Ich bin kein Spion, ich bin nur neugierig

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In Albanien sind vor kurzem drei Personen festgenommen worden, als sie in eine ehemalige Munitionsfabrik eindringen wollten. Zur Erklärung gaben sie an, dass sie Blogger seien und gerne alte Gebäude fotografieren.

Menschen, die zu viele James-Bond-Filme gesehen haben, denken jetzt überheblich: „Na, eine bessere Ausrede hättet Ihr Euch schon zurechtlegen können.“

Ein welt- und balkanerfahrener Blogger wie ich weiß hingegen, dass das durchaus stimmen kann. Auf dem Berg Vrmac in Montenegro hatte ich die zufällige Bekanntschaft von zwei jungen Russen gemacht, die mich gnädig auf ihre Erkundungstour einer militärischen Festung mitnahmen. (Einen der beiden hatte ich allerdings tatsächlich unter Spionageverdacht, wenn auch aus anderen Gründen. Mehr dazu im Bericht von jenem Ausflug.)

Dach mit zwei Russen Vrmac.JPG

Entlang der Küste Montenegros, der wahrscheinlich schönsten Küste Europas, liegen Dutzende dieser mittlerweile aufgegebenen Festungen. Sie stammen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, als Österreich noch eine Seemacht war und seine Buchten, Häfen und Schiffe in der Adria schützen wollte. (Ironischerweise wurde in der Bucht von Kotor 1918 das Ende von Österreich als Seemacht eingeleitet, aber das ist eine andere, noch zu erzählende Geschichte.)

Weil Montenegro ein lockeres, sympathisches Land mit verantwortungsbewussten Menschen ist, muss niemand diese Bunker, Tunnelanlagen und Munitionshaufen absperren oder gar Schilder aufstellen, die einem ein unhöfliches „Zutritt verboten!“ entgegenbrüllen. Ganz im Sinne des Ausgangs aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit entscheidet man einfach selbst, durch welche Ein- und Ausgänge man sich wagt.

Soweit ich gesehen habe, sind diese Militäranlagen immer mit meterdicken Mauern errichtet worden, da kann eigentlich nichts einstürzen. Also perfekte Kinderspielplätze, wie Ihr Euch für den nächsten Familienurlaub in Montenegro vormerken könnt.

Apropos Familienurlaub: Als ich in Montenegro wohnte, besuchten mich mein Bruder und meine Mutter. (Jede Familie ist froh, wenn zumindest einer aus dem ganzen Kapitalismusdingsbums aussteigt, Vagabund wird, und man ihn deshalb jedes Jahr in einem anderem Land besuchen kann.)

Und dabei passierte auch so eine Geschichte, die zeigt, wie leicht touristische Neugier als Spionage fehlinterpretiert wird. In Wirklichkeit ist es ganz natürlich, dass man sich für Ruinen, aufgegebene Flugplätze und Militäranlagen interessiert. Oder?

Jedenfalls fuhren wir die Küste entlang, als ich auf der Halbinsel Luštica schon wieder so eine österreichische Festung erspähte. Ich schlug vor, dass wir uns diese Ruine ansehen und erkunden sollten. Mein Bruder war begeistert, meine Mama überhaupt nicht. Sie mag eher Botanische Gärten, Cafés und Buchhandlungen. Außerdem wollte sie ins Krankenhaus gebracht werden.

Nun sind in der Demokratie zwei Stimmen mehr als eine, also entschieden wir, dass Mama halt kurz warten muss, damit mein Bruder auch mal eine Habsburgerfestung in Montenegro von außen, innen, unten und oben sieht. Es regnete in Strömen, so dass meine Mama nicht aussteigen wollte. Immer fürsorglich, parkte ich das Auto so, dass es gerade vor der Steilküste stand, mit perfektem Ausblick auf die stürmische See und das dort tosende Gewitter. Da würde Mama nicht langweilig werden, war ich mir sicher. Außerdem, fürsorglicher geht es wirklich nicht, ließ ich ihr ein Buch im Auto.

„Wir sind nur 15 Minuten weg.“

Mein Bruder und ich erkundeten die Festung, kletterten ein bisschen herum und machten Fotos. Diese Festungen sind allesamt ähnlich, wohl nach einem in Wien geplanten Modell gebaut. Aber diese Festung auf der Halbinsel Luštica hatte etwas, was ich bei den anderen nicht gesehen hatte: Einen Schacht, der in die Tiefe führte. Und zwar ziemlich tief. So tief, dass wir das Ende nicht sehen konnten.

