Die Geschichte als ständiger Reisebegleiter in Europa

Als ich von dem Freilandmuseum Europos Parkas nach Vilnius zurückradelte, stieß ich auf diese Markierung, die die Erinnerung an die grausame Geschichte des 20. Jahrhunderts in Europa schlagartig wachrief.

Dieser Gedenkstein war in einem Wald am Rande des Dorfes Joneikiškės fast versteckt. Ein kleines, ganz normales Dorf, in dem vor 70 Jahren die Menschen bestenfalls „von gar nichts wußten“ und schlimmstenfalls am Holocaust mitgewirkt haben.

So schön Mittel- und Osteuropa als Reiseziel ist, man wandelt doch fast überall auf Schlachtfeldern und Massengräbern. Es ist schwer, sich das jetzt vorzustellen, wenn man eine romantische Altstadt bewundert oder einen friedlichen Wald genießt. Aber vor nur zwei Generationen knallten hier die Schüsse und erstarben die Schreie als die Nazis und ihre willigen Helfer selbst die entlegendsten Winkel Europas mit ihrer Mordmaschinerie heimsuchten. Die meisten Menschen sahen schweigend zu, nahmen aktiv teil oder profitierten vom „Verschwinden“ von Nachbarn und Konkurrenten. Nur wenige leisteten Widerstand, handelten selbstlos, taten das Richtige.

Vor nur zwei Generationen. Angehörige dieser Generation sind noch am Leben und unter uns. Noch viel lebendiger sind die gefährlichen Gedanken, die Diskriminierung, der Antisemitismus, der Rassismus.

Ist es verwunderlich, dass ich diesem Frieden manchmal nicht traue? Sind wir wirklich so verschieden von unseren Großeltern und deren Generation? Warum sollte sich die Menschheit plötzlich so sehr zum Besseren verändern? Hatten wir die vergangenen 70 Jahre nicht einfach nur Glück? Denkt bei Eurer nächsten Reise mal darüber nach – aber lasst Euch die Erkundung Europas dadurch nicht vermiesen!

(There is an English version of this article.)

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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8 Antworten zu Die Geschichte als ständiger Reisebegleiter in Europa

  1. Pingback: History is never far away in Europe | The Happy Hermit

  2. Kein Systemling schreibt:

    Ich empfehle zu diesem Thema doch mal nach dem Internierungslager Lamsdorf (Polen) zu gurgeln., bzw. hier: http://www.deutscherosten.de
    :mrgreen:

  3. Richard Belzer schreibt:

    Im Baltikum wütete zuerst die Mordmaschinerie der Sowjets, und nach dem Krieg dann wieder. Eigentlich nicht zu übersehen, wenn man dort war und sich für die baltische Geschichte interessiert.

    • Andreas Moser schreibt:

      Die Sowjets wüteten im Baltikum, weil es im Hitler-Stalin-Pakt so vereinbart worden war, das exkulpiert das Deutsche Reich also kein bißchen.

  4. Richard Belzer schreibt:

    Welche Wütereien der Sowjets im Baltikum wurden denn im Hitler-Stalin Pakt vereinbart? Und in welchem Vertrag wurden dann die sowjetischen Wütereien im Baltikum nach 45 gerechtfertigt?

  5. Pingback: Nächste Reise: Krakau | Der reisende Reporter

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