Erster Weltkrieg

Franz KafkaVor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg.

Zeitzeuge Franz Kafka vermerkte in seinem Tagebuch:

„2. August. Deutschland hat Rußland den Krieg erklärt. – Nachmittag Schwimmschule.“

Vielleicht werden Zeitzeugen überbewertet?

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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6 Antworten zu Erster Weltkrieg

  1. Rüdiger Spormann schreibt:

    Vielleicht unterschätzen Sie aber auch ein wenig die Intelligenz dieses Zeitzeugen, der die Absurdität, ja den Wahnsinn des Krieges wohl kaum besser verständlich machen konnte als durch die scheinbare Gleichstellung mit der Banalität, nachmittags schwimmen zu gehen.

    • Andreas Moser schreibt:

      Das stimmt schon, als Stilmittel ist es toll.

      Aber erklären tut es eben nichts, kann es ja auch gar nicht, gleich zu Beginn des Krieges. Nichts gegen Kafka, ich wende mich eher gegen diese Enkel-eines-Weltkrieg-I-Soldaten-Zeitzeugen in TV-Dokumentationen, bei denen ich den historischen Mehrwert nicht erkennen kann.

      • Rüdiger Spormann schreibt:

        Ist das nicht das generelle Manko eines jeden sog. Zeitzeugen? Da tritt eine reife,vielleicht auch schon betagte Petsönlichkeit vor die Kamera und berichtet über ein besonderes Ereignis, das Jahrzehnte – vielleicht mehr sls ein halbes Jahrhundert zirückliegt. Der Bericht kann gar nicht authentisch im Sinne von „wahr“ sein, Ist er doch subjektiv angereichert durch anderes späteres Erleben, verfälscht durch Interpretation des Erlebten, gefiltert durch aktuellen gesellschaftlichen Konsens und beeinträchtigt durch selektives Vergessen. Aber das wissen wir doch alles und begegnen sogenannten Zeitzeugen respektvoll, aber höchst selten mit Ehrfurcht. Der eigene Kommentar erschöpft sich etwa während einer entsprechenden Fernsehsendung daher doch meist in der schlichten Feststellung: „Donnerwetter, sie hat sich ja gut gehalten“ oder dem Kommentar „Mein Gott, ist der alt geworden.“ – Zurück zu Ihrem jungen Kafka: Sein Bericht über den Tag des Kriegsazsbruchs ist nicht der eines Zeitzeugen, sondern ein Gegenwartsbericht „just in time“. Daher ist das Lesen eines Tagebuches, wenn ausnahmsweise möglich, viel interessanter als alle diese pompösen Werke mit dem Titel „meine Lebenserinnerungen“ und so weiter.

      • Andreas Moser schreibt:

        Die Tagebücher von Kafka sind definitiv interessanter zu lesen als die meisten Autobiographien, da stimme ich zu.

        Eine zusätzliche Gefahr bei nachträglich „vernommenen“ Zeitzeugen sehe ich auch noch darin, daß diese ihre eigene Rolle ins beste Licht stellen wollen. Zeitzeugen sind schließlich auch die, die über den Holocaust sagen „wir haben von all dem nichts gewußt“. Nie findet man jemanden in einer TV-Dokumentation, der zugibt „klar haben wir das gewußt, aber wir waren feige/bequem/unberührt“ oder gar „aber deshalb hatte ich die NSDAP doch gewählt“.

        Ich kann nichts dagegen tun, daß Menschen sich ihre eigene Lebensgeschichte zurecht biegen, aber wenn dem in historischen Sendungen/Werken ein Raum gegeben wird, dann sehe ich die Gefahr, daß Laien diesen subjektiven/selektiven Erzählungen zuviel Glaubwürdigkeit beimessen. Ohne Zusammenhang sind solche Geschichten nichts wert. Ich habe das oft in Osteuropa erlebt, wenn alte Menschen sagten „ah, die Wehrmacht, das waren anständige Jungs als sie hier waren“. Nein waren sie nicht, aber die, die das bezeugen könnten, wurden von der Wehrmacht ermordet und können deshalb nichts mehr erzählen.

  2. M. Kranz schreibt:

    Tja, aber so ist das nun mal: Selbst für den Autor dieser Zeilen war z.B. am 9. November 1989 der Höhepunkt des Tages ein abendlicher, enttäuschender Kinobesuch (anschließend früh zu Bett). Oder, wenns etwas prominenter sein darf: Der berühmte Eintrag Ludwigs XVI. für den 14. Juli 1789, als es nebenan in Paris mächtig rundging, lautet: „Nichts“ (Übersetzung M. K.)

    http://citationdujour.blogspot.de/2010/07/citation-du-14-juillet-2010.html

    Und wenn man z.B. der Ausstellung des Marbacher Literaturmuseums Glauben schenkt, in der im letzten Jahr auch zeitgenössische Kommentare zum Kriegsausbruch 1914 präsentiert wurden, ist Kafka unter den Literaten keine besondere Ausnahme

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/august-1914-in-marbach-morgens-einkaeufe-revolver-12624047-p2.html

    Fairerweise muss man allerdings im Falle Kafkas auch seinen Tagebucheintrag vom 6. August 1914 erwähnen

    http://gutenberg.spiegel.de/buch/162/7

    er hat also schon mitbekommen, was ablief und hatte wohl auch eine sehr dezidierte Meinung
    dazu. – Was aber die Trivialität des Alltags angesichts „herrlicher Zeiten“ angeht, so hat sich schon H. M. Enzensberger in seinem Gedicht „Über die Schwierigkeiten der Umerziehung“

    http://oldschool.pableo.de/gedi.htm

    trefflich über die Kritik am mangelnden Erhabenheitsgefühl der Leute inmitten weltbewegender Ereignisse mokiert .

    Und was einen der popuärsten Sätze in deutscher Sprache des 20. Jahrhunderts, der da lautet „Davon haben wir nichts gewusst“, angeht: Bereits 1979 hat Walter Kempowski die diversen
    Antwort-Varianten auf auf seine immer wieder gestellte Frage „Haben Sie davon gewusst?“ in einem Sammelband veröffentlicht, ein paar Kostproben gibt es hier:

    http://www.amazon.de/Haben-Sie-davon-gewu%C3%9Ft-Antworten/dp/3442725410/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1407135978&sr=1-1&keywords=kempowski+haben+sie+davon+gewusst

    Bereits 1965 verarbeitete Helmut Heißenbüttel den allgemeinen Hirnschwurbel um die Frage in einem seiner literarischen Texte:

    http://www.lsg.musin.de/geschichte/geschichte/1945Lk/was_hat_wer_gewusst.htm

    Dagegen schließlich noch der sehr kurze und ausnahmsweise mal nicht um den heißen Brei rumredende Kommentar des Autors und Juristen Herbert Rosendorfer (Jahrgang 1934!) zu diesem Komplex: „Dass in den KZs die Juden umgebracht wurden, habe ich schon als Kind gewusst. Jeder, der behauptet, er habe nichts gewusst, lügt.“

    http://www.literaturtipps.de/autor/kurzbeschreibung/rosendorfer.html

    • Andreas Moser schreibt:

      Danke für die vielen interessanten Links!

      Ich habe leider gar keine Erinnerung an den 9. November 1989, obwohl ich damals schon 14 Jahre alt gewesen sein muß. Ich war damals schon am Zeitgeschehen interessiert, so daß ich mir nicht erklären kann, wieso mir dieser Tag und die Umstände, unter denen ich von der Maueröffnung erfuhr, nicht im Gedächtnis blieb.

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