Eine Zug- und Zeitreise: Im Mennoniten-Express von Winnipeg nach Toronto

Dies ist der dritte Teil der Kanada-mit-dem-Zug-Durchquerungs-Trilogie, so dass ich die vorherige Lektüre von Teil 1 und Teil 2 empfehle. Ansonsten bekommt Ihr alles durcheinander, und die Geschichte wird entgleisen wie ein Güterzug, der eine unschuldige Kleinstadt in Brand setzt. Und das wollt Ihr nicht, oder?


So sehr Winnipeg zu meiner Lieblingsstadt in Kanada geworden war, irgendwann musste ich weiterziehen. Die Ankunft des Zuges war für 19 Uhr geplant, in Wirklichkeit trudelt er um 23:45 Uhr ein und die Reise geht erst eine Stunde später los. Aber alle Passagiere wissen das und haben zuhause noch gemütlich zu Abend gegessen und sich ein Eishockey-Spiel angeschaut, weil sie das praktische Online-Tool nutzen, das Position, Geschwindigkeit und Verspätung aller Züge live anzeigt.

live map.JPG

Alle Passagiere? Nein! Ein Unbeugsamer hat kein Smartphone und hält diese Technik für unnütze Spielerei. Ich treffe also ein paar Stunden verfrüht ein und habe den prächtigen Bahnhof mit überkuppelter Halle für mich allein.

Winnipeg train station.JPG

Vielleicht sollte ich mir doch mal so ein Internetteil kaufen? Aber nein, so schlimm ist eine Verspätung von fünf Stunden gar nicht. Einmal hatte der Zug bei der Durchquerung Kanadas eine Verspätung von mehr als 30 Stunden. Naja, selbst wenn das passieren sollte, ich hätte genug Bücher zum Lesen dabei.

Bald kommen noch mehr Smartphone- und App-Verweigerer: Etwa 12 uniformierte Männer in schwarzen Klamotten und schwarzen Hüten, Frauen und Fräuleins in langen, einfarbigen Kleidern und tief übergestülpten Häubchen, sowie Buben in schwarzen Hosen, dunkelblauen Hemden und Strohhüten. Als Gepäck haben sie große Plastikeimer und mit Schnüren verbundene Holzkisten dabei. Sie sprechen in einem Mischmasch aus Englisch, Deutsch und etwas Deutschähnlichem. Es sind Mennoniten, und zwar solche alter Ordnung.

Ich kann mein Glück kaum fassen! Nicht nur bin ich bald wieder in meinem Lieblingstransportmittel aus dem 19. Jahrhundert unterwegs, sondern ich werde die Fahrt mit Menschen von ebendort teilen. Ich bin zu scheu und anständig, als dass ich andere Menschen frontal fotografieren würde, aber ich weiß, dass Ihr vor Neugier platzt. Also gebe ich vor, ein Selfie zu machen, und hoffe, dass ein paar der Damen hinter mir abgelichtet werden.

Winnipeg Bahnhof Mennoniten-001.jpg

Jetzt muss ich nur noch mit ihnen ins Gespräch kommen. Immer wieder verstehe ich Gesprächsfetzen auf Deutsch, aber wenn sie Englisch sprechen, verstehe ich sie besser. Gerne mischen sie beide Sprachen: „Das ist interesting“ oder „der Zug isch a hundred twenty-six kilometers weit weg. Des dauert no mehr als a Schtund.“ Im Bahnhof werden diese Informationen nämlich ebenfalls auf einem Monitor angezeigt.

Einige der Männer haben Faltblätter mit einer Landkarte der gesamten Strecke, auf die ich immer wieder neidisch blicke. Ich stehe auf, gehe zum Schalter und hole mir ein Exemplar. Als ich zurückkomme, hebe ich die Hand mit der Landkarte und sage „That was a good idea, gentlemen, thank you very much!“ Sie lachen, und das Eis ist so geschickt gebrochen wie es Egon Erwin Kisch oder Ryszard Kapuściński nicht besser und schneller zustande gebracht hätten. Jetzt dranbleiben!

„Wie weit fahren Sie?“ frage ich, weiterhin auf Englisch. Bis zur Eisenbahnkreuzung von Sudbury, andere bis Washago, beides in Ontario. „Von dort müssen wir ein paar Stunden mit dem Bus weiterfahren. Wir wohnen in der Nähe des Lake Superior.“

Die Herren wollen natürlich auch über meine Reise hören, also erzähle ich und vergesse nicht, zu erwähnen, dass ich aus Deutschland bin. Keine Reaktion. Ich hake nach: „Sie sprechen auch Deutsch, wie ich gehört habe, oder?“

„Ja, einen deutschen Dialekt“, erwidern sie, noch immer auf Englisch.

Jetzt wechsle ich frech ins Deutsche: „Dann lassen Sie uns doch Deutsch sprechen.“

„Ja, kenn mer scho mache. Wir sprechen Pennsilwania-Deitsch. Ich hab mal ghert, in Deitschland gibt’s ne Region, die wo heisst Schwoben. Dort spreche die Leit anscheinend so wie wir.“

„Aber unsere Bücher sind in Hochdeutsch geschrieben.“ Mit „Bücher“ meinen sie das Neue Testament, das jeder von ihnen in der Tasche hat. „Aber unsere Bücher sind nicht in englischen Buchstaben, sondern in deutscher Schrift. Ich habe gehört, dass Ihr die seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr verwendet.“ Er meint die Frakturschrift, und ich versuche, mich bei den Herren aus der Vorzeit einzuschmeicheln: „Oh, das kann ich lesen. Ich habe als Kind Bücher von Karl May in dieser Schrift gelesen.“ Einer der jungen Männer lächelt, ob aus Kenntnis um den Autor oder aus Mitleid, weil ich etwas anderes als die Bibel lese, weiß ich nicht. Jetzt muss ich ein paar Zeilen aus dem zufällig aufgeschlagenen Johannes-Evangelium vorlesen, ein Test, den ich flüssig und mit Bravour meistere.

alte-drucke-gesangsbuch-aus-1906-fraktur-27

Versucht doch mal, ob Ihr den Test bestanden hättet.

Hoffentlich fragt mich niemand nach meiner Religion, denn als Atheist wäre ich hier unten durch. Manchmal kann ich mich aufgrund frühkindlicher Indoktrination noch als Katholik ausgeben, aber die sind bei den Mennoniten wohl auch nicht so gut angesehen. Denn wenn ich nach der Familiengeschichte frage, erwähnt jeder von ihnen, dass ihre Vorfahren im 18. Jahrhundert aus der Schweiz fliehen mussten. Es würde mich nicht wundern, wenn die Verfolger Katholiken waren, Katholiken verfolgen schließlich alles und jeden (außer Sexualstraftätern im eigenen Verein).

Einer der Mennoniten, der lustigste von ihnen, dessen Hände so aussehen, wie wenn er eben noch Rüben gepflanzt hätte, spricht tatsächlich wie ein Schweizer. Mit ihm kann ich mich fließend unterhalten. Einer der älteren Herren spricht eher schwäbisch, die anderen kann ich nur teilweise verstehen. Wenn sie untereinander sprechen, verstehe ich nur Bahnhof, und endlich passt die Redewendung einmal. Wir werden uns die kommenden Tage abwechselnd beider Sprachen bedienen.

„Tage?“ wundert Ihr Euch wahrscheinlich. Tja, Kanada ist groß, und der Zug von Winnipeg nach Toronto dauert 38 Stunden, die sich dummerweise über zwei Nächte erstrecken, die ich wie immer in der billigsten Klasse ohne Schlafwagen durchzustehen habe. Die Mennoniten frage ich gar nicht, in welcher Klasse sie reisen, denn dass sie gewiefte Sparfüchse sind, das sieht man ihnen schon an.

Als der Zug kurz vor Mitternacht endlich einfährt, stürmt eine lautstarke Gruppe von etwa 50 hyperaktiven Jugendlichen aus dem Zug. An den vollen Rucksäcken sieht man, dass hier Endstation für sie ist. Die Mennoniten und ich danken Gott, dass wir den Zug nicht mit ihnen teilen. Das wäre der Horror geworden.

Während der ganzen Zeit kann ich keinen Notizblock hervorholen und natürlich keine Fotos machen, sonst wäre das Vertrauen dahin, das ich aufzubauen versuche. Beim Einsteigen in den Zug gehe ich also in den nächsten Waggon, um nachträglich alles aufzuschreiben. Mein Platz ist der einzige im Zug, an dem noch für einige Stunden das Licht brennt. (Und Ihr dachtet immer, ich hätte ein lockeres Leben!)

Andreas Moser writing on the train.JPG

In den nächsten Tagen wird man sich immer wieder über den Weg laufen. Das ist das Schöne am Reisen mit der Eisenbahn. Wenn man den Gesprächspartner wechseln will, geht man durch den Zug, setzt sich woanders hin, geht in den Speisewagen oder in die mit Glas überdachte Aussichtskuppel, wo man fast nie allein ist. Es geht in dieser Geschichte also ein bisschen drunter und drüber, aber ich möchte damit auch das Gefühl vermitteln, wie es ist, hin und her durch den Zug zu wandern, von interessanten zu langweiligen, von amüsanten zu traurigen Gesprächen. Keine Sorge, falls unterwegs der Faden verloren geht! Am Ende kommen wir wie geplant nach Toronto, ganz sicher.

Irgendwann nach 3 Uhr muss ich doch eingeschlafen sein, denn um 5:30 Uhr wache ich auf, als wir auf freier Strecke halten. Die Scheinwerfer eines Pickup-Trucks haben den Zug zum Stehen gebracht. Zwei Männer steigen aus dem Auto und in den Zug. Ein Überfall? Nein, einfach ein zusätzlicher Halt.

Apropos Pickup-Truck, da fällt mir noch eine Geschichte ein, die die Mennoniten erzählt haben: In eine ihrer Siedlungen kam ein Bär. Tommy, der gerade mit dem Fendt-Traktor unterwegs war, wollte ihn mit der Palettengabel aufspießen, aber der Bär war natürlich schneller und wendiger. Hinzu kam Gary, der den Bären einfach immer wieder mit seinem Pickup-Truck rammte. Das ließ den Bären ebenfalls kalt, also rief Tommy seiner Frau ins Haus: „Bring das Gewehr, aber das 308er!“ Die Frau war eiskalt und erschoss den Bären. Sie haben ihn dann am nächsten Tag in die Schule gebracht, damit die Kinder mal einen Bären sehen.

Den Wilden Westen, es gibt ihn doch noch.

Nach der kurzen Nacht begebe ich mich in den verglasten Aussichtswaggon. Dort ist es eiskalt, aber so werde ich wenigstens schneller wach, noch vor der ersten Frühstückscola.

bewölkter Morgen.JPG

Ebenfalls früh wach sind meine Mennonitenfreunde. Die Kinder lesen schon eifrig Bücher, und um 8:30 Uhr kommt eine der Mennonitenfrauen und verteilt Schulhefte. Die Arbeit beginnt.

