Geburtstagsreise 2017: Kaukasus

Wer will an seinem Geburtstag zuhause sitzen, wo ständig die Tür klingelt und sich gegenseitig eifersüchtig ankeifende Verehrerinnen ungefragt Kuchen und Blumen vorbeibringen? Wer will ohne Unterlass Anrufe von Verwandten entgegennehmen, aus deren Fragen hervorgeht, dass sie nicht einmal meinen Blog lesen? Wer will der Großfamilie zum zehnten Mal erläutern, dass die Welt jenseits eines 100 Kilometer weiten Radius um den zufälligen Geburtsort nicht böse und gefährlich, sondern interessant und freundlich ist? Ich nicht.

Deshalb pflege ich die Tradition der Geburtstagsreise. Mindestens am, noch besser um den 6. Juli herum bin ich in einem Land, in dem mich niemand kennt und in dem mich niemand erreicht. Falls ich überhaupt feiere, dann mit Zufallsbekanntschaften.

Dieses Jahr kommt die Besonderheit hinzu, dass ich derzeit bei meinem Vater in Bayern weile, der mich nach nur zwei Wochen schon wieder aus dem Haus haben will und deshalb großzügig anbot: „Flieg hin, wo Du willst. Ich zahle Dir den Flug.“ So etwa wie man den nicht nach Afghanistan abschiebbaren Familien Geld bietet, damit sie freiwillig verschwinden. Dennoch ein praktisches Geburtstagsgeschenk.

Keine Sekunde musste ich mit der Entscheidung zögern, denn schon seit langem empfinde ich eine Faszination für den Kaukasus, die Region, wo sich Europa und Asien leise und unaufgeregt treffen, während die Augen der Welt auf Istanbul gerichtet sind. Aber Istanbul existiert nur, weil das Schwarze Meer halt einen Abfluss braucht. Der wirkliche Grenzbereich Eurasiens liegt in Georgien,

Kloster Georgien

Armenien

Armenia

und Aserbaidschan.

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Vom 30. Juni bis zum 18. Juli werde ich also herausfinden, ob meine Faszination berechtigt ist. Da ich noch keine Ahnung habe, wo ich im Herbst hinziehen werde, halte ich auch diesbezüglich die Augen offen. Vielleicht komme ich eines Abends erschöpft in eine mir bis dahin völlig unbekannte Stadt, von der ich so verzaubert sein werde, dass sie mir die Entscheidung abnimmt. Nur Sprache und Schrift bereiten mir ein bisschen Kopfzerbrechen.

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Und weil manche Leser sich jetzt fragen „was zum Henker ist ein Kaukasus??“, hier die Landkarte:

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Für eine kleine Spende gibt es statt der Land- sogar eine Postkarte von der Reise.

(To the English version.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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5 Antworten zu Geburtstagsreise 2017: Kaukasus

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  3. AMC schreibt:

    Das Glasmonstrum, das die Schönheit der Altstadt in Aserbaidschan (wohl Baku?) in den Schatten stellt, schein echt und nicht ins Bild montiert zu sein. In den tschechischen Städten Prag und Olomouc will man auch gerade die Silhouetten in dieser Weise aufhübschen, und es wird in den Städten erbittert darüber in für und wider diskutiert. Das ersparte man den Aserbaidschanern wahrscheinlich. Gute Reise ab Morgen!

    • Andreas Moser schreibt:

      Danke!
      Bis Baku habe ich es nicht geschafft, aber auch in Tiflis wurde allerhand modernes Zeugs auf die Altstadt aufgepfropft.
      Mein Stil ist das nicht (ich wohnte in der Nähe des „Shard“ als dieser in London gebaut wurde und hoffte auf einen Terroranschlag vor Einweihung). In Belgrad passiert derzeit auch so eine Glas-und-Stahl-„Modernisierung“.

  4. Andreas Moser schreibt:

    Diese unschuldige Ankündigung führte innerhalb der erwähnten Familie tatsächlich zu großem Aufruhr, Beleidigtsein und daraufhin gegen mich gerichtete Beleidigungen. Es war also umso besser, dass ich weg war. Leider nicht lange genug.
    Allergrößtes und lauthals unter Klagedrohung geäußertes Missbehagen, das in einem Land mit freierem Waffenbesitz zu einem Massaker wie bei Quentin Tarantino geführt hätte, fand die Verwendung des Wortes „Mischpoche“ in der ursprünglichen Textfassung. Ich habe es jetzt in „Großfamilie“ geändert, weil das genau das und alles ist, was ich damit ausdrücken wollte. Für mich ist „Mischpoche“ ein Wort, dass ich in Israel und Osteuropa (es ist hebräisch-jiddischen Ursprungs) immer wieder von Menschen gehört habe, wenn diese über ihre eigene Familie, insbesondere im Zusammenhang mit großen Familienfeiern sprachen. So verstehe und nutze ich das Wort, ohne damit über die meinen gesamten Blog prägende sprachliche Kreativität und Spöttigkeit (von der ich mich selbst nie ausnehme) hinausgehend eine Wertung oder gar Missbilligung ausdrücken zu wollen.
    Aber vielleicht echauffiert sich die Familie, die sich hauptsächlich über bajuwarisches Blut und bajuwarische Erde, die zu verlassen einen in ein höchst suspektes Licht rückt, definiert, ja auch nur über die Verwendung eines Fremdworts.

    Dieser Blogger leidet also nicht nur im Iran und in China unter der Zensur, sondern auch in der Oberpfalz.

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