Fortschritt in Großbritannien

Nach schlappen 300 Jahren macht man sich hier in Großbritannien – bzw. wie der offizielle Titel des Landes lautet: im Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland – mal wieder daran, die Regeln über die Thronfolge zu modernisieren:

  1. In Zukunft soll das erstgeborene Kind des Monarchen unabhängig von seinem Geschlecht Thronfolger werden. Bis jetzt war jeweils der älteste Sohn an der Reihe; selbst ihm vorgeborene Schwestern gingen leer aus, solange nur ein männlicher Sproß vorhanden war. Die jetzige Königin Elizabeth II wurde nur deshalb Königin weil sie keine Brüder hat(te).
  2. Der König oder die Königin dürfen in Zukunft sogar mit einem Katholiken verheiratet sein. Bis jetzt führte eine solche Heirat zur Disqualifikation des Staatsoberhauptes.

„Bei solchen Nachkommen MUSS man ja so lange wie möglich im Amt bleiben.“

Falls nun jemand überwältigt ist von so viel Modernisierung, Gleichberechtigung und Fortschritt, muß ich die Freude leider dämpfen:

  • Auf absehbare Zeit sind die Neuregelungen nicht relevant, denn Königin Elizabeth II hat einen erstgeboren Sohn, Prinz Charles, der wiederum den erstgeborenen Sohn Prinz William hat. Für die nächsten zwei Generationen (also nach bisherigen Maßstäben ca. 100 Jahre) wird keine Frau Staatsoberhaupt. Erst wenn Prinz William und seine Frau ein Kind bekommen und dies ein Mädchen wird, wird diese Regelung relevant.
  • Ebenso hat es niemand aus der aktuellen Thronfolgerriege gewagt, eine Katholikin zu heiraten.
  • Zudem gilt die Aufhebung des Katholikenverbots nur für die Ehepartner des Königs oder der Königin. Der Regent selbst darf weiterhin kein Katholik sein. Er darf auch kein Jude, Muslim, Mormone oder überhaupt irgendetwas anderes als ein Angehöriger der Anglikanischen Kirche sein. Der Grund hierfür ist, daß der britische König auch das Oberhaupt der Anglikanischen Kirche ist. Insofern gibt es hier eine Staatsreligion, was sich schon weit weniger modern anhört.
  • Diese ganze Kosmetik ändert nichts daran, daß wir noch immer ein nicht gewähltes Staatsoberhaupt haben, das diese Position allein aufgrund seiner Geburt, unbeachtet jeglicher (fehlender) Qualifikationen innehat.

„So habe ich mir das nicht vorgestellt.“

Daß nun auch Prinzessinnen zu demokratisch nicht legitimierten Herrscherinnen werden können, finde ich keinen Grund zum Feiern. Erst recht nicht im Jahr 2012 und in einem Land, das weiterhin keine kodifizierte Verfassung hat.

(There is an English version of this article.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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3 Antworten zu Fortschritt in Großbritannien

  1. Pingback: Progress in the United Kingdom | The Happy Hermit

  2. Die Königin wurde nicht gewählt, das stimmt, aber laut einer gestern in Daily Telegraph veröffentlichten Meinungsumfrage hat sie eine Zustimmungsrate von 90% (Prinz Charles 78%, Prinz William 89%), Dagegen fallen die geählten Politiker stark ab: David Cameron and Ed Miliband enjoy satisfaction ratings of 34% and 35% respectively. So schlecht kann die Monarchie angesichts solcher Zustimmungswerte ja nicht sein,

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