Warum Osteuropa nicht mehr Flüchtlinge aufnehmen kann

Liebe Westeuropäer,

wie es scheint, seid Ihr ein bißchen sauer über unsere mangelnde Bereitschaft, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Es wäre schade, wenn darüber unsere Partnerschaft zerbräche, also gestattet uns bitte, Euch die Lage mal aus osteuropäischer Perspektive darzustellen. Wir sind uns sicher, dass Ihr uns besser verstehen werdet, wenn Ihr Euch mal unsere Argumente anhört.

Erstens: Wir haben wirklich keinen Platz. Wir sind winzige Länder. Die meisten Menschen würden Litauen oder die Slowakei nicht einmal auf der Landkarte finden. Wie sollen uns also die armen Flüchtlinge finden? Was hören wir Euch antworten, „große ungarische Tiefebene“, „Polen ist das sechstgrößte Land in der EU“? Naja, Polen kann man nicht wirklich zählen, weil das Land die schlechte Angewohnheit hat, immer mal wieder große Teile seines Territoriums zu verlieren.

Zweitens: Wir sind schon voll. Unsere Häuser und Wohnungen sind so rappelvoll, dass nicht einmal eine zusätzliche Katze reinpassen würde. Wir wissen nicht einmal, wo wir unsere eigene Bevölkerung unterbringen sollen!

Eastern Europe shrinking population

Eastern Europe shrinking cities

Oh. Naja, das sind aber Zahlen aus der Vergangenheit. In Zukunft wird unsere Bevölkerung dramatisch wachsen, weil wir an die patriotischen Pflichten unserer jungen Frauen appellieren. Was, unsere jungen Frauen sind schon alle nach Westeuropa und Amerika abgehauen? Verdammt. (10 der 11 Länder, für die bis 2050 der größte Bevölkerungsschwund – bis zu 50% – vorhergesagt wird, liegen in Osteuropa.)

Na also, da seht Ihr es! Wir sind Experten in Auswanderung, nicht in Einwanderung. Ihr könnt doch nicht erwarten, dass wir plötzlich umschwenken und etwas ganz Anderes machen. Das würde zu dramatischen Umwälzungen in unserer Gesellschaft führen. Es wäre so, wie wenn man eine kommunistische Planwirtschaft von einem Jahr zum nächsten in eine marktwirtschaftliche Demokratie überführen würde. Verrückt! So etwas würde nie und nimmer funktionieren.

Drittens: Unsere Sprachen sind fast unlernbar. Niemand hat jemals Ungarisch gemeistert. Litauer sind stolz darauf, eine Sprache zu haben, die niemand anders erlernen kann. Es wäre unfair, von den Flüchtlingen das Erlernen einer so schweren Sprache zu verlangen, wenn sie stattdessen nach England oder Italien mit ihren simplen Sprachen ziehen könnten. Oder nach Malta, dort spricht man schon Arabisch.

Viertens: In unseren Wäldern gibt es Bären. Es ist wirklich nicht sicher hier, wahrscheinlich sogar gefährlicher als in Syrien.

Fünftens: Wir sind zu kalt. Nein, nicht wir als Menschen, das Klima meinen wir. Habt Ihr Doktor Schiwago gesehen, mit all dem Schnee? Ja, genauso sieht es hier aus. Ihr könnt doch nicht ernsthaft von Wüstenmenschen erwarten, dass sie sich in Sibirien ansiedeln. Nein, wir haben nichts davon gehört, dass Norwegen und Schweden Hunderttausende von Flüchtlingen aufnehmen. Außerdem ist deren Schnee nicht so kalt wie unserer. Und wir glauben auch nicht, dass Doktor Schiwago Ägypter war. Und selbst wenn, dann habt Ihr ja gesehen, wie unglücklich er in Osteuropa war.

Sechstens: Die meisten Flüchtlinge sind Muslime. Wir besaufen uns jeden Tag mit Wodka, Pálinka, Rakija und Slivovitz. Das würde die Gefühle der Flüchtlinge beleidigen, so dass es besser ist, sie weiter in alkoholfreie Länder wie Deutschland, Frankreich oder Großbritannien zu schicken, wo sie nicht ständig mit Bier und Wein konfrontiert werden.

