Territoriale Integrität? Es gibt Wichtigeres.

Demokratie und Selbstbestimmung sind toll. Niemand sollte aber glauben, daß ein auf die Schnelle aus dem Hut gezaubertes Referendum mit eingeschränkten Auswahlmöglichkeiten ohne vorherige intensive öffentliche Diskussion der zur Abstimmung stehenden Frage ein gelungenes Beispiel für direkte Demokratie darstellt. Ebensowenig ist es für das Selbstbestimmungsrecht einer Bevölkerung förderlich, wenn solch eine Abstimmung während der militärischen Besatzung durch einen nicht für demokratische Prozesse bekannten Nachbarstaat durchgeführt wird.

Das Referendum auf der Krim am 16. März 2014 mit einer Zustimmung, wie sie selbst die CSU bei den gleichzeitig in Bayern stattfindenden Kommunalwahlen nur in ganz wenigen Gemeinden in Niederbayern erzielen konnte, war also ein noch schlechterer Witz, als die Witze, die sich die Matrosen in der Kneipe in Sewastopol beim Wodka erzählen. Über diesen Witz lacht nur einer – Putin -, aber der Rest der Welt muß entscheiden, wie er darauf reagiert.

Westliche Reaktionen auf die Krimkrise kommen sehr schnell auf den Aspekt der territorialen Integrität zu sprechen. Dieses Wortungetüm bedeutet, daß ein Land nicht auseinandergerissen, filetiert, zerstückelt oder anderweitig geteilt werden darf. Staaten sind keine Pizza, die man beliebig teilen kann. Mit dem Argument der Unverletzlichkeit der territorialen Integrität der Ukraine setzt der Westen aber auf das schwächste Argument überhaupt.

Wieso soll es ein hehres internationales Prinzip darstellen, daß das Territorium eines Landes nicht schrumpfen oder wachsen darf? Viel entscheidender ist doch, wie es den Menschen in diesem Territorium geht: wenn Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Prosperität herrschen, sollte es sekundär sein, welche Fahne vor dem Rathaus weht. In der EU haben wir das eigentlich kapiert, weshalb niemand mehr um Elsaß-Lothringen oder um Triest Kriege führt.

"Tut mit leid. Ich wollte damit keinen Krieg auslösen!"

„Tut mit leid. Ich wollte damit keinen Krieg auslösen!“

Auch ich hätte mir gewünscht, daß die Krim bei der Ukraine verleibt. Aber nicht weil das die aktuelle (und wenn man die Geschichte kennt: ziemlich willkürliche) Grenzziehung war, sondern weil ich glaube, daß es für die Bewohner der Halbinsel besser ist, in einem Land mit einer demokratischen, europäischen Perspektive zu leben als in einem autoritären Mafia- oder Rambo-Staat. (Außerdem, aber das ist eher ein egoistisches Motiv, finde ich es gut, ein russischsprachiges Gebiet in einem visumsfrei zu bereisenden Land zu haben, weil ich dort mal gerne für ein paar Monate Russisch lernen würde.)

Aus der deutschen Geschichte wissen wir, daß ein Land nicht unbedingt zu einem schlechteren Land wird, wenn es schrumpft. Und seit 1990 wissen wir, daß Gebietsteilungen nicht unumkehrbar sind. „Auf die Größe kommt es nicht an,“ wie wir Männer in anderen Zusammenhängen beteuern.

Man muß nicht mehr als 25 Jahre zurückgehen, um zu erkennen, daß einige der jetzigen EU-Mitgliedstaaten aus „Verletzungen der territorialen Integrität“ damals noch existierender Staaten entstanden sind. Als Slowenien 1991 seine Unabhängigkeit von Jugoslawien erklärte, obwohl es vorher nie als eigenständiger Staat existiert hatte, beharrten wir nicht auf der territorialen Integrität Jugoslawiens. Ebensowenig beharrten wir auf der territorialen Integrität der Sowjetunion als sich Litauen, Lettland und Estland unabhängig erklärten.

Zu jeder Zeit der Weltgeschichte haben sich Grenzen verändert. Wieso sollte dieser Prozess gerade vor dem 16. März 2014 ein für allemal abgeschlossen sein?

