Erste Gedanken zur Wahl von Donald Trump

Es ist schon zur Tradition geworden, dass ich Wahl- und andere spannende Abende twitternd begleite. Hier eine Auswahl dieser Tweets und einige zusätzliche Kommentare.

Einleitend sei jedoch eine Warnung ausgesprochen gegen den überheblichen Antiamerikanismus, der sich bei politischen Diskussionen über die USA oft einschleicht. Der wäre angesichts von Berlusconi, Le Pen, FPÖ, AfD, Brexit und Syriza aus europäischer Sicht unangebracht. Außerdem wäre es doch irgendwie paradox, die Wahl eines Politikers, der durch beleidigende Äußerungen gegenüber Ländern, Völkern und Volksgruppen besticht, ausgerechnet mit einem „die Amerikaner sind doch soooo doof“ zu kritisieren.

  1. Traurige Bilder schon zu Beginn des Wahltages: Die Menschen in der Schlage vor dem Wahllokal starren auf ihre Telefone, anstatt ein Buch zu lesen oder sich gar miteinander zu unterhalten. (Letzteres erklärt vielleicht so einiges.)
  2. Was diese Präsidentschaftswahl von allen vorherigen unterscheidet, ist dass der Kandidat, den ich nicht favorisiere, zum ersten Mal unakzeptabel ist. In allen vorangegangenen Wahlen, egal ob es Barack Obama, Mitt Romney, John McCain (ok, Sarah Palin konnte einem Angst einjagen), John Kerry, George W Bush (der im Vergleich zu Donald Trump jetzt wie ein Intellektueller wirkt), Al Gore, Bob Dole, Bill Clinton oder meinetwegen sogar Ross Perot war, keiner von ihnen war besorgniserregend.
  3. Donald Trump: “Wir hätten nicht so lange Schlangen vor den Wahllokalen, wenn wir Frauen nicht das Wahlrecht gegeben hätten.”
  4. Donald Trump vertraut nicht einmal seiner Frau bei der Stimmabgabe. trump-vote-wife
  5. Königin Elisabeth II, Angela Merkel und Golda Meir werden sich heute abend treffen, um sich darüber zu amüsieren, wie Hillary Clinton ihren Sieg als Durchbruch für Frauen in aller Welt feiern wird. (Na gut, das hat nicht geklappt.)
  6. Es sind erst 100 Jahre vergangen, seit das Frauenwahlrecht eingeführt wurde. Habt also ein bisschen Geduld, bis die erste Frau ins höchste Amt gewählt wird.
  7. Ich verfolge die Wahl übrigens bei CNN en Español weil sich “Virginia Occidental” exotischer anhört als West Virginia.
  8. Wieviele Menschen diese Nacht wohl an einem Herzinfarkt sterben? (Ich selbt habe nur zu viele Zigarren geraucht.)
  9. Abraham Lincoln, während er die Ergebnisse verfolgt: “Vielleicht hätten wir die Südstaaten einfach ziehen lassen sollen.”
  10. Auf den ersten schwarzen Präsidenten folgt ein Präsident, der eine Wahlempfehlung vom Ku-Klux-Klan hat. Die Diversität Amerikas ist wirklich unschlagbar.
  11. Noch schlimmer: Auf einen intellektuell beeindruckenden Präsidenten folgt einer, der keine ganzen Sätze formulieren kann.
  12. Donald Trump: “Ich kann Präsident sein und meinen eigenen Fernsehkanal haben.”
  13. Die Frage, die mich umtreibt: Wie regiert man ein Land, wenn man 50% der Bevölkerung gegen sich hat?
  14. Vor zwei Tagen verbrachte ich eine Nacht am Flughafen in Lima und sprach mit einem Peruaner über Globalisierung, Journalismus, Politik. Er bat mich, das Erstarken des Faschismus in Deutschland in den 1930ern zu erklären, und soweit das in der Kürze der Zeit möglich war, kam ich dieser Bitte nach. Ich hätte stattdessen sagen sollen: „Warten Sie einfach zwei Tage, dann werden Sie sehen wie es funktioniert.“
