Kuba, bevor die Amerikaner kommen

Sobald ich meinen bevorstehenden Umzug nach Lateinamerika bekanntgegeben hatte, trudelten die unerbetenen Ratschläge ein. Aus allen Himmelsrichtungen kamen sie, waren dabei aber so wortgleich, wie wenn sie ein und demselben Drehbuch entstammten: „Schau Dir Kuba an bevor die Amerikaner kommen!“

Diese Warnung ist die Fortsetzung der Verklärung der einzigen Diktatur in der westlichen Hemisphäre, die trotz Zensur, Unterdrückung, Haft und Ausreiseverboten immer nur Bilder von alten (wohlgemerkt US-amerikanischen) Straßenkreuzern, Palmen, Zigarren, verfallenen Häusern und tanzenden Menschen heraufbeschwört. Ich habe sie satt, diese Hochglanzberichte aus Havanna, die ein Paradies vorgaukeln, während Regimegegner und Journalisten in kubanischen Gefängnissen schmoren. Das Lesen von Zeitungen und Büchern oder das Verfolgen der Nachrichten gehört anscheinend nicht mehr zum Rüstzeug der Karibikreisenden. Reisen bildet? So nicht!

Wenn ich bei den Unkenrufern nachfrage, was sie konkret von einer Öffnung Kubas befürchten, kommt fast genauso einstimmig die Antwort: „Dann eröffnet in Havanna bald ein McDonalds.“ – Oh Schock! Das wiegt natürlich schwerer als Meinungsfreiheit, Reisefreiheit und Gewaltenteilung. Soweit ich weiß, wird in keinem Land, in dem es McDonalds gibt, irgendjemand gezwungen, dort zu essen.

Die kulinarischen Pessimisten nehmen im Endeffekt das Leiden einer fremden Bevölkerung in Kauf, um ihre eigenen Wünsche nach einem in vergangenen Zeiten gefangenen Museumseiland zu befriedigen. Mit der gleichen Argumentation hätte man 1989 einem der Ostblockländer den Weg zu Demokratie, Freiheit und Wohlstand versagen können. (Der DDR wegen der kultigen FKK-Strände? Rumänien wegen der putzigen Waisenkinder?) Vielleicht könnte man für Besucher aus Übersee eines der sowieso zu zahlreich vorhandenen Bundesländer in einen NS-Staat zurückverwandeln. Sachsen-Anhalt böte sich jetzt an.

Der Zweck von Menschen ist es doch nicht, zur Erbauung gelegentlicher Besucher oder Betrachter von Fernsehdokumentationen arm und unfrei zu bleiben.

Selbst den Kuba-Apologeten sollte zu denken geben, dass sowohl die kubanische Regierung als auch die Bevölkerung die Annäherung zwischen Kuba und den USA begrüßen. Die Castros selbst hatten das seit Jahrzehnten gefordert. Die Menschen in Kuba feierten, als sie die Mitteilung von Präsident Obama über die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen vernahmen.

US Cuba

Der Drink Cuba Libre hat einen gehörigen Anteil an Cola. Schaden tut ihm das nicht.

(Dieser Artikel wurde auch im Freitag veröffentlicht. – Read this article in English.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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Eine Antwort zu Kuba, bevor die Amerikaner kommen

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