Vrmac – wo Wandern betrunken macht

Der einzige Nachteil an Kotor ist, dass es an einem Fjord liegt, umgeben von steil aufragenden Bergen, die die Sonne am Morgen erst mühsam überwinden muss, während sie anderswo im Land schon Menschen und Gemüter erwärmt, und hinter denen sie schon um 15 Uhr wieder verschwindet, um in Tivat einen wunderschönen Sonnenuntergang hinzulegen. Den erblicken wir Bürger von Kotor niemals, weil der Berg Vrmac zwischen uns und der Küste liegt. Aus Enttäuschung über die wenigen Sonnenstrahlen, die Kotor streifen und streicheln, trinken wir umso mehr.

Oder man macht es wie das balkanesische Sprichwort „Wenn der Berg im Weg ist, muss man eben auf den Berg.“ Der Weg auf den Vrmac wurde ebenfalls im betrunkenen Zustand geplant oder angelegt, scheint es. Anstatt auf den euklidischen Rat zu hören, nach dem die kürzeste Linie zwischen zwei Punkten eine Gerade ist, geht es hin und her, links und rechts, zick und zack. Als die Österreicher den Berg einnahmen, gaben sie diesem Durcheinander den großspurigen Namen Serpentinen und importierten das Konzept für die Alpen.

Etwas muss ich aber eingestehen: Da der Berg so steil ist, dass man nie genau weiß, welchen Weg man noch vor sich hat, man aber nach unten blickend Dutzende von Serpentinenschleifen sieht, erhält man eine psychologisch wichtige Bestätigung über die bereits zurückgelegte Wanderleistung.

Serpentinen Vrmac.JPG

Auf dem Rückweg mag das anders sein, aber der ist ja bekanntlich immer einfacher. Außerdem lautete mein Plan, den Vrmac zu überqueren und mit der Bewegung der Sonne den Vormittag auf der Ost- und den Nachmittag auf der Westseite zu verbringen, um am Abend nach Tivat hinab und der Sonne entgegen zu wandern.

Der Tag hätte nicht schöner sein können. Nie zuvor aus dieser Höhe genossene Ausblicke auf die Bucht von Kotor, die den Winter vergessen lassende Sonne, das tiefe Blau des Meeres, die schneebedeckten Berge am Horizont, alles war so grandios, wie wenn ein Maler sich zu einem letzten großen Gemälde aufgerafft und sein Bestes gegeben hätte. Die perfekte Kombination aus Meer, Wald und Bergen, aus Farben und Formen machte mich fast schwindelig. Ganz ohne Alkohol. Oder war das schon der Höhenrausch?

Auf dem Gipfel angekommen, lag Kotor unten in der Bucht noch immer im Schatten der Berge.

Kotor im Schatten von Vrmac.JPG

Die wenigen Häuser auf dem Vrmac waren verlassen und teilweise verfallen, aber der Auslauf für die Hühner war noch umzäunt. Man könnte also jederzeit einziehen.

Dorf 1Dorf 2Dorf 3

Geschützt wäre man auch, denn auf dem Vrmac liegt eine der größten Festungsanlagen Österreich-Ungarns, die in dieser Form ab 1894 erbaut wurde und sich trotz der Kämpfe im Ersten Weltkrieg sehr gut gehalten hat. Für die Geschichte verweise ich auf die Kollegen von der Österreichischen Gesellschaft für Festungsforschung, die auf ihrer Seite viel mehr Details auflisten als irgendjemand behalten kann. Nur soviel zum Zusammenhang: Kotor war der wichtigste Militärhafen von Österreich-Ungarn in der südlichen Adria und musste deshalb dementsprechend abgesichert werden. Gleich hinter Kotor (damals noch Cattaro genannt) verlief die Grenze zu Montenegro, so dass es hier immer wieder zu kleinen Kriegen kam. In dieser Bucht erlitt im Frühjahr 1918 die österreichische Marine übrigens einen Matrosenaufstand. Ja, auch unsere österreichischen Nachbarn haben einen durchaus interessante Geschichte.

Aber zurück zur Festung auf dem Vrmac. Das sympathische an Montenegro ist, dass niemand irgendwo Wachpersonal oder Verbotsschilder aufstellt, geschweige denn die Tür zusperrt. Man kann das Fort also fröhlich und frei erkunden. Eventuelle Minen aus dem Ersten Weltkrieg dürften mittlerweile verrottet sein, so hoffte ich.