Kinder bei Hausafgaben.JPGhomework on the train.JPG

Der Schulunterricht ist aber wohl beschränkt auf Bibelkunde und einfache Arithmethik. Denn immer wieder bekomme ich Fragen wie diese: „Wie bist Du denn von Europa nach Kanada gekommen?“

„Mit dem Flugzeug“, antworte ich unvorsichtigerweise.

„Ist das genauso schnell wie die Eisenbahn?“

Ich glaube nicht, aber wie soll ich das jemandem erklären, für den der (relativ langsame) Zug das Maximum an Teufelstechnik darstellt? „Ein bisschen schneller. Aber es macht nicht so viel Spaß, man hat nicht so viel Platz, man ist auf seinem Sitz eingepfercht. Zugfahren ist wirklich viel besser“, versuche ich ihn zu beruhigen.

Am Blick merke ich, dass er sich das alles nicht vorstellen kann. Und mir wird klar, dass ich es nicht nur mit Leuten zu tun habe, die Technik ablehnen, sondern die auch Informationen über Technik ablehnen. Wer keinen Fernseher hat und keine Magazine durchblättert, woher soll der wissen, wie ein Flugzeug von innen aussieht?

Ein anderes Problem mit der Technik haben zwei mittelalte Kanadierinnen, die jetzt in die Glaskuppel kommen: „Ich krieg hier noch die Krise, hier gibt es auch keinen Empfang!“ „Und seit gestern kein Internet, ich weiß gar nicht, wie es meinen Hunden geht.“ „Wo ist denn der nächste Halt, wo wir telefonieren können?“ „Nie mehr bin ich so blöd, mit dem Zug zu fahren! So eine Scheißidee.“

Wir haben es mal wieder mit jenen Menschen zu tun, die die Eisenbahn für alles kritisieren, was gar nichts mit ihr zu tun hat. Wenn man mit dem Auto durch unbewohnte Teile Kanadas fährt, hat man auch keinen Handyempfang. Eine Bekannte aus Winnipeg hatte mir gesagt, dass sie nie mit dem Zug reisen könne, weil sie klaustrophobisch sei. Ich fragte sie, wie groß ihr Auto denn ist oder ob sie allein in einem Frachtjumbo fliegen würde, aber sie kapierte es nicht. Wenigstens gibt es in Kanada nicht die ganzen Verspätungsbeschwerer wie bei der Deutschen Bahn, die dann lieber Stunden im Stau stehen.

Ähnlich absurd sind die Argumente derjenigen, die irgendwie rechtfertigen wollen, warum Kanadier weniger Zug fahren als Menschen in anderen Ländern. „Kanada ist so groß“ ist die Standarderklärung/-ausrede für alles. Russland ist auch groß, und dort ist nicht nur die bekannte Trans-Sibirische Eisenbahn ein gängiges Transportmittel. In Kanada ist die Bevölkerung sogar noch viel konzentrierter auf einige Ballungsräume, alle innerhalb eines Korridors entlang der Grenze mit den USA, was den Zugverkehr effizienter und ökonomischer machen sollte. Außerdem, nur weil ein Land groß ist, bedeutet das nicht, dass jeder Passagier bei jeder Fahrt bis zum Nordpol will.

zugefrorerner See.JPG

„Kanada hat nicht genug Menschen“ ist das nächste schwache Argument. Naja, es sind 37 Millionen und damit nicht weniger als in Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, Rumänien oder Montenegro, wo der Zug überall öfter als zweimal in der Woche fährt.

Nein, es ist wohl die Individualisierungsideologie, die sich gemeinschaftlichen Lösungen verweigert. Die nordamerikanischen Ureinwohner mit ihrem kommunitären Gesellschaftsmodell hingegen hätten ganz sicher Eisenbahnen gebaut.

Zwei Jungs, die im gleichen Waggon wie ich fahren, stellen sich vor: Chance und Curtis. Sie haben sich erst im Zug getroffen, fahren aber beide die gesamte Strecke von Vancouver nach Toronto ohne Unterbrechung. „Hut ab“, möchte ich da sagen, aber keiner von ihnen wird während der gesamten Fahrt seine Baseballkappe auch nur eine Sekunde abnehmen.

Curtis ist Nuklearphysiker und arbeitet an einem Forschungsinstitut an Dingen, die ich nicht verstehe. Seine sehr klobigen Koffer machen mir etwas Sorgen. Vielleicht ist er ein Plutoniumkurier?

Chance ist Schauspieler (er spielte Phil in der Serie The Switch), Sozialarbeiter und Drehbuchautor. „Oje, nicht schon wieder ein Drehbuchautor“, denke ich nach der Erfahrung mit Benjamin aus Teil 2 dieser Zugreise. Fährt der ganze Zug denn nur, damit Autoren sich mit Passagieren unterhalten, um daraus Artikel und Drehbücher zu schreiben, ohne zu merken, dass ihr Gegenüber den Zug aus genau dem gleichen Grund genommen hat? Vielleicht sind wir alle gar nicht so kreativ, wie wir glauben.

Als ich wieder in die Glaskuppel gehe, bemerke ich, dass diejenige der beiden Kanadierinnen, die nicht ganz so verrückt nach Handyempfang ist, eine andere Obsession hat: Sie hat sich vom Personal einen Reinigungsspray und Papiertücher geben lassen und putzt die Fenster. „Diese Jugendlichen auf Schulausflug haben ihre ungewaschenen Haare an die Scheiben gedrückt“, erklärt sie ihre Aktion.

Anscheinend steigert die Putzaktion tatsächlich den Durchblick, denn ein Mennonit ruft mir zu: „Siegscht den bald eagle da obn?“ Den Weißkopfadler hätte ich zwar nicht erkannt, aber ich sehe einen Punkt in der Ferne des Firmaments. Die Augen bleiben also wirklich besser, wenn man nie auf Monitore starrt. „Das muss ein junger sein, denn mit drei Jahren verändern sie die Farbe“, fügt er zoologisch versiert an.

Überhaupt ist es beeindruckend, was die Mennoniten über die Natur wissen. Ökos sind sie allerdings nicht. Ihr Verhältnis zur Natur ist eher eines der Nutzbarmachung, ganz gemäß der Anweisung im ersten Buch Mose 1:28, sich die Erde untertan zu machen. Die folgende Geschichte illustriert das ganz gut:

„Der Biber ist ein schlaues Tier. Wir hatten mal einen Biber auf der Farm, der einen großen Baum für den Dammbau benötigte und ihn gerade so weit angenagt hatte, dass der Baum nicht umfiel. ‚Warum nagt er nicht weiter?‘ fragten wir uns, bis wir merkten, dass er Nordwind benötigte, damit der Baum in die gewünschte Richtung fiel. Nordwind ist selten bei uns. Also hat der Biber sechs Wochen gewartet, bis der Wind aus der gewünschten Richtung kam. Und genau an dem Tag hat er den Baum gefällt.“

„Wow!“ entfährt es mir, sowohl aus Bewunderung für den Biber als auch für die Gabe, so etwas zu beobachten. Wir Zivilisationsmenschen würden gar nicht verstehen, was der Biber vorhat.

„Der Damm ist so geschickt konstruiert, alle Bäume und Äste sind engstens miteinander verhakt, den bekommst du mit der Hand nicht mehr auseinander,“ fährt der Landwirt fort, „also haben wir ihn mit Dynamit gesprengt.“

„Die ganzen Fische waren dann auch tot“, erinnert sich sein Kollege.

Die Aufsicht über Nationalparks sollte man den Mennoniten besser nicht übertragen. Und eigentlich sind sie auch ganz normale Wachstumsjünger, wohl in Befolgung der oben zitierten Stelle aus dem ersten Buch Mose, die auch zu Fruchtbarkeit und Vermehrung auffordert. Einer der Mennoniten erzählt mir, dass er jetzt in einem Dorf mit 40 Einwohnern lebe, aber aus einem Dorf mit etwa 100 Einwohnern stamme. Wenn die Gemeinde zu groß wird, muss sie sich teilen, weil das Land sie nicht mehr ernähren kann.

Ich halte das zwar für die falsche Antwort auf weltwirtschaftliche Wachstumsprobleme, aber heute will ich mal zuhören. Mich interessiert, wie entschieden wird, wer bleibt und wer weiterzieht. „Es ist ein bisschen Zufall,“ antwortet er vage, „aber auf jeden Fall müssen Junge und Alte darunter sein.“ Die Mennoniten profitieren von der Landflucht, so werden immer wieder Höfe und im besten Fall ganze Dörfer frei, die man kaufen kann. Wenn die Kanadier in die Stadt ziehen wollen und ein Dorf aufgeben, kommen die Mennoniten mit ihrem Pferdewagen und einem Sack, in dem 8 Millionen Dollar Bargeld stecken. Das Geld konnten sie locker ansparen, weil sie nie in ihrem Leben ein Apple-Produkt gekauft haben. (So finanziere ich übrigens auch mein Leben.)

Auf dieser Fahrt treffen sich die Extreme, und ich bin mittendrin. „Wo sind wir überhaupt?“ kreischt eine der Frauen, wie wenn der Zug sie entführen wollte. Die Mennonitenmänner blättern in einem sehr zerfledderten Straßenatlas und erklären, dass wir bald nach Sioux Lookout kämen. Wie sie das in der flachen Prärie, wo alles gleich aussieht, bestimmen können, verstehe selbst ich Superpfadfinder nicht. Vielleicht erkannten sie das verlassene Sägewerk, das gerade vorbeigezogen ist. „Hoffentlich funktioniert dort das Telefon“, ist der einzige Gedanke der Handyfrau.

Nach Sioux Lookout wird die Landschaft interessanter als in der Prärie. Es ist noch immer relativ flach, aber bewaldet und mit Seen. Der Zug fährt keine langweilige Gerade mehr, sondern schlängelt sich durch Birken-, Fichten- und Tannenwälder.

Wald Schnee Taiga.JPG

„Des schaut aus, wie wenn’s forest fires ghat hätt“, weist mich einer der Mennoniten auf die verbrannte Erde hin, aus der jedoch schon wieder putzige grüne Bäumchen sprießen und den Kreislauf der Natur von vorne beginnen.

Es ist kein Zufall, dass gerade der Wald neben der Bahnlinie abgebrannt ist. Funken aus der Dampflok, Funkenflug von den Bremsscheiben und aus dem Fenster geworfene Zigarrenstummel, kleine Ursache, große Wirkung. Das Rauchen ist übrigens verboten. Die Schaffnerin scheint eine feine Nase zu haben, denn immer wieder ruft sie durch die Toilettentür und erinnert an das Verbot. Die Ertappten kommen dann erst nach 15 Minuten raus, weil sie das Kabuff von Asche und Gestank reinigen müssen, und streiten den Tabakkonsum natürlich ab. Manchmal habe sie auch schon Leute aus dem Zug geworfen, erzählt sie. Ich lasse mir anmerken, dass ich das ziemlich hart finde, und sie erklärt: „Hey, das Rauchverbot ist nicht irgendeine Regelung der Zuggesellschaft, sondern ein Bundesgesetz.“ Na gut, aber die meisten der Ortschaften, in denen wir halten, sind so klein, dass es dort nicht einmal ein Hotel gibt. Wer da rausfliegt, wird vom Bären gefressen.