  15. Wie schon nach dem Brexit-Referendum gibt es nach dem Wahlsieg von Trump vermehrte Zugriffe auf meine Artikel über den Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft. Aber noch mehr US-Amerikaner wollen anscheinend nach Kanada auswandern. Die Website der dortigen Einwanderungsbehörde ist unter der Last der Anfragen zusammengebrochen.
  16. Ein amerikanisch-iranisches Paar: „Schatz, mach Dir keine Sorgen, wir haben noch unsere iranischen Pässe.“
  17. Manche fragen mich, was ich mich um die USA kümmere, schließlich sei ich kein Amerikaner. Ich interessiere mich generell für Politik, Demokratie, wie Gesellschaften funktionieren. Und angesichts Donald Trumps aussenpolitischen Bemerkungen mache ich mir Sorgen um die NATO, um die Ukraine, um die baltischen Staaten.
  18. Dies könnte ein Anlass für Europa sein, sich mal zusammenzureißen und eine stärkere Rolle in der Verteidigungs- und Aussenpolitik zu übernehmen. Allerdings sehe ich keinen Anlass zu Optimismus. Ganz im Gegenteil, Populisten und Ausländerfeinde in Europe werden sich gestärkt fühlen und jedes gemeinsame Handeln Europas zu verhindern versuchen.
  19. Ein guter Tag für die Erwärmung des Klimas.
  20. Die wichtigste Frage: Wer wird jetzt der deutsche Donald Trump?
  21. Dieser Wahlkampf und das Resultat machen es schwieriger, gegenüber Anhängern autoritärer Regime die Vorzüge der Demokratie zu preisen.
  22. Nachdem ich jetzt seit 41 Jahren die Demokratie verteidige, bin ich ehrlich gesagt so frustriert, dass ich mal eine Pause machen werde. Keine lange allerdings, vielleicht für ein paar Tage.
  23. Aber es macht mich schon nachdenklich, dass ein Idiot, der an Außerirdische, die Illuminati und die jüdische Weltverschwörung glaubt, die gleiche Stimme hat wie jemand, der sich informiert, der gründlich liest und der vernünftig abwägt.
  24. Wie Trump sagte: „Ich liebe die Ungebildeten.“ Investitionen in Bildung sind vom ihm wohl nicht zu erwarten.
  25. Dabei liegt es nicht an einem Mangel an Journalismus, dass die Wähler uninformiert sind. Nach den ersten Monaten, als Trump als Clown abgetan wurde, gab es ausgezeichnet recherchierte Berichte über Donald Trump und seine zwielichtigen Geschäfte. Aber kein Schwein interessiert sich dafür.
  26. Es ist wirklich so, wie Donald Trump sagte: “Ich könnte mitten auf der Straße in New York jemanden erschießen, und ich würde keine Stimmen verlieren. Unglaublich!“ Die Wähler sind so dumm, dass sie sogar den Mann erstaunen, den sie wählen.
  27. Theodore Roosevelt: “Eine Wählerstimme ist wie ein Gewehr: Ihr Nutzen hängt vom Charakter desjenigen ab, der sie gebraucht.”
  28. Erinnert Ihr Euch an den Anstieg rassistischer Gewalttaten nach dem Brexit-Referendum? Wie passend, dass genau am 9. November etwas Ähnliches passieren könnte.
  29. Das NATO-Battalion für das Baltikum könnte zu spät kommen.
  30. Angela Merkel ist jetzt wirklich die wichtigste Politikerin der freien Welt. Beruhigend. Schon aus Verantwortung für den Rest der Welt werden wir wohl die Große Koalition fortsetzen müssen.
  31. Edward Snowden hatte Recht damit, nicht in die USA zurückzukehren.
  32. Was ist das eigentlich eine Nachricht an die Frauen im Land, jemanden zu wählen, der mit sexueller Belästigung geprahlt hat?
