Das Duell 2017

Für die geschätzten Leser dieses Blogs habe ich meinen Abend geopfert, mich mit einer Kanne Erkältungstee vor den Fernseher gesetzt, den Verlockungen der konkurrierenden Sender (passenderweise ein Horror-Abend auf Tele 5) getrotzt und das TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz angesehen. Hier meine Kommentare:

  1. Es wurde immer prophezeit, dass eine Große Koalition die extremen linken und rechten Ränder stärke. Mal sehen. Auf jeden Fall kann man feststellen, dass eine Große Koalition das Kanzlerkandidatenduell langweilig macht.
  2. Ein guter Moderator wäre besser als eine Große Moderatorenkoalition. 
  3. Warum geht es beim Themenkomplex Migration immer nur um Einwanderung, aber nie um Auswanderung? 2015 verließen 998.000 Menschen Deutschland, eine Steigerung um 9%.
  4. Gut fand ich, dass Angela Merkel Menschen ausdrücklich nicht als „Bedrohung“ sieht, dass sie nochmals die humanitären Beweggründe für die temporäre Nichtanwendung der Dublin-II-Verordnung im September 2015 erläuterte und dass Martin Schulz die italienische Marine für ihre Rettungseinsätze lobte. Ich finde ja, dass der Friedensnobelpreis 2012 an die italienische Marine anstatt an die EU gehen hätte sollen.
  5. Allerdings lässt Martin Schulz bei aller berechtigter Kritik an Viktor Orbán unter den Tisch fallen, dass auch Deutschland Italien bis 2015 mit der Flüchtlingsaufnahme weitgehend allein ließ.
  6. Wenn Schlepper immer wieder als „Verbrecher“ bezeichnet werden, erinnern sich die älteren unter uns an die Zeiten, als Schlepper das Bundesverdienstkreuz erhielten.
  7. Als Claus Strunz die „Flüchtlinge, die schlecht oder gar nicht ausgebildet sind“ anspricht, kommt niemandem die Idee, darauf hinzuweisen, dass das mit der formellen Ausbildung schwer ist, wenn man – wie in Syrien – seit fünf Jahren von der eigenen Regierung bombardiert wird.
  8. Außerdem schafft man es auch ohne Abitur zum Kanzlerkandidaten.
  9. Dass der Islam zu Deutschland gehört, ergibt sich schon aus Artikel 4 des Grundgesetzes.
  10. Die Frage an beide Kandidaten, ob sie diesen Sonntag in der Kirche waren, war wohl die blödeste Frage des ganzen Abends. Man will doch hoffen, dass Spitzenpolitiker im Wahlkampf ihre Zeit besser investieren.
  11. Maybrit Illner ist besorgt um den ausländischen Einfluss in deutschen Moscheen. Dass viele Kirchen in Deutschland vom sexualstraftäterschützenden Vatikan gesteuert werden, scheint niemanden zu stören. Geschweige denn, dass auch Deutschland mit nach antisemitischen Hasspredigern benannten Schulen im Ausland missioniert, wie zum Beispiel in Jerusalem: Martin Luther Schule.JPG
  12. Immer wenn es um Integration geht, denke ich an all die Deutschen, die nicht richtig integriert sind, sondern unverständliche Dialekte sprechen, das Grundgesetz nicht kennen und nicht einmal wählen.
  13. Maybrit Illner versucht, ein bisschen Panik zu verbreiten, und spricht von „100 Millionen Menschen, die sich auf den Weg machen“. Das ist erstens eine aus der Luft gegriffene Prognose. Zweitens enthalten all diese enormen Flüchtlingszahlen die Binnenflüchtlinge, die z.B. aus dem Dschungel in Kolumbien nach Medellin oder Bogotá geflüchtet sind. Von denen kommt niemand nach Deutschland, trotz Visumsfreiheit. Und noch immer nehmen ärmere Länder wesentlich mehr Flüchtlinge auf als alle Länder der Europäischen Union.
  14. Zur Türkei: Es wird immer überschätzt, was Land A für im Land B inhaftierte Bürger des Landes A tun kann.
  15. Als Angela Merkel erklärt, dass sie morgen mit Emmanuel Macron, Donald Tusk und Waldimir Putin wegen Nordkorea sprechen wird, hört sich das so an: „Liebe Welt, mach Dir keine Sorgen wegen Donald Trump. Ich habe alles im Griff.“
  16. Dass „eine Millionen Langzeitarbeitslose eine Million zu viel“ sind, gaukelt fälschlicherweise vor, dass die Arbeitslosigkeit auf Null zu senken wäre.
  17. Wenn eine „Umrüstung der Software“ das Dieselproblem löst, wieso dann nicht auch eine Softwarelösung gegen Arbeitslosigkeit, Terrorismus und Nordkorea?
  18. Niemand kann erklären, wie eine Software die Schadstoffbelastung verringern kann. Und wenn das ginge, wieso verwenden wir die gleiche Software dann nicht bei Kohlekraftwerken?
  19. Die Autoindustrie wird noch immer zu zart angefasst. „Vertrauensverlust“ (Martin Schulz) und „Vertrauensbruch“ (Angela Merkel) sind nicht die richtigen Begriffe für jahrelangen, gezielten Betrug gegenüber Verbrauchern und Aufsichtsbehörden. Immerhin nehmen beide Kandidaten später das Wort „Betrug“ in den Mund.
  20. Bei der Diskussion der Automobilität kann man fast den Eindruck gewinnen, wie wenn auch Autos in Deutschland wählen dürfen.
  21. Die Frage nach der „Einführung der doppelten Staatsbürgerschaft“ zeugt von der Ahnungslosigkeit des Fragenden. Korrekterweise stellt Angela Merkel auch richtig, dass es in Deutschland keine generelle doppelte Staatsbürgerschaft gibt. (Wobei ich persönlich damit kein Problem hätte.)
  22. Angela Merkel kritisiert ihren Amtsvorgänger scharf: Gerhard Schröder „untergräbt die Sanktionen gegen Russland.“
  23. Martin Schulz ist weniger scharf, stimmt aber in der Sache zu: „Er hätte lieber Geld für seine Memoiren nehmen sollen.“ Eine Autobiographie von Gerhard Schröder erscheint mir tatsächlich eine interessante Idee.
  24. Angela Merkel sagt, dass Kennzeichnung von Polizisten ein Misstrauensbeweis wäre. Was sind dann eigentlich Kfz-Kennzeichen?
  25. Zum ersten Mal seit Langem sieht es wieder so aus, dass Rechtsextreme in den Bundestag einziehen könnten. Keiner der Kandidaten findet dazu Worte der Warnung. Das ist schwach.
  26. Martin Schulz verschusselt sein Schlusswort, aber ansonsten konnte ich keinen klaren Gewinner erkennen.
  27. Das Duell war insgesamt zivilisiert, respektvoll und reich an Substanz. In nur einem Duell gab es hier wesentlich mehr inhaltliche Informationen zu gewinnen als in drei Duellen zwischen Hillary Clinton und Donald Trump. 
  28. Peter Kloeppel verabschiedet sich keck mit „Wir hätten nächsten Sonntag Zeit für ein zweites Duell“, und ein ganzes Land ist genauso wenig begeistert von der Idee wie die beiden Kandidaten.
  29. Mein Lieblingszitat des Abends: „Ich mach das doch nicht aus Spaß.“ (Angela Merkel)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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