Halbzeit

Heute werde ich 39.

Nach der statistischen Lebenserwartung in Deutschland habe ich noch 39 Jahre zu leben.

Es ist also Halbzeit in meinem Leben. Beim Fußball gäbe es jetzt Werbung, dämliche Kommentare von früheren Nationalspielern oder eine gekürzte Ausgabe der Nachrichten mit dem Neuesten aus der Ukraine und dem Irak. Hier gibt es einen Rück- und einen Ausblick.

Vor fast genau fünf Jahren, wenige Tage vor meinem 34. Geburtstag, hatte ich eine Auszeit: eine Woche lang klingelte kein Telefon, eine Woche lang kein Internet und keine E-Mails, eine Woche lang keine Zeitungen, kein Fernsehen, keine Termine, keine Arbeit, keine Aufgaben, keine Verantwortung, keine Fristen. Ich war abgeschnitten von der Welt. Ich hatte etwas, was die meisten Menschen in ihrem Leben nie haben werden: ich hatte eine Woche lang Zeit, nachzudenken. Ich hatte nicht einmal Bücher, die mich ablenkten.

Egozentrisch wie ich bin, dachte ich über mich und mein Leben nach. Ich hatte bis dahin viel gearbeitet, war Rechtsanwalt, hatte mit 26 eine eigene Kanzlei gegründet, die mich ziemlich auf Trab hielt, war in der Kommunalpolitik aktiv und mischte mich ein, wo immer ich konnte. Viel zu selten sagte ich „nein“, viel zu oft zerrann mir eine Woche zwischen den Fingern, ohne einmal innehalten zu können.

Dieses Experiment funktionierte aber nur, weil ich nicht wußte, wie lange es andauern würde. Wenn Sie sich selbst eine Auszeit von einer Woche gönnen, denken Sie nur daran, was Sie nach dieser Woche alles erledigen und nachholen müssen. Das bringt nichts. In meinem Fall, und jetzt muß ich endlich aufklären, wie es überhaupt zu der Auszeit gekommen war, war ich 2009 während einer Reise im Iran vom dortigen Geheimdienst verhaftet worden. Ich verbrachte eine Woche im Evin-Gefängnis, in Einzelhaft, nur unterbrochen von nächtlichen Verhören, zu denen mir immer die Augen verbunden wurden. Ich hatte keine Ahnung, wie lange diese Haft andauern würde. Nach zwei Tagen fand ich mich innerlich damit ab, daß ich voraussichtlich zwei bis drei Jahre im gefürchtetsten Gefängnis Irans verbringen mußte.

Diese Erkenntnis wurde teuer bezahlt.

Diese Erkenntnis wurde teuer bezahlt.

Diese subjektive Gewissheit einer langen, tiefen und erzwungenen Zäsur war notwendig für die Entscheidung, mein Leben zu verändern. Hatte ich bis dahin solche Überlegungen immer auf nächste Woche, nächsten Monat, nächstes Jahr verschieben können, so lag ich jetzt auf dem Betonboden, wehrte Ameisen ab und suchte nach einer Schlafposition, die die von Knüppelschlägen malträtierten Stellen meines Körpers am meisten schonte. Es gab nichts, das mich davon abhielt, über mich selbst nachzudenken.

Ich wußte, daß ich auch andere Interessen hatte, denn ich war schon viel auf Reisen gewesen, von Australien bis Israel, von den USA bis Syrien. Ich war immer gerne in der Natur gewesen, und ich konnte mich tagelang in einen Roman vertiefen. Einfache Dinge, die mich viel glücklicher machten, als vor Gericht die Probleme anderer Menschen zu lösen. Aber wieso verbrachte ich 90% meiner Zeit nicht mit diesen Interessen, sondern mit Arbeit?

Damals beschloss ich, mein Leben zu ändern. Sofort nach der einwöchigen Auszeit hing ich meinen Job als Rechtsanwalt an den Nagel und zog nach London, wo ich Philosophie studierte.

Das war die eigentliche Halbzeit in meinem Leben.

