Charlie Hebdo

„Je suis Charlie“ – „Ich bin Charlie“ – stand nach dem Anschlag auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift auf vielen Facebook- und Twitter-Profilen. Das war billig und vielleicht auch ein bißchen anmaßend, selbst wenn es unterstützend gemeint war.

Aber allein von drei Wörtern auf Twitter können die überlebenden Zeichner und Texter die Zeitschrift nicht weiterbetreiben. Ich belasse es nicht bei leeren Worten, sondern kaufe mir Charlie Hebdo, auch wenn der Preis von 29 rumänischen Lei = 6,50 Euro etwas happig ist.

Charlie HebdoWenn mehr Menschen die Zeitschrift gekauft hätten, wäre vielleicht genug Geld für ein paar zusätzliche Wachmänner vorhanden gewesen.

Langfristig mag die Feder mächtiger sein als das Schwert, aber in der Zwischenzeit sollten diejenigen von uns, die im Besitz eines Schwertes sind, unsere federschwingenden Genossen beschützen. In Gesellschaften mit einem staatlichen Gewaltmonopol trifft diese Aufgabe auch den Staat. Das bedeutet nicht, dass jeder Journalist oder Künstler einen Leibwächter bekommen muss, aber es wäre schön, wenn sich unsere Politiker wenigstens der Dummheiten enthielten, die sie in den Wochen nach dem Attentat an den Tag gelegt haben:

  • In Paris spazierten die Repräsentanten freier europäischer Demokratien Arm in Arm mit Vertretern von Staaten, die Journalisten und Künstler verfolgen, einsperren, foltern und hinrichten. Beim Abendessen wurde wahrscheinlich über neue Panzerlieferungen an Diktaturen verhandelt.
  • Die Särge der Ermordeten waren noch nicht unter der Erde, da war der Ruf nach der Vorratsdatenspeicherung schon wieder da. Das würde zwar überhaupt nichts nützen (in Frankreich war die Vorratsdatenspeicherung schon Gesetz), aber es wäre ja schade, wenn zwölf Menschen für nichts gestorben wären.
  • Gar nichts kapiert hatte die CSU. Sie forderte am Tag nach dem Attentat, in Zukunft Gotteslästerung stärker zu bestrafen. Die „christlich-soziale“ Regionalpartei macht sich damit die Forderungen von Al-Kaida und ISIS zu eigen. Ich habe noch nie verstanden, wieso der Glaube an etwas, das nicht existiert, aber angeblich genauso allmächtig wie gütig und verzeihend ist, strafrechtlich geschützt werden muss. Nach allen mir bekannten Gottesbildern ergibt das keinen Sinn.
  • Papst Franziskus, der bis dahin auch Atheisten positiv überrascht hatte, zeigte sein wahres Gesicht als Oberhaupt eines illiberalen Gottesstaats, indem er Verständnis für die Mörder zum Ausdruck brachte: „Wenn mich jemand provoziert, haue ich ihm auch eine rein.“ Vielleicht gibt es dafür bald einen Friedensnobelpreis.

An dieser Stelle muss klargestellt werden, dass Charlie Hebdo keine „islamkritische“ Zeitschrift ist, wie so oft falsch berichtet wurde. Das Satiremagazin macht sich über alles und jeden lustig, von aktuellen und früheren französischen Präsidenten über Schauspieler, den Front National, alle möglichen Religionen, den IWF, das Militär, Unternehmen bis hin zu anderen Journalisten und sogar sich selbst.

Manchmal scheint die Diskussion von der empfindlichsten Heulsuse dominiert zu werden, die man auftreiben konnte. Betrachten wir zum Beispiel das Titelblatt der Ausgabe nach dem Attentat, mit einem weinenden Propheten Mohammed, der unter der Überschrift „Alles ist vergeben“ ein „Je suis Charlie“-Schild hochhält.