Später, als sie wegen der Nähe eines Ortes tatsächlich mal Empfang hat, zeigt die Mobilfunkfetischistin einem Mennoniten stolz ihr Telefon: „Sehen Sie, der Punkt hier zeigt unseren Zug an. So weiß das I-Phone immer, wo wir sind.“ Naja, immer ist übertrieben, wie wir gesehen haben. Und als der Kollege Technikbanause fragt „Können Sie mir dann Bescheid geben, wenn wir an der Farm vom Wiebe vorbeikommen?“, ist sie platt wie ein platter Reifen in Plattdeutschland.

„Gerade hatte ich zwei Balken, jetzt habe ich nur mehr einen“, ruft die Telefontussi, nennen wir sie Tiffany, ganz entsetzt. Es ist ihre erste große Reise. Sie kann umsonst mit der Bahn fahren, denn ihr verstorbener Mann war dort angestellt. Das hätte sie zwar schon seit 30 Jahren machen können, aber bisher hat sie nur gearbeitet (eine typisch kanadische Krankheit, insofern passen die Mennoniten gut in das Land). Ihr Mann selbst sei übrigens nie Zug gefahren, weil er Angst hatte, dass der Zug entgleisen würde. „Ich weiß, in welch schlechten Zustand die Strecke ist, das tue ich mir nicht an“, soll er immer wieder gesagt haben, bis er starb, wahrscheinlich bei einem Autounfall.

Die Putzfrau, nennen wir sie Pamela, will mir unbedingt ihre Lebensgeschichte erzählen. Sie hat erst mit 45 geheiratet, zwei Tage nach der Hochzeit zog der Mann von Ontario nach Alberta, sie gab ihren Job als Mikrobiologin auf, fand nur Arbeit auf dem Golfplatz, musste eine Hypothek aufnehmen. Nach fünf Jahren Ehe stellte sich heraus, dass ihr Mann schwul ist. Anstatt über die verlorenen fünf Jahre ärgert sie sich immer wieder über die gemeinsamen Schulden, die zu begleichen müssen sie glaubt. „Ich könnte in der Jerry-Springer-Show auftreten“, schätzt sie sich richtig ein.

Dazwischen zeigt sie mir unendlich Fotos von Hunden und Katzen auf ihrem Handy (das funktioniert leider auch ohne Netz). Als sie mir das Foto des abgetrennten Fußes ihres zuckerkranken Vaters zeigen will, stehe ich auf und kann mich nur dadurch retten, dass ich die Mennoniten frech frage, was in dem riesigen Plastikkanister ist, den sie herumreichen. Es sind selbstgemachte Kartoffelchips, so weit haben sich die Einwanderer aus deutschsprachigen Landen dann doch amerikanisiert.

Mennoniten Chipstüte.JPG

Einer der älteren Mennoniten wendet sich nun an die Frau mit dem dramatischen Leben: „Sie sind aus Alberta und haben Hunde? Dann kennen Sie vielleicht die Victoria Bond.“

„‚Ähm, nein.“

„Die wohnt auch in Alberta.“

„Wo in Alberta?“

„Das weiß ich nicht. Aber sie hat zwei Hunde, und ich dachte, man kennt sich dann vielleicht.“

Zur Erklärung sei angefügt, dass die Provinz Alberta über 660.000 km2 groß ist. Das ist so groß wie Deutschland und Italien zusammen.

Es ist noch früh am Morgen, aber ich muss mir schon wieder heimlich Notizen machen, sonst kann ich mir all die Kuriositäten nicht merken. Also verziehe ich mich in den Speisewagen, wohin die Mennoniten auf keinen Fall gehen. Sie sind autark. Wahrscheinlich haben die Hühner in den Holzkisten sogar frische Eier gelegt.

Beim Frühstück lerne ich Richard kennen, der sein Fahrrad mit in den Zug gebracht hat, damit er in Toronto umweltfreundlich durch den Regen radeln kann. Der Transport kostet nur 20 $ extra, das ist für eine Strecke von fast 2.000 km akzeptabel.

Ansonsten fährt Richard umsonst, denn er ist ein ehemaliger Schaffner, der sich damit ein lebenslanges Fahrtrecht erworben hat. Er erzählt, dass die Strecke früher am Lake Superior entlang führte und landschaftlich viel schöner war. Aber jetzt sei es wichtiger, dort den ganzen Krimskrams aus China so schnell wie möglich nach Toronto zu transportieren.

Und noch etwas weiß Richard: den Grund für die fünf Stunden Verspätung in Winnipeg. „Gestern Abend unterhielt ich mich hier mit einem älteren Herrn. Naja, unterhalten ist vielleicht das falsche Wort, das Gespräch war sehr einseitig. Vielleicht hatte er Demenz, jedenfalls sprach er kaum. Am nächsten Morgen war er tot. In Saskatoon kamen dann der Leichenbeschauer und der Sheriff an Bord, deshalb die Verspätung.“ Ich hoffe nur, die haben den Toten mitgenommen, anstatt ihn im Kühlfach zu deponieren, aus dem mein Frühstücksspeck kam.

Ein älteres Paar setzt sich an den Tisch, vielleicht angelockt vom morbiden Gesprächsthema. Auch sie sind aus Winnipeg. Als ich erzähle, dass ich gerade für zehn Tage dort war, können sie es gar nicht fassen. „Zehn Tage in Winnipeg, was macht man denn da so lange?“ Das ist etwas, das mir auf Reisen immer wieder begegnet: Die interessantesten und sympathischsten Städte werden vollkommen unterschätzt, selbst von den Menschen, die dort leben. Ich hätte Monate in Winnipeg verbringen können, ohne dass mir langweilig geworden wäre. Aber dazu gibt es mal einen gesonderten Artikel, falls Interesse besteht.

Vor Hornepayne müssen wir auf freier Strecke etwa 90 Minuten warten, „weil zu viele Züge im Bahnhof sind“. Das sind die langen Frachtzüge, mit denen Erdöl durchs Land gefahren wird, das zuerst exportiert, im Ausland raffiniert und dann als Benzin importiert wird, um all die Autos von den Leuten zu betreiben, die nicht Zug fahren wollen. Sehr effizient, so eine Marktwirtschaft.

Netterweise öffnen die Schaffner die Türen, so dass wir uns ein wenig die Beine vertreten können, wenn auch nicht sehr weit, weil gleich neben dem Gleis ein Bach verläuft und das Eis darüber nicht mehr trägt.

Mennoniten neben Zug.JPG

Irgendwann erreichen wir dann doch Hornepayne. Ein Ort mit 1000 Einwohnern, aber diejenigen, die dringend belanglos telefonieren wollen, sind im siebten Himmel. Während des Aufenthalts, der gerade so knapp bemessen ist, dass man zum Supermarkt und zurück laufen kann, gibt es anscheinend einen Vorfall, dass ein Mann auf die Lok klettern will und von der Zugbegleiterin entdeckt und verscheucht wird. Ich selbst sehe nichts, aber die Neuigkeit verbreitet sich in der nachrichtenarmen Gegend wie ein gefährlicher Waldbrand.

Hornepayne2Hornepayne3

Mittlerweile haben sich Chance, Curtis, Tiffany und Pamela bekannt gemacht und diskutieren heftigst, wozu sie sich leider den Panoramawagen ausgesucht haben. Die Damen schimpfen, dass niemand mehr arbeite (was nicht stimmt), weil jeder Sozialhilfe und kostenlose Häuser bekäme (was nicht stimmt), dass man die Ureinwohner besser behandeln müsse, obwohl man selbst sie doch nicht ausgerottet hat (wobei zumindest letzteres zumindest hoffentlich stimmt, aber die andauernden Folgen der Entrechtung übersieht), dass niemand an die Ölindustrie und die Landwirtschaft denke (was in Kanada nun wirklich nicht stimmt), und dass sie bessere öffentliche Dienstleistungen sowie niedrigere Steuern wollen (was unlogisch ist). Mit einem Satz, sie sind typische Leute aus Alberta.

Die Jungs bestreiten jeden einzelnen Punkt, relativ fundiert, aber etwas übereifrig und ein bisschen schnell persönlich werdend. Sie finden, dass Umweltschutz wichtiger ist als Erdöl, dass Steuern nichts Schlechtes sind, dass insbesondere reiche Unternehmen ein bisschen mehr zahlen können (wofür sie als Sozialisten gebrandmarkt werden), und dass postkoloniale Gesellschaften eine Verpflichtung gegenüber den einst Kolonialisierten haben (ich finde die Argumentation zu ethnisch-kulturell und zu wenig sozio-ökonomisch). Mit einem Satz, sie sind tyische Kanadier, die nicht aus Alberta sind.

Es ist so, wie wenn überzeichnete Charaktere einen politischen Streit auf Twitter nachspielen. Sinn ergibt das alles nicht, aber dafür sind sie umso lauter, während die Mennoniten und ich einfach nur die Landschaft von Ontario bewundern wollen. „Weiße können sagen, was sie wollen, immer werden sie als Rassisten bezeichnet“, ereifert sich Tiffany. Das ist nun wirklich Unsinn und zudem ein sicheres Zeichen, dass in den nächsten Minuten rassistische Äußerungen folgen werden.

Da stehe ich lieber schnell auf und begebe mich zum Mittagessen, wo ich wieder auf Richard treffe, der anscheinend im Speisewagen wohnt. (Vielleicht hat er dafür auch ein Gratisticket.) „Hast du von dem Typen, der auf die Lok geklettert ist, gehört?“ begrüßt er mich.

„Was war denn da los?“ frage ich, voller Hoffnung auf mehr Details.

„Ich habe keine Ahnung, was der wollte. Die Schaffnerin hat ihn heruntergezogen, dann ist er weggerannt. Gut, dass sie ihn entdeckt hat, bevor der Zug anfuhr. Das kann echt gefährlich werden!“

Haube im Panoramawagen.JPG

Sogar der älteste der Mennoniten war noch nie weiter westlich als Winnipeg. In seinem ganzen Leben. Dafür macht er sich Sorgen, ob er noch arbeiten kann, weil er ein Knie aus Metall hat und mit zwei Stöcken durch den Zug geht. „Mit den Pferden werde ich wohl nicht mehr arbeiten können, weil ich nicht mehr rechtzeitig aus dem Weg springen kann. Vielleicht kann ich noch Bienenstöcke zimmern.“ Daher hat Max Weber also die Theorie von der protestantischen Arbeitsethik.

Jemand wie ich, mit dem Berufswunsch Landstreicher, wäre da schnell geächtet. So antworte ich auf die unausweichliche Frage nach meinem Beruf nicht wahrheitsgemäß, dass ich Geschichte studiere, um die Welt bummele und auf Katzen aufpasse, sondern rekurriere auf den zuletzt vor zehn Jahren ausgeübten Beruf als Rechtsanwalt.