  33. Ostdeutschland hat auch behauptet, seine Mauer diene dem Schutz vor Ausländern.
  34. Nein, liebe Journalisten, meine erste Frage am Wahlabend ist nicht, wieso die Umfragen falsch lagen. Meine Frage ist, wieso die Hälfte der Wähler für einen sexistischen, rassistischen, faschistischen Egomanen stimmt.
  35. Markus Söder denkt sich jetzt: „Das kann ich auch.“
  36. Bald wird es Internetseiten geben, auf denen Amerikanerinnen nach einem ausländischen Mann suchen, um auswandern zu können.
  37. Ist Mike Pence jetzt faktisch Präsident?
  38. history-of-us-presidents
  39. Das war so wie wenn Lisa Simpson gegen Homer Simpson verloren hätte.
  40. Liebe USA, vielen Dank für die Befreiung vom Faschismus! Aber Ihr hättet ihn nicht die ganze Zeit im Keller aufbewahren müssen, um ihn 2016 wieder hervorzuholen.
  41. Jeb Bush: “Vielleicht hätte ich mich mehr anstrengen sollen.”
  42. Alles, was Präsident Obama in 8 Jahren erreicht hat, wird jetzt rückgängig gemacht. Die Lehre daraus: Politik lohnt sich nicht. (Michelle Obama: „Ich hab’s Dir doch schon immer gesagt: Häng Dich nicht so rein.“)
  43. Wenn man sieht, dass Debatten nichts verändern, dass Journalismus nichts verändert, dass Bloggen nichts verändert, dann ist die Konsequenz für mich, in den Elfenbeinturm zurückzukehren und Soziologie oder Geschichte zu studieren. Als Intellektueller fühle ich mich sowieso schon in einer kleinen, irrelevanten Minderheit.
  44. Amerika beweist, dass es noch immer das offene Land ist, wo eine arme slowenische Einwanderin First Lady werden kann.
  45. Hat Donald Trump seine Siegesrede von Barack Obama abgekupfert? Ich erkenne Ähnlichkeiten.
  46. Trump will bei der Siegesfeier seinen Geschwistern danken, kann sie aber nicht finden. Vielleicht sind sie gar nicht da.
  47. “Was ich in der Geschäftswelt erreicht habe will ich für unser Land erreichen“ sagt der Mann mit mindestens vier Insolvenzen und Dutzenden von Klagen am Hals.
  48. Die Menschen haben Angst vor Ausländern, Latinos, Schwarzen, Muslimen, Schwulen, Feministinnen und Intelektuellen, aber in Wirklichkeit sind es die weißen, christlichen Wähler, die den Karren an die Wand fahren.
  49. Trumps Wahlsieg wurde sowohl vom Ku-Klux-Klan als auch von ISIS begrüßt.
  50. Der estnische Präsident ruft Donald Trump an, um ihm zu gratulieren. Donald Trump: “Tschüß, Estland.”
  51. Nein, wenn jemand zum Präsident gewählt wurde, der sich für Folter und racial profiling ausgesprochen hat, will ich nicht hören, dass wir ihm alles Gute wünschen und dass wir gerne mit ihm zusammenarbeiten. Diesbezüglich fand ich die Reaktionen vieler Demokraten verwunderlich.
  52. Manche sagen “Sorg Dich nicht. Wahlkampf ist die eine Sache, Regieren eine andere Sache.” Was ist dann der Sinn des Wahlkampfes? Natürlich wird Trump nicht das Land mit einer Mauer umziehen und wird nicht jeden illegalen Erntehelfer abschieben. Aber ein großer Teil eder Bevölkerung glaubte das, wollte das glauben, und will dass es passiert. Und meine größte Sorge betrifft gar nicht einzelne Vorschläge, sondern die charakterlichen und geistigen Schwächen von Donald Trump.
  53. Die Verfasser der „So schlimm wird es nicht werden“-Kommentare erkennen nicht, wieviel Schaden schon jetzt angerichtet wurde, bevor Donald Trump den Job am 20. Januar 2017 erst übernimmt.
  54. david-frum