Mir scheint, daß dieses Beharren auf starren Grenzen dem Wunsch entspricht, die Welt überschaubar zu halten. Das ist sie aber nicht. Diese Vereinfachung ist nicht nur intellektuell unzufriedenstellend, sondern sie begeht auch den folgenreichen Fehler, eine Linie auf einer Karte höher zu bewerten als Menschenleben. Aus diesem Drang zum Bewahren von alten Grenzen sind schon eine ganze Menge von Problemen erwachsen. Ein paar Beispiele aus jüngster Zeit:

  • In Bosnien-Herzegowina wurde im Dayton-Abkommen darauf beharrt, diesen künstlichen, ehemaligen jugoslawischen Teilstaat intakt zu lassen, obwohl Randgebiete davon viel lieber zu Serbien bzw. Kroatien gehört hätten. Das Ergebnis ist ein uneinheitlicher, fast unregierbarer Staat mit einer Vielzahl von aufgeblähten kommunalen, regionalen, staatlichen und internationalen Verwaltungsebenen.
  • Der gleiche Fehler wurde im Kosovo begangen. Die überwiegende Mehrzahl der Staaten der Welt erkannte das unabhängie Kosovo in den Grenzen der einstigen jugoslawischen Provinz an, anstatt dies auf die 90% des Gebiets zu beschränken, die albanisch bewohnt und geprägt sind, und den fast ausschließlich serbisch bewohnten Nordteil bei Serbien zu belassen. Heute würde in Pristina kein Hahn mehr nach Nord-Mitrovica krähen, und das Verhältnis zwischen Serbien und Kosovo könnte wesentlich kooperativer sein.
  • Mehr als 10 Jahre lang haben wir darauf bestanden, Afghanistan als ein einheitliches Gebilde zu behandeln, obwohl viele dessen Bewohner dies gar nicht so wichtig finden. Wenn sich ISAF auf die zu befriedenden und stabilisierenden Teile Afghanistans konzentriert hätte, säßen zwar in Kandahar noch die Taliban, aber durch die Konzentration unserer Ressourcen hätten wir zum Beispiel in und um Kabul und Herat durchaus so etwas wie eine Gesellschaft mit echten Überlebenschancen aufbauen helfen können. Vielleicht. So haben wir in ganz Afghanistan halbherzig herumgefuhrwerkt, werden dieses Jahr abziehen, und ganz Afghanistan wird den Bach runter gehen. Wenigstens müssen wir uns keine neuen Grenzen merken.
  • Obwohl im Norden von Somalia mit Somaliland und Puntland zwei einigermaßen stabile Regionen ihre Unabhängigkeit erklärt haben, werden diese international kaum anerkannt, und die Welt beharrt stattdessen darauf, ganz Somalia als gescheiterten Staat zu betrachten.

Zurückkommend auf die Krim ist das Problem also nicht, wo genau die Grenze zwischen der Ukraine und Russland verläuft. Das wirkliche Problem ist die Existenz eines großen, aggressiven, machthungrigen, autoritären, menschenrechtsfeindlichen, korrupten und unkooperativen Staates auf unserem Kontinent. Dieses Problem bestand schon vor der Krimkrise und wird sich nicht durch Kontosperrungen und Einreiseverbote lösen lassen. Selbst das Eindämmen eines solchen Problems erfordert eine Anstrengung, wie wir sie seit dem Kalten Krieg nicht mehr geleistet haben. Wenn wir dazu nicht bereit sind, können wir den Staaten in Osteuropa, die nicht Mitglied der NATO sind, auch gleich sagen „tut uns leid“. Vorsorglich können wir diese Entschuldigung schon mal nach Moldawien entsenden, wo mit Transnistrien und Gagausien die nächsten Konfliktherde liegen.

(Dieser Artikel wurde auch auf CARTA veröffentlicht. – This article is also available in English.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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23 Antworten zu Territoriale Integrität? Es gibt Wichtigeres.

  1. aussteiger schreibt:

    die bundesregierung und die medien haben uns 70 jahre belogen:

  2. Pingback: There are more important things than territorial integrity | The Happy Hermit

  3. stefan schreibt:

    „sondern weil ich glaube, daß es für die Bewohner der Halbinsel besser ist, in einem Land mit einer demokratischen, europäischen Perspektive zu leben als in einem autoritären Mafia-Staat.“

    Es ist alledings arg vermessen das zu sagen. Wenn ueberhaupt dann sollten das die betroffenen Menschen entscheiden.