Charlie Hebdo weinender MohammedDass nach so einem Blutbad überhaupt eine Zeitung zusammengestellt wurde, ist schon beeindruckend. (Die meisten von uns nähmen sich ein paar Tage frei, nur weil der Kanarienvogel oder der Hamster gestorben ist.) Und dann trifft der Titel genau den richtigen Ton: Trauer und Versöhnung.

Dennoch demonstrierten rund um die Welt Menschen gegen das angeblich anstößige, beleidigende und verletzende Titelbild. Was ist beleidigend an einer Darstellung des Propheten Mohammeds, die Mitgefühl und Menschlichkeit zeigt? Welches Bild des Propheten und der Religion liegt solchen Protesten zugrunde? Ein Verständis der Zeitung, ihrer Karikaturen oder überhaupt von Kunst oder Pressefreiheit jedenfalls nicht.

je suis MohamedNoch mehr verwundert haben mich dann die vielen „Je suis Mohamed“-Poster, die plötzlich (hauptsächlich bei meinen muslimischen Freunden) aufgetaucht sind. Sich selbst als Propheten und als Sohn Gottes (oder verwechsle ich da einige der voneinander abgeschrieben habenden Religionen?) hinzustellen, erscheint mir als ultimative Gotteslästerung.

Das ist nur ein Beispiel, das zeigt, das „Anstößigkeit“ kein tauglicher Maßstab für die Einschränkung jeglicher Äußerungsfreiheiten ist. Ich sehe den ganzen Tag eine Menge Dinge, die ich „anstößig“ finde: mehr als die Hälfte des Fernsehprogramms, die Auslage in der Metzgerei, verhunzte Grammatik, Karneval, Verstöße gegen die Gesetze der Logik, Babyfotos im Internet, manche der Kommentare auf diesem Blog, u.s.w. Darüber kann ich mich aufregen, soviel ich will, aber niemals würde ich auf die Idee kommen, etwas davon zu verbieten.

Es erscheint so banal, aber anscheinend muss doch mal daran erinnert werden, dass niemand gezwungen wird, Charlie Hebdo zu kaufen, zu lesen oder darüber zu lachen.

(To the English version of this article.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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14 Antworten zu Charlie Hebdo

  1. American Viewer schreibt:

    da war der Ruf nach der Vorratsdatenspeicherung schon wieder da. Das würde zwar überhaupt nichts nützen (in Frankreich war die Vorratsdatenspeicherung schon Gesetz)

    Diese Art von Argument liest man bei allerlei Themen. Der Aufbau ist dabei immer sehr ähnlich: Es gab bei diesem Verbrechen schon jene Maßnahme, also nütze jene Maßnahme nichts und könne damit wieder abgeschafft (oder erst gar nicht eingeführt) werden.

    Ich habe die Logik dieses Argumentes noch nie verstanden. Folgt man dieser Logik, müsste man dann nicht Polizei, Militär, Bodyguards und generell alle Strafgesetze abschaffen, denn die gab es vor (und für) Charlie Hebdo auch alle schon, haben nun aber auch herzlich wenig genützt.

    Man kann ja gegen bestimmte Maßnahmen sein, das ist keine Frage. Aber warum immer mit diesem unlogischen Argument?

    • B.K. schreibt:

      Weil es ganz auf die Relation ankommt. Es stimmt, bei diesem Verbrechen haben weder Vorratsdatenspeicherung, noch Polizei, Bundeswehr, etc. geholfen. Es ist passiert.
      Sehen Sie sich aber jetzt an, was die von Ihnen erwähnte Polizei, Bundeswehr, etc. in anderen Fällen leistet, fällt auf, dass es sich sehr wohl um sinnvolle Institutionen handelt. Vergleichen Sie dazu nun den realen, bisherigen Nutzen der Vorratsdatenspeicherung in Ländern, die dieses Instrument schon länger einsetzen, lässt sich fast immer keinerlei Erfolg messen.
      Der Unterschied liegt also in der Gesamtbetrachtung der wirklichen Lage, nicht in den Ergebnissen einzelner Ausreißer…

      • American Viewer schreibt:

        Das sind Argumente, die man gelten lassen kann, wenn man denn will. Auch wenn ich stark bezweifele, dass es brauchbare, neutrale Studien zur Nützlichkeit der Vorratsdatenspeicherung gibt. Meine Kritikpunkte an dieser Speicherung wären gänzlich andere. Aber das war alles nicht mein Punkt.