„Mit welcher Spezialisierung?“ fragt mich der Schweizerisch sprechende Mennonit.

„Familienrecht, also Scheidungen und Streitigkeiten um Kinder.“

„Das ist einfach,“ antwortet er, „da ist immer der andere schuld!“ Er ist echt der lustigste in der Truppe. Zu Scheidungen sagt er nur: „Wir machen das nicht. Das ist ein starker Punkt bei den Mennoniten.“ Ich würde das eher anders beurteilen, aber ich habe den Eindruck, dass er selbst merkt, dass man dadurch Probleme nur ignoriert, aber nicht löst.

Wahrscheinlich brauchen die Mennoniten gar keine Anwälte. Denn sie sind so überzeugte Pazifisten, dass sie nicht einmal jemanden verklagen, sondern einfach aufs Jüngste Gericht hoffen. Tragischerweise trug die Kombination aus deutscher Abstammung und Pazifismus dazu bei, dass die Mennoniten während des Ersten und Zweiten Weltkriegs in Kanada als Vaterlandsverräter angesehen wurden. Von den Männern wurden etliche interniert oder zur Zwangsarbeit verurteilt. (Mehr dazu in meinem Artikel über deutsche Einwanderer in Nordamerika.)

Selbst spät am Abend streiten sich die jungen Linken und die alten Rechten noch bitter. Jetzt sind sie tief in der Rassismusdiskussion. Während vier Weiße heftigst über Rassismus diskutieren, sitzt zwei Reihen weiter ein junger Schwarzer, der sich wahrscheinlich denkt „Was wisst Ihr denn schon?“ oder nur inständig hofft, nicht in diese verfahrene Diskussion verwickelt zu werden.

Abendrot.JPG

In der Nacht rast der Zug, wie wenn er glaubt, die enorme Verspätung aufholen zu können. Ich träume, dass ich Freunde in ihrem Haus am Meer besuche, das wackelt und quietscht wie der Zug. „Das ist der Wind“, sagen sie, und im Traum kann ich vor Angst nicht schlafen.

Am nächsten Morgen verschlafe ich den Sonnenaufgang. Die Landschaft hat sich verändert. Überall sind kleine Seen, fast Moore, Ausläufer der Georgian Bay.

Moor1Moor2

Ich frage die Mennonitenherren ungläubig, ob sie in dem Rumpelzug überhaupt schlafen konnten. „Ja, klar“, antworten sie, wie wenn die Frage sie verwundert.

Chance und Curtis unterhalten sich jetzt auch über den mysteriösen Trittbrettfahrer: „Der Typ wollte wohl kostenlos mitfahren und sich zwischen den Waggons verstecken.“ „Krass, das wird doch eiskalt in der Nacht.“ „Vielleicht musste er nur bis zur nächsten Stadt.“ „Tja, der nächste Zug kommt in drei Tagen, dann kann er es nochmal versuchen.“

Das hört sich so an, wie wenn schon wieder eine Abenteurerkarriere, wahrscheinlich inspiriert durch meinen Blog, in den Anfängen gestoppt wurde. Schade.

Jetzt löst sich auch das Rätsel von Curtis‘ Atombombenkoffer: Er ist einfach nur genauso altmodisch wie ich und schleppt einen Riesenvorrat an Büchern aus Papier durch die Gegend.

Bei den Mennoniten hätte ich mir die Frage eigentlich sparen können, aber ich habe dann doch eruiert, ob sie mal nach Europa kommen wollen. Alle verneinen diese Frage, und ich habe den Eindruck, wie wenn sie noch nie darüber nachgedacht haben, weil das einfach keine Option darstellt. In diesem Zusammenhang erwähnen sie dann immer, dass sie in der Schweiz verfolgt wurden und deshalb fliehen mussten. Wissen sie nicht, was sich seither verändert hat? Vielleicht haben sie tatsächlich keine Vorstellung des aktuellen Europa, denn als einer von ihnen hört, dass ich aus Deutschland bin, fragt er mich: „Kennst du den Erwin aus Braunschweig?“

Aber auch ich kann dumme Fragen stellen: „Habt Ihr eine eigene Radiostation auf Deutsch?“

„Wir haben keinen Radio oder Fernseher in unseren Häusern.“ Oh, dann muss ich nach Internet oder Telefon gar nicht fragen.

Nach Autos frage ich aber doch.

„Nein, wir haben keine Autos.“

„Aber gestern hat der Kollege den Traktor erwähnt“, werfe ich ein.

„Ja, in deren Gemeinde machen die das anders“, sagt er traurig. „Wir haben nur Pferdekutschen.“ Das Wort Gottes ist so unklar, dass es in jedem Dorf anders ausgelegt wird.

Währenddessen halte ich eines der Bücher in der Hand, das ich mir für die Zugreise mitgenommen habe: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert von Yuval Harari. Es handelt von Biotechnologie, Algorithmen, der Kontrolle über Daten. Und plötzlich beneide ich den bärtigen Mann mit seinen schmutzigen Fingern neben mir, denn er hat die Lösung für vieles schon gefunden. Stress hat er auch keinen. Jetzt verstehe ich, wieso er nachts so gut schlafen kann.

Im unbeheizten Glashaus, in dem sich die Leute jetzt gegenseitig Steine an den Kopf werfen, ist es eigentlich eisig kalt, aber die Diskussion ist mir zu hitzig und vor allem zu unergiebig. Man nimmt diesen Zug doch nur einmal im Leben, kruzifix nochmal, müssen einem die Leute da wirklich die Fahrt mit den ewig gleichen Diskussionen vermiesen, die man auch anderswo schon hundertmal gehört hat?

Was sehr angenehm an den Mennoniten ist, dass sie sich so unterhalten können, dass nicht der ganze Zug alles hört; ein Talent, das sie an die kanadischen Passagiere weitergeben sollten. Die denken nämlich, dass ihr Unsinn alle interessiert.

Es tut mir leid für Euch, dass es aus Ontario keine weiteren Fotos mehr gibt, aber ich kann es im Obergeschoss echt nicht mehr aushalten und ziehe mich auf meinen Sitzplatz zurück. Ich muss sowieso noch Schlaf nachholen.

Aber schon nach etwa einer Stunde, ich kann mein Unglück kaum glauben, kommen die beiden Jungs herunter und setzen sich genau neben meinen Platz, um die Diskussion fortzuführen, die oben anscheinend eskaliert ist. Das wundert mich nicht, denn insbesondere Chance ist viel zu aggressiv, als dass man auf einen grünen Zweig kommen könnte. Und beide überbetonen den Generationenkonflikt. Sie betrachten die beiden Frauen als Repräsentanten einer Elterngeneration, mit der sie schlechte Erfahrungen gemacht haben. Und die Frauen denken, dass sie mehr vom Leben verstehen, weil sie geschieden oder verwitwet sind.

Sie kommen aus vollkommen unterschiedlichen Denkschulen und wenn sie volle Kanne aufeinander losdiskutieren, kann dabei nichts rauskommen. Dabei hat mir Chance gestern vom Aufwachsen in einer Pflegefamilie, von Drogen, Obdachlosigkeit und seiner Geschlechtsumwandlung erzählt. Er hätte eigentlich viel gemeinsam mit der Frau aus der Jerry-Springer-Show; viel, worüber sich Verständnis und Empathie aufbauen ließe.

Es stimmt schon, die Frauen haben etwas komische Ansichten, und über strukturellen Rassismus haben sie noch nie nachgedacht. Aber man kann das auch schonender und sanfter erklären. Oder durch Fragen zum Nachdenken anregen. Ich kann mich ja auch mit den Mennoniten respektvoll unterhalten, obwohl ich Atheist und gegen Arbeit bin. Auf einer Zugfahrt höre ich lieber zu, als dass ich doziere.

Diese Leute, die sich gegenseitig anschreien und beleidigen, die kommen nach ein paar Tagen und Tausenden von Kilometern mit genau der gleichen Meinung nach Hause. Bei mir ändert sich immer etwas. Nach jeder Reise bin ich anders als zuvor.

Als ich mal wieder auf die Schaffnerin treffe, frage ich nach dem Mann, der auf den Zug springen wollte. „Ach, der wollte nur ein Selfie vor der Lokomotive machen. Aber wenn diese Geschichten durch den Zug wandern, dann verändern sie sich immer.“ Gut, dass Ihr mich auf diese Reise geschickt habt, der alles verifiziert, lieber dreimal nachfragt und akribisch recherchiert.

Dummerweise ist diese Arbeit anstrengend, und ich schlafe wieder ein und verpasse den Ausstieg der Mennonitenfreunde. Schade. Allerdings wäre mein Traum, dass sie mich einladen, mit in ihr Dorf zu kommen und ein internetfreies Leben zu führen, wohl sowieso nicht in Erfüllung gegangen. Wer einen Adler in drei Kilometern Höhe sieht, erkennt auch auf den ersten Blick, dass ich über keinerlei landwirtschaftlich oder handwerklich verwertbaren Fähigkeiten verfüge.

Mennonitenjunge

Außerdem sind sie, trotz der persönlichen Freundlichkeit, wohl doch nicht so am Kontakt interessiert. Euch wird aufgefallen sein, dass ich von keinem der Mennoniten den Namen erfuhr (außer von Tommy und Gary von der Bärenjagd; vielleicht weil sie annahmen, ich kenne die Herren). Das ist insbesondere in Nordamerika frappierend, wo einem sonst jeder Fremde innerhalb von 30 Sekunden die Hand entgegenstreckt und sich vorstellt: „Hallo, ich bin Tim, lass mich dir von meinem Leben erzählen und dich sogleich zum Grillen einladen.“ Die Mennoniten sind eher schüchtern und zurückhaltend, auch hier stehe ich ihnen mentalitätsmäßig näher.

Mennonitenmädchen.JPG

Und noch etwas fällt auf: In den gesamten beiden Tagen habe ich mit keiner der Mennonitenfrauen gesprochen. Manchmal habe ich sie gegrüßt, dann haben sie scheu gelächelt, das war’s. Dabei waren die jüngeren Damen sichtlich neugierig auf den mysteriösen Fremden, der wie einer der Schauspieler aussieht, den sie im Fernseher, den sie nicht haben, noch nie gesehen haben. Die Frauen saßen nicht immer abseits von den Männern, aber nie sagte eine von ihnen etwas in meiner Gegenwart. Der erste Korintherbrief 14:34-35 wird anscheinend streng befolgt. Wenn ich die Männer näher kennenlernen würde, käme ich vielleicht darauf, dass sie doch keine sympathischen Käuze, sondern religiöse Fundamentalisten sind. Fundamentalisten, die wir, wenn ihr Buch anders als die Bibel hieße, als eine Gefahr für die Gesellschaft und insbesondere für die so erzogenen Kinder wahrnehmen würden. Dann wäre auch der Aufschrei größer, wenn erwachsene Frauen nicht lesen und schreiben können.

