Unter Schwulen: Baltic Pride 2013

Für mich ist es das erste Mal, daß ich bei einer Parade für die Gleichbehandlung von Homo-, Bi- und Transsexuellen dabei bin. In Deutschland würde ich an so etwas vermutlich nicht teilnehmen. Die typischen Christopher-Street-Day-Paraden in Berlin und anderswo sind mir, der ich mich von Menschenaufläufen sowieso nicht angezogen fühle, zu laut, zu flippig und zu tuntig, um gleich eine Vorurteilsvokabel einzustreuen. Die mit diesen Paraden oft einhergehende Zurschaustellung von Sexualität ist mir, ungeachtet der Art oder Ausprägung dieser Sexualität, nicht geheuer.

baltic_pride_vilnius_2013_logoAber darum geht es bei der am 27. Juli 2013 in Litauen veranstalteten Baltic Pride nicht. Während Homosexuelle in Deutschland auf ein Ehegattensplitting hoffen, während von Frankreich bis England die sogenannte Homo-Ehe eingeführt wird, befindet sich Litauen diesbezüglich auf der gleichen Entwicklungsstufe wie Russland oder Senegal. Wie fast überall in Osteuropa ist das Klima vom Stammtisch bis zum Parlament, von den Kirchen bis zu den Universitäten, von alt bis jung extrem homophob. Es gibt keine Möglichkeit der Legalisierung oder Formalisierung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Wenn sich das litauische Parlament mit Homosexualität befaßt, dann mit Gesetzesentwürfen, die „homosexuelle Propaganda“ unter Strafe stellt. Gemeint ist damit jede öffentliche Erwähnung von Homosexualität, die andeutet, daß dies ein normales, menschliches Verhalten sein könnte.

Hier geht es also um fundamentale Menschenrechte, Bürgerrechte und um Gleichbehandlung. Es ist traurig, daß dies 2013 in einem EU-Mitgliedsstaat keine Selbstverständlichkeit ist. Aber wenn es notwendig ist, dann bin ich natürlich dabei.

Die Gediminas-Allee im Herzen der Hauptstadt Vilnius ist von so vielen Polizeibeamten, -autos und -pferden bewacht, daß in ganz Litauen kein Polizist mehr übrig sein kann. Ein guter Tag für Einbrüche. Grund sind die angekündigten Gegendemonstrationen und angedrohten Gewaltakte gegen die Parade. Die Organisation seitens der Lithuanian Gay League und der Polizei ist jedoch hervorragend und erkennbar sowie erfolgreich auf Deeskalation ausgerichtet.

Ich hatte die Befürchtung, daß ich mir ein bißchen wie im Zoo vorkommen werde, wenn ich mit einer Menge Homosexueller durch die Stadt laufen und vom Rest der Bevölkerung vom Straßenrand aus mißtrauisch beobachtet werden würde. Wenigstens wurde in letzter Minute auf das geplante Absperrgitter verzichtet.

nationalist protesters Baltic PrideWie im Zoo komme ich mir dann trotzdem vor, aber in umgekehrter Weise: Man könnte meinen, man ginge zu einer Homosexuellen-Parade um außergewöhnliche, ulkige, irgendwie „andere“ Menschen zu sehen, und dann sieht man die abstrusesten und abartigsten Leute unter denen, die außerhalb der Parade stehen und laustark dagegen protestieren. Trotz der von manchen Demonstranten bewußt aufgebauten Drohkullisse und vereinzelter Gewalt können wir, die wir in der Mitte des breiten Boulevards marschierten, uns vor Lachen oft nicht halten angesichts dessen, was uns da entgegen gerufen wird. Von religiösen Fanatikern bis zu Nationalisten, von muskelbepackten Bodybuildern (ein Milieu, das ich bisher immer selbst mit Homosexualität in Verbindung gebracht hatte) zu einem alten Mann mit einer lebenden Ziege am Strick, von EU-Gegnern zu nicht näher definierbaren Wirrköpfen ist alles vertreten.

Unter den Passanten, die sich nicht in den Marsch einreihen, sondern das Spektakel vom Trottoir aus beobachten, überwiegen aber die neutral Neugierigen. Von vielen gibt es erkennbare Zeichen der Zustimmung, unterstützendes Winken, Klatschen, Daumen hoch. Bei der nächsten Baltic Pride werden noch mehr Menschen mitmarschieren, traue ich mich zu prognostizieren.

Vereinzelt fliegen Eier. Wenn Demonstranten Mitbürger mit Eiern bewerfen, während sie gefilmt werden und während Polizisten vor ihnen stehen, dann kann man sich ausmalen, wie solche Radikalinskis mit (vermeintlich) Homosexuellen umgehen, wenn sie ihnen nachts in einer Überzahl-Unterzahl-Konstellation begegnen.

Je mehr ich mit den Kollegen von der Baltic Pride ins Gespräch komme und je mehr ich von Alt und Jung am Straßenrand lautstark in Kollektivhaftung für alles von AIDS bis Kindesmißbrauch genommen werde, desto mehr merke ich, daß ich mich als strikt heterosexueller Mann unter all den Homosexuellen wohler fühle als im Rest der Gesellschaft, in dem man nie sicher weiß, hinter welcher Fassade ein homophober Eiferer, ein bigotter Idiot oder ein Verachter von Menschenrechten steckt.

Stuart Milk Baltic PrideDie Schlußveranstaltung der Baltic Pride findet auf dem Lukiškės-Platz statt, der bis 1991 Lenin-Platz hieß. Lenin ist weg. Nicht nur deshalb wehen der Wind der Geschichte und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft über den sonnenbeschienenen Platz. Stuart Milk hält eine mitreißende Rede. Er ist der Neffe von Harvey Milk, des ersten offen homosexuellen Politikers in den USA, dessen Familie zufällig aus Litauen stammte und der 1978 erschossen wurde. Auf Stuart Milk flogen heute nur Eier, auch das irgendwie ein Fortschritt.

Als sich die Versammlung auflöst, kommt eine der Organisatorinnen auf mich zu und schlägt angesichts der noch herumlungernden Gegendemonstranten vor, daß ich für den Nachhauseweg die kleine Regenbogenfahne von meiner Jacke entferne, die mich als einen Teilnehmer der Baltic Pride ausweist. „Ja, ich weiß,“ stimme ich resigniert zu. Wie muß es sein, wenn man nicht nur einmal im Jahr Angst haben muß, wegen seiner Überzeugungen angepöbelt zu werden, sondern wenn man jeden Tag Angst haben muß, wegen seiner Identität beleidigt oder verprügelt zu werden?

(This article is also available in English. Und einen Bericht über die Gegendemonstranten gibt es dort auch.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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5 Antworten zu Unter Schwulen: Baltic Pride 2013

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  2. Anja schreibt:

    Hallo,
    ich habe mich gefreut, den Artikel über den Baltic Pride 2013 zu lesen, weil ich drei Jahre lang in Litauen gelebt habe, als eine solche Parade über den „Gediminas“ noch nicht möglich gewesen wäre. Mir gefällt Ihr Artikel auch, aber leider ärgert mich Ihre Überschrift „Unter Schwulen“. Soweit ich weiß, waren auch viele Lesben dabei… Es ist leider ein weit verbreitetes Phänomen in der deutschen und sonstigen Presse, dass sehr oft von Schwulenparaden, Schwulendemos etc. berichtet wird. „Unter Homosexuellen“ wäre als Überschrift passender. Viele Grüße von Anja

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