„Mal sehen, wie es läuft. Ich kann ja in einem Jahr nach Deutschland zurückkehren und wieder als Anwalt arbeiten“ dachte ich mir, als ich nach London zog. Ich blieb zwei Jahre. Dann war mir die Großstadt zu viel geworden und ich zog nach Malta. Dort fehlte mir der Wald, so daß ich im Sommer nach Litauen zog, wo der Sommer tatsächlich schön, der Winter aber hart war. Rechtzeitig vor einem weiteren Winter floh ich nach Italien, wo ich noch immer lebe. Seit drei Jahren arbeite ich nur mehr freiberuflich, als Übersetzer und als Jurist, nur soviel wie ich gerade arbeiten muß, um mein Leben und meine Reisen zu finanzieren.

Fünf Jahre bin ich jetzt also durch Europa gezogen. Überzeugter Europäer war ich vorher schon. Jetzt habe ich die Idee des vereinigten Europa mit Leben erfüllt. Dafür sollte es EU-Fördermittel geben, nicht für Milchkühe oder Fernstraßen. Auf Europa habe ich mich dabei beschränkt, weil ich es bei meinen früheren Reisen vernachlässigt hatte, aber auch aus Bequemlichkeit. Wenn man kein Visum, keine Aufenthaltserlaubnis, absolut nichts benötigt, um auszuwandern, ist Auswandern leicht. Von einem EU-Staat in den anderen zu ziehen war weniger bürokratisch als ein Umzug innerhalb Deutschlands.

Aber oft stehe ich vor der Weltkarte und träume von Kontinenten, auf die ich noch keinen Fuß gesetzt oder wo ich nur wenige Tage verbracht habe. In Südamerika war ich noch nie, ebensowenig in der Karibik. In Afrika und Asien war ich kaum. Wenn ich mir dann Aufenthalte in Indien und Nepal, in Bolivien und Chile, in Sambia und Sansibar vorstelle, erdrückt mich immer wieder das Gefühl: „Mir läuft die Zeit davon.“ Deshalb treffe ich zur Halbzeit des Lebens mal wieder ein paar Entscheidungen:

  • Auf keinen Fall geht es zurück an den Schreibtisch.

Manchmal hatte ich überlegt, wieder ein paar Jahre als Rechtsanwalt zu arbeiten um etwas anzusparen und danach auf Weltreise zu gehen. Aber mittlerweile habe ich gelernt, mit wenig Geld auszukommen, so daß ich das nicht benötige. Als Anwalt kann ich auch noch arbeiten, falls ich zum Reisen mal zu alt bin. Jetzt ist mir mein Leben zu wertvoll, als es im Büro zu vergeuden.

Lieber in der Wüste verfahren als am Schreibtisch versumpft.

Lieber in der Wüste verfahren als am Schreibtisch versumpft.

  • Raus in die Welt!

Es gibt mindestens 160 Länder, die ich noch nicht gesehen habe. Wenn ich jetzt nicht anfange, um die Welt zu reisen, dann schaffe ich es nie. Dabei bin ich gar nicht einer jeder Fetischisten, die jedes Land der Welt besucht haben müssen. Aber wenn ich die Städte, Berge, Nationalparks und Länder aufzählte, die ich unbedingt noch sehen möchte, dann säßen wir ein paar Stunden zusammen.

Es ist zwar traurig, daß ich noch nicht einmal alle EU-Mitgliedsstaaten besucht habe, aber nach Dänemark oder Polen kann ich auch noch fahren wenn ich 65 bin. Nach Somalia oder in den Irak nicht so leicht. (Eine Ironie der Geschichte wäre es allerdings, wenn bis dahin Dänemark oder Polen gefährlicher wären als Bagdad oder Mogadischu.)

Ich werde also zu einer Weltreise aufbrechen. Dabei weiß ich noch nicht einmal, ob es zuerst nach Osten, Westen oder Süden geht (der Norden ist zu teuer). Vielleicht werde ich mal für ein Jahr planen, aber sicher werde ich mehrere Jahre unterwegs sein. Und wenn ich einmal rund um den Globus bin und es mir gefallen hat, geht es weiter.

  • Schreiben, schreiben, schreiben.

So weit, so einfach. Aber jetzt kommt die Herausforderung: Ich möchte diese Weltreise schreibend dokumentieren und verarbeiten. Längere Reiseerzählungen. Anekdoten. Berichte zu aktuellen Ereignissen. Artikel zu Geschichte, Politik und sozialen Strukturen und Bewegungen der Länder, die ich bereise. Kurzgeschichten. Gedichte. Politische Kommentare. An meinen Fotos werden Sie sich natürlich auch weiterhin erfreuen können.