        Mein Punkt war schlichtweg, dass das obere Argument, so wie es von Andreas ganz typisch beschrieben wurde, nicht logisch ist, aber trotzdem sehr häufig benutzt wird.

    • Andreas Moser schreibt:

      Es stimmt, dass das kein Argument gegen die Vorratsdatenspeicherung ist, und so war es auch nicht gedacht. Es ist nur ein Argument dagegen, ein bestimmtes Ereignis (hier das Attentat auf Charlie Hebdo) als Argument für die Notwendigkeit einer Vorratsdatenspeicherung zu verwenden.

      • American Viewer schreibt:

        Das ist ja eine sehr beliebte Methode in allen politischen Lagern. Wie meine Obamas Stabschef Rahm Emanuel schon: You never want a serious crisis to go to waste.

    • Dante schreibt:

      Die Vorratsdatenspeicherung ist deshalb so umstritten, weil sie verdachtsunabhängig geschieht, also theoretisch jeder Bürger betroffen sein kann. Das erhöht gleichzeitig das Risiko von Missbrauch und senkt die Effizienz des Verfahrens, weil es viele Daten gibt. Letzteres ist eventuell kein Problem mehr, wenn man die technischen Möglichkeiten zur Analyse großer Datenmengen zu nutzen weiß – was aber wiederum das Missbrauchs steigern kann.
      Vor allem bringt es nichts, wenn man bereits polizeibekannte Exkremisten nicht aus dem Verkehr zieht, bevor ihnen Menschen zum Opfer fallen.

      • American Viewer schreibt:

        Den Missbrauch sehe ich auch als größten möglichen Kritikpunkt an. Von Politikern wird gerne behauptet neue, relativ extreme Maßnahmen würden selbstverständlich auch nur bei extremem Verbrechen wie Terrorismus und anderen Kapitalverbrechen angewendet werden. Das ist regelmäßig gelogen. Herr Maas ist darin Experte.

        Meine Vermutung ist, dass die Vorratsdatenspeicherung relativ schnell und relativ überwiegend für Bagatellvergehen wie Filesharing verwendet werden wird (so ist es schon in anderen Staaten), während man organisierte Kriminelle so immer schlechter ermitteln werden kann, da diese sich allerspätestens dann auf die neuen Methoden einstellen, wenn diese ganz offiziell im Gesetz (und überall in der Presse) stehen. Es sei denn diese Täter haben ein IQ-Problem, was gerade bei rechtsextremen und islamischen Terroristen gar nicht so selten ist.

  2. da]v[ax schreibt:

    Schöner Artikel.

  3. Pingback: Charlie Hebdo | The Happy Hermit

  4. Andreas Moser schreibt:

    Ein freundlicher, aufmerksamer und besser Französisch sprechender Leser hat mir folgenden Hinweis gemailt:

    „Je suis” kann nicht nur “ich bin” heißen, sondern auch “ich folge”. Wie es tatsächlich gemeint ist, hängt wahrscheinlich bei “Je suis Mohamed“ ebenso wie bei “Je suis Charlie” vom Einzelfall ab.

  5. deradmiral schreibt:

    Vor dem Anschlag kannte ich Charlie Hebdo gar nicht. Jetzt lerne ich damit französisch… jede Woche neues Lehrmaterial.

  6. Pingback: Tagesnotizen 4 | Der reisende Reporter

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