Mit dem Zug durch Montenegro

timetableDer nächste Zug geht um 10 Uhr, signalisiert mir die Schalterbeamtin mit zehn ausgestreckten Fingern an ihren wie bei einem Überfall hochgehobenen Händen. Der Fahrschein für eine der schönsten Zugfahrten Europas kostet 3,20 Euro. Später entdecke ich an einem anderen Schalter einen handgeschriebenen Zettel mit den Abfahrtszeiten für die wichtigste Zugverbindung Ex-Jugoslawiens.

Mir bleiben noch 20 Minuten. Der Kiosk hat zwar keine Cola, aber dafür Cockta, einen slowenischen Cola-Ersatz, der erfrischender schmeckt, allerdings kein Koffein injiziert. Und eine Tafel Schokolade für die Zugfahrt. Am Bahnsteig für Gleis 3 wartet ein Mann mit einer Stihl-Kettensäge. Das muss das richtige Gleis für den Zug in die Berge sein.

chainsaw

Belgrad-BarVon Podgorica, der Hauptstadt Montenegros, will ich nach Kolašin, einer Kleinstadt in den Bergen. Noch vor dem ersten Stop kontrollieren zwei durch den Zug laufende Grenzbeamte meinen Pass so intensiv, wie wenn ich ins Ausland führe. Die Strecke ist tatsächlich Teil der Bahnverbindung nach Belgrad, aber seit dem Hochwasser in Serbien im Sommer 2014 fährt täglich nur mehr ein Nachtzug bis nach Belgrad.

Schon 1855 begannen die Planungen für die Bahnverbindung von Belgrad an die montenegrinische Küste. Erst 1976, also 121 Jahre später, war die 454 km lange Strecke voll befahrbar. Mit 254 Tunneln und 243 Brücken war sie das teuerste Infrastrukturprojekt in Jugoslawien. Die Bahn überwindet eine Höhendifferenz von 1.000 Metern. Der Bahnhof in Kolašin, den ich ansteuere, ist mit 1.024 Metern der höchstgelegene Bahnhof der Strecke.

Kurz nach Verlassen der Hauptstadt steigt die Strecke an. Ein türkisblauer Fluss schlängelt sich tief in der Schlucht neben der Bahnstrecke. In Montenegro weisen Flüsse die Farben auf, die man sonst nur auf Postkarten aus Sardinien oder der Karibik sieht.

river from train 2

Mein Blick wandert hin und her zwischen Schluchten und den Bergen. Eine dramatische Landschaft, dazwischen kleine Gebirgsdörfer mit unverputzten Steinhäusern, die sich von den angegliederten Ställen nur durch die Satellitenschüssel unterscheiden. Und immer wieder Tunnel. Ein Viertel der gesamten Strecke verläuft durch Tunnel, von denen sich die längsten mehr als 6 km durch den Berg bohren.

tunnel

Allein im Abteil sitzend schreibe ich diese Notizen, springe aber immer wieder auf, um zum Fenster zu eilen und Fotos zu machen. Auf der rechten Seite geht es so steil hinauf wie es links bergab geht. Diese Zugfahrt muss man mindestens zweimal machen, weil man beim ersten Mal gar nicht alles aufnehmen kann. In wenigen Ländern kann man auf so einfache, bequeme und kostengünstige Weise die beeindruckendsten Naturschönheiten sehen.

Da taucht es auf, das Male-Rijeka-Viadukt. Eine 500 Meter lange und 200 Meter hohe Brücke. Die höchste Eisenbahnbrücke Europas. Ich sehe sie aus der Ferne, dann wieder ein Tunnel, und unmittelbar mit der Ausfahrt aus dem Tunnel ist der Zug auf der Brücke. Ein fantastischer Ausblick eröffnet sich. Ich kann mich nicht entscheiden, auf welche Seite ich zuerst hinabsehen soll.

bridge2

bridge5

Der Zug windet sich weiter über Gebirgspässe, durch Schluchten und über Brücken. Eine gerade Streckenführung ist in diesem Terrain unmöglich. Die Lok nimmt den enormen Anstieg erstaunlich einfach. An Stationen wie Bratonižići, wo eine Eisenbahnangestellte vor dem einsamen, vom dichten Wald umgebenen Bahnhof steht, hält der Zug nicht einmal. Aber nicht nur die Geographie bestimmte die Streckenführung, sondern auch die Politik. Vor dem ersten Weltkrieg gab es einen internationalen Konflikt, hauptsächlich zwischen Österreich-Ungarn und Serbien, über die Trassenführung. Serbien, das keinen eigenen Zugang zum Meer hatte, wollte durch die Bahnverbindung nach Bar einen Adriahafen erschließen. Österreich-Ungarn versuchte mit konkurrierenden Trassen dagegenzuhalten. Es war dieser Konflikt um den Balkan, der 1914 zum Ersten Weltkrieg führte, nicht das Attentat von Sarajevo.

