Mein säkularer Sabbat

Den Lesern dieses Blogs wird nicht entgangen sein, dass ich radikaler Atheist bin. Aber eine religiöse Idee gibt es, die ich gerne übernehme, wenn auch in weltlicher Version.

Es ist die Idee des Sabbat, des siebten Tages der Woche, den man in Ruhe zu verbringen hat anstatt sich abzuschuften. Ich verwende den jüdischen Begriff dafür, weil es wohl der bekannteste ist, aber viele andere Religionen haben ähnliche Regeln/Empfehlungen im Siebentagesrhythmus, vom buddhistischen Uposatha bis zu den sich sogar danach benennenden Adventisten des Siebenten Tags.

Die Bibel sagt, dass man kein Schaf scheren und kein Feld pflügen soll, aber da dies im Leben der meisten zeitgenössischen Gläubigen keine Bedeutung entfaltet, ist der Spielraum für Auslegungen eröffnet. Ist Euch schon mal aufgefallen, dass Theologie in vieler Hinsicht wie Jura ist, nur ohne die demokratische Legitimation? In der heutigen Zeit scheint sich der Streit darauf zu fokussieren, ob man am Sabbat ein Auto fahren oder Elektrizität benutzen darf.

Ich jedoch bin weder an die Bibel noch an Interpretationen davon gebunden. Es gibt keine Götter, die ich besänftigen muss. Ich habe die Idee nur zugunsten meiner eigenen geistigen Gesundheit übernommen.

Was mache ich also an meinem Sabbat?

Erstens: keine Arbeit. Die meisten werden jetzt antworten, „ach, das mache ich doch schon. Ich habe Samstag und Sonntag frei.“ Aber das ist nicht, was ich meine. Schließlich arbeite ich selbst nicht einmal regelmäßig und definitv weniger als fünf Tage pro Woche. Ich meine: nicht einmal an die Arbeit denken! Und das ist ein großer Unterschied.

In der Praxis bedeutet das: An meinem Sabbat lese ich keine E-Mails, ich schalte das Telefon aus, ich lese keine arbeitsbezogenen Unterlagen, ich werde nicht versuchen, neue Kunden oder Aufräge an Land zu ziehen, ich werde nicht einmal an die Arbeit denken.

Das zweite Elemten, und es hilft enorm beim Erreichen des ersten Ziels, ist es, den Tag in der Natur zu verbringen. Es muss gar nicht weit weg sein, auch nichts Besonders. Normalerweise gehe ich einfach zur Tür hinaus und wandere durch die Wälder und über die Felder bis es dunkel wird. Wenn ich dächte, dass ich nicht so weit gehen möchte, würde ich mich an einen See setzen und dort ein Buch lesen (aber bitte nichts über Selbstoptimierung oder Marketing oder etwas anderes, mit dem Ihr Euch besser verkaufen wollt).

Zur Zeit lebe ich in einem kleinen Dorf in Deutschland, da ist das natürlich leichter möglich als in Istanbul, das gebe ich schon zu. Aber immer wenn ich in Städten gelebt habe, habe ich einfach den Bus bis an den Stadtrand genommen und bin von dort losgelaufen. Manchmal nehme ich auch den Zug in eine etwa 30 km entfernte Stadt und gehe zu Fuß zurück nach Hause. Die Entfernung ist dabei wirklich egal, denn es ist kein Sportfest und kein Wettbewerb. Vielmehr geht es darum, das Gehirn von all dem Krempel freizubekommen. Und Ihr werdet überrascht sein, wie beruhigend so ein Tag in der Natur ist.

hobo

Der dritte Punkt ist vielleicht sogar der wichtigste: kein Internet. Ich wache an solchen Tagen auf, packe meinen Rucksack und gehe aus dem Haus, ohne dass ich meine E-Mails, Facebook oder Twitter gelesen hätte. Wenn Euch diese Vorstellung ein Problem bereitet, dann seid Ihr süchtig. Die meisten von uns sind es. Aber wenn Ihr dann draußen seid, die verschiedenen Grüntöne genießt, dem Singen der Vögel lauscht, an den frischen Blumen riecht, oder Euch mit einem Bauern auf dem Feld unterhaltet, dann werdet Ihr die Freiheit verspüren, die sich erst einstellt, wenn man nicht mit Milliarden von Menschen gleichzeitig verbunden ist. Denkt dran, bis vor etwa zwanzig Jahren haben wir alle immer ohne Internet gelebt. Und es hat super funktioniert.