In diesem Schacht befand sich eine Leiter aus Metall, die ziemlich stabil aussah. Außerdem waren wir zu zweit, also könnte einer zuerst erkunden, wohin sie führte. Wenn derjenige nicht mehr zurück käme, könnte der andere immer noch Hilfe holen. Mein Bruder ist technikaffiner als ich und hatte sogar eine Taschenlampe dabei.

Weil ich schwerer bin, stieg ich als erster hinab. Wenn die Leiter mich aushielt, würde sie ihn auch aushalten. Wie tief es hinab ging, kann ich schwer schätzen, aber ein paar Minuten war ich schon unterwegs. Unten angelangt, fand ich tote Ratten und – noch schlimmer – tote Maulwürfe.

Und dann war da etwas Verstörendes: Kabel, Metallrohre, elektrische Leitungen, Schaltkästen. Nach Erstem Weltkrieg sah das nicht mehr aus. Ganz ehrlich, mir war ziemlich mulmig zumute. Allein hätte ich mich nicht weiter getraut, aber zu zweit erkundeten wir die Gänge und Flure, verliefen uns immer tiefer in einem Labyrinth aus Kabeln, Beton und Schutt.

Weil wir tief im Bauch von Mutter Erde waren, vergaßen wir unsere eigene Mutter. Auf die Uhrzeit achteten wir nicht mehr. Dass sich der Sturm langsam zu einem Orkan entwickelte, bekamen wir so tief in der Lithosphäre gar nicht mit.

Bis wir plötzlich ein Wasserrauschen hörten.

Ein enormes, donnerndes, wuchtiges Wasserrauschen. So laut wie die Victoriafälle am Sambesi. Oder wie die Iguaçufälle in Paraná.

„Wir müssen die Leiter finden und zurück nach oben klettern“, rief ich, über den Lärm der Wassermassen, die ihr Echo durch die dunklen Gänge warfen.

Aber mein Bruder war abenteuerlustiger: „Lass uns nachsehen, woher das Wasser kommt.“ Vielleicht war er auch mutiger, weil er schwimmen kann. Ich kann das nicht. Unsere Familie ist sehr arm, da konnte nur einer das Seepferdchen machen.

Wir kämpften uns also durch die verwinkelten Flure, jetzt immer dem unüberhörbaren Geräusch der Wassermassen nach. Es wurde rhythmischer, wie ein Wasserfall, der an- und ausgeschaltet wird. Oder wie hohe Wellen, die im Sturm an eine Kaimauer klatschen.

Und plötzlich traten wir in einen Raum, nein, in eine Halle. So groß wie ein U-Boot-Hafen. Und das war es wohl auch: Wir hatten einen geheimen U-Boot-Stützpunkt der jugoslawischen Marine entdeckt.

Anhand der Fotos könnt Ihr Euch gar nicht vorstellen, wie enorm riesig und gigantisch das war. Vor allem, wenn man gerade durch kleine, dunkle Tunnel gekrochen ist und sich plötzlich in dieser Kathedrale der Seefahrt wiederfindet. Das ist so, wie wenn man durch die engen Gassen von Rom läuft und dann ins Pantheon tritt.

Am besten könnt Ihr Euch die Ausmaße des von uns entdeckten U-Boot-Hafens ausmalen, wenn Ihr Euch vor Augen führt, wie groß die Schiffe sind, die darin Platz finden:

Die „Jagd auf Roter Oktober“ ist eng mit der Familiengeschichte verwoben, denn es war der letzte Film, den ich 1990 zusammen mit meinem Opa im Kino sah. Das war zum Ende des Kalten Krieges und kurz bevor er ertrank. Das war der gleiche Opa, der in den 1940er Jahren unter dubiosen Umständen ein paar Jahre in Jugoslawien gelebt hatte. Hatte er damals diesen U-Boot-Hafen gebaut? Für wen hatte er spioniert? Warum hatte mir mein Opa – in Westdeutschland wohlgemerkt – das kyrillische Alphabet beigebracht? Sollten wir, seine Enkel, jetzt in eine Falle gelockt werden? Warum war in dieser Familie niemandem ein friedliches Leben vergönnt?

Opa 3.jpg

All das waren Fragen, die uns gar nicht in den Sinn kamen. Denn das Wasser schwappte immer wieder über den Rand des Beckens, und wir mussten mächtig aufpassen, nicht weggespült zu werden. Der Beton war glitschig und löchrig, ein Geländer gab es nicht. Natürlich wagten wir uns trotzdem ganz nach vorne, wo der Regen peitschte, der Wind blies und die See gierig nach Menschen schnappte.