Jetzt ist es aber friedlich. Die ersten schneebedeckten Bergspitzen tauchen in der Ferne auf. Im Tal schlängelt sich die Straße neben dem Fluss, während der Zug immer weiter empor steigt und über allen anderen Verkehrsmitteln thront. So wie es sein sollte.

road from train

An der Haltestelle Lutovo wartet ein entgegenkommender Zug. Hier wohnt kein Mensch. Vielleicht dient die Haltestelle nur dem Passieren von Zügen auf der ansonsten eingleisigen Strecke. Die hier eingesetzten Bahnangestellten können nur mit dem Zug an ihren Arbeitsort kommen. So schafft sich das Unternehmen seine eigene Nachfrage.

Lutovo 1 Lutovo 2

Der Fluss ist zu einem Rinnsal verkommen. Höhlen sind in den Fels gesprengt, vielleicht von Partisanen während des Zweiten Weltkriegs, vielleicht war noch Dynamit vom Tunnelbau übrig. Herbstlich gefärbtes Laub, steile Granitwände wie in Yosemite. Dazwischen eine einsame Holzhütte. Die Tannen oberhalb des Ostrovica-Tunnels tragen schon weiß. Es ist Oktober. Diese Reise will ich im Winter noch einmal unternehmen.

Die Fahrt nach Kolašin hat nur 78 Minuten gedauert, aber das waren 78 Minuten ganz großes Naturkino! Als ich aussteige, sehe ich, dass einer der beiden Polizisten über drei Sitze ausgestreckt schläft, die Schuhe ausgezogen, die Krawatte gelockert.

Kolasin Bahnhof

Am höchstgelegenen Bahnhof des Landes empfängt mich ein trotz der Mittagssonne eisiger Wind, und bis auf das Rauschen der Baumwipfel herrscht absolute Ruhe. Nur ganz wenige Vögel zwitschern. Die meisten von ihnen sind über den Winter weggezogen, sind erfroren oder wurden von Wölfen gefressen. In einer Senke liegt Kolašin, einen ziemlichen Marsch vom Bahnhof entfernt. 78 Minuten Zugfahrt und ich fühle mich abgeschieden vom Flachland und an das Anfangskapitel des „Zauberbergs“ erinnert.

Kolasin

Als ich mich umblicke, ist der Zug schon wieder weg.

Kolasin Bahnhof leer

Er fährt weiter nach Bijelo Polje, tiefer ins Gebirge. Von der Tafel Schokolade habe ich nur eine Rippe gegessen, weil ich vor lauter Staunen, Fotografieren und Schreiben nicht dazu kam. So lange hält Schokolade bei mir sonst nie.

(To the English version of this story.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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14 Antworten zu Mit dem Zug durch Montenegro

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  4. Dieser Beitrag weckt Erinnerungen an meine Reise mit dem Zug von Belgrad nach Bar. Ich konnte mich damals auch kaum sattsehen. Die Landschaft ändert sich ständig während dieser Fahrt. Gebirge, Seen und – damals im Herbst – bunte Wälder. Weiterhin gute Reise!

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  9. Klasse, eine neue Zugstrecke „entdeckt“. Ich liebe Zugfahrten durch die Berge, vorbei an Seen, Wasserfällen, Bächen, Flüssen und verschiedenen Wäldern (manchmal auch mit kargen Landschaften) oder Zugfahrten durch den Dschungel / Regenwald, wenn die riesen Blätter und Zweige an die Scheibe peitschen, da die Vegetation so dicht ist, dass man glaubt, der Zug habe keinerlei Platz, sich auf den Schienen durchzuschlängeln. Und wenn man das Fenster öffnet, riecht die Luft so unglaublich grün, frisch und einfach nur sauber. Und eine Mischung aus Beidem – Gebirge und Dschungel – ist auch genial. Manchmal ist der Weg zu einem Ziel besser, als das Ziel selbst. 😀

    • Andreas Moser schreibt:

      Wunderbare Beschreibung!
      Und wenn der Zug schön langam ist, hat man Zeit, um in Ruhe ein Buch zu lesen (wobei ich bei der Zugfahrt in Montenegro die ganze Zeit nur staunend am Fenster klebte).

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