  55. Bei einer Arbeitslosigkeit von unter 5% erklärt die Wirtschaftslage nicht Trumps Wähleranteil von 47%.
  56. Für Fans der Blues Brothers ist die Existenz von rechtsradikalen Parteien in den USA nichts Neues.
  57. Die EU wird einen “Radio Free Europe”-ähnlichen Radiosender initiieren, um die Menschen in Mississippi, Alabama und Louisiana zu informieren.
  58. Ich bin schon gespannt auf das Kapitel in Obamas Autobiographie über die Amtsübergabe an Donald Trump.
  59. Trump ist Geschäftsmann. Er wird versuchen, sein politisches Modell zu exportieren. Ich erwarte, dass er bald Parteien in anderen Ländern gründet oder aufkauft. – Update: Das geht ganz schön schnell. Breitbart News, eine rechtsradikale Website, deren ehemaliger Chef jetzt Chefstratege von Donald Trump im Weissen Haus wird, expandiert nach Deutschland.
  60. Putin an Trump: “Mach Dir keine Sorgen wegen der Proteste. Ich weiß, wie man damit umgeht. Ich kann Dir gerne meine Jungs schicken. Sogar in neutralen Uniformen.”
  61. Stellt Euch McCarthy + Glauben an Verschwörungstheorien + Kontrolle der NSA vor. (Falls Ihr dachtet, dass ich hier zu schwarzseherisch war, konntet Ihr ein paar Tage später lesen, dass Newt Gingrich einen neuen Ausschuss für Unamerikanische Umtriebe plant.)
  62. Mit all dem „Nachverhandeln“ von internationalen Verträgen kommt Russland wahrscheinlich auf die Idee, den Verkauf von Alaska zu überdenken.
  63. Günther Oettinger wird sich mit Donald Trump bestens verstehen.
  64. Leute nennen mich „elitär“, weil ich denke, dass ich mehr über Politik zu sagen habe als jemand, der noch nie ein Buch gelesen oder eine Universität von innen gesehen hat. Das wirkliche Problem sind die Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts oder der Kirche, die sie besuchen, gauben, besser als andere zu sein.
  65. Konservative werfen Linksliberalen gerne vor, dass sie in einer abgehobenen „Blase“ lebten und von den“einfachen Menschen“ keine Ahnung hätten. Aber die wirkliche Blase ist die Zeitkapsel der 1950er Jahre, in der viele Menschen leben oder in die sie gerne zurückkehren würden: Wo der Ehemann der Versorger ist, wo jeder der etwas zu sagen hat, weiß, männlich und christlich ist, und wo es verdammt noch mal keine Homos, keine Muslime und keine Atheisten gibt. Im Jahr 2016 beschuldigen Menschen, die nur alle zwei Jahre ihr Heimatdorf verlassen weil sie ihr Auto in die nächste Stadt zum TÜV bringen müssen, Menschen, die in anderen (Bundes-)Ländern arbeiten und studieren, die sich die Welt ansehen, die sich informieren, die Fremdsprachen lernen, in einer „Blase“ zu leben. Das Gegenteil ist der Fall. Kommt mal raus aus Eurem engstirnigen Sumpf!
  66. Wenn Du denkst, dass Du unter diesem Wahlergebnis zu leiden hast, denk mal eine Minute an die Gefangenen in Guantanamo.
  67. Die USA sind politisch und gesellschaftlich so gespalten, dass eine Zweistaatenlösung das Beste wäre.
  68. Donald Trump an seine deutschen Kritiker: „Was habt Ihr denn? Ich habe doch nur die CSU kopiert.“
  69. George W Bush: “Alle reden davon, dass sie Barack Obama vermissen werden. Aber Donald Trump wird so schlecht sein, dass Ihr sogar mich vermissen werdet.”
  70. Navid Kermani als Bundespräsident. Jetzt erst recht. Das meine ich nicht wegen seiner Abstammung oder seiner Religion, sondern weil er Intellektueller ist.