Am Ende kommen wir sogar zwei Stunden früher als geplant in Toronto an. Zwei Stunden früher ankommen trotz Abfahrt mit fünf Stunden Verspätung, das ergibt einen Nettozugewinn an Lebenszeit von sieben Stunden. Das soll die Deutsche Bahn oder die ÖBB mal nachmachen.

Ich hatte den Zug gewählt, weil ich Berge und Seen, Flüsse und Städte, Schnee- und Felsmassen vorbeiziehen sehen wollte, weil ich einen geographischen Überblick über dieses unhandliche Land gewinnen wollte. Aber am Ende waren es die Menschen und ihre Geschichten, die im Gedächtnis bleiben, die die Reise belebt haben und die mich jederzeit wieder den Zug wählen lassen würden.

Andreas Moser on The Canadian before Toronto.JPG

Nach 4466 km fühle ich mich überraschend frisch und erholt. Jetzt bin ich bereit für die Weltreise mit dem Zug!

Praktische Hinweise:

  • Alle Informationen, Fahrpläne und Buchungsmöglichkeiten gibt es bei Via Rail.
  • Im Sommer fährt der Zug dreimal, im Winter zweimal pro Woche.
  • Wenn Ihr flexibel seid, versucht verschiedene Daten, denn die Preisunterschiede sind enorm. Im Sommer ist der Zug angeblich ziemlich ausgebucht, und ab 1. Juni werden die Preise verdoppelt, wie mich ein Schaffner vorgewarnt hat. Die gesamte Strecke von Vancouver nach Toronto gibt es in der Nebensaison ab 466 $ (= 300 €).
  • Ich konnte den Fahrschein nicht mit meiner europäischen Kreditkarte buchen und musste deshalb ins Reisebüro gehen. In der Nebensaison kann man aber aber auch am Abfahrtstag noch problemlos Tickets am Bahnhof kaufen.
  • Unbedingt mitnehmen: Ein Buch, eine Decke für die Nacht, Hausschuhe.
  • Internet gibt es nur an den großen Bahnhöfen. (Ich fand die Internetfreiheit übrigens super. Dadurch waren die Leute viel kommunikativer.) Steckdosen gibt es an jedem Platz.
  • Ein Tipp für absolute Sparfüchse: Der Wasserhahn im Bad ist hoch genug, um mitgebrachte Wasserflaschen aufzufüllen. So müsst Ihr an Bord nichts für Getränke ausgeben. Und wer noch mehr sparen will, findet sicher eine leere Plastikflasche im Mülleimer des Abfahrtsbahnhofes. – Wie ich immer sage, Reisen muss nicht teuer sein.
  • Das Essen im Zug ist relativ preiswert (hier die Speisekarte), aber wer wirklich sparen will, bringt natürlich alles mit. Kochendes Wasser gibt es kostenlos, so dass man sich Tee und Suppen zubereiten kann.
  • Plant ein paar Stunden Verspätung ein. Auf keinen Fall einen knappen Anschlussflug buchen.

Links:

Werbeanzeigen
Veröffentlicht unter Christentum, Fotografie, Kanada, Reisen, Religion, Sprache, Technik | Verschlagwortet mit , , | 9 Kommentare

Brexit und die Europawahl

Langsam könnte man fast zu dem Verdacht gelangen, dass aus diesem Brexit nichts mehr wird.

Denn drei Jahre, nachdem sich eine knappe Mehrheit der Briten in einem Referendum vorgeblich gegen die Beteiligung anderer Europäer am politischen Entscheidungsprozess ausgesprochen hat (und damit auch gegen den Einfluss der Briten auf europäische Entscheidungsprozesse, aber ich habe den Eindruck, dass niemand so weit gedacht hatte), kann ich als europäischer Nichtbrite noch immer in Großbritannien wählen:

voter registration.JPG

Obwohl die Brexit-Befürworter die Europäische Union oft als „undemokratisch“ brandmarken, kann ich jetzt einen britischen Abgeordneten für das Europäische Parlament wählen. Man kann sogar behaupten, dass diese Wahl demokratischer ist als die zum britischen Unterhaus, geschweige denn die zum englischen Parlament, weil bei der Europawahl das Verhältniswahlrecht angewendet wird. Oh, wartet mal, es gibt ja gar kein englisches Parlament. Denn komischerweise haben nur Wales, Schottland und Nordirland Parlamente. Obwohl, das nordirische Abgeordnetenhaus ist jetzt auch schon seit zwei Jahren suspendiert und Nordirland wird wieder direkt aus Westminster regiert, etwa so wie Indien bis 1947.

Und wenn wir schon beim Thema Demokratie sind: Die EU hat weder einen ungewählten Monarchen, noch ein Oberhaus, in dem neben anderen Überbleibseln aus vergangenen Jahrhunderten 26 Bischöfe sitzen, die von der Kirche ernannt werden. (Aber nur englische Bischöfe, keine walisischen, schottischen oder nordirischen! Allerdings dürfen die Bischöfe aus allen vier Nationen an der Europawahl teilnehmen.)

Mein Vorschlag für einen Kompromiss aus der Brexit-Sackgasse ist folgender: Das Vereinigte Königreich verbleibt in der Europäischen Union, aber die EU übernimmt Teile des politischen Systems dieser leicht schrulligen Insel. Es wirkt zwar manchmal ein bisschen dysfunktional, aber auf jeden Fall wäre es lustig.

Links:

Veröffentlicht unter Europa, Großbritannien, Politik, Verfassungsrecht | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

„Splendid Isolation“

Dieses Haus in Newquay ist ein gutes Symbol dafür, wie sich Großbritannien in Europa sieht.

Splendid Isolation.JPG

Wahrscheinlich glaubt das Haus sogar, es sei autark, während es natürlich vom Handel und der Kooperation mit dem Festland abhängt.

Im 19. Jahrhundert wurde für die britische Insellage und die daraus resultierende Außenpolitik, die sich aus Europa weitgehend heraushielt, der Begriff „splendid isolation“ (wunderbare Isolation) geprägt.

Manchmal trägt die selbstauferlegte Isolation aber eher sonder- anstatt wunderbare Blüten, vor allem in der Brexit-Debatte. Im Cornish Guardian fragte letzte Woche ein Leserbrief, „wieso die Menschen in Cornwall so pessimistisch wegen des Brexit sind, wo wir doch auf so einem wunderbaren Flecken Erde leben?” Der Leser argumentierte, dass dies in Verbindug mit „angenehmen Klima“ und der Tatsache, dass „wir vom Meer umgeben sind“, Scharen von Besuchern anziehen und endlose Reichtümer bringen wird.

Das zeigt die ausschließlich nach innen gewandte Naivität, die Teile dieses Landes befallen hat. Niemand, schon gar nicht ich selbst, der ich die letzten zwei Wochen die Küsten Cornwalls abgewandert bin, würde bestreiten wollen, dass es hier wunderschön ist. Aber die Kombination von schöner Landschaft, angenehmen Klima und viel Wasser ist nun wirklich kein Alleinstellungsmerkmal in einer Europäischen Union, die so Länder wie Italien, Spanien, Griechenland, Frankreich, Portugal und Kroatien umfasst. Sogar Slowenien, Polen, Litauen, Lettland, Estland, Rumänien, Bulgarien, Deutschland und die Niederlande haben Küsten mit ziemlich viel Wasser, und auch dort scheint manchmal die Sonne. Wenn Urlauber unbedingt Englisch sprechen wollen, fliegen sie nach Malta oder nach Irland. Wieso die Anzahl der Besucher aus der EU gerade in das eine Land, in dem nach dem Brexit ihre Krankenversicherung nicht mehr gelten wird und das kostenfreie Roaming nicht mehr funktionieren wird, dramatisch steigen soll, erschließt sich mir nicht auf Anhieb.

Links:

Veröffentlicht unter Europa, Fotografie, Großbritannien, Politik, Reisen | Verschlagwortet mit , , | 2 Kommentare

Hochzeitsreise im Zug

Der junge Mann ging allein in den Speisewagen, denn seine Frau folgte der strengen Regel, nach 8 Uhr abends nichts mehr zu essen, und war, nachdem der Zug auf der langen Reise schon mehrere Zeitzonen durchfahren hatte, unsicher, welche davon nun für ihren Verdauungstrakt galt.

Da er nicht mehr gewohnt war, allein auszugehen, wählte der junge Mann einen Tisch, an dem bereits ein alter Mann saß, natürlich nicht ohne vorher um Erlaubnis gebeten zu haben. Die Erlaubnis wurde mit Freude erteilt, denn der alte Mann war es leid, allein zu speisen. Vielleicht war die Sehnsucht nach menschlicher Gesellschaft der wirkliche Grund für seine Entscheidung zum Abendessen gewesen, nicht die Lust auf Bier und Braten.

Wie immer in Zügen begann die Unterhaltung mit Fragen und Antworten über Herkunfts- und Zielorte. Der junge Mann tat stolz kund, dass die Reise Teil seiner Flitterwochen war. Der alte Mann schien einfach nur zum Spaß zu reisen, um ein paar Orte zu besuchen, an denen er vor Jahrzehnten gewesen war, und andere, die neu für ihn sein würden.

Der Vorteil des Alters brachte es mit sich, dass der alte Mann mehr – und bessere – Geschichten zu erzählen hatte. Er erinnerte sich an die Tage des Goldrauschs, und die Augen des jungen Mannes glänzten. Er sprach vom Krieg, und der junge Mann lauschte sehnsüchtig. Der alte Mann war eine Weile zur See gefahren, in der guten alten Zeit, bevor alles in Container gepackt wurde und als man in jedem Hafen von Salvador bis Cartagena, von Brindisi bis Haifa noch ein paar Tage an Land gehen konnte. „Oh, dorthin wollte ich schon immer mal“, entfuhr es dem jungen Mann wieder und wieder.

„Wohin führt Sie Ihre Hochzeitsreise denn als nächstes?“, fragte der alte Mann.

„Nun“, erklärte der junge Mann, „nach dieser Zugreise müssen wir gleich nach Hause fliegen. Sehen Sie, wir haben gerade eine Eigentumswohnung gekauft und wir müssen jetzt beide arbeiten, um das Darlehen abzubezahlen.“ Niemand von ihnen wollte dieses Thema vertiefen, und der alte Mann half mit Geschichten von Piraten und Walfischen und Versorgungsfahrten in die Antarktis aus.

Schließlich war es Zeit für den jungen Mann, aufzustehen und sich zu verabschieden: „Ich sollte mich um meine Frau kümmern. Sie mag es nicht, wenn ich zu lange weg bin.“

„Es war mir ein Vergnügen“, antwortete der alte Mann. „Nachdem wir uns ein klein wenig kennengelernt haben, möchte ich Sie nur bitten, eine Sache im Kopf zu behalten. Manchmal glauben wir, dass wir eine Verpflichtung gegenüber jemandem haben, weil wir etwas versprochen haben. Aber wir haben auch eine Pflicht zur Wahrheit und zur Aufrichtigkeit. Wir müssen nicht nur anderen gegenüber treu sein, sondern auch gegenüber unseren eigenen Träumen. Wenn wir eine Bindung aufrecht erhalten, obwohl wir wirklich etwas anderes wollen, verschwenden wir nicht nur unser eigenes Leben, sondern auch das der anderen Person.“ Und, nach einer kurzen Pause: „Aber Sie müssen jetzt gehen.“

Der junge Mann erschrak, denn er wusste, dass der alte Mann Recht hatte.

