Montenegro, wo Faulheit olympisch ist

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In Jugoslawien gibt es über jede der Teilrepubliken, von denen die meisten, wenn nicht sogar alle, mittlerweile unabhängig sind, gewisse Vorurteile: Die Slowenen seien so hochnäsig, dass sie sich gar nicht zum Balkan zählen. Die Serben sähen sich stets und immerzu als Opfer einer gegen sie gerichteten Weltverschwörung, selbst wenn sie über ihre eigenen Schuhbänder stolpern. Die Kroaten seien ein bisschen ustascha. Die Bosnier würden kein Börek mit Käse essen. Und so weiter.

Aber am hartnäckigsten halten sich die Vorurteile über Montenegriner. Die sind angeblich das faulste Volk auf der Welt.

Da ich einst im wunderschönen Montenegro gelebt habe, kann ich enthüllen: An diesem Vorurteil ist nichts dran. Wirklich gar nichts. Ganz im Gegenteil. Oft konnte ich mit eigenen Augen beobachten, wie ab 10:30 Uhr der montenegrinische Chef höchstpersönlich auf die Baustelle kam und den albanischen, mazedonischen, bosnischen und ukrainischen Arbeitern schweißtreibend Anweisungen gab. Manchmal sogar schon vor dem zweiten Frühstück im Café. Und das an drei oder vier Tagen in der Woche!

Gut, es gibt Montenegriner, die ihr Geld praktisch im Schlaf verdienen, entweder als Vermieter von Ferienwohnungen oder als Übersetzer. Und in Museen kommt man gratis, weil das Abreißen des Tickets zu aufwändig ist. Aber das ist ja auch sympathisch.

Überhaupt, mit mehr Faulheit hätte es weniger Balkankriege gegeben. Ist sicher kein Zufall, dass die angeblich fleißigen Deutschen diejenigen sind, die bisher für alle Weltkriege verantwortlich sind. Auch für die Umwelt ist es besser, wenn wir nicht ständig schuften und konsumieren. Kurz und gut: Mit mehr Faulheit wäre die Welt besser, die Menschen glücklicher, die Gesellschaft gerechter.

Aber zurück zu Montenegro:

Wie um das Stereotyp zu persiflieren, wird dort jedes Jahr ein Wettbewerb im Herumliegen abgehalten, der nur deshalb nicht olympisch ist, weil das IOC dafür keine Fernsehübertragungsrechte verkaufen konnte.

Der Wettkampf fand diesen Sommer bereits zum 12. Mal statt, und zwar in dem kleinen Dorf Brezna, weit weg von der nächsten Stadt. Ideale Bedingungen für die Athleten, um sich ohne allzu viel Ablenkung entspannen und auf ihre Disziplin konzentrieren zu können.

Wer beim Wettbewerb im Herumliegen an ein gemütliches Bett gedacht hat, muss umdenken. Weil es auch darum geht, der Welt zu zeigen, wie entspannend die montenegrinische Natur ist, liegen die Sportlerinnen und Sportler unter einem Baum. Ganz kollegial nebeneinander, so dass man sich moralisch unterstützen, Trainings- und Ernährungstipps austauschen und auf ein Bier nach der Olympiade verabreden kann.

Dieses Jahr war es so spannend wie nie, habe ich von Zuschauern gehört. Von den anfänglich neun Mutigen blieben zwei übrig, die sich nach mehreren Tagen einen packenden Zweikampf lieferten. Wie Fischer gegen Spasski. Oder Ali gegen Frazier. Nur dass keine Fäuste und keine Figuren vom Brett fliegen. Hier spielt sich alles im Kopf ab. Und in der Rückenmuskulatur.

Tagelang liegen ist nämlich gar nicht so einfach. Ihr könnt ja mal ausprobieren, wie lange Ihr durchhaltet.

Der Champion, Žarko Pejanović, humpelte nach 60 Stunden schmerzverzerrt, aber stolz vom Platz. Er hatte 350 Euro, eine Pizza und einen Sitz im Parlament (Sportausschuss) gewonnen.

Ganz so entspannt wie bei seinem Lieblingssport ist Herr Pejanović allerdings nicht, wenn er in der Zeitung lesen muss, er sei „der größte Faulenzer des Landes“. Die montenegrinische Tageszeitung Dan hatte diesen Fehler begangen. Mit all der aufgestauten Energie eines Meisterentspanners stürmte Herr Pejanović die Redaktionsräume, verprügelte die Journalisten und verwüstete die Büros.

Herr Pejanović kann jetzt versuchen, im Gefängnis seinen bisherigen Rekord im Liegen zu übertreffen.

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Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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8 Antworten zu Montenegro, wo Faulheit olympisch ist

  1. Anke schreibt:

    Hoch lebe die Faulheit! Muss ja nicht im Liegen stattfinden. 😉

  2. Pingback: Montenegro, where Laziness is Olympic | The Happy Hermit

  3. sinnlosreisen schreibt:

    Wenn die Montenegriner faul wären, hätten sie schon längst einen Aufzug in Kotor gebaut. Habe gerade heute morgen einen Teil der tausend Treppenstufen erklommen, die zu dieser Kapelle hinauf führen. Und sehe bei der Rückkehr in deinem Beitrag genau das Foto, das ich selbst auch geknipst habe. Wie klein die Welt ist!
    Viele Grüße aus Montenegro

  4. Pingback: Liegen für die Wissenschaft | Der reisende Reporter

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