Salaspils – Eine Zugfahrt ins Grüne

Ein Nahverkehrszug von Riga aus, der an diesem Freitag Mittag fast voll besetzt ist und an jeder Station, also alle paar Minuten, anhält. Ich fahre bis nach Dārziņi, einer Haltestelle mitten im Wald. Ein schöner baltischer Kiefern- und Birkenwald, mit immer noch viel Schnee dazwischen, obwohl es schon Mitte März ist.

Ich weiß nicht, ob die anderen Passagiere den Ausblick genießen, oder ob sie überhaupt wissen, wo genau wir hier sind. Ein sehr junger Vater ißt Kartoffelchips aus einer Tüte, ohne seinem (zumindest denkt, daß es seins ist) Kind im Kinderwagen vor ihm etwas abzugeben. Zwei Mädchen spielen Karten; die daraus hervorgehende Siegerin führt einen Freudentanz auf, der danach aussieht, daß er mehr der Selbstdarstellung als der Freude am gewonnenen Glücksspiel geschuldet ist. Zwei ältere Damen machen sich über genau jenes Verhalten und die vermutlich dahinterstehende Motivation lustig. Ich bin der einzige Fahrgast, der in Dārziņi aussteigt. Einsteigen tut auch nur einer; ein Mann, der torkelnd die Böschung zum Bahnsteig mehr hochpurzelt als hochklettert. Die Schaffnerin wartet geduldig mit dem Abfahrtssignal auf ihn. An diesem verlassenen Ort soll heute niemand zurückbleiben. Außer mir.

Wenn man in west- und mitteleuropäischen Großstädten 25 Minuten mit dem Zug aus dem Zentrum fährt, ist man in einer Trabantensiedlung für sozial Schwache, in einem Vorort für sozial Starke oder in der Nähe eines Fußballstadions. Wenn man in osteuropäischen Großstädten 25 Minuten mit dem Zug aus dem Zentrum fährt, ist man an einem Ort, an dem zur Zeit der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg Massenerschießungen stattfanden oder wo einst ein Konzentrationslager das Morden automatisierte. Immer sind diese Orte in einem schönen, grünen Wald, was der sprichwörtlichen Liebe der Deutschen zum Wald eine zusätzliche, düstere Interpretation gibt. Immer haben diese Orte eine gute Eisenbahnanbindung.

path to Salaspils

Der Ort, den ich hier besuchen will, scheint nicht sehr populär zu sein. Es gibt keine Wegweiser, keine Hinweisschilder, nichts. Zum Glück hatte ich vorher die Karte studiert, so daß ich jetzt weiß, in welche Richtung ich mich durch den Schnee stapfend begeben muß. Nach etwa 20 Minuten öffnet sich eine Lichtung im Wald und zeigt mir an, daß ich mein grausiges Ziel erreicht habe: den Ort, an dem die Nazis 1941 das Arbeitslager Salaspils, auch Lager Kurtenhof genannt, errichteten.

Lichtung Salaspils

Die SS errichtete das Lager Salaspils/Kurtenhof im Oktober 1941 für aus Deutschland und Mitteleuropa deportierte Juden sowie für die lettische Juden und politische Gefangene. Eine große Zahl der bei der Errichtung des Lagers eingesetzten circa 1.000 jüdischen Zwangsarbeiter starb an den Arbeits- und Lebensbedingungen. Die Todesrate war so hoch, daß die SS noch vor Fertigstellung des Lagers weitere 500 bis 800 Juden aus dem Ghetto in Riga zum Arbeitseinsatz in Salaspils zwang.

Die große, freie, jetzt schneebedeckte Fläche wird dominiert von sieben riesigen Betonskulpturen. Errichtet wurden sie 1967. Sowohl Stil als auch Aussage sind deutlich sowjetisch. Die monumentalen Figuren sollen nicht nur an das Leid und die Unterdrückung, sondern auch an den erfolgreichen Kampf gegen den Faschismus erinnern. Sie sind wuchtig, wie fast alles was die Sowjetunion je unternommen hat.

Salaspils memorial snow

Nur eine russischsprachige Reisegruppe befindet sich auf dem Gelände der Gedenkstätte. Die Ausführungen der Reiseleiterin werden unterlegt von einem Metronom, das in einen Marmorblock eingelassen ist und durch gleichmäßige, dumpfe Schläge den menschlichen Herzschlag symbolisieren soll. Tack, tock, tack, tock. Die Teilnehmer der Gruppe zerstreuen sich, wandern still über das Gelände, machen ein paar Fotos und fahren schließlich weiter. Kein Mensch ist mehr hier außer mir. Eine erläuternde Ausstellung ist nicht vorhanden. Nur das ständige tack, tock, tack, tock.

