Weihnachtserdbeben

Ich wache und stehe gerne zeitig auf, aber an einem kühlen Morgen Ende Dezember ist 5 Uhr 20 doch arg früh. Selbst nach dem rigiden Regiment meines Weckers hätte ich noch 70 Minuten zu schlafen gehabt; die Zugabe, die ich ihm an guten Tagen abtrotzen kann, noch gar nicht eingerechnet.

Aber am 23. Dezember 2013 werde ich zu ebendieser Zeit auf eine Art geweckt wie nie zuvor. Es fühlt sich an, wie wenn jemand mein schweres Bett mit Leichtigkeit mehrmals um ein paar Zentimeter nach links und rechts schiebt. Von einer Sekunde zur nächsten bin ich wach und merke, daß nicht nur das Bett mobil geworden ist. Auch das Schlafzimmer, ja das ganze Haus wird in einem gleichmäßigen Rhythmus hin- und hergeschoben, begleitet von einem leichten Rumoren. Nach wenigen Sekunden ist es vorbei. Vollständige Stille. Obwohl ich bisher noch keinerlei Erfahrung damit gemacht habe, kann es keinen Zweifel geben: Das eben war ein Erdbeben.

Sofort stehe ich auf und gehe auf den rückwärtigen Balkon, in der Erwartung, das Dorf in Flammen und die Straßen voller Menschen in Panik zu sehen. Nichts. Es ist schon hell, aber vollkommen ruhig. Kein Ton von dem sonst meinen Wecker ergänzenden Hahn. Keine Katze quengelt. Nicht einmal einen einzigen Autoalarm höre ich, wo die doch sonst schon losgehen, wenn nur ein Eichhörnchen übers Auto huscht oder eine überreife Orange vom Baum fällt.

Ich werde unsicher: Vielleicht habe ich zu schnell auf ein Erdbeben getippt? Schnell gehe ich die anderen Möglichkeiten für ein so arg vibrierendes Haus durch, muß aber eine nach der anderen verwerfen: Eine Explosion wäre viel lauter gewesen und würde nicht zu diesem Rütteln im gleichmäßigen Takt führen. Ebenso ein Beschuß mit schweren Waffen. Angesichts der Lage des Hauses in der Straße ist es unwahrscheinlich, daß ein LKW das Haus gerammt hat. Bei einem Panzer müßte ich den Motor hören, bei einem Helikopter die Rotoren. Ohne jegliche Vorwarnung ist es unwahrscheinlich, daß der Gerichtsvollzieher am Tag vor Weihnachten frühmorgens kommt, um das Haus einzupacken und abzuschleppen. Nein, es bleibt nur ein Erdbeben.

Zur Verifizierung meiner laienhaften Analyse schalte ich den italienischen Nachrichtenkanal Rai News 24 ein. Es läuft die Presseschau, dann ein Bericht über die Meinung von Angela Merkel über irgendetwas mit Italien-Bezug. Die Nachrichten in Italien bringen zu fast allem Kommentare von Angela Merkel, so daß man glauben könnte, sie wäre die Präsidentin von Europa. Dann natürlich Fußball. Von einem Erdbeben im eigenen Land findet sich auch 15 Minuten nach dem Beben keine Spur auf dem Nachrichtensender.

Messina earthquake mapAlso schlage ich im Wörterbuch das italienische Wort für Erdbeben nach: terremoto, und gebe es bei Twitter ein. Tatsächlich gibt es ein paar Meldungen von einem Erdbeben, mit dem Epizentrum wahlweise in Reggio Calabria (der Stiefelspitze Italiens), in Messina (die dem italienischen Festland am nächsten liegende Stadt in Sizilien) oder in der Meerenge zwischen beiden. Ich wohne etwa 20 Kilometer westlich von Messina. In die Richter-Skala wird dieses Erdbeben mit der Stärke 4 eingehen.

Mit dieser Bestätigung gehe ich auf die Straße, um nach sichtbaren Schäden am Haus und der Umgebung zu suchen. Außer einem zu Bruch gegangenen Blumentopf, der in der Mitte der Straße liegt, kann ich keine Anzeichen einer Naturkatastrophe erkennen. Und so etwas hat mich aufgeweckt.

Tagsüber spricht jeder, den ich in diesem sizilianischen Dorf treffe, erst einmal über Weihnachten und dann über das Erdbeben. Dabei geht es meist nicht einmal um das heutige, sondern um das Beben von 1908. Damals gab es in Messina ein wesentlich stärkeres Erdbeben (7,2 auf der Richter-Skala), das einen Tsunami auslöste, der fast die gesamte Stadt zerstörte und ca. 70.000 Menschen in Messina allein tötete. Es war eine der verheerendsten Naturkatastrophen in der Geschichte Europas. Schaurig ist, daß dieses Erdbeben auch um Weihnachten, nämlich am 28. Dezember 1908, stattfand. Noch schauriger ist dessen Uhrzeit: Es war ebenfalls genau 5 Uhr 20. Immer wenn ich heute in diesem Zusammenhang das Wort coincidenza (Zufall) in den Mund nehme, werde ich angesehen, wie wenn ich eine neue und vollkommen absurde Theorie vertrete.

Abends rangiert selbst auf den Internetseiten sizilianischer Zeitungen das Erdbeben ganz unten. Der Aufmacher ist jetzt die Warnung vor einer Kältefront in den nächsten Tagen. Die Aussicht auf Schneefall an Weihnachten hat schon wieder mehr Nachrichtenwert als ein Erdbeben.

Nicht ganz so schlimm wie 1908.

Nicht ganz so schlimm wie 1908.

(This article is also available in English.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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3 Antworten zu Weihnachtserdbeben

  1. Pingback: Christmas Earthquake | The Happy Hermit

  2. daMax schreibt:

    hübsches Foto 🙂 ist schon unheimlich, so ein Erdbeben. Ich habe das in Stuttgart nur ein einziges mal erlebt, da war das Epizentrum aber irgendwo im Hunsrück oder was weiß ich und bei uns kam nur ein ganz leichtes Vibrieren an. Trotzdem ein beeindruckendes Erlebnis. Krass, wie relaxed die Leute da unten reagieren. Scheint ja oft genug vorzukommen, schätze ich.

  3. Pingback: Die Ruinen von Tyndaris | Der reisende Reporter

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