Und da erspähten wir, weiter nördlich an der Küste, zwei Schiffe. Wir kletterten – ziemlich waghalsig -auf die andere Seite des U-Boot-Hafens. Im Drahtzaun war ein Loch. Und das Schild, auf dem jetzt plötzlich doch ein Betretungsverbot stand, gaben wir vor, nicht zu verstehen. Wer kann schon Montenegrinisch?

Aus der Nähe sahen die beiden Schiffe nicht mehr ganz knusprig aus.

Wir nahmen Anlauf, sprangen an Bord und sahen uns um: Munition für Flugabwehrkanonen. Das Logbuch der Kombüse, mit Einträgen aus dem Frühjahr 2006, in den letzten Tagen vor der Unabhängigkeit Montenegros. Ein Radargerät, das noch radioaktiv strahlte. Ein Helm in einem Meer von Blut. Was war hier passiert?

Gerade als ich für ein Erinnerungsfoto posierte, rief uns vom Ufer plötzlich jemand zu, dass wir verflucht nochmal von dem Schiff herunterkommen sollten. Wer immer es war, er klang mächtig sauer. Wir folgten dem Befehl, schon ahnend, dass uns ein klitzekleines Problemchen bevor stünde.

„Lass mich reden“, sagte ich meinem Bruder noch, als wir von Bord sprangen. Schließlich war ich schon öfter in solchen Situationen gewesen.

Es war ein Soldat, der wissen wollte, wie man so blöd sein könne, am helllichten Tag in einen Stützpunkt der montenegrinischen Marine zu spazieren, auf Kriegsschiffe zu klettern und dort Fotos zu machen. Dabei behielt er die ganze Zeit die Hand am Pistolenhalfter. Er sah noch wütender aus, als er geklungen hatte.

„Entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten, Genosse“, sagte ich und verwendete die Anrede „druže“, weil der Soldat alt genug aussah, um an seine nostalgischen Gefühle für Jugoslawien zu appellieren. (Lektion Nr. 1: Als Gefangener musst du versuchen, dass dich dein Aufseher sympathisch findet. Das macht es ihm viel schwerer, dich zu erschießen.)

„Wir waren an der Küste spazieren, weil ich meinem kleinen Bruder zeigen wollte, dass hier die schönste Küste der Adria ist.“ (Lektion Nr. 2: Komplimente für das Land, in dem man sich befindet. Jeder mag es, wenn Ausländer sein Land loben. – Lektion Nr. 3: Zeigen, dass man Verantwortung für andere hat und dass es sich hier nicht um eine Situation Mann-gegen-Mann handelt. Am besten eignen sich dafür jüngere Geschwister, unschuldige Katzen oder alte Omas.)

„Wir sahen zuerst die U-Boot-Tunnel und waren absolut begeistert. Wirklich faszinierend! Und dann noch die Schiffe hier, das ist alles so unglaublich! Wir dachten, das sei ein Marine-Museum.“ (Lektion 4: Es ist viel besser, wenn einen das Gegenüber für dumm und naiv als für gefährlich und gewitzt hält.)

Der Soldat nahm die Hand von der Waffe.

„Woher seid Ihr?“ fragte er.

„Aus Deutschland“, sagte ich und war froh, dass wir aus einem NATO-Staat waren. Montenegro war 2017 der NATO beigetreten, wir waren also Verbündete. Es wäre brenzliger, wenn wir Russen oder so wären. 2016 hatte es in Montenegro einen von Russland unterstützten Putschversuch gegeben, der komischerweise vom Rest Europas unbeachtet geblieben ist. Wie eigentlich alle Warnungen vor Russland, selbst wenn sie von Russland selbst ausgingen. Aber das ist ein anderes Thema.

„Zeigt mal Eure Pässe“, befahl der Soldat.

Dummerweise hatten wir die Reisepässe im Auto gelassen. Dass wir im Auto ebenfalls unsere Mutter hatten, erwähnte ich trotz Lektion Nr. 3 nicht, weil ich keinesfalls wollte, dass der Soldat oder seine Kollegen meine Mutter befragten. Denn, so cool und überlegt mein Bruder und ich auch handeln, von unserer Mutter haben wir das nicht geerbt. Und eine Eskalation war das letzte, was wir benötigten.

Der Soldat sprach in sein Funkgerät, was schon mal gut war. Wo kommuniziert wird, knallen keine Kanonen.