Fort1.JPG

Um sich in das Innere der Festung, insbesondere in die Tunnels und Keller vorzuwagen, wäre ein Lampe hilfreich. In Einklang mit meinen Richtlinien für Abenteuer (Nr. 17) hatte ich natürlich keine Lampe mitgebracht. Das war kurzzeitig doof, aber ebenfalls im Einklang mit vorgenannten Richtlinien (Nr. 5) tauchten aus dem Gebüsch zwei Jungs aus Russland auf, die auch die Militäranlagen besichtigen wollten, die Lampen hatten und denen ich mich völkerfreundschaftlich anschloss. Nun liest sich das so einfach, „zwei Jungs aus Russland“, aber jeder, der russische Freunde hat, kann sich vorstellen, was die beiden im Sinn hatten, als sie sagten: „Wir erkunden jetzt mal diese Festung vom Keller bis zum Dach.“ Bei Russen läuft das so ab:

Aber was sollte ich machen, ich hatte keine eigene Lampe. Mitgegangen, mitgehangen. Die beiden zogen sich mit einer Leichtigkeit an zwei Meter hohen Mauern hoch und sprangen durch Fenster, mit der ich nicht einmal aus dem Bett komme. Immer wenn sie ein Loch im Boden entdeckten, durch das man noch tiefer in die Dunkelheit steigen konnte, riefen sie freudestrahlend „hoho!“ und schwangen sich hinab.

 

Aber dank den beiden sah ich wenigstens jeden Winkel der Festung, bis zum Dach, auf das wir uns natürlich irgendwie hochhangelten. Wie ich von dem Dach wieder heil herunterkam, ist mir noch immer schleierhaft.

Dach mit zwei Russen Vrmac.JPG

In einer der Kasematten hatte nach Aufgabe des militärischen Zwecks anscheinend ein Mönch gehaust, denn die Wände waren mit Ikonen bemalt.

Mönch Vrmac.JPG

Apropos Kasematte: Ich kannte das Wort bis zu jenem Tag auch nicht. Aber einer der beiden Russen konnte auf Deutsch erklären, was wir sahen; „zwei Maschinengewehrpositionen“, „der Munitionslift“, „Panzermörserlafette“. Lauter Begriffe, die ich nicht einmal als Muttersprachler kenne. Er studiere Deutsch an der Universität in Sankt Petersburg, sagte er, und ich fragte lieber nicht nach, ob er damit die Militär- oder Geheimdienstakademie meinte.

Jedenfalls war ich von der spontanen Begegnung und dem überstandenen Abenteuer so berauscht, dass ich den längeren Weg nach Tivat – zuerst den ganzen Bergrücken des Vrmac nach Norden entlang – wählte, nicht ahnend, dass sich dieser, wie so vieles was im Rausch begonnen wird, irgendwann im Gestrüpp verlieren würde.

Aber zuerst ging es weiter bergauf, was mir neue Blicke eröffnete: auf das gegenüberliegende Perast, auf die Berge an der Grenze zu Bosnien, auf tief im Tal versteckte

Kirche.JPG

oder einsam auf einen Gipfel gepflanzte Kirchen,

Kirche auf Berg.JPG

die in beiden Fällen von der Außenwelt längst vergessen wurden.

Nur Tivat, das Ziel der Wanderung, sah ich nicht mehr. Davor lag nämlich ein weiterer Berg, von dessen Existenz ich bis dahin gar nichts wusste. Das warf den Plan über den Haufen. Wo ich einen Pfad ausmachen konnte und dieser etwa in die angestrebte Richtung ging, folgte ich diesem. Wo ich ein leeres Bachbett vorfand, nutzte ich dieses, um ins Tal zu kommen. Und wenn ich mich vollkommen verlaufen hatte, kämpfte ich mich durch den Wald wie einst die Partisanen, die hier unter anderem gegen meinen Großvater kämpften, der sich auf die falsche Seite geschlagen hatte und mit einer deutschen Volksgrenadier-Einheit diese Wälder (und wahrscheinlich mehr) zerschoss.

Noch mehr Angst als vor der Wehrmacht habe ich nur vor Hunden. Leider waren es genau diese Monstertiere, die schließlich die Nähe der eigentlich nicht vermissten Zivilisation anzeigten. Es war zwar erst ein weit in den Hügeln über der Stadt gelegener Vorort, aber der Weg nach Tivat war jetzt klar. Durch das Gebell wurde ein Mann neugierig, trat aus seinem Haus und begrüßte mich neben „dobar dan“ mit der Frage, woher ich denn gewandert sei. Als ich erklärte, dass ich den ganzen Weg von Kotor zu Fuß zurückgelegt hatte, war der freundliche Herr, der seine Hunde schon beruhigt hatte, so beeindruckt, dass er mich sogleich auf einen Rakija einlud. Mein einziger Vorsatz fürs neue Jahr war es, mehr auf fremde Menschen zuzugehen und meine diesbezügliche natürliche Schüchternheit zu überwinden, also sagte ich erfreut zu.

