Lipari – Tag 1

Lipari, Salina, Vulcano, Alicudi, Filicudi, Panarea. Grämen Sie sich nicht, wenn Sie diese Namen nicht sofort auf der Landkarte verorten können. Bis vor zwei Monaten konnte ich es auch nicht. Dann zog ich nach Sizilien. Wenn ich jetzt noch den Namen der siebten und bekanntesten Insel – Stromboli – nachschiebe, dann kommt Ihnen zumindest der bekannt vor. Diese sieben und einige weitere unbewohnte Inseln bilden die Äolischen Inseln (auch Liparische Inseln genannt) nördlich von Sizilien.

Liparische Inseln LandkarteMein Versuch, zumindest einige dieser Inseln zu erkunden, begann mit einem Fehlschlag. Mitte November wollte ich nach Salina gelangen, aber wegen stürmischer See (in Sardinien waren tags zuvor 16 Menschen durch ein Unwetter umgekommen) verließen weder Fähren noch die wetteranfälligeren Tragflügelboote den Hafen von Milazzo.

Zwei Tage später kann ich mich jedoch auf der Fähre nach Lipari, der größten der sieben Inseln, einschiffen. Auf der großen Fähre wirke ich ganz verloren neben den nur drei weiteren Passagieren. Im Bauch der Fähre werden nur ein Auto und ein kleiner Lieferwagen festgezurrt. So ein weniger als halbvoller Bauch wird die Fährgesellschaft nicht satt machen, aber zum Glück für sie gibt es die Touristenströme im Sommer, die die Inseln überschwemmen und die Preise hochtreiben. Ich reise gerne antizyklisch. Keynes würde sich freuen.

alone ferry to Lipari

Die Fähre dampft langsam aus dem Hafen von Milazzo, vorbei an dem langen, grünen Kap, das sich hier nach Norden ins Tyrrhenische Meer schiebt. Hinter der Stadt baut sich eine imposante und zu dieser Jahreszeit grüne Hügelkette auf, und nach einigen Meilen Fahrt wird auch die Krone Siziliens sichtbar: der Ätna. Der Himmel ist blau, das Meer ist noch blauer und so ruhig, daß man sich nicht vorstellen kann, wie es noch vor zwei Tagen getost hat. Die Schiffsbar hat für die wenigen Passagiere gar nicht erst geöffnet. Mit einem hungrigen Magen, der nicht voller als der Bauch der Fähre ist, döse ich ein.

Etna from ferry

Ich wache auf, als sich das rhythmische Auf und Ab des großen Schiffes verlangsamt. Zur Linken sehe ich einen grünen Berg, der sich aus dem Meer schiebt, vorbeigleiten. Er ist viel grüner, als ich von einer vulkanischen Insel erwartet hätte. Das ist Vulcano, ein kurzer Zwischenstop auf dem Weg nach Lipari. In einigen Tagen werde ich auch diese Insel besuchen, und was ich sehe, steigert meine Vorfreude: Rauch steigt aus dem aktiven Krater des Vulkans auf, der Hafen wird umrahmt von zackigen Felsformationen, die höher als alle Gebäude auf der Insel sind, Palmen säumen das wenige Flachland. Ein Bild, wie ich es zum letzten Mal in Australien gesehen habe. Aber schon geht es weiter nach Lipari.

Vulcano from ferry

Vulcano from ferry 2

Angekommen im Hafen von Lipari, stürzen sich die ihr Auskommen im Tourismus Findenden auf die vier Neuankömmlinge: Insel-Rundfahrten, Vespa-Verleih, Zimmer zu vermieten. Im November ist hier eindeutig mehr Angebot als Nachfrage. Da mir diese Aufdringlichkeit nicht behagt, lehne ich selbst die verlockendsten Angebote ab.

Lipari ist mit rund 5.000 Einwohnern der einzige Ort der Äolischen Inseln, der die Bezeichnung Stadt verdient. Hier gibt es ein Krankenhaus, eine Schule und alles an Geschäften, was Touristen und Insulaner (auch die Bewohner der anderen Inseln, die hier zum Groß- oder Spezialeinkauf herkommen) so benötigen. Die Haupteinkaufsstraße ist dennoch so leer, daß Hunde ihre Wettrennen dort veranstalten, an die die wohlgenährten Katzen sich schon so gewöhnt haben, daß sie sich nicht von der Stelle bewegen, wenn Mensch oder Hund vorbeiläuft. Ruhe und Stille durchziehen die steilen und engen Gassen. Ein Zeitschriftenladen offeriert im Aushang vom Wind mitgenommene Zeitungen, die fünf Tage alt sind.

