Es begann mit dichtem Nebel. (Teil 2)

(Hier findet Ihr Teil 1.)

Der Name des Picknickplatzes – Musolino – erinnerte mich zu sehr an den einstigen Diktator Italiens, aber gerade hatten wir die Nebelzone verlassen, und nach dem Reinfall auf dem Gipfel des Dinnammare waren wir froh um jede Möglichkeit, uns im Wald die Beine zu vertreten.

Wir stellten das Auto ab und schlugen den erstbesten Pfad ein. Ohne Ziel. Dichter Wald, Vögel, ein wolkenverhangener Tag, nicht gerade warm, umgefallene Bäume, ein bißchen Wildnis, und das nur ein paar Minuten von der Großstadt Messina entfernt. Ein Glück, dass der Berg so steil ist, sonst wäre er wahrscheinlich schon lange bebaut.

Aber dann sehe ich etwas durch das Gebüsch. Was ist das, mitten im Dickicht?

house in jungle

Ein Haus, allerdings verlassen. Es ist kein Weg zu dem Haus erkennbar, also muss es schon seit ein paar Jahren verlassen sein. Die Fenster und Türen stehen offen. Die Neugier packt mich, aber ich versuche gar nicht, meine Mutter und meine Schwester davon zu überzeugen, dass eine nähere Untersuchung des mysteriösen Heims eine gute Idee ist.

Zum Glück, wie sich bald herausstellen wird.

Nach 15 Minuten weiteren Fußmarsches finden wir nämlich noch mehr Relikte einer vergangenen Zivilisation. Diese sind nicht nur leichter zugänglich, ja sie liegen direkt am Wegesrand, sie sind auch wesentlich interessanter als ein simples Wohngebäude.

chapel1

Eine Kapelle. Nicht mehr viel übrig von der Innenausstattung. Nur mehr ein einfaches Holzkreuz und zwei Rahmen, die einstmals wertvolle Ikonen geschmückt hatten. Wie ein Signal an die Nachwelt stehen sie symmetrisch hinter dem Altar.

chapel2Wir werden neugierig. Was hier wohl mal war? Wieso es nicht mehr ist? Was wir noch finden werden? Es gibt keine Schilder, keine Tafeln, keine Hinweise, nichts. Auf der Landkarte ist nichts verzeichnet.

Dann taucht das hier auf.

burg1Nun muss ich niemanden mehr überreden. Wir sind alle Feuer und Flamme. Da müssen wir hin! Wir finden ein sehr großes, gar nicht mal sehr altes, mit Burgzinnen und klassischen Bögen verziertes Gebäude, das mir mit seinen Terrassen, seinen großen Fenstern und dem Teich wie ein einstiges Restaurant vorkommt.

Aber jetzt ist alles leer, kaputt und verlassen.

burg2

burg3 burg4Wenn Fenster und Türen so weit offen stehen, ist man fast gezwungen, die derart ausgesprochene Einladung anzunehmen. Sicherheitshalber hören wir uns um. Nichts. Keine Stimmen, keine anderen Laute, keine Kettensägen.

Also treten wir ein. Vorsichtig bewegen wir uns durch die langen Korridore und über die brüchigen Treppen nach oben, Stockwerk für Stockwerk.

burg inside 1 burg inside 2 burg inside 3

Bis auf ein paar Graffiti, die offensichtlich erst nachträglich angebracht wurden, finden wir keine schriftlichen oder anderen Hinweise auf die einstige Nutzung, auf das Baujahr und erst recht nicht auf die Geschichte hinter diesem Dorf, das hauptsächlich aus einer alten Kapelle und diesem prachtvollen Bau bestand.

burg inside 4Das Internet gibt mir allerdings die Hoffnung, dass sich jemand aus Messina meldet, der die Geschichte hinter diesen Gemäuern erzählen kann. – UPDATE – Und schon hat sich mein allwissender Vermieter aus Sizilien gemeldet und Folgendes erklärt:

Bei dem großen Gebäude handelt es sich um die Villa Rodriquez, die im ersten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts erbaut wurde. Sie gehörte der Rodriquez-Familie gehörte, einer der reichten Familien in Messina, Gründer einer Schiffswerft, die noch immer ihren Namen trrägt, und die das erste Tragflügelboot für die Verbindung von Sizilien nach Kalabrien bauten.

Das Anwesen besteht aus der Villa, der Kapelle, einem Haus für die Angestellten, einem Stall und einem Pool (oder einem künstlichen See), letzterer angeblich in der Form des Kiels eines Tragflügelboots, was man aber schwer überprüfen kann, weil er immer voller Blätter ist. So war es übrigens auch, als wir dort waren. Hier gibt es noch mehr Fotos.

Leopoldo Rodriquez wollte eine Residenz in den Bergen beziehen, um dem Trubel von Messina zu entfliehen (wobei Alessio sich fragt, ob Messina zu Beginn des 20. Jahrhunderts tatsächlich so geschäftig war).

Für die, die Ruinen selbst besuchen möchten, hier die genau Position auf der Landkarte.

(To the English version.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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4 Antworten zu Es begann mit dichtem Nebel. (Teil 2)

  1. Pingback: Es begann mit dichtem Nebel. (Teil 1) | Der reisende Reporter

  2. Pingback: It began with dense fog. (Part 2) | The Happy Hermit

  3. KleesButterfly schreibt:

    Ich bin so neidisch! Das ist ein Paradies für Abandoned Photography.

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