„Tyll“ von Daniel Kehlmann

978-3-498-03567-9Daniel Kehlmann versetzt den bekannten Schalk Tyll Ulenspiegel, der eigentlich im 14. Jahrhundert lebte, in seinem neuen Buch Tyll in den Dreißigjährigen Krieg.

Das klingt nach einer interessanten Idee, historische Romane mag ich grundsätzlich, und die Rezensionen in Presse und Rundfunk waren sich einig voll des überschwenglichen Lobes: Brilliant, tiefgängig, vielschichtig, Realismus mit magischen Einschlägen, meisterlich, Erzählkunst, Neuerfindung des historischen Romans, sprachmächtig, sachkundig, packend, triumphal u.s.w.

Nur, bei mir stellte sich bei der Lektüre keine Begeisterung ein. Zum einen ist Tyll nur bei großzügiger Anwendung des Begriffs Roman ein solcher. Vielmehr ist jedes Kapitel eine Episode, in der historische Personen (Friedrich V., Elisabeth Stuart, der Jesuit Tesimond) in historischen Zusammenhängen (Hexenprozess, Schlacht bei Zusmarshausen, Prager Fenstersturz) eingeführt werden, die in der nächsten Episode dann aber getrost vergessen werden können und auch im weiteren Verlauf keine Rolle mehr spielen.

Ich habe mich durch die ersten Kapitel gemüht, aber richtige Spannung oder ein Interesse für den weiteren Verlauf entsteht nicht. Dass der angebliche Hexer hingerichtet wird, kann man sich schließlich schon im Moment der Anklage denken. Die anderen Figuren kommen eben durch das Ende des ihnen gewidmeten Kapitels um. So bleibt nicht viel Zeit – und auch kein Anlass -, eine Beziehung zu den Akteuren herzustellen.

Nur der namensgebende Klamaukbruder umklammert die Episoden lose. So lose, dass man nicht von einem Faden, schon gar nicht von einem roten sprechen kann. Vielleicht hätte dieses Konzept mit einer sympathischeren Figur funktioniert, aber Tyll Ulenspiegel ist stellenweise ein ziemlicher Kotzbrocken.

Entsprechend meiner Maxime, keine Zeit mit mir nicht zusagenden Büchern zu vergeuden, habe ich die Lektüre nach dem dritten Kapitel abgebrochen.

Vielleicht wollte Daniel Kehlmann an den Erfolg seines historischen Romans Die Vermessung der Welt anknüpfen, aber in dem gab es eine durchgehende Handlung, sympathische Personen und Humor – ein wahrliches Lesevergnügen. Von Tyll würde ich hingegen die Finger lassen. Ich kann mir vorstellen, dass sogar einige Sachbücher über den Dreißigjährigen Krieg spannender sind.

(Diese Rezension erschien auch im Freitag.)

Über Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a journalist, a spy or a hobo.
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3 Antworten zu „Tyll“ von Daniel Kehlmann

  1. da]v[ax schreibt:

    Ich glaube, diese mäandernde Erzählweise ist der Tatsache geschuldet, dass so viele Leute zu Seriendauerglotzern geworden sind. Denn eines haben alle aktuellen Serien gemein: unglaublich wenig Story in unendlich viel Zeit gepackt, lose zusammenhängend durch ein paar Hauptfiguren die ohne erkennbares Ziel durch die dünne Handlung stolpern. Dabei ist es meist völlig belanglos, welche Entscheidungen getroffen werden, der Zuschauer hat 4 Folgen später sowieso jegliche Zusammenhänge vergessen, ein dreifach Hoch auf ADHS. Sämtliche Figuren abseits der 3-5 Hauptcharaktere treten auf oder auch wieder ab, ganz wie es gerade vonnöten ist, um den nächsten Cliffhanger aufzubauen. Laaaangweilig.

    • Andreas Moser schreibt:

      Das ist tatsächlich ein guter Punkt, den ich gar nicht bedacht habe: die abnehmende Aufnahmefähigkeit des Publikums. Ich merke das ja schon bei meinen längeren Artikeln, und das sind nun wirklich keine Romane.
      Ich gucke nicht viele Serien (auch weil ich Angst habe, dass mir doch mal eine gefällt, und ich dann süchtig werde und eine Menge Zeit vergeude), aber mir fällt auch auf, dass in manchen Serien jede Episode abgeschlossen ist und nur manchmal ein Alibi-Handlungsstrang übrigbleibt (zB bei „The Newsroom“, obwohl mir die trotzdem gut gefiel). Bei „The Americans“ wurde die Handlung oft über die Episoden und teilweise sogar über die Staffeln gestreckt, ohne dass es gekünstelt wirkte. Da dort so viel passierte, konnte man das eine oder andere auch mal vergessen, bis es dann nach vier Folgen wieder aufploppt, und man sich denkt: „Ach Du Kacke, das Problem mit dem Uran im Kühlschrank hatte ich ja ganz vergessen.“

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