    • Andreas Moser schreibt:

      Absolut. Aber in einem freien und fairen Referendum ohne bewaffnete Schergen, die vor den Wahllokalen Spalier stehen. – Ich habe damit nur ausgedrückt, wie ich selbst in solch einem Referendum abstimmen würde. Aberselbstverständlich würde ich es akzeptieren, wenn die Mehrheit anders entscheidet.

      • stefan schreibt:

        Naja, die Wahlbeobachter waren einstimmig der Meinung das das Referendum in jedem Fall so ausgegangen waere wie es ist. Hoechstens mit einem schwaecheren Resultat.
        Selbst die „Deutschrussen“ dort haben fast einstimmig fuer Russland votiert.
        Man kann also schon davon ausgehen das die Mehrheit fuer Russland ist. Man kann hoechstens darueber streiten wie gross die Mehrheit wirklich ist.

  4. stefan schreibt:

    „Das wirkliche Problem ist die Existenz eines großen, aggressiven, machthungrigen…..“

    Die Beschreibung passt auf viele westliche Laender. Ganz voran die vereinigten Staaten.

    • Andreas Moser schreibt:

      Der in eine Richtung gehende Strom von Flüchtlingen und Asylsuchern und Auswanderern bestätigt mich darin, daß es ziemlich eindeutig ist, wo Gut und Böse auf der Landkarte sind.

      Die USA sind kein Paradies, aber selbst zu ihren schlechtesten Zeiten sind sie besser als Russland zu seinen besten.

      • stefan schreibt:

        Ich war immer davon ausgegangen das wir nicht mehr in Zeiten von „Gut und Bose“ leben. Aber leider scheine ich mich geirrt zu haben.

        Wenn die Swoboda Partei in der Ukraine nun das Land von Juden, usw. saeubern will dann weiss ich schon wer der „Boese“ ist.

        Ach ja. Wieviel Menschen leben in den USA mittlerweile von Suppenkuechen? Wann ist man denn besser dran? Wenn man was zu essen hat oder wenn man schreiben kann was man will? Mit vollem Bauch faellt die Anwort leicht.

      • Andreas Moser schreibt:

        Zwischen der EU und Russland fällt die Wahl zwischen „gut“ und „schlecht“ doch sehr leicht, egal ob einem frei Wahlen, eine unabhängige Justiz, Minderheitenrechte oder eine freie Presse wichtiger sind.

  5. Dante schreibt:

    Sehr geehrter Hans Moser,
    mir fälllt auf, dass auf Deutsch wie Englisch praktisch dieselben Beiträge zu lesen sind. Ich werde etwas davon abweichen.

    Zwischen der EU und Russland fällt die Wahl zwischen “gut” und “schlecht” doch sehr leicht…

    Sagen wir lieber, zwischen besser und schlechter, vielleicht noch besser weniger schlecht und schlechter. Ich halte Putin für einen ziemlich abgebrühten Machtpolitiker (wie sagt man das auf Englisch), der nie ganz wird verleugnen können, dass er gelernter Geheimdienstler ist. Für den schlimmsten Akteur in diesem Konflikt halte ich ihn nicht. Eher für einen Politiker, der ganz der Ratio der Macht gehorcht und keinesfalls zulassen will, dass sich durch einen etwaigen EU- oder vor allem NATO-Beitritt das noch immer rivalisierende Bündnis entgegen einer früheren Zusicherung tatsächlich bis vor die russische „Haustür“ ausdehnt und womöglich Russland noch aus dem Schwarzen Meer verdrängt wird. Mithin, ich kann sein Handeln rational nachvollziehen.
    Das so genannte Referendum auf der Krim halte ich natürlich für lächerlich. Wenn ich überall gläserne Urnen hinstelle und den Leuten einschärfe, dass sie (a) zur Wahl zu gehen haben und (b) bekannt sein wird, wie sie gestimmt haben (man braucht gar nichts Konkretes anzudrohen, es reicht völlig, wenn man sagt, man werde sich rechtzeitig daran zu erinnern wissen), komme ich natürlich auf einen hohen Prozentsatz, woraus aber niemand die tatsächliche Zustimmung ablesen kann.
    Der ukrainischen Führung traue ich aber mindestens ebensowenig wie Putin. Es sind Swoboda-Leute darunter, auch einer, der ‚antisemitische‘ Tiraden von sich gegeben hat. Entweder denkt er so, dann ist das schlimm, oder er konnte damit Stimmen gewinnen, um so schlimmer. Und auch die sogenannten demokratischen Kräfte um Timoschenko feinern einen Stepan Bandera als Helden, obwohl an dessen Händen Blut unschuldiger Menschen klebte, die getötet wurden, nur weil sie Juden waren.
    Seine Ernennung zum Helden und die spätere Aberkennung dieses Status hat mir Juschtschenko unsympatischer und Janukowitsch sympathischer gemacht, wie ich freimütig zugeben muss – auch wenn die Motive vermutlich andere waren als das Massaker von Lemberg.
    Völlig indiskutabel ist der Rechte Sektor. Diese Leute stehen gegen alles, was die EU als Werte propagiert (und leider auch keineswegs immer verwirklicht). Sie wollen mehr Macht – verdammt noch mal, sie haben nicht auch nur das geringste bisschen Macht verdient. Das Blut der Toten von Babi Jar (ich nehme jetzt aus Daffke die russische Form) schreit zum Himmmel, dass solchen Kräften auf gar keinen Fall auch nur das geringste Bisschen Macht verliehen werde. Klingt jetzt vielleicht pathetisch, aber das mag daran liegen, dass mir der Anblick dieser Fressen und die Sprüche geradezu körperliche Schmerzen bereiten.

