Platz zum Schreiben gesucht

„Wann bekommen wir wieder neue Artikel?“ fragen Redakteure von Delhi bis New York mit dringlichen und erwartungsvollen Stimmen. Leser von Hamburg bis Pretoria blättern durch die eben vom Kiosk geholten Zeitungen auf der Suche nach mit meinem Namen gekennzeichneten Reportagen. Die Astronauten auf der Internationalen Raumstation wenden sich enttäuscht dem Rest des Internets zu, nachdem es auf meinem Blog schon seit einigen Tagen nichts Neues mehr gegeben hat.

In Wirklichkeit fragt natürlich niemand, außer manche meiner Eltern, wenn sie merken, daß schon wieder ein halbes Jahr vorbei ist, seit sie das letzte Mal von mir gelesen haben. Alle anderen haben sich damit abgefunden, daß ich faul oder einfach verschwunden bin.

Dabei kann ich genau sagen, wo all meine Artikel sind. Hier sind sie, in etlichen altmodisch geführten Notizbüchern, -blöcken und -heften:

Notizblöcke

Ihr seht, ich schreibe gerne und viel. Beim zweiten, dritten und vierten Schritt, dem ins Reine Schreiben, Redigieren und Veröffentlichen hapert es aber.

Ein Grund dafür ist, daß ständig Neues passiert. Neue Länder, neue Kriege, neue Geschichten. Und selbst wenn nichts Neues passiert, so kommen mir doch jeden Tag neue Gedanken, die dann ein Notizbuch nach dem anderen füllen – und verstauben. Ich bräuchte mal eine Pause. Drei Monate ohne Reisen, ohne neue Eindrücke, ohne Erlebnisse. Zeit zum Denken und Schreiben.

Während meines halben Jahres in Bari habe ich auch gemerkt, wie wichtig der Ort für das Schreiben ist. Ich wohne in einer Wohngemeinschaft im Zentrum einer lauten Stadt mit lauten Leuten. Öffne ich das Fenster, höre ich knatternde und hupende Autos, Vespas und Krankenwagen sowie Leute, die sich anschreien. Viele sprechen sogar lauthals mit sich selbst, wobei sie sich ein kleines Gerät ans Ohr halten (ein Souffleur?). Und Hunde! Wieso kann niemand diese Köter abknallen? Schließe ich das Fenster, höre ich die geschmacklose Musik meiner Mitbewohner, Türenschlagen oder Telefonate auf Polnisch, Französisch oder Spanisch. Hier gibt es weder ruhige Flecken noch ruhige Stunden.

Manche Leute tun so, wie wenn sie arbeiten können, selbst wenn es rundherum tost und rumort wie in einem Bus mit Schulkindern. Ich kann das nicht. Ich brauche Ruhe, ich muss allein sein, und zwar für längere Zeit am Stück, nicht nur eine Stunde am frühen Morgen und zwei Stunden zur überlangen italienischen Siesta.

Als nächstes muss ich deshalb wieder einen ruhigeren Ort finden. Eine Wohnung für mich allein. Am liebsten ein Häuschen oder einen gemütlichen Plattenbau in einer mittelgroßen Stadt in Osteuropa, wo ich nach dem Joggen im Park in meinem Schriftstellersessel sitze und mit einer heißen Schokolade den Schneeflocken dabei zusehe, wie sie selbst kommunistische Bausünden verschönern. Ideal zum Schreiben!

Am 1. Oktober werde ich umziehen. Noch bin ich auf der Suche. Wenn Ihr irgendetwas habt, was nicht viel mehr als 200 € Miete pro Monat kostet, lasst es mich wissen. Danke!

(To the English version of this appeal.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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4 Antworten zu Platz zum Schreiben gesucht

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