Ich gehe in den Friedhof, und zwar wegen dessen die Stadt überblickender Lage an einem Hang gleich außerhalb des Stadtzentrums, nicht weit vom Hafen entfernt, aber auch wegen eines generellen Interesses an diesen Gärten letzter Ruhestätten. Dieser ist allerdings kein Garten, sondern besteht fast durchweg aus Stein und Mauerwerk. Interessant ist er trotzdem: Anscheinend aus Platzmangel werden mehrere Gräber übereinander gestapelt. Sie sehen wie große Regale aus, die gemauerten oder betonierten Wände, in die die Särge hineingeschoben werden. Bis zu sechs Ebenen zählen diese Mauergräber. Mit Rollen versehene Leitern stehen davor, auf die man hochzuklettern hat, um am Grab des Angehörigen ein paar Blumen anzubringen. Manche der Grabfächer sind noch frei, einstweilen werden sie von Vögeln belegt. Eidechsen huschen über die warmen Steine.

cemetery Lipari

Aber jetzt ist es an der Zeit, mich in die Natur zu begeben, auf den Weg zum Geophysikalischen Observatorium an der Südspitze der Insel. Ein Fehler im Reiseführer, ein kleines „rechts“ wo „links“ hätte stehen sollen, führt mich auf immer schmaleren und steileren Pfaden in die Wildnis. Meine Bewunderung für diesen abgeschiedenen Wandervorschlag wird noch übertroffen von der grünen Natur und dem wunderbaren Blick zurück auf die Bucht von Lipari sowie die von dem Burgberg dominierte Stadt. Das Meer ist so dunkelblau, wie man es als Kind gemalt hat und wie an Nord- oder Ostsee lebende Menschen sich dies nie vorstellen könnten. Mein Spaziergang nimmt erst ein vorläufiges Ende als ich mir an einer mit Kakteen bewachsenen, unüberwindbaren Felswand endgültig eingestehen muß, nicht auf dem rechten Weg zu sein. Zum Glück steht gerade hier ein verlassenes und verfallendes Bauernhaus, auf dessen Terrasse ich zwei zuvor erworbene Arancini, eine mit Reis, Erbsen und Hackfleisch gefüllte und dann frittierte, sattmachende sizilianische Köstlichkeit, verspeise. Ich verweile und genieße die Abgeschiedenheit, aber schließlich muß ich doch den Weg zurück einschlagen. Nun nehme ich sicherheitshalber den Weg über die Straße zum Observatorium. Weniger schön, aber dafür zielführend.

Lipari City

Das Observatorium liegt zwar nur auf maximal 400 Meter Höhe, aber von Meereshöhe aus sind das eben auch 400 zu überwindende Höhenmeter. Als ich endlich ankomme, bin ich kaputt, erschöpft und durstig. Die Straße endet am Observatorium, aber ein Weg geht weiter durchs Gestrüpp bis ganz an die Küste. Der Ausblick ist fantastisch! Von hoch oben blickt man auf die Nachbarinsel Vulcano sowie auf deren Halbinsel Vulcanello, beide geformt von deutlich erkennbaren Kratern. Aus dem größeren Krater tritt Rauch aus, nicht nur aus dem Kraterschlund, sondern auch aus Spalten im Berg. Bis auf den großen Krater selbst ist Vulcano jedoch erstaunlich grün. Mit seiner steilen Küste, den zerklüfteten vom Vulkan aufgeworfenen und im Meer erstarrten Felsformationen sieht die Insel aus wie gemacht für Abenteuerfilme.

Lipari to Vulcano 1

Lipari to Vulcano 2

Eigentlich wollte ich hier nur so lange verweilen, daß ich noch vor der Dunkelheit in Lipari zurück bin. Ich schätze den Rückweg auf zwei Stunden, sollte also bald los. Aber es ist zu schön. Ein paradiesischer Ort. Ich bleibe also und klettere auf den Klippen herum, aufgeputscht und energiegeladen von Landschaft und Ausblick. Erst eine im Fels eingelassene Steintafel, die an drei im Sommer hier verunglückte Kletterer erinnert, bringt mich wieder zur Besinnung.

cliff Lipari Andreas Moser

sunset Lipari 1

Das Problem mit dem Rückweg nach Lipari-Stadt löst sich von selbst. Beim Observatorium steht mittlerweile ein Auto mit drei Jugendlichen, die hier anscheinend auch den Sonnenuntergang (und vielleicht noch etwas anderes) genießen wollen. Obwohl sie mit all ihren Musikinstrumenten eigentlich keinen Platz mehr in ihrem Wagen haben, nehmen sie mich mit und fahren mich bis zum Hafen von Lipari.

Zu einem der Häfen von Lipari sollte ich schreiben, denn obwohl die Stadt klein ist, hat sie derer gleich drei. Marina Corta ist der südlichste und der hübscheste von ihnen, nicht ausgelegt für die großen Fährschiffe, sondern für die jetzt im Winter eingemotteten Ausflugsboote und ein paar Fischerboote. Den pittoresken Hafen schmücken eine Brücke, die Statue des Inselpatrons San Bartolomeo, auf den mich mehrere Inselbewohner stolz hinweisen, und gleich zwei Kirchen, eine davon in der Mitte des Hafens auf einer der Kaimauern. Man kann also direkt vom Boot in die Kirche steigen, was entweder praktisch für Fischer oder romantisch für Brautpaare ist. Durch die Beleuchtung des Hafens und die kleine Brücke fühle ich mich an Venedig erinnert.

Marina Corta church

Marina Corta night

Und weiter geht es mit Tag 2 auf Lipari.

(This article is also available in English.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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4 Antworten zu Lipari – Tag 1

  1. Annegret schreibt:

    Ein wunderbarer Ausflug, wenn auch nur anhand der Bilder!

  2. Pingback: Lipari – Day 1 | The Happy Hermit

  3. Pingback: Lipari – Tag 2 | Der reisende Reporter

  4. Pingback: Stromboli – ein Abend auf dem Vulkan | Der reisende Reporter

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