Auf dem kurzen Weg vom Speise- zum Schlafwagen versuchte der junge Mann, Gründe zu finden, die gegen das sprachen, was ihm durch den Kopf ging. Es fiel ihm nichts ein. Zu behaupten, dass ihn das wirklich gestört hätte, wäre falsch.

„Oh, Du siehst glücklich aus! Was ist los?“, begrüßte die Frischvermählte den jungen Mann.

„Ich freue mich einfach, Dich zu sehen“, log er, denn sie hatten noch drei Tage zusammen zu verbringen.

Licht in Kurve

Links:

  • Mehr Kurzgeschichten.
  • Mehr über Zugreisen.
  • Wenn Ihr in einer ähnlichen Situation seid – und wer ist das nicht? -, bietet meine TEDx-Rede vielleicht den notwendigen Motivationsschub.
  • Diese Geschichte geht zurück auf die Unterhaltung mit einem alten Mann aus Russland, den ich auf einer Zugfahrt in Kanada kennenlernte.
  • Read this story in English.
Veröffentlicht unter Leben, Reisen, Schreiben | Verschlagwortet mit , , | 2 Kommentare

Von Edmonton nach Winnipeg in einem Zug voll alter Männer

Im ersten Teil dieser Trans-Kanada-Eisenbahn-Trilogie, den zuerst zu lesen ich aus Gründen der stringenten Befolgung des Fahrplans empfehle, hatte ich über die historische Bedeutung der Bahn für die Entwicklung Kanadas geschrieben. Die aktuelle Bedeutung für den Personenverkehr erkennt man an der Lage des Bahnhofs in Edmonton. Er liegt weit außerhalb der Innenstadt, und nicht einmal ein öffentlicher Bus geht dorthin. Edmonton, daran sei erinnert, ist immerhin die Hauptstadt der Provinz Alberta.

Weil ich meine Büchertruhe nicht zu Fuß zum Bahnhof schleppen kann, muss ich also einen Taxifahrer bemühen, der zufällig von Winnipeg nach Edmonton gezogen ist. Er fasst den Unterschied zwischen dem Ziel und dem Ausgangspunkt meiner Reise prägnant zusammen: „Winnipeg is better for social life. Edmonton is better to find work.“ Gut, dann fahre ich in die korrekte Richtung, immer weg von der Arbeit.

Vor dem noch geschlossenen Bahnhof warten schon ein paar andere Passagiere. Wie ich hatten sie einen großen Bahnhof mit wunderbaren Restaurants erhofft, in dem sie die letzten stationären Stunden verbringen würden. Wie ich stehen sie jetzt frierend vor der Tür. Ein französisch-australisches Ehepaar nimmt den Zug ebenfalls nur aus Spaß an der Freude. Ein Kanadier gibt mir herzlich die Hand, stellt sich als Trevor vor und schüttet mir dann sein Herz aus. Seine Mutter ist mit 75 Jahren gestorben (Lungenentzündung und Infektion) und er fährt nach Ontario zum Begräbnis. Er hat sie, seinen Stiefvater, seine Geschwister und seine Kinder vor acht Jahren zurückgelassen und war wegen eines Jobs nach Edmonton gezogen, irgendwas mit LKW-Ersatzteilen. In Kanada arbeiten die Menschen so viel, dass sie sich in der Zeit nicht besuchen können. „Die letzten fünfeinhalb Jahre habe ich gar keinen Urlaub genommen“, erklärt er stolz. Dafür sieht er erschöpft und ausgelaugt aus. So geht der Kapitalismus mit den Menschen um.

Jetzt hat Trevor die Arbeit aufgegeben und will in Ontario neu anfangen, näher bei der Familie sein. Manchmal muss erst jemand sterben, bis das passiert.

Der älteste unter den frühzeitig Eingetroffenen sieht noch mitgenommener aus. Ein runzeliger, unrasierter Mann mit Cowboystiefeln, Lederjacke, Wollmütze und nur mehr wenigen Zähnen, schätzungsweise 80 Jahre alt. Er weist auf die Frachtzüge, die am Bahnhof stehen und sagt mit starkem russischem Akzent: „Früher bin ich einfach auf solche Züge aufgesprungen und quer durchs Land gefahren.“ Welches Land er meint, sagt er nicht, aber ich habe den starken Verdacht, dass es eines war, das nicht mehr existiert.

Dann öffnet sich die Tür und ein Angesteller von Via Rail, der sich mit seinem Arbeitgeber so identifiziert, dass er Ausmaße einer Lokomotive angenommen hat, ruft: „Welcome to the home of the late train!“ Die Ankündigung, dass der Zug derzeit eine Verspätung von etwa zwei Stunden hat, nehmen alle ohne Murren hin. Dafür gibt es kostenlos Kaffee, Kekse mit Marmeladenfüllung und sogar ein Eis.

Im Zug erkennt man die Experten unter den Bahnreisenden, also mich, daran, dass sie sofort von Wander- auf Hausschuhe wechseln. Die Anfänger erkennt man daran, dass sie entsetzt sind über das fehlende Internet. Ich würde hoffen, dass sie von den kommenden internetfreien Tagen positiv überrascht werden, aber bei manchen sitzt die Abhängigkeit schon zu tief. Wie bei den Rauchern, die den Schaffner anflehen, er möge sie bei jedem Halt aufwecken, auch wenn es nachts um 2 Uhr sein sollte.

Die Sonne geht noch unter, bevor wir den Bahnhof richtig verlassen, deshalb gibt es hier kein schönes Bild davon. Mit drei Stunden Verspätung tuckern wir schließlich los. Ich bin gerade noch rechtzeitig in den Zug gekommen, um im Speisewagen ein vegetarisches Curry zu bekommen und dann zu Bett zu gehen. Vom Abendessen an meinen Platz zurückkehrend, sehe ich, dass wir noch immer in Edmonton sind. Wir haben uns in der Zwischenzeit nur etwa 3 km bewegt. Das wird eine saftige Verspätung! Mir macht es nicht so viel, aber Trevor wird womöglich die Beerdigung verpassen. Zur Trauer in seinem Gesicht mischt sich zunehmend Nervosität. Als Medizin hat er ein paar Flaschen Bier mitgebracht.

Es sind wieder diese verdammt langen Frachtzüge, von denen anscheinend Tausende unterwegs sind, die uns aufhalten. In letzter Zeit sind zudem etliche davon entgleist. Es kann also noch länger dauern.

Entgleisen werden wir ebenso, bin ich mir wenig später sicher, als der Zug Fahrt aufnimmt, aber angsteinflößend schwankt und ruckelt und quietscht. Selbst auf meinen beiden Atlantiküberquerungen hat es nicht so geschaukelt. Das ist umso beunruhigender, als die Strecke eigentlich ganz eben und gerade ist.

gerade Strecke.JPG

An Schlaf ist nicht zu denken. Der Lokführer scheint auf Teufel komm raus die Verspätung gutmachen zu wollen und vergisst darüber, dass er Menschenleben durch die Nacht statt Stückgut über die Steppe schippert.

Bei der letzten Zugfahrt wollte ich am Ende gar nicht aussteigen. Dieses Mal ist die Nacht so unruhig und unerquicklich, dass mich vor der bereits gebuchten anschließenden Zugfahrt von Winnipeg nach Toronto graut, die 35 Stunden dauern wird. Plus Verspätungen. So bin ich um 6 Uhr, als wir in Saskatoon 20 Minuten Pause machen, schon wach und steige mit den Rauchern aus.

Raucherpause.JPG

Die frische Luft hilft hoffentlich beim Wachwerden. Und dann, hervorragend choreographiert, geht die Sonne auf, gerade als wir aus Saskatoon rollen.

Saskatoon Sonnenaufgang 1Saskatoon Sonnenaufgang 2

Die Verspätung beträgt jetzt übrigens nur mehr zwei Stunden, informiert der Schaffner. Der Zug ist nachts also wirklich gerast wie der Henker von Louis Riel.

Langsam machen sich die Reisenden untereinander bekannt, man hat schließlich, je nach Fahrtziel, noch einige gemeinsame Tage vor sich. Die Kanadier erzählen wieder von Läden, Geschäften, Gebäuden und wem was gehört. Die ganz abenteuerlichen berichten von einer Fahrt in die USA, um einen Walmart-Supermarkt anzusehen.

Nur der alte Russe scheint ein bisschen intellektuelle Tendenzen zu haben. Er winkt mich zu sich (wiederum haben alle Passagiere mindestens zwei Sitze für sich, was sehr entspannend ist) und öffnet eine alte und altmodische Aktentasche aus Sowjetleder. „Ich habe etwas für dich zum Lesen.“ Vorsorglich entgegne ich, dass ich genügend Bücher dabei habe, aber er unterbricht mich: „Oh nein, so etwas hast du noch nicht gelesen.“ Ich befürchte etwas Religiöses, denn wer sonst drängt einem so penetrant Lesestoff auf?

Aus einem Umschlag zieht er einen Stapel mit etwa 80 maschinenbedruckten Seiten. „Ich schreibe Drehbücher. Ich möchte, dass du es liest und mir deine Meinung sagst. Deine ehrliche Meinung.“ Er bräuchte nur 4 Millionen Dollar für die Realisierung, das sei nicht viel für einen Film.

Das Drehbuch ist schon durch viele Hände gegangen, das sieht man. Der Titelseite entnehme ich den Namen des Autors (Benjamin Schatz) und das Jahr der Niederschrift (1982). „Ich habe noch sechs weitere Drehbücher“, droht er, aber dieses scheint das beste zu sein, sonst würde er es nicht immer mit sich herumtragen.

Ich fange an zu lesen, es geht um Cowboys und Pferdewetten, gar nicht so schlecht. Die Dialoge sind gut und flüssig. Als ich auf die Stelle stoße, an der ein alter Kanadier sich daran erinnert, wie er als junger Mann auf einem Frachtzug mitfuhr und in Winnipeg absprang, weil es so aussah, wie wenn es dort Arbeit gäbe, kann ich nicht entscheiden, ob das Skript auf dem Leben des Autors beruht oder ob er sich das Ausgedachte für seine Lebensgeschichte zu eigen macht.

Die Geschichte wird ernster, der Kontrast zwischen Land und Stadt wird zum Thema. Mir gefällt die Karikatur der kanadischen Besessenheit mit Arbeit, Geld und Immobilien. Als ich mein Verdikt abgebe, wird Benjamin fast wütend, dass ich nicht auf Anhieb alle Anspielungen und Verbindungen entdeckt habe. Ungeduldig erklärt er mir, wie der Film zu interpretieren sei.

