Video-Blog: Geburtstagslied in Tiraspol

Um meinen 40. Geburtstag nicht rechtswirksam werden zu lassen, verbrachte ich den 6. Juli 2015 in dem von keinem anderen anderen Staat anerkannten Transnistrien. Wie immer plante ich keine große Feier, sondern die Reise und die neuen Eindrücke und Erfahrungen waren Feier, Geschenk und Belohnung genug.

Am Abend saß ich im Park mit dem typisch sowjetischen Namen „Sieg“ und feierte nach einem langen Spaziergang durch die Hauptstadt Tiraspol den Sieg der ersehnten Erholung über den bisher heißesten Tag des Jahres, den selbst ein fünfzehnminütiger Wolkenbruch nicht abzukühlen vermocht hatte. Ja, in der Sowjetunion gab man sich nicht mit langweiligen Namen wie „Stadtpark“ zufrieden. Und wieso umbenennen? „Sieg“ ist immer gut, auch wenn das siegreiche Land schon lange untergegangen und zerfallen ist.

Victory Park

Victory Park 2Unter den Augen eines mir nicht näher bekannten planmäßig ordensbehangenen und außerplanmäßig von einer Taube besetzten Sowjetoffiziers genoss ich die letzte Zigarre aus meinem Vorrat (pikanterweise eine vom ehemaligen Klassenfeind aus Virginia) und las einen Spionageroman. Das Beisichführen derartiger Lektüre mag bei meinen intellektuelleren Lesern zum Naserümpfen führen, ist aber meine Versicherung gegen den Vorwurf, selbst ein Spion zu sein. „Wenn ich wirklich ein Spion wäre, würde ich wohl kaum Spionageromane lesen, oder?“ würde selbst den härtesten KGB-Offizier überzeugen. Mit Puschkin oder Dostojewski wäre da nichts gewonnen. Und ja, in Transnistrien heißt der Geheimdienst noch KGB. Wieso umbenennen? Die Marke ist bekannt.

Victory Park statueSchon bald bauen sich zwei Jungs von der Sorte „kein Schulabschluss, aber dafür umso aggressiver“ etwas zu nahe vor mir auf und reden auf Russisch auf mich ein. Ich erkläre freundlich, uneingeschüchtert und auf Englisch, dass ich leider kein Russisch verstehe. Es geht ein paar Sätze hin und her, bis sie mir klarmachen, dass sie (m)eine Zigarre wollen. Auf keinen Fall! Meine letzte Zigarre, und das an meinem Geburtstag, da bleibe ich standhafter als das oben erwähnte Denkmal.

Die Jungs ziehen missmutig ab, kommen aber nach wenigen Minuten zurück. „Haben sie in der Zwischenzeit Englisch gelernt?“ frage ich mich. Nein, aber jetzt haben sie einen Deal vorzuschlagen, wobei „vorschlagen“ für ihre aufdringliche Art zu freundlich klingt. Sie wollen von mir Zigarren im Tausch gegen Marlboro-Zigaretten. Ganz abgesehen davon, dass ich keine weitere Zigarre dabei hätte, wären die angebotenen vier bis sechs Marlboro-Zigaretten wirklich ein schlechter Tausch für mich. Interessanterweise können sie jetzt wirklich drei Wörter Englisch, die sie immer wieder anpreisend wiederholen: „American, duty free!“ Ja, das glaube ich, dass diese Zigaretten zollfrei sind. Transnistrien ist ein Paradies für Schmuggler, für alles von Zigaretten und Alkohol über Waffen und Plutonium bis hin zu Organen und ganzen Menschen.

Endlich ziehen die beiden Aufdringlinge ab, und ich kann mich wieder der Zwischenkriegszeit widmen und das Treiben im Siegespark beobachten. Ein paar Bänke weiter rechts von mir vermietet eine Frau Plastikautos an Eltern, die ihre Kinder derart beschäftigen wollen. Die Kinder können die Autos selbst fahren oder die Eltern können die Autos über Funk fernsteuern. Interessanterweise dürfen die Buben selbst fahren, während bei allen Mädchen die Eltern die Kontrolle behalten. Wenn die Mutter lenkt, ruckelt das Auto so erratisch vor und zurück, dass die Kleinen ein Schleudertrauma bekommen. Hoffentlich haben sie vorher kein Eis gegessen. So vererben sich also schlechte Fahrkünste von Mutter auf Tochter.

Auf der gegenüberliegenden Seite des großzügigen Areals, auf dem ich die Abendsonne genieße, haben zwei Jungs mitbekommen, dass ich Ausländer bin. Sie stehen von ihrer Parkbank auf und kommen schüchtern aber zielstrebig auf mich zu. Diese beiden sind erkennbar von der Sorte „höflich und gut erzogen“, ein willkommener Kontrast zu meinem vorherigen Besuch. Sie fragen nicht nach Zigarren, sondern ob sie ihr Englisch mit mir trainieren dürfen. Sie seien beide gerade mit der Universität fertig, haben dort neben ihrem Ingenieursstudium Englisch gelernt, aber hätten in Tiraspol keine Möglichkeit, es praktisch anzuwenden.

Igor ist 23, Denis ist 24, beide sind in der Phase nach dem Studium und dem Militärdienst und überlegen, ob es sich lohnt, sich auf die mühsame Jobsuche zu begeben oder ob sie zuerst irgendeine ehrenamtliche Tätigkeit übernehmen sollen, dank derer sie reisen könnten. Wir sprechen übers Reisen, darüber wie man es finanziert, über Prioritäten im Leben, über Beziehungen, Freiheit, Politik, Transnistrien, Moldawien, Russland und über Sprachen.

Schließlich packt Igor seine Gitarre aus, und die beiden Jungs spielen und singen ein paar Lieder für mich, ohne zu wissen dass mein Geburtstag ist.

Eisschleckende und händchenhaltende Paare sehen uns lächelnd und interessiert zu, während sie vorbeischlendern. Ich amüsiere mich über all die Warnungen vor Transnistrien, die ich vor meiner Reise erhielt. So viel Unkenntnis, so viel unnütze Angst, und es wäre so leicht, dagegen anzugehen. Einfach mal in einen Zug steigen, in ein anderes Land fahren, und mit offenen Augen und offenem Geist das Gespräch suchen. Probiert es doch mal aus!

(To the English version of this article.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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