt.

Ein Auto hält, und eine Familie steigt aus. Vater, Mutter, Kind und ein Plastikeimer mit Spielsachen. Das Kind läuft ein bisschen herum. Nach fünf Minuten packen sie alles wieder ins Auto und düsen davon, offensichtlich schwer enttäuscht von diesem deprimierenden Ort. Schon wieder ein Familienausflug, der in die Hose gegangen ist.

Das einzige andere Auto ist ein Feuerwehrauto, das allerdings schon lange nichts mehr gelöscht oder getütatat hat. Aus den Reifen ist genauso die Luft raus wie aus dem hiesigen Unterhaltungsprogramm.

Es wird dunkler. Es wird kälter. Und obwohl ich gehört habe, dass sich Städte, die sonst nichts zu bieten haben, als Luftkurort anpreisen, werde ich von der Luft allein kaum überleben können.

Der versprochene Bus kommt heute nicht, weil Samstag ist.

Also stelle ich mich an die Straße, strecke den Daumen raus und hoffe, dass sich einer der Kurgäste aus dem frühen 20. Jahrhundert bei der Abreise dermaßen verspätet hat, dass er erst heute nach Karlsbad zurückfährt. Und in der Tat, bald hält ein Auto mit einem tschechisch-russischen Ehepaar, die noch weiter hinten im Egertal wohnen und Altglas in die Bezirksstadt bringen. Wie es sich in einer von Herrn Mattoni gegründeten Stadt gehört, entpuppt sich Italienisch als der kleinste gemeinsame linguistische Nenner im kosmopolitischen Kleinwagen.

Apropos Sprache: Die war wohl der Grund, warum Kyselka nie die Berühmtheit der anderen Kurstädte erreichte. Auf Deutsch heißt der Ort nämlich Giesshübl Sauerbrunn, und das macht sich auf Ansichtskarten einfach nicht so gut wie Marienbad, Karlsbad oder Franzensbad.

Links:

  • Wenn Euch Geisterstädte interessieren, dann folgt mir doch nach Humberstone!
  • Kyselka nähe Karlsbad ist nicht zu verwechseln mit Bílina-Kyselka, wo ebenfalls ungenutzte Kurschlösser herumstehen.
  • Weitere Entdeckungen in Tschechien.
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