Tintin reporterGeschrieben habe ich bisher auch schon, sonst gäbe es ja diesen Blog nicht, aber 90% meiner gefüllten Notizbücher lungern in Schubladen und Rucksäcken herum, ohne daß ihr Inhalt je mit Ihnen, meinen werten Lesern, geteilt wurde. Reiseberichte und Fotos von Hiiumaa bis Sizilien, von Las Vegas bis Damaskus warten seit Jahren auf ihre Veröffentlichung.

Das ist eine Vergeudung meiner Erfahrungen, meiner Gedanken, meiner Kreativität und des Talents, das ich in Momenten des Größenwahns aufblitzen sehe. Das muß sich ändern.

Das wird sich ändern! Denn ich nehme mir vor, diese Weltreise überwiegend durch schreibende und publizierende Tätigkeiten zu finanzieren. Möglichkeiten dafür gibt es viele: den Verkauf von Artikeln und Fotos an Zeitungen und Magazine, Beiträge für Reiseführer, Crowdfunding, Vorträge, Beiträge für Radio oder Fernsehen.

Wann geht es los?

Zwar bin ich grundsätzlich ein Schnellentscheider, aber so ein Projekt erfordert ein bißchen Vorbereitung, wenn mir nicht nach einem halben Jahr irgendwo im Atlas-Gebirge oder im Kaukasus die Puste ausgehen soll.

Zuerst einmal muß ich mein journalistisches und fotografisches Portfolio auf den aktuellen Stand bringen, denn niemand wird Schrödingers Katze im Sack finanzieren. Ich muß Kontakte zu Redaktionen knüpfen, Visa beantragen, Unterkünfte auftreiben, an meiner Fitness arbeiten, Spanisch, Russisch und Arabisch lernen und sadistischen Ärzten gestatten, mir Impfstoffe gegen Malaria in den Po zu jagen.

Es kann also durchaus 2015 werden, bis es richtig losgeht. Aber ein Termin steht fest: allerspätestens zu meinem 40. Geburtstag am 6. Juli 2015 werde ich mich auf den Weg gemacht haben. Zu dem Zeitpunkt im Leben, zu dem andere sich den Besitz eines Eigenheims und von zwei Kindern (oder Hunden) vornehmen, werde ich irgendwo unter freiem Himmel campieren und in die Sterne oder aufs Meer schauen.

Mehr brauche ich nicht zum Glück.

Landstreicher waren schon immer meine Vorbilder.

(To the English version of this article.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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10 Antworten zu Halbzeit

  1. Dagmar Körner schreibt:

    Mein Respekt für deine Entscheidung!

  2. da]V[ax schreibt:

    Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und zu deinen Plänen. Du bist definitiv auf einem beneideswert richtigen Weg..

    Aber tu uns einen Gefallen und duze uns Leser, okay? Und vielleicht verrätste uns, wie du in dieses fiese Gefängnis gekommen bist, damit wir den Fehler in Zukunft vermeiden können?

    • Andreas Moser schreibt:

      Zum Duzen gibt es meinen englischen Blog. 🙂

      Und die ganze Iran-Geschichte muß ich jetzt endlich mal komplett aufschreiben und veröffentlichen. Vielleicht wird ein Buch daraus.

  3. sergej_k schreibt:

    Ich bin vielleicht ein bisschen spät dran, trotzdem noch alles Gute zum Geburtstag.

  4. Pingback: Was die Hitze so ausgebrütet hat | Zurück in Berlin

  5. Pingback: Half-Time | The Happy Hermit

  6. Oli schreibt:

    Wir haben den gleichen Jahrgang und ähnliche Gedanken. Vielleicht begegnen wir und ja eines Tages im Kaukasus oder im Atlas-Gebirge… 🙂

    • Andreas Moser schreibt:

      Das wäre super! Ich bin bis Mai 2015 in Rumänien und werde in der Zeit hoffentlich viel durch Osteuropa reisen. Was ich danach mache, weiß ich naturgemäß noch nicht – trotz vieler Träume, Wünsche und Ideen.

  7. Pingback: Ich ziehe nach Südamerika. Mit dem Schiff. | Der reisende Reporter

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