Wahrscheinlich spricht daraus der Frust über seine Reise, denn, wie er mir sogleich erzählt, ist er mit dem Zug durchs ganze Land gefahren, nach Vancouver, nach Calgary und nach Edmonton, um sein Drehbuch von 1982 zu verkaufen. Die Reise war erfolglos, und wahrscheinlich nicht zum ersten Mal in seinem Leben.

Landschaft Prärie 2.JPG

Zeit fürs Frühstück. Im Speisewagen weist mich der Kellner auf eine Bison-Farm hin. „Gutes Fleisch, sehr zart“, erklärt er beim Blick aus dem Fenster. Leider gibt es das nur in der ersten Klasse. Gestern dachte ich noch, dass einen Pantoffeln und ein Jogginganzug als Zugreiseexperten ausweisen. Heute merke ich, dass dazu ein Essbesteck aus Eisen gehört, um sich nicht mit zerbrechenden Plastikgäbelchen herumärgern zu müssen. Wahrscheinlich sind in der ersten Klasse auch die Messer besser, weswegen es dort – siehe Orient-Express – immer wieder zu Messerstechereien kommt.

Wenn ich so durch den Zug schlendere – eine der angenehmen Aktivitäten, der man im Flugzeug, Bus oder Auto kaum nachgehen kann, ohne andere Verkehrsteilnehmer zu verärgern – setze ich mich manchmal für einen kurzen Schwatz neben Herrn Schatz. Zeit haben wir ja. Eine Zeitung habe ich auch, und damit nimmt das Unheil seinen Lauf.

Benjamin zeigt auf die Schlagzeile, die Änderungen im kanadischen Asylrecht verspricht oder androht, und kommt in Fahrt, schneller als der Zug, in dem wir sitzen: „Das ist das Thema meines nächsten Drehbuchs! Ich sage Euch schon seit 20 Jahren, dass Ihr zu viele Ausländer in Euer Land lässt“, ereifert er sich. Er glaubt, ich sei Kanadier. Ich frage ihn, wann er denn nach Kanada gekommen ist, aber er bemerkt die Ironie nicht. 1975 ist er ausgewandert oder geflohen.

Ich erkläre, dass ich Migration für etwas ganz Normales halte, dass alle Einwanderergruppen in Nordamerika zuerst als Gefahr gesehen wurden, sich dann aber schnell integriert haben, dass, wenn man von illegaler Einwanderung sprechen will, am ehesten an die europäischen Siedler in Nordamerika denken sollte, dass Menschen als Individuen zu betrachten sind, und dass es schon irgendwie komisch ist, dass ein Russe einem Deutschen in Kanada erklärt, dass Kanada zu viele Ausländer habe. Aber Benjamin ist gar nicht an meinen Einwänden interessiert, merke ich. Er spricht lieber ununterbrochen und antwortet sich selbst. Vielleicht kommt das vom Drehbuchschreiben. Selbst als ich ihn frage, wo er in der Sowjetunion gelebt hatte, und auf die knappe Antwort begeistert kundgebe, dass ich selbst schon in seiner Heimatstadt Chișinău gewesen bin, stoppt ihn das nicht in seinem Redefluss.

Die flache Landschaft ist vielleicht ein geeigneteres Symbol für das Land als die Rocky Mountains, die eine Verwegenheit und Wildheit vorspiegeln, für die in der kanadischen Kultur außer im mythischen Selbstbild kein Platz ist. Eine Durchsage im Zug informiert, dass die Bar nur zum Ausschank eines alkoholhaltigen Getränks pro Person und pro Stunde lizenziert ist. Außerdem kündigt der Schaffner an, dass er beim Geruch von Marihuana-Produkten, zu starken Parfüms und Stinkefüßen einschreiten müsse. Rauchen ist sowieso verboten und verpönt. Soviel zum Wilden Westen. Es sieht nur so aus.

Landwirtschaft1Landwirtschaft2

Ganz so flach wie in Ungarn oder in Holland ist das Land dann doch nicht. Hügelig kann man es aber auch nicht nennen, eher leicht wellig. Eben so, dass die Traktoren und Mähdrescher keine Hindernisse vorfinden.

Hügel1Hügel2

Landwirtschaft dominiert die Landschaft. Wir fahren vorbei an kleinen Orten wie Young in Saskatchewan mit putzigen Holzkirchen. Aber die wirklichen Kathedralen sind die Kornspeicher.

grain elevator.JPG

Die Entfernungen zwischen den Orten sehen so aus, wie wenn man zu Fuß einige Tage unterwegs wäre, bis man auf das nächste Haus stößt. Wo in dieser ewigen Prärie wohl der Trans-Kanada-Wanderweg verläuft?

Aus dem Boden wird Kalisalz gewonnen, das dann als Düngemittel auf die umliegenden Felder gestreut wird. Oder, wie es ein alter Herr im Aussichtswaggon erklärt: „Kalium ist ein häufig vorkommendes Alkalimetall, das allerdings in der Natur nur als Kaliumverbindung vorkommt und destilliert werden muss.“ Er spricht weiter von Kaliumsilikaten, Makronährstoffen, Lignin und Turgor.

potash mine.JPG

Das alles erzählt er nicht mir, sondern einer ihm gegenüber sitzenden jungen Dame, von der mir dir ganze Fahrt über nicht klar wird, ob sie seine Enkeltochter ist oder nicht. Sie nennt ihn Joe, sie teilen sich das Mittagessen, sie holt ihm Bier aus der Bar, aber andererseits erzählt sie Dinge aus ihrem Leben, wie wenn er sie noch nicht kennt. Vielleicht interessiert es ihn aber auch nicht. Wie viele alte Männer in diesem Zug hört er sich lieber selbst sprechen. Mir schwant, dass ich auf dieser Reise meinem zukünftigen Selbst begegne.

Aussichtswaggons.JPG

Ich hatte mir eigentlich ein Buch mit in den Aussichtswaggon genommen, aber Joe ist nicht nur ziemlich laut, sondern auch fasziniered. Der Kontrast zwischen Phänotyp und Rhetorik könnte nicht stärker sein. Er sieht aus wie ein Farmer, mindestens 80 Jahre alt, mit weißen Haaren. Er schlurft gebückt durch den Zug, muss sich ständig festhalten, um nicht umzufallen. Seine Hose wird durch die Hosenträger etwas zu hoch gezogen. Ob er noch Zähne hat, kann er geschickt verbergen. Er sieht aus wie Spencer Tracy in „Wer den Wind sät“.

inheritthewind_04

Und genauso eloquent spricht er, jetzt nicht mehr über Agrarökonomie, sondern über die Bourgeoisie vor der Französischen Revolution, das Orakel von Delphi, über Sparta, die Amazonen und den Isthmus von Panama. Langsam erzählt er, aber gewählt im Ausdruck und mit einer Überzeugung, wie wenn er all das Angelesene selbst erlebt hat.

Der nächste Ort, der einen Halt, wenn auch nur von zehn Minuten, rechtfertigt, ist Melville in Saskatchewan. Das örtliche Eishockey-Team heisst, ganz kanadisch-kapitalistisch, Melville Millionaires. Vielleicht fiel den Gründern aber nur keine bessere Alliteration ein.

Das alte Bahnhofsgebäude wird nicht mehr genutzt, soll aber restauriert werden. Wie so oft in Kanada muss das privat finanziert werden. Ein Poster kündigt für den 27. April 2019 einen Auftritt der Band Soul Deep an, bei dem zu diesem Zweck 60 $ Eintritt zu berappen sind. In einer Stadt voller Millionäre sollte das kein Problem sein.

Melville Bahnhof.JPG

Es ist ein wunderbar sonniger Tag, aber auf dem Bahnsteig pfeift der Wind so stark, dass der Lokführer während des Halts den Fuß auf die Bremse drücken muss, damit der Zug nicht weggeblasen wird. Jetzt verstehe ich, warum es in der Mitte des Landes auf den Wetterkarten immer so bitterkalt ist.

Wetterkarte.jpg

Was ich hingegen nicht verstehe, ist die Abwesenheit von Windkraft- und von Solaranlagen. Hier hat man Fläche, Sonne und Wind im Überfluss, dazu eine Bevölkerung, die gerne Geld verdient und sich nicht zu Demonstrationen aufrafft, wenn etwas gebaut wird. (In Kanada gibt es Proteste, wenn etwas nicht gebaut wird.)

Zurück im glasüberdachten Panoramawaggon monologisiert Joe noch immer, jetzt über die schwindende Bedeutung der OPEC, die notwendige Reform des Wahlrechts, Belize und Curaçao als mögliche Orte für den Ruhestand (wie alt will der denn werden?), Bitcoins und die Aufteilung der Zugpassagiere nach Klassen. Manchmal muss er so stark husten, dass man das Lebensende schon hören kann, aber ansonsten lässt er sich kaum unterbrechen.

Joe wäre eine gute Besetzung für die Hauptfigur im Drehbuch von Benjamin, dem ich bald wieder in die Arme und damit, wenn auch nichts ins Messer, so doch ins längere Gespräch laufe. Einerseits ist er gebildet, spricht über Schopenhauer, über Nietzsche, darüber, dass einem die Arbeit als Künstler Flügel verleihe, die einen unabhängig vom Urteil der Mitmenschen und der Gesellschaft machen. „Wenn du ein Intellektueller bist, dann weißt du das selbst. Das muss dir niemand bestätigen.“ Aber er bereut, dass es ihm einfach nicht liege, seine Werke zu verkaufen. Das kann ich nun wirklich nachfühlen.

Andererseits lebt er in der Vergangenheit, spricht wohlwollend von Lenin, befürchtet böse westliche Machenschaften hinter jeder Ecke: „Alles, was du über Russland hörst, ist Propaganda.“ Er lebt noch im Kalten Krieg. Den Volksaufstand in der DDR von 1953 nennt er beharrlich einen „Putsch“ und ist stolz darauf, dass er ihn mit seinem Panzer niedergeschlagen hat. Und er merkt gar nicht, wie dämlich es ist, dass ein jüdischer Sowjetflüchtling aus Moldawien in Kanada mit russischem Akzent auf Migranten schimpft.

Die alten Männer im Zug bieten mehr Unterhaltung als die von Via Rail engagierten Musiker, die auf dieser Fahrt allerdings auch ganz gut sind. Das Publikum auf der Strecke durch das Landesinnere ist etwas anders als auf der durch die Rocky Mountains. Weniger Touristen, dafür mehr Leute, die einfach Zeit haben. Oder vielleicht Angst vor dem Fliegen.

Landschaftlich ist es tatsächlich weniger reizvoll als die Fahrt durchs Gebirge, das war zu erwarten. Aber dafür ist die Fahrt entspannter, weil ich nicht ständig von links nach rechts springen muss, um Fotos von Bergen und Flüssen zu erhaschen.

Landschaft Prärie 1.JPG

Der Schaffner läuft ganz begeistert durch den Zug und kündigt an, dass wir die Verspätung mehr als eingeholt haben und früher als erwartet in Winnipeg ankommen werden. „Das ist mir schon seit zwei Jahren nicht mehr untergekommen“, staunt er selbst.

