Die Russische Botschaft

Demnächst möchte ich in die Ukraine fahren. Aber wer weiß, ob es die Ukraine dann noch geben wird. Russland rückt geographisch ja immer näher. Sicherheitshalber will ich ein Visum für Russland beantragen, bevor die Expansionstour des größten Landes der Welt, das sich noch immer zu klein fühlt, so weit führt, dass man ohne russisches Visum nicht einmal mehr aus dem Haus gehen kann.

So frage ich mich durch zur russischen Botschaft. „Großes rotes Haus“ ist in jeder Wegbeschreibung enthalten und nachdem ich schon an der deutschen, französischen, italienischen, britischen und österreichischen Botschaft vorbeigekommen bin, wähne ich mich im richtigen Viertel.

„Das muss es sein“, denke ich mir, als ich in die Vojvode-Batrića-Straße einbiege.

Russian embassy red houseUnd tatsächlich: Durch das offene Tor erblicke ich den russischen Adler über dem breiten Treppenaufgang. Der Hof erscheint mir ein bisschen verwildert. Gras breitet sich durch die Ritzen zwischen den Steinplatten aus. Vielleicht ist der Gärtner im Urlaub. Schließlich ist Sommer. Die Fenster im Obergeschoss stehen alle offen.

Russian embassy gate

Russian embassy front

Das Tor ist verschlossen, eine Klingel gibt es nicht. Ich klopfe. Keine Reaktion. Überhaupt dringt kein Geräusch aus dem Haus. Da fällt mir ein, dass die Repräsentanz des Kremls einfache Visumsbittsteller kaum durch den Haupteingang empfangen wird. Für solch profane Anliegen haben derartige Gebäude meist einen Seiteneingang oder ein Nebengebäude, so dass sich der gewöhnliche Pöbel nicht mit besuchenden Botschaftern und Königen vermengt.

Also schleiche ich vorsichtig durch den Garten und finde den vermuteten Seiteneingang.

Russian embassy side entrance

Die Tür steht einladend offen, es gibt weder eine Klingel, mit der ich mich ankündigen könnte, noch einen Wachmann, dem ich mein Anliegen vortragen könnte, also trete ich beherzt ein. Die Mittagspause ist nicht nur in vollem Gange, sondern anscheinend auch für das gesamte Personal vom Botschafter bis zum Archivar verpflichtend, denn noch immer begegne ich keiner Menschenseele.

Manche Räume sehen so verwaist aus, wie wenn sie seit der Russischen Revolution nicht mehr verwendet wurden.

Russian embassy mess

Aber ganz so weit lag die letzte Nutzung dieses Palasts dann doch nicht zurück. In einem anderen, größeren Raum ist eine mit 1968 datierte Plakette angebracht. Hammer und Sichel, diese Symbole einer vergangenen Zeit. Wenn einer der Leser kyrillische Schriftzeichen entziffern kann, so klicke er auf das Foto, um es zu vergrößern, und versuche sich an einer Übersetzung.

Russian embassy plaqueJe tiefer ich mich in diesem einstmaligen bürokratischen Labyrinth vorwage, desto mehr drängt sich der Eindruck auf, dass es einst fluchtartig verlassen wurde.

Russian embassy corridorEs ist kein Geheimnis, dass es mit Russland seit der Annexion der Krim wirtschaftlich bergab geht, aber dass es so schlimm bestellt ist, überrascht mich dann doch.

Das Treppenhaus mit den Säulen, dem Stuck und dem verzierten Geländer zeigt Spuren einstiger Grandesse. Leise, vorsichtig und langsam wage ich mich nach oben. Mir ist bewusst, dass ich gefangen wäre, wenn ich die Tür zufallen hören würde. Aber meine Neugier obsiegt.

Russian embassy stairsIm Obergeschoss entfaltet sich die ganze Pracht des russischen Botschaftpalasts, selbst nach hundert Jahren noch deutlich zu erkennen. Obwohl es vollkommen ruhig ist, kann ich mir eine lebhafte Abendgesellschaft vorstellen, in Fracks und Kleidern, die Gläser gefüllt mit Rum, Wodka und Gin, mit Pfeifen, Zigarren, Monokeln und einem Grammophon, das Musik von Borodin oder Mussorgski spielt.

Russian embassy top floor 1 Russian embassy top floor 2

Hier wurde nächtelang diskutiert über das dahinsiechende Osmanische Reich, den Krieg in Albanien, Erdöllieferungen aus Persiendie Streckenführung von Eisenbahnen, den japanischen Angriff auf Port Arthur und den Petersburger Blutsonntag.

Ich bin in Cetinje. Vor 100 Jahren war diese Kleinstadt in den Bergen die Hauptstadt zuerst des Fürstentums und dann des Königreichs Montenegro. Die Zeit des Köngreichs währte nicht lange, von 1910 bis 1918. Ein König (Nikola) reichte dafür vollkommen aus.

Cetinje hat heute ca. 16.000 Einwohner. Der Zensus von 1910 gibt die Einwohnerzahl mit 5.895 an. Das war damals die kleinste Hauptstadt Europas. Nicht mehr als ein größeres Dorf, in dem sich Könige, Fürsten, Politiker, Künstler und Intellektuelle trafen und fast so lebten wie ihre Kollegen in Berlin, Paris und Wien. Nur näher am Meer. Dann kam der Erste Weltkrieg.

(To the English version of this text.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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3 Antworten zu Die Russische Botschaft

  1. Pingback: The Russian Embassy | The Happy Hermit

  2. Abcd schreibt:

    Interessanter Artikel. Cetinje ist schön. Generell die gesamte Küste.

    Nachdem man den Albanern Podgorica weggenommen hat, wurde das die neue Hauptstadt. Die Diskussion über den „albanischen Krieg“ war eher die Diskussion, wie man so viele albanische Gebiete wie möglich erobern und die Bevölkerung dann vertreiben kann. Ähnlich wie die alliierten gegen Deutschland wurde dann aus montenegrinischer und besonders von serbischer und griechischer Seite gegen Albanien mit freundlicher Unterstützung von Russland vorgegangen. Montenegro stieß selbst bis nach Shkodra vor.

    Dieser hier beschriebene Ort, also die ehemalige russische Botschaft, kann daher als Ort des bösen gesehen werden. Ein Ort, der Kriegsverbrechen plante und den heutigen Hass begründet.

    Diese traurigen Wahrheiten sollten dem sonst schönen Ort auch zugeschrieben werden.

  3. Pingback: Cetinje, einstmals Hauptstadt des Königreichs Montenegro | Der reisende Reporter

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