Siebtens: Wenn Ihr die Wahrheit wissen wollt, wir sind entweder aufrichtig ausländerfeindlich und rassistisch oder wir sind einfach wirklich schlecht im Aufbauen von funktionierenden Staatswesen. Wir sind deshalb besorgt, dass uns die Wähler an unseren Misserfolgen in den Bereichen Wirtschaftsförderung, Bildung, Gesundheitswesen und anderen komplizierten Dingen messen. Dagegen ist es viel einfacher, Familien, die gerade erst der Hölle des Krieges entkommen sind, zu beleidigen und sie alle als Terroristen zu brandmarken. Sie sind so ausgezeichnete Sündenböcke, diese Neger mit Namen wie Mohammed oder Ali. (Wenn sie nur nicht so süße Kinder mit Lockenköpfen hätten, das macht unsere Demagogie nicht einfacher.)

Und zu guter Letzt, habt Ihr mal gesehen wie wir unsere eigenen Roma-Minderheiten behandeln? Wenn wir selbst unseren eigenen Bürgern die Grundversorgung mit Wasser, Abwasser, Straßen oder Schulen verweigern, wie könnt Ihr dann von uns erwarten, dass wir das für Ausländer tun?

Wir hoffen, dass Ihr ein Verständnis unserer absolut nachvollziehbaren Beweggründe bekommen habt, aus denen wir jegliche Solidariät, Hilfe, Mitgefühl und Menschlichkeit verweigern.

Solidarność,

Eure Osteuropäer

PS: Die nächste Rate aus dem Strukturfonds ist am kommenden Montag fällig. Bitte stellt die rechtzeitige Überweisung sicher!

(To the English version of this article.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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5 Antworten zu Warum Osteuropa nicht mehr Flüchtlinge aufnehmen kann

  1. American Viewer schreibt:

    Einige Gründe erscheinen durchaus nachvollziehbar, selbst wenn man sie mit Kakao serviert.

    Neuntens:
    Die Osteuropäer wollen auch deshalb keine Migranten aufnehmen, weil die allermeisten Migranten gar nicht nach Osteuropa wollen. So wie auch kein Migrant auf winzige Kuhdörfer nach Ostdeutschland will, wo die meisten Menschen berentet oder arbeitslos sind und wo es keine Erwerbsarbeit gibt – nicht gestern, nicht heute und nicht in den nächsten Jahren. Merkel lockt die Migranten an, will sie dann aber nicht haben. Wie geht das zusammen? Laut Herrn Steinmeier sind die Migranten jetzt „eine Last“, die umverteilt werden muss.

    Warum denn plötzlich eine Last? Bis vor wenigen Tagen waren die Migranten aus Afrika und dem Nahen bis Mittleren Osten noch die Errettung von Deutschland. Die deutsches Bundesregierung sollte konsequent sein und auf keinen einzigen Retter verzichten. Die Osteuropäer wären einverstanden. Es ist also ein win-win für alle Beteiligten, wenn jeder, der nach Deutschland strömt, auch in Deutschland bleibt.

    Am besten Deutschland richtet zusätzlich weltweit kostenlose Zubringer-Flüge ein. Istanbul, Islamabad, Kalkutta, Kabul, Manila und Mexico-City bieten sich in einer ersten Erweiterungsrunde als Drehkreuze an. Limit sollte es keines geben. Pro Stadt und Tag sollte man so viele Migranten (besser: Flüchtlinge) transportieren wie eben in Deutschland kostenfrei leben wollen. Alles andere wäre asozial.

    • Andreas Moser schreibt:

      Die Flüchtlinge wollen nicht „kostenfrei leben“, sondern sie wollen und werden selbstverständlich arbeiten, so wie alle anderen Einwanderer zuvor und so wie Deutsche, die in andere Länder emigrieren. Dadurch, dass Du die fehlenden Erwerbsmöglichkeiten in Osteuropa als Grund für den Weiterzug nach Österreich, Deutschland und Schweden anführst, gestehst Du diese Motivation mittelbar zu.

  2. American Viewer schreibt:

    Die Flüchtlinge wollen nicht “kostenfrei leben”

    Da bin ich auch streng dafür. Gebt den Leuten Kredite, das steigert die Akzeptanz von Migration. Wenn man wirklich gut bezahlte Arbeit findet, muss man den Kredit in Teilen zurückzahlen. Wenn man auf Jahre arbeitslos ist, vefällt der Kredit komplett.
    https://americanviewer.wordpress.com/2015/09/17/bafoeg-fuer-fluechtlinge/

    Dadurch, dass Du die fehlenden Erwerbsmöglichkeiten in Osteuropa als Grund für den Weiterzug nach Österreich, Deutschland und Schweden anführst, gestehst Du diese Motivation mittelbar zu.