Er führte mich in eine Gartenlaube, die mit Jagdtrophäen, -gewehren und -bildern geschmückt war. Deshalb auch die vielen Hunde, für die er Halsbänder mit GPS hatte, so dass er mit Hilfe der Hunde Wildschweine aufspüren konnte. Der Jäger sprach ein bisschen Deutsch und Englisch, ich ein paar Wörter Serbokroatisch, und so unterhielten wir uns ganz gut und fröhlich über die Jagd („Wildschweine jage ich, aber die Kaninchen züchte ich, um sie im Wald freizulassen“) und die derzeitige Schonzeit, die er strikt einhalte, über Deutschland (seine Schwester wohnt in Karlsruhe), über die verlassenen Dörfer und Kirchen auf dem Vrmac und über die Fahrt von Deutschland nach Montenegro. „Es geht nichts über das Motorrad“, beschwor er mich: „Freiheit, frische Luft, ganz nah an der Natur!“ Ich erzählte, dass mein Vater in den 1960er Jahren mal von Deutschland bis nach Mostar fuhr, dann aber umkehrte und Montenegro so knapp verpasste.

Der Jäger zeigte auf zwei Schwarzweißfotos an der Wand hinter mir (ebenfalls alles Jäger): „Das ist mein Vater, und das ist mein Großvater.“ Dann deutete er auf ein Foto, das neben der Tür hing, und sagte lachend, aber nicht unernst: „Das ist mein zweiter Vater.“ Es war Tito.

Tito.JPG

Jugoslawien mag es nicht mehr geben, aber dieser Herr war noch Jugoslawe durch und durch. In der Ecke standen eine kroatische und eine montenegrinische Fahne, eine für seine Volkszugehörigkeit und eine für die seiner Frau. Wenn er den Plattenspieler in der Ecke angeworfen hätte, hätte wahrscheinlich eine flotte Hymne auf Marschall Tito den Raum mit Musik und Nostalgie erfüllt.

Während der gesamten Unterhaltung konnte ich den Konsum des besonders starken Rakija auf eineinhalb Gläser beschränken, aber auf einen Magen, der den ganzen Tag nur einen Müsliriegel zugeführt bekommen hatte, war das schon zu viel. Ich war wirklich betrunken, der Kopf war schwer, die Beine auch. Der Gastgeber schien mir das anzusehen, denn er erklärte mir fürsorglich, dass ich einfach immer der Straße bergab folgen solle, dann würde ich ganz sicher nach Tivat kommen. Zum Glück geriet ich in keine Alkoholkontrolle.

(Read this article in English here.)

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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15 Antworten zu Vrmac – wo Wandern betrunken macht

  1. prima erzaelt, bloss jeder echte bergsteiger weiss, dass, wenn er auch den weg steil, in kuerzester linie, hinauf kann, niemals ebenso hinunter kommen kann, so dass serpentinen die einzige ‚geniale‘ loesung waren

  2. Caren Leong schreibt:

    Looking forward to the English version, but the photos look amazing by themselves!

  3. Pingback: Vrmac – where you get drunk from hiking | The Happy Hermit

  4. Andersreisender schreibt:

    Spannende, „betrunkene“ Erlebnisse, die Du rund um Kotor gemacht hast. Die Bucht und ihre Besonderheiten stehen noch auf meiner Bucket List. Mal sehen, ob ich auch den Vrmac auf verschlungenen Wegen erklimme. 🙂

  5. Pingback: Guten Abend aus Kotor | Der reisende Reporter

  6. Jörg schreibt:

    Von der Überschrift angelockt habe ich diesen Bericht aufgerufen… und wurde nicht enttäuscht. Sehr unterhaltsam geschrieben. Und beeindruckende Bilder! Dankeschön!

    • Andreas Moser schreibt:

      Vielen Dank, Jörg!
      Ich möchte mindestens noch einmal auf den Vrmac, um die Kirche im Tal aufzusuchen, die ich diesmal nur von der Ferne gesehen habe.

  7. Pingback: Alle Wege führen zum Lovćen | Der reisende Reporter

  8. s_t_photos_blog schreibt:

    Durch Zufall bin ich auf diesen wirklich interessanten Blog gestoßen. Die Berichte gefallen mir sehr. Die Gegend hatte ich noch gar nicht auf dem „Radar“ 🙂

    • Andreas Moser schreibt:

      Dankeschön!
      Für mich ist Montenegro wirklich das schönste Land in Europa, wobei ich nicht weiß, wie es im Sommer ist, wenn es zumindest an der Küste ziemlich überlaufen ist. Aber jetzt, außerhalb der Saison, ist es auch ziemlich entspannt und freundlich.
      Überhaupt finde ich den Balkan ziemlich interessant, weil man alle 200 km oder so in einem anderen Land ist, eine andere Sprache, Kultur, Religion u.s.w. hat.

  9. Pingback: Als Übersetzer zum Millionär | Der reisende Reporter

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