Nichtwähler

Jeden Sommer geistert für ein paar Wochen ein Ungeheuer durch die Nachrichten. Mal ist es ein Bär in den Alpen, mal ein Krokodil im Baggersee, mal eine Riesenschlange in der Kanalisation. Alle vier Jahre – und 2013 ist eines dieser Jahre – wird dieses Ungeheuer im ausklingenden Sommer von einem anderen Ungeheuer verdrängt, das noch schrecklicher und noch gefährlicher ist und vor allem immer zahlreicher und lautstarker in Erscheinung tritt: der Nichtwähler.

Wahlbeteiligung-BundestagswahlenSelbst begeisterter Wähler und Demokrat, habe ich mich früher auch immer über die Nichtwähler echauffiert. Ich hielt diese Abstinenz für unverantwortlich, ja vielleicht sogar für undankbar gegenüber jenen (in Westdeutschland wenigen), die für die Demokratie gekämpft haben. – Aber dann habe ich diese Nichtwähler mal kennengelernt. Seither weiß ich: Es ist kein Schaden für die Demokratie, wenn einige Leute am Wahlsonntag zuhause bleiben.

Warum soll jemand wählen (sollen oder gar müssen), der keine Ahnung hat? Was ist denn gewonnen, wenn man den letzten Betrunkenen oder Monarchisten zur Abstimmung zerrt? Befördert es die Demokratie, wenn Kinder gedankenlos das wählen, was ihre Eltern wählen? Im schlimmsten Fall egalisieren solche Wähler dann meine Stimme, über deren Abgabe ich mir monatelang unter täglichem mehrstündigem Zeitungskonsum den Kopf zerbrochen habe.

Das Wahlrecht ist eben ein Recht, keine Pflicht. Wieso die teilweise Nichtausübung von Rechten am Sonntagabend zu betroffenen Gesichtern bei Moderatoren und Politikern führen wird, ist mir nicht klar. Auch andere Rechte (z.B. das Recht auf Versammlungsfreiheit oder das Petitionsrecht) werden regelmäßig von vielen Deutschen nicht ausgeübt, ohne daß ein Zusammenbruch der Demokratie heraufbeschworen wird.

Speziell dieses Jahr gibt es dann aber doch eine Gruppe von Nichtwählern, die mich aufregt. Sie sind eine relativ neue Erscheinung, tragen ihr Nichtwählertum wie eine Monstranz vor sich her, drängen in die Talkshows und rufen sinngemäß: „Seht her, wir sind die besseren Bürger. Ihr Wähler seid dumm!“ Sie nennen sich Intellektuelle und sind doch nur zu faul, um politische Debatten zu verfolgen, und zu feige, um sich festzulegen. Wer angesichts eines Parteienspektrums von CSU bis Linke (und eines noch viel weiteren Spektrums außerhalb der bereits im Bundestag vertretenen Parteien) standhaft behauptet, es gäbe keinen Unterschied zwischen den Parteien, der kann nicht lesen.

Dieser neue Typ von lautstarken Nichtwählern ist auch deshalb besonders nervig, weil jene so tun, wie wenn ein Aufruf zum Wahlboykott in Deutschland ein mutiger Akt wäre wie in Burma oder im Iran. Dabei stellen sie sich nur auf eine Stufe mit jenen, die nie wählen, aber dann in den folgenden vier Jahren besonders lautstark aber niveaulos über „die Politiker“ meckern und stänkern.

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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2 Antworten zu Nichtwähler

  1. Gregor schreibt:

    Naja, man meckert so oder so, der Wähler ist mit der Partei unzufrieden, der Nichtwähler ist allgemein unzufrieden, also jeder ist unzufrieden, weil die Politiker eher nicht für das Volk sondern für sich selber arbeiten.
    Ich würde jetzt behaupten und vergleichen: Politiker sind wie Windows, da weißt Du auch nicht, ob Du „gefickt“ wirst, verzeih meine Ausdrucksweise, aber das ist doch so. Ein anderes Wort kann man dafür nicht verwenden.
    Und irgendwann gibts einen Skandal, aber wer zahlt das alles Natürlich die Bürger.
    Und dann soll man sich noch Mühe machen und die Leute wählen, die einen nur verarschen?
    Natürlich befasse ich mich nicht tiefgreifend mit Politik, aber das was mir zu Ohren gekommen ist, das hat mir gereicht.

  2. Paul schreibt:

    Ist der Nichtwähler nicht eigentlich eine Chimäre?
    Gibt es ihn eigentlich?
    Ich meine: Nein.

    Die Bemerkung meiner Oma soll das verdeutlichen:
    Wenn das Mittagessen aufgetragen wurde, meinte sie immer es gäbe zwei Gänge: Essen oder nicht essen.

    Ist es nicht beim Wählen genauso?
    Wählt nicht der Nichtwähler auch? Er wählt eben nicht wählen zu gehen. Das ist doch auch eine Wahl. Nur weiß er erst hinterher wem er seine Stimme gegeben hat: Immer der Mehrheitspartei.

    Der Wähler hat den Vorteil, dass er bereits zum Zeitpunkt der Stimmabgabe weiß wen er gewählt hat.

    Wer ist den nun der Vernünftigere? Der Wähler oder der Nichtwähler?

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