Der Vorgesetzte des Soldaten kam auf die gleiche Idee, auf die ich auch schon gekommen war: Einer von uns sollte zum Auto gehen, die Pässe holen und zurückkommen. Der andere blieb als Geisel zurück. Es war klar, dass ich bleiben und mein jüngerer Bruder gehen würde.

Das Foto ist von einer Übung, aber so ungefähr war das.

Mein Bruder musste sich also auf den gefährlichen Kletter-, Tunnel- und U-Boot-Weg zurück machen, allein den Weg finden, wahrscheinlich unserer Mutter erklären, warum wir doch ein bisschen länger weg waren, unsere Pässe holen und den ganzen langen Weg noch einmal machen. Im Regen.

Der Soldat bewachte mich mit Argusaugen, die Hand wieder an der Waffe. Ich blickte mit einem unschuldigen Hundeblick auf den Boden und tat so, wie wenn ich mir wahnsinnig Sorgen um meinen Bruder machte.

Bald kam ein Unteroffizier herangedüst, der zu meiner Erleichterung jünger, freundlicher und gelassener war. Zuerst einmal sagte er, dass wir doch in eine der nahen Hütten gehen sollen, weil es ja regne. Dann bot er mir eine Zigarette an. Ich lehnte dankend ab, bot ihm aber eine Zigarre an. Er lehnte dankend ab. Wir unterhielten uns ein bisschen, aber mehr über Montenegro im Allgemeinen, wie schön und interessant es sei (Lektion Nr. 2), dass ich Geschichte studiere (Lektion Nr. 1) und dass ich meinem Bruder dieses wunderschöne Land zeigen wollte (Lektion Nr. 3).

Auch dieses Foto ist von einer Übung. Aber genauso war das. Sogar das Wetter stimmt.

Weil ich nichts über Schiffe oder die Marine oder sonstwas Verdächtiges fragen wollte, ging uns bald der Gesprächsstoff aus. Mein Bruder blieb ziemlich lange weg, und ich begann zu ahnen, woran das lag. Der ältere Soldat wurde grummelig, dem jüngerem Unteroffizier wurde langweilig, und ich hoffte nur, dass sie keine Patrouille zu unserem Auto geschickt hatten.

Nach etwa 45 Minuten oder so kam mein Bruder angerannt. Er wollte zeigen, dass er sich beeilt hatte. Wir händigten dem Unteroffizier unsere Pässe aus. Er nahm ein Notizheft aus der Tasche, und ich sah, dass es schon voller Namen, Adressen und Passnummern war. Anscheinend kommen hier öfter neugierige Fotografen und Blogger vorbei. Ich war erleichtert. Es sah danach aus, wie wenn man hier erst Ärger bekam, wenn man zum zweiten Mal illegal auf eine Militärbasis eindringt. Ein lockeres Land, sehr sympathisch.

„Habt Ihr Fotos gemacht?“

„Ja“, gab mein Bruder zu und zeigte sein Handy her. Der Soldat hatte uns ja auf dem Schiff beobachtet. Es hätte keinen Sinn, zu lügen. Außerdem: Wer macht sich auf diesen gefährlichen Weg und macht dann keine Fotos?

Der Unteroffizier sah sich die Fotos an und befahl, dass wir die mit den beiden Schiffen löschen mussten. Als er zu den Fotos von der U-Boot-Basis kam, sagte er: „Oh, die könnt Ihr behalten. Der U-Boot-Hafen ist kein militärisches Sperrgebiet mehr, das ist kein Problem.“ Ich weiß nicht, ob ich es schon gesagt habe, aber Montenegro ist ein sehr entspanntes und sympathisches Land.

„Und Sie, haben Sie auch ein Handy?“ fragte er mich.

Ich zog mein Handy aus der Tasche, und er musste lachen. Das passiert fast jedes Mal, wenn Leute mein Handy sehen.

„Na gut,“ sagte er, „das war’s dann. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr noch hier bleiben, damit Ihr nicht im Regen zurück laufen müsst.“ Wahrscheinlich habt Ihr es schon gemerkt, aber ich sage es noch einmal: Montenegro ist das freundlichste und sympathischste Land Europas!

Aber wir machten uns lieber sofort auf den Rückweg, denn wir hatten da ja noch unsere liebe Mama, die jetzt schon ein paar Stunden über die versprochenen 15 Minuten wartete. Und weil unsere Mama nicht aus Montenegro, sondern aus Deutschland ist, würde sie kaum so entspannt sein wie montenegrinische Unteroffiziere, die zwei Spionageverdächtige auf frischer Tat ertappt haben.

