Fahrt in das Hochland von Montenegro (mit Videos)

Es ist still geworden im Minibus. Die letzten Gespräche sowie das Radio sind verstummt, während der Fahrer sich auf die kurvenreiche Straße durch die Berge konzentriert. Der Blick der Fahrgäste fällt in tiefe Schluchten, auf die herbstlichen Wälder und auf die Berge in der Ferne, die zusammen mit den düsteren Wolken bedrohlich wirken.

In Nikšić mußten wir von einem Bus in Normalgröße in einen Minibus umsteigen. Die Straßen auf dem Weg ins Durmitor-Geburge in Montenegro sind zu kurvenreich, die Steigung zu stark für normale Reisebusse. Vielleicht will der Busunternehmer auch sein finanzielles Risiko begrenzen, falls doch einmal ein Bus von der Straße abkommt und unrettbar in eine der Schluchten stürzt.

Im Nirgendwo steigt eine Frau mit Einkaufstüten aus. Ich sehe weit und breit kein Haus, keine Siedlung. Auf der Landkarte sehe ich, dass das nächste Dorf etwa 10 km entfernt ist. Auf einer Passhöhe steht am Straßenrand ein Sofa. Relativ neu, aber ohne erkennbaren Nutzen an diesem verlassenen Ort.

bus Zabljak mountains

Es wird immer dunkler. Die Wolken hängen schwer und so tief, dass man nicht sagen könnte, wo sie aufhören und wo der Nebel beginnt. Die Sonne ist nicht erkennbar. Es ist keine Nacht, auch noch keine Dämmerung, aber wie unterm Tag kommt es mir auch nicht vor. Es ist wie eine nicht bestimmbare Tageszeit, die nur für diesen Ort erschaffen wurde. Alle fünf oder zehn Kilometer steigt jemand aus. Eingestiegen ist seit Nikšić niemand mehr.

bus Zabljak house

Nach etwa zwei Stunden öffnet sich eine Hochebene mit weiten Wiesen, ein paar Kühen, vereinzelten Häusern, die Hälfte von ihnen verfallen, die andere Hälfte windschief. Eine rauhe, karge Landschaft. Die wenigen Häuser liegen weit auseinander. Die Szene sieht aus wie das Gemälde eines Malers, der die dreckigen Restfarben im Malkasten nicht vergeuden will und deshalb in grau, schwarz, braun und fahlem dunkelgrün schnell etwas hinschmiert. Verblichene Farbfotos aus dem Zweiten Weltkrieg sehen genauso aus. Oder die Schottland-Szene in Skyfall.

Zabljak highlands spooky

Es regnet nicht, es stürmt nicht, es gewittert nicht, wie wenn die dunklen, drückenden Wolken mit der ständigen Androhung eines Unwetter zufrieden sind. Die Heizung im Bus wärmt meine Füße, aber mein Oberkörper friert. Manche der Fahrgäste haben ihre Mützen aufgesetzt. Noch immer kein Wort. Es herrscht ein Gefühl wie bei einer Fahrt ins gefährliche Ungewisse, wie wenn in den nächsten Tagen der Winter hereinbrechen wird und wir einige Monate hier oben gefangen sein werden. Žabljak liegt auf 1.455 m und ist die höchstgelegene Stadt des Balkans. Der Flughafen ist schon lange außer Betrieb.

Zabljak highlands house tree

Im Moment kann ich mir nicht vorstellen, dass der Sommer hier überhaupt jemals herfindet. Die grauen Berge stehen wie steingewordene Flüche an den Seiten des weiten Tals, wie wenn sie alles Fröhliche, Bunte, Lebhafte abhalten möchten. Sie würden dunkle Schatten auf den vertrockneten Weiden werfen, wenn denn die Sonne durch den Nebel dränge und wenn das ausgebleichte Gras für Schatten empfänglich wäre.

Hier ein Video, auf dem man schon die ersten Häuser der Stadt Žabljak erkennt:

Bei der Ankunft sind noch drei Passagiere im Bus. Endstation. Es ist eisig kalt. Ein bibbernder Mann am Busbahnhof bietet mir ein Fremdenzimmer für 9 € pro Nacht an. Ich habe aber leider schon etwas gebucht, für 15 € pro Nacht. Und für drei Tage. Drei Tage an diesem schaurigen, unwirtlichen, kalten, farblosen Ort. Morgen ist Halloween.

Nachtrag: Der Fairness halber sei gesagt, dass nach zwei Tagen der nebligen Düsternis die Sonne durchbrach und es richtig schön wurde. Durch diesen Kontrast hat das Durmitor-Gebirge einen besonderen Platz in meinen Reiseerinnerungen eingenommen.

Nachtrag 2: Die von mir erlebte und geschilderte Stimmung kommt bei einem Film von National Geographic sehr gut rüber. Die alte Dame mit der Flinte habe ich leider nicht angetroffen.

(Click here for the English translation.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
Dieser Beitrag wurde unter Fotografie, Montenegro, Reisen, Video-Blog abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Fahrt in das Hochland von Montenegro (mit Videos)

  1. Pingback: Into the Highlands of Montenegro (with videos) | The Happy Hermit

  2. Pingback: So leicht wird man verdächtig | Der reisende Reporter

  3. Pingback: Bosača – Lebt hier jemand? | Der reisende Reporter

Hier ist Platz für Kommentare, Fragen, Kritik:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s