Ammerthal – Gedanken an die Heimat

Wenn ich in der Ferne manchmal an mein Heimatdorf Ammerthal denke, kommt mir der Satz aus Gottfried Kellers Roman „Der grüne Heinrich“ in den Sinn: “Das Dorf zählt kaum zweitausend Bewohner, von welchen je ein paar hundert den gleichen Namen führen; aber höchstens zwanzig bis dreißig von diesen pflegen sich Vetter zu nennen, weil die Erinnerungen selten bis zum Urgroßvater hinaufsteigen.”

Seit ich 2009 ausgewandert bin, war ich nur zweimal zu einem jeweils kurzen Familienbesuch in Ammerthal. Nur wenig hatte sich verändert. Jeder wohnte noch da, wo er schon immer gewohnt hatte. Jeder tat noch das, was er schon immer getan hatte. Das meiste sah so aus, wie es vor Jahren ausgesehen hatte. Lediglich die gewohnt häßlichen Gewerbegebiete und die charakterlosen Neubaugebiete hatten sich noch weiter in die Landschaft vorgefressen, wie wenn man von einer Immobilienblase noch nie gehört hatte.

Ammerthal-OrtsschildDurch einen Anruf meines Vaters wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass Ammerthal es jetzt immerhin in die Satiresendung “Quer” im Bayerischen Fernsehen geschafft hatte. Nachdem ich mir die Sendung im fernen Vilnius zugeführt hatte, wusste ich, dass noch etwas so geblieben war wie immer: In Ammerthal wird noch immer so gestritten wie vor 15 oder 20 Jahren. Aktuell geht es um die Trinkwasserversorgung sowie um die Nichtbeachtung eines Bürgerentscheides durch die Mehrheit des Gemeinderates.

In der Pubertät interessieren sich Jugendliche für gewaltsame Auseinandersetzungen oder zumindest deren passiven Konsum. Kriegsfilme, Ballerspiele und amerikanische Wrestling-Shows waren in Mode, als ich in den 80er Jahren heranwuchs. Einige Freunde aus Ammerthal und ich gingen stattdessen monatlich in die öffentliche Gemeinderatssitzung. Im Gegensatz zu den spätabendlichen Wrestling-Übertragungen war hier alles echt: echte Hitzköpfe, echte Beleidigungen, echte Handgreiflichkeiten, echte, tiefsitzende gegenseitige Verachtung zwischen den verschiedenen Fraktionen.

Die Missachtung von Recht und Gesetz scheint ebenso eine Ammerthaler Tradition zu sein wie die Vetternwirtschaft. Diese hat ein Ausmaß erreicht, das, wenn es bei einem afrikanischen Staat vorläge, zum Entzug aller Weltbank-Kredite führen würde. Schon damals wurden die Gemeinderatssitzungen oft vor Gericht weitergeführt. Als ich Jahre später meine Anwaltskanzlei eröffnete, hätte ich mich allein von den Mandatsanfragen aus Ammerthal ernähren können, so wie andere Rechtsanwälte von der Rockerbande “Hells Angels” leben. Da ich meist beide Seiten der an mich herangetragen Streitigkeiten persönlich kannte, konnte ich den Wunsch nach professioneller Einmischung dankend aber abschlägig bescheiden.

Um die Gedanken an den Ort, den meine Eltern vor 38 Jahren für mein Aufwachsen auserkoren hatten, nicht so ausklingen zu lassen, wie wenn es dort gar nichts Positives gäbe, verweise ich auf das Beste an diesem Ort, auf das ich durchaus stolz bin: Seit mittlerweile 24 Jahren hat die Gemeinde Ammerthal eine Partnerschaft mit dem Landkreis Modi’in in Israel. Jährlich findet ein Jugendaustausch statt, mit dessen Hilfe ich selbst etliche Male in Israel war, mein Interesse am Nahen Osten und am Reisen ermutigt wurde und so der Grundstein für meine spätere Weltenbummlerei gelegt wurde. Dass die politische Situation in Ammerthal mindestens genauso verfahren ist wie im Nahen Osten ist aber vermutlich reiner Zufall.

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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5 Antworten zu Ammerthal – Gedanken an die Heimat

  1. milos schreibt:

    Da in dieser Zeit wohl etwas Heimweh einsetzt 😉 Der SWR featurte einen schönen Zusammenschnitt der Bundespräsidentenweihnachtsansprachen:
    http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/feature/-/id=659934/nid=659934/did=10554826/1qkm9gm/index.html
    Als mp3:
    [audio src="http://mp3-download.swr.de/swr2/feature/podcast/stellen-sie-sich-den-behoerden.19244s.mp3" /]

    • Andreas Moser schreibt:

      Heimweh setzt bei mir zwar nie ein, aber vielen Dank für den Link. Ich werde mir den Beitrag bei enem meiner nächsten Spaziergänge mal anhören.
      Danke auch für die Erinnerung daran, daß ich schon lange mal etwas über den Heimatbegriff schreiben wollte.

  2. Gregor schreibt:

    Na dann konntest du dir gleich die Heimfahrt sparen und einfach deine Bekannte/Verwandte von Youtube aus sehen, sollte doch reichen 😉
    Sonst ist das nicht peinlich, wenn man zu solchen gehört?
    Das sieht so aus, als ob ihr was besseres werd als die anderen 🙂
    Meinetwegen könnt ihr ne Mauer aufbauen und euch Schlösser hinstellen 🙂
    Grüße

  3. tommdidomm schreibt:

    Ich muss jetzt mal erwähnen, dass ich in den letzten zehn Tagem zwei Mal in Ammerthal war. Und nein, ich habe nicht vor deinem Geburtshaus rumgelungert. Aber ich habe mir von einer Aborigonee den Wasser-Streit von Ammerthal erklären lassen.

    • Andreas Moser schreibt:

      Oh, was treibt einen denn in dieses Kaff? (Wobei ich heute beim Spazierengehen vier Lamas gesehen habe, was seit langem das erste Lebenswerte ist, was ich hier entdeckt habe. Und es gibt gute Torten bei der Bäckerei.)

      Aber gib doch Bescheid, wenn du wieder hier bist! Ich habe immer genügend Zigarren für Gäste. 🙂

      Das mit dem Wasser habe ich selbst nicht ganz kapiert, was wahrscheinlich daran liegt, dass ich damals in Litauen wohnte, wo man das Trinkwasser einfach aus geschmolzenem Schnee gewann.

      Und zu dem „Geburtshaus“ muss ich gestehen, dass zuerst ich kam. Erst danach bauten meine Eltern panisch ein Haus, womit meine Existenz ihnen das eigentlich nicht gewollte Spießerleben eingebrockt hat. 😦 Ohne mich wären sie jetzt glücklich in Nepal und in Spanien (nicht zusammen).

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