Beinfreiheit

Viele Reisende zerbrechen sich den Kopf darüber, mit welcher Fluglinie sie fliegen, welche Klasse sie buchen und welchen Sitzplatz sie reservieren. Als Begründung dafür, dass sie für den gleichen Flug 600 Dollar mehr ausgeben, führen sie dann oft 2 bis 20 cm zusätzliche Beinfreiheit an. Bei wirklich großen Menschen kann ich das verstehen, aber die meisten Passagiere bräuchten eher mehr Bauch- als Beinfreiheit.

Ich nutze eine andere Strategie, um meine Beine ausstrecken zu können: Ich bin freundlich (das sollte eigentlich selbstverständlich sein, doch durch das abweichende Verhalten von 90% der Kunden wird es zu etwas Besonderem) und versuche nicht, Sperrgepäck mit in die Kabine zu nehmen. Meist habe ich nur ein Buch und ein Notizbuch bei mir. Noch nie habe ich nach einem besonderen Sitzplatz gefragt, doch immer wieder druckt mir das Bodenpersonal eine Bordkarte mit den begehrten Sitzen neben den Notausgängen aus oder einer der Stewards fragt mich, ob ich nicht einen dieser freien Plätze einnehmen will. Anscheinend mache ich den Eindruck, wie wenn ich im Unglücksfall ruhig bliebe und helfen könnte und würde. Zurecht.

Auf einem Flug mit LATAM von Iquique nach Santiago de Chile bekam ich einen Platz mit mehr als 2 m Beinfreiheit.

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Das ist besser als erste Klasse.

Diese Strecke dürfte auch für den Piloten eine reizvolle und relativ leicht zu navigierende Route sein. Man fliegt schnurstracks die Pazifikküste nach Süden und blickt auf sich an Steinküsten brechenden und an Sandstränden auslaufenden Wellen von mehreren Metern Höhe.

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Wenn man nach 1700 km Santiago sieht, biegt man nach Osten ab, und schon wieder ist ein Flug geschafft. Aber wahrscheinlich navigiert man so überhaupt nicht mehr. Zum Notlanden verläuft direkt unter einem die Panamericana-Autobahn noch schnurstrackser als die Küste.

Die im Falle der Notlandung ebenfalls zu Handlangerdiensten herangezogen würdenden Passagiere neben mir sind übrigens weit weniger vertrauenserweckend als ich. Ein 70-jähriger Mann fliegt sichtlich dem Tod entgegen. Der Junge schräg vor mir scrollt auf seinem Handy durch Fotos von attraktiven Mädchen (jetzt weiß ich, wofür dieses Instagraph da ist und dass ich es wirklich nicht brauche) und fragt, als er mal eine Nachricht schreibt, ob man „zoologischer Garten“ mit Z oder mit C schreibt. Sein Kumpel haut ihm dafür eine rein und nennt ihn „Idiot“. Dennoch schenken ihm die Stewards fleißig „cerveza“ mit C und Z nach.

Eine andere Strategie zum Erhaschen eines guten Platzes ist Geduld. Jedes Mal wieder frage ich mich, wieso die Leute Schlange stehen oder sich gar drängeln, um ins Flugzeug zu kommen. Es ist doch Platz für alle da. Und wenn nicht, bekommt man eine prächtige Entschädigungszahlung und eine Hotelübernachtung in Chicago oder in Paris.

Ich bleibe also immer seelenruhig im Warteraum, gönne mir ein Eis, lese, beobachte und schreibe, während sich alle anderen stressen. Auf einem Flug von Tel Aviv nach München tat ich mal das Gleiche, stand als letzter auf und präsentierte freundlich und cool meine Bordkarte.

Der Mann von El Al zerriss sie.

„לעזאזל“, wie man in Israel sagt. Sollte ich doch mal zulange gewartet haben?

„Tut mir leid, diese Bordkarte ist nicht mehr gültig. Ich drucke Ihnen eine neue aus“, erklärte der junge Mann, und das tat er auch. Etwas verwundert stieg ich in das Flugzeug und merkte erst dort, dass er mir einen Platz in der ersten Klasse zugewiesen hatte. Da konnte ich die vier Stunden mal so richtig gut schlafen und verpasste besseres Essen als ich sonst verpasse.

Jetzt bin ich aber noch immer in Chile. Rechts sinkt die Sonne in den Pazifik. Links glitzern die Gipfel der Anden, an denen immer wieder Flugzeuge zerschellen und die Passagiere sich dann gegenseitig essen müssen.

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Beim Gedanken daran nehme ich mir vor, keine Witze über Dicke mehr zu machen. Und während ich an einem 1700 km langen Abschnitt der 7000 km langen Anden vorbeifliege, denke ich als Europäer unweigerlich daran, wie klein die Alpen im Vergleich sind.

Wie wenn LATAM erraten hätte, dass ich diesen Artikel schreiben würde, bekam ich beim Rückflug zwei Wochen später übrigens einen Sitzplatz in der ersten Reihe.

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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