Good night and good luck.

planet-apes-1

(Read these points in English.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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12 Antworten zu Erste Gedanken zur Wahl von Donald Trump

  1. Pingback: First thoughts on the election of Donald Trump | The Happy Hermit

  2. Muriel schreibt:

    „Traurige Bilder schon zu Beginn des Wahltages: Die Menschen in der Schlage vor dem Wahllokal starren auf ihre Telefone, anstatt ein Buch zu lesen oder sich gar miteinander zu unterhalten. (Letzteres erklärt vielleicht so einiges.)“
    Äh, was? Was ist traurig? Was erklärt was?

    • Andreas Moser schreibt:

      Traurig zum einen für Freunde des gedruckten Buchs oder auch der Zeitung.
      Traurig aber auch, weil Menschen lieber in elektronische Geräte starren, anstatt sich miteinander zu unterhalten.
      Das zementiert eine Spaltung der Gesellschaft, weil man sich online weitgehend mit Leuten unterhält, die die gleiche Meinung haben wie man selbst. In der Schlange vor dem Wahllokal hätte man vielleicht die Möglichkeit, auch mal andere Menschen kennenzulernen (auch wenn natürlich alle im gleichen Viertel wohnen, so dass die Diversität begrenzt ist).

      • Muriel schreibt:

        Ich finde diese Einschätzung nicht gerechtfertigt. Was an einem gedruckten Buch oder einer Zeitung verdient denn mehr Freundschaft als die virtuellen Pendants? Welche Daten stützen deine These, dass man sich online weitgehend mit Leuten unterhält, die die gleiche Meinung haben wie man selbst? Ich mach das zum Beispiel ganz anders, und so ziemlich alle guten Kontroversen Diskussionen meines Lebens habe ich online geführt. Nach meiner Erfahrung ist es da auch viel einfacher, Leute zu finden, die Dinge wirklich anders sehen als ich selbst.
        Ich bin zugegebenermaßen gegen diese Position “Die (jungen) Leute starren ja den ganzen Tag nur noch auf ihre Handys statt…“ schon sehr voreingenommen, aber ich versuche, meine emotionale Erstreaktion möglichst im Zaum zu halten und wäre für Argumente sehr aufgeschlossen.

      • Andreas Moser schreibt:

        Ich habe den Eindruck, dass das Leseverhalten auf (kleinen) Bildschirmen schon anders ist. Wenn ich im Zug oder Bus Leute mit ihren Handys beobachte, dann wischen die von einer Story zur nächsten, bleiben mal kurz bei einem Bild hängen und klicken hier und da auf „like“. Da liest niemand eine Reportage mit 2000 Wörtern, und ich selbst würde das auf so einem kleinen Gerät auch nicht angenehm finden. Aber deshalb lese ich eben stattdessen Bücher.

        Die Auswahl der Lektüre im Internet, insbesondere was einem bei Facebook vorgesetzt wird, geschieht durch Algorithmen, die sich an dem orientieren, was ich zuletzt gelesen oder geliked habe. Das kann man zwar leicht umgehen, indem man sich aktiv auf die Suche nach Nachrichtenquellen macht, aber wer macht das noch, wenn er glaubt, dass Facebook ihm die Nachrichten bringt? (Ich höre immer wieder, selbst von Freunden: „Ich habe Deinen Artikel nicht lesen können, weil Facebook ihn mir nicht angezeigt hat.“ Ich kann es erklären, so oft ich will, viele Leute kapieren nicht, dass man einen Blog wie jede andere Seite im Internet auch direkt ansteuern kann.)

        Ich muss allerdings zugeben, dass dieses Problem in Südamerika, wo ich zur Zeit bin, größer ist als in Europa. Denn hier haben die meisten Leute nicht genug Geld für Handy und Computer. Fast jeder kauft sich lieber ein Handy, und der minimale Bildschirm macht das Lesen von längeren Artikeln zur Qual. In Europa und Nordamerika, wo man noch den Laptop zuhause oder ein großes Tablet hat, ist der Unterschied wohl weniger ausgeprägt, denn wer etwas aufgeschlossener als ich ist, kann darauf wahrscheinlich auch mit Genuß den Spiegel oder das Wall Street Journal lesen.