    Natürlich ist die Suche nach Arbeit eine wichtige Motivation für Migration. Oft sogar die wichtigste. Das würde ich nie bestreiten. Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind für Migranten, die über das Asylsystem einwandern, in Europa allerdings fast überall ähnlich schlecht. Der Arbeitsmarkt erklärt also bestenfalls zum Teil, warum so viele nach Deutschland wollen und so wenige nach Osteuropa.

    Es stimmt in der Tat auch, ich habe (noch) das Menschenbild, dass die meisten Menschen im erwerbsfähigen Alter arbeiten wollen. (Allerdings bin dann z.B. ich ein Gegenbeispiel, ich kann mir schönere Dinge vorstellen als zu arbeiten).

    Das Menschenbild ist allerdings nur das eine, die Praxis das andere. In der Realität sehe ich zum Beispiel bei Migranten, die über das Asylsystem einwandern, eine deutliche Minderheit, die regelmäßig einer legalen Arbeit nachgehen. Und das nach Jahren. Das liegt zum großen Teil einfach daran, dass die Arbeitsmarktchancen dieser Leute so schlecht sind.

    Dass sich daran nun plötzlich etwas ändern soll, dafür habe ich wenige bis keine Anhaltspunkte. Warum sollte sich das ändern? Sogar deutsche Politiker geben mittlerweile zu, dass an diesem Punkt bisher viel Optimismus, aber wenig Realismus verbreitet wurde.

    Wenn du aber meinst diese Leute stünden in ein paar Jahren in Deutschland zu großen Teilen in Lohn und Brot, wäre es dann nicht sinnvoll zu erklären, warum man Migranten nach Osteuropa abschieben sollte, obwohl diese selbst sagen, dass sie in Deutschland bleiben wollen?

    • Andreas Moser schreibt:

      Einig sind wir uns in der Verwunderung darüber, warum so viele Menschen freiweillig so viel und so lange arbeiten wollen. 🙂 Ich bin da auch eher ein Minimalist, und bei einem Grundeinkommen wäre ich der erste, der auf dem Sofa liegt.

      Das mit Osteuropa stelle ich mir so vor: Die Flüchtlinge, die Osteuropa zugeteilt werden, haben nur in dem jeweiligen osteuropäischen Land Anspruch auf Sprachkurse, Eingliederungshilfen, Krankenversicherung u.s.w. Wenn sie in Deutschland einen Arbeitsplatz oder einen Studienplatz bekommen, dann können sie umziehen (wie ein EU-Bürger auch), aber ansonsten hätten sie in Deutschland keinen Anspruch auf Leistungen. (Das verhindert natürlich nicht das Problem der Schwarzarbeit, aber die haben wir auch jetzt schon, und die bekä,pft der Zoll und wird das auch weiterhin tun.)

      Die mangelnde Attraktivität von Osteuropa ist zum Teil auch auf mangelnde Informationen zurückzuführen (genauso wie die meisten Westeuropäer schlecht über Rumänien und Bulgarien denken). Zwar ist die Aufnahmebereitschaft geringer, aber die Flüchtlinge und Migranten aus dem Nahen Osten, die ich hier in Rumänien kennengelernt habe, werden persönlich ganz nett empfangen, finden qualifizierte Arbeit (der syrische Immigrant Dr Arafat, der hier wesentlich zum Aufbau der Notfallmedizin beigetragen hat, war sogar mal kurz Gesundheitsminister in Rumänien) oder machen sich selbständig (ganz klischeehaft meist mit Döner- und Kebab-Restaurants, die aber gut gehen).

      • American Viewer schreibt:

        Ich bin da auch eher ein Minimalist, und bei einem Grundeinkommen wäre ich der erste, der auf dem Sofa liegt.

        Wenn schon wir zwei schon so sind, wer ist dann noch alles so? Wenige oder eher viele? Spontan fällt mir niemand aus meinem engen Umfeld ein, der bei so einer Regelung weiterarbeiten würde.

        aber ansonsten hätten sie in Deutschland keinen Anspruch auf Leistungen.

        Der deutsche Innenminister hat das schon vorgeschlagen. Die SPD hat das energisch abgelehnt, man werde da auf keinen Fall zustimmen. Die Sache ist mittlerweile vom Tisch.

        oder machen sich selbständig

        Das glaube ich auch, dass sich einige selbstständig machen werden. Die Syrer sollen für ihre Liebe für selbstständige Berufe bekannt sein. Vieles wird auch aus der Not geboren werden, weil viele Migranten keine Angebote für Arbeitsplätze bekommen werden, unter anderem auch weil diverse Regulationen es extrem erschweren diese Leute anzustellen (Vorrangprüfung usw.).

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