Zu höflich für Halloween

Samstagabend, 19:35 Uhr, in Ammerthal, einem kleinen Dorf in Bayern. Das Klingeln an der Haustür kommt unerwartet zu so später, dunkler Stunde. Und wer stört bitteschön während der Sportschau, gerade jetzt wo Dortmund wieder etwas Spannung in den Kampf um die Tabellenspitze bringt?

Drei kleine Mädchen sind es die, nein, man kann nicht sagen „stören“, so niedlich und friedlich stehen sie da, eng aneinander geschmiegt, mit dicken Jacken, denen man das mahnende „Zieht Euch ja warm an!“ der  Mütter ansieht.

Halloween Ammerthal

„Guten Abend“, sagen sie höflich, als mein Vater die Tür öffnet.

„Na, was macht’s Ihr denn?“ fragt dieser amüsiert.

„Halloween“ rufen die drei Mädchen im Chor aus, wie wenn dieser Brauch auch in der bayerischen Provinz schon so bekannt wäre, dass er bald die Heiligen Drei Könige ablösen würde. Was übrigens schade wäre, weil die drei Weisen aus dem Orient gerade jetzt in der Flüchtlingsdiskussion ein schönes Symbol sind.

Mein Vater holt bereitwillig Schokolade und Lebkuchen aus der Küche (wenn ich nicht bemerkt hätte, dass er noch eine Packung für uns zurückgehalten hat, würde ich jetzt einschreiten) und stopft sie in die vom Erfolg des abendlichen Raubzugs schon schwer herabhängenden Säcke.

„Vielen Dank! Einen schönen Abend noch!“ verabschieden sich die freundlichen und höflichen Mädchen mit Piepsstimme.

Dass die Kinder den Heimgesuchten an Halloween ein bißchen Angst und Schrecken einjagen sollen, um durch die Drohung mit noch Schlimmeren ungesunde Lebensmittel zu erpressen, ging beim Herüberschwappen dieses Brauchs über den Atlantik in die Alte Welt wohl verloren wie ein auf einem Piratenschiff ertappter blinder Passagier. In den USA schmieren sich die Kinder Kunstblut ins Gesicht und tun so, wie wenn ihnen eine Axt im Kopf steckt. In diesem Fall sind es eher die drei Mädchen, die ängstlich und erschrocken aussehen, nachdem sie sich durch unseren dunklen Garten und vorbei an holzgeschnitzten Fratzen gemacht hatten und dann von zwei bärtigen Männern im Waldschratlook empfangen wurden. „Wahrscheinlich haben vorne am Gartentor ihre Eltern gewartet“, vermutet mein Vater.

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
Dieser Beitrag wurde unter Deutschland, Religion abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Zu höflich für Halloween

  1. American Viewer schreibt:

    Mir gefällt Heilige Drei Könige auch besser. Da wird immer schön gesungen. Einfach klingeln und mit Saurem drohen, finde ich ein bisschen arg dreist.

    Der neue Bond-Film ist laut Achgut gelungen:
    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/spectre_vielleicht_der_beste_bond_aller_zeiten

Schreibe eine Antwort zu American Viewer Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s