Auch wenn Ihr Euch nichts aus Natur macht, könnt Ihr den dritten Punkt befolgen. Dann geht Ihr eben in ein Museum. Oder in die Bibliothek. Oder zum Angeln. Oder Ihr umrundet mit dem Fahrrad einmal die Insel. Theoretisch kann man das natürlich auch zuhause durchziehen und den ganzen Tag Gitarre spielen oder russische Romane lesen. Aber daheim gibt es zu viele Ablenkungen, finde ich. Da steht ein Fernseher, da ist der Computer, da liegt das Telefon. Und im Nu hat einem die gedankenlose Zeitverschwendung schon wieder einen Tag geraubt.

Die drei wichtigsten Lektionen eines internetfreien Tages sind Folgende: (1) Ich brauche Twitter oder Facebook nicht wirklich, ja nicht einmal die Nachrichten. Wenn ich an solchen Tagen nach Hause komme, merke ich erst, wie viel man eigentlich von einem Tag hat, wenn man nicht ständig online ist. (2) Genausowenig braucht man mich oder meine Meinung. Die Welt läuft auch ohne meinen Beitrag weiter, genauso gut oder genauso schlecht. Ich bin wirklich vollkommen unwichtig. (3) Ohne ständige Ablenkungen und Unterbrechungen kann ich tiefgründige Gedanken anstellen, über größere Zusammenhänge nachdenken, einfach mal anders denken. Ich habe den Eindruck, dass ich dann qualitativer denke, da nicht jeder Gedankengang alle paar Minuten von einem neuen Tweet oder dem Fiepen des Telefons unterbrochen wird.

Hut von hinten Sierra Maria

Euch ist wahrscheinlich schon aufgefallen, dass ich solchen Aktivitäten am liebsten allein nachgehe, aber das muss nicht sein. Ehrlich gesagt, wenn ich mir viele Paare und Familien so ansehe und bemerke, wie wenig sie untereinander und mit ihren Kindern kommunizieren im Vergleich zu der Zeit und Aufmerksamkeit, die sie elektronischen Geräten widmen, dann wäre es vielleicht ganz gesund, einen Tag draußen zu verbringen, nur Ihr beide, ohne dass Ihr Euch Gedanken um die Likes auf Instagraph macht und Euch stattdessen am Anblick eines Eichhörnchens erfreut. Wenn Euch diese Vorstellung mehr beunruhigt als begeistert, ist es sowieso an der Zeit, die Beziehung zu beenden.

Trotz all meiner Skepsis gegenüber der Technik mache ich eine Ausnahme, wenn ich in einer Landschaft spazierengehe, die ich schon kenne und wo mich wenig überraschen wird. Ich nehme einen MP3-Spieler mit, mit nur einem Kopfhörer, denn ein Ohr sollte immer der Natur gehören. Der wichtige Unterschied zu einem Telefon oder dem Internet ist, dass ich vorab entscheide, was ich mir anhöre. Ich werde nicht von Link zu Link geleitet, sondern ich wähle bewusst aus. Ich höre dann Podcasts über die Antarktis-Expedition von Ernest Shackleton oder über Pierre Bourdieu, anstatt  meine Zeit mit den Fotos anderer Menschen von ihren Hunden, ihren Kindern, ihrem Frühstück oder von sich selbst im Bikini zu verschwenden. Auch versuche ich, aktuelle Politik zu vermeiden, weil vieles davon in sechs Monaten nicht mehr relevant sein wird.

Für all das habe ich keinen festen Tag in der Woche. Manchmal fällt es auf das Wochenende, manchmal nehme ich mir den freien Tag unter der Woche, je nachdem, wo ich gerade bin, was ich zu tun habe und natürlich abhängig vom Wetter. Aber es ist der eine Tag der Woche, auf den ich mich immer freue. Es ist ein Genuss, unproduktiv zu sein. Schließlich sind wir Menschen, keine Maschinen.

Wo ich jetzt darüber nachdenke, sollte ich diese Routine eigentlich auf eine Woche pro Monat ausweiten.

Pause

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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5 Antworten zu Mein säkularer Sabbat

  1. Pingback: My secular Shabbat | The Happy Hermit

  2. gr schreibt:

    Welche Podcasts hörst/empfiehlst Du?

    • Andreas Moser schreibt:

      Diese Folgefrage habe ich befürchtet. 🙂
      Jetzt muss ich mich wohl an die Arbeit machen und demnächst mal meine Podcsat-Liste veröffentlichen!

  3. Pingback: Alternativmedizin | Der reisende Reporter

  4. Pingback: Die Welt bei uns zuhause | Der reisende Reporter

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