Vor Winnipeg wird es dann wirklich flach, so dass der von Hosea gesäte Wind gänzlich ungestört und noch immer unerklärterweise ungeerntet über die Prärie streift. Die Sonne verschwimmt hinter diesigen Wolken, unspektakulär wie die ganze Fahrt. Aber dennoch packt mich Wehmut, als sich die Hauptstadt von Manitoba nähert. Der Zug ist zur Wohnung geworden, die Mitreisenden und die Schaffner zu Mitbewohnern. Komische Käuze zwar, aber interessante Charaktere, wie aus einem Roman von John Steinbeck. Insbesondere Joe erinnert mich an einen Landwirt aus dem „Tal des Himmels“, der sich eine Enzyklopädie und die griechischen Klassiker einverleibt.

Die Großzügigkeit im Umgang mit der Zeit führt selbst für die Weiterreisenden zu einem Aufenthalt in Winnipeg von drei Stunden. So können sie ausreichend rauchen, spazierengehen und vielleicht eine Dusche aufsuchen. Als ich mich von Benjamin verabschiede, sagt er, dass er gar keine Ahnung hat, wo er nun wohnen wird. Sein Haus hat er nämlich verkauft, um den Film zu finanzieren. „Aber“, fügt er selbstironisch hinzu, „da das nicht geklappt hat, habe ich jetzt einen Haufen Geld.“ Womit der Beweis erbracht ist, dass man vom Schreiben doch leben kann.

Praktische Hinweise:

  • Alle Informationen, Fahrpläne und Buchungsmöglichkeiten gibt es bei Via Rail.
  • Im Sommer fährt der Zug dreimal, im Winter zweimal pro Woche.
  • Wenn Ihr flexibel seid, versucht verschiedene Daten, denn die Preisunterschiede sind enorm. Im Sommer ist der Zug angeblich ziemlich ausgebucht, und ab 1. Juni werden die Preise verdoppelt, wie mich ein Schaffner vorgewarnt hat. Die gesamte Strecke von Vancouver nach Toronto gibt es in der Nebensaison ab 466 $ (= 300 €). Günstiger geht es kaum, außer mit Rabatt für Jugendliche oder Senioren. Vielleicht waren deshalb so viele alte Männer im Zug.
  • Ich konnte den Fahrschein nicht mit meiner europäischen Kreditkarte buchen und musste deshalb ins Reisebüro gehen. In der Nebensaison kann man aber aber anscheinend auch am Abfahrtstag noch problemlos Tickets am Bahnhof kaufen, einige der Mitfahrer haben dies getan.
  • Unbedingt mitnehmen: Ein Buch, eine Decke für die Nacht, Hausschuhe.
  • Internet gibt es nur an den großen Bahnhöfen. (Ich fand die Internetfreiheit übrigens super. Dadurch waren die Leute viel kommunikativer.) Steckdosen gibt es an jedem Platz.
  • Ein Tipp für absolute Sparfüchse: Der Wasserhahn im Bad ist hoch genug, um mitgebrachte Wasserflaschen aufzufüllen. So müsst Ihr an Bord nichts für Getränke ausgeben. Und wer noch mehr sparen will, findet sicher eine leere Plastikflasche im Mülleimer des Abfahrtsbahnhofes. – Wie ich immer sage, Reisen muss nicht teuer sein.
  • Das Essen im Zug ist relativ preiswert (hier die Speisekarte), aber wer wirklich sparen will, bringt natürlich alles mit. Kochendes Wasser gibt es kostenlos, so dass man sich Tee und Suppen zubereiten kann.
  • Plant ein paar Stunden Verspätung ein. Auf keinen Fall einen knappen Anschlussflug buchen.

Links:

Veröffentlicht unter Fotografie, Kanada, Reisen | Verschlagwortet mit , , , , | 12 Kommentare

„Das Tal des Himmels“ von John Steinbeck

Wie wenn ich geahnt hätte, wie schön es in Venta Micena werden würde, nahm ich ein Buch über ein ähnlich schönes Tal für die Lektüre mit nach Andalusien: Das Tal des Himmels von John Steinbeck.

Tal4

In diesem frühen Werk, veröffentlicht 1932, zeigte Steinbeck schon viele der Fähigkeiten, die zu großen Werken wie Früchte des ZornsVon Mäusen und Menschen oder Tortilla Flat und schließlich zum Nobelpreis für Literatur führten. Es besteht aus zwölf Kurzgeschichten, die durch wiederkehrende Charaktere lose miteinander verbunden sind, aber die stärkste Verbindung stellt ein gemeinsamer Ort dar: ein Tal in Kalifornien, dessen Schönheit niemand bestreiten könnte und das die eigentliche Hauptperson des Buches ist.

Die Protagonisten sind überwiegend normale Menschen, Landwirte, Ladenbesitzer, Hausfrauen, Lehrer, die meisten von ihnen ganz nett, und auf jeden Fall einprägsam. Steinbeck benötigt nur einen Absatz oder ein paar Sätze über etwas, das sie tun, das sie sagen oder auch, was sie nicht sagen, um die Charaktere zum Leben zu erwecken.

186369Wie bei den meisten Büchern von Steinbeck gibt es nicht immer ein gutes Ende, aber es ist weit weniger herzzerreißend als manche seiner späteren Werke. Und auch wenn eine Geschichte traurig oder melancholisch endet, wird dies überschattet von der Bewunderung für die wunderbare Erzählweise. Als ich auf der Veranda saß, schloß ich das Buch nach einem jeden Kapitel, weil ich über die Menschen nachdenken wollte, deren Leben mir präsentiert worden waren. Bei allen von ihnen verspürte ich den Wunsch, sie persönlich kennenzulernen. Sogar die Menschen mit negativen Charakterzügen, wie der Bauer, der ständig mit seinem Reichtum angibt, führen nicht zur Ablehnung, eher verspürt man Mitleid.

Vielleicht sind die einzelnen Schicksale weniger wichtig, denn das Tal war immer noch da, im Buch und im echten Leben, und das Tal würde weiter für die Menschen sorgen.

Mein persönlicher Lieblingscharakter ist Junius Maltby.

Die Leute im Tal erzählten sich viele Geschichten über Junius. Manchmal verabscheuten sie ihn mit dem merkwürdigen Hass, den fleissige Leute für faule empfinden, und manchmal beneideten sie ihn wegen seiner Sorglosigkeit; oft aber hatten sie Mitleid mit ihm, weil er so planlos in den Tag hineinlebte. Niemandem im Tal fiel auf, dass er glücklich war.

Andreas Moser Western poster

Links:

  • „Das Tal des Himmels“ bei Amazon bestellen.
  • Mehr über Bücher, einschließlich meiner Wunschliste. Vielen Dank an Jacqueline Danson, die mir dieses Buch – und viele andere – geschickt hat!
  • Mehr über Venta Micena.
  • Read this review in English.

 

Veröffentlicht unter Andalusien, Bücher, Fotografie, Spanien, USA | 1 Kommentar

„Couchsurfing im Iran“ von Stephan Orth

Couchsurfing, das kostenlose Übernachten bei bis dahin Fremden, ist eine gute Möglichkeit, Land und Leute kennenzulernen. Das gilt umso mehr in Ländern, in denen man die Sprache nicht spricht und wo man ohne örtliche Hilfe etwas aufgeschmissen ist. (Eine meiner besten Couchsurfing-Erfahrungen war zum Beispiel in Abchasien.) Und der Iran ist sowieso ein fantastisches Reiseland.

Couchsurfing im IranStephan Orth, ein deutscher Journalist, dachte anscheinend ebenso und reiste einen Monat kreuz und quer durch den Iran, wobei er, wann immer es ging, bei Einheimischen übernachtete, von ihnen über das Leben im Iran erfuhr und sich die Ecken zeigen ließ, an die man als Tourist sonst nicht kommt, wie die Schlachtfelder aus dem Irak-Iran-Krieg.

Leider bleibt das Buch jedoch weitgehend an der Oberfläche. Natürlich macht er die gleiche Erkenntnis wie jeder Iran-Reisende, dass es einen öffentlichen und einen privaten Iran gibt. Sobald man über die Türschwelle tritt, fallen die Kopftücher, die westliche Musik wird aufgedreht, von irgendwoher kommt Alkohol geflossen, und die Diskussionen sind offen, und unzensiert. Allerdings hat Orth anscheinend hauptsächlich Menschen getroffen, die Freiheit im Konsum- oder anderweitigen Rausch suchen. Ein paar persische Poeten sind auch dabei, aber was mich doch sehr stutzig macht, ist dass in einem 2015 erschienen Buch niemand über die Grüne Revolution von 2009 spricht. Kein Wort im ganzen Buch. Das glaube ich einfach nicht. Vielleicht will der Autor seine Gastgeber schützen, aber dann hätte er die politischen Diskussionen den bekannten anonymen Taxifahrern in den Mund legen können.

Fast schon infantil wirken die vielen eingestreuten SMS-Nachrichten, die der eigentlich erwachsene Autor mit iranischen Teenagerinnen austauscht. Diese peinlichen Flirtgeschichten bereichern das Buch nicht gerade.

Die Enttäuschung über dieses Buch wiegt schwerer, weil ich vorher „Couchsurfing in Russland“ vom gleichen Autor gelesen hatte. Das war besser, fundierter, informativer. Man hat den Eindruck, dass er nach dem Erfolg mit dem Russland-Buch den Auftrag zur Iran-Reise erhalten hat und unbedingt ein Buch daraus machen musste, obwohl das Material es nicht hergab. Nicht jede Reise muss zu einem Buch werden.

Vielleicht war dem Autor das selbst bewusst, denn an einer Stelle beklagt er sich, dass man „beim Couchsurfing nur eine Gruppe von Menschen trifft, die gebildet ist, gut Englisch kann und sehr modern und internetbegeistert ist.“ Ein wirkliches Spiegelbild der iranischen Gesellschaft lernt man so nicht kennen. Und auch das Tempo der Reise ist einem literarischen Werk nicht zuträglich: „Es ist einer von vielen Tagen im Iran, an denen ich mir wünsche, nicht ständig auf dem Sprung zu sein, von Gastgeber zu Gastgeber zu reisen, sondern einmal länger bleiben zu können und mehr als nur einen flüchtigen Ausschnitt aus einem anderen Leben kennenzulernen.“

Stellenweise spricht Orth interessante und heikle Themen an, die mehr Ausführungen verdient hätten. Dass man als Deutscher als „arischer Bruder“ im Iran besonders willkommen geheißen wird, habe ich selbst erlebt. Sogar im Evin-Gefängnis wurde ich darauf angesprochen. (Daraus sollte mal ein Buch werden!) Auch die ständigen Hitler-Verehrungen im Iran und die neurotische Fixierung auf Israel als angeblichen Hort alles Bösen sind nervig, und es ist Orth anzurechnen, dass er diese Unsitten erwähnt, auf dass vielleicht ein paar Iraner ihre Haltung überdenken oder der nächste Reisende zumindest vorgewarnt ist.

Links:

Veröffentlicht unter Bücher, Iran, Reisen | Verschlagwortet mit | 5 Kommentare