    • Andreas Moser schreibt:

      Für die sowohl des Englischen als auch des Deutschen mächtigen Leser sind meine Blogs tatsächlich doppelte Arbeit. 🙂

      Die Nationalisten, Neo-Nazis und Antisemiten in der Ukraine bereiten mir ebenso die größten Befürchtungen und ebenso eine Abscheu wie Ihnen. Ein Problem, das sich so ja leider auch in etlichen Staaten Osteruopas bietet. Während meines Jahres im Baltikum habe ich selbst genug Geschichtsverfälschung, auch von staatlicher Seite, gesehen und war enttäuscht darüber, wie wenig andere europäische Staaten sich darum – zumindest aufklärend und ermahnend – kümmern. Gerade wenn es um die Zeit des Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust geht, finde ich, daß diese Rolle Deutschland zufallen sollte. Wenn unsere Regierung und Repräsentanten da still sind, dann ist das kein ermutigendes Signal für die Demokraten in der Ukraine, die sich von den radikalen Nationalisten abgrenzen wollen.

  6. American Viewer schreibt:

    Zurückkommend auf die Krim ist das Problem also nicht, wo genau die Grenze zwischen der Ukraine und Russland verläuft. Das wirkliche Problem ist die Existenz eines großen, aggressiven, machthungrigen, autoritären, menschenrechtsfeindlichen, korrupten und unkooperativen Staates auf unserem Kontinent.

    Genau darum geht es. Endlich mal jemand, der verstanden hat, worum es in dieser Krise geht.
    Es ist eigentlich auch nicht schwer zu verstehen, aber wenn man sich die Kommentare in westlichen Foren so durchliest, leucht es so einigen offenbar kein bisschen ein.

    Die Motive der Putin-Versteher sind mir dabei weiter unklar. Schlichte Ignoranz? Wohlstandsverwahrlosung? Bewunderung für den „starken Mann“?

    Ich schleppe jetzt schon seit Wochen einen Artikelentwurf zu diesem Thema herum, wo ich es ähnliche formuliere, habe es bisher aber nie veröffentlicht, weil man bei der eigenen Leserschaft den Eindruck hatte, es ist wie Perlen vor die Säue werfen

  7. Pingback: Ein Vorschlag für Königsberg | Der reisende Reporter

  8. chartlaie schreibt:

    Warum fragt man sich nicht anhand der Zahlen zu Militär-Ausgaben und weltweiten Stützpunkten,
    wer da wohl der Böse ist; glaubt noch ein Mensch, dass Uncle Sam weltweit aus humanitären Gründen (Verteidigung der Freiheit, lol) überall Militär hat? In der Ukraine gab es eine gewählte Regierung, die Wahlen waren seitens des Westens als fair eingestuft. Mit wessen Geld wurde diese Regierung (jede Kritik an ihr unterschreibe ich) hinweggeputscht? Wer hat die unbekannten Scharfschützen bezahlt? In welchem Land sitzen machtgeile Oligarchen, die nicht genug kriegen können?
    Übrigens scheint mir der Vergleich zwischen USA und Russland einigermaßen plump. Man könnte sich ja auch fragen, woher der USA-Wohlstand kommt, der das Leben dort angenehm erscheinen lässt. Wird nicht dieser Wohlstand importiert im Tausch gegen letztlich wertlose $$$? Und wer erhält diese? Eine Oberschicht in den entsprechenden Ländern, deren Reichtum verschachert wird. Nichts anderes ist auch mit der Ukraine im Gange, und die Nazis helfen mit, fleißig unterstützt von u.a. deutschen „Sozialdemokraten“.
    Nur ein kleines Beispiel: 50% des Kakaos weltweit wird in der Elfenbeinküste erzeugt; dort arbeiten in Mali gekidnappte Kindersklaven. Der Wohlstand und das angenehme Leben in USA und natürlich auch in Deutschland beruht auf solchen Zuständen, und die kann man nicht einfach als zu einem anderen Bild gehörend ignorieren. Solange der Westen im Ausland Sklaven hat, ist ein Vergleich der Lebensbedingungen mit Russland Augenwischerei.
    Und: Ja klar, ich sitze auch hier lieber in Spanien faul rum und lasse andere für mich die Bananen von den Bäumen holen, die ich im Supermarkt für nen knappen € je Kilo kaufen könnte – nein, ich kaufe nur kanarische. Das hindert mich doch aber nicht daran, über den Tellerrand der Nationalstaaten zu gucken und die wirtschaftlichen Abhängigkeiten wahrzunehmen, durch die nun mal auf der einen Seite ein tolles Leben möglich ist und auf der anderen der Wert der ausgepressten Arbeiter nicht mal dem eines Sklaven im Altertum entspricht, es ist nämlich viel einfacher ranzukommen, man muss nur paar Pfennige Stundenlohn anbieten und sich nicht um Verpflegung und Unterkunft kümmern.
    Noch eine Anmekung zum Thema Putin-Versteher: Ich denke, die so genannten Putin-Versteher verstehen sowohl diesen, als auch seinen Gegenspieler, wobei es völlig egal ist, ob der zufällig Bush oder Obama heißt Und die verstehen auch sehr genau, worum es dieser Fraktion geht, nämlich immer mehr in wenigen Händen zu konzentrieren; und wer’s noch nicht gemerkt hat, wie erfolgreich diese Leute sind, kann sich ja einfach mal paar Statistiken ansehen.
    Querschüsse bietet da einige gut aufbereitete.

  9. Pingback: Mach’s gut, Afghanistan! | Der reisende Reporter

  10. Rüdiger Spormann schreibt:

    Man kann alles zerreden. Auch wenn ich mit Ihren Ansichten. lieber Herr Kollege Moser, nicht immer einverstanden bin, hier muss ich vor Ihrer treffsicheren Analyse („territoriale Integrität“ als Übel) den Hut ziehen. Genau das ist es! Ein überkommenes Denken in Kategorien, die vorgestrig sind. Nur leider: Wer hört auf Sie? Vielleicht sollte man unsere Politiker und alle anderren Entscheider öfter auf lange Reisen schicken, das weitet den Blick und öffnet den Geist. Ihnen alles Gute, Rüdiger Spormann

    • Andreas Moser schreibt:

      Vielen Dank! Gerade weil wir nicht immer einer Meinung sind (und wenn man sich lange genug unterhält, wird man mit jedem Gesprächspartner Meinungsunterschiede feststellen), freut mich das besonders.

  11. Pingback: Was erwartet Ihr von 2015? | Der reisende Reporter

  12. Abcd schreibt:

    Auch hier möchte ich mich äußern.

