Ein Rendezvous mit Ebola

“Hallo, ich bin Ebola”, sagte er und streckte seine Hand mit etwas zu viel Selbstbewußtsein aus, so wie wenn er bei einem Vorstellungsgespräch anstatt einem Rendezvous wäre.

Sie hatte kaum Zeit, sich zu setzen, bevor er fortfuhr: “Ich bin derzeit das gefürchtetste Virus der Welt. Ganz Westafrika ist praktisch abgeschnitten wegen mir. Für mehr als 50% meiner Opfer bin ich tödlich. Bisher schon mehr als 5.700 bestätigte Todesfälle. Vor kurzem war ich sogar ein großes Thema im amerikanischen Wahlkampf.“

“Überall auf der Welt haben die Menschen panische Angst vor mir“, fügte er nach einer Pause an, die zu offensichtlich für ihren Effekt geplant war. Sie konnte sich vorstellen, wie er es vor dem Spiegel geübt hatte.

Während er weiter über Infektionen, Symptome, den Mangel an Impfstoffen, die Angst der afrikanischen Krankenschwestern und geschlossene Flughäfen schwadronierte, hörte sie schon nicht mehr zu und beobachtete stattdessen die anderen Menschen in der Bar. Es war ein Fehler gewesen, sich mit einem Kerl zu verabreden, der viel jünger als sie selbst war.

Erleichterung war deshalb ihre erste Reaktion als er nach den langweiligsten 45 Minuten ihres Lebens sagte: “Hey, tut mir leid, aber ich muss weiter. Ich muss noch eine Menge Menschen infizieren.” Sein Gesicht verwandelte sich in einen großen Zwinkersmiley, der trotz seiner Falschheit dazu einlud, ihm eine echte Faust draufzusetzen.

“Das war eine putzige Geschichte”, sagte sie, wohl wissend dass er dieses Wort hassen würde. Ihr Lächeln war authentisch, wenn auch spöttisch. “Ich bin übrigens die Pest, aber ich bin schon lange im Ruhestand.” Der Name schien ihm nichts zu sagen.

Als sie nach Hause ging, allein im Schein des nebelverhangenen Mondes, erwog sie zum ersten Mal seit Jahrhunderten ein Comeback. Nur um diese Jungspunde auf ihre Plätze zu verweisen.

Pest im Mittelalter(Diese freundliche Warnung erschien auch im Freitag. – Click here to read this story in English.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
Dieser Beitrag wurde unter Schreiben abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Ein Rendezvous mit Ebola

  1. Der Senfspender schreibt:

    … und wenn sie ganz ehrlich ist, hat sies ja sowieso nie ganz lassen können – und übt schon
    seit dreißig Jahren immer mal wieder, heimlich, still & leise, für ihr großes Comeback

    http://en.wikipedia.org/wiki/Plague_%28disease%29#Other_contemporary_cases

    Denn das peinliche Schicksal ihrer armen Verwandten, der Pocken

    http://en.wikipedia.org/wiki/Ali_Maow_Maalin

    soll ihr unbedingt erspart bleiben!

Hier ist Platz für Kommentare, Fragen, Kritik:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s