      • Andreas Moser schreibt:

        Zu den Freunden/Bekannten online:

        Du hast Recht, dass man online sehr gute Diskussionen führen kann. Man hat ja auch Zugriff auf wesentlich mehr Menschen als in der Arbeit oder Schule oder im Wartezimmer. Aber man muss das schon wollen und danach suchen.

        Ich habe den Eindruck (und will mich da selbst nicht ausnehmen), dass man online aber auch gerne nach Gleichgesinnten sucht, insbesondere wenn man diese im realen Leben nicht hat/findet. Und anders als in einer Schulklasse oder einem Büro, in dem man halt einfach mit Fremden zusammengewürfelt wird, kann man sich online aussuchen, mit wem man befreundet ist und mit wem man spricht. Wenn man sich nicht bewußt zu fruchtbaren Diskussionen drängt, finde ich es dann ganz natürlich, dass man auf andere Leute ähnlicher Meinung trifft. Dementsprechende Gruppen und Seiten machen das noch einfacher.

        Ich kann mich da selbst gar nicht ausnehmen. Weil meine Zeit begrenzt ist, lösche oder blockiere ich manchmal Bekannte auf Facebook, wenn sie (aus meiner Sicht) abstruse Meinungen vertreten, weil ich meine Zeit nicht mit Verschwörungstheorien vergeuden will. Wenn ich mit der gleichen Person einen Schreibtisch im Büro teilen würde, könnte ich das nicht so einfach. Vielleicht wäre ich genervt, aber vielleicht würden sich auch interessante Diskussionen entwickeln.

      • Muriel schreibt:

        Okay. Ich schätze, wenn du keine weiteren Daten hast, dann lassen wir unsere unterschiedlichen Einschätzungen und Erfahrungen mal so nebeneinander stehen und gehen unserer Wege.
        Danke jedenfalls für die Erläuterung, auch wenn sie mir sehr wenig überzeugend erscheint.

      • Andreas Moser schreibt:

        Hier ein Artikel mit etwas mehr Daten zu dem Thema:
        http://science.sciencemag.org/content/348/6239/1130.abstract
        und hier ein Experiment des Wall Street Journal:
        http://graphics.wsj.com/blue-feed-red-feed/

      • Muriel schreibt:

        Danke dafür! Ich habe letztens auch ein paar gelesen, die eher in eine andere Richtung tendierten, finde aber ohnehin, dass das zu der hier diskutierten Frage wenig beiträgt.
        Dass Facebook schlimm ist, davon muss man eh nicht überzeugen. Das wahrscheinlich uninteressanteste aller sozialen Netzwerke, und ich frage mich echt, wie das passiert ist. Ob es dazu auch Studien gibt? Wäre bestimmt spannend.

      • Andreas Moser schreibt:

        Heute ist im Guardian ein Bericht zu dem Thema, allerdings auch anekdotisch statt wissenschaftlich:
        https://www.theguardian.com/us-news/2016/nov/16/facebook-bias-bubble-us-election-conservative-liberal-news-feed

  3. Dante schreibt:

    Den hier:

    Ein amerikanisch-iranisches Paar: „Schatz, mach Dir keine Sorgen, wir haben noch unsere iranischen Pässe.“

    finde ich mit am skurrilsten. Du kannst immer noch besser ein Trump-Gegner in den USA sein als ein Gegner der Mullahs im Iran. Oder ein Gegner Erdogans in der Türkei. Und dessen Anhänger sind hier. Die fürchte ich mehr.

    • Andreas Moser schreibt:

      Im Vergleich stimmt das natürlich.

      Trump und Erdogan (und andere wie Putin) finde ich gar nicht so unähnlich. Das sind alles „Führer“, die ihr Land „wieder groß machen wollen“ und so tun, wie wenn sie die einzigen wären, die das könnten. Dazu viel Gerede von Tradition, Vaterland, Blut, Ehre, Geschichte und Gott – und alles Böse und Üble kommt von außen und von der Moderne.

      Fetullah Gülen wird schon Angst davor haben, dass sich Trump und Erdogan zu gut verstehen und er an die Türkei ausgeliefert wird.

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