    Der Norden Kosovos wurde erst durch die Vertreibung der Albaner im Norden zu dem überwiegend von Serben bewohntem Gebiet. Als der Großteil Albaner von den serbischen Militärs vertrieben worden ist, wurden die Gebiete „entalbanisiert“. Zu diesem Zeitpunkt waren fast alle Albaner, begleitet von eben diesen serbischen Militärs in überwiegend in Richtung Albanien und dem nördlichen, mehrheitlich von Albaner bewohnten Mazedonien. Dadurch wurden Wohnungen, Häuser und ganze Ländereien sowie Grundstücke frei, die von den Militärs und Zivilpersonen für sich beansprucht wurden. Dann kam die Nato der eher bescheidenen aber nennenswerten albanischen Befreiungsarmee zur Hilfe (für den einen Freiheitskämpfer und für den anderen Terrorist, wie immer bei Unabhängigkeitskriegen), wodurch sich das Kräfteverhältnis änderte und die Serben zurückgedrängt wurden. Einerseits musste sich das Militär zurückziehen, da es offiziell als der Feind galt. Und anderseits flohen nun Zivilisten, vor allem jene die die Vertreibung ihrer ehemaligen Nachbarn, Arbeitskollegen usw. unterstützt hatten und sich im Krieg auf Kosten dieser Albaner bereicherte. Diese flohen alle in den Norden, der von Albanern geräumt wurde. Ganz schlimme Übeltäter flohen für immer nach Serbien, um die schlimmen Taten nicht verantworten zu müssen.

    Die Bevölkerung des Nordens ist daher das Ergebnis der Kriegsverbrechen gegenüber der albanischen Bevölkerung. Grund dafür dürfte der Reichtum an Bodenschätzen sein, den Serbien damals wie heute (aktuell ein Thema) für sich beansprucht. Gleichzeitig hat der Westen den Statusquo so lange beibehalten, um den Norden künstlich zu destabilisieren, damit er günstig bleibt. Krisenherde sind für Investoren immer sinnvoll, da billig. Meiner Meinung nach ist der Norden Eigentum aller kosovarischen Bürger, egal welcher Ethnie, die sich diesem künstlichen Staat zugehörig fühlen. Nur sie litten unter dem Krieg, nicht die Kapitalisten des Westens oder die aus Serbien.

    Noch eine ergänzende Information zum Thema der Schenkung der Krim als Exkurs. Das Presovotal sowie seine Umgebung östlich von Kosovo, liegt heute in Serbien. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde von Jugoslawien, auf Druck Serbiens, beschlossen einen Korridor nach Mazedonien zu schaffen. Dabei wurde dem Kosovo, ebenfalls auch mehrheitlich albanische Gebiet abgetrennt und an Serbien „geschenkt“. Aus russischer Perspektive müsste dieses Gebiet, was weiterhin albanisch bewohnt ist, zurück an Kosovo.

    Ebenso müsste der Kosovo auch von Rußland anerkannt werden, da es das gleiche in Ossetien tut und die Krim in einer (manipuliert) Volksabstimmung für den Anschluss an Rußland abstimmen ließ. Zwar gab es diese Volksabstimmung nicht in Kosovo, doch die vom Volk gewählte Regierung erklärte sich, im allgemeinem Sinne der Bevölkerung für unabhängig.

    Russland misst hier in zweierlei Maß. Wenn es zum eigenen Vorteil ist, ist eine Region unabhängig, sonst nicht.
    Und der Westen (der seit langem wieder explizit in fast jeder Nachricht so genannt wird) macht das gleiche, begründet aber im Kosovo eine Unabhängigkeit. Zurecht.

    Generell lässt sich sagen, dass albanische Gebiete eine sehr ähnliche Verstümmelung wie Deutschland erfahren musste, mit dem Unterschied dass Deutschland zwei Kriege verloren hat (meiner Meinung nach trifft Deutschland nur die halbe Schuld an den Kriegen). Da Albaner heute überwiegend Muslime sind, wurde die Jagd nach den albanischen Gebieten im Westen toleriert, auch um Rußland entgegen zu kommen bzw einen Gefallen zu tun, was im Britischen Reich teilweise an der Nähe des britischen und russischen Monarchen liegt (Cousins).bei Frankreich ging es eher um den Gefallen an einen Freund, der bei Problemen mit Deutschland hilft.
    Weil aber Kosovo kein Instrument gegen andere politische Systeme, wie dem Kommunismus ist, wurde es nicht wie Deutschland von den USA hochgepuscht. Dazu kann man sich vllt mit dem Thema des Mythos Wirtschaftswunder befassen, was keins war sondern nur die systematische Aufzucht eines starken Knechtes namens Deutschland. Da liegt unsere Abhängigkeit begründet.