Sobald wir beide durch den Zaun gekrochen waren, sagte mein Bruder: „Ich habe so lange gebraucht, weil ich im Auto die Fotos auf den Laptop kopiert habe.“

„Das habe ich mir schon gedacht“, sagte ich grinsend und empfand Stolz auf meinen jüngeren Bruder. Vor allem war es schlau, dass er die Fotos auf dem Handy nicht gelöscht hatte, was uns nur verdächtig gemacht hätte. Es ist einfach eine Freude, mit Profis zusammenzuarbeiten.

Unsere Mama hingegen war überhaupt nicht stolz. Ganz im Gegenteil. Sie war stinksauer. Und je mehr mein Bruder und ich uns über den gelungenen Ausflug freuten, umso wütender wurde sie. Vielleicht lag es auch daran, dass der Starkregen das Geröll am Abhang gelockert hatte und das Auto schon ein Stück weit die Klippe hinabgerutscht war. Dabei war da locker noch ein Meter zwischen dem Auto und dem Meer.

„Aber ich habe dir doch ein Buch da gelassen, um die Zeit zu vertreiben“, versuchte ich, die Situation zu deeskalieren.

„Ja, von diesem scheiß Radoje Domanović, der davon schreibt, wie Menschen in die Schlucht stürzen!“

„Oh.“ Ich hatte ihr eine Anthologie jugoslawischer Erzähler gegeben, um Land und Leute kennenzulernen.

„Und dieser blöde Ranko Marinković schreibt über abgeschnittene Köpfe. Das hat’s auch nicht besser gemacht.“

„Oh.“ Ich sollte mir merken, beim nächsten Mal ein paar lustige Bücher mitzunehmen.

„Und können wir jetzt endlich ins Krankenhaus fahren?“

Ach ja, ich glaube, ich habe oben vergessen, zu erwähnen, weshalb meine Mutter ins Krankenhaus wollte. Sie hatte sich nämlich ein paar Stunden vorher den Fuß gebrochen. Ich wollte nach Zalazi, einem Dorf in den Bergen, ganz weit oben. Es ist eine Ruine, das Dorf ist verlassen, aber man hat einen fantastischen Ausblick auf die Bucht von Kotor.

Leider war ich nur einmal dort, mit einer örtlichen Wandergruppe, so dass ich mir selbst den Weg nicht gemerkt hatte. Wie verliefen uns also im hochalpinen Gelände, mussten über Stock und Stein klettern, und dabei stürzte meine Mutter unglücklich und verletzte sich so sehr, dass wir sie zurück zum Auto tragen mussten.

Für einen Tag war das wohl ein bisschen viel für sie.

Von meiner Familie hat mich seither niemand mehr besucht.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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8 Antworten zu Ich bin kein Spion, ich bin nur neugierig

  1. Sehr unterhaltsam 😂, zum Glück saß ich am Frühstückstisch mit Kaffee und nicht im Auto. Habe gerade etwas über den Stolz der Mütter auf ihre Söhne geschrieben. Deine Geschichte zeigt sehr gut, dass das ein weiblicher Gendefekt ist🤣

    • Andreas Moser schreibt:

      Deine Erinnerungen und die Filmbesprechung von „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ passen ja wirklich ganz gut zu dieser Geschichte!
      Ich fand auch, dass unsere Mama froh sein hätte sollen, dass wir so glimpflich davon kamen und nicht für Jahre auf einer Insel eingesperrt wurden.
      Dabei wäre in dieser Bucht sogar die passende Gefängnisinsel: https://de.wikipedia.org/wiki/Mamula

  2. Pingback: I am not a spy, I am just curious | The Happy Hermit

  3. Kain Schreiber schreibt:

    Du und deine Abenteuer!
    Schöne Geschichte!

  4. Kay schreibt:

    Diese Geschichte hat alles, was ich brauche. Danke!

    PS: Dein unique selling point GPS-Koordinaten hat gezogen. Meine Paypal-Email ist leicht anders, du wirst das sicher schaffen. Danke!

    • Andreas Moser schreibt:

      Hallo Kay,
      vielen Dank für deine großzügige Spende!
      Dafür schicke ich Dir die exakten Koordinaten, Anfahrtsbeschreibung und weitere Tipps zum Erkunden.

  5. Pingback: Das geheime jugoslawische Weltraumprogramm | Der reisende Reporter

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