Es ist Mitte März, also bald Frühlingsbeginn, und die Mittagssonne scheint. Aber der eisige Wind, der über die große Lichtung fetzt, läßt mich trotz zweier Hosen, mehrerer Pullover, zweier Jacken, Mütze, Schal und Handschuhen frieren. Es hat 6 Grad minus, nachts geht es bis auf 20 Grad minus hinab. Nach nur zwei Stunden an diesem Ort kann ich mir nicht vorstellen, wie ausgehungerte, abgearbeitete Häftlinge mit notdürftigster Kleidung in nicht geheizten Baracken hier überleben konnten. Aber überleben sollten sie ja auch nicht.

Die genaue Zahl der Opfer sowie der Insassen ist nicht bekannt. Die niedrigsten Schätzungen gehen von mehreren Tausend Toten aus. Salaspils war ein Lager, in dem besonders viele Kinder inhaftiert waren und starben, oft an Typhus, Masern oder anderen Krankheiten. Den gesunden Kindern wurde Blut abgezapft, das für Blutkonserven für Wehrmachtssoldaten verwendet wurde. Daß die Kinder dadurch noch mehr geschwächt wurden und letztendlich starben, hat die SS in Kauf genommen. Allein in einem der Massengräber in Salaspils wurden 632 Leichen von Kindern im Alter zwischen 5 und 9 Jahren gefunden.

Das Gedenken an die ermordeten Kinder findet hier Formen, die ich in noch keiner KZ- oder ähnlichen Gedenkstätte gesehen habe. Bunte Stofftiere, Spielzeug, Süßigkeiten liegen auf einigen der Gedenksteine. Bis auf das Grün der fernen Bäume sind sie das einzig Farbige an diesem Ort, der so von Tod und Grauen erfüllt ist, daß dagegen sogar die Stofftiere wie lebendig wirken. Ich weiß noch nicht, ob ich es kitschig oder rührend finde, würde gerne mehr darüber erfahren, wer diese Gegenstände hier mit welchen Gedanken zurückgelassen hat.

Stofftiere Salaspils

Selbst die Auflösung des Lagers Salaspils im September 1944 (wegen der heranrückenden Sowjetarmee) brachte keine Freiheit für die bis dahin überlebt habenden Häftlinge. Obwohl Wehrmacht und SS sich durch jede Verzögerung ihres Rückzugs der Gefahr näherbrachten, in sowjetische Gefangenschaft zu geraten, und obwohl ihnen klar sein mußte, daß der Zweite Weltkrieg für Deutschland verloren war und das Deutsche Reich sich seinem Ende zuneigte, vergasen sie nicht, die Lagerinsassen noch in das KZ Stutthof bei Danzig zu verbringen. So ein sich zu Ende neigender Weltkrieg war anscheinend kein Grund, beim Völkermord nachzulassen.

Ich verlasse die Gedenkstätte, indem ich unter dem enormen Betonbalken hindurchgehe, der schräg wie gebrochen daniederliegt und in den die Aufschrift „Hier stöhnt die Erde“ eingelassen ist.

Salaspils memorial entrance

In nur wenigen hundert Metern Anstandsabstand stehen einige Kreuze, deren Form doch sehr den Eisernen ähnelt. Und tatsächlich, die Kriegsgräberfürsorge war sich nicht zu schade, auf dem Boden eines ehemaligen SS-Arbeitslagers ein Denkmal für 146 deutsche Kriegsgefangene zu errichten. Die Täter erschleichen sich so ein Gedenken an der ehemaligen Wirkungsstätte ihres Massenmordes.

Kriegsgräberfürsorge Salaspils

Dabei ist es nicht so, wie wenn die Letten Nachhilfe in Geschichtsrevisionismus bräuchten: Am nächsten Tag, den 16. März 2013, werden in Riga die lettischen Wehrmachts- und SS-Veteranen vor dem Freiheitsdenkmal ihrer selbst gedenken und öffentliche Anerkennung einfordern.

(This article is also available in English.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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6 Antworten zu Salaspils – Eine Zugfahrt ins Grüne

  1. AMC schreibt:

    Danke für den erschütternden Bericht (Berichte jener Art sind immer erschütternd), der mich unvermutet traf, da ich Fröhliches oder Natürliches aus Sizilien erwartete. Ich besuche auch manchmal Stätten jener Art, auch allein, jedenfalls jenseits des offiziellen Gedenkens.

    • Andreas Moser schreibt:

      Aus meiner Zeit im Baltikum habe ich leider noch mehr solcher Berichte in meinen Notizbüchern. Wenn ich an solchen Orten bin, will ich auch immer allein verweilen, um meine Gedanken zu sammeln.

      Aber keine Sorge, es kommen auch wieder fröhlichere Artikel.

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