    Und nun zu den Gründen: Kosovo ist sehr reich an Bodenschätzen. Sowohl im Norden als auch im übrigen Gebiet. Aus diesem Grund wurde militärisch eingegriffen und ein neuer Staat erschaffen. Wie immer geht es nicht um die Bevölkerung, sondern ums Geschäft.

    • Dante schreibt:

      …für den einen Freiheitskämpfer und für den anderen Terrorist, wie immer bei Unabhängigkeitskriegen

      Ich verabscheue diesen törichten Subjektivismus, der in den Wörtern „Terrorist“ oder „Freiheitskämpfer“ nur Wertungen sieht und behauptet, da stehe nichts Objektives hinter.
      Das tut es aber: Das Wort „Freiheit“ in „Freiheitskämpfer“ bezieht sich auf das Ziel, für dass jemand kämpft. Letztes lässt die Frage offen, wessen Freiheit gemeint ist und wie diese aussehen soll. „Freiheit das Ziel“ sangen schließlich auch die Landser, die ausgezogen waren, um die Völker Russlands zu versklaven, und das Lied endete mit den Worten „Führer befiehl, wir folgen dir“, was mit Freiheit nicht so viel zu tun hat. Aber dies nur nebenbei.
      Das Wort „Terrorist“ hingegen kommt von terror (lat. „Schrecken“) und bezieht sich auf die Mittel, mit denen jemand kämpft.
      Da man natürlich mit Schrecken als Mittel für Freiheit kämpfen kann, schließen sich ‚Freiheitskämpfer‘ und ‚Terrorist‘ keinesfalls aus.
      Übrigens muss ein Terrorist nicht einmal zwangsläufig ein Mörder sein, denn Schrecken verbreiten kann man auch, ohne Menschen zu töten.
      Umgekehrt ist manches, was unter Terror subsumiert wird, überhaupt keiner, was die Sache aber nicht besser macht. Den Nazis dienten die Konzentrationslager als Mittel zum Terror und zum Holokaust, der selbst aber kein Terror war. Schließlich soll ein Terrorakt möglichst bekannt werden, der Holokaust hingegen sollte so gut wie möglich verschleiert werden, selbst vor den Opfern.

      Generell lässt sich sagen, dass albanische Gebiete eine sehr ähnliche Verstümmelung wie Deutschland erfahren musste,…

      Das Wort „Verstümmelung“ stellt genau die Vergötzung der Territorialen Integrität dar, die diesen Artikel angeprangert wird. Es legt nahe dass man in einem Land so etwas wie ein „organisches Ganzes“ sieht, dem menschlichen Körper vergleichbar. Ich sehe das nicht so. Ländergrenzen sind letztlich immer etwas Künstliches.

      …mit dem Unterschied dass Deutschland zwei Kriege verloren hat (meiner Meinung nach trifft Deutschland nur die halbe Schuld an den Kriegen).

      Beim ersten stimme ich zu, beim zweiten nicht, denn Hitler wollte den Krieg unbedingt und war über die nichtkriegerische („friedlich“ will ich sie keinesfalls nennen) Lösung der Sudetenkrise enttäuscht.
      Schuld muss sich auch keineswegs auf 100% aufaddieren. Wer einen Krieg aus ideologischen Gründen unbedingt will und auch dann beginnt, dessen Verantwortung würde auch nicht dadurch geschmälert, dass jemand anders, sei es als sein Verbündeter oder Gegner, dasselbe täte.
      Ein Historiker, den Erika Steinbach zitierte, wies auf die Teilmobilisierung Polens im März 1939 hin, wohl, um damit deutlich zu machen, dass Deutschland sich durch Polen durchaus provoziert habe fühlen können.
      Das Faktum ist korrekt, die Schlussfolgerungen jedoch nicht: In eben diesem Monat, März 1939, hatte Deutschland gerade das Münchner Abkommen gebrochen Und war in die sogenannte Rest-Tschechei einmarschiert. Das gab den Polen die Gewissheit, dass Deutschland nicht zu trauen war.

  13. chartlaie schreibt:

    zum Thema „Demokratischer Umsturz“ informiert sich der interessierte Leser mal wieder bestens bei burks.
    https://www.burks.de/burksblog/2015/02/05/putsch-in-der-ukraine-oder-we-had-brokered-a-deal

  14. Pingback: „Schwarze Erde: Eine Reise durch die Ukraine“ von Jens Mühling | Der reisende Reporter

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